Der Deutsche Lausbub in Amerika: Erinnerungen und Eindrücke. Band 3 (von 3)

Part 17

Chapter 173,503 wordsPublic domain

Frederick Haveland aber und ich schritten eilig, hochaufgerichtet, ohne den Versuch zu machen, uns zu verbergen, über den hitzesprühenden Boden dem Häuschen zu. Es war einmal weiß angestrichen gewesen; jetzt klafften an den Wänden große graue und braune Schmutzflecken. Auf der Veranda war zwischen Pfosten und Rückwand eine sonderbare Hängematte gespannt, ein Tierfell anscheinend. Wir stießen die Türe auf. Das eine Fenster war zerbrochen, das andere schmutzig, ein eiserner Kochofen stand an der linken Wand, leere Konservenbüchsen und Flaschen lagen umher. Nächste Tür -- nächstes Zimmer. Und ich blieb an der Tür stehen. Auf einem einfachen eisernen Feldbett in der Mitte des Zimmers lag ein Mann, im schneeweißen Leinenanzug, und das Gesicht dieses Mannes war schreiend kupfergelb, zwischen Gelb und Rot, kupfrig. Er hatte sich auf den einen Arm gestützt, wie aus dem Schlaf aufgeschreckt, und seine Rechte hielt einen Revolver. Die Augen leuchteten wie Lichter. Ich sah gleichzeitig den Mann, die Augen, die Waffe, die Kleinigkeiten des Zimmers -- die schönen Felle am Boden, die eiserne Kassette vor dem Bett, den schlichten Waschtisch, die Fläschchen und Büchsen auf einem kleinen Tisch, den Winchester-Repetierer an der Wand. Dann konzentrierte sich mein Blick auf die Waffe in des anderen Hand. Sie blieb gesenkt.

»Hoho -- Haveland ist's!« sagte der Mann mit dem Kupfergesicht dünnstimmig.

»Guten Morgen, Matthews,« preßte Haveland hervor. »Du siehst krank aus.«

»Bin ich auch, Freund. Leber! Aber mein Stimmchen sagt mir, daß Mi--ü--üster Haveland nicht gekommen ist, um sich nach meiner verdammten Gesundheit zu erkundigen. Reden wir also Geschäft, Haveland. Aber ich warne dich« -- sonderbar, wie stählern hart die dünne Stimme klang -- »daß du zu spät kommst, mein Lieber. Ich habe gewissen Leuten viel Geld verdient, und ich gedenke nicht, mir irgend welche Vorschriften machen zu lassen, wenn ich den Weg klar vor mir sehe, für diese Leute =und= für mich endlich so etwas wie Millionen fingern zu können. Du hast das geschickt gemacht, Haveland -- Privatdampfer, direkt, was? -- aber du kommst zu spät. Wer ist der Mann da?«

»Freund; kommandiert sechzehn Amerikaner, die draußen warten.«

»Sechzehn -- das ist aber unangenehm,« sagte die dünne Stimme ruhig. »Dann wollen wir das Dings da« -- er ließ den Revolver fallen -- »weglegen. Rede Geschäft, Haveland!«

»Matthews -- du kennst mich?« fragte Frederick Haveland, sich auf einen Stuhl setzend.

»J--ja. Ich kenne dich.«

»Du weißt, daß ich -- hm, fast immer auf der richtigen Seite bin?«

»Diesmal nicht.«

»Willst du mir einige Fragen beantworten? Aber richtig!«

»J--ja. Lügen hat in unserem Fall keinen Zweck.«

»Gut! Du unterstützst Morales?«

»Jawohl.«

»Wieviel Geld hast du ihm gegeben?«

»Rund sechzigtausend Gold.«

»Und die halbe Million?«

»Noch nicht.«

»Gottseidank! -- Gottseidank! -- Wo ist das Geld?«

»Englische Bank, Jamaika. Andere Leute wissen auch mit praktischen kleinen Privatdampfern umzugehen, mein Lieber,« piepste die dünne Stimme. »Und nun hör' zu, Haveland. Ueber dieses Geld verfüge ich, vielleicht auch noch der liebe Gott, aber sonst ganz bestimmt niemand -- Leber oder keine Leber! Ich kenne dieses Land und ich weiß, daß der ehemalige Ochsentreiber Castro, der sich jetzt Präsident schimpfen läßt, die längste Zeit mißgewirtschaftet hat. Morales steht hier mit 500 Mann, in Caracas warten seine Anhänger nur auf ihn, in den Provinzen ist seit vielen Monaten alles vorbereitet. Es wird ein einziger Schlag sein in einer schönen Nacht -- Caracas ist nicht weit von hier, mein Lieber -- und -- aus -- damit. Früher wurde der Fehler begangen, diese Dinge in entfernten Provinzen anzuzetteln, wir aber schlagen nach dem Herzen und schlagen schnell.«

»Und die Kompensationen, Matthews?«

»Darüber rede ich nicht.«

»Gut!« sagte Haveland. »Das kann ich verstehen, Matthews! Die Männer, für die ich spreche, geben keinen roten Heller für Castro. Keinen roten Heller für Morales. Und sehr wenig -- entschuldige! -- für Percy F. Matthews. Es ist alles nur pures Geschäft. Wir wissen --« hart, scharf, schnell kamen die Worte -- »daß seit dreizehn Tagen der Standort deines Morales in Caracas bekannt ist; wir wissen, daß alle gefährdeten Punkte schärfstens bewacht werden; wir wissen, daß Castro seiner Leute sicher ist, denn europäisches Geld ist ihm beigesprungen, das er richtig verwendet hat -- und wir wissen endlich, daß die Vereinigten Staaten unsere Ansprüche nicht unterstützen werden, wenn wir uns an Anschlägen auf die bestehende Regierung beteiligen. Verstehen Sie mich jetzt, Mr. Percy F. Matthews?«

»Großer Gott!« sagte unser Mann, schwer keuchend. »Gib mir mal die silberne Spritze dort, Haveland -- und das Fläschchen; nein, das kleine, blaue -- 's ist nur Kokain -- so! Danke!« Er stach am Oberarm ein und richtete sich dann langsam auf.

»Ich muß Morales warnen,« sagte er langsam.

»Wie du willst. Ich mache dich aber darauf aufmerksam, daß es meiner Ansicht nach nur einen einzigen gangbaren Weg gibt, aus dieser Affäre herauszukommen. Wir müssen augenblicklich fort. Mein Dampfer wartet. Du darfst mit dieser Sache nichts mehr zu tun haben. Hat Morales etwas Schriftliches von dir oder irgend jemand?«

»N--ein.«

»Gut. Unser Ziel ist Caracas, und wieviel Geld es uns kosten wird -- -- --«

Er hielt inne, die Augen weit aufgerissen. Ich war in die Höhe geschnellt.

Geisterig ertönte Geknatter.

Unregelmäßig, rollend, fern, aber klar und deutlich.

Haveland sah mich an.

»Infanteriefeuer!« sagte ich kurz.

»_Hell!_ Morales wird angegriffen! Schnell, Matthews!«

»Ihr müßt mich tragen --«

»Höll' und Teufel! Schnell, schnell, Matthews -- hol deine Leute, Ed -- --«

Wir rissen die eisernen Füße vom Feldbett, fieberhaft arbeitend, denn das Feuern kam rasend schnell näher, und hatten rasch eine halbwegs praktische Tragbahre konstruiert. Dann ging es im Laufschritt dem Pfad zu, vier Mann mit dem Kranken voraus. Matthews fluchte fürchterliche Flüche dabei, direkt unanständig, und hielt krampfhaft seine eiserne Kassette fest, die er mit auf die Bahre genommen hatte. Befehle zu erteilen, war durchaus unnötig; die Leute hatten augenblicklich begriffen, auf was es ankam -- Eile, schnellste Eile, Blitzeseile, und sie mochten ahnen, daß es um Haut und Kragen ging. Haveland, Jack und ich bildeten die Nachhut. Als wir den Waldrand eben erreicht hatten -- die Bahre war voraus -- tauchte drüben ein Reiter auf, gefolgt von undeutlichen Gestalten, die Gewehre schwangen. Im nächsten Augenblick knallten Schüsse, und hoch über unseren Köpfen zischten Kugeln.

»Das geht nicht,« sagte ich. »Vorwärts, da vorne! Ihr könnt euch nachher drei Wochen lang ausruhen! Rasch! Noch schneller! Wer ist das, Haveland?«

»Weiß nicht,« war die keuchende Antwort. »Wir müssen den Dampfer erreichen und -- allein erreichen. Sie würden uns niederschießen wie Hunde, ob's nun Revolutionäre sind oder Regierungstruppen!«

»Versprengte Revolutionäre, wahrscheinlich,« erwiderte ich, rasch nachdenkend. »Sie haben auf uns geschossen -- das macht die Sache einfach -- Jack, auf das Pferd, -- niedrig halten, um Gotteswillen -- Leggy, komm' her -- das Pferd dort...«

Mein Colt knallte als erster, und vor dem Pferd spritzten Erdfetzen auf. Fast gleichzeitig mit meinem zweiten Schuß dröhnte es links und rechts neben mir. Pferd und Reiter wälzten sich auf dem Boden.

»Hoffe, er hat sich den Hals gebrochen --« schrie Jack jubelnd. »Gutes Schießen! Das waren fünfhundert Schritt, kalkulier' ich!«

Und wieder schlugen Kugeln um uns ein.

»Weiter!« brüllte ich. »Sie wissen nicht, wer wir sind und wie viele wir sind! Hier, Leute! Feuert in die Luft -- schnell -- alle sechs Schüsse -- wollen ihnen Angst einjagen -- so -- soo--!«

Geknalle, Gedröhne --

=Weiter!!=

Und ein wahnsinniges Rennen begann; ein Springen, ein Hetzen, ein blindes Vorwärtsstürmen, ein Vorwärtsschleppen der Bahre, ein Aufbieten der letzten Kräfte, und Schüsse knallten hinten, und Geschosse umzischten uns, und ich ließ aufs Geratewohl feuern. Dann wurde es still.

»Das Signal!« keuchte Haveland.

In zehn Sekunden war ein Stock geschnitten. Das Feuergeschoß zischte mit scharfem Knall schnurgerade in die Höhe, aber die Flammengarbe hatte in der dünnen grellbesonnten Luft nur mäßige Leuchtkraft. Es blieb still. Nach zweihundert Schritten feuerten wir eine zweite Rakete; dann in kurzen Zwischenräumen eine dritte, vierte fünfte. Es blieb immer noch still.

»In zwanzig Minuten haben wir's!« stieß Haveland hervor.

Weiter -- weiter!

Der Schweiß lief in Strömen von mir herab und vor den Augen tanzten mir glühende Sterne und mein Atem kam und ging mit pumpenden keuchenden Stößen. Neben mir rannten Menschen, keuchend, stolpernd, fluchend -- weit vorne schwankte die Bahre hart auf und ab. Der Mann mit der kranken Leber büßte in dieser Stunde seine sämtlichen Sünden. Ich blieb einen Augenblick lang stehen, den Colt wieder ladend. Fast versagten mir die Füße den Dienst.

Weiter!

Das Ende des letzten Streiches.

Endlich am Strand. -- Der Dampfer wartet. -- Das überfüllte Boot. -- Jack und ich bleiben zurück. -- Der Dampfer läßt uns im Stich. -- Das Kriegsschiff der Vereinigten Staaten. -- Wir geben Raketensignale und ein Boot holt uns ab. -- Der Marinekadett verhaftet uns. -- Ein altes Gesicht. -- Eine kleine Ohnmacht. -- Der Wahnsinn der Wirklichkeit. -- Wie durch Billys Hilfe sich alles in Wohlgefallen auflöste. -- Das Nebelhafte... -- Wie schön es ist, etwas nicht zu wissen -- -- --

Die Anwandlung von Schwäche war im Augenblick geschwunden.

Denn da weitete sich der Pfad, und wir waren im niederen Gestrüpp, und der Strand lag knallgelb da, und er war einsam, und greifbar nahe fast schaukelte der Dampfer in leichtem blauen Wellengang, und dicht bei der Strandlinie wartete das Boot. Ein brüllendes Hurra! donnerte durch die Luft.

»Ruhe!« schrie ich. »Ihr könnt auf dem Dampfer brüllen! Schnell!!«

In wenigen Minuten war die Bahre mit dem Kranken durch's seichte Wasser getragen, ins Boot gehoben -- Männer wateten hinterdrein -- kletterten über Sitze...

»Halt!« rief der Bootsmann. »Höchstens noch einer!«

Haveland, der am nächsten war, wurde ins Boot gezogen. Jack und ich blieben zurück. --

Das alles spielte sich blitzschnell ab.

»Wir holen euch in zwanzig Minuten,« rief Haveland noch.

* * * * *

Ich hockte mich in den Sand hin und starrte gleichgültig dem abfahrenden Boot nach, denn mir war schwach und elend zumute. Kein weißer Mann kann in einem Tropenklima seine Kräfte bis aufs äußerste anstrengen, ohne sehr bald zum Ende zu gelangen. Die Luft flimmerte und zitterte. Die Sonne brannte erbarmungslos. Mein einziger Gedankt war: »Wenn ich nur schlafen dürfte...«

Plötzlich pfiff Jack schrill durch die Zähne.

Ich sah auf. Das Boot war halbwegs zwischen Strand und Dampfer. Aus dem Schornstein der _City of Hartford_ qualmten auf einmal schwere schwarze Rauchwolken -- und -- dort am Horizont kräuselte über einem hellen Fleck eine zweite Rauchwolke empor. Der helle Fleck wurde zusehends größer, die Rauchwolke deutlicher, schwärzer...

»Noch 'n alter Dampfer!« murmelte ich schläfrig.

Mechanisch suchte ich die Strandlinie nach links und nach rechts mit den Augen ab, denn ich fürchtete die Küstenwachen, die eigentlich durch unsere Raketen alarmiert sein mußten. Nein; da war niemand. Der helle Fleck wurde weiß; zeigte die schlanken Linien eines Schiffes. Im gleichen Augenblick schien es mir, als ob die Lage der _City of Hartford_ sich verschiebe, und zwanzig Sekunden später konnte ich nicht daran zweifeln, daß der Dampfer in voller Fahrt nach Norden abdampfte.

»_They've left us!_« schrie Jack, wütend aufspringend. »Diese hündischen Söhne von Feiglingen lassen uns im Stich!«

»_Exactly!_« sagte ich ganz ruhig -- in meinem Kopf war wohl etwas nicht völlig in Ordnung -- »und es tut mir nur leid, daß wir keine Winchesters haben. Die Colts tragen nicht so weit. Hätte ich meinen Winchester, so würde ich die Herrschaften auf der Brücke dort sehr krank machen.« -- Mühsam spähte ich durchs Glas nach dem näherkommenden weißen Fleck. -- »Sei ein guter Junge, Jack, und schneide mir zwei Stöcke für Raketen. Die Sterne und Streifen habe ich deutlich gesehen -- weiß ist das Dings auch -- ich müßte mich sehr irren, wenn das nicht ein Kanonenboot der Vereinigten Staaten ist -- deshalb sind die Hunde auch ausgekniffen -- und ich will's lieber mit Onkel Sam zu tun haben als mit der dreckigen Gesellschaft, die uns jeden Augenblick über den Hals kommen kann -- wir wollen zwei Raketen feuern, mein Junge!«

Eine fürchterliche halbe Stunde des Wartens.

Nun war er da, der schlanke weiße Dampfer. Eine Meile weit ungefähr draußen. Mit zitternder Hand zündete ich die Lunten an, und die Feuergarben sprühten in die Höhe... Wir waren wohl beide ein bißchen toll, denn wir rannten wie Verrückte am Strand auf und ab, und knallten Schüsse in die Luft, so schnell wir laden konnten -- -- und brüllten wie besessen, denn vom Schiff löste sich ein dunkler Fleck -- kam schnell auf uns zu...

»Amerikaner! Dachten wir uns!« krähte eine Kinderstimme --

»Was war das für 'n verdammter Dampfer, der da wegfuhr?« --

»Was für 'n Höllengeschäft habt ihr hier?« --

»'rein ins Boot!« --

»Sie sind unter Arrest!« --

»Her mit den Revolvern!« --

»Wir werden Sie schon fixen!«

-- Es ging alles sehr schnell. »Sie sind unter Arrest!« kreischte zum drittenmal der kindergesichtige Marinekadett, der das Boot kommandierte.

»Das ist mir ver--verdammt an--angenehm...« stotterte ich totmüde, und doch grinsend. »B--besten Dank! -- -- --«

Und dann waren wir auf einmal an einer weißen Schiffsseite, und irgend jemand half mir die Stufen einer Kriegsschifftreppe empor, und da standen, höchst undeutlich für mein Auge, Herren in Uniformen und insbesondere eine Gestalt in weißem Flanell, mit einem Gesicht, das mir außerordentlich bekannt vorkam, einem lieben alten Gesicht --

»Guter Gott! Bist du's!« rief es aus dem alten Gesicht.

»Der Kerl sieht wie Billy aus,« stammelte ich, sehr hörbar. »Jawohl, ich bin es! Ich -- der blödsinnigste verdammte Narr seit Erschaffung dieser verrückten Welt -- -- --«

»Amen!« sagte eine alte, liebe Stimme.

Hierauf -- sonderbar -- bin ich wohl zusammengebrochen...

* * * * *

Oh ja, die Wirklichkeit ist immer etwas Wahnsinniges.

Das Schiff war der Vereinigte-Staaten-Zollkreuzer »Albatros« (sagen wir) -- das Schiff heißt =nicht= »Albatros«, und Haveland heißt =durchaus nicht= Haveland, und Matthews hat einen =ganz anderen= Namen als Matthews; aber was bedeutet schließlich ein Name? -- und, wie verrückt doch die Märchen der Wirklichkeit sind! Mein alter Billy vom Schienenstrang, mein lieber Rauher Reiterleutnant, war -- neuernannter Konsul der Vereinigten Staaten für Belize, einem verdammten Hafennest des britischen Honduras, und gondelte vorher im Karibischen Meer noch ein bißchen herum, weil ein amerikanischer Konsul eine Respektsperson ist und besonders weil der Kapitän des Zollkutters der Mann seiner Schwester war! Die Wirklichkeit ist wahrhaft verrückt.

O, es löste sich alles in Frieden und Wohlgefallen auf.

Ich erzählte Billy haarklein, wie sich das alles zugetragen hatte (wenn der Teufel Haveland zu holen gedachte, so hatte er entschieden meinen Segen!) und der Rest war ein großes Gelächter.

»Offiziell weiß ich von nichts!« sagte Kapitän -- -- nun, wenn ich einen Namen nennen wollte, müßte ich doch lügen.

»Ich garantiere, daß er den Mund hält!« warf Billy ein.

Und ich nickte, und so wurde die Sache als Zeitungswert auch noch versaut...

Muß ich erwähnen, daß Billy und ich uns Geschichten erzählten, die siebenundzwanzig dicke Bände gefüllt hätten? Muß ich angeben, daß Jack einen saftigen Anteil von den englischen Sovereigns des guten Haveland erhielt? Ist es nicht selbstverständlich, daß das Schiff uns in Port Kingston, Jamaika absetzte, und daß wir am gleichen Tag Plätze auf dem Postdampfer nach Neuorleans belegten?

* * * * *

So endete die Expedition ins Nebelhafte.

Sie ist hingeschrieben worden nach dem Erinnern der Wirklichkeit, wie die Bilder eines Films aus der Wirklichkeit aufgenommen werden. Es fehlt nur der erklärende Verbindungstext der Lichtspielbühne...

Und damit hat es seine Bewandtnis.

Vor einigen Monaten war ich auf dem Sprung, nach London zu fahren und aus den ausgezeichneten amerikanischen Zeitungsregistraturen des Britischen Museums die Wechselwirkung zwischen venezolanischen Verhältnissen und Maßnahmen des interessierten amerikanischen Kapitals zu der genauen Zeit meines letzten lustigen Streichs festzustellen. Vielleicht hätte sich dann nach Wochen mühseligen Suchens ein Anhaltspunkt ergeben. Diese oder jene Tatsächlichkeit, die eine erklärende Kombination ermöglicht haben würde... Ohne Zweifel standen hinter dem Mann, den ich Haveland nenne, bedeutende Geldinteressen, denn unsere Flibustierfahrt muß Unsummen gekostet haben. Feststeht ferner, daß der wirkliche Interessent die Amerikanische Asphalt-Kompagnie war. Obendrein spielte sich unsere Fahrt kurz vor den internationalen Verwicklungen mit Venezuela ab, über deren einzelne Gründe Belege existieren --

O ja, man hätte kombinieren können!

Aber am Ende erschien es mir häßlich, die lustige Romantik der Wirklichkeit mit grauer Theorie und öden Erklärungsversuchen zu belasten. Das Geschehen muß für sich selbst reden. Ich fuhr nicht nach London. Ich bin es zufrieden, mir lachend zu sagen, daß ein kleines Geheimnis doch viel schöner ist als nüchternes Wissen -- in diesem besonderen Fall! Ich habe für einen klugen und gerissenen Mann die Kastanien aus dem Feuer geholt -- leichtfertigst meinen Hals riskiert (wofür ich heute noch eine gewisse Vorliebe habe!) -- mich um das Naheliegende, Selbstverständliche, Praktische überhaupt nicht gekümmert -- einem grotesken Abenteuer in die Zähne gelacht -- und ich möchte, daß mir die Erinnerung so bleibt, wie sie ist. Echt! Unverwässert! Ich will gar nicht wissen, was mit der _City of Hartford_ geschah -- und ob Castro die bestechenden Schnellfeuergeschütze wirklich bekam -- und wie dieser Spitzbube von Haveland sich endgültig aus der Affäre zog...

Denn es ist manchmal sehr schön -- etwas nicht zu wissen!

Fahrwohl, Amerika!

Neuorleans ist eine außergewöhnlich interessante Stadt, und es scheint mir eine beschämende Erinnerung, daß ich all' das Interessante -- die Mississippi-Levée, den sonderbaren Mischmasch von französischer Grazie und amerikanischer Grellheit, die wundersamen berühmten Bauten der alten Stadtviertel -- so ziemlich verträumte, verschlief, übersah. In einem Mischmasch von Lachen und Mürrischsein...

»O -- du! -- du! --« (so sprach ich zu meinem Spiegelbild, und das Sprechen ermangelte keineswegs der allergrößten Deutlichkeit) -- »Du! Geh' doch wieder auf eine Farm und pflücke Baumwolle mit schwarzen Negern um die Wette! Dazu taugst du! Da hast du ja dein großes Ereignis gehabt -- nettes Ereignis -- vier Stunden und fünfzig Minuten hat es gedauert -- reizend, reizend -- o du...«

»Den Mund mußt du auch noch halten -- o, o!«

»Niedlich -- diese Einfalt, mit der du hinter Haveland hergelaufen bist -- o, o, o,...!«

Aber auf einmal meldete sich ein inneres Stimmchen kichernd:

»Lieber Junge -- es war ja -- jawohl, es war doch wunderschön...«

Und da lachte ich laut und verspürte heißglühende Luft und sah knallgelben Sandstrand und schüttelte den Kopf und wunderte mich, was Haveland jetzt wohl trieb, und ich, der Quecksilberige, ich spielte _solitaire_ im einsamen Hotelzimmer, was auf gut Deutsch _patience_ heißt -- eine wundervoll beruhigende Beschäftigung -- der Kuckuck mag wissen, wie sie aus den Boudoirs Ludwigs des Vierzehnten nach dem modernen Amerika gekommen ist, wo jedermann _patience_ legt -- und grübelte und war ein bißchen krank.

Meine Post kam.

Ich hatte sie mir aus Neuyork, St. Louis, Galveston herbeitelegraphiert. Und es begab sich, daß unter den Briefen zwei deutsche waren, von meiner Mutter, mit trüben Nachrichten von Sorgen und veränderten Verhältnissen, und einmal hieß es -- »hätten wir dich nur hier!« Aber es war hingeschrieben, wie man von etwas Unmöglichem schreibt.

Da sann ich und sann verstimmt.

Und urplötzlich packte mich ein Gedanke, der mir so ungeheuerlich schien, so furchtbar, daß ich entsetzt aufsprang und jäh im Zimmer auf und ab rannte. Der Gedanke fraß sich tiefer ein -- Bilder kamen, Vorstellungen, Sehnen, Wünschen -- wunderliche Pläne huschten durchs Hirn -- ich sah ein altes liebes Gesicht -- ich wandelte in alten Straßen -- und der Gedanke war zum Entschluß geworden...

