Der Deutsche Lausbub in Amerika: Erinnerungen und Eindrücke. Band 2 (von 3)

Part 11

Chapter 113,477 wordsPublic domain

Da rannten wir zurück auf den Weg, der Sergeant und ich, und rannten weiter und liefen noch ein gutes Stück weit -- bis uns der Atem ausging.

»Das -- das waren gestern noch lebendige Menschen!« keuchte Souder, als wir einen Augenblick stehenbleiben und rasten mußten. »Junge -- lebendige -- Menschen -- =my God, my God=, so könnten wir jetzt auch daliegen, du und ich! Und du müßtest dich vor mir ekeln, wenn ich es wäre, und ich mich vor dir, wenn es dich getroffen hätte -- =my God=!«

Auf dem kurzen Weg zu unserer neuen Linie sahen wir noch vier halb bloßgelegte Leichen. Alle dicht am Weg. Unter den Bäumen und im Gestrüpp mußten noch Dutzende und Aberdutzende liegen; Hunderte vielleicht, denn der Verwesungsgeruch lag schwer überall in der Luft.

So sah es aus auf dem Feld der Ehre -- am andern Tag ...

* * * * *

Dicht am Fuß des San Juan-Hügels trafen wir auf die Linie. Die Ballonmannschaften waren bereits fertig mit ihrer Arbeit. Dem Draht folgend, der straff von Baum zu Baum gespannt war, hatten wir bald das Hauptquartier des linken Flügels erreicht und sahen zwischen den Zelten das Ende des Isolierdrahts von einem dicken Busch baumeln. Wir schalteten ein, meldeten uns und erfuhren, daß unsere Station dienstlich Nummer 4 heiße -- =S O= 4. Die neue Blockhausstation war =S O= 3, El Pozo =S O= 2, das Hauptquartier, das nicht vorgeschoben wurde, sondern auf dem alten Platz verblieb, =S O= 1. Wir machten aus unseren Zeltwänden und den Gummidecken ein geräumiges Zelt zurecht. Umherliegende leere Munitionskisten gaben einen Tisch und Stühle.

Das Hauptquartier der Brigade lag auf einem schmalen Streifen Grasland mit vielen Bäumen, dicht an die steil aufragende Hügelwand gedrängt und binnen fünfzig Schritt vom San Juan-Flüßchen begrenzt, das in weiter Krümmung hinter dem Hügel dahinfloß. Unser Zelt stand auf einer schrägen Stelle dicht im Wasser, nicht weit von den beiden großen Zelten des Generals und seiner Adjutanten. Dann und wann krachte oben auf dem Hügel ein Schuß.

In die steile Hügelwand waren Stufen geschaufelt worden. Wir kletterten hinauf, um den General zu suchen, der irgendwo oben in den Schützengräben war, und uns bei ihm zu melden. Die rohe Treppe verlief in einen breiten Gang, so tief ausgegraben, daß die hohen Wände völligen Schutz vor feindlichem Feuer boten, wenn man sich ein wenig duckte. Andere Gänge mündeten rechts und links ab. Die Kuppe des Hügels war zerwühlt wie ein Ameisenhaufen. Der breite Hauptgang, in dem wir standen, verlief schnurgerade zum Kuppenrand und mündete dort in den eigentlichen Schützengraben, der sich weithin dehnte, dicht besetzt mit hingekauerten Soldatengestalten. Gut zwei Meter breit war der fast mannshoch ausgehöhlte Schützengraben. Eine breite Erdstufe an der Vorderseite erlaubte den Schützen, bequem im Liegen zu feuern. Sandsäcke in langen Reihen, markiert durch ausgestochene Rasenstücke und Gezweig, verdeckten und sicherten die Schützenstellung. Als wir den Kuppenrand erreicht hatten, kauerten wir uns vor eine der schießschartenartig ausgehöhlten Oeffnungen in der Grabenwand -- sehr vorsichtig, denn alle Augenblicke zischte es surrend über unseren Köpfen dahin -- und spähten durch die Gläser auf das sonnenbestrahlte Gelände.

