Der deutsche Durst: Methyologische Skizzen der deutschen Kulturgeschichte
Part 14
Da der Germane nicht nur in Kampf und Streit, sondern auch im Trinken nach dem Heldentum strebte, so war es allgemein üblich, sich im Trinken gegenseitig zu messen. Man forderte sich zum Trinkkampf heraus und trank sich unter den Tisch.[201] Ein guter Trinker leerte den Humpen wohl auf einen Zug, »einige trinken ihn auf den zweiten aus, aber keiner ist ein so schlechter Trinker, daß er ihn nicht in drei Zügen leer brächte.« Es galt überhaupt als Unhöflichkeit, einen Becher nicht ganz zu leeren. Denn da eine Tischgesellschaft nur ein einziges Trinkgefäß benützte, so wäre einer der Tafelrunde genötigt gewesen, den übrig gebliebenen Rest, die sogenannte _Bartneige_ zu trinken. Nicht selten wurde ein lahmer Trinker genötigt zu trinken, auch wenn dies selbst sein Leben gefährdete.
Mit der vollständigen Trunkenheit aller Gäste endigte zumeist jedes Gelage. Selbst an den Höfen der Könige »zechte man so lange fort, bis endlich auch die Diener berauscht wurden und in den Winkeln des Hauses, wo gerade ein jeder hinsank, sich dem Schlaf überließen.«[202]
Als besonders trinkfeste Gesellen galten vornehmlich die Sachsen. In einer die Körper- und Charaktereigenschaften der deutschen Stämme behandelnden alten Priamel[203] werden die Preußen und die Sachsen als arge Zutrinker gekennzeichnet. Ebenso wird in den von Wattenbach aus einer Münchener Handschrift des fünfzehnten Jahrhunderts mitgeteilten Versen[204] den Sachsen ewige Trunkenheit vorgeworfen. Wie sie es trieben, beschreibt Johannes Boëmus Aubanus Teutonicus in seinem Buche »Omnium gentium mores est«, erschienen 1535 in Lyon (III. Kap. XIII.): »Gerste und Weizen bauen sie und bereiten daraus nicht nur sehr weißes Brot, sondern auch wegen der Teuerung der Weintrauben Bier, das sie so durstig und unmäßig trinken, daß sie bei Gastmählern und Gelagen, wenn die Schenken nicht genug in die Gläser und Kannen eingießen können, _ein gefülltes Melkgefäß aufstellen und kleine Schüsseln hineinwerfen_, und jeglichen einladen, so viel, wie er nur will, zu trinken. Es ist unglaublich, wie viel von dieser Flüssigkeit das unmäßige Volk verträgt, wie sie sich gegenseitig zum trinken zwingen und einladen; nicht ein Schwein, nicht ein Stier würde so viel hinunterschlucken. Es ist nicht hinreichend, bis zur Trunkenheit, bis zum Erbrechen zu trinken, sondern wieder bis zur Nüchternheit, und so trinken sie vom Tage in die Nacht hinein, von der Nacht bis in den Tag. Wer alle im trinken übertrifft, der trägt nicht allein Lob und Ruhm davon, sondern auch einen Kranz aus duftenden Kräutern oder Rosen oder irgend einen anderen Preis, um den sie stritten. Ach, diese verderbliche Sitte verbreitet sich fast in ganz Deutschland, daß auf diese Weise auch die stärksten Weine getrunken werden zum unaussprechlichen Unheil. Wenn ein Fremder oder sonst jemand an einen Ort kommt, wo getrunken wird, so stehen sie, was sie auch für ein Getränk haben, auf, reichen ihm den Becher und laden ihn aufs dringendste ein, mitzutrinken. Der wird für einen Feind gehalten, der, öfters eingeladen, ohne einen Vorwand sich zu trinken weigert, und diese Schmach wird manchmal durch Mord und viel Blutvergießen gesühnt.