Der deutsche Durst: Methyologische Skizzen der deutschen Kulturgeschichte
Part 6
Die Trunckenheit zu bewältigen, daß man nicht berauschet werde, so ist das beste Mittel der rothe Kohl, wenn man aus desselben Stengeln den Safft mit den Zähnen heraus presset, und ihn einschlucket: oder denselben gekocht unter die erste Gerichte zum Essen aufsetzet: Dieses thut die Portulacus Levius Lemnius. Oder man nähe Epheu oder Jelänger Jelieber in eine Mütze, und trage solche beym Trincken auf dem Kopffe.
D. Sebizius in seinem Buche vom Feld-Bau rühmet folgenden lateinischen Hexametrum, welchen man man noch, bey auffhabender Mütze von Epheu und Jelänger Jelieber, öffters bey sich heimlich recitiren solle, so würde die Verhütung der Trunckenheit desto eher geschehen; nemlich:
Jupiter his acta sonuit clementius Ida.
Das Sal volatile oleosum ist auch nich zu verwerffen, wenn man es offt gebrauchet.
Wer einen sauren Apffel früh nüchtern isset, und trinckt Wasser drauff, der wird denselben Tag nicht voll.«
So. Nun weiß man's.
Radikal aber wird die Trunkenheit nur dann ausgemerzt, wenn man ihrer Grundursache, dem Durst, zu Leibe geht, -- so meinten die alten Herren, als ob man nicht auch ohne Durst trinken könnte!
Diesen bösen Durst vertreibt man gründlich nach einem Rezept des sechzehnten Jahrhunderts auf diese Weise:
»In dem Hahne findet sich ein Stein einer Bohne groß, durchsichtig wie ein Crystall. Er wird in den Kapphähnen erst in vier Jahren in der Leber des Hahns gefunden; wenn er bei dem Hahne gefunden wird, so trinkt er nicht mehr. Diesen im Munde gehalten, bekommt keiner keinen Durst und machet unüberwindlich vor seinem Feinde.«[78]
Kräutermann faßt die Sache ganz anders an. Entweder nehme man Saft von Hauswurz oder »die Tinctur von gefüllten Maßlieben oder blauen Mertzen-Violen, oder Rosen, mit Spiritu Vitrioli ausgezogen, ins tägliche Trincken davon getröpffelt, ist auch gut«.
Schließlich bekommt Kräutermann-Hellwig noch eine Vernunftsanwandlung und empfiehlt -- horribile dictu -- »frisch Brunnenwasser, thut dazu Candelzucker und eine zerschnittene Citrone, lasset es mit einander kochen, _zuweilen_ getrunken. Es kühlet die Leber und löschet den Durst.«
Wer's nicht glaubt, probier's!
Ja, man konnte auch in der Vorzeit mitunter recht vernünftig sein, -- wenn auch nur ausnahmsweise. Zuweilen dämmerte in einzelnen und vereinzelten Köpfen etwas auf, was sogar heute noch Geltung hat, -- trotzdem es in der Gegenwart ebenso wenig befolgt wird, wie ehemals, weil es eben vernünftig ist.
Ein Beispiel hiervon ist die altehrwürdige »Ordnung des Trinkens«, die neben manchem veralteten Bombast auch manch beherzigenswerten hygienischen Fingerzeig enthält.
»Diese Ordnung soll ein jeglicher zugleich beim Morgen- und Nachtessen behalten, daß keiner trinke, bis er wohl gegessen hat, und daß er mehr esse, denn trinke. Denn mehr trinken, als sich gebühret, zerstört die Däuung, und aus Überflüssigkeit des Trinkers geschieht es, daß die Speisen aus dem Magen steigen in die Glieder, ehe sie vollkommen verdäuet werden, und bringet so viel der Gefährlichkeit, daß etliche Doktoren wollen, wenn man esse, daß man nicht trinken soll.[79] Aber das ist zu verstehen von dem Arzneitrank. Auch sagte Avicenna, daß wir nicht trinken sollen zwischen dem Morgen- und Nachtessen, denn davon wird die Däuung zerstöret, und sonst von anderer Ursache wegen sprechen alle Doktores, daß es fast schädlich sei. Und wenn eins gleich nach dem Essen dürstet, und begehret zu trinken, und dieser Durst ist nicht falsch, so soll er sittlich trinken, gleich als durch die Zähne.
Wenn einer will schlafen gehen, dem ist auch unnütz nach dem Essen zu trinken, von wegen der vorgemeldeten Ursach; es wäre denn ein natürlicher Durst und nicht trughaft von wegen vieler Einnehmung von Speis und Trank, oder daß er natürlich wäre in einem Menschen, der ein Cholericus ist, dem soll das Trinken zugelassen werden, wenn die Ursache des Dursts nicht herkommt von der Viele des Trinkens. Man soll auch die jungen Kinder und die, so cholerischer Complexion sind, nicht lassen Durst leiden, zumal in Sommerszeiten, damit sie nicht ausdorren.
Es spricht Rasis, daß die Menschen mittelmäßigen Fleisches, nicht zu feist noch zu mager, haben eine große Begierde zu trinken: diese mögen ohne Furcht Wasser trinken. Auch ein Durst von wegen überflüssigen Trinkens ist trughaft und nicht von nöthen, daß einer darauf trinke. Auch soll niemand nüchtern trinken, weder Wein noch Wasser. Das Wasser, so über dem Tisch getrunken wird, soll kalt sein, und nicht gemacht mit Schnee, auch nicht Schneewasser.«[80]
Ein anderer Medicus empfiehlt:
»In dem Winter sollt du deinen Wein nit kalt trinken, dann er viel schädlich ist und ferbläuet den Menschen inwendig; du sollt ihn lau machen. Oder sonst ein gemeine Lehre sollt du hie merken: die Speis sollt du gar wohl und klein zerbeißen in dem Mund und den Wein klein, gleich als ein Faden, hinein schlinden. Das ist ein Sach der Gesundheit und des langen Lebens.«[81]
Alle diese medizinischen Vorschriften würden natürlich in sich zusammenfallen, wenn sich die auf deutscher Erde seßhafte Menschheit des Trunkes gänzlich entschlagen wollte. Ein überaus kluger Kopf, dem die Mit- und Nachwelt eine, leider längst vergessene Podagraschrift verdankt, hat diesen geistvollen Gedanken schon vor ein paar hundert Jahren gehabt und ihn noch prägnanter als Luther in seinem
Wer zum Tischtrunk Fischtrunk nimmt, Selten dem die Fußgicht kimmt
dahin ausgesprochen:
Liessen wir die Güß, So liessen vns die Flüß!
Ob der Mann recht hat!
4. Der Wein.
Wein, wein von dem Rein, Lautter, claur und vein! Dein varb gibt gar lichten schein Als cristall und rubin.
Du gibst medicein Für trauren, schenk du ein! Trinck, quot Kätterlein! Mach rothe wängelein!
Liederbuch der _Clara Haetzlerin_.
Für Sorgen sorgt das liebe Leben, Und Sorgenbrecher sind die Reben.
_Goethe_, Divan 9, 4.
Das ist am Wein das Beste, daß die Erinnerung darüber schwebt!
Eine hervorstechende Eigenschaft des Germanen, die alle seine Schilderer einmütig erwähnen, war sein dauernder Durst. Er liebte alles Trinkbare, das Wasser natürlich ausgenommen, ganz wie seine Nachkommen, sah aber in seinem Met so lange das Ideal aller geistigen Getränke, bis er etwas Besseres, sagen wir Moderneres, kennen lernte -- denn Göttin Mode war gleichmächtig bei allen Völkern und in allen Zeiten. War erst das bessere Bier der Feind des guten Met, so machte der noble Wein dem plebeischeren Bier seinen Platz in der Volksgunst streitig.
Der Wein, einst der Göttertrank, den die seefahrenden Gaugenossen aus endlos weit entlegenen, unbenannten, sonnigen Himmelsstrichen, die viele viele Jahrhunderte später ein kühner Spanier der Menschheit entdecken sollte, unter Fährnissen aller Art zu den heimischen Gestaden brachten, wurde durch die römischen Eroberer in deutschen Gauen allgemeiner bekannt. Und römisch ist sein äußeres Gewand den Deutschen geblieben bis zum heutigen Tag.
Aus dem lateinischen vinum wurde Wein, aus mustrum Most, aus lora Lauer, aus mosa Maß, aus amphora Eimer, aus vas Faß, aus cupa, cupella Kübel, aus calvatorium Kelter, aus cella Keller und noch manch anderes mehr.
Lernten nun auch die Deutschen verhältnismäßig früh den Wein kennen und schätzen, sei es in Italien selbst, wohin sie in Kriegsdiensten, als Geiseln oder als Gefangene kamen, sei es durch die in Germanien erschienenen Römer, oder durch Tauschverkehr mit seefahrenden Südländern, so vergingen doch noch Jahrhunderte, ehe sie selbst die erste Rebenpflanze in die Erde senkten. Die Einführung des Weinbaues in Gallien knüpft sich an die Gründung der griechischen Kolonie Massalia. Er blieb jahrhundertelang auf die Umgebung dieser Stadt beschränkt und verbreitete sich zunächst nur über den südlichsten Teil der provincia Narbonensis und Aquitanien bis in das Gebiet der Bituriger an der Garonne. In augusteischer Zeit war er im nördlichen Teil der narbonensischen Provinz noch unbekannt. Im ersten Jahrhundert drang er weiter nördlich bis in das Gebiet der Allobroger vor und verbreitete sich sodann, vielleicht bereits gegen Ende des ersten Jahrhunderts, sicherlich im darauffolgenden, weiter im übrigen Gallien und im Moseltal, gleichzeitig überhaupt am linken Rheinufer, in Rheinhessen, der Pfalz wie im Elsaß. Ob auch am rechten Rheinufer von den Römern Weinbau getrieben wurde, läßt sich nicht entscheiden. Wenn dieses der Fall war, sind diese Kulturen nach Verlust des rechtsrheinischen Germaniens ebenso zu Grunde gegangen, wie hier das römische Leben überhaupt vollständig aufhörte. Erst in merowingischer Zeit erblühte in diesen Gegenden der Weinbau, wie denn beispielsweise im Rheingau die Hauptlagen nachweislich erst sehr viel später gerodet und in Kultur genommen sind.[83] Der Wein selbst, manchmal auch die Rebe, gelangte von Gallien zu den benachbarten Germanen, »die mit Aufnahme dieses Produktes den Pakt mit gallisch-römischer Kultur schlossen«. In Italien betrachtete man den Weinbau in den Provinzen mit scheelen Blicken. Kaiser Domitian befahl, wenn auch vergeblich, die Hälfte aller außerhalb Italiens befindlichen Weingärten dem Erdboden gleich zu machen.[84] Erst Kaiser Probus hob 281 n. Chr. Geb. diesen Befehl nicht nur auf, sondern begünstigte, besonders in Gallien, Pannonien und Mösien den Weinbau derart, daß man diesem Soldatenkaiser später geradezu die Würde eines Weinheiligen zuerkannte.[85]
Wenn sich in früherer Zeit gewisse germanische Stämme gegen die Einfuhr des Weines aufgelehnt hatten,[86] da sie seinen Genuß für verweichlichend hielten, so verlor sich dieser Widerwillen doch mit der Zeit, und bereits 276 n. Chr. Geb. sind deutsche Weinberge geschichtlich nachweisbar, die vielleicht schon viel länger bestanden haben mögen, meist von den römischen Soldaten gepflanzt, die nachgewiesenermaßen ja auch die Ufer des Rheines mit Weingärten umsäumten. Und nicht nur am Rhein, auch an den sonnigen Hügeln des unteren und mittleren Neckars bauten sie sich ihre Weingärten, um den von der Heimat her gewohnten Trank zur Hand zu haben, wenn die Lebensmittelzufuhr einmal ausblieb. Und war der Trank auch nicht so gehaltreich wie der unter dem ewig blauen Himmel Italiens gereifte, so sagte er doch den Fremdlingen immer noch besser zu, als das Bier der eroberten Länder und der landesübliche Met, der so rasch und gründlich berauschte. Darum waren es egoistische Gründe, die sie den Spaten in die Hand nehmen hießen, um jene Anlagen zu schaffen, die sie dann nach ihrem Abzug aus den germanischen Gauen als kostbares Andenken hinterließen. Dem Schwabenlande soll, der Sage nach, der heil. Urban, der von 223--230 auf Petris Stuhl saß und unter Alexander Severus den Märtyrertod starb, gelehrt haben die Rebe zu pflanzen und die Trauben zu keltern, weshalb man ihn auch jetzt noch in Württemberg als Schutzpatron des Weinbaues feiert. Im vierten Jahrhundert waren bereits die Ufer der Mosel von Trier bis Koblenz reich mit Reben besetzt. Der Dichter Ausonius (geb. 309 zu Burdigala, dem heutigen Bordeaux, gest. 395) lobt in seiner »Mosella«, einer poetischen Schilderung einer Rhein- und Moselreise von Bingen bis Trier, die Mosel mit den begeisterten Worten:
Wie stolz am Uferhang die Klippen ragen, Wie schön auf Hügeln Bachus Gaben sprießt! Und wie, in sanftem Hauch dahingetragen, Mosella's holde Woge murmelnd fließt!
Gruß dir, o Strom, dem alle Dank hier sagen, Wer immer deines Wohltums nur genießt! Die Stadt, des Kaisersitzes wert befunden (Trier), Sie ist nur dir zu Dank dafür verbunden. Von Rebenhöh'n und Wiesengrün umzogen usw.
und weiter Vers 161:
Bis zur äußersten Höhe der sanft abneigenden Bergwand Ist das Gewände des Flußes bedeckt mit grünender Rebe.[87]
Er lobt ferner das feine Aroma der Moselweine, die er den Gewächsen seiner Heimat Bordeaux gleichstellt. Ausonius hat die Deutschen gerne, denn ein goldhaariges, blauäugiges, sanftes Schwabenmädchen, das er als Gefangene erworben, hat ihn für die Deutschen eingenommen. Sie begeisterte den alternden Mann zu den Versen:
Bist du Römerin auch worden, Strahlt doch deutsch noch dein Gesicht. Himmelblau dein Aug vom Norden, Golden deiner Locken Licht. So verraten Aug und Haare Dich als Kind vom deutschen Strom ...
Venantius Fortunatus (geb. um 530), der sich in den Jahren 567--580 unter den Merovingern aufhielt, spricht von den Weinbergen bei Metz und Trier an der vinisera Mozella, die er preist:
Frucht zu erbringen bezwingt man sogar den starrenden Schiefer. Selbst, der Felsen gebiert, und es entströmet der Wein; Allwärts siehst du die Höhen, umkleidet mit grünender Rebe.
Auch von den Weinbergen bei Andernach im Rheintal weiß er zu erzählen. Vor Fortunatus, im fünften Jahrhundert, bewunderte der heil. Severin den Weinbau in Rhätien, der, nach Cyriakus Spangenberg, durch Kolonisten von der Mosel dorthin gebracht worden sein soll.[88]
Vom fünften Jahrhundert an standen die Weinberge unter dem Schutz der Gesetze. Das von Chlodwig 421 verfaßte Salische Gesetz bestraft die Entwendung eines Weinstockes mit fünfzehn Schillingen. Nach den Verordnungen des Langobardenkönigs Chlotar (657) war es nur gestattet, drei Trauben einem fremden Weinberg zu entnehmen.
Im sechsten und siebenten Jahrhundert gewann der Weinbau in den Rheinufergegenden eine immer größere Ausdehnung. Bereits im achten Jahrhundert fanden hier Schenkungen von Weinbergen an Stifte und Klöster statt,[89] ja sogar schon 638 verschenkte der Frankenkönig Dagobert alle seine Güter und Weinberge in Lobdengau an das Stift St. Peter in Worms.[90] _Karl der Große_, dessen Riesengeist nicht nur das bis zu seiner Zeit zersplitterte Germanien zu einem einheitlichen Ganzen zusammenzuschweißen und geistig und sittlich zu heben wußte, so daß sein Auftreten der Beginn einer neuen Kulturära bedeutet, sorgte wie für so viele Zweige des Fortschrittes auch für den Weinbau. In seinen Kapitularien finden sich bis ins Nebensächlichste gehende Anordnungen, wie die Reben zu pflanzen, die Weinberge zu besorgen, die Beeren zu behandeln und zu pflücken seien. Er wollte nicht, daß die Trauben mit bloßen Füßen ausgetreten werden; sie sollten in eigenen Keltern, den sogenannten Truttas, die in dem schwäbischen Worte Trotte für Presse fortleben, ausgepreßt und der Most in reine Gefäße eingegossen werden. Ferner befahl er den Wirtschaftern, für das Anpflanzen von Fechsern zu sorgen. Durch Aushängen von mindestens drei bis vier Kränzen war anzuzeigen, wenn die Weinernte zum Verkauf gestellt würde. Dieses Kranzausstecken erhielt sich bekanntlich, namentlich in Süddeutschland, bis zum heutigen Tag. In späterer Zeit wurde dieses Kranzschild das Wahrzeichen der Schenken, gleichviel ob man Wein oder Bier verzapfte: »Wenn man ein schoeblin ußsteckt, daz ist ein zeichen, daz man bier da feil hat«, sagt Geiler von Kaisersberg. In den kaiserlichen Kranz- oder Reifwirtschaften wurde jedoch nur der geringe Wein zum Verkauf gebracht, der bessere mußte an die Hofkellereien abgeliefert werden, wie das ja immer war. Die Untertanen hatten im Schweiße ihres Antlitzes dafür zu sorgen, daß es dem Herrn an nichts gebrach. Für die Produzenten war der Abhub gerade gut genug.
Karls Verbot, die Trauben mit den Füßen zu zertreten, scheint nicht mit genügender Strenge durchgeführt worden zu sein; diese uralte Sitte hat sich bis jetzt erhalten, trotz aller hygienischen und ästhetischen Bedenken, die übrigens schon die Vergangenheit mit uns teilte. Denn Petrus de Crescentius, der Begründer der Agronomie in Europa (1230--1310) fordert in seinem »Opus ruralium commodorum« libri XII (Augsburg 1471), daß die nackten Füße wenigstens rein seien, der Kelterer nicht aus dem Kelter aus- und einlaufe, während des Kelterns nicht esse und trinke und genügend bekleidet sei, um den jungen Wein nicht mit Schweiß zu vermengen usw. Wo Karl der Große geeignetes Land entdeckte, ließ er es mit Reben bestellen. So erzählt über die Entstehung des edlen Ingelheimers folgende Sage: »Einst geschah es, daß der Herrscher aus seiner Pfalz nach den Bergen hinüberschaute und bemerkte, wie die Sonne sie schon im März so warm beschien, daß der Schnee wegschmolz, das junge Gras hervorsproß und die Bäume sich belaubten. Da kam ihm der Gedanke, Wein zu pflanzen, wo noch ein finsterer Wald lag. Rasch verschwand dieser unter den Äxten der geschäftigen Arbeiter, und die Erde nahm die aus Ungarn, Italien, Spanien, Burgund, der Champagne und Lothringen gebrachten Reben auf, die bald einen herrlichen Wein lieferten.«[91]
Fand Karl Weinberge vor, so suchte er die Reben zu veredeln. Alle von Karl neu eingeführten Weinsorten belegte man mit dem gemeinsamen Namen fränkische Weine, im Gegensatz zu den alten Weinsorten, die unter dem Namen hunnische oder heunische Weine zusammengefaßt wurden. So hatte der Herr zu Eppenstein im Dorfe Niederluderbach bei Höchst 1483 Anspruch auf »zwei halb firtel wins, eins frensch (fränkisch) das ander hunesch in zweyen orenkannen ein Kangelidt (mit Deckel) die ander angelidt«. Der Name stammt wahrscheinlich von den Hunnen her, die 451 nach Attilas Niederlage auf dem nach ihnen benannten Hunnsrück zurückgeblieben waren und hier pannonische Reben anpflanzten.
Die Wertschätzung Karls des Großen für den Wein entsprang rein nationalökonomischen Gründen, denn er selbst war das Muster der Mäßigkeit. Genoß er doch bei Tisch höchstens drei Becher, »denn die Trunkenheit verabscheute er an allen Menschen aufs äußerste und erst an sich selbst und seinen eigenen Leuten«.[92] Übrigens gab er auch bei der Neubenennung der bis dahin lateinischen Monatsnamen dem Oktober den Namen Windumemanoth, d. h. Weinlese-Monat, althochdeutsch windemôn vom lateinischen vindemia = Weinlese, woraus das volkstümliche wînmanot = Weinmonat entstand.
Im Thurgau, Breisgau und am Bodensee kommen Weinberge bereits im siebenten Jahrhundert vor. Während des neunten Jahrhunderts gelangte der Weinbau in der Schweiz, in Tirol und im südöstlichen Deutschland zur vollen Blüte. Ludwig der Fromme, Karls Sohn und Thronerbe, förderte wie sein Vater die Rebenzucht und ihm und seinen Nachfolgern dankt Alamannien seine Weinberge. Im elften Jahrhundert finden sich die ersten Spuren des Weinbaues bei Göttingen und Hildesheim; 1150 führten Rheinländer, die Albrecht der Bär gastlich aufgenommen hatte, die Rebenkultur in der Altmark ein. 1285 heimste Stendal so viel Wein ein, daß es damit Handel treiben konnte und drei Jahrhunderte später waren ertragreiche Weingärten bei Lübeck, in Mecklenburg, bei Rathenow an der Havel und bei Guben in der Lausitz vorhanden. Gubenscher Wein war in ganz Norddeutschland verbreitet und sogar an Fürstentafeln geschätzt.
Die Hohenstaufen beförderten namentlich in ihrem schwäbischen Stammland mit aller Energie den Weinbau, der zu einer Hauptbeschäftigung der Einwohner wurde. Besonders der Neckarwein war schon früh auch im Ausland geschätzt. Abt Berchtoldt von St. Gallen, ein Zeitgenosse Rudolf von Habsburgs, setzte seinen Gästen neben Botzener, Klevner und Elsässer Weinen auch den kostbaren Neckarwein vor. Wie Kaiser Karl bemühten sich auch die Hohenstaufen, ihre Weingärten zu Musteranstalten zu machen. Strenge Gesetze schützten die Weinberge, deren Zerstörung mit dem Tode bestraft wurde.
Der Umschwung, den die Kreuzzüge, diese »umgekehrte Völkerwanderung« mit sich brachte, lehrte die Deutschen neben vielen neuen Sitten und Krankheiten, die besser unbekannt geblieben wären, auch manches Gute kennen, das fortan in Deutschland eine dauernde Heimstätte fand. Unter den Pflanzenarten, die durch heimkehrende Kreuzfahrer im Norden eingeführt wurden, waren auch mancherlei noch unbekannte Rebsorten, die mit dem im Süden erlernten Verfahren behandelt wurden.
Die allgemeine Verbreitung dankt der Weinstock in Deutschland hauptsächlich den Mönchen. Die Geistlichkeit mußte wegen der Verwendung des Weins zum heil. Abendmahl auf seinen Anbau bedacht sein. Nebenbei vergaßen die frommen Herrn auch nicht die profaneren Zwecke des Rebensaftes, der sie über die vielen Stunden der Einsamkeit und Langeweile in ihren unwohnlichen Zellen und den kahlen Kreuzgängen hinwegtröstete. Der Wein war der treue Genosse der Mönche, den sie um nichts in der Welt hätten missen mögen. Ihrer Sorge um den Weinbau verdankt die Nachwelt so viele der edelsten Tropfen, so daß der Zecher, weß Glaubens er auch sei, schon um dieses so schwerwiegenden Verdienstes willen, den Klerikern aufrichtige Dankbarkeit zu zollen gehalten sein sollte.[93]
Die Herren mit der Tonsur pflegten und rodeten die an den sonnigsten Geländen angelegten Weingärten, veredelten die Traube und zierten sich keineswegs, wenn ihnen fromme Gemüter als Angeld auf zukünftige Seligkeit reiche Geschenke an Geld und Weingütern vermachten. Auch Karl der Große schenkte der Geistlichkeit Weinberge im heutigen Burgund. So kam es, daß einzelne Klöster an Reichtum selbst die Landesherrn übertrafen. Fulda, St. Gallen, Lorch bei Worms, Hirschau, Maulbronn u. a. m. besaßen neben Schätzen von unendlichem Wert noch tausende Morgen Landes mit Weinbergen, Äckern, Wiesen und Waldungen, Riesenherden von Vieh und hunderte Dörfer mit ihren Insassen. Da die Kleriker aufs beste für ihr Besitztum sorgten -- »unter dem Krummstab ist gut wohnen«, besagt ein altes Sprichwort -- so konnte es nicht ausbleiben, daß die reichen Erträgnisse klösterlichen Eigens weltliche Gutsbesitzer und schließlich auch die Bauern zur Nacheiferung der mönchischen Ökonomie anspornten. Es ist daher eine nicht wegzuleugnende Tatsache, daß die Klöster der Entwickelung der deutschen Landwirtschaft die wichtigsten Dienste geleistet haben. Sie besaßen die ersten und viele Jahrhunderte hindurch die einzigen Musteranstalten für rationellen Landbau, Obst- und Weingärten und Viehzucht, wie sie die alleinigen Hüter weltlicher und geistlicher Gelehrsamkeit waren.
So ist der _Rüdesheimer_ Weinbau, 864 begonnen, mönchischer Herkunft. Benno von Meißen (1010--1107), der 1523 trotz Luthers Protest in seiner Schrift »Wider den neuen abgott und alten teufel, der zu Meißen soll erhoben werden«, saecularisiert wurde, brachte 1073 Reben nach Thüringen, und bald darauf, 1128, erhielt Pommern durch Otto von Bamberg den Weinbau, den der harte Winter von 1437 für immer vernichtete.
Fleißigen Klosterleuten verdankt auch die Perle der deutschen Weine, der _Johannisberger_, sein Dasein. »Vor tausend Jahren, in der Mitte des neunten Jahrhunderts, saß auf dem erzbischöflichen Stuhl in Mainz Rhabanus Maurus ... Die Schiefergebirgkuppe, auf dem Rheinspiegel zugeneigter Südseite, wo jetzt der Schloß-Johannisberger wächst, war damals noch eine wüste Fläche, bewachsen von Wachholdergebüsch und wilden Reben, ein Lieblingsaufenthalt nicht der Menschen, sondern der Krammetsvögel. Da diese Kuppe ein erzbischöfliches Allod war, so führte sie den Namen Bischofsberg.«
Dem heiligen Nicolaus, dem Patron der Schiffer, stiftete Erzbischof Rhabanus nun eine Kapelle auf dem Gipfel jenes Hügels, welche der durch die Schnellen des Bingerloches bedrängte Schiffer überall vom Rheinstrom aus sehen konnte.
Im Jahre 1106 verwandelte Erzbischof Ruthard von Mainz diese Kapelle in ein Benediktiner-Mönchskloster, dessen erstes Geschäft die Pflanzung von Reben war. Das neue Kloster wurde reich durch Schenkungen Richolfs, des letzten der Rheingrafen, mit dem der altehrwürdige autochthone Dynastenstamm erlosch. Um für verschiedene Missetaten, die er gegen »Seiner Majestät getreue Kammerknechte«, die Juden von Mainz verübt, der Strafe des Himmels und der Rache des erzürnten Kaisers zu entgehen, schenkte er den Benediktinern Ländereien und Gefälle und da er jene Straftaten am St. Johannistage verübt, so nahm auf sein Begehr das Kloster Johannes den Täufer als Schutzpatron und änderte seinen Namen aus Bischofsberg in Johannisberg. Das von ihm gleichfalls auf dem nunmehrigen Johannisberg gegründete Nonnenkloster verlegte der Rheingraf nach einem Neubau am Fuße des Berges, der St. Georgen-Klause.