Dort, halbrechts vor uns, in verblüffender Nähe anscheinend, lag Santiago de Cuba. Klar, scharf, grell traten einzelne Gebäude hervor; ein riesiges, langgestrecktes, schneeweiß glitzerndes Haus vor allem, über dem die Rote Kreuz-Flagge wehte. Andere Gebäude sahen selbst in meinem guten Glas undeutlich und nebelhaft aus. Ich schätzte die Entfernung auf vielleicht anderthalb Kilometer. Eher weniger. Zwischen Hügeln und Stadt erstreckte sich buschiges Gelände mit vereinzelten Grasflecken und Baumgruppen. Die Hügelwand senkte sich vom Kuppenrand dem Feind zu ziemlich steil in eine Niederung mit vielem Gestrüpp. In einer Entfernung von zweihundert Metern waren im Gras und zwischen den Büschen da und dort verdächtige Flecke zu sehen, bald gelblich hell, bald dunkel und schwarz. Das mußte Erde von Schützengräben sein, und dort mußte der Feind liegen.

General Bates, der Befehlshaber des linken Flügels, war im Schützengraben weiter rechts, wie uns ein Korporal sagte, den wir befragten. Wir liefen hinter den Schützenreihen entlang und meldeten uns bei dem General. Der alte Herr, der mit einigen Offizieren im Graben kauerte, grüßte dankend und sagte zu einem Adjutanten:

»Mr. Jameson, weisen Sie dem Signalsergeanten eine Ordonnanz zum Ueberbringen von Meldungen zu. =Allright=, Sergeant, Sie können zur Station zurückkehren. Senden Sie mir, bitte, sofort Nachricht, sobald Sie Privattelegramme nach den Vereinigten Staaten annehmen dürfen.«

Kaum waren wir wieder beim Instrument, so lief die erste Depesche ein:

»General Shafter wird um fünf Uhr die Stellung besichtigen und ersucht General Bates, einen Offizier zur Führung nach dem Blockhaushügel zu senden.«

* * * * *

Es war nach acht Uhr abends und still überall. Souder und ich saßen rauchend vor unserem Zelt, dicht am niederen Eingang; schweigend, damit wir das leise Anrufen des Taschenapparats sofort hören konnten. Ueber uns glitzerte und strahlte in unsäglicher Pracht der Sternenhimmel; milchig, sprühend in weißer Glut in Milliarden von zitternden, bebenden Lichtpunkten.

Da fiel ein Schuß. Ein zweiter, ein dritter ... In rascher Folge knallte es scharf dröhnend in der stillen Nacht. Und mit einemmal peitschte der Schall förmlich daher in donnerndem Klang, in Tausenden von Schüssen, in schweren Salven, in rasselndem Schnellfeuer.

Der General stürzte aus dem einen Zelt, die Adjutanten aus dem anderen, und Hals über Kopf rannten sie zur Hügelwand, zur Erdtreppe, laufend wie Jungens. Ich saß mit offenem Munde da, so überraschend plötzlich war der Höllenlärm gekommen. Hoch über meinem Kopf zischte es dröhnend, surrend, brausend daher.

Zwei Armeen schossen aufeinander in tiefer Nacht. Die Spanier griffen an. Ein schweres Nachtgefecht hatte begonnen.

Wir krochen ins Zelt und warteten in atemloser Spannung auf Nachrichten. Das Gewehrfeuer dauerte in ununterbrochener Heftigkeit fort. Souder griff wohl zehnmal nach dem Taster, zog aber immer wieder die Hand zurück, denn er wagte es nicht, in so ernster Zeit der Blockhausstation mit einer privaten Anfrage zu kommen. Endlich klickte es nach einigen Minuten, und eine Depesche vom Höchstkommandierenden an General Bates lief ein, mit dem Befehl, telegraphische Meldung über den Stand des feindlichen Nachtangriffs zu erstatten. Fast gleichzeitig kam ein Adjutant und brachte ein lakonisches Telegramm zur Weitergabe an General Kent, an die Blockhausstation:

»Was -- bedeuten -- die -- Feuer?«

Als jedoch der Sergeant den Schlüssel öffnete und den Taster ergriff, klickten die metallenen Stäbchen nur matt, tonlos beinahe -- _die Verbindung war unterbrochen_! Mit einem grimmigen Fluch schob er den Schlüssel wieder zu.

