Der Deutsche Lausbub in Amerika: Erinnerungen und Eindrücke. Band 1 (von 3)

Part 11

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So riesenschnell waren das Wachstum und die Entwicklung der ungeheuren nordamerikanischen Union, daß auf die Periode des pfadsuchenden Reiters und des rohgezimmerten, von Pferden und Maultieren gezogenen Wanderkarrens ohne Übergang die Zeit der Eisenbahnen folgte. Vorwärtspeitschende Notwendigkeit rascher Entwicklung schaltete das Verkehrsstadium wohlgepflegter Landstraßen einfach aus. So wurden die Schwachen, die Faulen und die Arbeitslosen auf den Schienenstrang gedrängt; denn Landstraßen für den landstreichenden Wanderer gab es nur im Osten, während im Westen die wenigen Wege nicht nur schlecht, sondern völlig planlos angelegt waren; von Farm zu Farm führend, nach einem Städtchen vielleicht, so, wie es das augenblickliche Bedürfnis der nächsten Anwohner erforderte. Den schnurgeraden, den nächsten Verbindungsweg von Ort zu Ort und den einzigen Weg, der sicher nach größeren Städten führte, bedeutete damals und bedeutet noch heute die Eisenbahn -- der Schienenweg. Von Schwelle zu Schwelle, also auf dem Bahngeleise, schritt der Wanderer auf seinem Vagabundenweg und marschierte so von Städtchen zu Städtchen, bis er Arbeit fand oder das Versiegen milder Gaben ihn weitertrieb. Einer von diesen Vagabunden nun kam einmal, als ein Frachtwagen an ihm vorbeirasselte, auf den naheliegenden Gedanken, daß es doch viel schöner sein würde, zu fahren als zu laufen!

Er sah die Türe eines leeren Frachtwagens offenstehen, packte krampfhaft zu, klammerte sich an, zog sich empor und saß gemütlich im Frachtwagen. Er lief nicht mehr. Er fuhr!

Dieser kluge Mann war der Urvater eisenbahnfahrenden amerikanischen Vagabundentums.

Er war der Ahne des amerikanischen Tramps, so, wie er seit fünf Jahrzehnten ist und noch ein, höchstens zwei Jahrzehnte sein wird. Statt langweilig und mühsam von Eisenbahnschwelle zu Eisenbahnschwelle vorwärts zu "trampeln", bediente Mister Tramp sich nunmehr in Wirklichkeit des Schienenstrangs. Bahnwärterhäuschen und sorgfältige Streckenüberwachung gab es ja nicht und gibt es nicht auf den ungeheuren amerikanischen Schienenwegen: erforderten sie doch ein Beamtenmaterial, das jeden Betrieb unrentabel machen würde. Auf den kleinen Bahnhöfen gab es nur ein oder zwei Stationsbeamte, die keine Zeit hatten, sich darum zu kümmern, wer sich auf den Schienen herumtrieb, und selbst in den großen Städten war es leicht, sich in den Wagenwirrwarr eines Frachtbahnhofs einzuschleichen. Mister Tramp hatte also gar keine so schwere Aufgabe. Er trieb sich in aller Gemächlichkeit auf den Bahnhöfen herum, mit den Beamten Verstecken spielend, suchte sich einen leeren Frachtwagen aus und kletterte hinein, wenn der Zug sich in Bewegung setzte. Wurde er entdeckt und auf der nächsten Station vom Zuge gejagt, so wartete er in philosophischem Gleichmut auf den nächsten Zug.

Nach und nach wurde er waghalsiger und bekam immer mehr Appetit auf diese wunderschöne billige Eisenbahn, die ihn mit solcher Schnelligkeit von Staat zu Staat führte. Man sperrte die leeren Frachtwagen zu -- da kletterte er aufs Dach der Wagen oder ritt auf den Puffern, sich an den Stangen der Wagenwände festhaltend. Bald warf er ein neidisches Auge auf Schnellzüge und entdeckte, daß man ja auch mit Schnellzügen fahren konnte! Man sprang auf den ersten Wagen und war sicher wenigstens bis zur nächsten Station, eine respektable Strecke gewöhnlich. Entdeckte ihn wirklich ein Kondukteur und wollte ihn verhaften lassen, so sprang Mister Tramp noch im Fahren ab und war längst verschwunden, ehe der einsame Bahnhofpolizist nur begriff, um was es sich handelte.

