Der Deutsche Lausbub in Amerika: Erinnerungen und Eindrücke. Band 1 (von 3)
Part 7
Die Zeit schwand dahin. Längst war die weiße Pracht der Felder hinausgewandert nach den Baumwollzentren der Welt; die weiten Strecken lagen öde, gedörrt vom Sonnenbrand da. Der Indianersommer kam, der wundervolle Texasherbst mit seinen leuchtenden roten und braunen Farben, mit seiner goldenen Sonne. In aller Herrgottsfrühe, in der Morgendämmerung, begann immer die Arbeit der Farm. Zuerst war es Baumwollpflücken gewesen von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, dann kam das Einernten der Maiskolben, dann das Schneiden des texanischen Zuckerrohres, des Winterfutters für Pferde und Vieh. Als die Ernte eingeheimst war, ging es an Kleinarbeit. Die Stacheldrahtzäune wurden ausgebessert, wir legten Bewässerungsgräben für die Felder an, wir flickten unser Sattelzeug, wir bauten einen neuen Stall, wir besserten die Farmwagen aus und strichen sie schön grün an, oder rumorten zwischen den Pflügen und Farmgeräten. Die Arbeit der Texasfarm schien mir keine Bürde.
»Ich kann mir kein rechtes Bild von deinem Leben machen,« schrieb mir einmal mein Vater. »Du berichtest über Reiten und Schießen und Jagen, du schreibst uns lustige Negergeschichten. Ist das Bauernarbeit in Texas?«
Doch die Arbeit war da und sie war schwer. Die ganze Art des Landes jedoch gab ihr einen romantischen Zug, und dieser romantische Zug vergrößerte sich ins Ungeheure für einen jungen Menschen wie mich. So wie es in der Stadt keine kleinere Münze als fünf Cents gab, weil kein Mensch sich mit Kupfergeld abgeben wollte, so fehlte auch auf der Texasfarm jede Kleinlichkeit. Wie sonniger Leichtsinn lag es über dem fast jungfräulichen Land, das ohne künstliche Hilfe reiche Ernte hergab. Dumpf dahin zu arbeiten, fiel hier keinem Menschen ein. Wir lebten auf der Farm in freier Natur ein freies Leben, das selbst schwerer Arbeit einen merkwürdigen Reiz verlieh. Und manchmal war die Arbeit wie ein Fest ...
»_Well_, Jungens,« sagte der alte Muchow eines Abends, »ich denke, wir machen uns jetzt an den Wald drüben bei der Slimpachtung und hauen uns ein neues Stück Feld heraus.«
Am nächsten Morgen ritten Charley und ich zu den Negerpächtern der Umgegend und trieben Arbeiter auf, und am nächsten Tag schon begann die Arbeit. Im Morgengrauen zogen wir hinaus. Voraus ritten der alte Mann, Charley und ich, hinter drein fuhr Jim der Neger mit vier Maultieren und einem Farmwagen, bepackt mit zwei riesigen Kesseln und Säcken mit Proviant. Über Ackerfurchen und knisternde Maisstengel ging's hinweg. Am Waldrande prasselte ein Feuer aus dürrem Holz, an dem zwei schwarze Gestalten kauerten und sich die Hände an den Flammen wärmten. Es war Neger Slim und seine Ehefrau Melusina Maryanne.
»Schön' guten Morgen, Mistah Muchow, schön' guten Morgen, Mistah Charley, Mistah Ed. Feine Sache, so 'n kleines Feuerchen. Nix niemand noch nich' da von die faulen Niggers.«
»Wie viele kommen denn, Slim?«
»Sechzig Stück, Mistah Muchow -- jeder gesegnete Farmnigger in dieser Gegend, so wahr dieses Kind einmal in' Himmel kommen will. Nur der Washington Columbus von Mistah Davis sein' Farm nich' un' das ist schade, weil das ein Nigger is', der mit die Axt fein Bescheid weiß.«
»Warum kommt er denn nicht?«
»Kann nicht. Is krank. Kann nicht sitzen, nicht liegen, nicht stehen, kann kein gar nix.«
»Wieso denn?«
»Oh -- das is' sehr einfach. Ein anderer farbiger Gentleman hat ihm ein' ganze Ladung Schrot in die rückwärtige Gegend hineingeschossen!«
Wir brachen in schallendes Gelächter aus.
