Der Deutsche Lausbub in Amerika: Erinnerungen und Eindrücke. Band 1 (von 3)

Part 13

Chapter 133,715 wordsPublic domain

Nun begann das Elend. Pünktlich jeden zweiten Tag, um die gleiche Stunde, zur selben Minute fast wiederholte sich regelmäßig der Anfall von Schüttelfrost. Und in immer zunehmender Stärke. Wenn es halb zwei Uhr wurde je am zweiten Tag, so wußte ich genau: Jetzt kommt mein treuer Feind, der Schüttelfrost! Da half weder Chinin, selbst in den ungeheuerlichsten Dosen, noch Whisky in großen Gaben. Geschüttelt mußte werden. Geschüttelt, daß ich oft meinte, die Glieder müßten mir aus den Gelenken gerissen werden; gerüttelt, daß Hören und Sehen mir verging. So waren Wochen vergangen, Wochen von Frost und Fieber. Und immer schwächer und elender wurde ich. Immer magerer. Immer gelber im Gesicht.

Aber ich ließ es mir nicht merken, wie erbärmlich mir zumute war, und freute mich wie ein Kind auf das sonnige Kalifornien. Täglich verschluckte ich mehr Chinin und täglich mußte ich mehr und mehr alle Kräfte zusammennehmen.

Da kam ein Tag im Spätoktober, der dem Träumen und dem Wandern ein Ende machte. In der Nähe von Roßville war es, auf einer kleinen Wasserstation. Ich war sehr krank.

Der Expreß war herangebraust. Billy und Joe sprangen auf die blinde Plattform. Ich sprang neben ihnen her. Und in dem Augenblick, als ich mich hinaufschwingen wollte, tanzte es vor meinen Augen wie tausend Sterne, und in meinem Kopf schienen die Dinge zu wirbeln. Trotzdem packte ich blindlings zu. Dann verspürte ich einen Stoß, einen Ruck und kollerte die Böschung hinab. Ich hatte den Messinggriff verfehlt und war gegen die Wand des Postwagens angesprungen ...

Zitternd an allen Gliedern richtete ich mich auf.

Nachdenken! Billy und Joe hatten natürlich nicht mehr abspringen können und fuhren ohne mich weiter. Ich sah im Fahrplan nach. Der Expreß fuhr 69 Meilen weit ohne Aufenthalt. Selbstverständlich würden Billy und Joe auf jener Station auf mich warten. Also weiter mit dem nächsten Zug! Der kam, ein Eilfrachtzug, in einer Stunde. Ich trank Wasser, rauchte eine Zigarette. Aber mit einemmal, durch den Shock des Herabgeschleudertwerdens wahrscheinlich, kam all' die mühsam verhaltene Krankheitsschwäche zum Ausbruch. Die Dinge schwammen mir vor den Augen. Ich konnte kaum stehen, nur mit großer Mühe gehen. Als der Eilzug kam, wollte ich mitfahren, fiel aber beim zweiten Sprung vorwärts schon hin. Da wußte ich, daß ich sehr krank war und in meinem Zustand niemals nach Kalifornien kommen würde, und setzte mich hin und heulte zum Steinerbarmen um meinen Billy. War ich doch nur ein kaum zwanzigjähriger Junge!

Und ich dachte nach und dachte nach. Wenn ich Billy auch mit einem Personenzug nachfuhr, so war es doch nur neuer Jammer. Ich war krank und würde ihm nur eine Last sein. Denken -- denken ... Ich starrte auf die Karte, und in mein fieberndes Hirn schlich sich ein Gedanke ein:

Nach St. Louis! In eine ganz große Stadt; in die Stadt, die im Vorfrühling mein Ziel gewesen war. Mit dem Wandern war es ja aus; denn wer kaum stehen konnte, der mußte weg vom Schienenstrang, der Kraft und Mut erforderte.

Billy! Billy!!

Keinen einzigen Augenblick lang beschäftigte mich der Gedanke, was ich in St. Louis anfangen würde. Solche Dinge waren dem Mann im Fieber unendlich gleichgültig! Ich wußte nur, daß es aus war -- aus. Keine Schnellzüge mehr; kein Springen. Und daß ich nach St. Louis wollte!