Die Eisenbahner wehrten sich natürlich. Als intelligente dollarjagende Amerikaner erpreßten die Bremser der Frachtzüge kleine Geldkontributionen von den Vagabunden, die sie in ihren Wagen erwischten; prügelten sogar manchmal, nur, um häufig selbst geprügelt zu werden. Wurde ein Verbrechen begangen auf einer Bahnstrecke, so folgten Perioden rücksichtslosen Einschreitens gegen die Eisenbahnvagabunden. So mancher arme Teufel von Tramp ist von brutalen Eisenbahnern mitten in sausender Fahrt vom Zug geschleudert worden. Brach er sich den Hals, um so schlimmer für ihn. Jedenfalls krähte kein Hahn danach. Sehr bald aber merkten die großen Eisenbahngesellschaften, daß ein scharfes Vorgehen gegen die Tramps sehr unangenehme Folgen für sie habe -- allerlei Bahneigentum wurde von den schlimmen Elementen unter den Wanderern, rachsüchtigen Gesellen, zerstört, ja, sogar Züge gefährdet. Schließlich sagten sich die Gesellschaften, daß es besser sei, ein Auge zuzudrücken, als sich einen Haufen wertvoller neuer Schwellen nach dem andern von gereizten Wanderern anzünden zu lassen. Ein System halber Duldung setzte ein, das noch heute regiert. Eine Duldung, die manchmal gewisser Komik nicht entbehrt. So ist es in vielen Städten des Westens zur Gewohnheit geworden, einen bettelnden Tramp, der die braven Bürger belästigt, auf keinen Fall einzusperren und mehr oder weniger lange Zeit auf Gemeindekosten durchzufüttern. Oh nein! Mister Sheriff nimmt Mister Tramp beim Wickel, führt ihn auf Umwegen nach dem Frachtbahnhof und zwingt ihn mit vorgehaltenem Revolver, sich mit dem nächsten Frachtzug aus dem Staube zu machen. So ist das Städtchen Mister Tramp los -- und die anderen Städtchen mögen auf sich selber aufpassen.

Das Wanderleben in den Vereinigten Staaten ist einzig in seiner Art.

Auf den Schienensträngen des ungeheuren Landes jagt eine Armee von Vagabunden dahin, Tausende von Männern, deren Zahl mit den wirtschaftlichen Verhältnissen des Landes steigt und fällt, um ins Ungeheure anzuschwellen in arbeitslosen Krisenzeiten. In ihrer Zusammensetzung ist diese Armee unendlich verschieden, -- so verschieden, daß eine Welt von Denken und Art zwei Männer trennen mag, die im gleichen Frachtwagen hocken. In diesen Unterschieden steckt eine Romantik, die selbst in den Vereinigten Staaten nur wenige Leute auch nur ahnen. Der Volkswirtschaftler, der sich mit dem Trampunwesen befaßt, muß ja notwendigerweise verallgemeinern und seine Beobachtung ausschließlich der sozialen Seite zuwenden. Die Romantik wird ihm entgehen.

Das harmloseste und in seinen Motiven am leichtesten zu durchschauende Individuum in der amerikanischen Vagabundenarmee ist der Arbeitslose, den harte Zeiten und Arbeitsmangel aus einer Stadt wegtreiben, um anderwärts sein Glück zu versuchen. Mag er nun noch Sparpfennige in der Tasche haben oder schon mittellos und abgerissen sein -- er ist niemals ein Vagabund im eigentlichen Sinne des Wortes, sondern bleibt stets der Arbeiter, dem das Wandern, die Eisenbahn also, nur Mittel zu dem Zweck ist, ihn rasch neuen Arbeitsgelegenheiten zuzuführen.

