Der Deutsche Lausbub in Amerika: Erinnerungen und Eindrücke. Band 3 (von 3)

Part 1

Chapter 12,991 wordsPublic domain

Produced by Norbert H. Langkau, Matthias Grammel and the Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net

Memoiren Bibliothek

IV. Serie

Fünfzehnter Band

Der Deutsche Lausbub in Amerika

* 3ter Teil *

von

Erwin Rosen

Der Deutsche Lausbub in Amerika

Erinnerungen und Eindrücke von Erwin Rosen

Dritter Teil

Zwölfte Auflage

Verlag -- Robert Lutz -- Stuttgart

Alle Rechte vorbehalten. Druck von A. Bonz' Erben in Stuttgart.

Copyright 1913 by Robert Lutz, Stuttgart.

Inhaltsverzeichnis

Seite Von der Zeltstadt zum Signalfort.

Im Gesundheitslager. -- Was Sergeant Souder als Engelein tun würde. -- Die auf-neu lackierten Fahrräder. -- Reiseorder! -- Ahnungen von harter Arbeit. -- Wie wir mit dem 21. Infanterieregiment pokerten. -- Nachwirkungen des Kubakrieges. -- Vom geruhigen Leben des amerikanischen Regulären. -- Der bestbezahlte und am wenigsten arbeitende Soldat der Welt. -- Vom verschwenderischen Onkel Sam. -- Wie der Reguläre auf Staatskosten marschiert. -- Vorzügliche Soldaten, aber keine Armee. -- Major Stevens übernimmt das Signalfort 21

Das Signalfort bei Washington.

Orville Wright in Fort Myer. -- Eine Erinnerung. -- Der amerikanische Nationalfriedhof. -- Unser Einzug ins Fort. -- Hastings und der Kavalleriewachtmeister. -- Major Stevens und sein Oho! -- Die erste Paroleausgabe. -- Im Materialdepot zu Washington. -- Amerikanische Wirtschaft aus dem Vollen. -- Wie der Major zauberte. -- Hastings will verdammt sein 41

Arbeit und Allotria.

Die gemütlichen Plakatrekruten. -- Wie wir sie müde machten. -- Ein verrückter Tag. -- Hastings sammelt den Honig des Fleißes. -- Wie uns der Major müde machte. -- Die neue Arbeit. -- Automobilversuche. -- Immer noch ein verrückter Tag. -- Die Majorin mit der Silberstimme. -- Das geheime Liebestelephon. -- Sonstige Allotria. -- Die ersten amerikanischen Versuche mit drahtloser Telegraphie. -- Die Wunderröhre des Kohärers. -- Das Wunder spricht 60

Ich nehme meinen Abschied.

Acht Wochen der Macht. -- Veränderungen im Korps. -- Ich werde ins Kriegsministerium kommandiert. -- General Adolphus W. Greely. -- Mein Entlassungsgesuch. -- Die weggeworfenen 1200 Dollars. -- Von Beamtinnen Onkel Sams und Dampfaustern. -- Ich bin entlassen. -- Sergeant Souder wird Offizier. -- Abschied von Major Stevens. -- Nun fängt ein neues Leben an 92

Nun fängt ein neues Leben an.

Nur weg mit alten Dingen. -- Das neue Ich im neuen Anzug. -- Im Virginiahotel zu Washington. -- _Mumm extra dry._ -- Das Filmbild der Erinnerung. -- Was Rockefeller mit 600 Dollars anfinge. -- Was ich damit unternahm! -- Empfang beim Präsidenten McKinley. -- Die idiotische Zeremonie. -- Ein schneller Entschluß. -- Ich fahre nach Neuyork. -- Das neue Leben hat begonnen ... 105

Wie mich Neuyork empfing.

