Der Deutsche Lausbub in Amerika: Erinnerungen und Eindrücke. Band 2 (von 3)
Part 1
Produced by Norbert H. Langkau, Matthias Grammel and the Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
Memoiren Bibliothek
IV. Serie
Siebter Band
Der Deutsche Lausbub in Amerika
* 2ter Teil *
von
Erwin Rosen
Der Deutsche Lausbub in Amerika
Erinnerungen und Eindrücke von Erwin Rosen
Zweiter Teil
Dritte Auflage
Verlag -- Robert Lutz -- Stuttgart
Alle Rechte vorbehalten. Druck von A. Bonz' Erben in Stuttgart.
Copyright 1912 by Robert Lutz, Stuttgart.
Inhalt
Seite
Bei der amerikanischen Zeitung.
Bob bei den Münchner Neuesten Nachrichten. -- Die armen Teufel von deutschen Journalisten. -- Ein Münchner Zeitungspalast. -- Im amerikanischen Reporterzimmer. -- Wie das Zeitungsbaby sein Handwerk erlernte. -- Das Geheimnis der Presse. -- Im Presidio. -- Ich lerne telegraphieren. -- Die Sprache des Kupferdrahts. -- Telegraphisches Lachen. -- Vom großen Lebenswert 21
Reporterdienst.
Was der Amerikaner von seiner Zeitung verlangt. -- Der scoop. -- Der verunglückte Dampfer Hongkong. -- Die Männer der schnellen Entschlüsse. -- Wie ein Reporterstück inszeniert wird. -- Auf der Jagd nach der Sensation. -- Im Maschinenraum. -- Wie ich die Kunst des Zuhörens ausübte. -- Der Dämon im Stahl. -- Zeitungskönig Hearst. -- Eine Anekdote von der gelben Gefahr des Kaisers und der Hearstschen Gelben Presse. -- Ein schwarzer Tag 38
Das Kommen des Krieges.
Vorgeschichte des spanisch-amerikanischen Krieges. -- Die Guerillakämpfe zwischen Spaniern und kubanischen Insurgenten. -- Die Glückssoldaten der Virginia. -- Gespannte Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Spanien. -- Grausamkeiten. -- Die kubanische Junta in New-York. -- Der Untergang der Maine. -- Der Racheschrei. -- Kriegserklärung. -- Meine große Idee! -- Die große Idee funktioniert nicht! -- Aber ich muß unbedingt nach Kuba 56
Der Lausbub wird Soldat.
Die verbogene Lebenslinie. -- Ein schneller Entschluß. -- Beim Oberleutnant Green vom Signaldienst. -- Ich werde angeworben! -- Abschied von Allan McGrady. -- =B Company= des 1. Infanterieregiments. -- Korporal Jameson. -- Wiggelwaggeln. -- Der sprechende Sonnenspiegel. -- »Ich gehe nach Kuba!« 66
Das Sternenbanner auf dem Wege nach Kuba.
Der Krieg des Leichtsinns. -- Aus Leutnants werden Majore. -- Eine kleine Vergeßlichkeit. -- Segenswünsche und Vorschußlorbeer. -- Von lieben diebischen Mägdelein. -- Die Armee in Hemdärmeln. -- Das militärische Telegraphenbureau in Tampa. -- Die spanische Gespensterflotte. -- Admiral Cervera in der Falle von Santiago de Cuba. -- Die Depeschenhölle. -- Roosevelts Rauhe Reiter ohne Gäule! -- Auf dem Meer. -- Eine schwäbische Ueberraschung. -- Von redenden Tuchfetzen und sprechenden Wolken. -- Nachtalarm. -- Beginn des Bombardements von Baiquiri 77
Auf kubanischem Boden.
Die Küste wird bombardiert. -- Theodore Roosevelt und seine Zahnbürste. -- Die Landung. -- Ein Tag ungeduldigen Fluchens. -- Die Arbeit beginnt. -- Tropenregen. -- Meine Hängematte. -- Nachtruhe =à deux=. -- Hunger und Arbeit -- aber ach, was waren das für schöne Zeiten! -- Der Major stiehlt einen Karren. -- Telegraphenbau-Arbeit. -- Palmen und Kletterei. -- Bei den toten rauhen Reitern von =La Quasina=. -- Im Insurgentenlager. -- Der Mangobauch. -- Der Jesus-Christus-General 94
Beim Jesus-Christus-General.