Mit dem Tramp, dem eigentlichen amerikanischen Vagabunden, hat er nichts gemein. Denn der wirkliche Tramp ist ein arbeitsscheuer Geselle. Der Amerikaner, der ein scharfes Auge besonders für diejenigen menschlichen Schwächen hat, die seiner unruhigen, rastlosen, arbeitsfreudigen Art unsympatisch sind, hat das Wesen des Tramps richtig erkannt, wenn er ihn spottend "_Weary Willy_" und "_Tired Jack_" nennt -- "den müden Willy" -- "den todmüden Jack"! Unter ihnen sind Menschen, denen die grausame Härte des Arbeitsmarkts so mitgespielt hat, daß sie nicht mehr wollen, vielleicht nicht mehr können; Kranke und körperlich Schwache, deren Arbeitswert gering ist; Schwächlinge, die sich vor den Mühen des Lebens und der Härte körperlicher Arbeit so fürchten, daß sie lieber ein erbärmliches, bettelndes Jammerleben führen, als sich in die Arbeit des Tages hineinzuwagen -- Schwache und Arme, Schwächlinge und Untüchtige, den Anforderungen der Zeiten nicht gewachsen. Ihr Los ist hart. Viel härter als härteste Arbeit. So gutmütig der Durchschnittsamerikaner ist, so wenig Verständnis hat er in seinem praktischen Denken für das merkwürdige Verlangen eines Menschen, essen zu wollen, ohne zu arbeiten. Eine brave Farmersfrau mag sich durch die wehleidige Geschichte eines Tramps rühren lassen und ihm eine Mahlzeit geben; wenn aber ihr Mann dazukommt, so wird er Mister Tramp zärtlich ein Beil in die Hand geben und ihn liebevoll zu dem Holzhaufen im Hof führen: So, mein Junge, arbeite erst einmal ein bißchen! Der europäische Handwerksbursche, der von Haus zu Haus Kupferstücke einheimst, würde sich baß wundern im Yankeeland, so artverwandt Mr. Tramp und er sich auch sein mögen. Nur ist Mr. Tramp eine besonders groteske Figur. Sein eigenartiges Eisenbahnleben ist höchst ruinös für Kleider. Neue Kleider kann er sich nicht kaufen. So wird er äußerlich zur grotesken Verzerrung eines Menschen. Aus den Stiefeln gucken die Zehen hervor. Die zerfetzten Hosen mit den vielen Flecken hält ein Strick um den Leib. Der Rock, schwer malträtiert von Regen und Sonnenschein und Kohlenstaub, schimmert und glänzt in allen nur möglichen dunklen Farbentönen; der zerknüllte Hut trägt unfreiwillige Komik in sich. Im Gesicht wochenalte Bartstoppeln. Und um die Schultern geschlungen an dicker Schnur trägt Mister Tramp sein eigentliches Wahrzeichen -- die alte Konservenbüchse, die er notwendig braucht, um seinen Kaffee zu kochen oder die Kartoffeln zu sieden, die in höchster Not aus Farmerfeldern in seine Tasche wandern ...

Doch außer den Arbeitsuchenden und bettelnden Tramps gibt es, zum geringen Bruchteil freilich, noch ein anderes Element in der amerikanischen Armee der Wanderer; Menschen, so grotesk, so grandios in der Großzügigkeit ihres Zigeunertums, so eigenartig, daß sie eine Art Rätsel modernen amerikanischen Lebens darstellen. Romantiker des Schienenstrangs möchte ich sie nennen, die Menschen unter denen und mit denen ich ein Jahr gelebt. Ihr Leben ist nackte Romantik, eine Romantik, die sich auf den Schienensträngen abspielt.

Keine Schwäche, kein Geschlagensein im Kampfe des Lebens treibt sie zum Wandern, sondern nur ihr eigener abenteuerlicher Wille, eine dumpfe Sehnsucht nach einem Leben, das außerhalb des Herkömmlichen, des Durchschnittlichen liegt. Sie tragen anständige Kleider und sie lassen sich nichts schenken. Sie betteln nicht.

So gehen die Romantiker des Schienenstrangs dahin von Osten nach Westen, von Süden nach Norden, über ungeheure Flächen. Sie halten es nicht lange aus an einem Ort. Sobald ihnen Geld in der Tasche klimpert, kommt eine unbeschreibliche Unruhe über sie, mag die Arbeit noch so lohnend, mögen ihre Lebensbedingungen noch so angenehm sein. Ein Plakat, eine Zeitungsnotiz gibt den äußeren Anstoß -- die Schönheiten Kaliforniens werden beschrieben oder irgend etwas Interessantes über Arizona gemeldet. Da packt den modernen Zigeuner die tolle Laune. Er, der vielleicht in Chicago oder in Denver ist, muß sofort, augenblicklich, ohne Zeitverlust nach Kalifornien oder nach Arizona! Es peitscht ihn vorwärts mit unwiderstehlicher Gewalt. Er hat nicht das geringste in Kalifornien oder in Arizona zu suchen; in Wirklichkeit sind ihm auch beide Staaten mehr als gleichgültig. Wahrscheinlich kehrt er sofort wieder um. Dumpfe Sehnsucht ist es in Wahrheit, die ihn treibt, ein übermächtiger Wandertrieb, der zwar ein Ziel haben muß, auf daß die fixe Idee vollständig sei, dem das Ziel an und für sich jedoch ein Nichts bedeutet!

Ich will so schnell als möglich nach Kalifornien! Ich muß schleunigst nach Arizona!!

Ein Mann mit einem Ziel, dem nichts etwas gilt als dieses Ziel! Er ißt nur einmal im Tag, hungert oft, friert, schläft kaum -- vorwärts, nur vorwärts. Er erträgt unerhörte Beschwerden, riskiert hundertmal sein Leben -- immer vorwärts. Auf den Plattformen der Postwagen eilt er seinem Ziel zu, vorne auf dem Piloten der Lokomotive, er besteigt gelegentlich, wenn es gar nicht anders geht, einen Frachtzug (den er verachtet!), fährt mit dem Expreß, sich eng an das gewölbte Wagendach eines Pullmannwaggons andrückend, in jeder Sekunde in schwerer Gefahr, hinabgeschleudert zu werden. Nur vorwärts! Ich habe Männer gekannt, die sich, wenn jede andere Fahrtmöglichkeit versagte, ein Brettchen über die beiden dünnen Eisenstangen legten, die zwischen den Axen eines Pullmannwagens angebracht sind, sich auf dieses Brett hinkauerten und so lange Strecken ~unter~ dem Waggon fuhren! Jedes Mittel ist ihm recht, aber immer vorwärts. Entdeckt ihn ein Kondukteur vorne auf der Plattform, so klettert er hinten auf ein Waggondach! Sein Hirn arbeitet fortwährend an dem Erfinden neuer Tricks zu raschem Fahren; jeder Muskel seines Körpers ist wochenlang auf das Unerhörteste angestrengt. Etwas Poetisches liegt in dieser merkwürdigen Sehnsucht, über weite Räume zu ziehen, etwas Urmenschliches, etwas unbeschreiblich Abenteuerliches. Eine Mischung von Vagabundentum und Energie, von geheimnisvollen Sehnsuchtstrieben und nüchterner Kraft.

Er ist in Kalifornien, in Arizona. Dann wieder Arbeit. Dann wieder neue Hetzjagd nach neuem Ziel!

Bodenloser Leichtsinn liegt über solch unsteten Leben, und doch wieder auch romantischer Zauber; lockend, verführend. Vor zwei Jahren ungefähr las ich im Londoner "Daily Telegraph" eine aus amerikanischen Zeitungen übernommene Meldung, Theodore Roosevelt -- damals war er Präsident und auf einer Jagdfahrt im Westen -- habe von Denver aus nach Westen auf einem Spezialzug eine Fahrt von über hundert Meilen auf dem Kuhfänger, dem Piloten der Lokomotive, gemacht. Er sei voller Begeisterung gewesen über die lustige Fahrt mit ihren Eindrücken freien Dahinschwebens in den Raum hinein! Wie hab' ich mich damals amüsiert (Teddy hatte doch immer etwas übrig für brausendes Leben!); denn -- über genau die gleiche Strecke war auch ich gefahren. In genau der gleichen Weise, auf dem Kuhfänger! Allerdings nicht auf einem Spezialzug, sondern in höchst notwendiger Verborgenheit.

In das lustige Erinnern aber mischte sich rückhaltslose Bewunderung für den merkwürdigen Mann des tätigen Lebens, der unter den ungeheuren Aufgaben seiner gewaltigen Stellung sich die Lebensneugierde und die Spannkraft bewahrt hatte, ein tollkühnes Vagabundenstücklein zu wagen. Tollkühn! Denn wer auf dem Piloten eines in voller Geschwindigkeit dahinbrausenden Zuges fährt, dicht über den Schienen, setzt auf jedem Meter Strecke sein Leben ein. Ein Häschen, über die Schienen rennend, erfaßt von dem weit hinabreichenden Rahmenwerk und mit ungeheurer Wucht emporgeschleudert, wird den Leichtsinnigen betäuben, ihn hinabwerfen; ein vom Piloten gepacktes Steinchen kann ihm den Schädel zerschmettern. Es steckt etwas vom Romantiker in Theodore Roosevelt, Soldat, Expräsident, Jäger, Schriftsteller, Philosoph, Politiker. Ein D'Artagnan in der Hülle des Staatsmannes!

Wer sich phantastischer Wanderlust so hingibt, wer bloßem Sehnsuchtstrieb so viel Kraft und so viel Zähigkeit widmet -- in dem Mann stecken Möglichkeiten, wenn er auch ehrbarer Bürgerlichkeit als Inbegriff leichtsinniger Tollheit erscheinen mag. Als Episode muß man das Leben dieser Männer auffassen! Ein kleiner äußerlicher Anstoß lenkt oft ihre Kraft in geordnete Bahnen. Oder ein großes Erlebnis -- das Weib, das in dem Männertum ihrer tollen Jugend so gar keine Rolle spielte. So lange sie aber ihr Leben führen, sind sie Abenteurer _de pure sang_. Grundverschieden einer von dem andern. Neben dem arbeitsfäustigen Brausekopf wandert der Gebildete mit dem disziplinierten Hirn, neben gedankenlosen Gesunden verbissene Neurastheniker; Abenteurer aber sind sie alle. Sie lauschen auf alles, was nach Abenteuermöglichkeit aussieht. Sie kennen sich untereinander, sie sehen, sie hören, sie erwerben sich Freunde hier und dort. Die Amerikaner, die in den südamerikanischen Revolutionen eine so große Rolle spielen, rekrutieren sich aus den Romantikern des Schienenstrangs. Der große Abenteurer, der Glückssoldat, der seinen Degen dem Dienst südamerikanischen Goldes verkauft, kennt seine Leute. Er darf nur in New Orleans oder in Galveston einem alten Freund vom Schienenstrang ein Wörtchen zuflüstern, und in drei Wochen hat er seine Leute. Wie der Blitz verbreitet sich die Neuigkeit, ohne daß eine Silbe zu den Ohren von Menschen dringt, die plaudern würden.

Ich hab' oft in drei, vier Sätzen -- denn diese Menschen sind schweigsam -- von Dingen erzählen hören, die mich ungläubig aufhorchen ließen. Der eine kannte Kuba wie seine Tasche und grinste über das schlechte Schießen der Insurgenten; der andere erwähnte so nebenbei, er möchte wieder einmal nach Haiti; der dritte hatte große Eile, nach San Franzisko zu kommen, weil er »dort einen Mann kenne, der vielleicht ein bißchen Geld in eine Goldsucherfahrt stecken würde«. Unrast haust in jedem von ihnen. Aus dem einen wird ein Führer von Arbeitern am Panamakanal, ein Amt, zu dem man harte Abenteurernaturen braucht; der andere stirbt als Glückssoldat, irgendwo in Südamerika erschossen; wieder ein anderer tritt in den Dienst des Waffenschmuggels, der von Amerika aus sich überallhin in die Welt erstreckt, wo rebellierende Minoritäten kämpfen. Ich deute hier nur an -- denn die geheimnisvollen Unterströmungen modernen Abenteurertums lassen sich nicht verfolgen. Ich weiß, daß man mir den Vorwurf der Übertreibung machen wird. Ich möchte aber eine Tatsache erwähnen, die dem Zeitungsleser nicht fremd, dem Mann mit internationalen Beziehungen wohlbekannt ist:

In jedem modernen Krieg spielen Abenteurer aus den Vereinigten Staaten eine große Rolle, zum mindesten in den "exotischen" Kriegen. Die Munitionszufuhr der Buren wurde von amerikanischen Männern und von amerikanischen Maultieren besorgt. In ihren Reihen kämpften als Offiziere und Soldaten Abenteurer aus aller Herren Ländern, die -- aber fast alle auch Englisch sprachen, und zwar amerikanisches Englisch. Im russisch-japanischen Krieg lag der Betrieb der Blockadebrecher, die Port Arthur mit Kriegsmaterial versorgten, zum großen Teil in amerikanischen Händen. Erst ganz kürzlich las ich im "Berliner Tageblatt" die lakonische Drahtmeldung: »In Guatemala rücken die Revolutionäre, von Amerikanern geführt, gegen die Hauptstadt vor.«

Die Unterstützung der mexikanischen Insurgenten durch amerikanische Abenteurer ist ja wohlbekannt.

Das sind Möglichkeiten dieses modernen Romantikertums, die ich erwähnen muß, weil sie eine Phase verborgenen Lebens unserer Zeit scharf beleuchten -- aber sie dürfen nicht verallgemeinert, sie müssen als Andeutungen aufgefaßt werden, als Anregung vielleicht für die wenigen Wissenden, ihr Scherflein dazu beizutragen, dieses Leben zu schildern.

Und die Romantiker des Schienenstrangs müssen sterben. Zehn Jahre mag es noch dauern, zwanzig vielleicht. Dann sind die Schienenstränge des Riesenlandes unter dem Sternenbanner bewacht und abgesperrt wie im alten Europa, und der Wanderer aus Passion wird ein Ding der Vergangenheit sein. Übrig bleiben wird nur der landstraßenwandelnde, bettelnde Tramp und das Heer der Arbeitslosen. Der Abenteurer muß sterben, wenn die großen Massen vordringen, die mit sich Ordnung und System bringen. Das ist gut so. Und doch -- man möchte träumend in die Zukunft schauen können. Was wird aus dem Grand Seigneur glorreichen, freien Vorwärtsstürmens? Spürt ihr kein Verwandtsein mit meinem törichten, rastlos dahinjagenden Idealisten, ihr Menschen im Zeitalter des Fliegens? Ihr, die ihr selbst hastend und hetzend lebt! Nur seid ihr, nein, sind wir -- denn jene Zeiten gehören vergangener Jugend -- klug und weise, denn wir schaffen Werte im Dahinjagen, und meine Freunde vom Schienenstrang schufen sich nichts als Augenblicksrausch. Sie waren Träumer, wenn sie es auch nicht wußten. Man muß sie lieb haben im Erinnern; um der Sehnsucht willen, die in ihnen lebte ...

* * * * *

In Arizona war es.

Der Schnellzug hielt im Morgengrauen, wenige Sekunden lang, an einer winzig kleinen Station. Billy sprang ab und rannte auf das Wasserfaß zu. Natürlich folgten wir ihm. Und da brauste der Zug auch schon weiter.

»Was hast du denn?« fragte Joe empört. »Jetzt ist der verdammte Zug glücklich weg. Hat uns ja kein Mensch gesehen -- hätten ruhig weiterfahren können!«

»Sei still!« lächelte Billy und kauerte sich am Wasserfaß nieder. »Kinder, vor allem müssen wir feststellen, wieviel Geld wir noch haben. Gebt einmal euer Geld her.« Er zählte. »-- 42 Dollars. Nun hört einmal zu: dieser sonnige Arizonasand hat Schönheiten, von denen ihr nichts ahnt; es ist ein stilles Fleckchen Welt, in dem man wieder einmal spielen und lachen kann. Hier wollen wir ein wenig bleiben!«

»Grandioser alter Gedanke!« murmelte Joe.