Ankunft in Neuyork. -- Der Lichterwahnsinn in der Luft. -- Der Wirrwarr der Riesenstadt. -- Die elegante Pension. -- Mrs. Bailey. -- Nicky und Flossy. -- Die eingeschneite Riesenstadt. -- Der Humor auf der Straße. -- Fünf Minuten auf der Redaktion des _New York Journal_. -- »Sie haben gar keine Aussichten!« -- »Herrgott, war das ein süßer Anfang« 116

Im Zeitungsgetriebe.

Ich diktiere den ersten Artikel. -- Bei Flossy. -- Das Gummimädel. -- Das erste Honorar. -- Im Zeitungsklub. -- Die Tammaniten. -- Wie man von Ideen lebt. -- Zeitungsatmosphäre. -- Die Tat der Miß Flynn. -- Eine große Sensation und ihre Folgen. -- Landsknechte der Feder. -- Der Marschallstab im Füllfederhalter. -- Das kleine Herrgöttlein! 137

Landsknecht der Feder.

Meine allerersten Nerven! -- Die Morgenarbeit. -- Die Jagd nach der Anregung. -- Wo sie zu finden ist! -- »Nur nichts Naheliegendes!« -- Die Schwitzmädel-Idee. -- Wie sie im Zeitungshirn arbeitet. -- Der Sensationsprozeß. -- Mittagessen _à la_ Neuyork. -- Der Mann, mit dem ich einst Codfische pökelte. -- Vom Stockfischarbeiter zum Hochfinanzier. -- In der Bank. -- Das Warenhaus. -- Die Amazonenschlacht um den Frühlingshut. -- Der Oster-Hut-Trust! -- Bei Delmonico. -- Träume. -- »Einmal ein Zeitungsgaul, immer ein Zeitungsgaul.« -- Der Zeitung verfallen mit Haut und Haaren 155

Neuyork und die Neuyorker.

Im Zeppelin über Hamburg. -- Die deutsche Hansestadt und das geheimnisvolle Neuyork. -- Der Guldensinn der Mynheers, die Neuyork gründeten. -- Her mit dem Dollar! -- Das Wunderkind mit dem Wasserkopf. -- Sein Wachstum. -- Der Geist des Wolkenkratzers. -- Die Ungereimtheit der Gegensätze. -- Neuyorks fremdes Menschenfutter. -- Der Zweckmäßigkeitsmensch. -- Der arme Milliardär und seine Rätsel. -- Die Ehre der Arbeit. -- Geldverdienen als Sport. -- Die Seele Neuyorks: Tätigstes Leben 183

Die sogenannte Amerikanerin.

Der Lausbub und die Frauen. -- Die dumpfe Sehnsucht. -- Der Mädelknopf. -- Der langweilige Zeitungsgeselle. -- Nicky's und Flossy's Privatansichten. -- Die Frauen meiner Freunde. -- Mrs. Burton und ihre Ehe. -- Gibt es eine amerikanische Frau? -- Die Becken-Theorie. -- Die verdienende Amerikanerin. -- Die Tragödie der Arbeit. -- Frauentypen. -- Die tolle Abstinenzlerin. -- Frauenverehrung? -- Der grobzotige Amerikaner. -- Das Gibsongirl. -- Tausend Wahrheiten und tausend Widersprüche. -- Es gibt doch keine Amerikanerin! 203

Wie das Wandern wieder begann.

Meine periodische Frühlingsdummheit. -- Das große Neuyork ist zu klein für mich. -- Die Sehnsucht nach dem großen Ereignis. -- Hinaus! Erleben! -- Die neue Wanderschaft beginnt. -- Journalist im Herumziehen. -- Der pennsylvanische Bergarbeiterstreik. -- Der Sergeant wird ausgepumpt. -- Ich schlage der Miliz ein Schnippchen. -- Die Bergleute schlagen mir ein Schnippchen. -- Das Ende des Streiks. -- Seine Ursachen. -- Ein raffiniertes Ausbeutesystem. -- Die Blechmarkenwirtschaft. -- Journalistenfahrten kreuz und quer. -- Das Ereignis fehlt immer noch ... 224

Vor dem letzten Lausbubenstreich.

