Der deutsche Durst: Methyologische Skizzen der deutschen Kulturgeschichte
Part 19
Einige Jahrhunderte früher, anno 1062, erhielt eine Hofdame der Kaiserin täglich, wenn sie mit ihrer Gebieterin auf Reisen war, ein Maß Met, 1½ Maß Wein, 5 Maß Bier, 1 Semmel, 1 Eierbrot und eine Metze Futter für ihren Zelter, jährlich 2 Röcklein und 2 Schleier.
Auf einer Hochzeit in Goldberg in Schlesien war Hans von Schweinichen Tischherr einer jungen Dame. »Sonderlich erhub mich dieses, daß des Herrn Bocks Tochter, Jungfrau Käthlein, etliche Worte lateinisch konnte reden, _und wann sie mir eines Lateinisch zutrank_, daß ich ihr antworten konnte«[277], also eine kommentmäßige Jungfrau, auf die aber hoffentlich das alte Sprichwort nicht paßte:
Ein Mägdlein, das gern Wein trinket Ein Junggesellen mit den Augen winket, Und scharret mit den Füßen auf der Erden, Ist's keine »Dirn«, so wird sie eine werden.[278]
Aber alle diese holden Weiblichkeiten waren Waisenkinder gegen folgende Antiabstinenzlerinnen der Vorzeit. So überliefert Herolds Chronik von Schwäbisch-Hall ein Bravourstück dreier weiblicher Kneipgenies unter dem Titel: »Drei wohlbesoffene Weiber«. Die Stelle lautet: »Anno 1532 sind drei adelige Geschwistrig, die Friederichen genannt, von Elfershofen bürtig, nach Johannistag im Sommer gen Untermünckheim von Hall in des Mühl-Michel's Hauß kommen, allda des besten Weines 32 Maß ohne die Kost ausgetrunken, die Zech bezahlt und sein ruhig vor Nachts wieder mit einander gen Hall gegangen.« Es gibt sicherlich manchen Bruder Studio von heute, der es mit diesen drei Edelfräulein von Elfershofen nicht aufnehmen kann.[279] Die Herren Studiosi werden auch vor der Gräfin Anna von Stollberg, Äbtissin von Quedlinburg, beschämt die Waffen strecken, denn diese Dame bedurfte zur »Erquickung und Labung« alljährlich _nur_ drei Fuder Wein. Die Nonnen von St. Himmelpforten in Wien nahmen sich, wie ich schon früher erwähnte, ein Beispiel an dieser Glaubensgenossin aus der zweiten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts.
Alle diese stellte noch Prinzessin Anna von Sachsen, Tochter des Kurfürsten Moritz, die Enkelin des Landgrafen Philipp von Hessen in den Schatten.
Der große Oranier, Wilhelm der Schweigsame (1533 bis 1584), warb als Witwer von fünfundzwanzig Jahren um die Prinzessin, und im August 1561 fand in Leipzig die Hochzeit statt. Die Festlichkeiten waren so glänzend, die Zahl der Gäste so groß, daß die für die damalige Zeit außergewöhnlich hohe Mitgift von siebzigtausend Talern kaum ausreichte, die Kosten zu bestreiten. Die Tante der Prinzessin, die Frau des Kurfürsten August, bat den Prinzen von Oranien recht herzlich, er, der damals noch Katholik war, möchte doch ihre Nichte nicht »vom Wege der wahren Religion«, d. h. vom Protestantismus, verführen, worauf der Prinz erwiderte: »Sie soll sich mit solch melancholischem Zeug gar nicht zu schaffen machen. Statt der Bibel soll sie den Amadis und ähnliche kurzweilige Bücher lesen, die de amore handeln, und statt zu nähen und zu stricken, soll sie eine Galliarde tanzen lernen, und andere Courtoisien, wie sie schicklich und landesbräuchlich.« Allein die junge Frau lernte mit schicklichen und sehr unschicklichen »Courtoisien« auch das -- Saufen! »Es ließ ihr auch die Frau Prinzessin offtmals eyer gahr hardt im salltz sieden, darauf tringkt sie dan edtwan zuvil und werde ungeduldig, fluche alle böße Flueche und werfe die speiße und schussel mit allem von tisch. Und die Frau Prinzessin, wie sie es genannt, den _tollen man_, nemlich ein guedte Flasche zu abendts und abermals ein guedte Flasche zu abendtszeit mehr dan ein maß haltend bekumen, welches ihr sambt einem Pfund Zuckers bei sich zu nemen nicht zu vil sey.« Der Prinz schied sich von der Säuferin, deren Delirien zuletzt unerträglich wurden, und das unglückliche Weib, völlig wahnsinnig geworden, verstarb, in Dresden von ihrem Oheim in Gewahrsam gehalten, im Jahre 1577.