»Wegen ein' kleine Meinungsverschiedenheit beim Würfeln,« fiel Melusina Maryanne, die junge Negerfrau, mit schriller Stimme ein. »_Lord_ -- was is' das Würfelspielen für ein' schlechte Gewohnheit! So was tut mein Slim nicht! Ich würd's ihm auch mit mein' Besen austreiben!«
»Tut Slim niemals nich',« log der Neger darauf los und schielte vergnügt zu Charley und mir herüber.
Als das Rot des herbstlichen Sonnenaufgangs durch die Baumreihen zu schimmern begann, kamen sie von allen Seiten herangeritten, schwarze Gestalten mit Äxten über den Schultern, auf struppigen Pferden, auf altersschwachen Maultieren. Im Nu häufte sich ein Berg von alten Sätteln und Decken am Waldrand. Die Ponys und "_mules_" begannen draußen auf dem Feld zu grasen. Die Reiter aber drängten sich um das Feuer und ließen sich von Melusina Maryanne heißen schwarzen Kaffee in ihre blechernen Becher einschenken, fischten Speckstücke aus der brodelnden Pfanne und frisches Maisbrot aus dem Kessel. Weiße Zähne zermalmten und dicke Lippen schmatzten.
»So, Jungens!« rief der Herr der Farm von seinem Gaul herab, »nun wollen wir dem alten Wald zu Leibe gehen. Charley, Ed, zählt euch dreißig Mann ab und fangt hier zu arbeiten an. Die anderen kommen mit mir. Los, Kinder. Wollen 'mal sehen, auf welcher Seite mehr gearbeitet wird!«
Hemden wurden heruntergerissen, nackte schwarze Oberkörper glänzten im Sonnenlicht, und donnernd erdröhnten die Axtschläge. In langer Linie arbeiteten unsere dreißig Neger, Baum an Baum. Mit rhythmischer Regelmäßigkeit fielen die hoch über die Köpfe geschwungenen Äxte. Zuerst ein Hieb von oben, der tief in den Stamm hineinbiß, dann ein ergänzender waagrechter Schlag, der das angehauene Holzstückchen herausschleuderte. So entstand eine winzig kleine Kerbe in der Form eines liegenden _V_, flach wie ein Teller unten, schräg in den Baumstamm hineinfressend von oben. Mit jedem Hieb wurde die Kerbe größer, bis der verwundete Stamm sein eigenes Gewicht nicht mehr tragen konnte, die Holzfasern rissen und der Baum krachend zur Erde fiel. Dann sprangen drei, vier Mann auf ihn und hieben ihm die Äste ab, und der alte Jim schlang eine Kette um den Stamm und schleppte ihn mit seinen Maultieren an den Waldrand hinaus. Die Äste blieben liegen. Da waren Fichten, deren rotes Holz so weich und wässerig ist, daß es nur zum Verbrennen taugt; Buchen, Eichen und Hickorybäume, deren Stämme auf einen besonderen Haufen gelegt wurden, denn sie waren so wertvoll, daß sie in Brenham verkauft werden sollten. Ihr Holz ist hart wie Eisen. Die zähen Ranken, die sich von Baum zu Baum schlangen, der Efeu der alten Eichen und wucherndes Gestrüpp mit scharfen Dornen fielen unter den Axthieben. Schritt für Schritt drangen die Neger in den Wald ein. Ich hielt es nicht lange aus beim Zusehen, sondern sprang vom Pferd, holte mir eine Axt und schlug darauf los, daß die weißen Holzsplitter flogen.
Da gerieten Slim und ein anderer Neger in Streit. Sie hatten ihre Äxte verwechselt.
»Is meine Axt!«
»Nein, meine!«
»Das is' ein' dicke Lüge, du schwarzer Gauner!«
»Is' kein' Lüge!«
»Is' es doch!«
»Is' es nich' --«
Wütend funkelten sich die beiden Neger aus rollenden Augen an. Charley aber zog gelassen den Revolver hervor und spannte den Hahn.
