Der Deutsche Lausbub in Amerika: Erinnerungen und Eindrücke. Band 3 (von 3)

Part 6

Chapter 63,427 wordsPublic domain

Sie waren allesamt festangestellte Beamtinnen, pensionsberechtigt und auf Lebenszeit versorgt. In früheren Zeiten kam Jammer und Elend über die Tausende von niederen Angestellten in den Büros der Washingtoner Ministerien, wenn nach neuer Wahl ein Präsident dem andern folgte. Das Heer von Wählern des neuen Mannes drängte nach Stellen. Der Erwählte mußte wohl oder übel die Mitarbeiter seines Vorgängers auf die Straße werfen, um seinen beutegierigen Anhängern Raum zu schaffen, und so bedeutete jeder Wechsel in der Präsidentschaft wie unter den einzelnen Ministern ein Brotloswerden von vielen Menschen in der Bundeshauptstadt bis hinunter zu den Portiers und Fensterputzern. Alle flogen sie! Wehe den Besiegten! hieß es auch im unblutigen Wahlkampf viele Jahrzehnte hindurch, bis sich endlich den gesetzgebenden Körperschaften die Erkenntnis aufdrängte, daß die Geschichte höchst unmoralisch war und vor allem, was ihnen vielleicht wichtiger schien, höchst unzweckmäßig. Denn an Stelle der eingearbeiteten Beamten trat so immer wieder ein Heer von ahnungslosen Neulingen, die mühsam angelernt werden mußten. Es wurde daher eine Art unabhängiger Beamtenschaft geschaffen, der _Civil Service_, der Zivildienst. Die kleinen und mittleren Staatsbeamten wurden nunmehr der Reihe nach aus einer Schar von Bewerbern ausgewählt, die schwierige Prüfungen bestanden haben mußten. Es gab eine Stenotypistenprüfung, eine Buchhalterprüfung, eine Sprachenprüfung, eine Postprüfung, wissenschaftliche Spezialprüfungen und so weiter. Männliche wie weibliche Beamte des Zivildienstes konnten nunmehr nur wegen Verfehlungen nach einem Gerichtsverfahren entlassen werden. Die hohen Beamten freilich »flogen« nach wie vor bei einem Wechsel der Regierung.

»Wieviel Gehalt bekommt ihr denn?« fragte ich vergnügt.

»Hundertundzwanzig Dollars im Monat,« lachten die Mädels.

Onkel Sam war doch immer nobel! Und sie erzählten, diese jungen Dinger, von ihren Klubs, von ihren Privathotels, in denen sie beisammen wohnten, von ihren Sparkassen, von ihrer Bank. Denn sogar eine Beamtinnen-Bank hatten sie sich gegründet. Ein Mädel aber mit Stumpfnäschen sagte:

»Noch lieber möchte ich verheiratet sein...«

* * * * *

Die zwei Stunden waren wie im Fluge vergangen. Die Beamtinnen Onkel Sams setzten sich wieder an ihre Maschinen und ich wollte mir vom Bürovorsteher meine Akten zurückerbitten, als er schon auf mich zukam:

»Major Stevens erwartet Sie im Offizierszimmer,« sagte er. »Hat soeben nach Ihnen gefragt. Gegenüber -- gleicher Korridor -- vierte Türe links!«

Ich ging hinüber, klopfte an.

»Herein!« Das war des Majors Stimme.

Und ich trat ein -- und muß im nächsten Augenblick ein so erstauntes, ein so dummes, ein so hilflos perplexes Gesicht gemacht haben, daß das unbändige Lachen der beiden Offiziere, die rauchend an dem runden Tischchen saßen, zweifellos gerechtfertigt war. Schallend lachten sie auf. Der Major war der eine, und der andere -- Sergeant Souder! In Leutnantsuniform. Freiwilligen-Infanterie. =In Leutnantsuniform!!= Sekundenlang war ich sprachlos vor Erstaunen, dann aber mißfiel mir das Lachen.

»Sergeant Carlé,« meldete ich kurz.

Der Major winkte krampfhaft ab.