Dieses bedauernswerte Geschöpf bildete natürlich eine Ausnahme, immerhin aber war die holde Weiblichkeit der Vorzeit ebenso wie im Essen, so auch im Trinken unserem zarter gewordenen Geschlechte bedeutend über. Wenn am Hof Ernsts des Frommen z. B. die Fürstin und die Prinzessin das bereits angegebene Quantum Flüssigkeit mühelos vertilgten, so standen ihnen die Hofdamen und das Gesinde keineswegs nach. »Die Mägdgen« erhielten für den Tag jede eine Maß Bier und dreieinhalb Maß Landwein; »vors gräfliche und adelige Frauenzimmer« am Tage vier Maß und abends »zum Abschenken« drei Maß Bier.
Als vollgewichtiger Entschuldigungsgrund für diesen Riesendurst darf die mittelalterliche Küche gelten, die scharfe Gewürze im Übermaß anwandte.
Wir selbst geben diesen Entschuldigungsgrund an, einerseits weil dies unsere Gerechtigkeitsliebe verlangt, andererseits um zu beweisen, daß man beim Trinken stets eine Entschuldigung zur Hand hat -- einst und jetzt!
7. Studenten und Professoren.
Der kühle Wein macht gut Latein.
E. _Eyring_ (1601).
Nichts liegt mir ferner, als eine Geschichte des deutschen Studententums zu schreiben, obgleich dies besonders in dem vorliegenden Kapitel sehr nötig wäre. Denn Geschichte und Kulturgeschichte sind so innig miteinander verwachsen, daß es einer äußerst vorsichtigen Operation durch eine darin geübte Hand bedarf, ein kulturgeschichtliches Moment auszulösen, ohne nicht gleichzeitig Fetzen von Geschichte mit wegzuoperieren, die das Stückchen Kulturgeschichte bis zur Unsichtbarkeit überwuchern.
Besonders bei der Geschichte des Studentendurstes liegt die Gefahr nahe, die deutsche Universitätshistorie aufzeichnen zu müssen, denn seitdem es Studenten in Deutschland gibt, hatten sie Durst, und nicht zu knapp!, sagt der Berliner.