Das Hauptquartier in der Vorpostenlinie. -- General Shafter, Höchstkommandierender. -- Die Trumpfkarte im Spiel. -- Proviant her! -- Ein sogenannter Spaziergang. -- Die spanische Verteidigungslinie. -- Die Nacht vor der Schlacht. -- Das Telegramm nach Washington. -- Die Regimenter ziehen dem Feind entgegen. 121
Die Schlacht vom San Juan Hügel.
Der Morgen vor der Schlacht. -- Ein Schattenspiel im Nebel. -- Die Schlacht beginnt. -- Wir legen die Linie nach der Front. -- Meine erste Granate. -- Wie ich das Gruseln lernte. -- Wie andere das Gruseln lernten. -- Auf dem Weg zur Feuerlinie. -- Die Furt. -- Die Panik des 71. Regiments. -- In der Feuerlinie am Waldrand. -- Wir schießen mit. -- Die Schützengräben im San Juan Hügel. -- Der Gnadenschuß. -- Der Angriff ohne Befehl. -- Der San Juan Hügel wird im Sturm genommen. -- Zusammenhänge der Schlacht. -- Bei den spanischen Gefangenen. -- Rum und Zigaretten. -- Am Lagerfeuer. -- Sie begraben die Toten. 136
Der Tag nach der Schlacht.
Am Lagerfeuer. -- Vom Arbeiten in den Schützengräben. -- Nächtlicher Tropenregen. -- Auf dem Weg zur Front. -- Die spanischen Scharfschützen. -- Der stille Wald. -- Verwesungsgeruch. -- Das Tal der Toten. -- Der Kopf. -- Bloßgelegte Gräber. -- Das Kommen des Grauens. -- Das Leichenfeld. -- Im Hauptquartier des linken Flügels. -- Die Schützengräben auf dem Hügel. -- Heftiges Gewehrfeuer in der Sternennacht. -- Mein Maultierritt. -- Vom Feuerschein beim Feind und dem Rätsel der Nachtattacke 169
Der Untergang der spanischen Flotte.
Jubel in den Schützengräben. -- Der Hafen von Santiago de Cuba. -- Das Felsentor. -- Castillo del Morro. -- Das Warten, das Lauern! -- Die Heldentat des Leutnants Hobson. -- Durchbruch des spanischen Geschwaders. -- Die Seeschlacht. -- Die Hölle der fünfunddreißig Minuten. -- Eine kleine Yacht schießt zwei Zerstörer in den Grund. -- Eine Merkwürdigkeit in der Geschichte des Seekriegs. -- Der Mann im Kommandoturm und der Mann hinter der Kanone. -- Was von der Gespensterflotte übrig blieb 193
In den Schützengräben.
Von Siegesberichten und Sorgen. -- Ein Murren geht durch die Schützengräben. -- Die Meinung des alten Sergeanten. -- Ungeduld! -- Der Humor der Front. -- Krankheit und Schwäche. -- Die berühmten kubanischen Leibschmerzen. -- Fieber und Ruhr. -- Stimmungen und Verstimmungen. -- Ein Freudentag. -- Freund Billy aus Wanderzeit und Eisenbahnfahrt. -- Zwei Gefechtstage. -- Wie ich ein Held sein wollte. -- Der Friedensbaum. -- Die Kapitulation von Santiago de Cuba 207
Nach Santiago de Cuba.
Das Hauptquartier wird energisch. -- Die Enttäuschung der Männer in den Schützengräben. -- Die verbotene Stadt. -- Wir werden nach Santiago beordert. -- Das Legen der Linie. -- In den spanischen Schützengräben. -- Ein Tauschgeschäft mit den hungrigen Spaniern. -- In der Stadt. -- Die toten Gäßchen. -- Von Licht und Schatten. -- Das Hauptquartier des Siegers 226
Im Kabelbureau.