»Sie haben aber auch ein Gesicht gemacht,« lachte er, »als sähen Sie Ihre eigene Großmutter in indezenten kurzen Röckchen einen Cancan tanzen! Bitte, nehmen Sie Platz, Mr. Carlé -- Zigarre, bitte, Mr. Carlé --«

Und es überrieselte mich wie eine heiße Welle. =Ein Offizier sagte nicht »Mister« zu einem Sergeanten= in der amerikanischen Armee! Das bedeutete --

»-- General Greely hat Ihr Gesuch genehmigt. Ich werde Ihnen nachher die nötigen Dokumente aushändigen und wünsche Ihnen jetzt Glück und Erfolg auf Ihrem Lebensweg. Souder -- in dem Schränkchen dort muß eine Whiskykaraffe und ein Syphon sein. Danke. Meine Herren, wir trinken auf das Wohl des Sergeanten Souder und des Sergeanten Carlé. Mögen Sie ein tüchtiger Offizier werden, Souder, und Sie ein berühmter Zeitungsmann, Carlé. Vergeßt euren alten Kommandeur nicht, Kinder!«

Und wir tranken, und er zerschellte seinen Kelch an der Wand.

»Unser Major!« rief Souder mit leuchtenden Augen. Wieder klirrte zerbrochenes Glas.

Es war nur eine Viertelstunde, die ich in dem winzigen Privatzimmerchen der Signaloffiziere im Washingtoner Kriegsministerium verlebte, doch die kurze Spanne Zeit war ein Männerzusammensein, voll tiefen Fühlens. Das Geplauder schien oberflächlich und klang lustig, aber in das Lachen hinein woben sich für jeden Bilder aus der kaum vergangenen Zeit, da wir Kameraden gewesen waren im Krieg, wir drei. Das kittet. Der Major meinte, es sei ja nett, daß er uns glücklich los sei, und schalt Souder einen Duckmäuser, und Souder berichtete von dem reichen Schmied in dem Indianiastädtchen, das seine Heimat war. Der war Mitglied des Kongresses und ein alter Freund Souders. Der Sergeant hatte ihn in Washington getroffen vor einigen Tagen, und der parlamentarische Schmied war eiligst zum Kriegsminister gelaufen, ein Leutnantspatent in der Freiwilligenarmee herauszuschinden für seinen Protegé -- Der neuernannte Leutnant mußte heute noch nach San Franzisko abreisen, um sich zur Philippinenarmee einzuschiffen.

Und wir lachten und tranken.

»Kuba und das Signalkorps!« toastete Major Stevens. »Adieu Jungens!« Und er schüttelte Souder und mir die Hände, gab mir einen Briefumschlag, und dann gingen wir, ein jeder seinen Weg. Der Major zum General, Souder zum Infanteriestab unten, sich zu melden, ich nach dem Fort. Ich habe keinen einzigen von den Männern aus dem kubanischen Kriege jemals wiedergesehen. Mit einer Ausnahme -- Billy! Den alten Billy vom Schienenstrang, den ein sonderbarer Zufall mir auf den letzten der Leichtsinnspfade stellen sollte.

* * * * *

Es gehörte zum guten Ton der Armee, daß einer, der ihr den Rücken kehrte, das rasch und unauffällig machte. Von der Sekunde an, in der man seine Entlassung in der Tasche hatte, paßte man nicht mehr in den militärischen Rahmen. So fuhr ich rasch nach Fort Myer, nachdem der Gang zum Zahlmeisteramt mit dem Entlassungsdokument in wenigen Minuten erledigt war. Sergeant Hastings war telegraphisch benachrichtigt worden und sagte wenig; der alte Reguläre begriff es nicht, daß man den Rock mit den wertvollen Sergeantenstreifen freiwillig ausziehen konnte. Er nickte, als ich ihn bat, meine militärischen Habseligkeiten, die Uniformen, die Mäntel, die Mützen für mich zu verkaufen, und war verwundert, weil ich wünschte, er möge meine Entlassung erst beim Abendappell den anderen Sergeanten mitteilen. Ich mochte das Gerede jetzt nicht. Keiner der anderen stand mir nahe. Und als ich die paar Sachen für mein Köfferchen zurechtgelegt hatte, zog ich noch einmal Sergeantenuniform an, um nicht aufzufallen, und ging durch die Quartiere und die Werkstätten. Ich sah den Leuten einige Augenblicke lang zu, betrachtete mir eine signalisierende Flaggenabteilung, sah ein Automobil davonsausen --

»Heidi, Kinder! Es ist wirklich etwas sehr Gleichgültiges, ob es unter euch einen Sergeanten gibt, der Carlé heißt, oder nicht. Lebt wohl, lieben Kinder...«

Mechanisch griff ich noch einmal nach einem Taster.