Wie es die Studiosi auf der ältesten deutschen Universität trieben, der in dem hunderttürmigen, goldenen Prag (gegründet 1348), das sich seitdem recht erfolgreich bemühte, aus einer deutschen Kulturstätte zu einer chauvinistischen tschechischen Provinzstadt zu werden, darüber schweigen sich die Quellen gründlich aus, doch wird es dort nicht anders wie in der, nur siebzehn Jahre später ins Leben gerufenen Alma mater Vindobonensis, der Wiener Universität, zugegangen sein. In langen braunen oder schwarzen Mänteln mit Ärmeln, in der Mitte durch einen Gurt zusammengehalten, an dem das unförmige Tintenfaß baumelt, das Haupt mit einer Gugel bedeckt, so schreiten die Scholaren nach den Bursen, dem Ursprungswort für Bursche und Bürstenbinder, im Sinne des -- »Saufens wie ein Bürstenbinder«, ihren Wohnungen, in denen sie gleich Gefangenen gehalten werden, denn selbst das Fensteröffnen, das Scheeren der Bart- und Kopfhaare bedurfte der Erlaubnis. Früh um vier weckte sie ein Glöcklein von St. Stefan zu schwerem Tagewerk, das mit einer Messe begann. Streng verpönt waren Spielen, Besuchen von Wirtshäusern, Maskeraden zu veranstalten und mitzumachen, zu tanzen und Straßenmusik, d. h. Ständchen zu bringen. Allzu scharf macht schartig, darum schon früh das Bestreben, die strenge Zucht zu durchbrechen, den mit Gewalt aufgeprägten klerikalen Charakter abzustreifen und zu toben, wie es die Jugend gebieterisch fordert. Mit inniger Freude wurde ab und zu im Geheimen über die Stränge geschlagen, bis diese Ausnahmen zur Gewohnheit wurden, weshalb der anfänglichen Strenge ein großer Teil Schuld an dem später allgemeinen Libertinismus des deutschen Studententums beizumessen ist. Zu den Unsitten trugen übrigens auch das wilde Leben bei, das viele arme Studenten, die es später zu großen Namen, Amt und Würden brachten, als fahrende Schüler zu führen gezwungen waren, ehe sie sich an irgend einer Universität ein halbwegs sicheres, vor dem ärgsten Hunger schützendes Plätzchen zu sichern wußten. Die Selbstbiographie eines solchen Bettelstudenten, des Schweizers Thomas Platter, geboren am 17. Februar 1499, bietet ein instruktives Bild von den Fährnissen an Leib und Seele, die ein solches Bürschlein durchzumachen hatte, bevor es sein Ziel, ein Lehramt mit bescheidenen Bezügen, erreicht hatte.[280] Vagabundierend, stehlend und bettelnd zogen diese, zeitweilig zur Landplage werdenden »fahrenden Scolasten« durch Dorf und Stadt, glücklich, wenn sie mitleidige Seelen fanden, die sich ihrer annahmen, und ihnen karge Nahrung und ein schützendes Dach gewährten. Die kleinen Jungen, die Schützen, wurden kommandiert von älteren Schülern, die sich von den kleinen Jungen ernähren ließen. Diese »Schützen« waren die Sklaven der Bachanten, von denen sie alles Schlechte lernten. Bot sich die Gelegenheit, dann sorgten diese sonst Hunger und Durst leidenden Schützen auch für sich selbst, wie es Platter in München tat, als er seinem despotischen Bachanten entlaufen war. »Zuweilen gingen wir im Sommer nach dem Nachtmahl in die Bierhäuser Bier heischen; da gaben uns die trunkenen Polakenbauern so viel Bier, wovon ich oft unvermerkt so trunken wurde, daß ich nicht wieder zur Schule kommen konnte, obschon ich nur einen Steinwurf weit davon war. Auch fand sich Nahrung genug da, aber man studierte nicht viel.«[281] Platter starb hochbetagt als Konrektor des Burggymnasiums zu Basel.
Weit besser daran als diese Kinder von kleinen Handwerkern und Bauern, hatten es die Söhne von Bürgern, Gelehrten und Adeligen, die sich nicht durch diese »Schmieren« des mittelalterlichen Studententums den Aufenthalt an den Universitätsstädten erkämpften mußten.
