Der Deutsche Lausbub in Amerika: Erinnerungen und Eindrücke. Band 3 (von 3)
Part 2
Durch die Unabhängigkeitserklärung Kubas im Friedensschluß war die Lage auf der Insel keineswegs geklärt. Parteien und Parteichen, alte und neue Insurgentenführer, voran der alte Rebell Gomez, zankten sich um den Raub, und dem durch viele Jahre der Mißwirtschaft, der Revolution und des wirtschaftlichen Niedergangs ausgepreßten Land schien wiederum ein Bürgerkrieg bevorzustehen, als die Vereinigten Staaten abermals eingriffen und die Insel unter militärische Verwaltung nahmen. Das Programm der Washingtoner Regierung, stark beeinflußt zweifellos durch das amerikanische Kapital, war, Ruhe und Frieden auf der Insel herzustellen und die militärische Diktatur so lange auszuüben, bis die politischen Zustände das Bilden einer Regierung erlaubten, der Vertrauen entgegengebracht werden konnte. Dieser Beschluß der Vereinigten Staaten verursachte ihnen nicht geringe Schwierigkeiten, denn die Okkupation Kubas wurde allgemein nur als Vorläufer der Annexion betrachtet. Es ist auch sehr fraglich, ob Washington sein Programm damals wirklich in gutem Glauben aufstellte und sich nicht in naher Zukunft eine Lage auf der Insel erhoffte, die Anlaß zu endgültigem Besitzergreifen geben würde; tatsächlich aber spielten sich die Ereignisse programmgemäß ab: die Insel Kuba wurde, wenn auch nach Ablauf geraumer Zeit, der Selbstverwaltung einer republikanischen Regierung übergeben und ist frei und autonom geblieben bis auf den heutigen Tag. Sie wird es nicht bleiben. Sie ist eine reifende Frucht, die früher oder später von den Männern des Sternenbanners gepflückt werden wird. Das schöne Wort vom _Cuba libre_, vom freien Kuba, ist wie die Ueberschrift eines Märchens, das nur sehr kleine und sehr brave Kinder glauben. Denn über _Cuba libre_ schwebt die harte Faust Onkel Sams. Die Inselrepublik wird in Wirklichkeit vom Standpunkt amerikanischer Interessen aus verwaltet. Es wird nicht lange dauern, und der Freiheitstraum der Kubaner ist ausgeträumt. Es bedarf dazu nur eines Schwankens der Weltlage, das der Monroedoktrin mehr Ellbogenraum gibt.
Die nächstliegende Aufgabe der amerikanischen Regierung inmitten dieser Schwierigkeiten war die Verstärkung der Armee.
Die Besetzung Kubas erforderte Truppen.
Portorico brauchte auch Truppen.
Nach den Philippinen mußten ebenfalls Truppen geschickt werden.
Dort sahen sich die Amerikaner einer Bevölkerung von kriegerischen Eingeborenen unter ehrgeizigen Führern gegenüber, die jeden Fußbreit des Landes zähe verteidigten und dem Eroberer einen unendlich langwierigen Kleinkrieg in sumpfiger Wildnis aufnötigten.
Aus dem plötzlichen Mehrbedarf an Truppen ergaben sich neue und dauernde Ansprüche an die Leistungsfähigkeit und die Organisation der amerikanischen Armee, deren Verhältnisse sich nun fast über Nacht von Grund auf veränderten und verändern mußten. Wie mit einem Schlag.
