Der deutsche Durst: Methyologische Skizzen der deutschen Kulturgeschichte
Part 7
Schon um die Mitte des dreizehnten Jahrhunderts spielte der Johannisberger eine glänzende Rolle. Die deutschen Kaiser unterstützten die Arbeit des Klosters durch mannigfache Privilegien und Schutzbriefe, namentlich erfreute es sich der Zollfreiheit für seine Weine. Bei dem rheinischen Adel gehörte es damals zum guten Ton, der Abtei letztwillig zu gedenken. Die rheinischen Bauern leisteten ihr freiwillig reichliche Naturalleistungen und sonstige Gaben, denn der Ruhm des Johannisberger Weines erfüllte auch seine Landsleute mit Stolz.
Doch das Lob, das allerorts dem Weine von Johannisberg gespendet wurde, verscherzten sich seine Winzer durch ihr Betragen. 1462 wurde das Nonnenkloster wegen der Zuchtlosigkeit seiner Insassen aufgelöst und den Mönchen ging es nicht viel besser. Sie wurden liederlich, vernachlässigten die Weinkultur, die zurückging, wodurch ihr Kloster so starke Einbußen erlitt, daß sie nahezu verarmten. Nach verschiedenen wechselvollen Schicksalen wurde das Kloster 1552 von dem wilden Markgrafen Albrecht von Kulmbach in Asche gelegt, dann wieder aufgebaut und nochmals im dreißigjährigen Krieg von den Schweden dem Erdboden gleich gemacht. 1641 verpfändet an den Reichspfennigmeister Hubert von Bleymann, dann von Napoleon (1807) an den Marschall Kellermann verliehen, kam das Weingut 1816 an den Fürsten Metternich.[94]
Ein gefährlicher Rivale erstand dem Johannisberger in dem 1177 von Mönchen der Cisterzienser Abtei Eberbach angelegten Weingarten _Steinberg_.
In den Kellern dieser Stiftung Bernhards von Clairvaux lagerten ehemals die edelsten Weine des Herzogs von Nassau. Aus einer achtzig Morgen großen Wüstenei, die die Mönche mit eigener Hand urbar gemacht und mit einer zwölf Fuß hohen Mauer umzogen, erwuchs den Eberbachern ein Ertrag, der sie zur Zeit der Hansa und des rheinischen Städtebundes zum bedeutendsten Weingroßhändler der Erde machte, dessen eigene Schiffe das Weltmeer befuhren, deren berühmtestes »die Ebersbacher Sau« benannt war.
Weitere berühmte Weinsorten in Mönchshänden waren: die berühmte Blume des Hocks, der _Hochheimer,_ der Domdechanei von Mainz; der auf die charakteristischen _Bocksbeutelflaschen_ abgezogene _Stein-_ und _Leistenwein_ erwuchs in der Nähe der Stadt und ganz nahe an den Wänden des Schlosses der Fürstbischöfe von Würzburg.[95]
Als der _deutsche Ritterorden_ die Eroberung Ostpreußens vollendet hatte, zog er Kolonisten aus den benachbarten sächsischen und wendischen Staaten herbei. Besonders der Hochmeister Winrich von Kniprode -- nomina sunt odiosa; Win-rich gemahnt an Wein wie Knip-rode an Kneipe -- ließ für schweres Geld erfahrene Winzer aus Italien und Süddeutschland kommen, um Weinberge bei Rastenburg, Lüneburg, Polska, Hohenrode, Tapliau und Thorn anzulegen. Selbst in Memel, Tilsit und Königsberg wurde Eigenbau getrunken. Im Jahre 1379 belief sich die Ernte aller Weinberge des Hochmeisters auf sechshundertacht Tonnen, die teils eingekellert, teils ausgeschenkt wurden. Vor allem versorgten die Weinberge bei Thorn die Ordensritter mit Wein zur Messe und zu den Gelagen. Als Herzog Rudolf von Schwaben (1363) in der Marienburg als Gast weilte, mußte der Mundschenk beim Schluß der Tafel einen großen goldenen Becher mit Thorner füllen, den zuerst die Gäste, dann der Hochmeister und zuletzt die Ritter auf gut Kriegsglück leerten. Da rief Rudolf: »Langt mir noch einmal den Becher her! Der Trank ist Öl, davon einem die Schnauze klebt!« Und den neugefüllten Pokal leerte der Bayer unter dem hellen Jubel der Zechkumpane auf das Andenken Kaiser Ludwigs des Bayern.
Seitdem die Weinkultur in Ostpreußen verschwunden ist, bildet die Mark Brandenburg die nördlichste Weingrenze Europas. Im sechzehnten Jahrhundert erlangte der märkische Weinbau seine höchste Blüte. Von der Quantität des hier gezogenen Weines kann man sich einen Begriff machen, wenn man die alte Nachricht liest, daß ein einziger Weinberg bei Tasdorf hundertfünfzig Tonnen Wein ergab. Wie die Qualität war, darüber schweigt sich allerdings mein Gewährsmann gründlich aus.
Riesenthal und Oderberg in der Mark hatten zwanzig Tonnen weißen und ebensoviel roten Wein an das Berliner Joachimsthalsche Gymnasium für die Lehrer und Schüler zu liefern, und in der Neumark war der Landwein billiger als das Krossener Bier.
Durch die zielbewußte Feldwirtschaft der Geistlichkeit konnte eine Überproduktion nicht ausbleiben. Sie heimsten weit mehr Naturalien ein als sie selbst verbrauchten. Wenn auch ein Teil ihrer Erträgnisse darauf verwandt wurde, die Vorratskammern ihrer Gönner zu füllen, oder durch Verteilung neue Freunde zu schaffen -- wie jener Abt von Citeaux, Jean de Bussières, von Papst Gregor XI. in Avignon als Gegenleistung für dreißig Fässer Beaune und Chambertin den Kardinalshut erhielt -- so reichten in besonders gesegneten Jahren die groß angelegten Speicher und Keller der reichen Abteien und Stifte nicht aus, die Ernte aufzunehmen. Im Kloster St. Gallen nahm im zehnten Jahrhundert der Weinvorrat derartige Ausdehnung an, daß volle Weinfässer, von Hütern bewacht, unter freiem Himmel lagen und sich höherstehende Leute Rotwein zu trinken weigerten. Eines dieser reich gesegneten Jahre war 1332, das eine unerhörte Fülle von Wein brachte. Raudisacker bei Würzburg sandte als Zehnten zweihundertsechzig Fuder, ein Jahr später nur zwölf Fuder an die geistliche Herrschaft. »Was vil wins gewaisen, den man noimpde den bodenwin«, sagen die Kölner Jahrbücher darüber.
Wie diese Raudisacker waren unzählige andere Dörfer der Geistlichkeit zins- und frohnpflichtig, denn die frommen Herrn hatten von jeher den bekannten guten Magen, den sie sich um so voller stopften, als in der Zeit vor der Reformation die Ehrfurcht vor Kutte und Tonsur alle ihre Übergriffe guthieß. Das Gebahren der Klerisei war zu lukrativ, um nicht in den Kreisen der Feudalherrn, von hoch oben an bis herab zum Ritter, der auf seinem halbverfallenen Steinhaufen ein armseliges Leben führte, begeisterte Anhänger und Nachtreter zu finden.
Und als die Güter der Geistlichkeit ins Ungemessene gewachsen waren und sie trotz ihrer Unzahl -- gab es doch zu Luthers Zeiten zwei Millionen vierhundertfünfundsechzigtausend Mönche und etwa zweihunderttausend Nonnen in Deutschland -- außer stande waren, alles selbst zu bewirtschaften, zwangen sie ihre Pächter zur vollsten Abhängigkeit. Erhielten diese Winzer, wie schon zu Karls des Großen Zeit, den Auftrag, durch Aushängen des Blätterkranzes anzuzeigen, daß der Wein trinkbar sei, so handelten sie doch immer nur als Diener ihrer Herrschaft, die sich das Recht vorbehielt, den erteilten Befehl gegebenenfalls zu widerrufen. Dieses Recht dehnten die Herren schließlich über ihr ganzes Gebiet aus, ohne Rücksicht darauf, ob die Weinberge ihrer Domänen ihr Eigentum, oder ihren freien Untertanen gehörten. Dieser _Weinbann_ zwang sogar größere Städte mit Weinbau und Weinhandel sich durch bedeutende Abgaben von dieser Last zu lösen. So mußte Straßburg 1252 von ihrem Bischof den Weinbau um vierhundert Mark Silber, etwa sechzehntausend Mark erstehen. In Mainz hatten um 1300 die »Weinschröter« die Verpflichtung, dem Erzpriester jährlich drei Karren Wein als Ablösung zu liefern. Speyer wußte sich schon 1182 durch ein königliches Privileg vom Weinbann zu befreien.[97]
Der Weinbann nahm übrigens, wie fast alle anderen derartigen, gewissen Sonderinteressen dienenden Privilegien durch den Übermut ihrer Diktatoren recht bizarre Formen an. So gehörte der Weinbann zu Münster dreimal des Jahres, zu Weihnacht, Ostern, Pfingsten, jedesmal durch »vierzehn Nacht« dem Abt von St. Gregoriental. Sobald eine dieser Zeiten naht, haben Schultheiß und Ratsherrn die vom Abt zum Verkauf zu bringenden Weine zu prüfen, ob sie auch aus dem Weinberg des Gotteshauses stammen, denn das Recht, fremde Weine zu verkaufen, hat er nicht. An dem Abend aber, da der Bann des Abtes anhebt, muß der Schultheiß mit dem Weibel die »Tavernen« der städtischen Weinschenken durchmustern, ihre Fässer zuschlagen und in irgend einer Weise zeichnen, daß man sie nicht unbemerkt öffnen und wieder schließen könne. Man nannte das dort »die Fasse brigelen«. Wer in der genannten Zeit das unter solche Sperre gelegte Faß dennoch öffnete, der hatte dem Abt sechzig Schilling Buße zu zahlen, »so oft er den Zapfen ziehet«[98] oder den Strich über dem Zapfen -- daher der Name »_Zapfenstreich_« -- verlöschte.
Wie in Münster, so schloß auch anderswo der Ausschank des Bannweines den Verkauf jedes anderen Getränkes aus. »Und welcher den banwein hait uns schenckt, der hait die Freiheit zu fischen, zu jagen, voglen, brottbacken und metzlen, wess er zu seine wirtschafft benötiget ist und nit weiter ... Ess soll auch ein jeglicher inwhoner schultich sein umb ein recht ein maß weins bey ime zeholen, es were dan sach, das der wein ze deuer were und nit betzalen kundt; und welicher dass nit thett, so hett der wirdt macht _ime ein mass weins zum hünerloch in ze schöden,_ und most sie ime bezalen.«[99]
Ja die Herren von anno dazumal waren noch ganz andere Kerle wie die armen vielverlästerten »Ringmänner« der Gegenwart. Wenn die sich erst mal auf die Hinterbeine setzten und zu befehlen anfingen, so hörten sie erst gar nicht wieder auf. Sie gefielen sich häufig in Verordnungen, die so recht den ganzen Übermut eines an Größenwahn streifenden Machtbewußtseins spiegelten, das mit den wehrlosen Untergebenen wie mit fühl- und vernunftlosen Puppen umsprang. Ein markantes, wenn auch die Geschichte des deutschen Durstes nicht berührendes Beispiel gibt ein Erlaß in einem der Weistümer von 1442. Dort heißt es: »Und geburt meyner Frauwen der graffynne zu Folkelingen zu lygen, so sollent die _frosche sweygen das sie myn Frauwe nit wecken_«.[100] Da nun die sangeslustigen Frösche nicht respektvoll genug gewesen sein dürften, den Schlaf der holden »graffynne« als vollwichtigen Grund zum Schweigen anzusehen, so werden wohl die armen Bauern ihre Nächte damit zugebracht haben, die Teiche, Sümpfe und andere Froschkolonien mit Gerten zu schlagen, um die Frösche in Furcht zu jagen und dadurch ihren melodischen Gesang zu verhindern.
Natürlich regelten diese Miniaturherrscher und vollständig ausgewachsenen Tyrannen auch haarklein die ihnen seitens der Bauern zu leistenden Arbeiten und Lieferungen. Ein Überschreiten dieser Pflichten wurde huldvollst übersehen, eine Vernachlässigung aber grausam bestraft. So bestimmten sie ganz genau, wie sie selbst oder einer ihrer Abgesandten auf dem Bauernhof aufzunehmen, welche und wieviel Speisen und Getränke vorzusetzen seien.
Der Probst des Klosters Ölenberg im Elsaß hatte 1354 auf dem Hof St. Lukart Anspruch auf zwei Mahlzeiten mit »nuwen wine« in »wiss schenckbecher« und »krachend bette«. In Beyenheim bei Friedberg in der Wetterau erhielt der Vogt 1455 ein gesottenes und gebratenes Huhn und »ein maas Firnischen weins, der Knecht ein maas Hanauischen wein«.[101] Nach dem Weistum von Borne und Crüftel[102]: »sol man holenn zu Epstein zwaierley fleisch mit guter wurtz (Würze) wol gekocht, unndt ein pfund licht, guten _frenkischen wein_ in ainem hultzern becher mit ainem raiff«. In Faha (1462) soll der Besucher Feuer ohne Rauch, einen schönen gedeckten Tisch »schonen brotz (Brot's) genungh, _zweierlei wein des pesten_ genungh«, dreierlei der Tageszeit angemessene Speisen finden. Im Jahre 1529 war die Speise schon auf »sebenerley Kost geduppelt«, aber der »zweyerley wein« beibehalten. Zu Pellingen verlangte die Herrschaft »ein _schmeckigen glass schönen wein, so in dem jahr gewachsen ist_«, und derartige Verordnungen wiederholten sich in beinahe allen Weistümern.
Die Überproduktion von Lebensmitteln der geistigen und weltlichen Großgrundbesitzer hatte einen schwunghaften Handel zur Folge, dessen sich aber die aufblühenden Städte zu bemächtigen wußten, da sie als Zwischenhändler, als Vermittler zwischen Produzenten und Konsumenten, auftraten. Besonders der Weinhandel erwies sich bald als äußerst gewinnbringend, wenn auch die Preise, je nach der Ernte, ganz außerordentlichen Schwankungen unterlagen. In Württemberg kostete ein Eimer alter Wein im Jahre 1426 dreizehn Kreuzer, während man 1484 eine Maß für ein Ei erhalten konnte. Noch wohlfeiler war er:
Tausendfünfhundertdreißig und neun Da galten die Faß mehr als der Wein
Wie Schultze erzählt,[103] kam im genannten Jahr ein Edelmann auf den Gedanken, statt seinen alten Wein wegzugießen, ihn von seinen Bauern in der Frohne austrinken zu lassen. Ungemessen strömte am Tage dieser »Arbeit« der Rebensaft die durstigen Kehlen hinab und stieg von dort in die Köpfe der Bauern. Händel und Verwundungen waren die Folge und die Geldstrafen für diese Ausschreitungen strich der Edelmann als Gerichtsherr ein, wodurch ihm sein Wein besser bezahlt wurde, als wenn er ihn verkauft hätte. 1287 soll in Heilbronn das Fuder Wein nur zweiunddreißig Kreuzer gekostet haben. In den besonders fruchtbaren Jahren 1420 bis 1429 mußte man mehrere Male ins Wirtshaus gehen, um überhaupt eine Zeche machen zu können. In Urach ließ einmal ein Wirt ausrufen, man könne bei ihm für einen halben Batzen vom Morgen bis zum Abend trinken. Als in Ulm der Münster gebaut wurde, (1377 bis 1494), war in manchen Jahren der Wein so billig, daß die Bürger nur in großer Gesellschaft die Kneipen besuchten, so daß heute der, morgen jener die Zeche bezahlte.[104] Das war eine schöne Zeit, aber leider:
Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit!
Freilich sind solche Weinjahre gerade wie in der Gegenwart nur Ausnahmen gewesen. Zu gewöhnlichen Zeiten hielt sich der Preis auf einer der Ware angemessenen Höhe, wozu noch das tief eingewurzelte Zunftwesen im Verein mit der behördlichen Bevormundung dem Weinhandel, wie jeder anderen Handelsart, allerlei Hemmnisse zu bereiten sich bemühte. Dies war um so schlimmer, als die Weinhändler hauptsächlich auf den Export nach fremden Städten angewiesen waren. Verbot so ein Stadtrat schon den Kaufleuten seiner eigenen Gemeinde alles mögliche, wie erst den zugereisten Fremden!
Von allem in der Stadt verzapften Weine mußte eine Abgabe gezahlt werden, und wer sich fremden Wein kommen ließ, mußte auch von ihm, wie uns die Ausgabenotizen Anton Tuchers beweisen, der Stadt seinen Zoll entrichten. Eine Meile um die Stadt sollte kein Wein verzapft werden, damit die Gemeinde nicht um ihr Ungeld kam, und die Heckenwirte, die dies dennoch versuchten, wurden streng bestraft.
In Straßburg im Elsaß war 1631 auch den einheimischen »Wein-Zäpfnern, Küeffer und Weinhändlern« der Weinverkauf außerhalb der Markttage verboten. Den Landleuten war streng untersagt, ihre Weine in kleinen Gebinden anderswo als auf den gemeinen Weinmärkten auf dem »Grau- und Parfüßer Platz« an den Mann zu bringen.[105] Zu Leipzig mußte nach dem Ratsbeschluß vom 10. Oktober 1464 jeder, der im Weichbilde der Stadt Wein schenken wollte, dem Bürgermeister ein Nösel, d. i. eine halbe Kanne »Kostwein« und von je zwei Fässern verzapften Weins noch »ein halb stobichin«, d. h. über eineinhalb Liter »setzewin« abgeben.[106]
Am strengsten suchte man aber jenes kaufmännische Gebaren zu unterdrücken, das man heute _fixen_ nennt und auch jetzt noch so grimmig haßt.
In den Straßburger Polizeiordnungen wird das Aufkaufen des Weines vor der Reife vom sechzehnten bis zum achtzehnten Jahrhundert immer wieder mit einer, einer besseren Sache würdigen Konsequenz verboten. »Montags, 19. Julii 1518« erneuern z. B. die »Räthe und die Einundzwanzig« das Mandat von 1515, daß niemand vor dem Herbst Wein »uff ein gesunderten schlag fürkaufen oder bestellen soll«.
»Mitwuchen Sanct Johanns Baptiste obend« (Juni 23.) verbietet dieselbe Behörde Früchte, Wein, Korn, Getreide auf dem Felde zu kaufen oder auf _Mehrschatz_ zu verkaufen, d. h. den mutmaßlichen Ertrag der Ernte zu veräußern.
Alsdann verkaufet er mit List Frucht, die noch nicht gewachsen ist
sagt Murmer[107] tadelnd von dem Menschen, die »mit dem Judenspieß rennen«, also wuchern.
Auch das Entgegengehen den Verkäufern vor die Stadttore, »das Grempen«, das auch Murner mit grimmem Hasse verfolgt,[108] war den Behörden ein Dorn im Auge. 1627 wird in Straßburg zur Denunziation der Vorkäufe aufgefordert und dem Angeber der vierte Pfennig des Strafgeldes zugesichert.
Der größte Weinhandelplatz des Mittelalters war Ulm. Der württembergische Wein ging über diese hochangesehene Stadt nach dem übrigen Süddeutschland bis nach Ungarn. Anfangs lag auch hier der Weinhandel in den Händen der Mönche. Als er aber ein freies, bürgerliches Gewerbe geworden war, gelangte er zu solcher Blüte, daß die Kaufleute Ulms einen eigenen Weinhof und sog. Weinstadel errichteten. Um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts war Erasmus Rauchschnabel der Weinmatador Ulms. Er hatte mitunter bei Kaiser Maximilian II. und anderen hohen Herren solch bedeutende Summen für gelieferten Wein ausstehen, daß ihm öfters Ländereien und ansehnliche Güter als Unterpfand gegeben wurden.[109]
Wie mit den württemberger handelte Ulm schon früh mit Rhein-, Main-, ausländischen und Kräuterweinen. Zu Beginn des siebzehnten Jahrhunderts belief sich oft der Weinumsatz in Ulm auf achthundert Fässer an einem Tage, der sich aus den mannigfaltigsten Sorten zusammensetzte, denn die Weinkarte des Mittelalters war mindestens so reichhaltig wie die der Gegenwart.
In Leipzig wurden 1443 verkauft »Reynfal, Welschwyn, Malmasie und Rummenie«, also Wein aus Istrien, vielleicht aus Rovigno, den Fischart in seiner »Aller Pracktick Großmutter« erwähnt, von Italien, von Monembasia und von Griechenland. 1462 wird außer den genannten auch des Passeners oder Passowners gedacht, wohl der altberühmte Bozener, den die Bewohner jener Stadt 1155 dem Kaiser Barbarossa, als er sie auf seinem Italienzug besuchte, als Willkommentrunk darboten, wodurch diesem edlen Gewächs die Ehre widerfuhr, von Otto von Freising in seiner Geschichte Friedrichs des Rotbärtigen verewigt zu werden.[110]
Ferner erscheinen noch unter den fremden Weinen der Elsässer und der Rheinische. Der »Ihenische wyn, Kotesberger -- aus Kötschenbroda -- Frankenwyn und Elsessir« sind gleichfalls 1452 in Leipzig zu haben. Anton Tucher in Nürnberg besaß nach seinem Wirtschaftsbuch, in dem der reiche Patrizier alle seine Ausgaben sorgsam aufzeichnete: Frankenwein, Neckarwein, Tauberbischofsheimer, Neuenstadt am Kocher, Rheinwein von Landau, von St. Martin bei Boppard, dann Rinkauer, Speierer, von dem es hieß:
Der macht den Kopff wol halbe ler Als ob es win von Züttern (Zeutern bei Bruchsal) wer.
Elsässer, Heidelberger, dann Weine von der Bergstraße und von Heiligenstadt, Tauberwein, Wertheimer, Königsberger, aus Rausche bei Forchheim. Dann Erfurter, der 1336 noch so sauer war, daß er die eisernen Schnauzen der Gefäße, aus denen er gegossen wurde, abgefressen haben soll, während er später zu einer vielbegehrten Sorte wurde, und natürlich den »herrlichsten von allen«, den _Rheinwein_, »des Rheines Rebenblut«, wie er im Waltarilied benannt wird,[111] dem die Helden des Nibelungenliedes mit Vorliebe zusprachen[112] und dem schon in Clara Hätzlerins Gedichtsammlung aus dem Jahre 1471 der Sang ertönt[113]:
Wein, wein von dem Rein, Lauther, claar und vein! Dein varb gibt gar lichten schein Als cristall und rubin.
Du gibst medicein Für trauren, schenck du ein! Trinck, quot Kätterlein Mach rothe wängelein!
Dem Pfälzer Wein singt der geistvolle Gelehrte Nicodemus Frischlin (1547--1590) 1575 ein Loblied, aus dem hervorgeht, daß man auch damals die Tugenden des Elfingers, Hippachers, Beutelsbachers, Felbachers und Beinsteiners zu schätzen wußte.
Bei der großen Liebe, die man dem Wein allenthalben entgegenbrachte, konnte es nicht ausbleiben, daß man ihn mit allerlei Kosenamen belegte, von denen Johannes Fischart in trunkenem Gespräch seiner »Geschichtsklitterung« folgende aufzählt: Herzenssaft, Herzenssälble, Erdenblut, Leberfrist, Lungenschwamm, Kragenspülerle, Stirnstößerle, Lungenbädlein, Fußfinderer, Vettelnkutzler, Bettlerbett, Himmeltau, Rebenbrühlein, Bankpfühlbelein, Gaumenkitzel, Netz den Gaum, Mayenreglein, Herbstmellin, Aprillenbädlein, Wintergrün, Wendunmut, Wintermayen.« Diesen Bezeichnungen fügt Hegendorfius noch den Namen »Leidvergiß« zu.
Von fremdländischen Weinen wies Tuchers Keller auf: »Osterwein -- österreichischen -- heinischen, d. h. hunnischen, in diesem Fall wohl ungarischen Wein, Veltliner, Reinfal aus Istrien, den auch Tuchers Landsmann Michael Behaim bezog, Muskateller, Malvasier, den malfasy des dreizehnten Jahrhunderts und andere Süßweine.
Peter Suchenwirt, der Minnesänger, gedenkt der Südweine: »Die tisch sach man beraten mit welchisch und mit oster wein, Chlarn Raifal schanckt man ein« und »Nur Wippacher (Kärnthner) und Reinfal Und Lutenberger (Steirischen) guten wein«. In Nürnberg wurde Lackwein, süßer, durchgeseihter Wein feilgehalten,[114] dann Schabernac, ein italienischer Wein, vielleicht aus Capranica bei Viterbo.[115] In Bremen gab es im sechzehnten Jahrhundert Petersymen -- Pedro Ximenes -- Bastert, aus Spanien, Wyn Teynd -- vino tinto -- und Seck oder Weinseck, vermutlich aus Xeres.[116]
Von deutschen Weinen finden sich noch als vielbegehrte Sorten: »lantweyn in Slesien gewachsen«, Gubener, Neumarker, Crossener, Oderwein aus Frankfurt, der viel exportiert wurde und noch viele andere, nach ihrer Herkunft benannte Sorten. Hermann von Sachsenheim, eine feine Zunge, dessen Gedicht »Moerin« von Weinsorten wimmelt, sagt: »Den besten win, Den ich zu Botzen getranck« (Vers 5568), dann spricht er von »malfasy« in einem »Behembschglaß«, dann wieder (Vers 1654) »Ich main, es riech uß dir der win, Den nechten trunkt uß Rummeny« und (Vers 2834) »Dis ist der allerbeste win, der dort in Rummeny ye gewuchs«.