Die akademische Jugend hat allezeit das Privilegium besessen und wohl benutzt, neben dem Ernst der Studien die Freuden des Lebens zu pflegen. Zwar waren die Gesetze streng darauf bedacht, den Vergnügungen enge Grenzen zu ziehen, aber gerade wegen dieser Beschränkung teilten sie mit anderen Gesetzen das Schicksal, rasch übertreten zu werden. So war z. B. in Tübingen den Studenten, die in Bursen unter Aufsicht zusammen wohnen sollten, geboten, Predigten und Kollegien fleißig zu besuchen, Privatlehrer zu halten, dagegen verboten, Verbal- und Realinjurien zu brauchen, während der Nacht auf der Straße zu lärmen, _übermäßig zu trinken_, ungewöhnliche oder unziemliche Kleider zu tragen. Aber gegen alles wurde gesündigt. Der Fleiß war so gering, daß die Behörden nicht selten die Eltern auffordern mußten, die jungen Leute von der Universität wegzunehmen. Geiler von Kaysersberg rügt schon: »Die Studenten üben sich nach dem Mittagsbrot in solchen ehrlichen Künsten, in dem Ballschlagen, Fechten, Tanzen und Springen, und wird etwann unter hundert nicht einer gefunden, der in die Lektion ginge.« Getrunken wurde in ungeheueren Quantitäten, so daß einmal konstatiert wurde, _daß vier Studenten dreißig Maß_ Wein vertilgt hätten ...[282]
Das Anulken der Philister war von jeher ein Lieblingssport der Studenten. Oft arteten die Prellereien der Bürgerschaft derart aus, daß die Behörden vermittelnd einschreiten mußten, und die armen Philister, ob der ausgestandenen Angst, mit zwei Eimern Wein »zur Ergötzlichkeit« begütigt werden mußten.[283]
Wie der berühmte Staatsrechtslehrer, Robert von Mohl, der Historiker der Tübinger Studenten des sechzehnten Jahrhunderts,[284] erzählt, gaben sich die Musensöhne sinnlos dem Trunke und gesellschaftlichen Ausschweifungen hin, gefielen sich in auffallender und schamloser Kleidung, rauften wo sie konnten mit Bürgern, Handwerkern und untereinander, trieben es so weit, daß die Nürnberger keinen der Ihren mehr zum Studium nach Tübingen zu senden beschlossen. Der Universitätsbesuch war gänzlich Nebensache. Der eigentliche Zweck des Aufenthalts war, Bürgermädchen zu verführen, »auf die bürgerlichen Bestien auf Jagd auszuziehen und sie zu hetzen und zu plagen«, wie eine adelige societas venatoria in Helmstädt als einen Zweck ihrer Verbindung erklärte, das öffentliche Kollegium nie zu besuchen, sondern gelegentlich an der Türe eines solchen zu lauschen, um »etliche Sprüchlein auffassen und darnach unter seinen Rott-Burschen und Zechbrüdern erzählen, der Professoren Stimme, Reden und Gebärden nachäffen und zum Gelächter befördern möchte«, wie Schöttgen in seiner Historie des ehedem auf Universitäten gebräuchlich gewesenen Pennalwesens verrät. Das Saufen war an der Tages- und Nachtordnung. »Wenn er -- der Student -- sich zu Tische gesetzet, frisset der Unmensch wenig (denn der gestrige und rasende Rausch will es nirgends gestatten, und, weil alle Sinne bestürzet, die Natur nicht leiden).« »Derhalben, wenn er nun sein Kloak mit Wein und Bier sehr wohl befeuchtet«, dann tost er los, flucht, zankt, wütet, zerstört Pfosten, Türen und Fenster, verübt allerlei »Nachts-Scharmützeln«, fängt die leichtfertigsten Händeln an, überfällt Leute, um sie mit vorher verborgen getragenen Ruten zu arretieren, fuchtelt mit seinem Degen herum, kurz:
Ihr Singen war ein Schrein, Und ihre Freude Raufen; Sie haßten Buch und Fleiß, Und ihr Beruf war Saufen![285]