Mit vieler Mühe schlich ich nach der Station hinüber und fragte, was eine Fahrkarte nach St. Louis kosten würde. Die Entfernung war verhältnismäßig gering, kaum 400 Meilen.

»Siebzehn Dollars,« sagte der Agent.

»Bitte! Wann geht der nächste Zug?«

»4 Uhr 32 Minuten.«

Das war in kaum einer Stunde. Ich bezahlte, und wenige Dollars blieben mir übrig. Dann verschluckte ich eine Chininpille nach der andern und versuchte zu rauchen. Und dann saß ich auf einmal auf weichem Polster und träumte todmüde im Halbschlaf in mich hinein, in einer einzigen Vorstellung, in einem einzigen Gedanken.

Billy!

Immer wieder sah ich den Mann mit den leuchtenden Augen vor mir; ihn, den ich vergötterte wie nur Jugend vergöttern kann. Kein häßliches Wort -- keinen häßlichen Gedanken hatte ich je von ihm gehört. Denn dieser Mann, hart an der Linie wandernd, die den nützlichen Menschen und den Vagabunden scheidet, war ein ganzer Mann[A]. Stolz und vornehm und frei. Und der fiebernde junge Mensch da im Schnellzug schluchzte in sich hinein --

Die Welt war ärmer geworden für ihn.

[Fußnote A: Nicht ganz zwei Jahre später traf ich Billy wieder, auf Kuba, im spanisch-amerikanischen Krieg -- Mr. Billy van Straaten, Leutnant in einem Freiwilligen-Regiment. Die Episode wird in dem zweiten Teil meiner amerikanischen Erinnerungen und Eindrücke geschildert werden. E. R.]

Die Armen und Elenden von St. Louis.

Bei den guten Samaritern. -- Allein in der Riesenstadt. -- Am Ufer des Mississippi. -- Vom Grauen und von der Scham. -- Eine Orgie in der Häßlichkeit. -- Der Menschenpferch. -- Auf Arbeitssuche. -- Im Reich der kupfernen Töpfe. -- Die Miniaturhölle des Palasthotels. -- Das Glöckchen der Neugierigen.

Der Schnellzug brauste in die weite Bahnhofshalle von St. Louis. Sehr langsam, sehr vorsichtig, denn die Glieder waren mir schwer und träge wie Blei, stieg ich aus und wurde von der nach den Ausgängen flutenden Menschenmenge erfaßt und weitergeschoben; den Bahnhofssteig entlang, durch eine Vorhalle in eine breite Straße. Menschen hasteten vorbei, Wagenwirrwarr zog dahin. Mechanisch ging ich vorwärts, guckte in Ladenfenster, betrachtete das Straßenbild und bog in einen weiten, ruhigen Platz ein. Mein Kopf fieberte. Das Gehen wurde mir schwer. Ich versuchte, zu überlegen, was ich nun zunächst tun müßte, war aber so gleichgültig und müde, daß der Gedankengang immer wieder in ein Nichts zerfloß. Langsam schlenderte ich dahin. Da überrieselte mich ein Schauer, eiskalt, dann ein siedendheißes Wallen, und nun packte mich der Malariafrost, daß mein Körper zuckte und hin und her geschleudert wurde, während ich mich krampfhaft an einem Laternenpfahl festhielt --

»Was ist denn los?« fragte eine Stimme, die mir von weither zu kommen schien, und ein riesengroßes blaues Etwas tauchte neben mir auf.

»Sind Sie krank?«

Das blaue Etwas war ein Polizist, einen Kopf größer als ich, der erstaunt auf mich niederguckte. Ich wollte antworten, konnte es aber nicht vor Geschütteltwerden und Zähneklappern.

»Krank is' er!« sagte der Polizist. »Werden wir gleich haben. Umarmen Sie nur die alte Laterne, mein Junge -- halten Sie sich fest. In einer Minute bin ich wieder da. Geh' nur zur Telephonbox.«

»Sie hat's ordentlich,« meinte er, als er zurückkam.

Ich wollte lächeln, nicken, aber es ging nicht. Glockengerassel ertönte, Hufschläge galoppierender Pferde donnerten, hilfreiche Hände erfaßten mich und schoben mich zwischen weiche Kissen. Und dann fand ich mich auf einmal in einem kleinen Zimmerchen, auf weichem Lehnstuhl. Eine Gestalt im weißen Linnenmantel des Arztes beugte sich über mich, mir mit einem Elfenbeinstäbchen die Haut am Oberarm ritzend.

»Da wären wir ja!« sagte der junge Arzt. »Sie stellen den schönsten Fall von Schüttelfrost dar, junger Mann, der mir seit einiger Zeit vorgekommen ist. Aber wer wird denn gleich in Ohnmacht fallen! Schon mehrere Male Schüttelfrost gehabt?«

»Seit sechs Wochen -- jeden zweiten Tag. Wo bin ich eigentlich?«

»Oho!« rief der Arzt und pfiff durch die Zähne. »O -- ho!! Sie sind im öffentlichen Hospital von St. Louis, junger Mann, und augenblicklich werden Sie geimpft.« Er strich die Lymphe ein. »Wir werden Sie gründlich ausleeren, mein Junge, und Ihnen diese Malariadummheiten schon austreiben!«

Die nächsten Tage waren ein einziges langes Schlafen, mit Bildern dazwischen von Krankenschwestern, die mir Medikamente einflößten und Milch gaben. Nur schlafen, schlafen. Dann kamen die Tage der Genesung.

»Sie sind nun kerngesund,« lächelte der junge Arzt, als ich nach drei Wochen zur Entlassung in das Bureau des Krankenhauses geführt wurde. »Stark und kräftig! Viel Glück! Wenn Sie einmal reich geworden sind, mein Junge, schicken Sie uns netten Leuten vom öffentlichen Hospital einen fetten Scheck. So! Nun schlagen Sie sich mit der Welt da draußen herum, Sie leichtsinniger Teutone, und lassen Sie es sich möglichst gut gehen. _In rebus adversariis_ -- oder wie heißt es? Halt -- als einem Geistesbruder in Latein und Griechisch will ich Ihnen noch etwas zeigen.«

Er holte aus einem Schrank mit vielen Fächern eine nummerierte Glasplatte hervor, schob sie unter das Mikroskop auf seinem Arbeitstisch und ließ mich durchgucken. »Was sehen Sie?« fragte er.

»Einen runden Kreis,« antwortete ich; »weiß, rosa an den Rändern, und in der Mitte rostbraune kleine Pünktchen und Striche.«

»Ganz richtig. Was ist das wohl?«

»Ein mikroskopisches Präparat.«

»Natürlich. Der runde Kreis ist ein Blutstropfen, und zwar ein Tröpfchen Ihres Blutes, mein Junge, und die Punkte und Striche, die Sie ganz richtig rostbraun nennen, sind die Malariaparasiten, die in Ihnen rumorten! Denen haben wir den Garaus gemacht!«

... Es war ein sonniger Nachmittag in den ersten Novembertagen, klar und kalt, als ich aus der Pforte des Hospitals wieder in die Welt hinaustrat. Trübselig schaute ich an mir hinunter. Die barmherzigen Samariter in dem ziegelroten Gebäude dort hatten in einem Punkt ein ganz klein wenig gesündigt; in einer Kleinigkeit, aber in einer wichtigen Kleinigkeit. Meine Kleider waren, wie es nach der Vorschrift geschehen mußte, in Dampf desinfiziert worden und sahen nun betrüblich aus; so zerknittert und ungebügelt, daß ich mir zerzaust vorkam wie Freund Struwwelpeter aus dem Bilderbuch. Dazu waren meine Taschen leer, bis auf Kleingeld -- weniger als ein Dollar, und so hieß es sofort Arbeit finden in der großen Stadt.

»Ein gesunder Mensch, der keine Arbeit findet, ist entweder bodenlos dumm, oder auf eine bestimmte Art von Arbeit versessen, die es im Augenblick eben nicht gibt!« hatte Billy immer gesagt.

Gesund war ich wieder und für bodenlos dumm hielt ich mich nicht. Es mußte gehen! Freilich, der junge Mensch, der viele Monate lang da draußen im weiten offenen Land gelebt und nur für simple Menschen gearbeitet hatte, fühlte sich fremd zwischen den ungeheuren Wolkenkratzern, den eleganten Läden, den hastenden Leuten. Es war nicht gar so einfach, da den Hebel anzusetzen. Die Stunden zerrannen.

Ich war eine sich senkende abschüssige Straße hinabgegangen, eine menschenwimmelnde, schmutzige Straße, mit Hunderten von kleinen Läden, und stand nun an ihrem Ende, vor einer Hölle von Lärm und Arbeit. "Levee" hieß es auf dem breiten Straßenschild an der Ecke.

Ein schmutzig gelber Strom, riesenbreit, wälzte träge seine Wassermassen dahin, in einem Getümmel von Dampfbooten mit vielen Stockwerken, die eines hinter dem andern den Kai säumten. In der Ferne ragte das Stahlwerk von Brücken empor. Tausende, Abertausende, Millionen von Säcken und Fässern und Kisten waren längs der Dampfer aufgestapelt, und dazwischen huschten mit polternden Karren Tausende von Menschen hin und her. Ein lärmender Wagenverkehr erfüllte die Levee, die sich unübersehbar weit den Fluß entlang hinzog mit ihrer Häuserreihe und der rauchqualmenden Linie von Dampfern den Häusern gegenüber. Ehrfurchtsvoll fast starrte ich auf die Fluten dieses Stromes der Ströme -- als Bub schon war mir sein tönender Name etwas Geheimnisvolles gewesen: Mississippi. Ich schaute und staunte und trieb mich in dem Lärm umher. Meine Not vergaß ich ganz, bis Schneeflocken zu fallen anfingen und in beginnender Dunkelheit die Häuserreihe drüben in grellem elektrischem Licht aufflammte. Es wurde immer kälter. In einem Restaurant, das mit großen roten Buchstaben im Schaufenster versprach, für 10 Cents eine Mahlzeit zu liefern, aß ich ein "Lammhaché" und trank eine Tasse Kaffee --

Du mußt Geld haben! Du mußt Arbeit finden! Was hätte ich nicht darum gegeben, wäre nun Billy neben mir gesessen -- er, der Schwierigkeiten weglächelte und immer genau wußte, was zu tun war, und wie man die Dinge anpacken mußte. Verstohlen zählte ich mein Geld. Es waren 70 Cents. Einen Augenblick lang wollte es mich überkommen wie lähmender Schrecken, dann gab ich mir einen Ruck: Der morgige Tag mußte Arbeit bringen. Bei Tagesanbruch mußte ich auf den Beinen sein und so lange suchen und so lange fragen, bis ich etwas fand.

Als ich aus dem warmen Raum wieder hinaustrat in den wirbelnden Schnee, fror ich erbärmlich. Es war bitterkalt da drunten am Mississippiufer. Schon wollte ich einen Polizisten aufsuchen, um mich nach billiger Unterkunft zu erkundigen, als mir ein grelles Transparent auffiel, über einem Hauseingang angebracht, aus dem es hervorleuchtete: _Lodging! 10 cents, 15 cents, 25 cents!_ Einen Augenblick lang zögerte ich. Wußte ich doch von Billy, daß in derartigen Logierhäusern, in denen man für wenige Cents schlafen konnte, der Abschaum der Großstadtmenschheit sich herumtrieb. Aber es war ja nur für eine Nacht. Ich trat ein. Im Hausflur hing ein zweites Transparent, eine Hand mit ausgestrecktem Finger, die zu einer Türe an der Seite hinwies.

Rauchiger Qualm schlug mir entgegen, als ich die Türe öffnete, stickig, atemraubend, verpestet; ein Höllenbrodem von Menschenausdünstung, furchtbar überheizter Luft und schalem Tabaksrauch. Auf einem Stuhl neben dem Eingang saß ein Mann in Hemdsärmeln, der krachend die Türe hinter mir zuwarf, als ich eingetreten war; unter ärgerlichem Gebrumm über die verdammte kalte Luft da draußen.