[205]« Einen tüchtigen Trinker nannte man sogar im siebzehnten Jahrhundert kurzweg einen Sachsen. Aegidius Albertinus sagt in seinem »Lucifers Königreich und Seelengejaidt«[206]: »Wer die allergrößten Gläser, Becher und Willkomb aussaufen kann, der ist bei diesen Weingänsen der Best, wer am allerlängsten sitzen oder stehen und am längsten mit saufen ausharren kann, der ist _ein tapferer Saxen Kerl_.« An diesem Vorurteil gegen die Sachsen muß wohl etwas gewesen sein, denn die Vorwürfe gegen dieses trinklustige Völklein finden sich außerordentlich zahlreich in der derzeitigen Literatur, so auch in einer Art Sequenz, die von R. Pieper veröffentlicht wurde,[207] in der die Sachsen wegen ihres Mutes gelobt, hingegen als Trunkenbolde hingestellt werden. Übrigens sagt dieses Verslein auch den Elsässern, Pfälzern und Württembergern große Liebe zum Wein nach. Dann heißt es an einer anderen Stelle: »In Meißen, Schwaben und Franken ists breuchlich, das man sagt zu den gesten: »Ir müßt also für lieb nemen; habt ir nicht viel zu essen gehabt, _so trinckt dester mehr_. Was am essen zu wenig ist gewesen, daz mügt ir euch ans trincken erholen«,[208] während man in Sachsen, diesem Autor zufolge, mehr Gewicht auf gutes Essen legte, als auf das Trinken.
Die Deutschen insgesamt hatten sich übrigens gegenseitig in Bezug auf Liebe zum Trunk nichts vorzuwerfen, und was Ulrich von Hutten 1520 in seinem Gesprächbüchlein im Dialog »Inspicientes« von den Deutschen schrieb, hatte Geltung schon Jahrhunderte vorher und Saeculas darnach.
»_Phaëton_. Mir gefällt's wohl, was du von den Deutschen sagst; es ist nur zu wünschen, daß sie, die so geschickt sind, von der Trunkenheit lassen.
_Sol_. Mit der Zeit werden sie auch mäßig, und mir ist's ganz, als würde es bald geschehen; denn ich sehe sie je länger je weniger trinken und bemerke, daß die beständig Trunkenen von den andern, die auch nicht ganz nüchtern sind, verachtet werden.
_Phaëton_. Sage mir eins: trinken auch ihre Fürsten?
_Sol_. Wär' diese Unart nicht in dem fürstlichen Stande, die ganze Gesellschaft der Trinker wäre längst zergangen. Sie bestärken dieses Mißleben durch ihr böses Beispiel, und vor allem folgen ihnen darin die Sachsen nach, die dort, wie du siehst, sich ganz der Trunkenheit ergeben haben. Diese allein vor allen Deutschen haben noch von ihrer alten Weise nicht abgelassen, sie widersetzen sich aller Vermahnung und halten an ihrer Väter Weise fest.
_Phaëton_. O Himmel und Erde, welch eine Gesellschaft sehe ich da! Welche Trünke! Welche Rülpse! Welch ein Speien! Da frißt und säuft man unmäßig, überhäuft die Gerichte, trägt das Brot in großen Körben auf und den Trank in schweren Flaschen, schreit, ruft, singt und heult. Von ihnen kann ich dasselbe sagen, was der Poet Lucilius sagt: »Also gebärdet ihr euch, ihr vollen Bäuche, ihr Schlucker und ihr Weinschläuche!« ... Hier kann man wie die Griechen in ihrer Sprache von den Leontinern, »allewege stecken die Leontiner hinter den Flaschen«, jetzt von den _Sachsen_ sagen auf Lateinisch, damit es jedermann versteht »allewege stecken die Sachsen hinter den Flaschen!« Fürwahr, sie müssen viel Wein vertilgen.
_Sol_. Sie trinken nicht Wein.
_Phaëton_. Wie, werden sie denn von Wasser so voll?
_Sol_. Ja, von Wasser.
_Phaëton_. Haben sie denn auch, wie die Paphlagonier, Brunnen im Lande, wovon die Leute trunken werden?