So verbrachte der weitaus größte Teil der Studenten mit »Bankettieren, Prangen und Prassen« ein geradezu abstoßend rohes Leben, das ihre Zukunft vergiftete und sie für jeden geregelten Beruf unfähig machte. Ein Übermut, der an Wahnsinn grenzte, war die Signatur nicht allein der Tübinger Studenten, bei denen nur derjenige etwas galt, der es den anderen in Verhöhnung der Universitäts-, Stadt- und Staatsgesetze zuvortat. Sie brachen in Nonnenklöster ein, spielten um ihre Finger, suchten den Henker auf, wie es Professor Hambergers Sohn machte, der volle zehn Jahre den Tübinger Pedellen überreichlich Arbeit gab, um mit diesem infamen und infamierenden Paria zu viert zweiundzwanzig Maß Wein zu trinken, warfen den Bürgern die Fenster ein, verwüsteten Weinberge, balgten sich mit Nachtwächtern und friedliebenden Einwohnern herum, stören Hochzeiten, belästigen schamlos Frauen und Mädchen, daß man endlich die Statuten revidieren mußte. Darum schwang sich 1575 die Universität gemeinsam mit dem Stadtrat zu dem Erlasse auf: Kein Bürger oder Universitätsverwandter soll bei strenger Strafe heimliche Trinkstuben für Studenten halten; Wirte sollen, bei Strafe, solche nicht einrichten; Zechschulden sind die Eltern nicht zu zahlen schuldig. Deshalb gingen auch viele Tübinger Studenten, um ungestört trinken zu können, unter dem Vorwand sich Kiele zu Federn und Papier zu holen, nach Rothenberg. In seiner 1590 erschienenen »Geschichtsklitterung« sagt Johannes Fischart darüber: »Sie gingen nach Montrouge, aber mit Rothenberg bei Tübingen, dahin die Studenten wöchlich um guten Wein walfarten, Papier zu holen, welches sie gleich so wohlfeil ankommt, als wenn die Nürnberger Bierbrauwer jährlichs Höfen (Hefe) in Thüringen holen.« Durften sie nicht in den Wirtshäusern zechen, so taten sie es auch auf ihren Buden und dort wo sie aßen. Diese »Kosttische« waren meist nicht anders, als jene verbotenen heimlichen Trinkstuben. Bei einer Witwe Megelin in Tübingen, die einen Tisch hielt, tranken einmal sechzehn Studenten fünfzig Maß Wein beim Mittagbrot und trichterten einem gewissen Königsbach, während sie ihn auf einem Schubkarren nach Hause fuhren, unterwegs noch Getränk in den Rachen. Das übermäßige Trinken wurde denn auch nicht mit Unrecht als Hauptursache der Exzesse angesehen, besonders der strengverpönten und darum besonders beliebten Liebeleien mit verlorenen Geschöpfen; denn:
Wo Ceres nicht sitzet, Wo Bacchus nicht hitzet, Da Venus nicht schwitzet.
sagt eine alte Priamel.
Gleich Tübingen war Jena als Universität berühmt, und der Jenaer Student das Ideal des deutschen Burschen.[286] Die liberalen Institutionen dieser neuen »zur Erhaltung und Fortpflanzung der evangelisch-lutherischen Lehre und aller guten Zucht und feinen Künste« 1548 gestifteten Universität, die dem Rektor und Senat bei allen »nicht peinlichen Fällen«, die unter Todesstrafe standen, die Gerichtsbarkeit zusprach, lockte viele Hochschüler nach der freundlichen Saalestadt, denen es anderswo zu beschränkt zuging. Diese Freiheiten lockerten aber auch die Sitten in bedenklicher Weise. Reiche Adelige erklärten unumwunden, nicht des Studiums, sondern nur der Liederlichkeit wegen in Jena zu weilen. Vergebens untersagten die Statuten das Einbrechen in die Weinberge, die tumultarischen Aufläufe, die Völlerei und das kommentmäßige Trinken. Die dabei zu beobachtenden Regeln sind in einem »Zech- und Saufrecht« aufgezeichnet, das ich auszugsweise nach Schluß dieses Kapitels wiedergebe, als vielleicht ganz willkommenes Gegenstück zu den nun üblichen Kommenten. Aus dem genannten Büchelchen geht hervor, daß besonders ausgepichte Kehlen Kerzen und Lichter mit dem Wein zusammen vertilgten, »denn es stehet geschrieben: trink' was fließend und feucht ist«. Saufbolde warfen ungewässerte Heringe in das Bier, andere Tollköpfe endlich zerbissen nach dem Schmollistrank die Gläser, wenn sie nicht renommierend Bier oder Wein aus »unflätigen Geschirren« tranken. Von den jenensischen Trinkgebräuchen verlautet: »Es wird uns berichtet, daß dort Deputationen zu Ehren des Bacchus gehalten wurden, wobei die Zuhörer kleinere Becher, der Opponent einen Humpen hatte, womit er in dreifachem Schluck das jus objectionis darstellte, der Respondent durch dreimaliges Trinken diesen nassen Syllogismus annahm, der Präses das übrige austrank.