Der Deutsche Lausbub in Amerika: Erinnerungen und Eindrücke. Band 1 (von 3)

Part 10

Chapter 103,405 wordsPublic domain

»Und du wirst sehr schwer arbeiten müssen, denn auch zu solchem Leben gehört Arbeit!«

»Gern.«

»Hm -- als ich ein Bub war, erwischte mich mein Vater einmal beim Zigarettenrauchen. Worauf er mich in sein Arbeitszimmer führte, mir höflich Platz und eine schwere Zigarre anbot, die ich unter seinen Augen zu Ende rauchen mußte. Die Folgen dieser Zigarre waren bei weitem unangenehmer als Prügel! So rauch' du denn die Zigarre des Schienenlebens, mein Sohn. Dir wird sehr übel werden! Du wirst anderseits aber auch viel lernen. Und dann werde ich dir nach St. Louis helfen. Dann wirst du nicht mehr weich wie Butter sein! Komisch, daß ich unsteter Geselle nun auch noch Verantwortung auf meine Schultern nehmen soll!«

»Ich bin für mich selbst verantwortlich.«

»Ja freilich. Sehr!«

Und wir lachten beide. In einer Stunde kam ein Frachtzug durch, mit dem wir weiterfuhren. Diesmal kostete die Fahrt Geld, denn ein Bremser ertappte uns beim Hineinklettern und erhob prompt einen Tribut von einem halben Dollar dafür, nichts gesehen zu haben. In wenig mehr als dreißig Minuten kamen wir in Fort Worth an, das nur vierzig Meilen entfernt war. Billy ging sofort nach dem Aussteigen zu dem riesigen hölzernen Wasserbehälter auf dem Frachtbahnhof, aus dem die Lokomotiven gespeist wurden, und leuchtete mit Zündhölzern sorgfältig den unteren Rand ab. Dann zeigte er mir mit einem Ausruf der Befriedigung ein frisch geschnittenes, rohes "J".

»Aha!« sagte er. »Joe ist schon da.«

»Wer ist Joe?«

»Ein Freund, ein lieber Kerl, den ich schon seit langen Jahren kenne. Eisenbahnkrank, so wie ich. Er hat die Zeichen hier hineingeschnitten, damit ich weiß, daß er da ist. Nun warten wir hier. Er wird bestimmt öfters nachsehen, ob ich schon gekommen bin.«

Es dauerte auch gar nicht lange, so tauchte eine Gestalt hinter dem Holzrahmenwerk des Behälters hervor und eine elektrische Taschenlampe blitzte auf.

»Oho!« sagte Billy. »Du bist aber vornehm geworden, Joe! Elektrische Beleuchtung in der Tasche!«

»Fein! Nich' wahr, Billy?«

»Nun, und wie war's mit der Arbeit im Elektrizitätswerk?«

»Schön. Fünfzig Dollars verdient in zehn Tagen. Aber --«

Billy kicherte leise.

»-- du hättest mich nich' alleinlassen sollen, Billy. Die verdammten Soldaten im Fort droben haben mir jeden Dollar beim Pokern wieder abgeknöpft. Die gesegnete Laterne hier -- das is' alles, was übrig blieb!«

Billy lachte laut und lange.

»So ist nun einmal das Leben, mein alter Joe,« stieß er hervor, noch immer lachend. »Ich hab' noch sechzig Dollars, und wenn die zu Ende sind, müssen wir eben wieder arbeiten. Dies ist Ed. Deutscher. Fährt mit uns.«

Joe, sauber und adrett in dunklem Anzug und Mütze, hatte ein rotes, rundes, volles Gesicht. Listige Äuglein blinzelten aus diesem Gesicht hervor -- -- --

Unter den Romantikern des Schienenstrangs.

Von Texas nordwärts. -- Ein wunderliches Leben. -- Der betrogene Betrüger der guten Stadt Guthrie in Oklahoma. -- Jargon des Schienenstrangs. -- Ein abenteuerliches Jahr und seine Einflüsse. -- Die Entwicklungsgeschichte seiner Majestät des Tramps. -- Die amerikanische Vagabundenarmee. -- Der Arbeitslose. -- Der Tramp. -- Die Romantiker. -- Lebenssehnsucht und Wandertrieb. -- Präsident Roosevelts Vagabundenfahrt auf der Lokomotive. -- Geheimnisvolle Unterströmungen modernen Abenteurertums. -- Amerikaner in exotischen Kriegen. -- In der Sommerfrische von Lucky Water, Arizona. -- Von flammenden Farben und meiner Frau im Mond. -- Arbeiten!

Hastend trieb Billy vorwärts. Schnurgerade nach Norden ging es zuerst, durch das nördliche Texas in Oklahoma hinein, durch ungeheure Flächen von welligem Grasland und spärlichem Wald; immer mit Schnellzügen auf der blinden Plattform der Postwagen.

Einmal verbrachten wir eine tolle Nacht auf dem Piloten einer Expreßlokomotive, zu dritt, eng zusammengedrückt, aneinander geklammert; auf den hellen Fleck starrend, den die Laterne über unseren Köpfen auf die Schienen warf. Die Welt schien körperloses, schwarzes Dunkel. Nur der gelbweiße Schein da vorne auf dem Schienenstrang barg rasende Bewegung in sich. Als ob sie auf uns zuspringen wollten, so stürmten uns die hölzernen Blöcke entgegen, die den stahlglänzenden feinen Strich auf beiden Seiten verbanden. Zuerst, am Rande des Lichtscheins, in der Verjüngung, sahen die Schwellen fein und zart aus wie Zündhölzer. Dann wurden sie stärker, massiver -- riesengroß zu unseren Füßen. Es war wie ein wunderlicher Hexenwirbel. Wie ein sturmwindgepeitschter Zauberkreis von funkelnden Schienen und dunkel glänzenden Schwellen, von Steinchen und Erde und Grasbüscheln; uns entgegenjagend, wirbelnd, sich drehend. Man mußte wie fasziniert auf den Blendkreis der Laterne starren, jedes Steinchen, jeder Schwellenbuckel prägte sich einem ein. Dazu das Rütteln und Stampfen der Stahlmasse, auf der wir hingekauert waren, und der peitschende Luftdruck, der schmerzend wie feine Nadeln in die Haut drang, jedes Stück Zeug am Leibe flattern ließ und sich wie schwere Last gegen den Körper anstemmte. Und Stille ringsum, als schweige alles vor dem dahersausenden stählernen Ungetüm auf den stählernen Schienen; als regierten nur seine Geräusche -- -- -- Das dumpfe Poltern mit dem hellen Metallklang dazwischen. Das Rauschen und Rasseln. Das Stöhnen in den glühenden, dampfschnaubenden Lungen.

Aus Dampf und Rauch und jagender Bewegung und vorbeihuschendem Land schien die Welt zu bestehen. Jeder Funke Energie konzentrierte sich auf Vorwärtskommen. Alles andere war gleichgültig. Man fuhr in Frachtzügen untertags, weil man dann in leeren Frachtwagen schlafen und so den Schlaf mit dem Vorwärtseilen verbinden konnte. Die unfreiwilligen Pausen (wenn ein Kondukteur oder ein Bremser uns ertappte und grinsend erklärte, wir möchten lieber dem nächsten Zug die Ehre schenken) wurden zum Essen benutzt und zu sorgfältigem Erkundigen über die nächsten Züge. Es war ein wunderliches Leben. Und das wunderlichste daran war die Geschäftigkeit! Kein noch so energischer Kaufmann hätte mehr Zeit und Mühe aus seine wichtigsten Affären verwenden können als wir auf unser zweckloses Vorwärtshasten. Dabei riskierten wir auch noch täglich die Hälse!

Ich war wunschlos glücklich damals in dem fortwährendem Fieber des Neulings. Und es scheint mir heute, als sei die trotzige Energie, die dieses sonderbare Leben einem einimpfte, ohne daß man es merkte, die Gleichgültigkeit gegen Gefahr und Beschwerden, das praktische Anpassen an harte Lebensbedingungen, das man wie im Spiel lernte -- als sei dies alles die verschwendete Zeit voll und ganz wert gewesen ...

Das Leben war wie ein Dahinhuschen durch eine mehr oder weniger gleichgültige Welt voll der verschiedensten Menschen und der verschiedensten Farben, in der das einzig Wichtige die Züge auf dem Schienenstrang und wir drei Menschen schienen. Wir drei Menschen! Nie wieder im Leben hab' ich so das Gefühl engstverbundener Freundschaft mit Männern gehabt wie damals! Was dem einen gehörte, gehörte auch dem andern, und der eine stand für den andern ein mit allem, was er hatte und konnte. Und doch blieb die dünne Scheidewand bestehen, die Männerfreundschaft haben muß, wenn es nicht einfach _frère et cochon_ sein soll -- das Respektieren persönlicher Dinge, die Disziplin gewisser Höflichkeiten, eine Art Respekt des einen vor dem andern. Dieses eigenartige Zusammenhalten in einem Mischmasch von Herrentum und Vagabundenleben ist mir etwas Unvergeßliches wie Billy selbst.

Wir kamen nach Guthrie in Oklahoma, eine Stadt mit dem typischen Gemengsel des Westens von vornehmen Villen und bescheidenen Bretterbuden. Guthrie war damals, und ist wahrscheinlich heute noch, was der Amerikaner eine _wide open town_ nennt, eine "weit offene Stadt", wörtlich übersetzt. Der Begriff ist simpel. Weit offen. Alles darf hinein. Spielhöllen, geöffnet die Nacht hindurch; Salons, in ununterbrochenem Betrieb Tag und Nacht; profitables Dulden von elegant gekleideten und energisch bemalten Damen. Skrupellose Dollarjagd überall. Eine Bar neben der andern säumte die Hauptstraßen. "Zum sporenklingelnden Cowboy" hieß da ein Salon, "Das Glück von Oklahoma" ein anderer; "Zum toten Indianer" -- "Die sieben Whisky-Seeligkeiten" -- "Das Paradies der Getränke" -- "Zum letzten Schuß" -- -- so nannten sich die Trinkhallen Guthrie's. Reiter galoppierten hin und her, deren Beine in dem geteilten Hosenschurz aus Buffalofellen steckten, der das Kennzeichen der Cowboys ist. Am Sattelknopf hing stets der Lasso; an einem Riemen um die Hüften baumelte der schwere Revolver. Zwischen den Reitern drängten sich Fußgänger; bald im einfachen Flanellhemd und den riemengegürteten Hosen des Westens, bald in eleganten Anzügen und tadelloser weißer Wäsche.

»Lebendiges altes Städtchen!« brummte Billy.

Wir traten in eine Bar ("Zum grinsenden Prairiehund" hieß sie), und ich vergaß ganz meinen Whisky über meinem Staunen. Da war ein Gefunkel von Spiegelscheiben und geschliffenen Gläsern und zwischen den Spiegelscheiben leuchtete ein Kolossalgemälde, ein üppiges Weib auf weichen Kissen hingestreckt. Ich zerbrach mir vergeblich den Kopf darüber, wo ich das Bild schon gesehen haben mochte --

»Rubens-Kopie,« lächelte Billy, »mit einigen Zutaten freier Phantasie wiedergegeben. Du wirst das Ding noch tausendmal sehen in ebensoviel Salons. Es ist ein niedliches Beispiel, wie sehr wahre Kunst und wirkliche Schönheit in diesem merkwürdigen Land manchmal auf den Hund kommt.«

Dann ging's in ein kleines Hotel, wie sich das Bretterhaus mit seinen winzigen Zimmern für einen halben Dollar im Tag stolz nannte; denn wir verbanden einen ganz bestimmten Zweck mit dem kurzen Aufenthalt im Oklahomastädtchen: Toilettesorgen! Billy hatte seine besondere Art, die Toilettenfrage zu lösen. Frisch gekaufte Wäsche gehörte dazu, ein Badezimmer und ein in den Küchenregionen ausgeborgtes Bügeleisen, das unseren Kleidern wieder Eleganz verlieh und vor allem durch die Dampfentwicklung beim Bügeln gründliche Reinigung vom Kohlenstaub des Schienenstrangs erzielte. Die getragene Wäsche blieb natürlich zurück, denn ein Sichabschleppen mit Gepäck selbst in kompaktester Form war unmöglich bei unserem Leben. Das wiederholte sich immer wieder -- die Bügelszene war eine Art wöchentlicher Etappe im Wanderleben, die ziemlich viel Geld kostete. Aber in den kleinen Stationen später im Südwesten wusch und bügelte Madame vom Boardinghouse gerne unsere Wäsche für wenige Cents, während wir wartend in den Betten lagen.

Den halben Nachmittag plagten wir uns mit der Bügelarbeit. Abends nach dem Essen (es war sehr hübsch, wieder an einem weißgedeckten Tisch zu essen), schlug ich vor, durchs Städtchen zu wandern.

»_Not on your life_,« grinste Joe gemütlich. »Fällt diesem Kind hier gar nicht ein. Meinetwegen kann der Teufel das Städtchen holen! Der Neffe meiner seligen Tante Jemima schläft viel zu selten in einem Bett, um nich' gründlich zu schlafen, wenn er kann. Geh' spazieren, wenn du willst -- ich schlafe!«

»Sehr vernünftig!« lächelte Billy. »Guthrie ist ein teures Pflaster, mein Sohn, und ich persönlich mag nicht mit Leuten zusammen sein, die mit Geld um sich werfen, wenn ich nicht mitmachen kann!«

»Ich will aber nur spazierengehen!«

»Dann nimm Geld mit!«

»Aber ich habe ja noch dreizehn Dollars ungefähr, und dann will ich ja auch gar kein Geld ausgeben.«

»Dann geh' spazieren! Viel Vergnügen, mein Junge!«

So ließ ich ärgerlich die beiden sitzen und lief voller Neugierde die lichterfunkelnde Hauptstraße entlang, in einem Gedränge von Cowboys und eleganten Herren und arg geschminkten Damen. Die Salons lockten mich gar nicht. Aber ein Plakat -- eine Tänzerin darstellend, mit dem in grellen Lettern daruntergedruckten Vermerk »Eintritt frei in dieses Varieté!« -- schien mir gerade das Richtige. Ich trat ein. An runden Tischchen saßen viele Menschen, darunter merkwürdig viele Damen in phantastischen Kostümen. Das reine Maskenfest! Seide in grellen Farben überall, funkelndes falsches Geschmeide, bemalte Gesichter.

»Furchtbar interessant ...« dachte ich mir.

Ein Kellner (in dunkelrotem Flanellhemd und Hosen aus Manchestersamt) brachte mir eine Flasche Bier, für die er einen halben Dollar einkassierte, was ich teuer fand. Dann öffnete sich der Bühnenvorhang, und eine dicke Blondine krähte einen Gassenhauer --

»_When the bells go tinge--linge--ling We'll join hands and sweetly we shall sing: There'll be a hot time In the old town -- Tonight, my darling -- tralala ..._«

Die Tingeling Glocken und das süß gesungene Versprechen, daß heute noch der Teufel los sein würde im alten Städtchen, schienen tiefen Eindruck auf die Zuhörer zu machen, denn sie brüllten vor Vergnügen und trampelten in gräßlichem Gedröhn mit ihren schweren Stiefeln. Der Teufel im Städtchen mußte auch in mystischem Zusammenhang mit den Lackstiefelchen der Blondine stehen, denn auf diese deutete sie fortwährend. Dann tanzte sie ein bißchen und machte furchtbar viele Knixe, und dann löste eine andere junge Dame sie ab. Die hörte ich aber gar nicht, denn -- die dicke Blondine kam hinter dem Vorhang hervor und steuerte schnurgerade auf meinen Tisch zu. Neben mich setzte sie sich!

Am liebsten wäre ich davongelaufen!!

»Welch' ein trockenes Gefühl man doch im Hals hat nach dem Singen!« sagte sie mit einer Stimme, die geradezu rostig klang.

»Flasche Bier?« fragte der Kellner im roten Flanellhemd und stellte zwei Flaschen hin, ohne eine Antwort abzuwarten. Die tinge-ling Dame packte eine Flasche und ein Glas, dann die andere Flasche -- und im Handumdrehen war das Bier den Weg seiner Bestimmung gegangen. Sie mußte wirklich sehr durstig sein!

»Fremder?« sagte sie. »Ja? Werden finden, daß hier 'was los ist! _You bet!_«

Und da brachte der Mann im roten Flanellhemd schon wieder zwei Flaschen, und Fräulein Nachbarin zu meiner Linken leerte prompt die eine ganz und die andere zur Hälfte.

»Jetzt muß ich wieder singen,« sagte sie und stand auf. »Komm' gleich wieder.«

In mir aber dämmerte eine Ahnung auf, daß ich Ärmster es war, der für diese Bierflaschen bezahlen mußte, und in einer wahren Heidenangst vor dem Durst der Dame rief ich den Aufwärter herbei.

»Vier Flaschen Bier?«

»Sechzehn Dollars!« sagte der Mann im roten Hemd.

»Heh?«

»Sechzehn Dollars -- Sie sin' wohl 'n Fremder? Kommen Sie mit, wir werden 's Ihnen erklären!«

Und wie ein Schaf zur Schlachtbank wurde ich auf den Vorplatz geführt, wo ein anderer Mann (der trug ein blaues Flanellhemd!) zu uns trat. Ein Flüstern zwischen rotem und blauem Hemd. »_Correct!_« sagte das blaue Hemd. »Sechzehn Dollars. Das weiß jedermann. _Well_, sagen wir zehn Dollars statt sechzehn -- ich bin nich' so!«

»So viel Geld hab' ich nicht bei mir!« erklärte ich wütend -- und in Heidenangst, denn der Mann im blauen Hemd trug einen riesigen Revolver im Gürtel.

»Dann geht Tommy hier mit Ihnen, es zu holen,« entschied das blaue Hemd ...

Beinahe hätte ich bezahlt, aber da waren wir schon auf der Straße, ich und das rote Hemd.

»Welches Hotel?«

»M--m--m ...« murmelte ich und bog links ab. In mir kochte alles vor Wut über die Gaunerei. Und plötzlich wußte ich es: Den Teufel würde ich bezahlen! An der dunklen Ecke der Nebenstraße blieb ich stehen:

»Gehen Sie nur wieder zurück -- ich habe kein Geld. Ihr seid Schwindler!«

Und im gleichen Augenblick stieß ich den Mann im roten Hemd mit beiden Fäusten vor die Brust, daß er zu Boden kollerte, und rannte um die Ecke, so schnell mich nur meine Füße tragen wollten. Hinter mir knallte es, -- noch einmal -- dreimal ... Wieder bog ich um eine Ecke, rannte geradeaus im Dunkeln, lief in die Kreuz und Quer. Erst nach einer halben Stunde wagte ich mich wieder in die Hauptstraße und schlich vorsichtig ins Hotel, zu Billy ins Zimmer. Zitternd vor Aufregung drehte ich das elektrische Licht an und weckte ihn.

»Was ist los?« fragte er blinzelnd. »Oh -- du! Ausgeplündert, heh? Jeder Centavo fort, heh? Aber das ist doch nicht so wichtig, um mich zu wecken!«

In fliegender Eile erzählte ich, und seine Augen wurden immer größer.

»Mann! Den Jüngling hingeschmissen -- ausgekniffen ...« und er lachte wie besessen, sich im Bett wälzend vor Vergnügen. Er lachte wie ein Verrückter!

»Achgottachgott,« stöhnte er, »gehen wir zu Joe hinüber!«

»Du -- Joe!«

Joe fuhr empor.

»Du Joe -- Ed ist in 'n Varieté gegangen, so eine freie Eintrittsaffäre, du weißt schon -- vier Dollars die Flasche Bier -- zahlte nicht, konnte nicht, nee wollte nicht -- Kellner mitgegangen -- Kellner biff-biff gegeben -- davongerannnt -- oh Lord, ich lach' mich ja noch tot! Das Bier -- die dicke Blondine -- der Kellner hat geschossen ... ich sterbe wirklich vor Lachen!!«

Joe begriff zuerst nicht. Als er aber den Zusammenhang verstand, wieherte er förmlich.

»Ist dieser Ed grasgrün,« stieß er endlich hervor »-- und bindet mit den geriebensten Gaunern dieser feinen Stadt an! Ein Glück hat er!! Geschossen hat der Kellner? Das beweist wieder einmal, daß ein Revolver lange nich' so gefährlich is' wie er aussieht! Und nun empfehlen wir uns, kalkulier' ich!«

Billy nickte, noch immer lachend, und erklärte mir kurz, daß nach diesem Intermezzo Guthrie in Oklahoma ein entschieden ungesunder Aufenthaltsort für mich sei. Die beiden Herren in den roten und blauen Flanellhemden wurden wahrscheinlich eine eifrige Suche nach mir veranstalten! Noch in der Nacht verließen wir (ich genierte mich furchtbar über die Geschichte) das Hotel, eilten, die blendend hellerleuchtete Hauptstraße klüglich vermeidend, auf weitem Umweg nach dem Bahnhof und fuhren mit einem langweiligen Frachtzug nach Nordwesten. In Guthrie zweigte die Santa Fé scharf ab, hinüber zu ihrer riesigen Hauptlinie, die, Tausende von Meilen lang, durch das nordöstlichste Stück Texas, das sich in das Territorium von Oklahoma hineinzwängt, durch Neumexiko, Arizona und Kalifornien nach San Franzisko führt.

Vorwärts -- immer vorwärts ...

Von Kiowa (das war gerade über der Kansaslinie, und so hatten wir drei riesengroße amerikanische Staaten berührt in zwei Wochen!) ging es wieder nach Süden, in ein sonniges Land von Sand und Prairie und fernschimmernden Bergen hinein! Wir reisten sehr schnell. Die Stationen waren meistens klein, und einen einzigen Schnellzug konnten wir oft zehn, ja zwölf Stunden lang benützen. Fast auf jeder Station trafen wir Wanderer, bald Arbeitslose, bald typische Tramps; bald nach Osten ziehend, bald nach Westen wie wir. Selten wechselten wir mehr als wenige kurze Worte mit ihnen, denn der Mann vom Schienenstrang ist wortkarg. Sie erkundigten sich gewöhnlich nach Entfernungen; noch öfter nach den genauen Fahrzeiten der Lokalfrachtzüge und der schnellen, durchgehenden Eilfrachtzüge. Der Jargon der "_road_", des Schienenstrangs, war kurz und knapp und voller Eigentümlichkeiten. Nie wurde man anders genannt als "Jack" von diesen wandernden Menschen, die man an den Wasserfässern der Stationen begegnete, als sei dies ein Sammelvorname für alles, was da auf der Eisenbahn kreuchte und fleuchte.

»Hello, Jack!«

»Selber Hello!«

»'rauf oder runter?« (Hinauf hieß "nach Westen"; hinunter "nach Osten"!)

»Hinauf!«

»Hm, ihr nehmt die nächste "Schnelle", nich?« (Das bedeutete den fälligen Eilfrachtzug.) »Paßt lieber auf -- hundert Meilen zurück haben sie im Fahren abgestoppt und uns mitten auf der Strecke den Boden küssen lassen!« (Das hieß, daß die Tramps entdeckt und bei verlangsamter Fahrt vom Zuge geworfen worden waren.) »Habt ihr vielleicht gesehen, ob der Lokale leere _boxcars_ hat? Ja? Das is' _allright_. _So long, Jack!_«