Der spanische Telegraphendirektor. -- Unter Dach und Fach. -- Wir requirieren Wäsche. -- Der wundersame Patio. -- Das große Baden. -- Der brauchbare Antonio. -- Wir rüsten ein Mahl. -- =»Caballeros telegraphistas!«= -- »Oh, der verdammte Speck!« -- »Man muß ein Loch in die Uhr schießen!« -- Das Feuerrad. -- Im Dunkel 239
Auf der Insel des gelben Fiebers.
»Ich bin gar nicht tot.« -- Im Hafenhospital von Santiago. -- Die gelbe Flagge im Boot. -- Die Schmerzen im Leib. -- Der sterbende Trompeter. -- Warum ich den Neger erschießen wollte. -- Schlafen, nur schlafen! -- Das Dunkel zwischen Tod und Leben. -- Dr. Gonzales. -- Ich bin Sergeant geworden. -- Das Haus des Elends. -- Krankenpfleger und Totengräber. -- Wie der Rauhe Reiter Himmelsblumen pflückte. -- Eine nächtliche Schreckensszene. -- Der Insel der Verdammten wird Hilfe. -- Die Krankenschwestern 255
In der Zeltstadt von Montauk Point.
Die Friedensbotschaft. -- Ein brutaler Krieg. -- Die böse Lage der amerikanischen Invasionsarmee. -- Auf den General folgt der kaufmännische Organisator. -- Wie die Zeltstadt von Montauk Point erstand. -- Mein letzter Tag in Santiago de Cuba. -- Im Gesundheitslager. -- Die Komplimente des Trusts. -- Wie mir ein Vermögen entging. -- Die New Yorker Invasion. -- Von begeisterten =ladies=. -- Das Sicherheitsventil. -- Wie Leutnant Hobson in der Welle der Hysterie ertrank 287
Vorwort
Ich bin der glückliche Besitzer eines kleinen Neffen, der sich bestimmt schon den Ehrentitel eines Lausbuben erobert hätte, verlebte er sein junges Leben in süddeutschen Landen. Da er das aber nicht tut und ein Hamburger Jung' ist, so dünkt ihm der Begriff Lausbub fremd. Bald großartig und erstrebenswert, bald verächtlich und gemein. Es ist mir passiert, daß ein Haufen von Schulkindern mich achtungsvoll anstarrte, während mein Herr Neffe ihnen erklärte, das sei ein famoser Lausbubenonkel. Ich mußte es aber auch erleben, daß dieser Neffe mir bei passendem Anlaß feindselig entgegendonnerte: »Lausbub aus Amerika!« Nicht anders ist es mir ergangen mit großen Leuten. Da meinten die einen, dieser Lausbub sei etwas gar Lustiges. Die andern aber schüttelten die Köpfe: Wie kann man so geschmacklos sein und sich selber einen Lausbuben nennen!
So sei mir gestattet, ein Wörtchen dreinzureden. Wir alle kleben an der heimatlichen Scholle, seien wir nun Weltenwanderer oder niemals hinausgekommen über den Bannkreis der Vaterstadt; an jener Scholle, auf der wir als Kinder spielten. Und mir klingt es aus meiner Münchner Jugendzeit herüber: »Du ganz verflixter Lausbub!« »A solchener Lausbub!!« Wie lustig das tönt, weiß kein Mensch außer mir. So lustig kann es keinem sein, so viele auch gelacht haben mögen über das Wörtchen mit den verschiedenen Gesichtern. »Oh du herzig's Lausbüble,« kost die süddeutsche Mutter. »Lausbub!« sagt der Vater, und der Ton bedeutet den Stock. Entrüstung kann in dem Wort liegen oder verblüffte Anerkennung einer besonderen Leistung jungenhaften Tobens oder ein Schelten oder eine Resignation. Auf gar keinen Fall aber ist ein Lausbub ein Musterknabe. Sondern einer, der eine tiefgewurzelte Vorliebe für dumme Streiche hat und einen dicken Schädel und rührige Ellbogen.
Lausbub! klingt es herüber aus meiner Jugend.
Und weil das Wörtchen noch ein weites Stück ins Leben hinein auch den Mann kennzeichnet, so sonderbar das klingen mag -- dumme Streiche, dicken Schädel, rührige Ellbogen! -- so gab es diesen Büchern ihren Titel.
* * * * *
An einem sonnigen Novemberabend im Jahre 1897 saß ich auf der Terrasse des Golden Gate Parks in San Franzisko, starrte aufs Meer hinaus, träumte von meiner Arbeit, wie das junge Menschen tun, denen die Arbeit noch andere Dinge ersetzt, und war stolz wie ein König als jüngster Reporter einer großen Zeitung. So unverrückbar stand es fest, das Große, das Bleibende: die Zeitung und ich -- ich und die Zeitung -- das war die Lebenslinie. Sie war es und sie blieb es. Wie krumm sie sich aber gestaltete, diese Lebenslinie, wie wackelig, wie verbogen und schief, das ist eines der humorvollsten Dinge in einem Leben reich an freiwilligem und unfreiwilligem Humor. Wenige Monate darauf war ja die Lebenslinie schon vergessen, und der überstolze Reporter steckte im blauen Rock der regulären Armee Onkel Sams. Es sollte ihm öfters noch ähnlich ergehen mit dieser Lebenslinie ...
Der Lausbub, Farmer, Apotheker, Arbeiter, Fischpökler, Professor, Reporter wurde also Soldat und machte den spanisch-amerikanischen Krieg auf Kuba mit. Was er dort erlebte und sah, schildert dieses Buch; so wie er es damals erlebte und damals sah im Zeichen junger Männlichkeit, überschäumend in der Begeisterung, ein Mann zu sein im Krieg.
Hamburg, im Sommer 1912.
Erwin Rosen. (Erwin Carlé).
Zweiter Teil
Bei der amerikanischen Zeitung.
Bob bei den Münchner Neuesten Nachrichten. -- Die armen Teufel von deutschen Journalisten. -- Ein Münchner Zeitungspalast. -- Im amerikanischen Reporterzimmer. -- Wie das Zeitungsbaby sein Handwerk erlernte. -- Das Geheimnis der Presse. -- Im Presidio. -- Ich lerne telegraphieren. --- Die Sprache des Kupferdrahts. -- Telegraphisches Lachen. -- Vom großen Lebenswert.
Ein Jahr mag es her sein oder zwei, als ich in meiner Vaterstadt München einen alten amerikanischen Zeitungsfreund auf der Straße traf. Wir gingen zunächst zum Frühschoppen ins Hofbräuhaus, und gegen Ende der zweiten Maß weinte Bob beinahe. Zu traurig fand er es, daß einer, dem es einmal vergönnt gewesen war, die Nase in die Welt der amerikanischen Zeitung zu stecken, sich nun für deutsche Zeitungen plagen und schinden mußte!
Er nahm die Münchner Neuesten Nachrichten vom Tisch und zerknüllte sie.
=»You poor devil!«= sagte er. »Du armer Teufel -- du ganz armer Teufel. Euer Bier ist ein Wunder! Eure Gemütlichkeit ist prachtvoll! Eure Kunst ist grandios! Aber eure Zeitungen -- großer Gott, Mann, das ist doch keine Zeitung -- das ist ja ein Miniaturblättchen -- =damn it=, das ganze Dings da, das sich eine Zeitung nennt, hat nicht einmal Raum genug für einen einzigen anständigen Prozeßbericht!«
Worauf er des weiteren ausführte, daß es ihm ja an und für sich schon unverständlich sei, wie irgend jemand irgend wo anders leben könne als in =God's Country=, im Lande Gottes, in den gottbegnadeten Vereinigten Staaten, denen zur absoluten Vollkommenheit nichts, aber auch nichts fehle, als das nicht weniger gottbegnadete Bier der Kunststadt München. Ein ewiges, mit sieben zolldicken Brettern vernageltes Geheimnis jedoch sei und bleibe es ihm, daß einer, dem es vergönnt gewesen sei ---- usw. usw.