»Äxte weg, Jungens! Wer von euch beiden eine Axt oder ein Messer anrührt, den schieße ich über den Haufen. Gebraucht eure Fäuste meinetwegen, ihr Dickschädel!«
»Komm her, Affensohn!« brüllte der Neger.
»Komm du her!« schrie Slim.
Da auf einmal krümmten sich die beiden zusammen -- senkten die Köpfe -- rannten aufeinander los. Genau wie kämpfende Böcke. Die Schädel prallten in dumpfem Krach zusammen. Wieder rannten sie, wieder stießen die schwarzen Köpfe hart aufeinander; zwei-, drei-, fünfmal. Beim fünftenmal kratzte Slim's Widersacher sich die krause Wolle auf seinem Schädel und schlich davon.
»Is' das nicht ein fein' kleines Köpfchen, das dies Kind hier auf die Schultern sitzen hat!« jubelte Neger Slim.
Wir aber lachten, daß wir beinahe von den Pferden fielen.
»Dafür soll dieser Sohn eines Ziegelsteins ein Pfund Tabak haben,« sagte Charley. »Das ist das erstemal, daß ich ein richtiges Niggerboxen gesehen habe. Ein Neger ist doch ein merkwürdiges Individuum. Sein Schädel ist so hart, daß wahrhaftig etwas daran ist an dem alten Witz von dem Schwarzen, der im siebzehnten Stockwerk eines Wolkenkratzers aus dem Fenster fiel und in der Luft inbrünstig gebetet haben soll: _Dear Lord_, laß mich auf meinen Kopf fallen, _if you please_, und ich armer Nigger bin gerettet! Eines Negers Schienbeine aber sind so weich und so empfindlich, daß ihn der leiseste Stoß schmerzt. Wenn du einmal mit einem Neger Unannehmlichkeiten hast, Ed, so gib ihm einen kräftigen Fußtritt gegen das Schienbein, und er wird heulend davonlaufen! _Well_ -- nun hör' mal! Vorhin wollte ich es dir nicht sagen, aber du mußt nicht mitarbeiten beim Baumfällen! Mit Negern arbeitet man nicht zusammen!«
Ich schämte mich fast, daß ich das nicht selbst empfunden hatte. Denn so naiv ich den Neger betrachtete, so fühlte ich mich doch in natürlichem Instinkt dem Mann der schwarzen Rasse gegenüber genau so als Herr und Höherstehender, wie der alte Muchow oder sein Sohn; empfand eine Abneigung, deren erster Grund der penetrante Geruch der Ausdünstung des Negers sein mochte. Für den Neger soll der Weiße übrigens genau den gleichen unangenehmen Geruch haben. Man plauderte mit dem Neger. Man amüsierte sich über seinen grotesken Humor, über sein komisches Englisch. Man brauchte ihn notwendig. Wie alle anderen Riesenfarmen in dem spärlich besiedelten Land basierte der Muchowsche Besitz auf Negerarbeit im Pachtsystem. Die Negerfamilien bekamen Land und Werkzeuge und mußten dafür das Land bestellen und die Hälfte des Ertrags abliefern. Sie waren vollkommen abhängig von dem Herrn der Farm, weil sie fast niemals bares Geld in die Hände bekamen und immer in der Schuld des Farmers standen, denn sie waren faul und verschwenderisch. Bekamen sie nach der Ernte wirklich Geld, so verpufften sie es in wenigen Wochen; die Männer in Trinkgelagen, die Weiber in komischem Putz, und waren dann wieder auf den Farmer angewiesen, der ihnen für die einfachsten Lebensmittel ungeheure Preise anrechnete. Eine Wirtschaftsteilung, bei der der Neger als der wirtschaftlich Schwächere und Untüchtigere unbedingt den Kürzeren ziehen mußte. So wurde das Land nach uralten primitiven Methoden bestellt, und was der Farmer durch nachlässige Bewirtschaftung verlor, glaubte er durch den Umfang seines Besitzes und den billigen Grundwert wieder hereinzubringen. Um straffe moderne Organisation, um wissenschaftliche Bodenausnutzung mühte sich niemand, weil der Neger nur in dem althergebrachten System zum Arbeiten zu bringen war, weil er als Tagelöhner zum Beispiel unter ständiger Aufsicht hätte sein müssen. Mir erschienen die Neger von einer fast kindlichen Harmlosigkeit. Als Kinder wurden sie auch behandelt, und als Kinder fühlten sie sich. Sie kamen mit den kleinsten Anliegen zu uns, sie konnten nicht einmal die einfache Baumwollarbeit, in der sie doch aufgewachsen waren, selbständig verrichten. Man behandelte sie freundlich, aber man hielt sie sich energisch vom Leibe. Kein Neger durfte den Farmhof betreten, ohne vorher angerufen und sich Erlaubnis erbeten zu haben; jeder Schwarze mußte ausweichen, wenn wir auf der Straße ritten oder fuhren; er durfte in Brenham kein Restaurant betreten oder sich in öffentlichen Räumen gleichzeitig mit Weißen aufhalten. Er war ein untergeordnetes Wesen und sollte es bleiben.
Stück für Stück und Tag um Tag verschwand der Wald. Die Stämme türmten sich draußen auf dem Feld auf. Nach drei Wochen stand kein Baum mehr, und eine halbe englische Meile weit sah man nichts als Haufen von Geäst und nackte, weißschimmernde Baumstümpfe. Nun begann die eigentliche Rodearbeit; die Stümpfe wurden herausgesprengt. Den Negern machte das ein Heidenvergnügen, und uns drei Weiße hielt es in ständiger Aufregung, weil die Schwarzen kaum wegzutreiben waren bei den Sprengungen. Das grobe Sprengpulver spaltete die Stümpfe nur und lockerte sie aus dem Erdreich. Feuer mußte die Arbeit vollenden. Der alte Mann selbst warf den Brand in das Gestrüpp, und langsam fraßen die roten Flämmchen in das Kleinholz, bis ein Windstoß kam und die kleinen Feuerzüngelchen zum rasenden Feuermeer aufpeitschte, das eine glühendrote Rauchwolke weithin über das Land trieb. Den ganzen Tag und die ganze Nacht umritten wir den Flammenherd und löschten Dutzende und Aberdutzende von Bränden, die durch glühende Funken in den benachbarten Feldern im Baumwollengesträuch und unter den Maisstengeln entstanden waren. Unsere Löschmanier war höchst einfach. Zwei Reiter hielten eine nasse Decke zwischen sich gespannt und schleiften sie im Galopp über den brennenden Boden. Mehrere Tage lang brannte das neugewonnene Land. Dann aber hätte man auf der weiten Fläche kein Stückchen Holz mehr finden können; die Stümpfe, die herausgesprengten Wurzeln, die Äste, das Gestrüpp, das dürre Laub von vielen Jahren, der uralte Laubmoder -- das alles war eine schwarzverkohlte Masse mit Tausenden von weißen Aschenhäufchen. So wurde aus dem Wald das Feld ...
* * * * *
»Charley und Ed, die beiden Spitzbuben,« sagte der alte Muchow öfter als einmal, »sind gar nicht mehr auseinanderzubringen. Immer stecken sie beisammen. Die Pferde reiten sie mir zu schanden, ihre ewige Schießerei hat mich schon halb verrückt gemacht, bei den Negern strolchen sie herum, -- aber arbeiten tun sie, das muß man ihnen lassen. In einer Manier freilich, als täten sie's nur, weil's ihnen Vergnügen macht!«
Monate tollen Erlebens. Ich lernte Vertrauen in meine Fäuste und in meine Kraft; lernte auch den wildesten Gaul reiten; lernte das weiche Englisch des amerikanischen Südens; lernte den merkwürdigen Texasmischmasch von Selbstvertrauen und Schlenderjahn. Die Muchows fühlten sich unabhängig wie große Herren auf ihrem riesigen Grundbesitz, aber sie so wenig wie die Nachbarn hatten den Ehrgeiz, das alte Schlendersystem der Farmer zu verbessern. Es war, als seien die weißen Männer auf dem flachen Land angesteckt von der Sorglosigkeit und Gleichgültigkeit des Negers. Sie lebten ein Herrenleben in ihrer Art, aber sie aßen Maisbrot und Speck das Jahr über und wohnten in rohen Holzhäusern; sie trugen derbes Leinen und betrachteten eine Zigarre als Sonntagsluxus. Dutzende von Pferden standen auf jeder Farm, und kein Mensch wäre hundert Meter zu Fuß gegangen, aber die Tiere wurden niemals beschuht und fast niemals geputzt. Die Farmen sahen schmutzig und verkommen aus, die Straßen nach der Stadt waren in einem so erbärmlichen Zustand, daß sie bei der Regenzeit unpassierbar wurden. In der Erntezeit warfen die Farmer mit Goldstücken um sich, und die Hälfte des Jahres mußten sie bei den Geschäftsleuten der Stadt Kredit in Anspruch nehmen. Man arbeitete aus Leibeskräften -- ließ aber auf einmal alles liegen und stehen, wenn ein Neger mit der Nachricht gelaufen kam, Mister So und So von der nächsten Farm wolle zum Fischen nach dem Brazos reiten. Oder zum Kaninchenjagen. Oder auf die Waschbärenjagd. Dann sattelte man schleunigst die Gäule und ritt mit.
Es war ein merkwürdiges Leben auf der Texasfarm, das mir unbeschreiblich verlockend schien. Texasfarmer wollte ich werden! Es war sehr leicht, wenn man erst als halbwegs tüchtig bekannt war, Kredit zu erhalten und durch langsames Aufsteigen vom Pächter zum Farmer selbständig zu werden. Jeder Farmer verpachtete lieber an einen weißen Mann als an einen Neger, weil der Weiße von selbst arbeitete und der Schwarze nur, wenn er dazu getrieben wurde. Das Haus bauten einem die Nachbarn, die Geräte lieferte der Farmer, das Geld, das man bis zur Ernte brauchte, streckte er einem vor. Wenn die Baumwollenpreise nur einigermaßen gut waren, konnte man bald genug eigenes Land besitzen.
Wie oft hatte mir der alte Muchow das auseinandergesetzt! Aber für den Gang meines Lebens bestimmend war sein Sohn. Hätte nicht die amerikanische Krankheit unstillbaren Wandertriebes ihn erfaßt, so pflanzte ich heute aller Wahrscheinlichkeit nach Baumwolle irgendwo in der Nähe der Muchowschen Farm, ein Texasmädel wäre meine Frau, Texasgrund und Boden wäre mein eigen ...
Denn im Spätherbst kam eine sonderbare Ruhelosigkeit über den jungen Muchow. Es gab fast nichts zu tun auf der Farm. Das Land sah öde aus; alles war verdorrt, der Boden, die Büsche und das Laub, das Gras. Man sah nichts als einförmiges Braun. Wir ritten täglich meilenweit übers Land, und auf einem solchen Ritt hielt Charley auf einmal seinen Gaul an und ließ die Zügel fallen. Lange Zeit sah er sich im Kreise um. Dann richtete er sich auf, wie jemand, der mit sich selber eins geworden ist.
»Ich geh' fort,« sagte er.
»Was?«
»Fort geh' ich. Zu verdammt langweilig!«
»Wohin denn?«
»Weiß noch nicht. Ich reit' jedes Jahr los. Neu-Mexiko war es letzten Winter, Indian-Territory das Jahr vorher. Für Cowboys gekocht, drüben bei San Antonio (und die Jungens haben oft genug geschimpft über meine Kocherei!) -- mitgeholfen beim Branden der Rinder -- dann nach Nordwesten hinauf -- das verdiente Geld in einem Wagen und Provisionen angelegt und nach Gold gesucht -- den Teufel 'was gefunden -- halb verhungert in Albuquerque angekommen, Wagen und Gaul verkauft und nach Hause gefahren. Das waren famose fünf Monate, _sonny_! Diesmal ist es El Paso! Bei El Paso wird eine neue Eisenbahn gebaut. Gus sprach davon. Da strömen die lustigsten Kerle aus dem ganzen Süden zusammen. Jawohl -- es ist 'ne feine Idee! Ich reite nach El Paso! Glory Hallelujah!«
Wie eine ansteckende Krankheit sprang sein Wandertrieb auf mich über.
