Der Deutsche Lausbub in Amerika: Erinnerungen und Eindrücke. Band 3 (von 3)
Part 10
Der innere Mensch meldet sich verstimmt und hungrig, denn es ist drei Uhr nachmittags, und reichlich spät zum Lunchen. Rasch erst zum Barbier dort an der Ecke. Seine dampfend heißen Tücher, die er auf die empfindliche rasierte Haut auflegt, sein kribbelndes Shampoonieren mit behenden Fingerspitzen machen frisch und lebendig. Dann in die nahe Wallstreet, die Straße der Großbanken, der Börse, des Geldes, die jetzt schon tot, einsam, verlassen daliegt, während sich vor einer halben Stunde noch auf ihren Randsteinen spekulationswahnsinnige Menschen stießen und drängten, um von der flutenden Dollarluft ein Atemschnappen zu erhaschen. Dort in der Nebenstraße liegen enggedrängt die teuren kleinen Lunchrestaurants, in denen ich häufig speise, weil ich noch lange nicht genügend Amerikaner bin, um zur Mittagszeit meinen Magen mit eiskalter Milch und schwerverdaulichem Kuchen zu malträtieren, wie das der richtige Dollarmann tut. Freilich ist mein Essen amerikanerhaft genug. Es ist den aufgepeitschten Nerven ganz unmöglich, in Stille und beschaulicher Ruhe sich mit den Aufgaben des Augenblicks zu beschäftigen, dem Genießen von Speisen. Sondern ich stürze hastig den appetitanregenden _Manhattan Cocktail_ hinunter, schon vertieft in die Seiten eines neuen Magazins -- und ich kann auch nicht etwa geruhsam lesen! Weil der Zeitungsteufel einen nie verläßt und sogar beim Essen rumort. Ist der Artikel da gut gemacht? Ist er wirkungsvoll? Wie hättest du das geschrieben? Ich löffle die Suppe, ohne auf den Suppenteller zu gucken, eilig, denn es wird rasch serviert, greife nach den neuen Zeitungen, überfliege die Spalten, empfinde das Gebrachtwerden des Koteletts als Störung, lasse den Inhalt der winzigen Gemüseschälchen gedankenlos kalt werden, vermenge mechanisch das Glas Claret mit sprudelndem Sauerbrunnen.
Aus der Zeitung guckt ein eingebildetes Gesicht hervor, das blasse Gesicht des Schwitzladenmädels. Und da ist der eingebildete Laden. Mit dem Mann dort werde ich kurz, scharf, energisch sein, mich als Polizeimenschen ausgeben nötigenfalls; dem Mädel werde ich wunderschöne Blumen schenken und...
Mein Auge gleitet mechanisch über den Finanzteil der Zeitung, für den mir das Verständnis mangelt und der mich eigentlich kaum interessiert. Es bleibt haften an einer krassen Ueberschrift in fetten Blockbuchstaben, und die paar Worte treffen mich wie ein Schlag:
»Cyrus F. Reddington verschluckt wiederum eine Eisenbahn!«
Es ist mir zwar unendlich gleichgültig, daß der Finanzmagnat eine Eisenbahn gekauft, ihre Aktien an sich gebracht, sie »verschluckt« hat, wie die Zeitung sich echt amerikanisch ausdrückt, aber ich bin entsetzt darüber, daß ich monatelang in Neuyork leben konnte, ohne auch nur ein einzigesmal an Frank Reddington zu denken und ärgerlich obendrein (der neuigkeitjagende Zeitungsteufel ist immer gegenwärtig!), daß ich eine so wertvolle Verbindung so völlig vergessen konnte. Das Schwitzladenmädel ist jetzt wie weggeblasen! Lustige Bilder steigen vor mir auf aus den lustigen Zeiten in San Franzisko, als Frank Reddington, der Milliardärssohn, und ich mit blutigen Händen verdammt salzige _cods_ in das wertvollere Dasein eines Stockfisches hinüberhäuteten und schnitten. Und wie wir uns vorgekommen waren wie Fürsten damals, als wir die hart verdienten Dollars einstrichen, der Milliardärssohn und ich. Ob Franky wohl in Neuyork war? Heidi, was würde der für Augen machen! Zur Feier rasch ein Glas Sekt aus einer der winzigen Viertelflaschen, die für den amerikanischen Gebrauch besonders hergestellt werden in Frankreich, und dann zur _First National Bank_ --
Der Gang zu den Privatkontoren ist nicht etwa von einem einzigen Cerberus bewacht, sondern von dreien, die ich nacheinander zu passieren habe. Der erste versucht natürlich, mich zu bestimmen, mich mit meinen »Geschäften« an den »_manager_« zu wenden, und ist höflich und milde ungläubig, als ich erkläre, daß ich Mr. Reddington persönlich zu sprechen wünsche und ihm persönlich bekannt sei; der zweite macht ein bedenkliches Gesicht, nimmt mir aber wenigstens Hut und Ueberzieher ab; der dritte, offenbar ein Sekretär, haust in einem Vorzimmer und unterwirft mich der peinlichen Frage.
»Sie wünschen also Mr. Reddington persönlich zu sprechen?« sagte er.
»Jawohl.«
»Darf ich um Ihre Karte bitten?«
Er studiert die Karte, aber sie sagt ihm offenbar nichts Wissenswertes. Es ist ihm augenscheinlich unangenehm, aber er wird deutlich:
»Eh -- es tut mir sehr leid, -- aber Mr. Reddington senior ist verreist und Mr. Reddington junior nur in ganz dringenden Fällen zu sprechen. Ich muß Sie also schon bitten --«
»Mein Fall ist außerordentlich dringend!« sage ich. Und möchte am liebsten bis an die Decke springen vor Vergnügen. Kaum kann ich mir das Lachen verbeißen. Franky ist also wirklich in Neuyork, halleluja! Franky ist Bankmensch geworden! Franky ist in leitender Stellung und eine verfluchte Respektsperson!! -- es ist einfach zum Schießen! Aber ich nehme gravitätisch meine Karte und schreibe darauf:
»_On important business regarding the salted codfish trust of San Francisco_ -- in wichtigen Geschäften betreffend den Stockfisch-Trust von San Franzisko!«
»Hm,« murmelt der Sekretär.
»Aber bitte!« sage ich pikiert.
Endlich verschwindet er mit der Karte, wahrscheinlich, um der Respektsperson zu berichten, da draußen stehe ein gemeingefährlicher Verrückter und Mr. Reddington solle doch lieber beim Fortgehen die Hintertüre benützen. Im nächsten Augenblick wird die Türe aufgerissen --
Und da steht Franky, der leibhaftige Franky, nicht um eine Spur verändert, packt mich am Aermel mit dem alten harten eisernen Griff, sieht mich einen Augenblick an aus den alten lustigen Augen, und sagt ernst zu dem Sekretär:
»Mr. Higgins, ich habe wichtige Dinge mit diesem Herrn zu besprechen und darf unter keinen Umständen gestört werden!«
Und da sitzen wir schon in dem vornehmen Privatkontor der Großbank hinter dick gepolsterten Türen und sprechen, wie hier wohl selten gesprochen wird --
»Jetzt will ich aber verdammt sein!« schreit Franky. »Bist du's wirklich, du verrückter alter Narr? Ist es auch wahr? Weshalb hast du nie etwas von dir hören lassen? Mann, wie geht's, wie geht's?«
»Einen Augenblick!« sage ich. »Ich muß erst nach Luft schnappen. Schämst du dich eigentlich nicht, so zu tun, als hättest du furchtbar viel Arbeit? Was treibst du? Bist du glücklich auch Milliardär? Solltest du auch einer von den Schurken geworden sein, die der armen Witwe ihren sauren Dollar vom Munde wegschnappen? Ich verkörpere die Macht der Presse, Franky _dear_, und ich rate dir, mir gegenüber recht vorsichtig zu sein. Alles, was du sagst, wird gegen dich verwendet!«
Frank grinste. Das alte lustige Grinsen.
