Der Deutsche Lausbub in Amerika: Erinnerungen und Eindrücke. Band 1 (von 3)

Part 14

Chapter 143,541 wordsPublic domain

So begann die lange Arbeitssuche, das Laufen und Suchen den ganzen Tag hindurch. Zweimal lief ich die ungeheure Mississippifront auf und nieder, fragte gewissenhaft jeden Arbeitsplatz ab, sprach mit Hunderten von Menschen und log erschrecklich über meine Arbeitsfähigkeiten. Zwanzig, dreißigmal wiederholte sich das gleiche Frage- und Antwortspiel:

»Können Sie mit schweren Kisten umgehen?«

»Jawohl -- ausgezeichnet!«

»Erfahrung gehabt darin?«

»Massenhaft!« (Das war eine eklatante Unwahrheit ...)

»Schön -- dann melden Sie sich am Montag früh um sieben Uhr!«

Immer wieder erhielt ich diese Antwort. Arbeitsgelegenheit schien in Mengen da zu sein; nur war diese boshafte Arbeitsgelegenheit stets so eigentümlich, sich immer erst in einigen Tagen materialisieren zu wollen. Zwar gab dies Trost und Hoffnung, war aber entschieden unpraktisch für ein Menschenkind, das seinen letzten Pfennig verschlafen hatte. Ich fragte und fragte. An Vorarbeiter wandte ich mich bald nicht mehr, denn die erkundigten sich sofort, ob ich dem "Verbande", der Gewerkschaft, angehöre und wurden grob, wenn ich verneinen mußte. In den Bureaus wurde ich entweder abgewiesen oder auf den Montag (den ich nachgerade zu hassen anfing) bestellt. So gab ich, es war schon fast Mittag, der Mississippilevee meinen Segen und schlich hungernd und frierend hinauf nach dem Stadtzentrum. Im Vorbeigehen bat ich einen dicken Polizisten, der sehr gutmütig aussah, um Rat.

»Heiliger Sankt Patrik,« sagte der, »andere Leute haben auch kein Geld und andere Leute möchten auch Arbeit haben. Da soll der Kuckuck raten. Reden Sie und fragen Sie Gott und die Welt, und dann fangen Sie wieder von vorne an!«

Und ich redete!

In dem Stadtviertel, das die Levee mit dem Geschäftszentrum verband, lag Fabrik an Fabrik, und Fabrik auf Fabrik suchte ich ab mit dem stereotypen: »Ich suche Arbeit!« Hier waren die Leute grob und schüttelten die Köpfe, ohne sich die Mühe eines gesprochenen Nein zu geben; dort fragte man mich zehn Minuten lang neugierig aus, um dann achselzuckend zu bedauern. Dort sollte man in einer Woche wiederkommen. Es war ein Straßenwandern und Fragen zum Herzzerbrechen. Die Müdigkeit kam und der Hunger machte sich immer bemerkbarer. So hungrig wurde ich, daß ich geradezu Schmerz empfand, wenn ich im Vorbeigehen in die Schaufenster von Bäckereien und Delikatessengeschäften guckte; so hungrig, daß ich immer wieder und wieder krampfhaft nach der Uhr in meiner Tasche fühlte und mit dem Gedanken liebäugelte, daß das kleine tickende Ding die schönsten Mahlzeiten in sich barg. Aber ich empfand, daß ihr Wert das letzte war, das vom Nichts trennte, und biß die Zähne zusammen. Weiter suchen! Mir war, als sei ich mutterseelenallein zwischen den ungeheuren Gebäuden, den himmelragenden Wolkenkratzern, die da die Lehre von der Kunst des Dollarjagens hinausschrien in die Welt; allein in dem Gewühl von Menschen, die hastig vorwärtsstrebten, als wisse jeder von ihnen ganz genau, was er tun müsse. Nur ich, ich allein unter den Tausenden, wußte das nicht. Hart sahen die Männer und die Frauen aus, gleichgültig. Selbstbewußt aber vor allem; so selbstbewußt, daß mir jedes scharfgeschnittene Gesicht und jedes klare Auge ein Vorwurf zu sein schien: Weshalb bist du denn so hilflos -- warum kannst du nicht was wir können! Erbärmlich klein kam ich mir vor. Und erbärmlich hungrig.