»=Break in the line=!« sagte er kurz. »Sind abgeschnitten! Bring' dem General das Telegramm, melde ihm, daß die Linie nicht funktioniert, und bitte um Orders!«

In langen Sätzen sprang ich die Erdstufen hinan, eilte durch den tiefen Hauptgang und war in den Schützengräben. Dicht an die Wände gekauert lagen die regulären Infanteristen in langen Reihen da, und in endlosem Geknatter hallten ihre Schüsse in die Nacht hinaus. Offiziere rannten ab und zu und befahlen immer wieder gellend:

»Niedrig halten -- niedrig halten, Leute! Zweihundert Yards -- auf die schwarze Gestrüpplinie -- dort, wo es am dunkelsten ist -- niedrig halten!«

Und über die Wälle der Gräben kam es in schweren Lagen vom Feind dahergepfiffen, bald hoch in der Luft, wie es schien, bald verzweifelt nahe. Feuerschein rötete den Sternenhimmel. Weit rechts von der belagerten Stadt flammten am Himmelsrand wie glühende Sonnen gewaltige Feuer an drei Stellen, höher das eine als die beiden anderen. Unten im Tal leuchtete es dann und wann winzig auf wie Glühwürmchenschein ...

»=Fix bayonets!=« brüllte irgend jemand irgendwo, und klirrend fuhren die Eisen auf die Gewehrläufe.

Am Ende des Hauptgangs fand ich den General. Er sah mich sofort und fragte kurz:

»Nachrichten? Was gibt's, Mann?«

Ich überreichte die Depesche vom Hauptquartier und meldete die Unterbrechung der Linie.

»Was? Der Draht funktioniert nicht?« rief der alte Herr scharf. »Sie müssen sofort los und unter allen Umständen den Fehler finden. Die Verbindung muß schleunigst wiederhergestellt werden. Können Sie das?«

»Ich glaube ja, General. Die Linie bis zur Blockhausstation ist nur kurz und unschwer abzusuchen.«

»Im Dunkeln?«

»Wir haben Magnesiumfackeln.«

»Gut. Machen Sie sich unverzüglich an die Arbeit. Haben Sie Anschluß, so senden Sie General Shafter diese Depesche.« Die Meldung an das Hauptquartier, die mir der General nun diktierte, hatte ungefähr folgenden Inhalt: Nordwestlich von Santiago brennen drei große Feuer auf den Hügeln. Was diese Signale bedeuten, ist nicht bekannt. Das feindliche Gewehrfeuer scheint von den spanischen Schützengräben zu kommen. Wahrscheinlich steht ein Angriff bevor.

Ich kugelte beinahe die Erdstufen hinab, in solcher Eile war ich, denn die allgemeine nervöse Erregung da oben auf den Hügeln über das unheimliche nächtliche Gewehrfeuer hatte mich gründlich angesteckt. Souder hatte das Tascheninstrument und Ersatzdraht bereits hergerichtet. Dicht beim Adjutantenzelt stand, an einen Busch angebunden, ein Maultier.

»Nimm das Maultier!« sagte der Sergeant. »Du kommst schneller vorwärts dann!«

Und ich kletterte in den infam unbequemen hölzernen Packsattel, schlug dem Tier die Hacken in die Seite, und los ging es. Es war ein abscheulicher Ritt, wenn er auch nur eine knappe Viertelstunde dauerte. Wir hatten nur noch eine einzige Magnesiumfackel in unseren Tornistern gefunden, und die mußte aufbewahrt werden zur Arbeit an der Bruchstelle. So ließ ich alle paar Schritte ein Zündholz aufflammen und starrte in dem schwachen Lichtschein zur Linie hinauf, ob sie noch straff gespannt war. Dabei bockte das Biest von einem Maultier fortwährend. Obendrein war der eckige Holzsattel das reine Folterinstrument. Auf einmal --

»Halt! Ha -- aalt!«

»=Friend=!« schrie ich.

»Losung!«

Zum Teufel -- ich hatte die Losung nicht! In meiner Verwirrung dachte ich darüber nach, was ich antworten sollte ... da knallte es, und eine Kugel pfiff dicht an meinem Kopf vorbei.

»Du verdammter Lümmel!« brüllte ich in unbeschreiblicher Wut. »Wenn du noch einmal schießt, hau' ich dir alle Knochen kaputt, =you son -- of -- a -- gun= -- du ballernder Sohn einer alten Kanone! Hier -- ist -- Signalkorps! Bei der Arbeit! Hörst du, du Narr!«

Und auf dem ganzen Ritt hörte ich Kugeln pfeifen. Auf den Hügeln wurde geschossen, vom Feind her kam es, und hinter den Hügeln schoß man erst recht. Das nächtliche Feuern hatte die Menschen verrückt gemacht. Sie verloren den Sinn für Richtung. Sie witterten einen Feind in jedem Geräusch, ob das nun vor ihnen war oder hinter ihnen, und blafften schleunigst darauf los. Mindestens sechs, sieben Mal ist auf mich und das alte Maultier geschossen worden in jener Nacht.

Ziemlich in der Nähe der Blockhausstation erst fand ich den Bruch an einer niedrigen Stelle, zwischen zwei Büschen. In drei Minuten war der Schaden ausgebessert, und ich gab meine Meldungen auf. Klickend kam es:

»Von General Kent. -- Feind greift nicht an. Nichts Neues.«

»Von General Lawton. -- Nichts Neues. Falscher Vorpostenalarm.«

»Vom Hauptquartier. -- Was -- bedeuten -- Feuer? Sofort Bericht!«

Langsam begann das Gewehrfeuer abzuflauen. In gestrecktem Galopp jagte ich zur Station zurück ------

* * * * *

Was die flammenden Holzstöße auf den Bergen bei Santiago bedeutet hatten, erfuhren wir erst viele Wochen später. Es waren verabredete Signale, die die Ankunft von 3000 Mann Verstärkungen für die Spanier unter General Escario bedeuteten. Die Frage, ob es sich bei dem heftigen Feuer in der Nacht zum 3. Juli nur um nervöses Geschieße oder um den wirklichen Versuch einer Nachtattacke der spanischen Truppen handelte, ist nie gelöst worden.

Der Untergang der spanischen Flotte.

Jubel in den Schützengräben. -- Der Hafen von Santiago de Cuba. -- Das Felsentor. -- Castillo del Morro. -- Das Warten, das Lauern! -- Die Heldentat des Leutnants Hobson. -- Durchbruch des spanischen Geschwaders. -- Die Seeschlacht. -- Die Hölle der fünfunddreißig Minuten. -- Eine kleine Yacht schießt zwei Zerstörer in den Grund. -- Eine Merkwürdigkeit in der Geschichte des Seekriegs. -- Der Mann im Kommandoturm und der Mann hinter der Kanone. -- Was von der Gespensterflotte übrig blieb.

Um elf Uhr nachts wurde es still oben in den Schützengräben und drüben beim Feind. Das Instrument klickte leise und perlte in eiligen Punkten und Strichen Wort auf Wort und Satz auf Satz hervor -- Anfragen vom Hauptquartier, ob über die Bedeutung des Feuerscheins etwas bekanntgeworden sei; Befehle, die Vorposten zu verstärken und in keinem Fall die Schützengräben zu verlassen.

»Leg dich hin! In drei Stunden wecke ich dich!« brummte Souder.

In wenigen Minuten war ich eingeschlafen -- und dann weckte mich der Sergeant -- und dann träumte ich vor mich hin und die Stunden vergingen, ohne daß wir angerufen wurden -- und dann weckte ich wieder ihn -- und so trieben wir es bis in den hellen Morgen hinein, glückselig, endlich einmal gründlich schlafen zu können.

Die Ordonnanz hatte uns Kaffee und gebratenen Speck und Zwiebäcke vom Kochfeuer des Stabs geholt. Die unteren Wände unseres kleinen Zelts schlugen wir hoch, Luft und Sonne hereinzulassen, denn prachtvolles Tropenwetter hatte dieser Sonntag Morgen gebracht, hell und sonnenfroh mit kräftigem Wind, der das Feuchte und Dumpfige der Hitze wie zaubernd hinwegfegte.

»=hr hr hr!=«

Wir beugten uns beide über den Apparat und lasen staunend die Depesche vom Hauptquartier, die kurz befahl, die Feindseligkeiten einzustellen, da der Höchstkommandierende Santiago zur Kapitulation aufgefordert und das Bombardement der Stadt angedroht habe! -- Souder rannte nach dem Zelt des Generals.

Nun verging Stunde auf Stunde in gespanntem Warten. Da, Mittag mochte es sein, klickte es scharf und eilig -- =S O 4 -- S O 4= ----

»=hr -- hr -- rrrrrssssss ---- hr!=«

Und die Augen traten uns fast aus dem Kopf, denn das surrende Sausen im Magneten bedeutete, daß der Geber drüben auf =S O 3= in fieberhafter Ungeduld den Taster tanzen ließ, und es sagte so deutlich, als hätte er es uns in die Ohren geschrien: Wichtig -- aufpassen, aufpassen -- wichtig über alle Maßen!

»Sie haben kapituliert!« flüsterte Souder.

Ganz langsam und klar kam es:

»General Bates. -- Flottenmeldung. Das spanische Geschwader ist vernichtet. Cervera gefangen. Sämtliche feindlichen Schiffe sind zerstört. Die amerikanischen Geschwader haben weder Schiff noch Mann verloren. -- Shafter.«

Wir starrten uns an und waren sekundenlang wie gelähmt von dem gewaltigen Eindruck der wenigen gewaltigen Worte. Dann riß der Sergeant das Telegrammformular an sich und sprang in mächtigen Sätzen zum Hügel, zum General, der kurz zuvor das Quartier verlassen und sich in die Schützengräben begeben hatte. Ich blieb im Zelt und wartete krampfhaft auf den nächsten Anruf. Aber der Klopfer rührte und regte sich nicht. Da erklang es leise wie fernes Brausen in dumpfem, undeutlichem Klang und doch machtvoll und stark, daß es einen im Innersten packte und klopfenden Herzens lauschen ließ. Lauter wurde der Schall und immer näher kam er. Und mit einem Male ergellte es droben auf unserem Hügel in furchtbar schrillendem Stimmenklang aus Tausenden von Männerkehlen in hellem Jubel -- das wilde amerikanische Hurra, den Indianern abgelauscht in seinem schrillen Klang:

Ii -- iii -- iih ...

Urgewaltig. Furchtbar. Minutenlang dauerte das Gellen und das Gebrause. Der Siegesjubel der Männer in den Schützengräben. Ich stand vor dem Zelt und brüllte mit, wie betrunken, was Brust und Kehle nur hergeben wollten.

* * * * *

Die Einfahrt zum Hafen von Santiago de Cuba ist einer der schönsten Flecke der Welt. Ungeheure Felsenmassen ragen aus tiefblauem Meer in tiefblauen Himmel empor, steil abfallend, und spalten sich in winziger Enge, einem Meeresarm Durchlaß zu gewähren, so schmal, daß zwei große Seeschiffe nicht nebeneinander die Einfahrt wagen können. Es sieht aus, als hätte das Meer einst in Arbeit von Jahrhunderten seinen Weg hineinfressen müssen in die Felsen und sich die lange schmale Wasserstraße bahnen, die erst nach vier Seemeilen sich zu der gewaltigen Bucht weitet, an deren Ostrand Santiago de Cuba liegt. Droben auf den Felsen bei der Einfahrt klebt in schwindelnder Höhe ein uraltes, spanisches Festungswerk, das Castillo del Morro, mit altertümlichen Bastionen und Felsentreppen und verwitterten Mauern.

Jetzt dröhnten um Felsennest und alte Burg und blaues Meeresgestade seit Wochen schwere Schiffsgeschütze.

In der Bucht von Santiago hatte das spanische Geschwader des Admirals Cervera Anker geworfen und ergänzte krampfhaft seine Kohlenvorräte aus den kümmerlichen Hilfsmitteln der verlotterten spanischen Hafenverwaltung, während in den Maschinenräumen die Ingenieure fieberhaft klopften, hämmerten, reparierten. Draußen aber vor der Felsenenge lagen Tag und Nacht die Panzer des amerikanischen Geschwaders -- wartend, lauernd -- lauernd, wartend ... Denn jeden Augenblick konnte die spanische Flotte zwischen den Felsenwänden hervorbrechen. Noch war die Gespensterflotte eine ständige Drohung und eine stete Gefahr.

Die Hafeneinfahrt zu erzwingen schien unmöglich. Wenn auch die altmodischen Geschütze des alten Kastells nicht viel taugten, so schützten die Einfahrt doch zwei moderne Batterien auf den Felsen und zahllose Seeminen. Die Amerikaner begnügten sich damit, die dicken Mauern des alten Forts und die Batterien immer wieder zu bombardieren, aber ohne viel Schaden anzurichten. Freilich machten sie schon in den ersten Tagen der Blockade einen tollkühnen Versuch, die schmale Hafeneinfahrt so zu versperren, daß dem spanischen Geschwader ein Passieren unmöglich würde.

Der Plan wurde von dem Marineleutnant Hobson erdacht und durchgeführt. Ein großer Kohlendampfer, der »Merrimac«, ein hundertundzwanzig Meter langes Schiff, sollte der Türriegel des Felsentors werden. Seine Unterwasserventile und besonders gebohrte Löcher unter der Wasserlinie wurden nur leicht geschlossen und durch hölzernes Hebelwerk so schwach gestützt, daß die Erschütterung einer schweren Explosion die Verschlüsse wegfegen und das Schiff sofort zum Sinken bringen mußte. Im Schiffsraum am Bug wurden Sprengladungen angebracht, die von der Brücke aus elektrisch entzündet werden konnten. Hobson wollte den »Merrimac« mitten in die Felseneinfahrt steuern, wenden, und das Schiff in der nur hundert Meter breiten und wenig tiefen Einfahrt sinken lassen. So daß es wie ein Querdamm die schmale Wasserstraße sperrte. Das Unternehmen mußte aller Voraussicht nach das Leben der Männer kosten, die diesen schwimmenden Türriegel lenkten.

Am 3. Juni kam der waghalsige Plan zur Ausführung. Der »Merrimac« mit Leutnant Hobson und sieben Freiwilligen bemannt, fuhr in voller Fahrt der Felsenenge zu und erhielt furchtbares Feuer von Morro, den Batterien auf den Felsen und dann, als er die Einfahrt erreichte, auch von zwei spanischen Kreuzern, die in einer Krümmung der Wasserstraße verborgen waren. Nur ein einziger Schuß traf. Aber dieser eine Schuß zerschmetterte das Steuerruder des »Merrimac« in dem Augenblick, als Hobson die Mine springen ließ. Die Wendung, die das sinkende Schiff ausführen sollte, wurde dadurch unmöglich, der »Merrimac« trieb noch ein Stück weit dem Felsenufer zu und sank dicht am Strand, die Fahrtrinne freilassend. Der Plan war mißglückt. Leutnant Hobson und die Mannschaft waren wie durch ein Wunder unverletzt geblieben und konnten in das Boot springen, das der »Merrimac« mit sich schleppte. Aber ein Entkommen war unmöglich, und sie mußten sich der Pinasse eines spanischen Kriegsschiffs gefangen geben.

Wieder begann das Warten und das Lauern, das Lauern und das Warten ...

Nach der Schlacht vom San Juan-Hügel wurde die Lage des spanischen Admirals unerträglich. Siegten die amerikanischen Truppen zu Lande, so mußte die Kapitulation von Santiago de Cuba die unrühmliche Uebergabe seines starken Geschwaders nach sich ziehen, ohne daß es sich ernstlich mit dem Gegner gemessen hatte.

Admiral Cervera beschloß den Durchbruch.