Ich lachte und führte ihn in das Gebäude der Münchner Neuesten Nachrichten.
Die Männer der Münchnerin sind allezeit gastfreundlich und gar liebenswürdig gegen ihre Mitarbeiter, wovon der, der dieses Buch schrieb, ein dankbar Lied zu singen weiß. Bob bekam manches zu sehen und manches zu hören. Wir plauderten mit dem Feuilletonredakteur über das Wesen des künstlerischen Feuilletons (das dem amerikanischen Journalisten ein Buch mit sieben Siegeln ist) -- wir unterhielten uns mit dem Mann der inneren Politik über den Leitartikel (der den Zeitungen Amerikas etwas völlig Nebensächliches bedeutet) -- wir suchten die Lokalredaktion heim, und ihr Schriftleiter benutzte natürlich die gute Gelegenheit, ein nettes Interview über die Münchner Eindrücke des amerikanischen Journalisten herauszuschinden.
»Gut!« sagte Bob draußen auf dem Korridor. »Verdammt gut! Die Leute verstehen ihr Geschäft. Sie haben ihre Arbeit lieb. Schade nur, daß den armen Teufeln so lächerlich wenig Zeilenraum zur Verfügung steht.« Dann blieb er kopfschüttelnd stehen. »Da sagt man immer, in =Germany= seien die Leute so überaus vorsichtig mit ihren Dollars!« brummte er. »Aber ich will gehängt werden, wenn's bei uns eine einzige Zeitung gibt, die ihre Leute auch nur annähernd so luxuriös beherbergt wie das Blättchen da! =It's remarkable!=«
Immer erstaunter wurde sein Kopfschütteln, je mehr der Räume der Redaktion er sah. Da waren Möbel, deren jedes Stück ein großer Künstler entworfen hatte, und Wunder von künstlerischen Schreibtischen und Beleuchtungskörper aus Bronze und kostbare Klubsessel und zauberhafte Tapeten und Perserteppiche und Jugendoriginale an den Wänden, und von der Hast und der Hetze des Zeitungslebens war äußerlich aber auch gar nichts zu sehen. Leise nur wie ein Summen drang das Dröhnen und Stampfen der riesigen Rotationsmaschinen aus dem betonumpanzerten Erdgeschoß. Dann plauderten wir wieder mit anderen Männern, und Bob sah, daß der Zeitungsgeist ein Weltgeist ist und die Zeitungsarbeit überall die gleiche, gewaltige, gigantische trotz aller Unterschiede der Art und des Formats. Er gluckste vor Wonne, als wir hinübergingen in das Reich der »Jugend« und Saal auf Saal der wundervollsten Kunstdruckmaschinen durchschritten, der vielen Dutzende stählerner Bilderzauberer, die noch viel wunderbarer sind als das größte Rotationsungetüm.
»Gut -- gut -- verdammt gut!« sagte Bob. »Aber wenn ich mich nicht sehr irre, so habt ihr doch eins nicht: Unseren amerikanischen Reporter ...«
Da lachte ich und gab keine Antwort.
Denn meine Zeiten amerikanischen Reportertums sind mir wie ein liebes Märchen erster Jugendliebe, und ein gar verknöcherter Kritikus muß der sein, der Zeiten erster Liebe kritisch urteilend betrachtet. Ich glaube nicht, daß wir in der deutschen Zeitungswelt gerade amerikanische Reporterart haben. Ich weiß nicht einmal, ob es wünschenswert wäre, hätten wir sie. Ich weiß nur, daß mein eigenes Erleben als zwanzigjähriger Lausbub im amerikanischen Zeitungsdienst mir eines der Jugendmärchen bedeutet, von denen man zehrt in den Tagen der Reife.
* * * * *
Äußerlich war nichts Märchenhaftes daran.
Der Tag eines Reporters beim =San Francisco Examiner= begann mit Arbeit, war ausgefüllt mit Arbeit, endete mit Arbeit, und des Nachts träumte man von der Arbeit.