»Nimm mich mit!« sagte ich.
»_No, sir._«
»Warum denn nicht?«
»Geht nicht. Du kennst das Land noch nicht. Schließlich schlagen sie dir den Schädel ein und ich bin daran schuld. Nein. Bleib' beim alten Mann.«
Als wir nach Hause kamen, platzte er mit seinem Projekt heraus:
»Vater -- hm -- Mutter -- hm, ich denke, ich reite morgen ...«
»Ach du meine Güte!« sagte Mutter Muchow leise.
»Wie du meinst!« brummte der Alte. »Eine verfluchte Wirtschaft! Du wirst schon noch in irgend 'n Malheur 'reintreten. _Well_ -- _well_ -- -- bin auch mal jung gewesen, aber die neue Generation könnte doch 'was zugelernt haben. Hab' mir's schon gedacht, daß die Vagabundiererei wieder anfängt. Dann reite in drei Kuckucksnamen! Laß dich nicht über die Ohren hauen! Wo willst du hin?«
»Nach El Paso, Vater. Zum Eisenbahnbau.«
»_Well_, wie du meinst.«
Ich saß da und wäre beinahe geplatzt vor Neid. Und auf einmal kam's über mich wie fiebernde Unruhe.
»Wenn Charley fortgeht ...« begann ich.
»Hoh!« sagte der alte Muchow. »Da ist noch einer! Zu tun ist ja freilich nichts auf der Farm, aber du hättest doch wahrhaftig gerne hierbleiben können!«
Und ich beschloß, mein Glück im Texasstädtchen zu versuchen.
* * * * *
Kurz vor Brenham durchschnitt die Staatsstraße nach Osten, nach San Antonio und El Paso, unseren Weg. Dort, an der Kreuzung, hielten wir. Braun, dürr, öde, sandig lag die Gegend da. Auf dem untersten Ast eines Baumes am Straßenrande saßen träge vier Aasgeier.
»_Good bye_, Vater,« sagte Charley.
»Na, dann reite, mein Junge. Nimm dich in acht mit dem Mexikanerpack da drüben!«
»_Allright_, Vater. _Good bye_, Ed. Besser, du bleibst beim alten Mann. Überleg' dir's noch.«
Und im vollen Galopp jagte Texasgirl auf der Straße nach Osten vorwärts, mit einem Reiter, der lustig den Hut schwenkte und die sechs Schüsse seines Revolvers in die Luft knallte zum Abschiedsgruß --
»Eine verfluchte Wirtschaft!« brummte der alte Mann. »Wenn ich nicht selber einer von der Sorte gewesen wäre, könnt' ich dem Bengel wahrhaftig böse sein. Na, er kann für sich sorgen; wer mit dem anbindet, hat alle Hände voll. Was willst du denn in Brenham anfangen?«
»Keine Ahnung, _sir_.«
»Eine verfluchte Wirtschaft! Ehem! Ich lasse jeden das aufessen, was er sich einbrocken will. Wenn einer Dummheiten machen will, dann soll er sie eben machen. Man muß einen Mann mit seinem Mädel allein lassen und einen Narren mit seiner Narrheit. _Good bye_, mein Junge!«
Da hinten in Texas.
Der Lausbub wird Apothekerlehrling. -- Im Wunderland. -- Grasgrüner Wissensdurst. -- Die Negerin und das Liebespulver. -- Ein Nachtklingel-Erlebnis. -- Der Lausbub langweilt sich. -- Das Gäßchen der winzigen Häuschen. -- Klein-Daisy. -- Die Dame, das Parfüm und die Folgen. -- Ex-Apotheker. -- Der frühere Leutnant aus dem heiligen Köln und sein Rat. -- Der Mann mit den leuchtenden Augen. -- Vorbereitungen zu einer geheimnisvollen Reise.
An einem der runden Tischchen in Gus Meyers Salon saß, emsig schreibend, der Redakteur und Verleger des Brenhamer Herald. Neben ihm stand ein kleiner Junge in Arbeitskleidern, mit Druckerschwärze beschmiert.
