Der Deutsche Lausbub in Amerika: Erinnerungen und Eindrücke. Band 3 (von 3)

Part 14

Chapter 143,458 wordsPublic domain

»Tu' das noch einmal,« sagte eine Stimme in hartem, schlechtem Englisch, »und ich dreh' dir den Hals 'rum! So! Jetzt gehst du vorwärts, langsam, und denkst daran, daß dicht hinter dir ein Mann mit einer Spitzhacke ist, der dir im Notfall gern den Schädel einschlägt!«

»_Allright, allright_,« brummte ich. Etwas Gescheiteres fiel mir nicht ein. Und rieb mir den schmerzenden Hals.

Ich wurde vorwärts gelenkt, gepufft, gestoßen, immer unter denkbar verständlichsten Anspielungen auf die Spitzhacke und meinen Schädel, sah dunkle Hütten, eine Art Straße, ein größeres Haus, wurde hinüberbugsiert, zu einer Tür geschoben, mit einem gewaltigen Puff hineinbefördert, sah Licht, viele Männer in einem großen Raum, und war im Nu umdrängt. Leidenschaftliche Stimmen brüllten auf mich ein --

»Ruhe!« schrie der Mann, der mich gefangen hatte, ein riesiger bärtiger Geselle, der mich bequem hätte erdrücken können.

»Sie haben auf uns geschossen -- 's ist einer vom Büro -- schlagt ihn tot!«

Wilde Gesichter drängten sich dicht vor meinen Augen, gellende Stimmen schrien, und ein harter Schlag traf meine Rippen. Da schlug ich zu, dem nächsten mitten ins Gesicht, und brüllte aus Leibeskräften:

»Ich bin euer Freund -- ich bin euer Freund!«

Es war ein blödsinniger Einfall, aber der Humor der Sachlage wirkte auf die Leute. Ein schallendes Gelächter brach los. Der Riese zerrte mich zum Tisch, über dem eine schmutzige Petroleumlampe baumelte, und starrte mir ins Gesicht.

»Ruhe!« sagte er. »Kennen tu' ich dich nicht. Dachte, ich hätte Mulvaney erwischt, den Aufseher. Wer bist du?«

»Narr, verdammter --« keuchte ich -- »Zeitung, =große= Neuyorker Zeitung -- will über euch schreiben -- in der Zeitung -- verstehst du nicht -- Leute wollen wissen -- wissen, was hier los ist --«

»Die Hölle ist los,« sagte der Riese. »Hm, vom Büro ist er nicht -- ruhig, Jungens. Weiter!«

»Bahnhof angekommen -- alles abgesperrt -- hinten rumgegangen!«

»Scheint mir zu stimmen, Jungens!«

Da wurde die Tür aufgerissen und zwei Männer stürmten herein, die mit einem Satz auf Stühle sprangen. Sie trugen einfache dunkle Anzüge und runde Hüte, die ihnen in dem Gedränge von verschmutzten blauen und braunen Arbeitskleidern etwas Feierliches gaben. Sofort wurde es totenstill. Und eine klingende metallische Stimme schallte durch den Raum:

»Alles vorbei, Jungens!«

»Im Namen der Union der Bergleute erkläre ich den Streik für beendet.«

»Die Blechmarken sind abgeschafft -- Mulvaney ist entlassen -- die Preise der Lebensmittel werden nach dem Standard von Pittsburg reguliert. Wir haben, was wir wollten, Jungens. Die Union hat zu euch gehalten; haltet ihr immerdar zur Union und ihr werdet noch Diamanten tragen!«

Eine Hölle von Lärm brach los.

Weiber stürzten zu ihren Männern, lachend und weinend zugleich; alles schrie, lärmte, zeterte. Die wenigen Amerikaner unter den Bergleuten erklärten denjenigen fremden _Miners_, die halbwegs Englisch verstanden, wie der Sieg errungen worden sei, und diese wieder verdolmetschten es aufgeregt und gestikulierend ihren Landsleuten. Englische, italienische, deutsche, slavische Worte schwirrten wirr durcheinander. Es war ein neuer Turm zu Babel. Mir wurden immer wieder die Hände geschüttelt, und der Riese klopfte mich auf die Schulter, daß ich in die Knie knickte, und der wollte in gebrochenem Englisch erzählen, und jener schrie dazwischen, und es wurde tief getrunken und gellend gejubelt, und ich trank alles in mich ein.

Recht und abermals recht hatten sie, diese armen Teufel, so schien es mir. Eine winzige Ursache hatte den Streik herbeigeführt. Da war ein Aufseher gewesen, ein Irländer namens Mulvaney, der das berüchtigte Hetzpeitschensystem des amerikanischen Unternehmers ein wenig zu straff durchgeführt hatte. Um Höchstleistungen der Arbeitskraft zu erzielen, wurde der einzelne Arbeiter bei jeder Versäumnis mit kleinen Geldstrafen, Zeitverkürzungen, Gewichtsabzügen so gründlich schikaniert, daß endlich den Bergleuten die Geduld riß. Sie rebellierten gegen die tägliche Peitsche. Das war ihnen die Hauptsache. Nebenbei fiel ihnen ein, daß sie auch sonst noch Sorgen hatten. Die lieben Leute in Pittsburg, denen die Mine gehörte, operierten nach uraltem amerikanischem Brauch höchst skrupellos mit der endlosen Kette, die das Geldgetriebe vom Arbeitslohn zum Lebensbedarf in Bewegung setzt. Sie hatten jede Ansiedlung von Kaufleuten zu verhindern gewußt, und das Bergwerk selbst lieferte alle Lebensmittel, alle Kleider, alle kleinen Notwendigkeiten und Genüsse bis hinunter zum Bier. In schlechter Qualität natürlich und zu hohen Preisen.

Man macht das überall so im Land der sogenannten Freiheit, das den Ruhm für sich in Anspruch nehmen darf, dieses kluge System ersonnen zu haben. Sein Witz ist, daß der Unternehmer nicht nur den gewaltigen Unterschied zwischen Eigenkosten und Verkaufspreis einsteckt und ein glänzend rentables Geschäft im Geschäft eröffnet, eine Art Warenhaus, dessen Kunden Zwangskunden sind, weil sie von ihm abhängen, -- sondern er erspart sich die Hauptsorge des Kapitals, die Lohnzahlung! Er schafft sich eine eigene Währung! Blechmarken bekamen diese fremden Arbeitstiere -- der geborene oder auch nur akklimatisierte Amerikaner ist für diese Sorte Arbeit nicht zu haben -- hübsche blecherne Blechmarken, auch auf Vorschuß, so viel sie nur haben wollten. In allen Werten vom Dollar bis zu fünf Cents. Dafür konnten sie in den Läden der Gesellschaft einkaufen. Wenn der Zahltag kam, so bestand die Bezahlung aus einer Quittung über einen so und so hohen Betrag in Blechmarken und der Mitteilung, daß der Arbeiter Soundso noch so und so viel schuldig sei. Ein recht Sparsamer mochte auch einmal einen Dollar oder zwei in bar erhalten. Aber das kam selten vor. So rollte die Kette endlos. Ersparte sich jedoch wirklich einmal ein Arbeiter Blechgeld, so konnte er den fingierten Wert nicht etwa in wirkliches Geld umtauschen, denn das verbot ja das Münzgesetz der Vereinigten Staaten! Nein, er mußte sein Geld im buchstäblichen Sinne des Wortes aufessen. Oh, der amerikanische Kapitalist ist ein lieber Mensch! Man bedarf wirklich keiner besonderen nationalökonomischen Talente, um sich auszurechnen, ein wie ungeheurer Prozentsatz des gezahlten Arbeitslohnes auf diese Weise wieder in die Taschen des Arbeitgebers zurückfließt.

Jetzt waren sie abgeschafft, der Aufseher und die Geldmarken. Dem Aufseher folgte wohl ein anderer, der klüger war, und statt der Blechmarken bekam jeder Arbeiter sein Einkaufsbuch. Die Form hatte sich geändert. Die Sache blieb.

Und ich schüttelte den Kopf und starrte in die leidenschaftlichen Gesichter und versuchte, mir Wort, Mienen, Art einzuprägen. Soldaten von der Miliz kamen; es wurde gelacht, geschrien, gesungen. Spät nachts schrieb ich mitten im Lärm ein langes Telegramm, das die Western Union-Agentur auf dem Bahnhof beförderte. Im Morgengrauen fuhr ich mit einem Frachtzug nach Pittsburg zurück und im sausenden Pullmanwagen entstand dann auf der Fahrt nach Neuyork die menschliche Geschichte eines kleinen Kohlenstreiks.

O ja, sie wurde sofort genommen. Aber meine schönen sozialen Erwägungen strichen sie mir weg.

»Das verstehst du nicht, Söhnchen,« meinte der maßgebende Mann vom _Journal_. »Bleib nur hübsch bei den Bilderchen. Bleib bei deinem menschlichen Interesse!«

* * * * *

Im Grunde pfiff ja wohl auch ich auf die sozialen Erwägungen.

Kaum beschrieben, waren die armen Miners und die klugen Bergwerksherren schon vergessen, denn neue Pläne mußten schleunigst geschmiedet werden. Das Wandern begann im Ernst. War doch der erste Flug ins Land hinaus ein Erfolg gewesen, der nur neue Träume schuf und neues Rebellieren im Blut. Wenige Tage nach der kurzen Fahrt ins pennsylvanische Kohlengebiet verließ ich Neuyork abermals, um nach Baltimore zu hasten -- ein deutsches Schulschiff sollte den Hafen anlaufen, und darüber wollte ich schreiben; wiederum einige Tage in Neuyork darauf -- dann in eine Frühlingskolonie armer Neuyorker Kinder am Hudson -- dann nach Philadelphia, um unter den Größen der Textilindustrie eine Umfrage über die Wirkung des neuen Zolltarifs zu veranstalten, der damals die Gemüter stark erregte -- nun nach Chicago zu Buffalo Bill, der »echte« Rauhe Reiter für seinen riesigen Zirkus angeworben hatte, eine Englandreise plante, und hochinteressante Dinge über die Ausrüstung seines Unternehmens zu erzählen wußte -- zurück nach Neuyork...

So begann das Wandern.

Ich aber begann, steif und fest daran zu glauben, daß ich zu großen Dingen berufen sei!

Nur das Ereignis fehlte noch. Das große Ereignis, von dem jede Freilanze im Zeitungsdienst Tag und Nacht sehnsüchtig träumt in den sonderbarsten Vorstellungen. Man möchte auf einem Schlachtschiff sein im Kampf, die Greuel, die wahnsinnige Aufregung einer Seeschlacht erleben; man müßte der Freund eines Edison, eines Teßla, sein und in das wundersame Gehirn solcher Männer hineinblicken können; man sollte täglichen Ehrgeiz und täglichen Gelderwerb verächtlich weit von sich wegwerfen und ein hartes Jahr lang unter den Hochseefischern Neufundlands leben -- dann, ja dann würde endlich das große Federbild gemalt werden können, das Ruhm und Erfolg bedeutet. Aber die großen Ereignisse sind gar selten und lassen sich nicht schaffen und werden in einer Zeitungsgeneration nur von wenigen Männern erlebt. Das weiß ich heute. Große Schilderer werden geboren. Der Künstler ist unabhängig von Raum, Zeit und Geschehen, denn ihm können die Runzeln eines alten Weibes eine große Offenbarung sein. Damals aber wußte ich das nicht und fühlte es nicht, sondern wartete krampfhaft auf das Ereignis. Quälte mich ab, zermarterte mein Hirn, träumte, jagte und hetzte dem Geschehnis nach.

Es war töricht, doch wenn ich heute mich des Erinnerns freue, so ist es in mir wie trauriges Bedauern ob der bitterhart errungenen Weltklugheit. Ach, das bißchen Weltklugheit! Es gibt schönere und größere Dinge im Erdenleben, von denen ein Einundzwanzigjähriger nicht viel wissen kann, aber es ist etwas Wundervolles um junge Lebensgier, die sich noch jubelnd in törichtes Traumland stürzen kann, weil der schwere Hammer der Welt und der Menschen bis jetzt abgeprallt ist von den jungen Sehnen.

Ach, was waren das für schöne Zeiten, da man noch so selig glücklich sein durfte, die eigene Kraft ins Ungemessene überschätzen zu können, in bunten Träumen nicht nur am hellichten Tag sondern in der Tat. Da man sich so gar nicht fragte:

»Was werden wir essen? Was werden wir trinken?«

Und so begann denn das Wandern, das so töricht war und doch so schön, weil es in heißem Sehnen geschah und glühender Freude an der Arbeit. Meine Freunde rieten mir ab. Die Zeitungen erklärten mir strikt, daß sie sich nur von Fall zu Fall entscheiden würden und keinerlei Unterstützung versprechen könnten. Sie alle schalten mich ziemlich deutlich einen heillosen Narren, der gutes Brot für ungebackenen Kuchen wegwarf. Ich aber lachte und packte meinen Koffer. Frei wollte ich sein. Irgendwo wollte ich das große Zeitungsglück suchen. Bald hier, bald dort, wie der Zufall es bestimmte.

Die Periode des Lebens als wandernder Zeitungsmann umfaßte nicht ganz drei Monate. Sie führte mich von Stadt zu Stadt in buntem Wechsel, bis weit in den Westen hinein -- sie brachte eine Hetzarbeit, die eigentlich auch nicht sehr verschieden war von meinem Neuyorker Berufsleben. In Cripple Creek schossen sie mir eine Kugel ins Bein, weil ich zufällig dabeistand, als drei Silbersucher ihre Argumente durch Revolverschüsse bekräftigten -- auf dem _Cowcatcher_ fuhr ich auch wieder einmal; das war in der Nähe von Denver -- aber sonst passierte nichts besonders Schönes! Es ging mir gut, weder besser noch schlechter als in der Wolkenkratzerstadt.

Es blieb die Sehnsucht nach dem Ereignis. Sie war immer da!

Und wie dann das große Ereignis endlich kam -- das ist eine lustige Geschichte!

Vor dem letzten Lausbubenstreich.

Im St. Louis'er Palasthotel. -- Der einstige Geschirrputzer und seine vergnügte Stimmung. -- Weshalb ich nach St. Louis gekommen war. -- Sergeant O'Bryan der Polizeizentrale. -- Was der betrunkene Mann verriet. -- Die Leichenräuber. -- Ihr Geständnis und meine »_copy_«. -- Frederick Haveland, der Mann mit den vielen Namen. -- Der Gentleman mit der dunklen Existenz. -- _Dynamite-Johnny_, der Dynamit-Kapitän. -- Von Flibustiern und Gesetzlosigkeit. -- Haveland macht mir einen Vorschlag. -- Mein großes Ereignis. -- Eine nebelhaft unklare Expedition nach Venezuela: Der letzte Lausbubenstreich...

Folgendermaßen spielten sich die Dinge ab:

Ich saß im Palasthotel in St. Louis, so um zehn Uhr morgens herum, und aß vergnügten Sinnes ein gewaltiges Frühstück. Kleine Pfannkuchen zum Beginn, und eine Tasse schweren schwarzen Kaffees, und einen Manhattan Cocktail, und ein kleines Steak vom Grill -- und als schönste Delikatesse ein großes Lachen, das zwei ganz verschiedene Gründe hatte.

Grund Nummer eins:

Der _chief waiter_ da, der Oberkellner, der mir so besorgt und diensteifrig ein weiches Kissen zwischen Rohrstuhllehne und Rücken schob, so respektvoll das schlanke Kristallglas auf schwerem Silberbrett präsentierte, war ein alter Bekannter! Und zwar aus Zeiten, wo er jede Bekanntschaft mit mir entrüstet abgelehnt hätte! Armseliger Kupferputzer war ich gewesen da droben in der Höllenküche im dritten Stock dieses Hauses vor wenigen Jährchen -- Luft war ich damals für Mr. Oberkellner, unangenehme Atmosphäre -- und was das kleine Frühstück heute kostete, bedeutete in jenen Zeiten zehn Tage der Qual und des Schweißes. Und ich lachte leise vor mich hin und genoß reine Freuden einer besonderen Art von Eitelkeit, einer grotesken Abart von Humor, wie wohl nur der Emporkömmling sie genießen mag, und empfand ungemessenen Respekt vor mir selbst. Feinfühlig mögen die Empfindungen gerade nicht gewesen sein, aber sie waren von grundehrlicher Menschlichkeit. Man dejeuniere, bitte, einmal in einem Hotel, in dem man einst Kupferputzer gewesen ist, und man wird blitzartig schnell gewisse an und für sich unsympathische Regungen des Protzentums mit großem und liebevollem Verständnis betrachten lernen. So frühstückte also der Küchenjunge von anno dazumal _en grandseigneur_ und schwelgte in protzigen Freuden.

Grund Nummer zwei:

Ich war nach St. Louis von Chicago aus gekommen -- dort hatte ich den Weizenspekulanten Leitner interviewt, aber mit miserablem Resultat -- um über die skandalösen Verhältnisse in den niederen Varietés zu schreiben, die nach Zeitungsmeldungen damals großes Aufsehen erregten. Der _Outsider_ macht derartiges besser als der Kenner der Verhältnisse, der dazu neigt, manches als gegeben und bekannt vorauszusetzen. Darunter leidet die Schilderung. Das erste aber, was ich hörte, als ich auf dem St. Louis'er Bahnhof aus dem _Chicago Flyer_ stieg, war die schneidend grelle Kinderstimme eines Zeitungsboys:

»_Extra! Extra special. The variety scandal! All about the variety scandal!_«

Schleunigst kaufte ich mir mit gemischten Gefühlen das Zeitungsblatt, der _St. Louis Globe Democrat_ war es, und stellte nach einem kurzen Blick auf die Ueberschriften unter noch weit gemischteren Gefühlen sofort fest, daß der Mann vom _Democrat_ genau das getan hatte, was zu tun meine Absicht gewesen war. Er hatte Varieté auf Varieté unter die Lupe genommen, die Grellheiten herausgepackt, und geschildert, geschildert, geschildert. Ausgerutscht, Hänschen! Die _copy_ hatte die _Associated Press_, das große amerikanische Telegraphenbüro, sicherlich schon längst über ganz Amerika weitertelegraphiert, und die Reise nach St. Louis, der Pullmanwagen, die Hotelkosten waren im Handumdrehen zu einer persönlichen Luxusausgabe ohne Zweck und Verstand geworden.

Mißmutig schlenderte ich umher und kam in eine Polizeiwache, die _police central_, die Hauptstation, in der ich aus alten Zeiten bekannt war. Ein betrunkener Irländer wurde hereingeführt, der gewaltig lärmte und nach der üblichen Polizeimethode nicht gerade sanft behandelt wurde. Das reizte den Betrunkenen noch mehr. Er verfluchte mit kräftigsten Flüchen den Wachsergeanten und den Polizisten, der ihn verhaftet hatte, und den Kneipwirt, in dessen Kneipe er verhaftet worden war. Abermals regnete es Püffe und Stöße, und der sinnlos Betrunkene beruhigte sich plötzlich. Er murmelte nur verworrene Worte vor sich hin. Von einer verdammten Kirchhofgeschichte, und einem Pat, der ihn betrügen wolle, und ihm solle man nur ja nicht weißmachen, daß die Doktors nicht schon längst bezahlt hätten. Niemand beachtete ihn.

»Sperrt den Mann in eine Zelle!« befahl der wachhabende Sergeant. »Die Anklage wird auf Betrunkensein und Ruhestörung erhoben werden.«

Ich hatte gedankenlos zugehört, aber plötzlich hatte sich in meinem Kopf eine Ideenverbindung hergestellt. Von einer Kirchhofsgeschichte hatte der Betrunkene etwas gelallt...

»Kann ich Sie fünf Minuten lang allein sprechen, Sergeant?« fragte ich.

»Jawohl, gewiß,« sagte der. »Watson, verlassen Sie das Büro. Was gibt's?«

»Wer war der Mann?«

»Der Betrunkene? Bummler, Levéebummler, uns wohlbekannt, hat schon allerlei Strafen. Bestiehlt betrunkene Matrosen, raubt Güter von den Stapelplätzen, hat uns aber in letzter Zeit verschiedene Informationen gegeben. Augenblicklich liegt nichts gegen ihn vor. Er wird morgen früh ins Gebet genommen und unter Umständen laufen gelassen. Das ist nichts für Sie.«

»Das weiß ich noch nicht, Mr. O'Bryan. Vielleicht ist das, was ich mir denke, barer Unsinn. Aber hören Sie zu: Ich komme von Chicago, und man hat dort von nichts anderem geredet als von den berüchtigten Leichenräubern, die auf Kirchhöfen Leichen für Sezierzwecke stehlen. Es waren --«

»Weiß ich, weiß ich!« unterbrach mich der Sergeant.

»Natürlich. Ich erwähne den Fall nur, damit Sie verstehen, wie ich auf meine Vermutungen komme. Während Sie vorhin mit dem Polizisten sprachen, hat der Verhaftete allerlei konfuses Zeug geschwätzt. Darunter wörtlich folgendes:

›Verdammte Kirchhofgeschichte -- der Hund von einem Pat will mich betrügen -- soll mir nur nicht weißmachen wollen, die Doktors hätten nicht sofort bezahlt.‹

»Wenn man nun, Sergeant, vierundzwanzig Stunden vorher viele Spalten über einen großen Prozeß gegen Leichenräuber gelesen hat wie ich, so macht es einen stutzig, einen Angehörigen der kriminellen Klasse über Betrogenwerden in einer Kirchhofssache sprechen zu hören. Das wäre alles. Was sagen Sie dazu?«

»Daß ich Ihnen Dank schulde,« sagte der Detektivsergeant. »Es mag nichts sein, es kann aber auch sehr viel dahinter stecken.«

Und sofort fing der polizeiliche Apparat zu arbeiten an. Der erwähnte Pat, der Inhaber einer berüchtigten Kneipe an der Mississippi-Levée wurde mitsamt seinen Gästen scharf überwacht. Beamte stellten schon in den ersten Morgenstunden fest, daß auf dem großen Zentralfriedhof am Südende der Stadt, wo fast nur Arme begraben wurden, frische Gräber, offenbare Spuren von neu umgeschaufelter Erde zeigten, die verdächtig waren. Um die Verbrecher nicht zu verscheuchen, wurden nicht einmal die Friedhofsbeamten ins Vertrauen gezogen, sondern eine geheime nächtliche Ueberwachung des Friedhofs organisiert.

Diese Detektivarbeit machte ich mit. Zwischen mir und O'Bryan war ohne viele Worte ein echt amerikanischer Handel abgeschlossen worden; die Neuigkeit sollte mir und nur mir allein gehören, während dem Detektivsergeanten alle Glorie der Entdeckung zufallen mußte.

Drei Nächte des Frierens und der Aufregung verbrachte ich Seite an Seite mit O'Bryan auf dem Kirchhof in einem Oleandergebüsch, auf dem Bauche liegend, und nichts rührte und regte sich in all den qualvoll langen Stunden, in denen ich oft schaudernd daran dachte, daß diese Ueberwachung wochenlang dauern und dann völlig erfolglos sein konnte...

In der vierten Nacht regnete es in Strömen. Wir lagen wiederum in dem verwilderten Oleandergebüsch, inmitten der Hunderte von Gräberreihen, in einer Wasserlache, die ständig größer und kälter wurde, und ich fluchte auf St. Louis und die Polizei und die Verbrecher. Es war schwarzfinstere Nacht. Da blitzte sekundenlang Lichtschein auf, hundert Schritte vielleicht vor uns. Das Klirren eines Spatens auf einen Stein hallte schrill und grell durch das Regengeplätscher. Dann wurde es wieder still und dunkel. Durch meine erstarrten Glieder brauste die Erregung wie ein glühender Feuerstrom, und den Sergeanten neben mir hörte ich schwer keuchen in kurzen heiseren Atemstößen. Einmal glaubte ich, da vorn Gestalten unterscheiden zu können. Nach Minuten, die qualvoll lang erschienen, packte er mich am Arm, zog, schob mich vorwärts, und Zoll für Zoll krochen wir auf die Stelle zu, wo der Lichtschein aufgeflammt war. Und plötzlich schrillte seine Signalpfeife mit fürchterlichem Gellen und im gleichen Augenblick krachte sein Revolver und andere Pfeifen antworteten jäh, und blendendweißer Lichtschein flammte auf. Schüsse krachten. Ich war entsetzt aufgesprungen. Die Lichter der Blendlaternen huschten, suchten, zitterten blitzschnell, vereinigten sich zu einem hellen Lichtkreis.

Da war ein offenes Grab. Verstreute Erde. Ein schwarzer Sarg daneben, erdumkrustet. Drei Männer standen da, geduckt wie Katzen, mit verzerrten Gesichtern um sich starrend, die angstvollen Züge hell beleuchtet von dem erbarmungslosen weißen Licht. Einer der Männer hielt einen Revolver in der ausgestreckten Hand.

»Fallen lassen!« befahl eine Stimme.

Der Revolver fiel. Und rasch sich bewegende Schatten schoben sich in den Lichtkreis, und Handfesseln klickten, und von der Straße her dröhnte der Gong des heransausenden Polizeiwagens. O'Bryan gab seinen Unterbeamten rasch kurze Befehle. Wachen wurden aufgestellt, Verhaftungen angeordnet. Dann stießen harte Fäuste die drei Männer in den Wagen, und im Galopp ging es nach der Zentralstation. Die schmutzstarrenden, nässetriefenden Verbrecher wurden sofort in das Büro geführt, der Polizeistenograph herbeigeholt und das Verhör begonnen.

O'Bryan hatte die Männer kaum eine Viertelstunde lang mit Drohungen und Versprechungen bearbeitet, als sie das Geständnis ablegten, sie hätten in den letzten drei Monaten siebzehn Leichen gestohlen. Eine ganze Reihe von Mittelspersonen hatten dabei die Hände im Spiel gehabt.

Es handelte sich offenbar, wenn es sich auch schwer nachweisen ließ, um einen der in Amerika nicht seltenen Fälle von Leichenraub zu wissenschaftlichen Zwecken. Die Gesetze verbieten die Auslieferung von Leichen an Universitäten oder private Mediziner unter allen Umständen, wenn nicht eine entsprechende testamentarische Verfügung des Gestorbenen vorliegt. Das reiche Material der europäischen Seziersäle, die Leichen von Verbrechern, die Leichen der mittellos in den öffentlichen Krankenhäusern Gestorbenen, steht also dem amerikanischen Mediziner niemals zur Verfügung, sondern er muß Verträge mit lebenden Personen abschließen, ihm ihren Körper nach ihrem Tode zu überlassen. So herrscht ein steter Mangel an Sezierobjekten. Es kommt immer wieder in dieser und jener amerikanischen Stadt vor, daß Leichname gestohlen und an Mediziner verkauft werden. Die Seziersäle zahlen gutes Geld, und es werden beileibe keine unbequemen Fragen gestellt, wenn nur ein testamentarischer Kaufvertrag gezeigt werden kann. Und der läßt sich leicht genug fälschen. So war es auch hier gewesen.

Muß ich erwähnen, daß ich die ganze Nacht hindurch fieberhaft schrieb im Polizeibüro?

Muß ich betonen, daß ich die Kraßheit der Dinge noch krasser färbte? Daß meine Geschichte von den Leichenräubern fürchterliche, knallgelbe, ekelhafte Sensation war?

Muß ich erzählen, daß sie mir viel Geld brachte? Muß ich hervorheben, wie wundervoll ich sie fand und wie ehrlich ich überzeugt war, ein hervorragendes Stück schildernder Zeitungsarbeit geschaffen zu haben? Und mit einem kleinen Herrgöttlein nicht getauscht hätte! Nein; das ist sonnenklar selbstverständlich: Ging doch meine sensationelle Geschichte durch alle Blätter und erregte gewaltiges Aufsehen!

* * * * *