»Zahlen!« sagte er und streckte mir die Hand hin. »Zehn Cents!«

Für meine beiden Nickel bekam ich ein schmutziges Pappstück, die Quittung, die mich berechtigte, über Nacht hier zu hausen.

»Kannst hier sitzen oder gleich nach hinten gehen un' dich hinschmeißen,« murmelte er. »Wie dir's verdammt angenehm ist!«

Eine Petroleumlampe mit rußgeschwärztem Schutzglas hing an der Decke, und ihr trübes Licht schimmerte in sonderbarem, bald gelblichem, bald rötlichem Schein durch die grauen Massen von Rauch und Dunst hindurch. Zwei lange Tische standen in dem mächtig großen Raum, und auf den Bänken vor ihnen saßen viele Menschen. An einer Bar im Hintergrund hantierte ein altes Weib, emsig beschäftigt, in riesengroße Gläser Bier einzuschenken. Alles schrie und lachte und fluchte durcheinander. Erstaunt, entsetzt war ich am Eingang stehengeblieben und sah gedankenlos einem schmierigen Menschen zu, der neben mir am Boden hockte, sich den Rock ausgezogen hatte und fluchend die Riemen losband, mit denen sein linker Arm fest an die Körperseite geschnallt war.

»Was beim Teufel gibt's hier zu schauen?« fuhr er mich endlich an. »Heh? Hast noch nie 'ne angebundene Pfote gesehen?«

Da begriff ich. Der Mann war ein Scheinkrüppel; ein Bettler, der ein Gebrechen heuchelte.

Mein erster Impuls war, wieder umzukehren. In den Boden hinein hätte ich mich schämen mögen. Dann dachte ich an die Kälte draußen und an die wenigen Pfennige in meiner Tasche. Es mußte ertragen werden -- doch eine Nacht nur, das schwor ich mir. Um nicht allzusehr aufzufallen durch Stehenbleiben, setzte ich mich auf die Ecke der nächsten Bank, wo noch ein Plätzchen frei war, und zündete mir mechanisch eine meiner letzten Zigaretten an. Wenn man nicht rauchte, war es nicht zum aushalten in dieser Luft.

So war ich nun mitten unter den Armen und Elenden der Riesenstadt am Mississippi, anstreifend an einen Menschen mit aufgedunsenem Gesicht, dessen Rock in Fetzen an ihm herabhing und der sich die Hände wohl lange nicht mehr gewaschen hatte, so schmutzig waren sie. Ich wußte wenig damals von Armut und Elend, von ihren Ursachen und Wirkungen; ich mag unduldsam gewesen sein, wie es die empfindliche Nase und die empfindlichen Ohren reinlicher Jugend sind -- aber mir schien es, als hätte ich in meinem jungen Leben noch nie etwas so Furchtbares gesehen, etwas so Erbärmliches wie diese Männer in diesem Raum. Von Schmutz starrten alle. Die zerschlissenen Kleider, die eingebeulten Hüte kamen mir grotesk vor, unnatürlich und häßlich nicht zum sagen. Ein Grauen packte mich -- man muß älter sein, als ich es damals war, um die Ärmsten der Armen mit verstehenden Augen betrachten zu können. Die Sprache, die ich hörte, war widerlich wie ein verfaulendes Ding.

»Eh -- du! -- Sohn einer Hündin -- hast 'n verfluchtes Zündholz?« fragte da einer den andern.

Die Antwort ist nicht wiederzugeben. Das Wort vom Sohn einer Hündin wurde von jedermann gebraucht; es ging von Mund zu Mund, als sei es ein Kosename der Brüderschaft der Elenden. Ich kannte den Ausdruck wohl; in Texas und im Westen, wo Fluchen und Derbheit zu Hause sind und es keinem Menschen einfällt, selbst den stärksten Ausdruck übelzunehmen, galt dieses Wort als das Unsagbare, als ~die~ Beleidigung. Wer "_son of a bitch_" sagte, wollte bis aufs Blut weh tun und -- griff gleichzeitig nach dem Revolver. Das Wort hat schon manchen Todschlag verschuldet. Und hier wurde es grinsend gesprochen und mit Lachen angehört. Die Flüche jagten sich. Es war eine Orgie in Häßlichkeit für Auge und Ohr ...

»Nix gemacht heute, heh?« fragte mich der Zerlumpte neben mir. »Soll ich dir ein Glas Bier bezahlen? Ja -- 's ist hart genug im Winter in dieser verdammten Stadt!«

Ich murmelte irgend etwas über einen kranken Magen, der kein Bier vertragen könne, und gab ihm eine Zigarette, staunend über seine Gutmütigkeit. Scham gab es hier nicht. Da und dort sah ich ein bleiches stilles Gesicht unter den lachenden und schreienden Menschen; die meisten aber der Gäste des Zehn-Cent-Hotels machten sich entschieden keine Kopfschmerzen über ihre jämmerliche Lage. Sie nahmen auch kein Blatt vor den Mund. Der Mann mir gegenüber erzählte grinsend von jüdischen Bäckern in einer Straße des Judenviertels; sei der Mann da, so bekomme man frisches Brot, sei die Frau da, so gebe es ein Nickelstück obendrein. Ein anderer meinte, man müsse in die vornehmen Läden gehen; da bekäme man schon etwas, nur, damit sie einen los würden. Daß es ein Kinderspiel sei, sich »'s Futter zu besorgen,« darin stimmten alle überein, nur bares Geld für Schlafen und einen Schluck sei rar.... Ihr Elend und ihr Betteln waren diesen Armen selbstverständliche und notwendige Dinge. In mir stritten sich alle möglichen Empfindungen, und mehr als einmal wollte ich hinauslaufen in die Kälte und wieder allein sein; doch der Trieb nach Wärme und Schlaf war stärker als der Widerwille.

Nach und nach wurden die Tische leer. Eine unbeschreibliche Müdigkeit kam über mich, und zögernd ging ich nach hinten, dorthin, wo alle hingingen -- dorthin, wo der Schlafplatz sein mußte.

Und blieb entsetzt stehen.

Mitten in einem großen Raum leuchtete der rotglühende Bauch eines gewaltigen eisernen Ofens. In einer Ecke hing eine schmutzige Laterne. Der Boden war wie übersät mit Menschen, die da in langen Reihen lagen, dort in dichten Klumpen zusammengepackt schienen; in der Mitte des Zimmers, den Wänden entlang, überall. Nur um den glühenden Ofen war ein schmaler Kreis freigeblieben, und die Männer, die dichtgedrängt am Rande dieses Kreises lagen, hatten sich halbnackt ausgezogen. Bündel von Kleidern und Stiefeln dienten ihnen als Kopfkissen. Seite an Seite schliefen sie, Kopf an Kopf und Köpfe gegen Füße; in einem Wirrwarr von Leibern, der grauenhaft dicht war in der Nähe des heißen Ofens und sich ein wenig lichtete gegen die Wände zu. Die Plätze nahe dem glutstrahlenden Ungetüm waren wohl am begehrtesten um ihrer Wärme willen. Überall auf dem Boden lagen Zeitungen herum, die Matrazen dieses Schlafraumes, und Zeitungen waren es, mit denen die Schlafenden sich zugedeckt hatten. Die Männer stöhnten im Schlaf; sie schnarchten, sie wälzten sich hin und her. Da fluchte einer über irgend etwas, hier kroch ein neuer Ankömmling auf Händen und Füßen über die Leiber hinweg, sich ein Plätzchen in der Menschenreihe suchend. Über die Armen und Elenden hin sandte der glühende Ofen heiße Luftwellen, und in seine unerträgliche Hitze mengten sich die Dünste von Menschen und Kleidern und der Geruch von Bier und Rauch des äußeren Raumes. Ein Stall war dieses Zimmer; ein Menschenpferch, dessen Luft beizend in Augen und Lungen drang.

Ich stand und starrte, und immer neue Menschen drängten sich an mir vorbei und plumpsten wie Säcke nieder, wo noch ein bißchen Raum war zwischen den Leibern. So müde war ich -- so müde. Und dann vergaß ich Nacht und Müdigkeit über dem entsetzlichen Raum und flüchtete endlich wie einer, der vor ansteckendem Pesthauch flieht.