Ich wanderte wieder der Levee zu. In den Wolkenkratzern, in den eleganten Läden, im Stadtviertel der Banken -- da hatte ich nichts zu suchen, denn ich kannte den Wert von Geld und äußerer Erscheinung; mein zerknitterter Anzug, meine Geldlosigkeit bedingten, das wußte ich recht gut, primitive Arbeit mit den Fäusten. Der Abend war hereingebrochen, und fast instinktiv spähte ich in dem Lichtermeer der Straßen nach den drei vergoldeten Kugeln, die in Amerika ein Pfandgeschäft bedeuten. Essen -- schlafen -- und dann aufs Rathaus morgen in aller Frühe zum Schneeschaufeln. Da trat dicht vor mir, aus einer Seitentüre eines riesengroßen Gebäudes aus mächtigen Sandsteinquadern ein Jüngelchen in dunkelgrünem Pagenanzug mit goldigen Borten und goldigen Knöpfen, eine Zigarette in seinem Kindermund, und nagelte mit großer Bedächtigkeit ein Plakat an die Mauer: _Man wanted in kitchen._

Gesucht ein Mann für die Küche ...

»Was ist das?« fragte ich das Kind.

»Dies ist der Seiteneingang zum Palacehotel,« antwortete der Pagenjüngling. »In der Küche brauchen sie einen Mann zum Geschirrwaschen. Können Sie nich' lesen?«

»Der Mann bin ich!« sagte ich. »Nimm das Ding nur wieder herunter von der Wand! Und nun zeig' mir den Weg, mein Sohn!« Die Tätigkeit des Geschirrwaschens erschien mir zwar einigermaßen komisch. Aber es war Arbeit, und Arbeit brauchte ich.

»Kommen Se mit,« sagte das Kind mit einem herablassenden Kopfnicken, denn in seiner Weltvorstellung stand ein Hotelpage natürlich turmhoch über einem angehenden Geschirrwäscher.

Und in fünf Minuten war ich von einem pompösen Küchenchef, der englisch, deutsch und französisch wirr durcheinander sprach und ein quecksilbernes Bündel von empfindlichen Nerven schien, in aller Form als Töpfeputzer Nummer 2 des Palasthotels angestellt. Arbeitszeit von 6 Uhr abends bis 6 Uhr morgens, Essen und Wohnen frei, dreißig Dollars im Monat, Abgang von der Stelle nur am 17. eines jeden Monats ...

Die Küche der Riesenkarawanserei, die sich Palasthotel nannte, wäre jeder Durchschnittsfrau als der siebente Himmel von silberfunkelnder und kupferglänzender Küchenschönheit erschienen; jede Frau hätte den ungeheuren Herd, die Köche in schneeweißen Anzügen, die blitzende Sauberkeit überall staunend bewundert. Jeder Durchschnittsmann aber wäre vor dem Getriebe nervöser Hast in dieser Küche entsetzt geflüchtet! Ich wenigstens hab' mir aus dem Arbeitsmonat in jenem Küchenreich einen unbezwinglichen Widerwillen gegen alles, was Koch heißt, mit hinübergenommen ins Leben. Diese Köche waren eitel wie die Pfauen, nervös wie hysterische Weiber und unverschämt wie reiche Parvenus. Sie zankten sich untereinander in einem endlosen Geschnatter von Französisch und Englisch und Deutsch und Italienisch, und verfluchten sich gegenseitig in alle Tiefen der Hölle, bis der großmächtige Küchenchef aus seinem Privatbureau trat. Dann schwenzelten sie devot um die Majestät der Küche herum.

Mir bedeutete das kleine Gemach an der Küchenseite, in dem ich arbeiten mußte, mit seinen ewig nassen Steinfliesen und seinen marmornen Putzbecken von allem Anfang an eine Miniaturhölle, die in alle Ewigkeit dazu verflucht war, in heißen Dampf gehüllt zu sein und ein immer sich erneuerndes Chaos von rußigen Kupferkesseln und Kasserolen und Töpfen in allen Größen und Formen zu beherbergen. Man kam sich vor wie Sisyphus -- gegen Unmöglichkeiten anarbeitend. Ohn' Unterlaß rannten, wie aus Kanonen geschossen, zappelige Köche in die Türe und warfen mit vielen _Sapristis_ und _Nom de Dieus_ und _Hells_ mir ganze Kupferberge vor die Füße, während ich im Schweiße meines Angesichts mit harten Bürsten und scharfer Salz- und Essiglösung putzte und wusch. Es ist lustig, sich an lächerliche Kleinigkeiten zu erinnern; ich verspüre heute noch das verzweifelte Entsetzen, das mich immer überschlich, wenn ich glücklich den letzten von Hunderten von Töpfen blitzsauber hatte, und dann auf einmal eine Höllenschar von Köchen Dutzende und Aberdutzende schmutziger Kasserolen in meine Miniaturhölle feuerte!

So leicht die Arbeit an und für sich sein mochte -- kein Faden blieb einem trocken am Leib! Ich war Nummer zwei. Nummer eins, ein Südfranzose, arbeitete von 6 Uhr morgens bis 6 Uhr abends. Um ein Uhr nachts gingen die Köche nach Hause, und es wurde still in der Riesenküche. Meine Arbeit aber begann eigentlich erst, denn von den späten Theatersoupers war immer noch ein Regiment von Töpfen da. Dann aber hieß es, jedes Stückchen Metallglanz in der Küche putzen. Den Herd entlang, der die ganze eine Längswand einnahm, lief ein Anrichtetisch aus solidem Kupfer, an die fünfzehn Meter lang. Der mußte blitzblank sein. Der Herd mußte geschwärzt, seine Metallteile geputzt werden; die Pfannen an dem Gerüst über dem Anrichtetisch sollten blinken und leuchten und genau nach Größe geordnet sein. Da waren noch die Messingbänder der Geschirrwaschmaschinen, ungeheurer Bottiche, in denen Plattformen durch elektrische Kraft rotierten und die aufgestapelten Teller und Platten mechanisch reinigten. Da waren die Küchenfliesen zu waschen. Jede Minute der zwölf Arbeitsstunden mußte ausgenützt werden, wenn ich fertig werden wollte. Um 6 Uhr morgens dann schlich ich mich in das winzige Zimmerchen im sechsten Stockwerk, in dem der Südfranzose, Nummer eins, und ich zusammen hausten, ohne uns jemals zu sehen als eine Minute lang am Morgen und am Abend, wenn wir uns ablösten.

Heute noch kann ich kein Kupfergeschirr sehen, ohne mit Grauen an die elegante Küche des Palasthotels und ihre Höllenarbeit zu denken! Diese Küche war eine der Sehenswürdigkeiten des Hotellebens von St. Louis, mit Stolz gezeigt -- aber unter Vorsichtsmaßregeln. Wurden Besucher ins Küchenreich geführt, so ertönte schrill eine elektrische Glocke. Das Glöckchen der neugierigen Affen wurde sie genannt. Ihr Schrillen war das Signal zu vornehmem Dekorum. Die Köche ließen, wie durch Zauberspruch gebannt, ab vom Schimpfen und Schnattern; die Mädels bei den Geschirrmaschinen banden sich rasch frische Schürzen um und gaben sich Mühe, recht niedlich auszusehen; ich mußte die Türe zu meinem Putzreich schleunigst zumachen. Und die neugierigen Affen sagten dem Chef Schmeicheleien über den lautlosen Betrieb ... Ich aber fluchte innerlich und zählte mir an den Fingern die Tage bis zum 17. Dezember ab und wunderte mich, ob es denn Männer geben könne auf dieser Welt, die Töpfeputzen im Palasthotel länger als einen Monat aushielten. Prompt um 9 Uhr morgens bat ich Seine Majestät den Küchenchef um eine Anweisung auf die Hotelkasse.

»Es ist merkwürdig,« meinte der Chef, »daß wir mit dem Personal des Putzraumes so häufig wechseln müssen. Die Arbeit ist doch leicht. Nun, wenn Sie das Geld durchgebracht haben, können Sie wieder vorfragen.«

»_Thank you!_« sagte ich.

Als ich aber für die Arbeit von fünf Wochen ein Bündel von dreiundvierzig Dollarscheinen zärtlich in die Tasche steckte, mischte sich in meine komische Wut auf jene Hölle kupferner Greuel leise Dankbarkeit, und froh wie ein aus Qual Erlöster zog ich meinen besten Anzug an. Starkenbach hatte mir auf meine Bitte meinen Koffer ins Hotel geschickt. Ein Zettel lag obenauf:

»Viel Glück, lieber Freund! Wie gefällt Ihnen mein gutes altes St. Louis? Lassen Sie es sich möglichst gut gehen und nehmen Sie dieses putzige Leben nicht allzu ernst!«

Da hatte ich laut aufgelacht. Wenn man Kupferkessel putzte, hatte das Leben so gar nichts Putziges -- und was ich vom guten alten St. Louis kannte, waren -- -- eine Miniaturhölle im krassesten Elendsviertel der Stadt und eine andere Miniaturhölle in einer der vornehmsten Karawansereien der hotelzivilisierten Welt.

Im Zeichen der Zeitung.

Witwe Dougherty. -- Das Reich der Bücher. -- Kipling-Begeisterung. -- Ein Wegweiser des Kismet. -- Mein erstes literarisches Verbrechen. -- Der Beinbruch als Glückszufall. -- Ich werde Depeschenübersetzer bei einer großen deutschen Zeitung. -- Enthusiasmus und Neugierde. -- Aller Anfang ist leicht! -- Ein journalistisches Mädchen für alles. -- Amerikanisches Deutschtum. -- Der Schwur gegen die Potentaten. -- Vom Sehen und vom Lernen. -- Wieder draußen in der kalten Welt. -- Reisefieber!

Die Frau mit den scharfen Linien im Gesicht und dem aus böser Erfahrung geborenen Mißtrauen der zimmervermietenden Sippe in ihrem Wesen sah mich prüfend von oben bis unten an und brummte:

»Das Zimmer kostet zwei Dollars die Woche, junger Mann, und wer nicht pünktlich vorausbezahlt, der fliegt!«

»Wie meinen Sie?«

»Fliegt, hopla, adieu -- die Witwe Dougherty vermietet ihre Zimmer nicht zu ihrem Vergnügen. Will aber nichts gesagt haben, Herr -- nur mein Geld muß ich haben. Kohlen kosten zehn Cents der Eimer, und wenn Sie kochen wollen, leih' ich Ihnen das Geschirr. Wer bar bezahlt, ist der Gentleman! Nehmen Sie das Zimmer?«

Bruder Leichtfuß, sonnenfroh mit seinem Reichtum von dreiundvierzig grünen Scheinen des Dollarlandes, bezahlte klüglich gleich für einen ganzen Monat und richtete sich in einem von Witwe Doughertys winzigen Zimmerchen häuslich ein, den ersten Abend zwischen den eigenen vier Wänden in unzähligen Zigaretten selig verträumend. Elegant war er wieder, der Lausbub, und Geld hatte er in der Tasche! Da war's kein Wunder, wenn er sich blutwenig um Zukunftspläne und Zukunftsnöte scherte. Das Ringen um die Zukunft war im Grunde gigantisch einfach! Furchtbar simpel!! Man -- jawohl, man -- nun, man ging eben nach dem Rezept von Freund Starkenbach in einen Wolkenkratzer und ließ sich in den verschiedenen Kontors melden -- nun, und redete -- Das würde sich alles schon finden. Das hatte ja gar keine Eile! Die Welt war wunderschön ...

Von einer Straßenbahn in die andere kletterte ich am nächsten Morgen und trank mit dem Selbstbewußtsein, das in den guten Kleidern und in den Dollarscheinen steckte, das Getriebe der Mississippistadt ein; das hastende Straßenbild, die himmelstrebenden Wolkenkratzer, den Wirrwarr der Riesenstadt, bis der Zufall mich in das Gebäude der öffentlichen Bibliothek von St. Louis führte, in die Welt der Bücher.

Hunderttausende von Büchern füllten auf breiten Regalen die riesigen Säle. Raffiniert eingerichtete Kartenkataloge im Vorzimmer gaben einen ausgezeichneten Überblick. Liebenswürdige junge Damen schafften in wenigen Sekunden die Bücher herbei, deren Titel und Nummern man auf einem Zettelchen aufgeschrieben hatte, und dann lockten die weichen Lehnstühle in den eleganten Sälen zum Lesen und zum Träumen.

Um 11 Uhr morgens war ich in die Bibliothek gekommen -- bis zum späten Abend blieb ich, ohne an Essen und Trinken auch nur zu denken; glückselig in der Bücherpracht. Und pünktlich in aller Frühe am nächsten Tag war der Lausbub wieder da! Wie ein Hungriger verschlang ich Buch auf Buch, als müßte ich mich für die langen Monate primitiven Lebens mit einemmal entschädigen; wie Hans im Glück kam ich mir vor, wie ein ausgeträumter böser Traum lag das Hantieren mit rußigen Kupferkesseln in weiter Ferne. Es war so still und wohlig in den vornehmen Räumen! Und die Bücher!! Wahllos las ich durcheinander, bald deutsch, bald englisch, bald französisch; ja sogar die Schreckgespenster der Schulzeiten, die Odyssee, der Cicero, waren Offenbarungen von Schönheit für den Exkesselputzer, dem das Rumoren in den klassischen Sprachen, das Bewußtsein der Bildung, wieder ein selbstbewußtes Rückgrat gab. Praktisch gedacht, war's bodenlose Zeitverschwendung -- auf die Straßen hinaus hätte der leichtsinnige Strick gehört, auf die Arbeitssuche hätte er gehen müssen! Statt dessen fraß er ein Dutzend Romane im Tag, von der Marlitt bis zum Sudermann, von den Indianern des guten Fennimore Cooper bis zu den afrikanischen Geheimnissen Rider Haggards, mit einem Stück Ilias und einem Kapitel Kant oder Schopenhauer dazwischen ... Eines der Bücher, die am stärksten auf mich wirkten, waren sonderbarerweise die Erlebnisse eines Opiumessers von Thomas de Quincey; nicht um der Opiumträume willen, die mir manchmal sogar langweilig schienen, sondern ob der unbeschreiblich schönen englischen Wortperlen. Ein gelehrter Ästhet hatte da aus allen Sprachen der Welt Schönheiten geborgt und sie kunstvoll hineingemengt in die Simplizität der einfachen englischen Sprache; ohne gründliche Kenntnisse des Lateinischen und Griechischen wäre es unmöglich gewesen, das Buch zu verstehen. Und da war Kipling, der Meister moderner englischer Schilderung, der in Worten malte und zum Greifen deutlich darstellte; der Bilder von englischen Soldaten und krasse Szenen indischen Lebens so in den Leser hineinzauberte, daß man sich im Märchenland Indien heimisch fühlte, als hätte man von Kindesbeinen an dort gelebt. Der englische Zauberer, der blaß und matt wirkt, wenn man seine Wortkunst in andere Sprachen überträgt, ist mir, bald bewußt, bald unbewußt, auf Jahre hinaus das Vorbild geblieben; seine farbensprühenden Soldaten waren es, die mir die Sehnsucht einimpften, so wie er Menschen hinzustellen, die lebendig dastanden vor dem Leser und eine ganze Klasse, eine Berufsart, einen Typ mit allen Eigentümlichkeiten verkörperten; so wie er Gegenden zu schildern, daß man im lesen mit staunenden Augen Land und Leute vor sich sah, wie vor einem Gemälde stehend.

Leichtsinn war's; unbeschreiblicher Leichtsinn, aber mir ist, als seien die Tage in der Bibliothek von St. Louis Merksteine gewesen; Wegweiser des Kismet, die Bruder Leichtfuß auf neue Wege führten.

Wie ein pfennigfuchsender Geizhals sparte ich, um die Freuden der Bücher ja recht lange ausdehnen zu können; kochte mir selbst Kaffee des Morgens, trank mittags ein Glas Milch, aß ein Brötchen irgendwo in der Nähe der Bibliothek und kaufte abends ein wie ein guter Hausvater, um dann auf dem winzigen eisernen Ofen zu kochen und zu braten. Gar oft plagten mich freilich Gewissensbisse und ich nahm mir vor, am nächsten Morgen aber ganz bestimmt die Wanderung in den Wolkenkratzern zu beginnen. Kam jedoch dann der Morgen, so fand er mich sicher wieder vor der Bibliothek, ums Portal schleichend wie die Katze um den heißen Brei! Nur noch einen einzigen Tag! Nur ein paar Bücher noch lesen! Nur ein wenig noch!! Mochte der Kuckuck die Sorgen holen -- denn da oben war's ja so schön, so schön ...

»Aber wir schließen um drei Uhr -- jetzt gleich,« sagte lächelnd die junge Dame am Büchertisch; »wissen Sie denn nicht, daß es heute Weihnachtsabend ist, Sie unersättlicher Bücherwurm?«

Da schlich ich mich betrübt nach Hause, und weil mir die Bücher gar so fehlten, gab mir ein Teufelchen den Gedanken ein, selbst etwas zu schreiben. Ein gräßliches Machwerk wurde es; eine weinerliche Geschichte von einem deutschen Leutnant, der, in bitterer Armut zum Hotel der Armen und Elenden am Mississippiufer gesunken, nach einem fürchterlich langen Monolog über den Jammer der Welt und die Scheusäligkeit der Dinge sich im Schein des glühenden Ofens eine Kugel durch den gemarterten Kopf schoß ... Und da dieses Verbrechen einer Skizze mich natürlich in die schönste Jammerstimmung hineinbrachte, so bedauerte ich mich aus tiefster Seele ob dieses einsamen Weihnachtsabends und schrieb zum erstenmal seit langer Zeit einen langen Brief an meine Mutter. Einen weinerlichen Brief -- den ich am Christmorgen schamrot in hundert Fetzen zerriß mit dem Vorsatz, dann erst zu schreiben, wenn es mir gut gehen würde. Meinen deutschen Leutnant aber kopierte ich fein säuberlich und sandte ihn an die Redaktion der Westlichen Post, der großen deutschen Tageszeitung von St. Louis.

* * * * *

Zitternd vor Aufregung saß ich auf dem wackeligen Stuhl neben dem papierübersäten Redaktionstisch und starrte dem Lokalredakteur in das runde Gesicht mit den boshaft funkelnden Äuglein.

»Ganz richtig!« sagte der Lokalredakteur. »Ich schrieb Ihnen, Sie möchten vorsprechen. Also,« (er kramte unter den Papieren auf dem Tisch und zog mein Manuskript hervor) »ich muß Sie vor allem darauf aufmerksam machen, daß nach den Regeln des praktischen Lebens ein armer Teufel, dem die Zehen aus den Stiefeln gucken und dem der Hunger im Magen beißt, ein so wertvolles Besitztum wie einen Revolver nicht zum Totschießen benützt. Er verkauft ihn, Verehrtester! Lassen Sie also Ihren deutschen Leutnant zum mindesten zuerst sein Schießeisen aufessen und hängen Sie ihn dann an einem Strick auf. Oder werfen Sie ihn in den Mississippi; das ist auch ein schöner Tod! Waren Sie Offizier?«

»Nein.«

»Na, weshalb kaprizieren Sie sich dann auf Ihren Jammerlappen von Leutnant? Weg mit ihm! Wissen Sie was -- wir wollen den selbstgemordeten Unglücklichen noch einmal morden!« (Ritsch, ging der Rotstift über meine schönen drei Seiten Einleitung.) »Und was quatscht der Mensch alles zusammen!« (Ritsche, ratsche war mein langer Monolog beim Kuckuck.) »So! Nun haben wir den Stall gefegt, Verehrtester, und was übrig bleibt, ist die gute Schilderung eines Schlafhauses niederster Klasse, die ich gerne bringen werde.«

Beinahe wäre ich umgefallen vor freudiger Überraschung --

»Nun wär' es mir aus besonderen Gründen lieb,« fuhr er fort, »wenn Sie mir erzählen würden, was Sie in Malheurika eigentlich treiben!«

»... Hm,« grinste er endlich, »dieses Herumkugeln ist typisch. Es geht den meisten so! Nun hören Sie: Unser zweiter Depeschenübersetzer hat sich in der Sylvesternacht aus Glatteisgründen, ja, und sonstigen Gründen, ein Bein gebrochen und wir brauchen jemand zur Aushilfe, bis der arme Doktor Morgenstern wieder gesund ist. Wollen Sie es versuchen? Ja? Das Honorar -- Honorar heißt Ehrensold -- beträgt zwölf Dollars wöchentlich. Dann gehen Sie also mit Gott zu meinem lieben Freund und Widersacher, dem Depeschenredakteur, grüßen Sie ihn von mir, und sagen Sie ihm Bescheid. Da draußen -- rechts -- auf dem Gang! Guten Morgen, Herr Kollege!«

Herr Kollege! He--err Ko--ll--ege! Fabelhaft! Zum Weinen schön! Überglücklich stürmte der nagelneue Kollege hinaus auf den Gang und sah in einer Art schmalen Verschlags von Glaswänden ein grauhaariges kleines Männchen auf hohem Drehstuhl sitzen. Das Männchen putzte sich eben umständlich eine große feuerrote Nase mit einem noch röteren Taschentuch und stak im übrigen bis an die Ohren in einem wahren Berg von seidendünnen Papierblättchen.

»Mein Name ist Carlé -- ich bin zur Aushilfe angestellt und soll mich bei Ihnen melden!« sprudelte ich hervor.

»Sähr angenähm. Ich heeße Schulze, Doktor Schulze, Härr Kollege, und bin ä gemiedlicher Sachse. Sind Sie Fachmann, Härr Kollege?«

»Nein, Herr Doktor!«

»Ach herrjemmerschnee, das is' aber ungemiedlich -- ich ersticke, erstücke ja in düssem Berg von _Associated Press copy_. Fangen Sie nur gleich an, Härr Kollege, es wird schon schiefgehen!«

Damit drückte er mir ein Bündel der seidendünnen Papierchen in die Hand und führte mich ins Nebenzimmer an den verwaisten Tisch des Mannes mit dem Beinbruch. Ein Herr, der an einem zweiten Tisch saß -- es war der Polizeireporter -- stand auf, klappte die Hacken zusammen und stellte sich vor: Pressenthin!

»Ein Härr Carlé, lieber Härr Referendar,« erläuterte das graue Männchen, »der mür helfen würd, das vertrackte Zeug der Associated Preß Luderchen in anständiges Deutsch zu bringen. Übersetzen Sü nach Gutdünken, Härr Kollege -- lassen Sü den Mist weg und spinnen Sü die besseren Sachen ein wänig aus. Fabrizieren Sü gute Überschriften und heben Sü mir, bitte, die Originale auf. Nun, wür werden ja sehen!«

Mit brennendem Eifer machte ich mich an die Arbeit und fand, daß das Übersetzen der mit der Schreibmaschine auf dünnes Seidenpapier vervielfältigten Zeitungstelegramme kindereinfach war. Das erste Telegramm schon war niedlich. Ein pathologisch anormaler Arzt in Chicago hatte sich das merkwürdige Vergnügen geleistet, auf offener Madison Street in Chicago am hellichten Tag alle Damen zu küssen, denen er begegnete, und war natürlich eingesperrt worden. Während ich diese echt amerikanische Sensationsnachricht übersetzte, fiel mir auch schon eine Überschrift ein -- ein Heinezitat, das famos paßte: »Herr Doktor, sind Sie des Teufels?« Ich fand die Spitzmarke so nett, daß ich vergnügt vor mich hin kicherte. Nach einer halben Stunde kam der Depeschenredakteur wieder:

»Lassen Sü einmal sehen, Härr Kollege. Ist das schon alles fertig? Menschenskind, das gefällt mür. Häh! Hoh! Herr Doktor, sind Sie des Teufels? Ausgezeichnet, _mi fili_; häh, gute Idee -- wir beide werden schon miteinander auskommen!«