_Sol_. Auch nicht. Denn wenn das wäre, so würden sie vom Trinken bersten; sie kochen einige Kräuter und Früchte, und von diesem Getränk werden sie berauscht. -- (Also von Bier. --)
_Phaëton_. Das ist gut erfunden. Wie wollte man auch für solche, die soviel schlucken, Weins genug finden!
_Sol_. In Deutschland nicht.
_Phaëton_. Haben diese auch, wie andere Leute, Sinne und Verstand?
_Sol_. Wie andere, und einen guten Verstand.
_Phaëton_. Und speien, was sie getrunken haben, ohne Schaden wieder aus?
_Sol_. So ist's ...«
Poggio, ein Florentiner, der auf seiner Reise mit Papst Johannes XXIII. zur Kirchenversammlung nach Konstanz im ersten Viertel des fünfzehnten Jahrhunderts Deutschland kennen lernte,[209] schreibt an Julian, Kardinal von S. Angelo, darüber: »Einst war das deutsche Volk kriegerisch: jetzt kämpfen sie statt mit Waffen mit Wein und Völlerei (crapula) und haben so viel Kräfte, wie sie Wein fassen können; fehlt der, so fehlt es auch an Mut!«
Geiler von Kaysersberg spricht[210] von Leuten, die »sauffen, daß das glaß ein Krach lasset. Auß solchen hab ich einen gesehen, der soff einen solchen starcken suff, daß das glaß ein Krach ließ und entsprang in der mitt entzwei«, und Sebastian Frank, dem die deutsche Literatur auch den Traktat »Von dem greulichen Laster der Trunkenheit« (1528) verdankt, sagt in seinem »Weltspiegel«: »dazu säuft es unchristentlich zu, Wein, Bier, und was es hat.«
Dem gewaltigen Luther konnte natürlich der deutsche »Saufteufel«, welches Wort er geprägt, nicht entgehen, und er erhebt mehrfach seine Stimme dagegen, trotzdem ihm der Hofprediger und Generalsuperintendent der Mark Brandenburg, Johann Agricola (1429--1566), der erst Luthers Tischgenosse in Wittenberg, später allerdings sein Gegner wurde, unmäßiges Biertrinken vorwarf. In seiner Streitschrift »Wider Hans Worst«, erschienen 1541, schreibt er:
»Es ist leider ganz Deutschland mit Saufen geplagt. Wir predigen und schreien darüber, es hilft aber leider nicht viel. Es ist ein böses altes Herkommen im deutschen Lande, wie der Römer Cornelius (Tacitus) schreibt, hat zugenommen und nimmt noch zu.« In der Auslegung des 101. Psalms sagt er: »Der Geist, so über Italien herrscht, ist ein Hochmutsgeist, der Geist, _so über Deutschland herrscht, ein Freß- und Saufgeist_, der Geist, so über Griechenland herrscht, ein Geist der Lügen und Leichtsinnigkeit, der Geist, der über Frankreich herrscht, ein Geist der Unzucht und Untreue!« Dann: »Es muß ein jeglich Land seinen eignen Teufel haben, Welschland seinen, Frankreich seinen. Unser deutscher Teufel wird ein guter Weinschlauch sein und muß Sauf heißen, daß er so durstig und hellig ist, der mit so großem Saufen Weins und Biers nicht kann gekühlt werden. Und wird solcher ewiger Durst und Deutschlands Plage bleiben bis an den jüngsten Tag. Es haben gewehret Prediger mit Gottes Wort, Herrschaften mit Verbot, der Adel etliche selbst untereinander mit Verpflichten, es haben gewehrt und wehren noch täglich große, greuliche Schaden, Schande, Mord und alles Unglück, so an Leib und Seele geschehen vor Augen, die uns billig sollten abschrecken. Aber der Sauf bleibt ein allmächtiger Abgott bei uns Deutschen ...«
Im Handschreiben an den »christlichen Adel deutscher Nation« (1578) fordert Luther die Obrigkeit auf, einzuschreiten gegen den »Mißbrauch des Fressens und Saufens, davon wir Deutschen als einem besonderen Laster keinen guten Ruf haben in fremden Landen. Mit Predigen ist dem hinfort nimmer zu raten, so sehr ist es eingerissen und hat überhand genommen. Es wäre der Schade am Gut das Geringste, wenn die folgenden Laster: Mord, Ehebruch, Stehlen, Gottesunehre und alle Untugend nicht folgten.«
Aus Luthers Werken ließen sich noch eine ganze Reihe von Aphorismen gegen das deutsche Nationallaster ausziehen, doch mag die Wiedergabe einer Predigtstelle, gehalten 1525, mit dem Thema »von Nüchternheit und Mäßigkeit wider Völlerei und Trunkenheit« schon deshalb genügen, weil sie einerseits des großen Reformators Eigenheit ebenso deutlich zeigt, wie sie andererseits das Thema ganz im Geiste jener Zeit behandelt.