Als im Morgengrauen des 3. Juli das Morrokastell meldete, daß das amerikanische Schlachtschiff »Massachusetts« verschwunden sei und der Panzer »New York«, das Flaggschiff des amerikanischen Admirals Sampson, nach Osten dampfe, hielt er die Gelegenheit für günstig.

Das spanische Geschwader bestand aus den vier großen Schlachtschiffen »Infanta Maria Teresa«, »Almirante Oquendo«, »Viscaya« und »Cristobal Colon«, sowie den beiden schnellen Torpedobootzerstörern »Pluton« und »Furor«. Die beiden amerikanischen Geschwader der Admirale Sampson und Schley aus den großen Schlachtschiffen »Massachusetts«, »New York«, »Iowa«, »Indiana«, »Oregon«, »Texas«, »Brooklyn« und einer Reihe von Hilfsschiffen. Die »Massachusetts«, die nach Guantanamo gedampft war, um ihre Kohlenvorräte zu ergänzen, und die »New York«, die Admiral Sampson zu einer Besprechung mit General Shafter in Siboney landen sollte, kamen für den Kampf vorläufig nicht in Betracht.

Vor der Felseneinfahrt lagen, zwei Seemeilen entfernt, in ungeheurem Bogen die amerikanischen Schlachtschiffe. Um halb zehn Uhr morgens erschien die »Maria Teresa«, das Flaggschiff des spanischen Admirals, in der Felseneinfahrt. In Abständen von 800 Metern folgten die übrigen spanischen Schlachtschiffe und viel später erst, aus irgend einem unerklärlichen Grunde, die beiden Torpedobootzerstörer. Sie brachen in rasender Fahrt hervor. Der Kesseldruck war vor dem Auslaufen durch künstliche Mittel aufs äußerste gesteigert worden, während die amerikanischen Schiffe unter kleinen Feuern dalagen, wie sie gelegen hatten seit vielen Wochen. In langer Linie wandte sich die spanische Flotte nach Westen und eröffnete sofort das Feuer.

* * * * *

Der Kampf, der sich nun abspielte, liest sich in unseren Zeiten der Dreadnoughts und des sorgfältigen Abwägens von Schiff gegen Schiff, Geschütz gegen Geschütz, Gefechtswert gegen Gefechtswert wie ein schwer zu glaubendes Märchen. Mag der Kriegswissenschaftler auch einwenden, daß die spanischen Schlachtschiffe vom Maschinenraum bis zu den Geschützen sich in einem Zustand schlimmer Vernachlässigung befanden, das Märchen bleibt. In seiner Gesamtheit war das Ende des Kampfes vielleicht vorherzusehen -- in seinen erstaunlichen Einzelheiten niemals.

Die spanische Flotte ließ das amerikanische Geschwader bald weit hinter sich zurück, und nur ein einziges amerikanisches Schiff, die »Brooklyn«, hatte Dampf genug, zu folgen. Eine Viertelstunde lang schien es, als sei der waghalsige Durchbruch geglückt. Die »Brooklyn« ertrug das gesamte Feuer der vierfachen Uebermacht allein, und die Schüsse der anderen amerikanischen Schiffe mußten auf so große Entfernungen abgegeben werden, daß sie sehr wenig wirksam waren. Aber der künstlich gesteigerte Dampfdruck der Spanier ließ bald nach, während in den amerikanischen Maschinenräumen fieberhaft gearbeitet wurde. Langsam verringerten sich die Entfernungen, und die Schlacht begann. Die »Oregon« kam an die feindliche Linie heran, dann die »Texas«, und ein furchtbarer Granatensturm fegte über die spanischen Schiffe. »Maria Teresa« und »Almirante Oquendo«, die von ihren Genossen, der »Viscaya« und dem »Colon«, überholt worden waren und nun als letzte in der Linie dampften, standen in zwanzig Minuten lichterloh in Flammen, schwer getroffen, kampfunfähig. Treffer in den Geschütztürmen hatten ein entsetzliches Blutbad unter ihren Mannschaften angerichtet. Die beiden Schiffe waren verloren.