»Was ich tue? Ich tue das, was der Alte mir sagt, und zwar möglichst plötzlich. Jawohl, das wäre so ungefähr meine Stellung in der alten Bank! So! Erst erzähle du! Ogottogott -- wenn ich an die alten Stockfische in Frisco denke...«
Und er hält mir lachend zwei weiße, wohlgepflegte, schlanke Hände entgegen, und ich lache auch und strecke zwei weiße, wohlgepflegte Hände aus. Und dann tanzen wir im Zimmer herum, gebärden uns wie Verrückte, und versichern uns gegenseitig, ein über das andere Mal, daß die Stockfischzeiten in San Franzisko doch etwas Schönes waren und etwas Unvergeßliches sind. Franky ist -- ihr Götter! -- Schatzmeister der Bank und bezieht einen Gehalt, über den ein europäischer Minister vor Neid erblassen würde und über den ich die Augen weit aufreiße. Dagegen ist der kleine Reporter freilich noch der reine Stockfischarbeiter! Eine geschlagene Stunde lang reden wir und schreien und lachen, bis schließlich keiner von beiden mehr weiß, wo ihm der Kopf steht. Franky beneidet mich, weil ich den Krieg mitgemacht habe, ist baff über den Signalkorpssergeanten, ist begeistert über das freie Zeitungsleben -- ich beneide ihn um die Macht seiner Stellung und seines Geldes, bin baff über das Vermögen, das er sich durch eigene Operationen (bei Gott, Operationen sagte er!) schon verdient hat, bin begeistert über das Arbeiten in der Hochfinanz, von dem er erzählt -- und offenbar findet der eine immer gerade das schöner, was der andere erlebt hat! Sintemalen der Zeitungsteufel immer gegenwärtig ist, vergesse ich nicht, mit Franky zu verabreden, daß ich die unterirdischen Stahlkammern der Bank besichtigen darf. Denn so 'was lesen die Dollarneuyorker furchtbar gern. Und dann kommt ein vornehmer alter Herr, sehr gemessen, sehr würdevoll, und bringt in einer roten Maroquinmappe Briefe zur Unterschrift. Der Respektsperson! Dem Stockfischarbeiter von ehemals! Rasch verabreden wir uns noch, heute abend zusammen bei Delmonico zu dinieren --
Eine verrückte Welt!
Ich freue mich auf den Abend wie ein Kind und schlendere seelenvergnügt den Broadway hinunter. Das Schwitzladenproblem ist vergessen für den Augenblick. Ich lache nur immer vor mich hin und habe gar keine Lust, an ernsthafte Dinge zu denken.
Aber das Tagewerk ist doch noch nicht vollbracht, so will es der Zufall.
* * * * *
Eine Krawatte in einem der Schaufenster des großen Warenhauses da lockt mich, und ich gehe gedankenlos mit den anderen Menschen hinein, die sich um den Eingang drängen, um sie mir zu kaufen. Fast gewohnheitsmäßig bleibe ich unten in der Halle einen Augenblick lang stehen, mir das Gewühl zu betrachten, denn ich habe immer etwas übrig gehabt für diese Riesenwarenhäuser. Das ist fast vollendete Organisation. Es klingt und schwirrt und saust über die Drähte, die wie ein Telephonnetz die Räume überspannen. Körbchen fliegen fortwährend an ihnen hin und her. Jedes Körbchen enthält das Geld eines Kunden, die Ware, die er gekauft hat, und seine Rechnung. Es saust in den Kassenraum da oben im ersten Stock und kommt in einer Minute wieder zurück über den Draht, mit eingewickeltem Paket, quittierter Rechnung, und herausgegebenem Kleingeld. Sie haben mir immer imponiert, die Warenhäuser und ihre Art. Da sehe ich oben bei der Galerie des zweiten Stockwerks eine dichtgedrängte Menschenmasse und höre, daß es da oben sehr laut und lärmend zugeht. Sofort wird der neugierige Zeitungsmensch lebendig. Was ist da los?
Ich springe die Treppe hinauf -- es ist nicht der Mühe wert, das Lift zu benutzen -- und sehe von der Decke herab Riesenplakate in grellen blauen Buchstaben hängen:
»_Easter hats!_«
Osterhüte!
Unter diesen Plakaten stehen Tische neben Tischen, bergehoch mit Damenhüten bedeckt, Osterhüte genannt, weil auch die ärmste Amerikanerin zum österlichen Frühlingsfest einen neuen Hut haben muß -- -- und zwischen diesen Tischen spielt sich eine Schlacht ab! Eine Amazonenschlacht!
Sie sind aneinandergedrängt wie Sardinen in einer Büchse, diese bunten Flecke, die Mäntel, Blusen, Kostüme, Winterhüte bedeuten, und hinter denen vermutlich Frauengesichter und Frauengestalten stecken. Aber das wogt und wirrt so hin und her, daß man wirklich nichts sehen kann als bunte Flecke, rasch sich bewegende Farbenkleckse. Einen Augenblick lang kämpfe ich mit aufsteigender Feigheit, dann aber stürze auch ich mich in das Gewühl.
Teufel, die bunten Flecke sind lebendig. Mehr als lebendig!
Bums -- habe ich einen Rippenstoß weg, der mich rachsüchtig auffahren läßt. Ihm folgt, wie der Donnerschlag dem Blitz, ein zweiter, ein dritter, ein vierter -- ich werde gepufft, gestoßen, geknufft, wie mir das schon lange nicht mehr passiert ist. O--ho! Ich bin gar nicht mehr rachsüchtig. Aus Verstandesgründen. Dieser elementaren Gewalt gegenüber scheinen mir meine schwachen Männermittel untauglich -- ich ziehe nur meine Ellbogen krampfhaft in die Höhe und an mich, um die empfindlichen Weichteile zu schützen. Ich bin sogar sehr vergnügt -- au, das war wieder ein niederträchtiger Puff -- denn das gibt doch eine wirklich ulkige Geschichte für die lustige Sonntagsbeilage... au, Donnerwetter! Absichtlich lasse ich mich ohne eigenen Willen weiterpuffen, um meine Gefühle ganz echt zu genießen und später ja nicht zu übertreiben. Man tut das so leicht als Zeitungsmensch! Gottseidank, die Echtheit läßt nichts zu wünschen übrig! Ich verspüre die spitzen Ellbogen mit vollendeter Deutlichkeit.
Weshalb, warum jedoch werde ich so gepufft und so gestoßen?
Nur langsam begreift mein männlicher Intellekt den Witz der Sache. Hm. Hüte zu betrachten und Hüte auszuwählen, mag zwar ein Gedränge verursachen, aber keine Schlacht. Hm. Doch, jetzt hab' ich's.
»Dies ist mein Hut!« schreit ein Krimmermantel.
»Sie haben ihn mir ja aus der Hand gerissen!« erwidert entrüstet die Astrachanjacke.
Sie funkeln sich giftig aus schillernden Katzenaugen an -- und ich habe endlich verstanden! Unter diesen Hüten sind manche außerordentlich preiswert, lockspeisenhaft billig, halb geschenkt und -- gerade diese Hüte herauszufischen, ist offenbar der Zweck der Uebung! Da stolziert eine schlanke Brünette einher. In der linken Hand hält sie ein blumenbesätes Ungetüm hoch über ihren Kopf und mit der rechten pufft sie sich freie Bahn, um in der neutralen Zone da drüben eine Verkäuferin zu finden, die das Geschäft perfekt macht. Ich bekomme einen Nasenstüber von ihr und sie tritt mich kräftig auf den Fuß...
Es ist einfach unbeschreiblich.
Man drängt sich, pufft sich, balgt sich um die Hüte, aber -- und das ist für mich gewöhnlichen Mann das völlig Unbegreifliche -- in dieser bissigen, echten, richtigen Balgerei werden die Hüte selber behandelt wie Zucker! Wie rohe Eier. Wie Wertpapiere. Sie reißen sich die _bargains_, die billigen Lockhüte, zwar gegenseitig aus den Händen, diese Hyänen des Warenhauses, aber mit spitzen Fingern und verflucht vorsichtig. Hm, ich habe wohl alles gesehen. Jetzt will ich auch einmal ein bißchen drängeln, weil sonst mein Ehrgefühl leidet. Doch auf dem Weg zur Freiheit sehe ich erst das Allerschönste.
An dem hochbeladenen Ecktisch dort werde ich auf einmal links zur Seite gedrängt von einem süßen kleinen Geschöpfchen, und als ich mich verblüfft umwende, hilft ein zweites Geschöpfchen energisch nach, während ein drittes mich endgültig noch weiter wegbefördert. Ich recke den Hals. Was ich da sehe, ist doch der Gipfel!
Das -- ist -- der Oster-hut-trust!
Die Mädels da um den Ecktisch sind offensichtlich Freundinnen und operieren auf gemeinsame Rechnung und mit gemeinsamen Kräften zum Schaden der _Outsider_. Wie eine Kette umringen sie den Tisch, und keiner kommt 'ran, bis sie sich nicht in aller Gemütlichkeit alles beschaut und den richtigsten, den passendsten, den süßesten Osterhut ausgewählt haben...
Alle Hochachtung!
Ich bin wieder in der Freiheit. Grinsend betrachte ich das wimmelnde Gewühl, die gierig zugreifenden Hände, die tanzenden bunten Flecke. Und ich überlege mir, daß ein schöner Titel wäre:
»Die wilden Weiber des Warenhauses«
-- stelle aber errötend fest, daß man auf gar keinen Fall eine Amerikanerin ein wildes Weib nennen darf, selbst wenn das süße Geschöpf auch einmal ein bißchen spektakelt. Der Titel heißt:
»Der Kampf um den Osterhut!«
Nein, das ist nicht schön genug. Der Titel muß heißen:
»Wie ich meiner Frau einen Osterhut kaufen wollte!«
Da kann man so schön dazulügen.
Im Montgomery erzählte ich die Geschichte Flossy, nicht ohne schön dick und farbig aufzutragen, wie das mein Beruf ist.
»Das ist nichts für Männer,« sagt Flossy trocken. Sie hat keine Spur von Verständnis und keine Ahnung von Humor. »Bei einem so billigen Verkauf muß man doch eben rasch zugreifen. Eigentlich hättest du mir einen Hut mitbringen können. Diese Männer sind zu ungeschickt!«
»Ich hab' einen wunderschönen für zwei Dollars dreiundneunzig gesehen,« sage ich boshaft.
»Warum hast du ihn dann nicht mitgebracht?«
»Eine von den _girls_ hat ihn mir aus der Hand gerissen.«
»Zu dumm!«
Und ich lache vor mich hin, stürze mich in den Smoking, der im Lande der angeblichen Freiheit eine Unerläßlichkeit ist, wenn man Restaurants wie Delmonicos besuchen will, und sitze eine halbe Stunde später Franky gegenüber an einem der winzigen Tischchen des berühmten Neuyorker Schlaraffenheims. Es war ein toller Abend, der mit Cocktails begann, mit furchtbar viel Mumm endete, und mit schrecklichem Gerede erfüllt war. Aber er war wunderschön. Beim Nachhausegehen sahen die Wolkenkratzer beängstigend wackelig aus und der schnurgerade Broadway merkwürdig schief. Aber an das Schwitzladenmädel dachte ich doch noch. Nur nicht so recht praktisch, sondern ich sah mich als großen sozialen Reformator, umjubelt von Abertausenden dankbarer Menschen. Sie arbeiteten jetzt in großen luftigen Sälen und nur sechs Stunden im Tag. Sie hatten ihren Lohn verdoppelt bekommen. Alles durch mich!
Es ist etwas Merkwürdiges um die Träume von Weingeistern und Zeitungsmenschen...
* * * * *
So sah einer von den fröhlichen Tagen im Leben des Zeitungslandsknechts aus. Es gab aber auch unfröhliche Tage, in denen die nervöse Hast keinen Erfolg brachte, keine Arbeit, keinen Eindruck.
In ihrer Gesamtheit waren diese Tage, diese Wochen, diese Monate ein Stück Leben, wie ich es niemals schöner erlebt habe. Ein Geldverdienen zum erstenmal, das über kleine Tagesnöte weit hinausragte; Selbständigkeit, immer wieder neue Begeisterung. Ich fühlte mich ganz als Amerikaner, ganz als amerikanischer Zeitungsmann, und war glücklich!
Aber ich glaube, Dick Burton hat den Nagel auf den Kopf getroffen, als er einmal sagte:
»Deine Sachen haben etwas merkwürdig Fremdes. Unamerikanisches! Und gerade deshalb sind sie interessant!«
* * * * *
Fremd oder nicht fremd -- amerikanisch oder unamerikanisch -- wie das nun sein mag -- aber gerade diese Neuyorker Landsknechtszeiten haben mir den ruhenden Pol in der Erscheinungen Flucht gegeben, das Bleibende, das Mittelpunktige in einem bunten Leben:
Den Zeitungsinstinkt!
Wenn heute üble Laune mich plagt, der schwarze Mann hinter mir auf dem Lebenspferde sitzt, die Dinge des Tages mich schinden, dann gehe ich zu ihr -- zur Zeitung...
Dort nehmen sie mich auf als Freund und Bruder. Und ich werde jung, jung wie ich als Zwanzigjähriger war, wenn unter mir der Boden von Rotationspressen erzittert, und meine Nase die frische Druckerschwärze einatmet, und die Redaktionsteufelchen hin und her laufen mit den schmalen Streifen nassen Papiers, und Dutzende von Leuten einen in jedem gesprochenen Satz zweimal unterbrechen. Die Götter sind immer gütig, wenn's einem so recht erbärmlich zumute ist, und schenken ganz gewiß dem Zeitungsmenschenhirn die Fähigkeit, eine Arbeit für die Zeitung zu ersinnen. Einen Ueberlandflug im Zeitungsdienste, oder eine Zeppelinfahrt, oder ein Hafenabenteuer. Und dann kommt, belebend und erfrischend wie verjüngender Jungbrunnen, das alte Hasten, das liebe Hetzen. Die Arbeit, das Erfassen des Bildes, das begeisternde Sichhineinfügen, das Geizen mit den Minuten, die rasende Fahrt im Automobil zur Redaktion, die lange Nacht im fröstelnd kalten Redaktionszimmer des nächtlich stillen Gebäudes, das Ankämpfen gegen eilende Zeit in jagendem Schreiben Zeile um Zeile. Das unsinnige Rauchen -- das Herbeischleppen von Krügen Pilsener Biers durch den schmunzelnden Nachtportier.
Und dann fährt man im Morgengrauen nach Hause mit zerrauchter Kehle und zerrütteten Nerven, aber überselig, wieder einmal im alten Geschirr gearbeitet zu haben. Man ist doch wie jener alte Droschkengaul, der die Nüstern bläht und galoppierend durchgeht, wenn auf dem Manöverfeld bei der Straße die lustigen Trompeten zur Attacke schrillen. Einmal ein Zeitungsgaul, immer ein Zeitungsgaul...
Ja, es ist eine schöne Sache um die Einbildung!
Mindestens zehnmal in diesem Jahre habe ich -- beinahe schon scheint's eine alte gemütliche Gewohnheit -- mir vorgenommen, ein für allemal und endgültig zur Zeitung zurückzukehren, um ebensooft den Kuckuck dergleichen zu tun. Ich lachte dann jedesmal, und ein lustiges Grauen packt mich und ich denke an das Landsknechtjahr in Neuyork. Nein: solch ein Jahr konnte nur die Jugend erleben. Es ist aus damit. Bleibt noch das Saugen an den Hidigeigeipfoten der Erinnerung, und das Lachen.
Wie schön sie doch waren, diese Zeiten, und wie sonderbar! Es war für absolut nichts Platz in dem Gehirn von damals als für Dinge der Zeitung; es gab einfach nichts anderes im Leben. Ich habe im Laufe eines ganzen Jahres ganz gewiß nicht mehr als zehn Bücher gelesen, denn das war doch offenbare Zeitverschwendung, und von den vielen Menschen, die ich kennen lernte, interessierte mich kaum ein einziger um seiner selbst willen. Was konnte der? Was wußte jener? Was hatte dieser zu erzählen? War da etwas daraus zu machen? Die Politik war wunderschön -- wenn sich aus ihren Tagesereignissen ein Anhaltspunkt für Zeitungsarbeit ergab; schaffende Männer begeisternd interessant -- wenn sie einem etwas zu erzählen wußten, das für die Zeitung zu gebrauchen war; das ganze polternde Neuyorker Leben nur dazu da -- damit man darüber schreiben konnte! Verrückte Zeiten waren es von einer so völligen Abgeschlossenheit in ihrer Arbeitsart, daß es einen seltsam anmutet im Erinnern. Im tiefsten Grunde war man nicht viel besser daran als der Arbeiter, der tagaus, tagein, und Jahr für Jahr immer das gleiche Stahlteilchen poliert. Die Zeitung fraß einen auf mit Leib und Seele. Sie nahm hin, was man selbst hätte erleben sollen; sie machte einen zu einer Art unpersönlichen Zwischenträgers. Sie ließ Raum für nichts.
Man war der Zeitung verfallen mit Haut und Haaren!
Neuyork und die Neuyorker.
Im Zeppelin über Hamburg. -- Die deutsche Hansestadt und das geheimnisvolle Neuyork. -- Der Guldensinn der Mynheers, die Neuyork gründeten. -- Her mit dem Dollar! -- Das Wunderkind mit dem Wasserkopf. -- Sein Wachstum. -- Der Geist des Wolkenkratzers. -- Die Ungereimtheit der Gegensätze. -- Neuyorks fremdes Menschenfutter. -- Der Zweckmäßigkeitsmensch. -- Der arme Milliardär und seine Rätsel. -- Die Ehre der Arbeit. -- Geldverdienen als Sport. -- Die Seele Neuyorks: Tätigstes Leben.