Das waren so Fachausdrücke. Die Tramps sprachen niemals vom Ort ihrer Bestimmung, sondern sie reisten einfach »die Linie hinauf oder hinunter.« Die Riesen-Eisenbahnlinien des Landes bezeichneten sie als etwas Altvertrautes nur mit den Anfangsbuchstaben: S. F. (Santa Fé) U. P. (Union Pazific) S. P. (Southern Pazific) oder mit Spitznamen, wie die berühmte Käte, wie die Kansas und Texas Eisenbahn genannt wurde. Ihr Reisen hießen sie _jumping_, springen; Stationen bezeichneten sie nicht mit Namen, sondern sagten: Nächster _stop_, zweiter, fünfter _stop_ die Linie hinauf oder hinunter. In einem Frachtwagen zu fahren, hieß -- eine Leere springen; auf dem Postwagen: den Blinden springen ... Verballhornt wie die Eisenbahnausdrücke war auch ihre ganze Sprache, ein heruntergekommenes Englisch. Als müßten sie ihr Sprechen ihren Verhältnissen anpassen, denn abgerissen, zerlumpt, heruntergekommen sahen fast alle aus. »Arme Teufel,« pflegte Billy zu sagen. »Arme Teufel sind's und dumme Teufel! Und geht es einem auch noch so schlecht ... das letzte Geld darf niemals in den Magen wandern, sondern muß auf den äußeren Menschen verwandt werden! Der saubere Rock ist stets die Brücke zu den Dingen des Lebens. Er gibt äußere Gleichberechtigung mit jedem Menschen. Wer sich den sauberen Rock nicht bewahrt, ist ein Narr!«

Städtchen auf Städtchen huschte vorbei. Jeder Tag brachte neue Aufregung, neues Vorwärtshasten. Und jeder Tag führte uns Hunderte von Meilen weiter. Aus den flachen Wellentälern wurden gewaltige Einschnitte, riesenbreit, in felsiges Bergland, das sich weithin am Horizont auftürmte; ein Land des Sandes und der Steine, ein Land glasklarer trockener Sonnenluft, die den Blick auf ungeheure Entfernungen vorwärtsdringen ließ -- Neumexiko. In wenigen Tagen durchquerten wir den Staat. Dann kamen wir auf das Gebiet Arizonas.

* * * * *

Im Erinnern an die Zeiten meines Dahinjagens auf den Schienensträngen der Vereinigten Staaten ist es mir, als sei jede Einzelheit unauslöschlich in mein Hirn eingegraben wie buntes Mosaik, aus farbensprühenden Steinchen geformt. Keines der Steinchen verlor in den fünfzehn Jahren, die seitdem nun verflossen sind, seinen Glanz. Schärfer treten die Dinge hervor in der Erinnerung, als sie es im leichtherzigen Erleben gewesen sein mochten; klarer, deutlicher in ihrem starken Einfluß auf das Werden und Wachsen des Menschen. In Gut und Böse. Den Trotz hab' ich im Wanderleben gelernt; das trotzige Wollen, ein gewisses Ziel zu erreichen nur, weil ich es wollte, sei es klein oder groß. Gleichgültigkeit gegen Geld, das ja dem Manne nur wenig bedeuten konnte, der in hetzendem, gefahrvollem Vorwärtshasten etwas so unbeschreiblich Schönes sah, daß Hunger und Entbehrungen lachend in den Kauf genommen wurden. Verderblichen Lebensleichtsinn, sonderbar gepaart mit Kraft. Träumen hab' ich gelernt, wie mans nur lernen kann in Einsamkeit, wenn dahinfließende Stunden ein gleichgültiges Nichts bedeuten. Sehen hab' ich gelernt! So viele Menschen und so viele rasch wechselnde Bilder zogen an dem Wanderer vorbei, daß er Menschen und Dinge sehen lernte -- in mehr als bloßem Verstehen von Land und Leuten. Und den Humor hab' ich mir geholt in jenem Wanderjahr; das lustige Lachen über eigene Torheit und eigene Schwächen, weil es klüger war, zu lächeln als zu weinen, wenn die Dinge einem gar zu sehr weh taten. So ist mir das eine Jahr etwas nie zu Vergessendes geworden.

Ein Wanderjahr unter den Romantikern des Schienenstrangs ...

* * * * *