* * * * *
Die schrecklichen Zeiten des Bürgerkrieges, die auf beiden Seiten brutalste militärische Diktatur brachten, hatten eine starke Reaktion gegen den Soldatenrock ausgelöst, trotz aller Begeisterung für die Kämpfer und die Kämpfe des Kriegs. Nach kurzer Uebergangsperiode sank die Effektivstärke der regulären Armee gewaltig und betrug viele Jahre hindurch kaum 25 000 Mann. Die freilich zahlreiche Miliz war völlig bedeutungslos. Die Freiwilligenregimenter der einzelnen Staaten hatten kaum militärische Ausbildung genug, halbwegs in Formation zu marschieren, und die in einzelnen Städten und Städtchen verstreuten Kompagnien waren wenig mehr als Vereine, Klubs, Gesellschaften, in denen man Milizbälle organisierte. Praktisch kam die Miliz nur bei den seltenen Streiks großen Umfangs und lokalen Unruhen zur Geltung. Der wirkliche Soldat aber, der Reguläre, war zum Polizisten der Zentralmacht in Washington geworden. Er übte im mittleren Westen und im Nordosten die Indianerpolizei aus. Es kam außerordentlich selten vor, daß die reguläre Armee sich zu größeren Verbänden zusammenfand, denn die Indianerkriege waren fast immer Polizeikämpfe mit einzelnen Banden. In Kompagnien, Schwadronen, Batterien, und häufig in Halbkompagnien sogar waren die 25 000 Mann über das Land verteilt, zur großen Mehrzahl in einsamen Forts im Westen, zur Minderzahl in Rekrutierungsforts in der Nähe von großen Städten. Der Brigadegeneral bekam seine Brigade niemals beisammen zu sehen. Militärische Ausbildung im europäischen Sinne wurde so zur Unmöglichkeit, und die Gesamtorganisation stand nur auf dem Papier. Die Armee löste sich in Polizeiwachen auf... Eigentümliche militärische Zustände und ein eigenartiger Soldatentyp entstanden.
Der amerikanische Soldat war -- und er ist es noch -- der am besten bezahlte, der am besten ernährte, der am besten gekleidete und am wenigsten arbeitende Soldat der Welt. Als Begriff geschätzt, wurde er von seinen Mitbürgern als Einzelperson wenig hochgeachtet. Goldbeknöpfter Sohn eines Tagediebs -- faulenzender Dreizehndollarmann -- Schießprügelspazierenführer -- das waren so die Beinamen, wie sie die liebe Oeffentlichkeit ihm gab, und sie wurden immer zahlreicher und bissiger, als die Indianerunruhen völlig aufhörten, und die reguläre Armee nach dem Ermessen des amerikanischen Bürgers gar keine Existenzberechtigung mehr hatte.
Der Reguläre scherte sich den Kuckuck darum.
Er lebte ein geruhiges Leben, voll der schönsten Gemütlichkeit und führte ein ungemein beschauliches Dasein in den kleinen Forts, fast immer in wundervoller landschaftlicher Lage. Am Rande einer wohlgepflegten Wiese, dem Paradegrund, standen hübsche Holzhäuschen mit breiten Veranden und Gärten. Dort hauste der Reguläre in blitzblanken Stuben. Auf der anderen Seite des Paradegrunds waren die schmucken Offiziershäuschen, denn in diesem Sybaritenland des Soldaten war jedem einzelnen Offizier, sei er nun Unterleutnant nur oder Oberst und Kommandeur des Forts, ein eigenes Häuschen samt Einrichtung auf Staatskosten zur Verfügung gestellt. Des Morgens früh rief ein Signal den Regulären zu gymnastischen Uebungen, damit er gesund und im Training