Als ich zum erstenmal meinen Platz an einem Ecktisch im Reporterzimmer einnahm, kam ich mir so unendlich hilflos, so geistesarm, so über alle Maßen unfähig vor, daß ich am liebsten wieder davongelaufen wäre. Ich starrte auf das weiße Papier, das vor mir lag, betrachtete das Tintenfaß, sah mißtrauisch auf die Schreibmaschine auf dem kleinen Tischchen neben mir und wunderte mich, was in Dreikuckucksnamen ich nun eigentlich anfangen sollte. Zwölf Männern, dem gesamten Reporterstab der Zeitung, war ich hintereinander vorgestellt worden, und ein jeder hatte gelächelt und ein jeder irgend etwas Liebenswürdiges gesagt, um sich dann in keiner Weise mehr um meine gräßlich verlegene Wenigkeit zu bekümmern. So saß ich da, mit dem krampfhaften Gefühl, daß es die Aufgabe eines Reporters war, irgend etwas zu schreiben. Aber was, zum Teufel?
Ueberall um mich klapperten Schreibmaschinen. Die Türe wurde fortwährend aufgerissen, und Leute kamen herein und gingen hinaus. Meine neuen Kollegen schwatzten und lachten -- mitten in ihrer Arbeit. Wie es möglich sein konnte, in diesem Höllenlärm einen vernünftigen Gedanken zu Papier zu bringen, war mir vorläufig ein Rätsel.
Es roch nach frischer Druckerschwärze. Papier bedeckte knöcheltief den Boden, allerlei Papier, handbeschrieben, maschinenbeschrieben, bedruckt. Die Wände entlang standen zerschnitzelte und tintenbeschmierte Pulte und kleine Tischchen, auf denen blanke Schreibmaschinen thronten. Die eine Schmalseite des Zimmers nahm der Bücherständer ein mit seinen unzähligen Nachschlagewerken. Eine Notiz in roter Tinte besagte, daß der Sünder, der dabei ertappt würde, ein Buch nicht an seinen richtigen Platz zurückzustellen, zu Pön und Strafe jedem Anwesenden ein Glas Bier zu stiften habe. Da waren Telephone an den Wänden und der elektrische Meldeapparat der Feuerwehr und das Spezialtelephon zum Polizeihauptquartier und eine Karte von San Franzisko und ein Tisch stand in der Zimmermitte, fußhoch mit den neuesten Zeitungen bedeckt. Ueberall glitzerten elektrische Glühbirnen, denn der Raum war zu groß, als daß das einzige Fenster selbst am hellsten Sonnentag ihn hätte erleuchten können. Die geweißten Wände waren dicht bekritzelt. Gegenüber der Eingangstüre stand in großen Lettern:
»Fremdling, der du hier eintrittst, mach schleunigst, daß du wieder hinauskommst, denn unsere Zeit brauchen wir selber!«
Und darunter deutete eine roh hingezeichnete Hand auf den großen Schreibtisch in der Ecke beim Fenster:
»Allan McGrady, Lokalredakteur, Oberbonze, Hohepriester! Achtung, der Kerl beißt!!«
Und mit einemmal waren alle die Männer verschwunden und der Raum leer. Nur der Mann, der biß, war noch da. Er sah von seiner Arbeit auf und rief mich beim Namen.
»Mr. McGrady?«
Allan McGradys scharfe Augen blinzelten vergnügt über die Ränder der goldenen Brille hinweg. Ein Lächeln huschte über das scharfgeschnittene, glattrasierte Gesicht. »Sagen Sie lieber gleich Mac zu mir, mein Sohn,« meinte er grinsend, »denn in ein paar Tagen tun Sie es doch. Hier hat jeder seinen Spitznamen, und ich werde wohl Mac genannt werden bis zu meinem seligen Ende. Ihren Spitznamen kann ich Ihnen übrigens prophezeien: als jüngster Reporter sind Sie und bleiben Sie das =baby= bis Einer kommt, der noch jünger und noch dümmer ist wie Sie!«
Ich muß ein sehr verblüfftes Gesicht gemacht haben --
»Wenn ich sage dumm, so meine ich das natürlich nur im Reportersinn, und hoffentlich werden Sie auch in diesem Sinne in etlichen Monaten nicht mehr dumm sein. Und nun will ich Sie ein bißchen orientieren, mein Sohn. Hier gibt's keine Herren und keine Knechte. Wir sind alle zusammen Arbeiter im Dienste der Zeitung, und in unserem Leben darf und kann es nichts Wichtigeres geben als die Zeitung. Sie ist es, die uns vereint. Wir sind eine große Familie. Wir teilen unsere Zigarren und unseren Whisky, manchmal sogar unser Geld -- nun, Sie werden das sehr bald herausbekommen. Wir sind alle Blutsbrüder. Wenn Sie etwas nicht wissen, fragen Sie Ihren Nachbar. Wenn Sie etwas bedrückt, kommen Sie zu mir ... Halten Sie vor allem den Kopf hoch und lassen Sie sich nicht verblüffen! Sie werden ganz von selber sehen und hören und lernen -- und weder ich noch irgend jemand kann Ihnen da viel helfen. Der Journalist muß einem im Blut stecken, und wer's nicht in sich hat, wird's nie! Und nun --«
Er teilte mir meine erste Arbeit beim Examiner zu.
* * * * *
Um neun Uhr morgens versammelte sich die Reporterschar im Reporterzimmer, während Mac schon eine Viertelstunde vorher sich an seinem Schreibtisch eingefunden hatte. Eine selbstverständliche Voraussetzung war natürlich, daß jeder der »Herren des Stabes« nicht nur das eigene Blatt, sondern auch die anderen Morgenzeitungen San Franziskos beim Frühstück gründlich gelesen hatte. Diese morgendliche Konferenz hatte immer eine lustige und eine etwas weniger lustige Seite. Man lachte und plauderte und spielte allerlei Schabernack, Mac so gut wie wir alle, bis er auf einmal zu Mr. Allan McGrady wurde und seine berühmte Geste der Ernsthaftigkeit annahm. Er pflegte dann die Hände in die Hosentaschen zu stecken.
Kurz, scharf, sacksiedegrob war seine Rede --
»=Baby=!« (Das war ich!) der »=Call=« (das war eine Morgenzeitung San Franziskos) hat Ihre Geschichte über den Mann, der total betrunken im Citygefängnis eingeliefert wurde und in dessen Taschen man 15 000 Dollars fand, ebenfalls gebracht. Das ist traurig und von Ihnen unrecht. Wenn Ihnen ein Polizeisergeant -- welcher war es?«
»McBride.«
»Aha -- McBride. Wenn Ihnen McBride guten Stoff erzählt, so sorgen Sie gefälligst dafür, daß er von da ab seinen Mund hält und vor allem den Call-Leuten gegenüber nichts ausplaudert. Wie Sie das machen, ist mir egal!«
»Aber Mac, Sie haben neulich doch geschimpft wie unsinnig, als ich dem andern Sergeanten fünf Dollars gab, damit ---- «
»Ganz richtig, mein Sohn! Das macht man auch nicht mit Geld, denn Geld ist rar, sondern mit Liebenswürdigkeit und Schlauheit. Mann, strengen Sie ihren Witz an! Bin ich vielleicht eine Amme und in alle Ewigkeit verdammt, Sie an dem Quell der simpelsten Weisheit lutschen zu lassen?«
Ich war tief beschämt.
»Na, die Sache ist übrigens bei uns besser als im =Call=. Johnny (das war Chefredakteur Lascelles) läßt Ihnen sagen, die Geschichte sei fidel und nicht übel ...«
Das war McGradys Art der Anerkennung.
So wurde allmorgendlich Spalte für Spalte der Arbeit des vorhergehenden Tages durchbesprochen und einem immer wieder eingehämmert, daß es für den, der im Reporterzimmer hausen wollte, nichts auf der Welt gab und geben durfte als ein einziges Interesse und eine einzige Liebe: Die Zeitung und die Interessen der Zeitung. Erstens die Zeitung und zweitens die Zeitung und drittens überhaupt nichts als die Zeitung!