»_Hell!_ Wohin willst du?« fragte der Mann an der Türe. »Der Teufel soll das 'rein und 'rauslaufen holen!«

»Hinaus!«

»Ist kein Platz mehr drinnen?«

»Doch!« sagte ich, wider Willen lachend. »Aber nicht für mich. Ich will lieber die ganze Nacht herumlaufen, als da drinnen schlafen. Und jetzt geben Sie die Türe frei, sonst --«

»Langsam, immer langsam!« grinste der Mann. »Für 25 Cents mehr kriegst du 'n Bett, und für 50 Cents will ich dir's frisch überziehen.«

»Zuerst muß ich es sehen.«

»Warum denn nicht; Geschäft ist Geschäft.«

Er führte mich eine Treppe empor, in einen kleinen Verschlag mit eisernem Feldbett, und brachte frische Leintücher und einen neuen Kissenbezug. Ich zahlte das Geld; meine letzten Pfennige. Als er gegangen war, zog ich die Oberkleider aus, wickelte mich in die Leintücher und schlief auf dem Boden. Dem Bett traute ich nicht. Es war eisig kalt, aber durch die zerbrochene Fensterscheibe drang doch frische Luft. Und man war allein.

»Nie wieder eine solche Nacht in einem solchen Haus!« war mein letzter Gedanke. »Lieber in den Fluß springen da drüben!«

Auf einmal fiel mir ein, daß in meiner Tasche ja noch meine Uhr steckte. Da kam ich mir förmlich reich vor -- --

Stockfinster war's noch, als ich frierend aufwachte am nächsten Morgen und beim Schein eines Zündhölzchens auf die Uhr sah. Sechs Uhr. Auf der wassergefüllten Waschschüssel in der Ecke hatte sich eine dicke Eiskruste gebildet, und das Stückchen Seife in der Schale war so fest angefroren, daß ich es mit dem Messer loslösen mußte, aber das eiskalte Wasser erfrischte den Körper unbeschreiblich. Unten in dem Zimmer mit den langen Tischen und den vielen Bänken waren die Fenster geöffnet und frische kalte Luft strömte herein. Hinter der Bar stand das alte Weib von gestern abend.

»Guten Morgen!« sagte sie. »Der Vogel, der früh aufsteht, erwischt den Wurm, heh? Von denen da drinnen rührt sich keiner vor acht Uhr; dann müssen sie aber 'raus, weil Joe die Fenster aufmacht und mit der Gießkanne kommt, hih, hih!«

»Guten Morgen!« antwortete ich und wollte gehen, aber sie stellt eine große Schale dampfend heißen Kaffees vor mich hin und brummte:

»Bettgäste kriegen 'n Kaffee gratis -- besonders, wenn's solche Narren sind, die Joe fünfzig Cents für ein Bett zahlen, das bloß fünfundzwanzig kostet!«

Und diese fünfzig Cents waren mein allerletztes Geld gewesen! Ich lachte laut auf und dankte leise den guten Göttern für die angenehme Überraschung des warmen Kaffeetranks.

Arbeit suchen!

Es war hell und klar und sonnig und bitterkalt draußen auf der Straße. Eine breite Mauer von Schnee, fünf, sechs Fuß hoch, türmte sich weißglitzernd neben dem Fußgängerweg auf, soweit man sehen konnte, und Scharen von Männern mit Schneeschaufeln und Besen waren eifrig dabei, diese winterliche Mauer immer höher zu bauen. Es bedurfte wahrlich keiner besonderen Intelligenz, um hier die Arbeitsmöglichkeit zu erkennen.

»Verzeihen Sie --« sagte ich zu dem baumlangen Aufseher, der, die Pfeife zwischen den Zähnen und die Hände in den Taschen, durch Kopfnicken die Schar leitete, »entschuldigen Sie -- aber kann man hier noch ankommen? Ich suche Arbeit.«

»Dann suchen Sie am falschen Platz,« antwortete er. »Schneeschaufler werden punkt sechs Uhr morgens im kleinen Hof des Rathauses angenommen.«

»Ich brauche aber sofort Arbeit.«

»_Well_ -- das is' Ihre verdammte Affäre. Wenn's heute weiterschneit, kann ich Sie morgen früh anstellen. Jetzt nicht.«