bleibe, nachdem das Tagewerk mit einem ausgiebigen Frühstück von Kaffee, gebratenem Speck, Eiern und Hafergrütze begonnen hatte. Vielleicht schoß er dann ein bißchen oder die halbe Kompagnie führte gar eine Gefechtsübung in Feuerlinie aus, aber um 1 Uhr nachmittags war nach unverbrüchlicher Gepflogenheit die saure Arbeit beendet. Das _dinner_ um 1 Uhr ungefähr, die nach amerikanischer Sitte sehr reichliche Hauptmahlzeit des Tages, bedeutete praktisch Abschluß des Dienstes. Nur ein winziger Teil der Mannschaften hatte allnachmittäglich die Routinearbeit des Forts zu leisten und dabei überanstrengte man sich so wenig, daß zehn Mann einen ganzen Nachmittag angenehm damit verbrachten, dreißig Papierschnitzel von der Paradewiese aufzulesen. Hier strichen drei oder vier Mann eines der Holzhäuschen neu an, denn blitzblanke Sauberkeit war das Alfa und das Omega des Lebens in den Forts; dort geleiteten zwei Mann im Schneckentempo ein Mauleselgefährt, das Proviant nach dem Büro des Quartiermeisters brachte. Solch schwere Arbeit wurde dem amerikanischen Soldaten höchstens zweimal in der Woche zugemutet und einmal oder zweimal nur zog er auf Wache. An den übrigen Nachmittagen war er ein freier Mann, der sich nach eigenem Ermessen vergnügte. Auf weiten Wiesen hinter den Linien -- der Paradegrund war geheiligt und durfte außerdienstlich nur von dem Fuß eines Offiziers betreten werden -- wurde Ball geschlagen und Fußball gespielt. Die Kompagniekammer lieferte jederzeit Jagdgewehre und Munition zu Jagden in der Umgebung, und Jagdurlaub auf längere Dauer wurde mit Vergnügen gewährt und sogar durch kleine Geldhilfen unterstützt. Nur um 7 Uhr abends unterbrach noch einmal eine militärische Zeremonie das Leben der Beschaulichkeit. Dann wurde unter den Klängen des _star spangled banner_, von der Kapelle gespielt, feierlich die Flagge vor dem Hause des Kommandeurs niedergeholt, während die Mannschaften auf dem Paradegrund angetreten waren und weißbehandschuht die amerikanischen Farben salutierten. Des Abends dann standen dem müden Mann zwei Kantinen zur Verfügung, allwo er sich von den Strapazen des Tages erholen konnte; eine offizielle Fortkantine in den Linien und eine höchst unoffizielle Kantinenkneipe außerhalb der Linien, die im Verborgenen blühte. In der Fortkantine gab es leichtes Bier, unschuldige Brettspiele, allerlei Wochenschriften und sogar gelegentlich fromme Traktätchen, die aber sehr bald zu verschwinden pflegten; die heimliche Kantine wartete mit stärkeren Genüssen auf. Denn Mr. Regulärer hatte auch seine kleinen Laster, deren vornehmlichstes es war, daß er sich mit Haut und Haaren dem Spielteufel verschrieben hatte. So fein, so ausdauernd, und so bodenlos leichtsinnig wie er spielte niemand Poker, und wenn der Zahlmeister gekommen war mit den 13 Dollars, so ließ es ihm sicher keine Ruhe, bis sie sich entweder sehr vermehrt hatten oder gänzlich heidi waren. So fanden sich die Regulären und die Spielratten der Umgebung in trautem Verein in der heimlichen Kantine zusammen, um sich bei schlechtem Whisky gegenseitig die Hälse abzuspielen. Die Umgebung kam übrigens gewöhnlich sehr schlecht dabei weg.
Ein militärisches Idyll.
Mehr Sport und Training, als militärische Ausbildung. Ein oberflächlicher Beobachter konnte den Eindruck gewinnen, daß Onkel Sam nutzlos Unsummen von Geld für dieses Spielzeug einer Armee ausgab. Denn der Mann, der so beschaulich dahinlebte, bezog eine monatliche Löhnung von dreizehn Dollars, die obendrein von Jahr zu Jahr stieg; er erhielt ein so reichliches Kleidergeld, daß er sich noch manchen Dollar ersparen konnte im Jahr; er wurde beherbergt und beköstigt wie kein anderer Soldat der Welt. Onkel Sam sorgte für ihn in jeder Weise. Nach Ablauf einer gewissen Dienstzeit durfte er sich verheiraten und hatte Anspruch auf ein Häuschen hinter den Linien und auf doppelte Rationen -- er war pensionsberechtigt -- er bekam sogar ein hübsches Sümmchen in bar, wenn seine jeweilige Dienstzeit von drei Jahren abgelaufen war. Freilich mußte er dabei Glück haben. Eine eigentümliche Gepflogenheit der Armee nämlich schrieb vor, daß der Soldat nach Ablauf seiner Dienstzeit auf Staatskosten nach dem Orte zurückbefördert werden mußte, wo er sich hatte anwerben lassen, und zwar durfte er sich die Art dieser Beförderung selber aussuchen. Er durfte Eisenbahn fahren -- konnte aber auch marschieren. Zog er den Weg zu Fuß vor, so verlangte der gute Onkel Sam nur einen Marsch von 15 englischen Meilen an jedem Tag von ihm und zahlte ihm für jeden Tag Löhnung, Menagegeld, Kleidergeld und so weiter. War nun ein Soldat so glücklich gewesen, sich in Neuyork anwerben zu lassen und in das Presidio von San Franzisko versetzt zu werden, so hatte er für den Rückmarsch die Kleinigkeit von 4500 englischen Meilen zurückzulegen, wozu ihm nach der militärischen Berechnungsformel 300 Tage gewährt werden mußten -- was auf eine Geldentschädigung von ungefähr 450 Dollars in bar hinauslief. Das Unikum aber war, daß natürlich kein entlassener Soldat jemals marschierte! Die ganze Sache war eine Fiktion. Wenn der Zahlmeister einem Mann nach Ablauf seiner drei Jahre die restliche Löhnung und das aufgesammelte Kindergeld ausbezahlte, so machte er ihn pflichtgemäß darauf aufmerksam, daß ihm freie Rückbeförderung zustehe:
»Wünschen Sie zu marschieren?«
»Jawohl, Herr Zahlmeister!«
Worauf eine amtliche Karte hervorgeholt, umständlich ausgerechnet, wie lange der Weg sei, und das entsprechende Geld in bar ausbezahlt wurde.
Der entlassene Mann aber salutierte, grinste, und ging sofort ins Nebenzimmer zum Adjutanten, um sich auf der Stelle neu anwerben zu lassen und in fünf Minuten von neuem wieder Soldat zu sein!
War der Entlassene nun gar Unteroffizier mit höherer Löhnung, so konnte diese niedliche Wegzehrung für einen Weg, der niemals marschiert wurde, weit über tausend Dollars betragen! Und in jeder Beziehung hatte Onkel Sam einen offenen Geldbeutel für seine Berufssoldaten. Es klingt humoristisch, ist aber absolute Tatsache, daß vom Korporal aufwärts sämtliche Chargen bei Dienstreisen nicht nur Anspruch auf Beförderung erster Klasse, sondern auch auf einen Platz im _Pullman-Car_, im Schlafwagen haben!
Doch der gute, reiche, verschwenderische Onkel Sam wußte sehr wohl, was er tat.
Für ihn bedeuteten die Männer des geruhigen Lebens in den kleinen Forts eine stets schlagbereite Polizeitruppe von alten Soldaten, die ihre besonderen Aufgaben bis ins kleinste hinein kannte. Die Vereinigten Staaten brauchten gar keine Armee im europäischen Sinn. Was sie brauchten, waren Männer, die in ganz kleinen Verbänden unter der Führung eines Sergeanten oder gar eines Korporals vollkommen selbständig handeln konnten -- die beschwerliche Märsche von Hunderten von Meilen hinter Indianern her ohne lange Vorbereitung wagten -- die Waldbrände eindämmten -- die, in einem Wort, in den ungeheuren einsamen Gebieten des Westens die Ordnung und die Macht des Staates verkörperten. Dazu und zu nichts anderem war der Reguläre da, und er mochte immerhin faulenzen in den Zeiten des Friedens, wenn er nur sein Handwerk verstand und stets bereit war, in fünf Minuten auszurücken. Daraus erklärte sich der Mangel an intensiver militärischer Arbeit. War der _rooky_, der Rekrut, einmal ausgebildet, ein Schütze, trainiert, praktisch, so verlangte man nichts mehr von ihm. Obendrein bestand die reguläre Armee zu sieben Zehnteln aus alten Soldaten mit mehr als sechs Dienstjahren, die ihren Beruf genau so kannten und liebten wie der Offizier.
Die Vereinigten Staaten hatten also vorzügliche Soldaten, aber eigentlich keine Armee, so sonderbar das klingen mag.
Allgemeine militärische Dinge wurden gänzlich vernachlässigt auf Kosten der Einzelausbildung. Die Kavallerie betrieb Reiten als Sport und erzielte Höchstleistungen besonders im Voltigieren und in Dressur. Die Infanterie arbeitete auf Schießleistungen und Training hin und pflegte nebenbei Marotten, wie das Polieren der Gewehrschäfte und eine peinliche persönliche Sauberkeit, wenn man das eine Marotte nennen kann. Andere Waffen spezialisierten sich weit über die militärischen Grenzen hinaus. Das Signalkorps zerstreute seine fünfzig Sergeanten über das ganze Land und verwendete sie zum Telegraphendienst und Wetterdienst in unzugänglichen Gegenden. Die Pioniere waren kaum mehr Soldaten, sondern Angestellte des Staates, für öffentliche Arbeiten wie Flußregulierungen des Mississippi, Hafenbauten, Entwässern von Sümpfen; eine Doppelstellung, die beibehalten worden ist bis auf den heutigen Tag: Pionieroffiziere der regulären amerikanischen Armee sind die leitenden Ingenieure des Panamakanalbaues.
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Unter derartigen Verhältnissen hatten schon die Organisierung, der Transport, die Verpflegung, und die Führung der kleinen kubanischen Armee von 20000 Mann ungeheure Schwierigkeiten gemacht; Schwierigkeiten, die nur durch einen Aufwand von Millionen und Abermillionen an Geld und eine gewisse Dezentralisation zu überwinden gewesen waren. Das Kriegsministerium hatte auf eine einheitliche Leitung der militärischen Affären verzichten und einzelne befähigte Männer mit großer Machtvollkommenheit ausstatten müssen. Die jungen Offiziere der regulären Armee, um viele Grade befördert, organisierten die von ihnen kommandierten Truppenabteilungen völlig selbständig.
Aehnlich war die Lage nach dem Kriege. Das Freiwilligensystem hatte trotz der Erfolge im Santiagotal doch im großen und ganzen auf längere Dauer versagt und mußte für die Besetzung der Inseln und die Kämpfe in den Philippinen völlig umgewandelt werden. Man entschloß sich in Washington wiederum zur Dezentralisation und vertraute die Neuorganisierung einzelnen der befähigsten Köpfe unter den höheren Offizieren selbständig an.
Die ungeheure Arbeit, die nun folgte, erlebte ich unter Major Stevens in engem Rahmen bei der Neubildung des Signalkorps mit.
Das Signalfort bei Washington.
Orville Wright in Fort Myer. -- Eine Erinnerung. -- Der amerikanische Nationalfriedhof. -- Unser Einzug ins Fort. -- Hastings und der Kavalleriewachtmeister. -- Major Stevens und sein Oho! -- Die erste Paroleausgabe. -- Im Materialdepot zu Washington. -- Amerikanische Wirtschaft aus dem Vollen. -- Wie der Major zauberte. -- Hastings will verdammt sein...