»Hello!« rief mir der Redakteur entgegen. »In dreieinhalb Sekunden hab' ich den Gouverneur von Texas vollends abgemurkst.« (Er schrieb weiter.) »So. Hier, mein Söhnchen! Lauf! Korrektur und letzte Depeschen bringst du mir hierher. Gus, noch 'n Bier! Und wie steht's mit Bruder Leichtfuß aus dem deutschen Vaterland?«
Er schüttelte sich vor Lachen, als ich ihm erzählte, weshalb ich in Brenham sei.
»Und was wollen Sie anfangen?«
»Ich hab' keine Ahnung ...«
»Selbstverständlich haben Sie keine Ahnung!« schrie er lachend, als ob das der beste Witz der Welt wäre. »Ich hätte auch keine an Ihrer Stelle. Es wäre auch wirklich zuviel verlangt von Bruder Leichtfuß, er solle sich -- hokuspokus, hast du nicht gesehen? -- in einen geldverdienenden Praktiker umzaubern, sobald er nur auf amerikanischen Boden plumpst!«
»Könnten Sie mir nicht einen Rat geben, Herr Doktor?«
»Hoh! So ist's recht. Wenn man selbst nichts weiß, so weiß vielleicht ein anderer etwas!«
Er lachte, und unter Lachen und Biertrinken pumpte er mit unglaublicher Schnelligkeit alles aus mir heraus, was er wissen wollte. Was mein Vater sei? Weshalb ich eigentlich Deutschland verlassen hätte? Meine Familie? Meine Verwandten? Welche Schulen?
»Stimmt alles!« schmunzelte er endlich. »Sie wären auch viel zu jung, um konsequent und überzeugend zu lügen. Das ist nämlich eine große Kunst! Hm -- und nun wollen wir sehen, was sich in dieser feinen aufblühenden Texasstadt alles mit Ihnen aufstellen läßt. Aha -- oho ... guten Morgen, Mr. Mindus!«
»Tag, Doktor!« sagte ein Herr, der soeben eingetreten war, ein Riese von respektabler Größe und noch weit respektablerer Breite, ein Riese in Hemdsärmeln, doch in Hemdsärmeln aus schillernder Seide; in blitzenden Lackstiefeln, auf dem Kopf einen Panama.
»Interessanter Fall, Herr Mindus!« sagte der Doktor. »Wir haben hier den jungen Deutschen, der bei den Muchows auf der Farm -- ich erzählte Ihnen doch davon?«
Der Mann in den seidenen Hemdsärmeln nickte.
»Nun, er hat gemerkt, daß er in der stillen Farmzeit ziemlich überflüssig war und ist gegangen. Frage: Was fängt er an?«
»Geld?« fragte Mr. Mindus lakonisch.
»Ih wo!«
»_Well_ -- dann muß er arbeiten!«
»Aber, bester aller Apotheker, -- Herr Mindus ist Besitzer der großen Apotheke da drüben, mein Junge, -- das wissen wir auch! Aber wie und wo? Ich denke mir, wenn ein verwöhnter junger Mensch frisch von der Schulbank fünf Monate Farmarbeit aushält, dann muß er zu gebrauchen sein.«
»Das werden wir ja sehen,« sagte der Apotheker und wandte sich mir zu. »Wenn Sie wollen, so können Sie bei mir in der Apotheke arbeiten -- --«
Ich saß da, so erstaunt und so überrascht, daß ich kaum ein Wort hervorbringen konnte, und hörte, wie mir der Apotheker erklärte, er "taxiere", ich sei vorläufig fünfzehn Dollars im Monat und Verpflegung für ihn wert, und in einer Viertelstunde solle ich nach der Apotheke kommen. Dann schüttelte Mr. Mindus dem Doktor die Hand, nickte mir zu und ging fort. Der Verleger des Brenham Herald sah mich lachend an.
»Eine verrückte Welt! Nun sind Sie Apothekerlehrling hier hinten in Texas!«
Eine halbe Stunde später hielt ich einen Mörser zwischen den Knieen und stampfte arbeitsam auf Kreidekügelchen los. Die zerstampfte Kreide füllte ich in kleine Schachteln. In jede Schachtel kamen drei Tropfen Veilchenextrakt. So fabrizierte man hier hinten in Texas Puder.
* * * * *