»Hier wäre wohl not einer besonderen Predigt und Vermahnung für uns wüste Deutschen wider unsere Völlerei und Trunkenheit; aber wo wollten wir die Predigt nehmen, die da stark und kräftig genug wäre, dem schändlichen Säuleben und Saufteufel bei uns zu wehren? Aber was hilft es, hiervon viel sagen, weil es also eingerissen, daß es nun ganz ein gemeiner Landbrauch ist worden und nicht mehr allein unter dem groben, gemeinen, ungezogenen Pöbel, auf den Dörfern unter den Bauern und in offenen Tabernen, sondern nun in allen Städten und schier in allen Häusern und sonderlich auch unter dem Adel und zu den Fürstenhöfen über und über gehet? Ich gedenke, da ich jung war, daß es bei dem Adel eine treffliche, große Schande war, und daß löbliche Herren und Fürsten mit ernstlichem Verbot und Strafen wehrten; aber nun ist es unter ihnen viel ärger und mehr denn unter den Bauern; wie es denn pflegt zu gehen, wenn die Großen und Besten beginnen zu fallen, daß sie hernach die ärgsten werden; bis es dahin gekommen ist, daß auch Fürsten und Herren selbst von ihren Junkern solchs gelernt und sich nun nicht mehr deß schämen und schier will eine Ehre und fürstliche, adelige, bürgerliche Tugend heißen: und wer nicht mit ihnen eine volle Sau sein will, der wird verachtet, da die andern Bier- und Weinritter große Gnade, Ehre und Gut mit Saufen erlangen und wollen's berühmt sein, als hätten sie daher ihren Adel, Schild und Helm, daß sie schändlichere Trunkenbolde sind denn andere. Ja, was sollt mehr hier zu wehren sein, weil es auch unter die Jugend ohne Scheu und Scham eingerissen, die von den Alten solchs lernet und sich darinnen so schändlich und mutwillig ungewehret, in ihrer ersten Blüte verderbet, wie das Korn vom Hagel und Platzregen geschlagen, daß jetzt das mehrere Teil unter den feinsten, geschicktesten, jungen Leuten, sonderlich unter dem Adel und zu Hofe, vor der Zeit und ehe sie zu ihren Jahren kommen, sich selbst um Gesundheit, Leib und Leben bringen. Und wie kann es anders zugehen, wo die, so andern wehren und strafen sollen, selbst solches tun? Darum ist ja Deutschland ein arm, gestraft und geplagt Land mit diesem Saufteufel und gar ersäuft in diesem Laster, daß es sein Leib und Leben und dazu Gut und Ehre schändlich verzehrt und durchaus eitel Säuleben führt, daß, wenn man es malen sollt, so müßt man es einer Sau gleich malen!«[211]
Seitdem es in Deutschland Prediger gibt, war das Nationallaster ein beliebtes, immer von neuem aufs Tapet gebrachtes Thema. Wer eine Kanzel bestieg, hielt eine donnernde Philippika gegen die »Füllerey« auch dann, wenn die im zarten Rubinrot erstrahlende Nase als Zeichen in das Auditorium hineinglühte, daß der Eifer des Geistlichen ein rein geschäftlicher war, den er sich später mit einem Quantum der edlen Gottesgabe zu löschen beeilen werde.
Von Berthold von Regensburg, Johannes Capistranus, Geiler von Kaysersberg, Luther, Murner, Abraham a Sanct Clara, Andreas Musculus an haben alle Geistlichen beider Bekenntnisse, Katholiken und Protestanten ihren Stab über den bösen Saufteufel gebrochen, sie alle wetterten laut gegen das Laster, wenn sie sich vielleicht auch im stillen sagten -- es ist ein schönes Laster!
Auch zur Feder griffen die gestrengen Herren gar häufig, um ihren Grimm zu Papier zu bringen und »für die Ewigkeit« zu erhalten. Der Titel eines solchen Buches, das den bekannten Verfasser der »Sprichwörter«, Seb. Franck, zum Autor hat, lautet:
»Von dem grewlichen laster der trunkenheit, so in diesen letzten Zeiten erst schier mit den Franzosen aufkommen, was füllerey, sauffen vnd zutrinken für jammer vnd vnrath, Schaden der seel vnd des leybs auch armut vnd schedlich art anricht, vnd mit sich bringt. Und wie dem übel zu raten wer, gründlicher bericht vnd ratschlag, auß göttlicher geschrifft.« 1531.[212]
Der mehrfach erwähnte Straßburger Kanzelredner Geiler von Kaysersberg, der sich Brants Narrenschiff zur Grundlage einer Serie von Predigten nahm, die er 1498 im Münster hielt, hat auch eine Predigt über die »Praßnarren, Füllnarren, Fässelnarren, Weinschleuchen, Buß den Wein, Weingänßlein« losgelassen. Dreißig Schellen erkennt er den Trinkern zu, und verteilt sie folgendermaßen:
Die erste Schell der Füll Narren ist, die dolle vnd volle des verstandts vnd der vernunfft, welche in dem Haupt verruckt wirrt. Dann die Füllerey vnd Schlemmerei erregt viel Dämpfe und Feuchtigkeit im Kopf, welche hernach das Haupt und die Vernunft verwirren und bedecken, also daß man dadurch halb taub und unsinnig wird. Sintemal das Gemüt und die Vernunft nichts unzuträglicher ist und so leicht verdirbt, wie die Völlerei und Schlemmerei. Zugleich wie Blindheit eine Tochter der Geilheit, also ist das Vollsein ein Kind oder eine Tochter der Gefräßigkeit und Völlerei.
In der zweiten Schelle »Vergebenliche Freud« schildert Geiler die »fantasey« der Trunkenen, die sie zu allerhand Narrenwerk, Aufschneidereien und anderem Unfug antreibt und ihnen allerlei Hirngespinste vorgaukelt. Einer unter ihnen beweinet »_das truncken Elendt_«, einer »Bulet, vnd hat sein Gugulfuhr mit hübschen Mägdlen« und so geht es weiter, bis ein Dutzend Beispiele angeführt sind. Die dritte Schelle befasst sich mit denen, die beim Wein schwätzen und schreien, die vierte mit den Zotenreißern, die sechste mit den unsauberen Zechern.
Die siebente Schell geht gegen solche, die »alle augenblick fressen und füllen. Dann es haben etliche den Brauch, daß sie den gantzen tag ohn auffhören fressen vnnd sauffen, welches doch ganz vngesundt ist vnnd wider die Natur. Dann was man ober zwey mall ein tag ysset, das ist zu viel.« Die achte, neunte bis zur dreizehnten Schelle richtet sich gegen die Leckermäuler, die »schleckbißle vnd Pfaffenbißle« nachjagen, neue Speisen erfinden, übergroße Mahlzeiten herrichten und genießen, und die größte Sorgfalt auf gute Küche wenden und sich schließlich überessen.
Von der dreizehnten ab beginnt die »Tischzucht«, wie man sich bei der Tafel benehmen soll. Da wird gerügt das begierige Essen, »unzüchtig Brot« schneiden, die Rinde essen und den »Brosam« liegen lassen, mit den Händen agieren und die Arme auflegen, die Augen immer herumgehen lassen, Brot zerkrümeln, Wein ausschütten, mit dem Tischtuch spielen, mit den Augen essen, zu viel auf den Löffel nehmen, mit den Fingern in die Becher greifen, die schmutzigen Hände an den Kleidern abwischen und dann gleich wieder in die Schüssel fahren, mit abgebissenem Brot die Schüssel auswischen, die Finger mit der Speise »bis in den rachen hinein stoßen«, »das maul für ein messer gebrauchen«. Nun kommt das Trinken an die Reihe. »Die siebenvndzweintzigst schell ist, Sauffen daß das Glaß ein Krach lasset. Auß solchen hab ich einen gesehen, der soff einen solchen starcken suff, daß das Glaß ein Krach ließ vnd entsprang in der mitt entzwey.«
28. Sauffen, daß die augen vberlauffen.
29. Sauffen, daß der Wein vber beyde backen herab laufft auff das Wammest vnnd die Kleider, also daß einer hendt vnd bart darunder köndt gewäschen.
Die dreißigste und letzte endlich ist: Sauffen dz jm der Athem zu kurtz wirdt, also daß er möcht ersticken.
In der Endmoral heißt es dann: Wie hefftig aber solche sündt, schandt vnnd laster der Füllerey und Fresserey ye vnd ye von Gott sein gestrafft worden, weisen alle bücher auß, die voll sein solcher exempel.
Einer der urwüchsigsten, für das Denken und Fühlen des Volkes und ihrer Seelenhirten, besonders charakteristischen Sermone gegen die Trunkenheit ist die heute sehr mit Unrecht vergessene, anno 1562 gedruckte Predigt des biederen »Matthäus Friederich, Pfarrherrn zu Görentz«: Wider den Saufteufel, gebessert vnd an vilen örtern gemehret, die ich, wie ich glaube, vielen Lesern zu Dank etwas modernisiert nach dem Neudruck in H. Scheibles prächtigem, heute nur noch unter Schwierigkeiten erhältlichem Sammelwerke »Das Kloster« nachstehend ungekürzt wiedergeben will. Wer sich scheut, das etwas länglich geratene Machwerk zu lesen, mag es überschlagen, -- er wird es aber bereuen.
_Wider den Saufteuffel_, gebessert vnd an vilen örtern gemehret. Von Matthäus Friederich, Pfarrherr zu Görentz, Anno 1562.
_1. Etliche wichtige Ursachen, warum alle Menschen sich vor dem Saufen hüten sollen._
Die erste Ursache ist, daß das Saufen von Gott in seinem Wort verboten ist.
Saufen aber heißt, (wie es alle vernünftigen Menschen verstehen), wenn man mehr in den Leib gießt, denn die Notdurft erfordert, es geschehe nun auf welcherlei Weise, man tue es aus eigenem Fürnehmen, aus Gewohnheit, oder jemand zu Gefallen, so heißt doch alles gesoffen, gleichwie fressen heißt, wenn man mehr Speise in den Leib steckt, als die Notdurft erfordert. Denn Essen und Trinken ist uns von Gott darum gegeben, daß wir den Hunger und Durst damit vertreiben und den Leib damit erhalten sollen. Was nun darüber geschiehet, das heißt alles gefressen und gesoffen und ist ein Mißbrauch der Kreaturen Gottes, da hilft keine Entschuldigung. Nun sollt es ja billig sein, daß wir alle Gott hierin Gehorsam leisten, weil es sein Wille und Gebot ist, daß wir uns vor dem Saufen hüten sollen, und wenn wir gleich keine andere Ursache hätten, uns dafür zu hüten, so sollt uns billig dies allein Ursach genug sein, daß es Gott verboten hat.
Sollte es nicht billig sein, ihm als unserem Schöpfer, Erlöser, Herrn und Vater gehorsam zu sein, da er gebeut und spricht: sauft euch nicht voll! Das muß ja alle Vernunft bekennen und sagen, daß es billig sei.
Wir armen, elenden, sterblichen Madensäck, die wir gegen Gott nicht wohl einer Fliege zu vergleichen sind, wollen, daß alles, was wir sagen, von jedermann geehrt, geglaubt, gefürchtet und gehalten werden soll; wir wollen, daß alles, was wir unseren Untertanen, Gesinde und Kindern sagen, das soll stracks gehalten werden, wo nicht, so stehet kein Stecken recht, wir können auch Gottes Wort dazu einführen.
Sollte nun nicht viel billiger Gottes Gebot von uns armen Menschen angenommen, geehrt, gefürchtet und gehalten werden? Sollten wir armen Menschen nicht billig, wenn wir hörten, was Gott, unser aller Herr, von uns haben will, unser Hütlein abnehmen und bald darauf sagen oder gedenken: Ja, lieber Herr, das will ich gern tun, hilf mir nur durch deinen heiligen Geist dazu, ich tu es billig, denn du bist mein Schöpfer, ich bin deine arme Kreatur, du bist mein Herr, ich dein unwürdiger Diener, du bist mein Vater, ich dein armes Kind.
_2. Die andere Ursach._
Die andere Ursache, darum alle Menschen das Saufen meiden sollen, ist, daß Gott dräuet, die Säufer hier zeitlich und dort ewig zu bestrafen. Denn im Jesaia im 5. Kapitel droht Gott also und spricht: Wehe denen, die des Morgens früh aufstehen, des Saufens sich zu befleißigen, und sitzen bis in die Nacht, daß sie der Wein erhitzt usw.[213] Das ist, Gott wird Säuferei mit Krieg, Hunger und Durst strafen. Solches merk wohl! Das soll die zeitliche Strafe sein! Folgt nun die ewige.
Denn, so spricht er weiter,[214] daher hat die Hölle die Seele weit aufgesperret und den Rachen aufgetan, daß hinunterfahren beide, die Herrlichen und Pöbel, beide, die Reichen und Fröhlichen. Das ist, Gott will Säuferei mit der Hölle und ewigem Feuer strafen.
In der ersten Epistel an die Korinther, im 6. Kapitel, sagt Gott durch St. Paulum: Lasset euch nicht verführen; weder die Hurer, noch die Abgöttischen, noch die Ehebrecher, noch die Weichlinge, noch die Knabenschänder, noch die Diebe, noch die Geizigen, noch die »Trunkenböltz«, noch die Lästerer, noch die Räuber werden das Reich Gottes ererben. Das ist deutlich genug geredet, daß kein Trunkenbold das Reich Gottes ererben werde.
_Die dritte Ursache._
Die dritte Ursach ist, daß wir keine Stunde noch Augenblick vor dem Tod sicher sind. Denn das ist ja gewiß, daß unser keiner gewiß ist, wann, wie und wo er sterben soll. Unser keiner weiß, ob er heute oder morgen, die Stunde oder diesen Augenblick vom Tod überfallen möchte werden.
Wenn du nun trunken wärst und würdest vom Tod überrasselt, kannst du wohl denken, wo du hinfahren würdest? Denn du hast gehört, daß kein Trunkenbold werde ins Himmelreich kommen; wo werden sie denn hinkommen? Nirgend hin, denn ins ewige höllische Feuer! In solches Bad gehören solche Säu! Dem Teufel haben sie gedient und ihm zu Gefallen sich voll gesoffen, der wird ihnen endlich auch lohnen.
Du möchtest aber vielleicht gedenken: du wolltest Gott in der vollen Weis' um Vergebung bitten, und hoffen, er würde dir gnädig seyn? Ja, wenn du nur auch alsdann von Herzen könntest beten und hoffen. Wie aber, wenn du dich nicht besinnen könntest? oder wenn du dich besinnest, wie wenn es nicht von Herzen mit ernster Andacht gehen könnte? Wie, wenn dir der Teufel widerstehen würde und dir deine Sünde fürhielt', dich also ängstete, daß du dich gegen ihn mit Gottes Wort und Gebet wehren sollest? Wo wolltest du alsdann bleiben? Was wolltest du machen? Ein nüchterner Mensch hat allda genug zu schaffen, geschweige denn ein trunkner.