Ich aber wunderte mich nur. Die Hetzfahrt durch die vier Staaten hatte mich schon gelehrt, zu staunen, ohne viel zu fragen. Bald nach Sonnenaufgang gingen wir hinüber zu dem winzig kleinen Stationshäuschen, traten in das Zimmer des Agenten, und Billy setzte mit einer absoluten Wahrhaftigkeit, die unter den Umständen fast komisch war, dem Mann auseinander, was er wollte. Der war fast sprachlos vor Erstaunen.

»Hier bleiben wollt ihr?...« stotterte er endlich. »In diesem verdammten Sandloch?«

Billy erklärte ihm noch einmal, daß wir durchaus keine Tramps, sondern nur unruhige Gesellen seien, die zwar kein Geld für so törichte Dinge wie Fahrkarten ausgäben, aber sonst alles bar bezahlten -- »Weiß schon, verstehe schon!« brummte der Agent -- und daß wir einige Wochen lang ein billiges Leben führen wollten.

»Sommerfrische! Verstehen Sie denn nicht?« lachte Billy.

»Die verrückteste Idee, die mir in meinem Leben vorgekommen ist,« meinte der Agent grinsend. »Aber es geht. Es geht wirklich!«

Und es ging. Mrs. Jack Parker, eine rundliche Witwe, der das größte der vierzehn hölzernen Häuser der Station gehörte, übernahm gegen eine bare Vorausbezahlung von fünfundzwanzig Dollars gerne die Verpflichtung, uns drei Männer zwanzig Tage lang zu behausen und zu beköstigen. Es war spottbillig. Nun konnte ich mich aber nicht mehr halten:

»Dies ist ein Märchen!« sagte ich zu Billy.

»Ist es auch,« jubelte er und seine Augen leuchteten. »Sollen auch zwanzig Märchentage sein -- gerade so unwahrscheinlich und gerade so schön wie ein wirkliches Märchen. Hm -- Unsinn. Welch' ein Kind Sie doch sind! Billige Tage billiger Beschaulichkeit sind es -- weiter nichts!« Und er lachte lustig ...

"Lucky Water" hieß die Station -- Glückswasser. Sie und die vierzehn Häuschen hinter ihr verdankten ihr Dasein dem ungeheuer tiefen artesischen Brunnen neben dem Stationshäuschen, den einst die Santa Fé hatte bohren lassen müssen, weil die Strecke zwischen den beiden nächsten Stationen zu lang war, als daß die Lokomotiven sie ohne Wasser hätten durchmessen können. So reichlich Wasser spendete der Brunnen, daß es möglich gewesen war, eine einfache Bewässerungsanlage herzustellen und mitten im Sand Gemüse zu bauen und Vieh zu züchten. So waren die vierzehn Häuschen entstanden. Und jeden Abend nahm der Eilfrachtzug die Gemüsekörbe und die Milchkannen mit nach der nächsten großen Stadt. Es waren einfache Menschen, die Leute von Lucky Water, die uns wahrscheinlich für ein bißchen verrückt, aber doch harmlos hielten.

In meinem Leben vergess' ich Lucky Water nicht!

Von den Rändern seines grünen Gartenflecks dehnte sich weit und breit trostloser Sand, und gegen Norden schimmerten stahlblaue Felsenmassen. Glühend brannte tagaus, tagein die Sonne nieder aus tiefblauem Himmel, an dem nie ein Wölkchen zu sehen war. Die trocken heiße Luft war von unbeschreiblicher Klarheit und Durchsichtigkeit. Weit entfernte Gegenstände schienen zum Greifen nahe. Und Sand, überall Sand; bald glänzend weiß, bald tiefbraun. In einzelnen Fleckchen wuchs zähes rostbraunes Gras, und überall wucherten, kaum aus dem Sand hervorlugend, winzigkleine Kakteen mit eisenharten Dornen. Das war unser Spielplatz. Wie Kinder gebärdeten wir drei Männer uns. Viele Stunden lang lagen wir oft im heißen Sand und rauchten und schwatzten. Der sonst so schweigsame Billy konnte ganze Nachmittage hindurch mit wahrer Wollust die absurdesten Pläne ersinnen und sie uns begeistert auseinandersetzen: