Der Deutsche Lausbub in Amerika: Erinnerungen und Eindrücke. Band 3 (von 3)
Part 12
So arbeitet der Neuyorker Tag und Nacht. Ein Stück von seiner Art habe ich am eigenen Leibe verspürt und ich weiß heute noch nicht, da ich schon längst wieder Europäer geworden bin, ob diese Art etwas wundervoll Triebkräftiges und Lebenförderndes ist oder ob ihr doch nur die jämmerliche Angst vor Not und Mangel zugrunde liegt. Ich habe beide Arten kennen gelernt. Ich habe genau so gelebt wie jene Leute, die der witzige Henry F. Urban ebenso witzig wie ungerecht Neuyorker Dollarmaschinen getauft hat. Auch ich verlernte es, bedächtig zu essen wie ein gesitteter Mensch, weil die knappe Zeit zu Besserem da zu sein schien; auch ich wachte morgens in unbeschreiblich nervöser Arbeitsungeduld auf und ging in Arbeitserregung zu Bett; auch mir war neben der Arbeit alles andere im Tagesleben klein und unwichtig. Ich war auch einer von denen, die in jener besonderen Art von Lebenskampf standen, der alle Seiten dieser Arbeitshast gezeitigt hat. Man ist auf seinen Schädel oder auf seine Hände angewiesen in Neuyork. Man hat für sich selbst zu sorgen. Man weiß als durchschnittlicher Neuyorker außerordentlich wenig von seinem Großvater, und einen Urgroßvater hat man im allgemeinen überhaupt nicht -- und damit keine Tradition, keinen Familienzusammenhang im großen, ganz gewiß nicht jene Kultur, die immer erst der zweiten oder dritten Generation erfolgreicher Menschen beschert wird. So wandelt sich in Neuyork, in dem diese Dinge schärfer zutage treten als anderwärts in Amerika, die Not zur Tugend.
Die Arbeit wird zur Freude. Niedriges Geldhasten zu hohem Ehrbegriff und großem Lebensideal. Und man sollte diese fürchterlich zusammengewürfelte Stadt des Geldes und ihre dahinhastenden Menschen nicht kulturlos schelten. Mir ist mein Arbeitshasten in Neuyork eine unbeschreiblich freudige Erinnerung und es will mir scheinen, als hätte dieses Vorwärtszappeln von Tag zu Tag große Aehnlichkeit mit etwas Schönem gehabt, Begeisterung! Und wenn ich von dem unglücklichen Dollarneuyorker lese, den das furchtbare Arbeitsrad seiner freudlosen harten Stadt unerbittlich vorwärts und immer vorwärts treiben soll, dann denke ich lachend an die frischen Gesichter und das frohe Wesen dieser angeblich so bedauernswerten Leute. Ich habe nirgends so viel Frohsinn im täglichen Arbeitsleben angetroffen, so viel Freude an der Arbeit, so viel Güte im überbürdeten Menschen... Wenn ein armer Teufel in einem der Riesenrestaurants Neuyorks um Arbeit vorfrägt, so wird ihm einer der geplagten Leiter ganz gewiß drei Minuten schenken und als einfache Selbstverständlichkeit ihn anhören -- in den entsprechenden Riesenrestaurants von Berlin oder Paris würde man den Kuckuck dergleichen tun!! Das ist nicht etwa ein ganz vereinzeltes, sondern nur ein besonders merkwürdiges Beispiel! Dieser hastende, eilende, schreckliche, rasende Arbeitsroland von Neuyorker, hat immer ein wenig Zeit und immer ein wenig Güte für das übrig, was man den »lieben« Nebenmenschen zu nennen pflegt. Man merkt das auf Schritt und Tritt. Der berüchtigte _policeman_ gibt einem in liebenswürdigster Weise über alle möglichen und unmöglichen Dinge Auskunft; der reiche Kaufmann empfängt ohne weiteres einen gänzlich Unbekannten, wenn dieser nur einen halbwegs vernünftigen Zweck seines Besuches anzugeben weiß; der Nachbar in der Bar oder im Restaurant hat immer Zeit übrig für eine Liebenswürdigkeit, einen praktischen Hinweis, eine Verbindlichkeit einem ihm völlig Fremden gegenüber. Und das ist wieder einer jener Widersprüche, aus denen der moderne Neuyorker zusammengesetzt zu sein scheint.
* * * * *
So löst es sich aus dem unentwirrbaren Rätselnetz der geheimnisvollen Stadt heraus wie ein Leitfaden. Die dumpfe, graue, häßliche Luft, die Wolkenkratzerriesen umhüllt und erbärmliche Hütten, märchenhaften Reichtum und hündisches Elend, wahnsinnigstes Spekulationshasten und großartiges schöpferisches Arbeiten, alle hohen und niederen Kräfte des Weltgetriebes, -- hat eine Seele. Denn man kann wahrlich sagen, daß es über diesem Ungetüm von Stadt wie eine letzte Essenz in der Luft liegt, aus Großem und Kleinem, aus Schönem und Häßlichem zusammendestilliert:
Arbeit! Schaffen! Tätigkeit!
Und deshalb ist dieses Neuyork, das holländische Kaufleute gründeten und Fremdlinge aller Nationen ausbauten, zu einem typischen Wahrzeichen des Reiches Amerika geworden. Denn nur einen einzigen eigenem Charakterzug hat dieses amerikanische Reich von Fremdlingen aller Nationen Gnaden:
Tätigstes Leben!
Die sogenannte Amerikanerin.
Der Lausbub und die Frauen. -- Die dumpfe Sehnsucht. -- Der Mädelknopf. -- Der langweilige Zeitungsgeselle. -- Nicky's und Flossy's Privatansichten. -- Die Frauen meiner Freunde. -- Mrs. Burton und ihre Ehe. -- Gibt es eine amerikanische Frau? -- Die Becken-Theorie. -- Die verdienende Amerikanerin. -- Die Tragödie der Arbeit. -- Frauentypen. -- Die tolle Abstinenzlerin. -- Frauenverehrung? -- Der grobzotige Amerikaner. -- Das Gibsongirl. -- Tausend Wahrheiten und tausend Widersprüche. -- Es gibt doch keine »Amerikanerin«!
Mein eigenes Leben in der Stadt der hetzenden Eile und des Dollarinstinkts als Ehrbegriff war tätig und nur tätig. Die komische und doch auch wieder stark eigenartige Idiosynkrasie des Zeitungsmannes verbot Beschäftigung mit allem, das nicht »_copy_«, Arbeit, Zeitungsresultat produzierte. Was die Rotationspresse nicht brauchen konnte, war an und für sich eine Nebensächlichkeit -- als Axiom! Alles, was nicht Zeitungsstoff ergab, war verwerfliches, persönliches Vergnügen, zulässig in bescheidenem Maße, aber doch verlorene Zeit -- entgangenes Gut!
So fraß man, ohne auch nur eine Ahnung davon zu haben, den merkwürdigen Neuyorker Ehrbegriff vom nur tätigen Leben in sich hinein, und lebte höchst kulturlos wie die Neuyorker leben.
Kein besseres Beispiel dafür gibt es als die völlig untergeordnete Rolle, die der weltenversetzende Begriff Frau in meinem Neuyorker Zeitungsleben spielte.
Es hatte einfach keinen Platz übrig für Frauen!
Praktisch. Theoretisch stand es im Zeichen einer dumpfen Sehnsucht. Es war dazumal Sitte in Neuyork, daß junge Männer, die gern witzig sein wollten, in jenem verrückten Knopfloch des Männerrocks, für das kein korrespondierender Knopf da ist, statt der Veilchen oder Chrysanthemen ein weißes Emailschildchen trugen. Auf dem stand in roten Buchstaben:
_Girl wanted!_
Mädchen gesucht!
Es war das eine getreue Nachahmung der Ueberschrift in den Annoncenspalten der Zeitungen, in denen Hausfrauen Dienstmädchen suchten: _Girl wanted!_ Nur meinten die jungen Männer etwas ganz anderes. Natürlich fielen die Mädchen immer wieder auf den Witz herein und lachten, und die angenehme Atmosphäre ausgiebigen Flirts war ohne weitere zeitraubende Vorbereitungen gegeben. Ich trug zwar keinen solchen Knopf. Aber in meiner Seele war er stets angeknöpft: _Girls wanted!_ Nur wollte es der Teufel des tätigen Lebens, daß jedesmal, wenn der seelische Knopf wirklich einmal zum Vorschein kommen wollte, schleunigst irgend ein praktischer (höchst interessanter!) Männergedanke aus irgend einer Hirnecke hervorschoß und den schönen Augenblick zerstörte. Nicky sagte einmal:
»Ein Mann wie du ist mir noch nicht vorgekommen! Ich möchte nur einmal erleben, daß du es fertig bringst, länger als fünf Minuten liebenswürdig zu sein! Bin ich nett zu diesem Mann -- und er erzählt mir eine alte Mordgeschichte!«
»Verrückt...« brummte ich.
Und schüttelte verständnislos und arg geniert den Kopf.
* * * * *
Und ich lache und lache, daß mir die Feder wackelt in der Hand. Die guten Götter bescheren mir in diesem Augenblick die Gunst, geisterige Stimmen aus der Vergangenheit hören zu dürfen, für die ich völlig taub war, als sie lebendig klangen. Sie schütteln die Köpfchen, die Neuyorkerinnen von Anno dazumal, und ihre Stimmchen flüstern und lachen. In grobmännliche Töne übersetzt, würden die Stimmen sagen:
Der Esel!
Der Idiot!
Der langweilige Zeitungsgeselle!
Welch grobgehobelter, seelenloser, verständnisbarer Idiot der Sausewind von damals doch Frauen gegenüber gewesen sein muß! Sagte einmal Flossy:
»Deine Frau möchte ich nicht sein! Nicht für drei Millionen!«
»Erstens möchte ich nicht dein Mann sein,« antwortete ich, »und zweitens weshalb nicht?«
»Soso und überhaupt,« meinte Flossy, und in ihre Augen kam der stark wasserhaltige Seelenblick, den ich kannte und stets instinktiv als höchst langweilig empfunden hatte.
»Ueberhaupt!« fuhr sie entrüstet fort. »Du würdest lieber in irgend einer dummen Redaktion vier Stunden verquatschen als bei deiner Frau zu sitzen und nett zu sein!«
»_Flossy, dear --_«
»Geh weg!«
»Weißt du was -- heute abend wollen wir ins Dachgartenrestaurant gehen. Den Zigeunerprimas, der dort fiedelt und der so komische Verbeugungen macht, findest du doch wundervoll!«
»-- und dann erzählst du mir wieder den ganzen Abend von deinen langweiligen Reportergeschichten und --«
Aber sie ging doch mit.
* * * * *
Eines Abends saßen wir im Klub und stellten lachend einen Anfall von allgemeiner Trägheit fest. Holloway hatte seine Pflichten auf einen _assistant_ abgewimmelt, Burton sich vorzeitig aus der Redaktion gedrückt, und Norris meinte gähnend, heute sollten einmal die anderen arbeiten an seiner Stelle. Nach Hause gehen aber wollte keiner so recht. Der eine stimmte für Poker, der andere für ein Varieté, der dritte für einen Bowerybummel. Bis endlich Dick Burton entschied:
»Gaiety-Theater! Die Tänze sollen sehr hübsch sein. Und wir wollen die _ladies_ mitnehmen!«
»Gut!« nickte Holloway.
Und es entstand ein allgemeiner Exodus nach den Telephonzellen, um die Frauen herbeizurufen. Dicky hatte die Polstertüre offen gelassen und ich hörte deutlich sein --
»Jawohl, ins Gaiety-Theater -- die Kinder sind doch schon im Bett -- bißchen fix, Lizzie, -- jawohl, ich bin hier im Klub -- wir gehen alle miteinander -- du fährst natürlich mit der _elevated_ -- in dreißig Minuten kannst du hier sein -- _au revoir, sweetheart_...«
Da riß ich die Augen weit auf und starrte den zurückkehrenden Dicky an, als sei er auf einmal ein ganz anderer Mensch geworden. Nicht um alle Welt hätte ich den Mund halten können --
»Bist -- du -- denn -- verheiratet, Dicky?«
»_Very much so_,« antwortete Dick erstaunt. »Aber sehr! Ganz außergewöhnlich so!«
»Und du hast Kinder?«
»Einen ganzen Hut voll,« grinste Dick. »Vier Stück. Weshalb in aller Welt denn nicht?«
»Buben oder Mädels?«
»Drei Buben und ein Fräulein,« antwortete Burton und sah mich verblüfft an. »Weshalb fragst du eigentlich? Bist du nebenbei Agent für eine Lebensversicherung geworden und soll ich vielleicht dein erstes Opfer sein?«
Ich aber schnappte nach Luft und sah mich hilflos um. Waren die anderen vielleicht auch verheiratet? Da lebte und arbeitete ich seit Monaten mit diesen Männern in engster Gemeinschaft, kannte bis ins Kleinste ihre Arbeit, ihre Leistungen, ihre Geldverhältnisse, ihre Eigenheiten; sie waren mir Freunde und Brüder. Aber wo sie eigentlich wohnten -- wie sie lebten -- und ob sie Frauen und Kinder hatten -- das wußte ich nicht! Darüber hatten sie nie geredet!
»Ist Holloway auch verheiratet?« fragte ich leise.
»Gewiß. Was hast du denn heute?«
»M--m--mm--« brummte ich.
So verwundert war ich und so bodenlos neugierig, daß ich die Minuten zählte bis zum Eintreffen der geheimnisvollen Frauen. Es dauerte auch nicht lange, bis der Diener kam und dann immer wieder kam und immer meldete, eine Dame warte im Empfangszimmer. Zu den geheiligten Klubräumen selbst hatten Frauen natürlich keinen Zutritt. Der betreffende Herr verschwand dann mit einer geradezu unheimlichen Promptheit. Man läßt Frauen nicht warten in Amerika. Zufällig war Mrs. Burton die letzte der eintreffenden Damen, und ich ging mit Dick hinüber.
»_Halloh, Dick_,« sagte händeschüttelnd eine schlanke Dame, so jung, schlank, zierlich und kleinmädchenhaft, daß der Verdacht in mir aufstieg, Dicky müsse die Anzahl seiner Kinder renommistisch übertrieben haben. Drei Buben und ein Mädel und -- Gott verdamm' mich, das kleine Dings da...
»Mr. Carlé, Lizzie -- Mrs. Burton.«
»So erfreut, Sie kennen zu lernen!« sagte eine Kinderstimme. »Gehört habe ich von Ihnen längst, und Ihre Arbeit kenne ich natürlich auch!«
Ich schnappte nach Luft.
Was? Nicht nur Kinder hatte das Kind, sondern sogar von unserer Arbeit wollte es etwas wissen oder gar verstehen? Ich sah die anderen Frauen, sie schienen alle jung und alle schlank zu sein, kaum an und machte nur mechanisch meine Verbeugungen, weil ich meine Augen nicht von dem merkwürdigen Kind lassen konnte. Im Varieté, es war eine _leg show_, wie der Amerikaner diese noch klaftertief unter der europäischen Operette stehenden Tanz- und Singgeschichten nennt, ein »Wadentheater«, kümmerte ich mich wenig um die Bühne und die Beine, sondern hauptsächlich um das Kind mit dem blonden Haar und dem Riesenhut, das vor mir saß. Ich gedachte sie nachher gründlich zu interviewen, diese Mrs. Burton.
Das war einmal eine neue Sorte! Leise lachend überlegte ich mir, daß ich in meinen sechs Jahren amerikanischen Lebens doch recht wenig von Frauen und Frauentum kennengelernt hatte, was bei der Art dieses Lebens ja durchaus nicht zum Verwundern war. Aber komisch kam ich mir doch vor mit meinem tölpelhaften Nichtwissen. War man da hurradix viele Tausende von Meilen umhergekugelt -- wußte ganz genau, weshalb die Neuyorker Frau notwendigerweise ein anderes Menschenkind sein mußte als die San Franziskoer Frau -- vermaß sich kühnlich, ganz bestimmte Ansichten über den verrohenden Einfluß großen Reichtums auf weibliche Reichtumsträger zu haben -- lachte grimmig und wissend, wenn die amerikanische Frauenmanie wieder einmal besonders groteske Verehrungsformen annahm -- und -- -- stand nun da wie vor einem unfaßbaren Rätsel, als einem die doch nicht gerade gänzlich unfaßbare Tatsache gegenübertrat, daß Männer, die man kannte, Frauen hatten... Heute, da sich mit scharfem Erinnern besseres Verstehen paart, ist eine Lizzie Burton, das Kind, eine Verkörperung des besten amerikanischen Frauentyps. Vielleicht mehr.
Bescheiden im Fragen bin ich nie gewesen. »Erzählen Sie mir alles über sich selber!« bat ich das Kind schon bei den Austern im Restaurant.
»Wie unamerikanisch!« lachte Mrs. Burton. »Was ist das Problem? Wenn Sie einen vernünftigen Grund anzugeben wissen, so würde ich vielleicht -- --«
»Das Problem ist folgendes: Wie ist es möglich, daß ein Mann wie Dick Burton, den ein lebenausfüllender Beruf so ziemlich die ganzen 24 Stunden des Tages in Anspruch nimmt, noch Zeit für Frau und Kinder übrig hat? Ich meine, wie macht er es?«
Das Kind machte ein nachdenkliches Gesicht. »Sitzt mein Hut gerade?« fragte es. »Ja? Sie sollten sich wirklich eine Frau nehmen...«
Und dann erzählte mir diese gute und gescheite Frau in sonderbar großmütterlicher Art -- ein kleiner Junge schien ich mir ihr gegenüber -- wie zwei Kameraden sich ihr Leben teilten. Es waren nur Andeutungen, kurze Strichelchen. Ich hörte mit grenzenlosem Erstaunen, daß diese Frau die Arbeit ihres Mannes Gedanken um Gedanken, Zeile um Zeile fast, mitlebte, die Persönlichkeiten und die Leistungen der Neuyorker Zeitungswelt weit besser kannte als ich, der ich mitten in diesem Leben stand, und Kinder erzog dabei, und genug eigenen Ehrgeiz übrig behielt, sich an Frauennovellen zu versuchen. Fast sonderbarer noch wirkte es auf mich, daß dieser Dick Burton, der rasende Arbeiter, der »gemütliche Junge«, der anscheinend immer im Zeitungsgebäude oder im Klub war, es doch fertig brachte, viele Stunden im Tag mit seiner Frau zu verleben und seine Zeit auf das Raffinierteste einteilte, um ebenso raffiniert darüber zu schweigen. Wie gut der Amerikaner den Mund halten kann, wußte ich längst; wie gründlich er diese Tugend übt, wenn es sich um sein Eigenstes handelt, lernte ich jetzt. Und nahm eine Lehre mit, die merkwürdigerweise dem Lausbuben später eine Art Ideal werden sollte. Sagte das »Kind«:
»Ihr Männer -- und mit euch die meisten Frauen -- glaubt immer, die Ehe sei eine ganz sonderbare Sache, so eine Art Dauerkonzert von Engelmusik mit gelegentlichen Teufelsmißtönen zur Abwechslung, auf jeden Fall aber ein grandioses Ereignis, dem (das sagt ihr, wenn ihr klug seid) das langweilige Ebenmaß folgen muß, das alle großen Ereignisse beschattet. In Wirklichkeit aber ist die Ehe, mein lieber Junge, etwas ungeheuer Einfaches. Zwei gute Freunde hausen eben zusammen und sind bald ernst, bald traurig, bald toll ausgelassen, bald selig begeistert, wie der Tag und die Stunde es bringen mag. _That's all._ Das ist alles. Kameraden. Dabei ist es weder dem Mann verboten, zu verehren, noch der Frau, zu bewundern, aber der Witz ist das Gutfreundsein. Kapiert?«
* * * * *
Was damals nebensächliches Schauen, naives Zugucken, ziemliches Nichtverstehen war, verdichtet sich heute in der Reife des Urteils aus tausend kleinen Erinnerungen an Hunderte von weiblichen Menschen zu einem Bild der amerikanischen Frau.
Doch erfasse ich es wirklich recht?
Gibt es denn eine amerikanische Frau?
Kann man aus dem Zettelkasten der Erinnerung tatsächlich ein Schublädchen hervorziehen, das die Aufschrift trägt: Die Amerikanerin??? Sind wir nicht =Menschen= allzumal auf dieser runden Erdkugel? Männer oder Frauen erst in zweiter Linie? Einander gleich und ebenbürtig, lächerlich wenig im Grunde doch nur beeinflußt von der abweichenden Kompaßnadel nationaler, klimatischer, gesellschaftlicher Spezialeigenarten?
Es scheint mir ein sonderbares Beginnen, die Frauen des nordamerikanischen Erdteils unter den Hut einer Gesamtklassifizierung bringen zu wollen. Das wäre fast so komisch als das Streben jenes englischen Gelehrten, der einst die lapidare Theorie aufstellte: Amerikanerinnen bringen ihre Kinder schwer zur Welt. Sie leiden außerordentlich unter der Geburt und sind feststehend unfähig, über drei Kinder zu produzieren. Ich, der englische Gelehrte Soundso habe die Lösung gefunden -- --
Meine Untersuchungen gingen von den Indianerstämmen aus, zu neu eingewanderten Frauen über, zur zweiten Generation dann, und zur dritten, der typisch amerikanischen, endlich. Diese dritte Generation von Frauen, die wirklichen Amerikanerinnen, leiden an einer eigentümlichen Verhärtung der Knochensubstanz, die gleichzeitig eine Verengerung der ausschlaggebenden Beckenknochen oder vielmehr deren völlige Unbeweglichkeit herbeiführt!
Ueber die Gründe war sich der gelehrte Herr nicht recht klar, glaubte jedoch an besondere atmosphärische Einflüsse und erwog sogar höchst ernsthaft, ob nicht die ungeheuerlichen Ausdünstungen des Großen Salzsees das böse Karnickel sein könnten...
Oh ja, man glaubt das in Amerika!
Man ventilierte bänglich die Beckenfrage -- eine Zeitlang zum wenigsten.
Genau so glaubt man in Europa, daß es eine merkwürdige typische Amerikanerin gebe, die ganz bestimmte Eigenschaften haben müsse. Das gibt es nicht! Und so möchte ich mich dagegen verwahren, eine Schubladenetikette prägen zu wollen. Sondern, was ich von der Amerikanerin gesehen habe, von ihr weiß, über sie las, sei gegeben als ein Bildchen -- Menschen daran zu erinnern, daß wir überall in erster Linie =Menschen= sind und bleiben.
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Die amerikanische Frau...
Wieder ist der alte Trick wirksam, über die feinen Dunstgebilde einer Zigarette hinweg in die dunkle Ecke zu starren, bis es sich im Schatten regt und rasch huschend Bilder sich bilden und im Gedankenreich Gestalten kommen und verschwinden.
Da ist eine Neuyorker Straße, wimmelnd von Neuyorkerinnen, die zu ihrer fleißigen, tüchtigen Tagesarbeit eilen, groß behutet, elegant beschuht, sündhaft teuer oft umhüllt. Sie arbeiten wie der Teufel, acht Stunden lang im Tag, reden eine Jargonsprache, die hart ist und grausam nüchtern wie der amerikanische Dollar, sind gerissener, schlauer, berechnender als die Männer neben ihnen, wenn sie auch verhältnismäßig selten die absolute Freude an der Arbeit, die fast ideale Schaffensbegeisterung des amerikanischen Mannes erreichen. Mir schwebt unbestimmt ein Zitat vor, das wahrscheinlich falsch ist, aber auch dann gescheit: Ein Pfaffe ist entweder eine wandelnde Tragödie oder eine unanständige Posse... So das durchschnittliche Neuyorker Mädel.
Eine Tragödie entweder von Arbeit, so hart, daß es einem das Herz beklemmen könnte, wenn man daran denkt, und einem jämmerlichen Mietzimmerchen, und einem todmüden Mädel, das spät abends heimlich ihre Taschentücher im Waschbassin wäscht, und Garderobe flickt, und über dem Spiritusapparat das kleine Bügeleisen erhitzt, die Bluse zu plätten, die nun einmal tadellos sein muß. Und dann halb im Schlaf, auf dem Bett sitzend, jenes Haarbürsten, fünfzig Bürstenstriche links, fünfzig Bürstenstriche rechts, das dem müden Mädel allabendlich wie eine Höllenplage vorkommt und doch getan werden muß, weil ein gepflegtes Aeußeres zum Fortkommen im Leben genau so gehört wie die Arbeit selbst. Gebürstet muß werden, mag der Rücken auch noch so schmerzen und die Augen sich auch noch so sehr gegen das Offenhalten sträuben, und beileibe darf es das arme Ding nicht versäumen, die Nagelhäutchen mit dem Beinstäbchen zurückschieben und die Nagelflächen zu glätten, mag es sich auch halbtot gähnen dabei. Denn das Geschäft verlangt gepflegte Hände. Man kann diesen Tageslauf von schwerer Arbeit und jämmerlichem Sichabplagen um die unbedingte Notwendigkeit einer gefälligen äußeren Erscheinung die Tragödie der mittleren amerikanischen Frauenarbeit in Warenhaus und Geschäftskontor nennen. Die Kehrseite der Tragödie, die vom zierlichen Lustspiel bis zur, wie gesagt, unanständigen Posse reicht, ist dann natürlich das Ausnützen der geschäftlich nötigen, gefälligen äußeren Erscheinung zu Theaterbilletts, nicht anscheinend sondern wirklich eleganter Garderobe, netten kleinen Abenddiners, wunderschönen Blumen, die schließlich die Essenz jener lustigen und im Grunde harmlosen Liebesverhältnisse sind, von denen es nur so wimmelt im Lande der anscheinend grenzenlosen Frauenverehrung. Und die unanständige Posse tritt dann in Erscheinung, wenn an Stelle der gelegentlichen, netten Diners gewohnheitsmäßiger Sekt tritt und die elegante, kleine Wohnung. Es gibt eben kein Klischee. Im Prinzip soll und muß von Rechts und Moral wegen das amerikanische Weib eine Göttin sein -- in der Praxis wird ihr häufig genug die weniger anspruchsvolle Rolle einer Amorette zugewiesen...
Die Bilder in der Schattenecke huschen.
Und die Gestalten sind sich merkwürdig unähnlich. Da ist das süße, verlogene, amerikanische Geschöpfchen, das Billy mit Teddy betrügt und Teddy mit Joe, und Joe mit Nr. 4 und so weiter durchs große Einmaleins, und mit sechzehn Jahren schon lügen und schwindeln kann, daß sich die stählernen Balken eines Wolkenkratzers vor Entsetzen biegen könnten; extra dazu geschaffen scheinend, den gräßlichsten Unfug in Herzen und Taschen anzurichten. Da ist in grellem Gegensatz das frische, gesunde, selbstbewußte Mädchen, das sein junges Leben nach dem gesunden Grundsatz lebt, ein »anständiger Kerl« zu sein. Da sind amerikanische Frauen, die träge in den Tag hineinleben, sich von ihren dummen Männern verehren lassen, und jeden hart verdienten Dollar zum Fenster hinauswerfen, ohne einen anderen Besitztitel auf Verehrung zu haben, als den einen, daß ein gütiges Geschick sie mit dem weiblichen Geschlecht bedacht hat -- da sind aber auch, und zwar so zahlreich wie die Göttinnen, nämlich zu Hunderttausenden, die tüchtigen weiblichen Menschen, die verheiratet, oder unverheiratet, ihre Pflicht tun und vor sich selber und den anderen den Kopf hochhalten, weil sie Respekt vor sich haben.