Hei -- oh!

Nun fing ein neues Leben an!

Nun fängt ein neues Leben an.

Nur weg mit alten Dingen. -- Das neue Ich im neuen Anzug. -- Im Virginiahotel zu Washington. -- Mumm extra dry. -- Das Filmbild der Erinnerung. -- Was Rockefeller mit 600 Dollars anfinge. -- Was ich damit unternahm! -- Empfang beim Präsidenten McKinley. -- Die idiotische Zeremonie. -- Ein schneller Entschluß. -- Ich fahre nach New York. -- Das neue Leben hat begonnen...

Mit gewaltigen Sätzen sprang ich die steile Treppe zum Sergeantenzimmerchen empor und riß mir hastend die Uniform vom Leibe.

Rasch, eilig, nur fort!

Fast schien es mir Zeitverschwendung, mich noch einmal im Zimmerchen umzusehen. An der Wand hing der schmutzige Kubahut, mit Mühe und Not aus dem bakterienverzehrenden Feuer Montauk Points gerettet; in der blauen Soldatenkiste lagen unter den Uniformstücken spanische Patronen, Kopien von Kriegstelegrammen, alte Sergeantenstreifen, Briefe, Pfeifen, Tabak, ein Telegrapheninstrument, das mir gehörte, der schwere Armeerevolver eines spanischen Offiziers, ein Beutestück und eine Erinnerung; Kleinigkeiten über Kleinigkeiten, die ich vor vierundzwanzig Stunden noch hoch geschätzt hatte. Nun aber warf ich das Zeug achtlos auf den Boden, verbrannte die Papiere. Nicht einmal den lieben alten Hut nahm ich mit, nicht einmal eine Silbertresse zum Andenken -- weg -- fort mit den Dingen, die an das Soldatensein erinnerten. Die hatten ihren Dienst getan. Ihre Zeiten waren vorbei.

Weg damit!

Und der Kubahut flog in eine Ecke, mitsamt dem, was er bedeutete. Weg! Nur nicht sich beschweren mit Ballast. Schon allzulange hatte das Sergeantensein gedauert; viel zu lange. Nur keine Zeit jetzt verlieren. Denn ein neues Leben fing nun an.

Heimlich schlich ich mich an Baracken und Schuppen vorbei auf dem Weg zur Arlingtonstation und ärgerte mich, daß ich immerzu an Telegraphengeklapper und Flaggenschwingen denken mußte, sehnsüchtig fast. Wer würde wohl an meinem Platz sitzen am Schreibtisch im Büro da drüben... Ryan wahrscheinlich. Ich hatte ihn dazu erzogen.

Aber -- was -- ging -- das -- mich -- an!

Waren Sergeantenlitzen vielleicht etwas so Wichtiges, daß man sie nicht vergessen konnte? Und auf einmal hatte ich sie vergessen! Während die Straßenbahn hügelabwärts gen Washington rasselte auf ihrer langen Fahrt, dachte ich nur an das eine: Hatte ich auch noch Zeit heute, mir einen eleganten Abendanzug einzukaufen? Ueber alle Maßen wichtig schien mir das. Ich erwischte einen Wagen am Endpunkt der Linie in der Washingtoner Vorstadt, fuhr von Geschäft zu Geschäft, kaufte einen Koffer zuerst, schwarze Abendeleganz dann, Wäsche nun, Toilettesachen (über die der Sergeant von dereinst in den morastigen Schützengräben des Santiagotals sich totgelacht hätte) allerlei höchst überflüssige Kleinigkeiten, und endlich endete die Fahrt vor dem _Virginia_, einem der teuersten Hotels Washingtons.