Im St. Louis'er Palasthotel. -- Der einstige Geschirrputzer und seine vergnügte Stimmung. -- Weshalb ich nach St. Louis gekommen war. -- Sergeant O'Bryan der Polizeizentrale. -- Was der betrunkene Mann verriet. -- Die Leichenräuber. -- Ihr Geständnis und meine »_copy_«. -- Frederick Haveland, der Mann mit den vielen Namen. -- Der Gentleman mit der dunklen Existenz. -- _Dynamite-Johnny_, der Dynamit-Kapitän. -- Von Flibustiern und Gesetzlosigkeit. -- Haveland macht mir einen Vorschlag. -- Mein großes Ereignis. -- Eine nebelhaft unklare Expedition nach Venezuela: Der letzte Lausbubenstreich ... 243

Wie ich Flibustier wurde.

In Galveston. -- »Na, immer noch nicht gehenkt?« -- Die undurchsichtige Venezuela-Transaktion. -- Ich lasse mich auf ein »Geschäft ohne Reden« ein. -- Flibustier. -- Das Werben der Rekruten. -- Jack, der Nevadamann. -- »Wenn ich heute Haveland erwischen könnte!« -- Wir schmuggeln uns auf den Dampfer. -- Unterwegs nach Venezuela. -- Die »_City of Hartford_.« -- Klarierte Ladung mit Nebenzwecken. -- Ein kleiner Namenwechsel auf hoher See 262

In Venezuela.

Auf dem Karibischen Meer. -- Das Erschlaffende der Tropenfahrt. -- An Ort und Stelle. -- Die geheime Landung. -- Der Fußpfad im Urwald. -- »_Santa madre de Dios_«. -- Das einsame Haus. -- Der kranke Mann darin. -- Wie Percy F. Matthews und Fred Haveland sich einigten. -- Zurück zum Dampfer. -- Wir werden beschossen. -- Geplänkel im Urwald. -- Die Raketen. -- Weiter, weiter! 279

Das Ende des letzten Streichs.

Endlich am Strand. -- Der Dampfer wartet. -- Das überfüllte Boot. -- Jack und ich bleiben zurück. -- Der Dampfer läßt uns im Stich. -- Das Kriegsschiff der Vereinigten Staaten. -- Wir geben Raketensignale und ein Boot holt uns ab. -- Der Marinekadett verhaftet uns. -- Ein altes Gesicht. -- Eine kleine Ohnmacht. -- Der Wahnsinn der Wirklichkeit. -- Wie durch Billys Hilfe sich alles in Wohlgefallen auflöste -- Das Nebelhafte ... -- Wie schön es ist, etwas nicht zu wissen -- -- -- 294

Fahrwohl, Amerika! 301

Rückblick. 307

Vorwort

Ein Wörtchen der Entschuldigung:

Es tut mir leid, daß ich die absonderlich wahre Geschichte von dem, was in sechs amerikanischen Lausbubenjahren erlebt, gesehen und gearbeitet wurde, betrüblicherweise durchaus nicht in harmonischer Abrundung beschließen kann. Wie erfreulich wäre es zum Beispiel gewesen, wenn sich der Lausbub zu gigantischem Milliardärtum emporgeschwungen hätte; wie nett, würde er einen Goldklumpen gefunden haben und stolz nach Hause zurückgekehrt sein wie die glücklichen Menschen im Märchen; wie gut und schön, hätte er nach diesen gärenden Zeiten der Lebensjagd sich zu klugem, weisem Tun gefunden!

Doch nichts von alledem war zu berichten.

Nur ein drittes Stück wirklichen Lebens konnte ich geben -- nur ganz einfach erzählen, wie es mir im amerikanischen Sergeantenrock ergangen ist, was ich als Reporter im Dollarland getan und gesehen habe, in welchen Formen Menschen und Dinge sich in meinem Sinn einst spiegelten. Wer aus dem Erleben des kleinen Reporters das Wesen der amerikanischen Zeitung herausklügeln wollte, der wäre gar närrisch... Wer ein unerhörtes Abenteuer mitzuerleben vermeint, wenn er von der Venezuelafahrt liest, die mich zum guten Schluß in die Eigentümlichkeiten exotischer Zustände auf gar närrische Weise ein wenig hineingucken ließ und beinahe ein unfröhliches Ende genommen hätte -- der sieht sehr gegen meinen Willen diese Dinge in einem falschen Licht! Denn so fremdartig die Abenteuerlein in diesen Büchern manchmal erscheinen mögen, so winzig und unbedeutend sind sie, gemessen am Maßstab der großen Wirklichkeiten, die in Hunderten und Aberhunderten von Erdenwinkeln und in den Schicksalen von Tausenden und Abertausenden von Menschen die Romantik unserer Zeit verkörpern und aus jedem Zeitungsblatt herauszuahnen sind. Nein; die äußeren Ereignisse in meinem amerikanischen Leben sind unwichtig. Wer aber aus all dem Auf und Nieder, aus all der Tollheit, aus all dem Arbeiten die frohe Lebensbejahung, das Unbekümmertsein, das lustige Sichherumschlagen mit den Nöten der Wirklichkeit herauszulesen und sich zu freuen vermag über die kraftvolle Sorglosigkeit der Jugend -- der mag mir Freund und Bruder sein!

Denn er ist ein Mensch nach meinem Herzen.

Hamburg im Sommer 1913 Erwin Carlé (Erwin Rosen)

Dritter Teil

Von der Zeltstadt zum Signalfort.

Im Gesundheitslager. -- Was Sergeant Souder als Engelein tun würde. -- Die auf-neu lackierten Fahrräder. -- Reiseorder! -- Ahnungen von harter Arbeit. -- Wie wir mit dem 21. Infanterieregiment pokerten. -- Nachwirkungen des Kubakrieges. -- Vom geruhigen Leben des amerikanischen Regulären. -- Der bestbezahlte und am wenigsten arbeitende Soldat der Welt. -- Vom verschwenderischen Onkel Sam. -- Wie der Reguläre auf Staatskosten marschiert. -- Vorzügliche Soldaten, aber keine Armee. -- Major Stevens übernimmt das Signalfort.

»Ich möchte doch wieder einmal schlechten Kubaspeck aus dem Feldgeschirr futtern!« meinte Sergeant Souder nachdenklich, mit gelangweilter Miene das delikate Roastbeef auf der Porzellanplatte betrachtend. »Es ist ja sehr nett, dieses Montauk Point, außerordentlich nett, aber -- hm -- alles Schöne auf dieser Welt -- na, wie soll ich sagen -- alles Schöne darf nicht endlos schön sein! Es muß etwas anderes, weniger Schönes, dazwischen kommen. Dja. Wenn ich heute ein Engelein wäre, immer Harfe spielen, immer fromme Loblieder singen müßte, so würde zweifellos sehr bald das heiße Verlangen über mich kommen, dem alten Petrus zur Abwechslung 'mal die Zunge 'rauszustrecken! Ich finde Montauk Point sehr langweilig, _gentlemen_!«

»Mir hängt's zum Hals 'raus,« grinste ein neugebackener Korporal. »Wenn man wenigstens hier und da einen _Cubano_ hauen könnte...«

So gärt in Menschenkindern stets die Unzufriedenheit. Da fütterte der gute dankbare Onkel Sam seine Signalkorpssergeanten mit Delikatessen, erkundigte sich durch seine Oberstabsärzte zweimal täglich nach ihrer werten Gesundheit, spendete ungezählte Bierflaschen als leichte gesundheitliche Anregung -- und wir Signalsergeanten schimpften zum Dank. Wir wollten sehen, erleben, uns rühren. Wir pfiffen auf die Oberstabsärzte. Wir waren schon so gesund, daß wir ganz gern auch wieder einmal krank gewesen wären. Wir langweilten uns schrecklich. Die Neuyorkerinnen kamen leider seit Wochen auch nicht mehr. Auch sie waren offenbar des Schönen überdrüssig geworden! Es war trübselig.

Da kam endlich eine kleine Abwechslung.

Ein gerissener Neuyorker Geschäftsmann hatte sich zwei und zwei zusammengerechnet und sehr richtig auskalkuliert, daß die Jungen in Blau im Gesundheitslager von Montauk Point mit all ihrer angesammelten Kriegslöhnung eine gewisse Kaufkraft besitzen mußten. Solch' eine wundervolle Gelegenheit, sein Lager von alten, rumpeligen, wertlosen, aber fein lackierten Fahrrädern loszuwerden, bot sich sicher niemals wieder! Der Geschäftsmann aus Neuyork setzte sich also mitsamt seinen Fahrrädern auf die Eisenbahn und dampfte gen Montauk Point. Der Zufall und unser Pech -- oder vielmehr das Pech der 21. Infanterie, man wird später sehen! -- wollte es, daß er auf seinem Raubgang zuerst in das Signalkorpslager kam, und kaum eine Stunde später waren sämtliche Signalkorpssergeanten glückliche Besitzer von angeblich nagelneuen Fahrrädern; Hastings, Souder, Ryan, Baldwin, ich -- alle, einfach alle.

Worauf der Mann aus Neuyork verschwand und wir uns anschickten, radfahren zu lernen.

Leutnant Burnell, in Abwesenheit des beurlaubten Majors unser Kommandeur, lachte uns aus und gab uns den niederträchtigen Rat, man lerne radfahren am schnellsten und bequemsten, wenn man von einem steilen Hügel herabfahre. Es ginge dann ganz von selber. Man könne -- könne! sagte er -- natürlich fallen, aber das gehöre nun einmal dazu. Der Rat leuchtete uns auch ein. Wir waren gerade in der Laune zu Tollheiten. Am Lagerrand suchten wir uns einen passenden, hübsch steilen, sandigen Hügel aus, über den die Jerseystraße führte. Sie war nicht sehr breit, höchst krumm, und hatte eine Einfassung von großen Steinen. Oben angelangt, setzten wir uns auf unsere Räder, packten die Lenkstangen und --

Sieben Sekunden später wünschte ein etwas wirrer Knäuel von neun Signalkorpssergeanten einem kommandierenden Leutnant Gesundheit und langes Leben!

Einige Räder waren ein wenig verbogen, sonst aber noch ganz gut; einige Köpfe verbeult, einige Arme und Beine abgeschürft. Am schlimmsten derangiert waren die Steine am Wegrand. Wir überlegten uns nun die Sache, hielten ein vergnügtes Palaver, und kamen überein, daß nie mehr als einer zur gleichen Zeit fahren sollte, damit die anderen zusehen konnten und so wenigstens ein bißchen Lustigkeit bei der Geschichte war. Als Jüngster kam ich zuerst daran und -- ein brüllendes Jubelgeschrei, ein Höllengelächter belehrten mich, daß das Zuschauen amüsant sein mußte.

Mir persönlich jedoch war zumute, als hätte mich der Teufel geholt und führe mit mir davon...

Während ich den Sand ausspuckte und mein linkes Schienbein rieb, stand plötzlich ein Herr in Seidenhut, Gehrock, hellen Beinkleidern da -- Major Stevens, vom Urlaub zurückgekehrt. Hastings wollte mechanisch melden: »Fünf Sergeanten erster Klasse und vier Sergeanten...« als ihn der Major unterbrach:

»Weiß ich, lieber Hastings. Sehe ich! Sagen Sie 'mal -- sollte das Detachement plötzlich verrückt geworden sein? Wo haben Sie denn die Fahrräder her? Weshalb fahren Sie denn gerade die niederträchtig schlechte Straße da herunter?«

»Gekauft, Major, und --«

»Gekauft? Das ist ja Unsinn, Hastings. In Fort Myer bekommt das ganze Detachement sowieso Fahrräder geliefert. Ich bitte mir aus, daß die alten Dinger da weggeschafft werden. Sie werden schon Mittel und Wege finden. Es freut mich übrigens, daß Sie alle so ausnehmend lebendig zu sein scheinen, denn es wird Ihnen demnächst an ausgiebiger Gelegenheit zur Betätigung nicht fehlen. Wir haben Reiseorder! Morgen früh sieben Uhr, Sergeant!«

* * * * *

Schleunigst sammelten wir die Fahrräder auf und eilten nach den Zelten, während der Major nachdenklich die Düne entlangschritt, das Spazierstöckchen schwingend. Uns alle plagte die Neugierde. Zwar wußten wir längst, daß in Fort Myer bei Washington das Hauptquartier des Signalkorps errichtet werden sollte und keiner von uns Aussicht hatte, in nächster Zeit wieder nach Kuba oder gar nach den Philippinen kommandiert zu werden; eine richtige Vorstellung aber, wie es in dem neuen Signalfort aussehen würde, konnte sich keiner von uns machen. Unsere Lage war bezeichnend für die Zustände nach dem Krieg. Verschiedene Sergeanten und alle Signalleute waren nach und nach von Montauk Point zum Stab der Philippinenarmee, die sich in San Franzisko bildete, beordert worden, bis schließlich nur wir übrig blieben: Ein Major, ein Leutnant, fünf Sergeanten erster Klasse und vier Sergeanten stellten den Mannschaftsbestand dar, aus dem sich das neue Signalfort zusammensetzen sollte! In Wirklichkeit freuten wir uns alle auf den Wechsel und das Neue, aber gebrummt mußte werden nach Soldatenart.

Der erfahrene Hastings schüttelte den Kopf. »Der Alte« -- das war der Major -- »macht mir ein viel zu energisches Gesicht,« sagte er. »Weiß der Teufel, was der während seines Urlaubs in Washington alles ausgeknobelt hat! Kann mir lebhaft vorstellen, wie er im Kriegsministerium herumgesaust ist! Ich habe so eine Ahnung, Jungens, als ob uns heidenmäßige Arbeit bevorstünde!«

»Das können wir uns selber denken,« lachte Ryan. »Wenn neun Sergeanten ein ganzes Signalfort gründen sollen, so ist's mit dem Nachmittagsschlafen vorbei.«

»Donnerwetter, wer soll denn kochen?« rief Souder. »Ein Sergeant etwa?«

»Das ist mir egal,« erklärte Hastings. »Ich jedenfalls nicht.«

»Du tust dich leicht, als Rangältester,« knurrte Souder. »Du wirst natürlich erster Sergeant« -- _first sergeant_, so wird in der amerikanischen Armee der Wachtmeister genannt -- »und drückst dich gemütlich im Büro herum. Dito Carlé. Es gibt doch immer Leute, die sich das richtige Plätzchen zum Hinlümmeln auszusuchen verstehen. Im übrigen wird es ganz nett werden, glaube ich. Was mich ärgert, ist nur, daß ich auf meine alten Tage« -- Souder war kaum einundzwanzig -- »noch den Rekrutenkorporal spielen soll! Von links und von rechts, von oben und von unten werden sie daherkommen, die Rekruten, und wenn es auch wahrscheinlich Berufstelegraphisten sein werden, so müssen wir ihnen doch erst die militärischen Töne beibringen. Was kein Vergnügen ist, _gentlemen_!«

Wir ließen jedoch bald von Erwägungen ab, die nur rein spekulativer Natur sein konnten, und beschäftigten uns praktischer damit, die kaum gekauften Fahrräder wieder zu verschachern. Die kurze Bemerkung des Majors, daß uns in Fort Myer Räder geliefert werden würden, hatte uns die Freude an dem neuen Spielzeug gründlich versalzen; wer wird sich auch ein Fahrrad kaufen, wenn er eins gratis bekommen kann! Wir wollten unser Geld wieder haben!

Zu diesem Zwecke begaben wir uns in die nächsten Zelte, in denen das 21. Infanterieregiment hauste, und erklärten den Unteroffizieren ausführlichst, daß wir Reiseorder hätten und die Fahrräder nicht mitnehmen dürften. Aus besonderer Liebe und Freundschaft würden wir sie ihnen furchtbar billig verkaufen. Sie wollten aber gar nicht anbeißen.

»Kinder, so billige Fahrräder kriegt ihr im Leben nicht wieder!« sagte Hastings bekümmert.

»Direkt geschenkt!« sekundierte ich.

Doch die 21. Infanterie machte gesucht gleichgültige Gesichter, und wir verfluchten innerlich unsere antiquarischen Fahrräder. Doppelt verfluchten wir den geschäftsklugen Mann aus Neuyork, der sie und uns lackiert hatte.

Da hatte Souder einen genialen Gedanken.

»Wißt ihr was?« sagte er. »Ihr seid nette Jungens, und wir wollen euch Gelegenheit geben, diese neuen, feinen, wertvollen Fahrräder umsonst zu bekommen. Wir spielen einfach ein bißchen Poker, und ein Fahrrad gilt immer zehn Dollars. Einverstanden?«

Natürlich waren sie einverstanden, wie Souder als feiner Psychologe vorausgesehen hatte; daß ein amerikanischer Regulärer der Verlockung eines Spielchens Poker widerstanden hätte, war seit Menschengedenken nicht dagewesen! Und als wir spät abends zu unseren eigenen Zelten zurückkehrten, waren wir unsere Fahrräder los, hatten den Infanteristen ein unmenschliches Geld abgenommen, und ihnen ihr sämtliches Bier ausgetrunken.

»Das wäre erledigt,« sagte Sergeant Souder.

Als wir am Offizierszelt vorbeikamen, rief uns der Major an. »Wollen Sie mir freundlichst auseinandersetzen, Sergeant Hastings,« sagte er, »weshalb ich seit drei Stunden keine Menschenseele im Lager auftreiben kann? Natürlich ist beim Einundzwanzigsten drüben wieder gepokert worden, ganz gegen Orders, nicht wahr?«

»_Yes, sir_,« antwortete der alte Sergeant mit einem seraphischen Lächeln. Er hatte sehr viel Bier getrunken. »_Yes, sir_. Die vom Einundzwanzigsten haben jetzt unsere Fahrräder und wir haben ihr Geld!«

»Bande!« knurrte der Major und drehte sich scharf um. Wir hörten ihn und Leutnant Burnell im Zelt laut lachen.

* * * * *

Die Order des Kriegsministers, die wir beim Appell am nächsten Morgen in den üblichen gedruckten Formularen erhielten, drückte sich sehr allgemein aus. Sie lautete ungefähr so: »Major G. W. S. Stevens, _U. S._ Volunteer Signalkorps, Leutnant John W. Burnell, die Sergeanten erster Klasse Soundso und die Sergeanten Soundso des _U. S._ Signalkorps haben sich sofort nach Eintreffen dieser Order nach Washington, Distrikt von Columbien, zu begeben, und von dort aus nach Fort Myer in Virginien. Major Stevens wird, den Anweisungen des Chief Signal Officer unterworfen, den Signalkorpsposten Fort Myer organisieren und zweihundertundfünfzig neu zu rekrutierende Signalmänner ausbilden. Die Sergeanten sind bis auf weiteres als auf detachiertem Dienst zu betrachten.«

»Hallelujah!« flüsterte Souder, der neben mir in Reih und Glied stand.

Denn detachierter Dienst bedeutete eine Löhnungszulage von über hundert Dollars im Monat, die Onkel Sam sonst nur denjenigen Sergeanten gewährte, die zu den Rekrutierungsstellen in den großen Städten abkommandiert waren.

* * * * *