Nie wieder im späteren Leben standen die Wiesen, die Wälder, die kleinen Holzhäuser, der sonnige Hügel mit dem weiten Blick auf Washington, die den Militärposten von Fort Myer in Virginien bilden, so deutlich vor meinem geistigen Auge als an jenem Abend vor einigen Jahren, da ich in meinem Hamburger Heim die Zeitungsmeldung las, die damals ein Weltereignis bedeutete: Orville Wright, der eine der beiden geheimnisvollen Brüder Wright, von denen immer wieder behauptet wurde, sie seien auf dem unzugänglichen Gebiet ihrer einsamen Farm zum erstenmal in der Geschichte der Menschheit wirklich geflogen, hatte sein Wunder von einer Maschine, das erste Flugzeug der Welt, in Fort Myer einer Kommission von Signaloffizieren der amerikanischen Armee vorgeführt und war geflogen! Die Luft war erobert. Aber das wahrgewordene Traumbild von fliegenden Menschen machte kaum stärkeren Eindruck auf mich als die Beschreibungen meines alten Signalforts, die nun die großen Blätter brachten, denn auf den Namen Fort Myer horchte damals die Welt. Die drei Ballonhallen wurden geschildert, die unten am Wiesengrund erbaut worden waren; die Einrichtungen für drahtlose Telegraphie, die einen gewaltigen Komplex umfaßte; die Laboratorien, in denen technische Offiziere Tag und Nacht daran arbeiteten, die neuen Entdeckungen auf dem Gebiete des Verkehrswesen für das amerikanische Signalkorps nutzbar zu machen.
Und es mutete mich sonderbar und unheimlich fast an, daß mir der liebe alte Ort da drüben, seine Menschen, seine Dinge, seine Art nun so fremd waren, als hätte ich nie die schwarzsilbernen Streifen und die bunten Flaggen auf den Aermeln getragen -- niemals im Funkendonnern des drahtlosen Sendeapparats gesessen -- nie mitgearbeitet am Taster, bei den Flaggen, in den photographischen Dunkelkammern, in den Ballonwerkstätten...
So verschwommen, so weit entfernt war all das, als sei es ein unwirkliches Märchen. Ich stellte mir vor, ich trüge noch Sergeantenuniform, und lachte, und widmete eine lange Nacht alten Erinnerungen. Jetzt wurden dort Flugzeugschuppen gebaut; Wissenschaftler arbeiteten in Laboratorien -- -- -- Den Grund aber zu diesem Bau hatten ein simpler Major, ein simpler Leutnant, und noch simplere neun Sergeanten gelegt, und wir hatten gearbeitet wie Verrückte, und der Major wäre beinahe vor ein Kriegsgericht gekommen, weil ihm jeder Weg gerecht gewesen war, dem widerspenstigen Kriegsministerium das nötige Geld abzulocken...
Die alten Bilder schwebten mir vor in jener Nacht. Wie köstlich war die Arbeitswut gewesen, die uns alle damals gepackt hatte -- wie hatten sie geklappert und spektakelt überall, die Instrumente! Wie pilzartig schnell war die Ballonhalle unten im Wiesental in die Höhe geschossen; wie rasend eilig hatten wir sie zurechtgeknetet, die Signalrekruten; wie wundersam verändert waren wir neun Sergeanten über Nacht fast aus einem untätigen Häuflein von geruhsamen Zeltbewohnern zu machtbesitzenden Führern des neuen Signalnachwuchses geworden, zu Organisatoren, zu fieberhetzenden Arbeitern voller Verantwortlichkeit!
Dort am Waldrand hatten einst die drahtlosen Funken gesprüht, über jenen Hügel hatte ich den Draht nach Washington legen lassen, in diesem Bürozimmer die geldheischenden Berichte an das Kriegsministerium verfaßt... Ach, was waren das für schöne Zeiten gewesen! Ein deutscher Hauptmann und Kompagniechef besitzt nicht die Machtvollkommenheit, die damals in unseren Händen war! Und ich dachte an die Aberhunderte von Befehlen, die ich signiert hatte: »_Ca Sgt_« Carlé -- Sergeant. Sergeant Carlé! Wie sonderbar das heute klingt...
Im Erinnern ist es wirklich ein Märchen!
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An einem Spätherbstnachmittag des Jahres 1898 marschierten wir durch die stille Ringstraße der Bundesstadt Washington; still im Vergleich zu dem lärmenden Hasten und Dröhnen des Arbeitstages in anderen amerikanischen Großstädten. Dort im Hintergrunde wölbte sich die gewaltige Kuppel des Repräsentantenhauses; hier, hervorleuchtend zwischen herbstfarbenem Gebüsch stand in einer weiten Rasenfläche das Weiße Haus. Durch kleinere Straßen ging es dann, alle still und friedlich, in eine Vorstadt und dem Potomac zu, dessen schlammige gelbe Fluten träge dahinflossen. Drüben über der Brücke begann schon das Gebiet des Staates Virginien. Denn der Distrikt von Columbien umfaßt nur die Stadt Washington selbst, wurde er doch einst herausgeschnitten aus zwei Staaten, Virginia und Maryland, als die begeisterten Freiheitsmänner der jungen amerikanischen Republik beschlossen, daß die Bundeshauptstadt allen gehören müsse und keinem, auf daß kein einzelner Staat sich des Vorzugs rühmen könne, der Sitz der Regierung zu sein.
Vor uns lag buschiges Hügelland, und bald besagte eine Tafel in der einfachen amerikanischen Art _U. S. military territory_ -- Militärland der Vereinigten Staaten. Es mußten Männer weiser Voraussicht gewesen sein, die einst diesen wundervollen Flecken Landes, stundenbreit und stundenlang, für die Regierung angekauft hatten. In bunter Reihenfolge wechselten weite Wiesenflächen, tiefe Wälder, und hügeliger Busch. Die Straße selbst stieg in leichter Krümmung stetig aufwärts, dem Fort entgegen. Als wir an einem Wiesengrund vorbeikamen, blieb Major Stevens plötzlich stehen und rief, wie im Impuls des Augenblicks:
»Dorthin bauen wir die Ballonhalle!«
Und nach vier Monaten stand auch die Halle genau auf dem bezeichneten Fleck.
Häuschen in langer Reihe tauchten auf, die Offizierslinien, und im Rechteck schloß sich ein langer niedriger Holzbau mit breiten Veranden an, das Mannschaftsquartier. Dann kamen auf der anderen Seite des Paradegrunds die Adjutantur und Quartiermeistergebäude und weit drüben über einer großen Wiese Backsteinbauten; kleine Häuser und Ställe. Die Gebäude, die wir zuerst gesehen hatten, waren das alte Fort Myer, das nun vorläufiges Hauptquartier des Signalkorps werden sollte, bis die neuen Quartiere unten im Wald gebaut waren. Die 6. Kavallerie, die hier mit drei Schwadronen garnisonierte, hatte die alten Holzbauten schon vor Jahren verlassen und war in das neue Fort beim Arlington-Friedhof hinübergezogen. »Forts« im üblichen Sinne des Worts waren freilich weder das alte Fort Myer noch das neue. Denn heutzutage und damals schon besaß Onkel Sam wirkliche Befestigungen nur an wenigen Küstenorten, und den Namen Fort für einen militärischen Garnisonsort hatte nur alte Tradition aus den Zeiten gerettet, wo die militärischen Punkte im Indianergebiet tatsächlich kleine wohlgeschützte Festungen waren und sein mußten.
Die drei Kavallerieschwadronen waren die ständige Ehrenwache von Arlington Höhe, dem großartigen Nationalfriedhof der Vereinigten Staaten. Drüben zwischen den beiden Forts schlummerten in langen Reihen unter Zypressen, Trauerweiden, Rosengesträuch die amerikanischen Präsidenten, die großen Generale des Bürgerkriegs, und Tausende und Abertausende von Soldaten, gefallen auf dem Felde der Ehre. Wenige Wochen später reihte sich an die Toten aus dem Bürgerkrieg und den Indianerscharmützeln ein neues weites Totenfeld, denn die in Kuba gefallenen und begrabenen Offiziere und Soldaten wurden in Zinksärgen nach der Heimat gebracht und feierlich im Nationalfriedhof von Arlington bestattet.
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»Halt! Wer da?« rief schallend die Kavalleriewache an.
»Bewaffnetes Militär der Vereinigten Staaten,« antwortete der Major zurück.