Dreißig Minuten später lehnte ich lässig mit übergeschlagenen Beinen in einem weichen Klubsessel des Hotelvestibüls und betrachtete wohlgefällig die straffen Bügelfalten meiner neuen Smokingbeinkleider, wie sie in scharfer Kante über den schwarzglänzenden Lack der _patent leathers_ fielen. Schielte wohl auch über die weiße Fülle der Hemdbrust nach den seidenen Aufschlägen und freute mich sehr, daß da in nächster Nähe an der Wand ein großer Spiegel mir mein Ebenbild unablässig vorkonterfeite -- und siehe da, es war sehr gut, dieses Ebenbild, wie ich in wohliger Gedankenleere immer wieder vergnügt feststellte. Um nichts hätte ich in jenen Viertelstunden die bedeutungslosen schwarzen Fetzen am Leib, die dummen Lackstiefel, all die lächerliche Aeußerlichkeit hergegeben! Denn sie waren mir wohl, ohne daß ich mir auch nur die geringsten Gedanken darüber machte, einfach ein Symbol:

Ein äußeres Zeichen der neuen Zeiten!

_Exit_ der Sergeant...

Später einmal hat mir ein gescheiter Tierarzt bei einer Konsultation über meinen jungen Boxer gesagt:

»Sie ärgern sich, daß das Fräulein (mein Boxer Liundla ist eine Dame) sich mit jedem Vorübergehenden anfreundet, jeden Hausierer schweifwedelnd begrüßt, jeden gewöhnlichen gelben Köter demutsvoll umschwänzelt? Das ist nur die Unselbständigkeit der Jugend und wird sich gewaltig ändern, wenn das Vieh 'mal feststehende Lebensanschauungen hat. Es wird sich ändern. So in einem halben Jahr etwa.«

Ein ähnlich wichtiger Lebensumschwung, wie er im Erdenwallen meines Hundes auch wirklich nach einigen Monaten eintrat, muß mir der Abend im Virginiahotel gewesen sein. Aus dem subalternen Stand hatte ich mich aus höchsteigener Machtvollkommenheit in die höhere Kaste zurückversetzt -- und der Smoking war einfach das Kastenabzeichen. So ungefähr müssen die geheimen Triebfedern der Eitelkeitsgelüste ausgesehen haben, die mich immer wieder in den Spiegel gaffen ließen.

Der Gong erklang zum Souper.

Ein diskreter Kellner servierte mir Austern auf Eis an einem Tischchen, über das eine elektrische Stehlampe rosenrotes Licht goß, und rosenroter Schein leuchtete von anderen Tischen, und da war eine wohlige Atmosphäre von gedämpftem Geplauder und leisem Lachen, und schöne Frauenköpfe neigten sich zu scharfgeschnittenen Herrengesichtern, und Gläser klirrten glockenhell. Und ich schlürfte Austern, wählte außerordentlich sorgfältig meinen Wein, und widmete ernsthaftes Nachdenken der wichtigen Frage, ob ich als Zwischengericht gefüllten Puter oder junge Hähnchen bevorzugen sollte. Ich saß in einer Ecke. Der Speisesaal lag vor mir wie ein Bild, und bald beobachtete ich mit einer fast brutalen Neugier die Männer und die Frauen an den kleinen Tischchen; wie sie sprachen, wie sie sich bewegten, wie sie sich gaben, und es schien mir, als sei in jedem dieser harten und doch so frischen Männergesichter ein unbeschreiblicher herrischer Zug; ganz genau das, was ich mir selber wünschte. Ich ertappte mich darauf, wie ich zu den Wandspiegeln hinüberschielte, um Spuren von Herrentum im eigenen Konterfei zu entdecken --

»Chartreuse!« befahl ich.

Und freute mich über den wundervoll geschliffenen Kelch, dessen Wände glitzernd und gleißend den goldengelben Trank widerspiegelten, um dann zu entdecken, daß die wenigen schimmernden Tropfen eine wohlige Gleichgültigkeit bescherten. Was zum Teufel kümmerte es mich, wie die Männer da aussahen, was in ihren Gesichtern geschrieben stand, wie diese Frauen lachten und plauderten, auf welche Weise diese Leutchen sich durchs Leben schlugen! Sie trugen elegante Kleider am Leib? Ich auch! Sie hatten Geld? Ich auch! Lachend stand ich auf.

»Eine Flasche Sekt ins Rauchzimmer!«

_»Yes, sir.«_

_»Mumm extra dry.«_

_»Very well, sir.«_

Bequem in den weichen Sessel gekuschelt betrachtete ich vergnügt die sprühenden Schaumbläschen und sah den zarten blauen Rauchgebilden der Zigarette nach. In den immer wieder sich webenden und immer wieder vergehenden Dunstschleiern tauchten körperhafte Dinge auf, undeutlich wie in ewig weiter Ferne und doch bildhaft. Ein lümmeliger Gymnasiast, eine ganze Serie von deutschen Schulmeistern -- Sprung -- ein Professor des Griechischen in Burghausen, ein strenger Vater, ein lustiges Mädel -- Sprung, Sprung -- ein trüber Abend im Bremer Ratskeller...

Ah, wie lebendig machte der perlende Wein alles Vergangene!

-- Großer Sprung -- eine Baumwollfarm in Texas, dahinrasende Eisenbahnzüge, sonnige San Franziskostraßen -- Sprung -- ein schmaler Schlammpfad nun im kubanischen Urwald, geisterhaftes Gewehrgeknatter -- Sprung -- ein sausendes Feuerrad im Kabelbüro -- und wie beklemmenden Alpdruck die Gesichter von sterbenden Männern auf der Insel des gelben Fiebers...

So jagten sich die Bilder.

Ich starrte in gebanntem Schauen und sah mich immer wieder selber in den Traumgebilden, in denen mein Leben vorbeihuschte. Und nun sollte das Leben ja wiederum neu beginnen. Da lachte ich vor mich hin, fand die Welt und die Dinge und die Menschen wunderschön, und zauberte flugs neue Bilder in die Nebel. Von tanzenden Frauengestalten -- sie tanzten um meine Wenigkeit -- und Strömen von Gold -- sie gehörten mir -- um dann mit scharfem Ruck zusammenzufahren und den Champagnerkelch zu packen.

Ruhig da! Eiskalt sein, mein Junge. In diesem Lande rechnete man mit Wirklichkeiten. Mit jenen Wirklichkeiten, wie sie da in der bedeutsamen Rolle in meiner Westentasche sich meinem Körper anschmiegten; mit Dollarscheinen. Sechshundert Dollars besaß ich, von denen einige hundert die letzte Zahlung Onkel Sams darstellten, einige hundert aus der üppigen Löhnung erspart waren. Es hätte mehr sein können, sagte ich mir grinsend, aber immerhin...

Was machte man nun mit sechshundert Dollars, wenn man ein neues Leben anfangen wollte?

Das wohlige Gefühl des Geldhabens verdichtete sich zum Problem.

Behauptete nicht dieser salbungsvolle Spitzbube von Rockefeller, daß jeder tüchtige Mann, dem es einmal gelungen war, sich so etwa tausend Dollars zu erwerben, für alle Zukunft unbedingt geborgen sein müsse? Nur arbeiten mußte der tüchtige Mann und beten und weiterhin wahnwitzig sparen, Pfennig für Pfennig, und lauern wie eine Schlange, um mit seinem Geld zuzubeißen im richtigen Augenblick. Oh, sechshundert Dollars waren viel Geld. Sie konnten eine nette kleine Farm in Texas bedeuten, oder eine gutgehende Bierwirtschaft, oder einen Gemüseladen, oder -- viele Hunderte von nahrhaften und beständigen Dingen im Sinne Rockefellers. Dja. Für mich aber waren die Dollarscheine dazu da -- jawohl, selbstverständlich dazu da, den Weg zur Zeitung wiederzufinden.

Punkt eins erledigt.

Damit trank ich vergnügt meinen Sekt aus und ging fröhlich zu Bette. Mich mit unwichtigen Nebensächlichkeiten zu beschäftigen, hatte ich nicht die geringste Lust -- damit zum Beispiel, =wie= das neue Zeitungsleben nun eigentlich beginnen sollte.

Ich wollte wieder zur Zeitung und damit holla!

Am nächsten Morgen wachte ich mit wohlverdienten Kopfschmerzen auf und schlenderte bald die breite Avenue hinab. Kopfschüttelnd betrachtete ich die Menschen, die hier weniger Eile hatten als anderswo, die vielen eleganten Wagen, die daran erinnerten, daß Washington eine Stadt der Politik, der Repräsentation, des gesellschaftlichen Lebens war und nicht eine Stadt der Arbeit. Nach wenigen Minuten war ich beim Weißen Haus angelangt, der bescheidenen Villa der amerikanischen Präsidenten. Zwischen Bäumen und Buschwerk hervor leuchteten durch den Park die schneeweiß getünchten Wände. Vor dem eisernen Gitter standen viele Menschen, die langsam einer nach dem andern zwischen zwei hünenhaften Polizisten hindurch den Kiesweg zum Weißen Haus hinaufschritten.

Es war einer der öffentlichen Empfangstage heute, an denen jeder anständig gekleidete Mensch ohne vorherige Anmeldung sich im Weißen Haus einfinden und dem Repräsentanten des amerikanischen Volks die Hand schütteln durfte.

Neugierig schloß ich mich der Reihe an. Langsam ging es durch den Park hindurch, breite Stufen empor, durch ein Portal, ein einfaches Vorzimmer -- immer im Gänsemarsch -- und in einen Saal dann, der gedrängt voll Menschen war. An den Seiten war eine schmale Gasse für die wandelnden Reihen freigelassen. Ich bemerkte einige Offiziere, einen bekannten Minister, und viele Kongreßmitglieder. Während des langsamen Vorwärtsschreitens wurde man gründlich gemustert von scharfblickenden Herren, die offenbar Detektive des amerikanischen Geheimdienstes waren. So wandelte man und kam endlich zu einem Herrn im einfachen Gehrock, der mit lächelnder Miene bei einem Stuhl stand. Das war William McKinley, Präsident der Vereinigten Staaten. Mir schien, als sei auf dem bartlosen, außerordentlich scharfgeschnittenen Gesicht das Lächeln festgefroren. Man lächelte auch, denn die stereotype Liebenswürdigkeit wirkte ansteckend, streckte die Hand aus, das Beispiel des Vormannes nachahmend, und plötzlich schoß die Präsidentenhand hervor, gewaltig zupackend, eine Sekunde lang... Mir taten die Finger weh. In einer Sekunde war alles vorbei, der Händedruck, das Lächeln, die leichte Verbeugung. Im Weitergehen wandte ich den Kopf und sah drei- oder viermal die völlig gleiche Bewegung -- die Präsidentenhand schoß immer im völlig gleichen Winkel hervor, packte, ließ los...

»Weshalb drückt er so fest?« fragte der Mann vor mir den riesigen Polizisten am Ausgang.

»Weil er sich seine Fingerchen nicht etwa von dir zerdrücken lassen will, mein Sohn,« grinste der Polizist, »sondern lieber selber zugreift!«

Da begriff ich, daß Holzhacken eine leichte Erholung war, verglichen mit der grauenhaften Arbeit, einigen Tausenden von Menschen die Hand drücken zu müssen, und stellte mir vor, daß neugewählte Präsidenten der Vereinigten Staaten wohl viel Kummer und Elend an ihrer rechten Hand erleben, bis sie den richtigen Trick des Händeschüttelns heraus haben. Die Veranstaltung selbst aber, die den Amerikanern ein großartiges Sinnbild amerikanischer Freiheit erscheint, kam mir außergewöhnlich idiotisch vor.

Langsam ging ich die Avenue zurück.

Und im Dahinschlenkern nahmen die Zukunftsgedanken Form und Gestalt an. Zurück zur Zeitung also. Für jede Arbeit jedoch brauchte man einen günstigen Boden, und das war Washington keinesfalls. In Washington wurde politisch geschachert, gesellschaftelt, politisiert, bürokratisiert; alle Fäden seiner Bedeutung liefen zusammen im Weißen Haus, in den Ministerien, in den Repräsentantenhäusern des Senats und des Kongresses. Die Washingtoner Zeitungen beschäftigten sich übermäßig mit politischem Klatsch und ihr lokaler Teil war fast ausschließlich gesellschaftlichen Dingen gewidmet. Guter Boden für einen Politiker. Für mich nicht. Fort aus Washington.

Punkt zwei erledigt.

Augenblicklich rannte ich zu dem Hotel zurück, als sei es schade um jede Minute, die ich hier noch verbrachte. In den fünf Minuten, die ich zu dem kurzen Weg brauchte, war mein Entschluß gefaßt. So übermächtig das alte verräucherte Reporterzimmer in San Franzisko und seine lieben Menschen, seine frohe Hetzarbeit auch winkten und lockten, so sehr wehrte sich irgend etwas in mir gegen eine Rückkehr nach dort. Man soll nicht da Geselle sein wollen, wo man Lehrling war, weil die anderen den Lehrling von dereinst nur schwer vergessen. Und daß ich keiner mehr war als Zeitungsmann und mit dem Handwerkszeug so gut umgehen konnte wie einer, davon war ich höchlichst überzeugt. Was ich brauchte, war also eine große Stadt mit sehr großen Zeitungen --

Neuyork!

Selbstverständlich Neuyork! Wie hatte ich mich auch nur einen Augenblick lang besinnen können!

Da waren die »_World_«, das »_New York Journal_« (das Hearst, dem Eigentümer des »_San Francisco Examiner_« gehörte), die »_Times_«, die »_Sun_«, der »_American_«, Gordon Bennetts »_New York Herald_« vor allem, die größten Zeitungen der Welt. Ein Arbeitsfeld, wie man es sich nicht besser wünschen konnte. Daß dieses Arbeitsfeld völlig überlaufen war mit Kräften allerersten Ranges -- daß die Aussicht für mich, im Neuyorker Zeitungsgewühl mir Ellbogenraum zu schaffen, noch etwas schlechter war als etwa diejenige, auf ein mexikanisches Lotterielos auch wirklich Geld zu gewinnen -- daran dachte ich in schönem Selbstvertrauen auch nicht einen Augenblick lang.

Aus meinem Laufen wurde fast Trab.

In zwei Minuten hatte ich mich aus dem Kursbuch des Hotelvestibüls vergewissert, daß der nächste Zug nach Neuyork um 12.39 ging (es war jetzt 12.10). In weiteren fünf Minuten hatte ich die Koffer gepackt, die bösartig gesalzene Hotelrechnung bezahlt und mir einen Wagen herbeipfeifen lassen. Um 12.39 schrieen die _conductors_ ihr _all aboard_. Um 12.40 lehnte ich mich weit zurück in den weichen Polstersitz des dahinsausenden Zugs, lauschte sekundenlang, angenehm angeregt, dem Rädergetöse, entfaltete dann das auf dem Bahnhof gekaufte _New York Journal_, unsäglich zufrieden mit mir, Gott, und der Welt.

Das neue Leben hatte begonnen!

Wie mich Neuyork empfing.

Ankunft in Neuyork. -- Der Lichterwahnsinn in der Luft. -- Der Wirrwarr der Riesenstadt. -- Die elegante Pension. -- Mrs. Bailey. -- Nicky und Flossy. -- Die eingeschneite Riesenstadt. -- Der Humor auf der Straße. -- Fünf Minuten auf der Redaktion des New York Journal. -- »Sie haben gar keine Aussichten!« -- »Herrgott, war das ein süßer Anfang.«

Als der Zug in den Neuyorker Pennsylvania Bahnhof einbrauste, war ich einer der ersten, der auf den Bahnsteig sprang. Rücksichtslos drängte ich mich durch das Menschengewühl. Ich hatte es noch um eine Nuance eiliger als diese anderen eiligen Menschen. Mir war zumute, als käme ich nach Hause. Dorthin, wohin ich gehörte. Als wartete hier irgend etwas Schönes auf mich.

»Telephon?« fragte ich einen Gepäckträger im Vorbeigehen.

»Links!« antwortete der.

So war's recht. Brauchbare Leute, diese Neuyorker. Nur keine Zeit und keine Worte verschwenden! Mein Nickel glitt in den Schlot des öffentlichen Telephons --