»Der Wanderweg führt heimwärts!« flüsterte ein zittriges Stimmchen.

»Heiho -- heidi -- etwas Neues!« jubelte der gute, alte, liebe Leichtsinnsteufel. »Hurra -- etwas ganz Neues! Etwas wundervoll Neues!! Rasch nur, rasch, rasch, rasch...«

Ich bestellte telegraphisch in Neuyork eine Kabine auf dem nächsten Europadampfer.

Ich reiste binnen zwei Stunden von Neuorleans ab.

Und schwamm binnen drei Tagen auf dem großen Wasser.

In mir war keine Wehmut, kein Zögern, kein Grübeln. Vorwärts, Neuem entgegen!

Fahrwohl, Amerika!

* * * * *

Ein Mann, der wirklich kein Lausbub mehr genannt werden könnte, wenn er auch jung bleiben möchte und fröhlich in die Welt gucken trotz erschrecklich starken Haarschwunds, und, liebe gute Götter, ein wenig leichtsinnig auch, sitzt im Schreibstuhl und schreibt und starrt dann wieder in die Ecke, wo die Bilder huschen, von den alten amerikanischen Zeiten träumend, in denen er ein Lausbub war.

Wie rasend schnell sie sich abrollten, die Jahre! Wie es sich jagte und überpurzelte, das Erleben, das Verändern, das Schauen, das Lernenmüssen! O, wie sie huschten, die bunten, tollen, wirren, grellen Bilder -- gleich -- gleich den lebendigen und doch so märchenhaften Schatten, die uns weißes Licht aus einem Film an eine Wand wirft...

Nein! Häßlicher Gedanke --

Sie sind ja da, die kleinen hübschen Bildchen, und sie sind möglichst nett gezeichnet worden nach bestem Können, und die dummen Streiche wurden ja allerdings nicht klug und taktvoll verschwiegen, und schließlich könnte man wohl auch sagen, daß all das Zeug ein kleines amerikanisches Kulturbildchen ist -- aber hinter den Bilderchen und den dummen Streichen und all dem Abenteuerlichen steckt ein Gedanke. Ein heißes Wünschen. Stümperhaftigkeit nur war es, die uns das Wollen so viel leichter macht als das Können -- _strange, how desire does outrun performance_! sagt Shakespeare! -- wenn die Buchstabenbilder den Gedanken nicht scharf ausprägten.

Ich singe keine hohen Lieder des Leichtsinns.

Leichtsinn --

Es kommt in dieser sehr schönen Welt im letzten Ende darauf an, auf eigenen Füßen zu stehen und seines eigenen Glückes Schmied zu sein, so altmodisch das auch klingen mag. Laßt sie doch schmieden, die Männer und die Frauen! Laßt sie hämmern! Mann, Mensch, du mußt ja für das alles bar bezahlen an jeder Wegkreuzung des Lebens -- du mußt bezahlen mit harter Münze, mit nagendem Jammer, mit Lebensjahren -- du mußt ganz unweigerlich bezahlen -- und wenn du nur ein ganzer Mann, ein ganzer Mensch bist, der das frißt, was er gekocht hat, das erleidet, was er verschuldete, so magst du den Kopf hochhalten und den Pharisäer verlachen, sei er großer Herr oder kleiner Knecht, der dich schief anblickt.

Deine Kraft ist in dir und nur in dir.

Niemand kann dir wirklich schaden; niemand dir wirklich nützen. Du allein bist der Herr deiner Welt. Und es ist etwas Großes, Herr zu sein --

Laßt sie doch in die Sonne lachen, die Menschen!

Seid frohsinnig!

Vertraut auf euch selber!

Seid stark! Tragt doch grinsend eure Bürden und arbeitet, arbeitet -- dann nur und nur dann dürft ihr leichtsinnig gewesen sein...

So sind frohe Lebensbejahung und starker Glaube an die Kraft des einzelnen Menschen Paten gestanden bei dem Geborenwerden dieser vielen Tausende von Zeilen.

* * * * *