«[287] Aus Jena, besser gesagt aus Lichtenhain bei Jena, stammt auch die Würde des _Fürsten von Thoren_, die nur ein ganz trinkfester Bruder Studio einnehmen konnte. Nach einer Tradition soll es einst einer dieser Fürsten auf achtzehn Stübchen auf einem Sitz gebracht haben, ein ganz nettes Quantum, da ein Stübchen fast vier Liter enthielt. Je weiter das Mittelalter der Rüste zuging, desto mehr verschlechterten sich, wie bei allen Ständen, so auch die Sitten der akademischen Jugend, bis sie während und nach dem großen Religionskrieg die höchste Stufe der Verwilderung erreichten. Der »alamode« Student war ein Konglomerat der edelmännischen, soldatischen und bürgerlichen Sittenlosigkeit. Hans Michael Moscherosch, nach Grimmelshausen der bedeutendste Sittenschilderer aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges, läßt sich im sechsten Gesicht »Höllenkinder« seines Hauptwerkes[288] über »Rüpel und Studenten« also aus: »Sie sind von ihren Eltern geschickt, um den Professoren mit Gehorsam und Demut entgegenzugehen und ihrer Lehre mit Fleiß und Ernst zu horchen; aber sie bringen die meiste Zeit im Luder hin und jagen das sauer erworbene Gut ohn Erbarmen durch ...«
Im Verlauf seiner Geschichte zeichnet Philander von Sittewald eine Studenten-Kneiperei wie folgt:
»Als ich auf Ermahnung des Geistes -- Philanders Führer -- näher hinzutrat, sah ich, daß die Vornehmsten an einer Tafel saßen und einander zusoffen, daß sie die Augen verkehrten, wie gestochene Kälber oder geschlachtete Ziegen. Aber bei der Schenke bemerkte ich einen in grausamer Gestalt, der ihnen heimlich Schwefel und brennendes Pech unter den Wein mengte, wovon sie erhitzt wurden, als ob sie voll höllischen Feuers wären. Einer brachte dem andern eins zu aus einer Schüssel, aus einem Schuh: der eine fraß Gläser, der andere Dreck, der dritte trank aus einem verdeckten Geschirr, darin allerhand Speisen waren, daß einem davor gruselte. Einer reichte dem andern die Hand, fragten sich unter einander nach ihren Namen und versprachen sich ewige Freunde und Brüder zu sein mit Hinzufügung dieses üblichen Burschenspruches: ›ich tue, was dir lieb ist, ich meide, was dir zuwider ist‹, dann band einer dem andern eine Schleife von seinen Schlotterhosen an des anderen zerfetztes Wams ... Die aber einander nicht Bescheid tun wollten, stellten sich teils wie Unsinnige, teils wie Teufel, sprangen vor Zorn in die Höhe, rauften vor Begierde, solchen Schimpf zu rächen, sich selbst die Haare aus, stießen einander die Gläser ins Gesicht, mit dem Degen heraus und auf die Haut, bis hier und da einer niederfiel und liegen blieb. Und diesen Streit sah ich auch unter den besten und Blutsfreunden selbst mit teuflischem Wüten und Toben entbrennen. Ich hörte einen hinter mir, der sprach: Das sind die Blüten der Sauferei, das sind die Früchte des Pennalismus![289] worüber ich seufzend bei mir sprach: Mein Gott! ist es möglich, daß der Teufel etwas ärgeres unter den Menschen hätte aufbringen können als dieses, daß auch die besten Freunde wegen eines Glases Wein, wenn sie einander nicht Bescheid tun wollen, nicht mögen oder können, sich so entzweien, zanken, neiden, plagen und placken! und was das ärgste ist, daß sie sich die bäurischen gröbsten Gedanken machen, als ob Ehre und Reputation deswegen in Gefahr stände!
Andere waren da, die mußten aufwarten, einschenken, Stirnknuffen und Haarrupfen aushalten, neben vielen anderen Narreteien. So saßen die anderen Esel auf diesen wie auf Pferden und soffen eine Schüssel Wein auf ihnen aus; andere sangen Bacchuslieder dazu oder lasen Bacchusmesse: »O edler Wein, o süße Gabe«. Die Aufwärter wurden von den andern genannt: Bacchanten, Pennäle, Haushähne, Spulwürmer, Mutterkälber, Säuglinge, Quasimodogeniti, Offskys, junge Herren; und sie sangen über diese ein Lied, dessen Anfang war:
Prächtig kommen alle Pennäle hergezogen, Die da neulich sind ausgeflogen. Und haben lang' zu Haus gesogen Von der Mutter usw.
Das Ende lautete:
So tut man die Pennäl agieren, Wenn sie sich mal imaginieren Und die Studenten despectieren usw.
Endlich nach Beendigung dieses Geplärrs schoren sie ihnen das Haar ab, wie den Nonnen, wenn sie das Gelübde ablegen. Daher heißen diese Schoristen[290], Agierer, Pennalisierer; unter sich selbst aber titulieren sie sich: frische Kerls, fröhliche Burschen, freie, redliche, tapfere und herzhafte Studenten.
Andere sah ich blinzelnd herum schwärmen, als ob sie im Finsteren wären, jeder mit einem bloßen Degen in der Faust; damit schlugen sie in die Steine, daß es funkelte, schrieen in die Luft wie Pferde, wie Esel, wie Ochsen, wie Katzen, wie Hunde, wie Narren, so daß es den Ohren wehe tat; stürmten mit Steinen und Knütteln an die Fenster und riefen: heraus Pennal! heraus Feix![291] heraus Pech! heraus Raup'! heraus Schurk'! heraus Ölberger[292] und dann ging es bald an ein Reißen und Schmeißen, an ein Rennen und Raufen, an ein Hauen und Stechen, daß mir darob die Haare zu Berge standen ...« »Andere wieder soffen einander zu auf Stühlen und Bänken, auf dem Tisch oder auf dem Boden, auf den Knieen, den Kopf unter sich, über sich, hinter sich, vor sich. Andere lagen auf dem Boden und ließen sich den Wein einschütten durch einen Trichter. Andere lagen und schnarchten; andere nickten und tranken sich zu; andere stimmten mit schwerer Zunge dem Gesange der Genossen bei; andere lagen lang auf dem Tische, das Kinn in die hohle Hand gestützt. Nun gings über Tür und Ofen, über Trinkgeschirr und Becher und mit ihnen zum Fenster hinaus mit solcher Unsinnigkeit, daß mir grauste.
Andere lagen da, spieen und kotzten wie die Gerberhunde; und wenn sie sich genugsam in dem Unflat besudelt hatten, dann kamen ein paar häßliche Geister und trugen sie zu Bett ...« In Dürers Studentenroman »Geschichte Tychanders«, erschienen 1668, erzählt der Held von seiner Pennalzeit: »Ich verbrachte solch Probejahr nach gewöhnlicher Pennalweise, ohne Gott, ohne Gewissen, ohne Gebet in lauter wüstem heidnischen Fastnachtleben. Zwar was sag ich heidnisch? Wo ist bei Heiden ein solch verteufelt Leben jemals geführt worden? Fressen, saufen, passaten gehn, sich mit Steinen balgen, Fenster einwerfen, Häuser stürmen, ehrliche Leute durchhecheln, neue Ankömmlinge vexieren, beschmausen -- (ihnen das von Hause mitgebrachte Geld abnehmen) und recht räuberischer Weise ihrer armen Eltern Schweiß und Blut helfen durch die Gurgel jagen, war meine tägliche Arbeit; um das Studieren bekümmerte ich mich nicht, ich hatte genug andere Possen zu tun«.[293] Sapienti sat!
Ein Saufgelage, einen »Jen'schen Abschiedsschmaus« im 18. Jahrhundert schildert, allerdings in Übertreibung, J. F. W. Zachariä (1726--1777) in seinem berühmten komischen Studenten-Heldengedicht »Der Renommist« im ersten Gesang: