Der deutsche Durst: Methyologische Skizzen der deutschen Kulturgeschichte

Part 13

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Zu diesem Behufe wählte der Lübecker Senat jährlich unter seinen Ratsdienern einen handfesten Mann als Gesandten aus, dem zwei Zeugen beigeordnet wurden. Der Gesandte hieß der Martensmann. Alle drei Personen mußten in erster Linie trinkfeste Gesellen sein, denen es erst dann zu schmecken begann, wenn andere Sterbliche schon unter dem Tisch lagen.

Am 8. November fuhr der Martensmann mit den beiden Zeugen in einer offenen Kalesche, von vier feurigen Rossen gezogen, aus den Toren Lübecks gen Schwerin. Der Weg nach Schwerin beträgt nur acht Meilen, allein, da die Gesandten eines so reichen und mächtigen Gemeinwesens niemals kargen durften, so begleiteten außer dem Wagen mit dem Weinfaß noch weitere Gefährte mit Lebensmitteln den Zug, als ob es gegolten hätte, wochenlang unbewohnte Landstriche zu durchziehen. Am zweiten Tag langte man abends in der Dunkelheit heimlich in Schwerin an und bezog einen entlegenen Gasthof der Vorstadt. Wagen und Pferde wurden hier auf das Sorgfältigste besichtigt und jeder Schaden ausgebessert.

Am Morgen des nächsten Tages fuhr die Gesandtschaft verstohlen eine kurze Strecke vor die Stadt hinaus, um mit dem Glockenschlag zwölf Uhr öffentlich und feierlichst in Schwerin einzuziehen. Die Kutscher jagten in Galopp an das Tor; die Wache trat heraus, rührte die Trommel und präsentierte das Gewehr, für welche Ehre der Martensmann mit Abziehen des Hutes dankte und der Wache einen Gulden Trinkgeld verehrte. Ein Unteroffizier und zwei Mann brachten dann den Gesandten in seine Wohnung, die sie zur Sicherheit des hohen Herrn bewachten. Dies schien um so weniger überflüssig, als den Wagen ein ganzes Heer von Müssiggängern und Straßenjungen begleitete, das unaufhörlich die schrillen Rufe: »Mus-Marten, Pennings-Marten, Schön-Marten« ertönen ließ. Diese ganze Horde pflanzte sich gegenüber dem Quartier des Martensmannes auf, maskierte und besudelte sich gegenseitig unter wüstem Gejohle mit in den Straßenkot getauchten Kuhschwänzen zu Ehren des Gesandten, der sich die Gesellschaft durch Verteilung von Gebäck und kleiner Münze vom Halse schaffte. Unterließ der Martensmann die Bestechung, so lief er Gefahr, von dem Gesindel angegriffen und mißhandelt zu werden, was freilich streng verboten war, aber nichtsdestoweniger vorkam.

Um die dritte Nachmittagsstunde endlich hält der Lübecker Martensmann seinen feierlichen Einzug in das herzogliche Schloß. Auf allen Straßen, die er zu passieren hat, harren seit Stunden die Menschenmassen sehnlichst des großen Kaleschwagens, welcher endlich, vom dicksten Pöbelhaufen umdrängt, erscheint. Der Kutscher feuert mit heroischen Peitschenhieben die Rosse an. Auf der mittelsten Bank thront allein der berühmte Martensmann mit offizieller Amtsmiene und in solennem Amtsornat, das in einem schwarzen Unterkleid und in einem scharlachroten ärmellosen Mantel besteht. Um den Hals trägt er den riesigen weißen Faltenkragen und auf dem Haupt die gewaltige Allongeperrücke. Hinter ihm liegt das Faß, hinter diesem sitzen die beiden Zeugen und ganz hinten stehen zwei Lakeien.

Sobald der Wagen in den Schloßhof einfährt, entblößt der Gesandte zunächst das Haupt des Kutschers, dann sein eigenes, desgleichen tun die Zeugen, während die ganze Schloßwache unter das Gewehr tritt und salutiert, wofür sie ebenso wie die Torwache einen Gulden Trinkgeld erhält. In Gegenwart des Herzogs muß dann der Wagen mit seiner vollen Ladung zweimal _in rasender Eile_ auf dem Schloßhof herumfahren, während der Martensmann wieder Geld unter die Menschenhaufen wirft. Das Gerassel des Wagens, das Getöse der Pferdehufen, das Gebrüll des Volkes, das Gelächter auf den Galerien wirken in dem engen Hof besinnungsraubend, gehörzerstörend, markverzehrend. Plötzlich hält der Wagen vor der Haupttreppe still, auf welcher der Hausvogt und mehrere herzogliche Beamte stehen, um die Gäste zu empfangen. Nachdem alle formellen Begrüßungen und feststehenden Anreden beendet sind, läßt der Hausvogt Wagen und Pferde untersuchen, ob etwa am Eisenbeschlag, Riemenwerk, Geschirr, Hufeisen usw. der geringste Fehler zu finden sei; in diesem Fall nämlich gehören nach altem Herkommen Pferde und Wagen dem Herzog und werden sofort von dessen Kutscher in den Marstall gebracht, angesichts des verblüfft nachschauenden und vergeblich dagegen protestierenden Martensmanns. Wahrscheinlich mußte der Wagen deshalb zweimal rasch den Schloßhof umjagen, damit falls noch kein Fehler an ihm war, doch wenigstens bei dieser Gelegenheit etwas schadhaft wurde und die Ursache seiner Beschlagnahme werden könnte.

Nach Untersuchung des Fuhrwerks, wobei die Straßenjugend emsig hilft, besteigt der Hofkellermeister ernst und feierlich den Wagen, das im Faß enthaltene Gemisch zu prüfen; er öffnet das Spundloch, zieht mit seinem Heber ein Glas voll zur Probe heraus, besieht nach weltbekannter Weinkennerregel zuerst die Farbe der göttlichen Flüssigkeit, im zweiten Tempo riecht er an ihrer Blume und im dritten setzt er das Glas und leert es in verschiedenen Zügen. Dann reicht er dem Hausvogt einen Trunk, und so der Reihe nach allen Beamten, die untereinander die Güte des Weines nicht genug preisen können. Das Faß wird darauf wieder zugeschlagen und in den Hofweinkeller gewälzt. Die Gesandtschaft aber verabschiedet sich unter vielen Komplimenten und verläßt den Schloßhof, wiederholt Geld unter das jubelnde Volk werfend. Nachdem sie unter der abermals salutierenden Wache vorübergefahren, bedeckt sie zuerst wieder ihre ehrwürdigen Häupter. In seinem Quartier angelangt legt der Martensmann die Amtskleidung ab und erholt sich von den Strapazen seiner Sendung. Ihr geschäftlicher Teil ist für ihn jetzt beendet; fortan hat der Arme nur noch Vergnügen auszustehen, und zwar besteht dieses lediglich in Essen und Trinken. Zunächst übersendet er nach alter Sitte den Beamten, die ihn im Schloßhofe empfangen haben, zwölf Pfund Käse, zwei Pfund Bücklinge, zwei Brote und vier Citronen. Dann läßt abends sieben Uhr der Hausvogt ihn samt Zeugen und Kutscher unter vielen Komplimenten zu einem Abendessen auf dem Schloß einladen, was bereitwilligst angenommen wird. Der Gesandte macht sich mit seiner Gesellschaft sofort auf den Weg; voran geht mit gravitätischem Schritt der Pförtner, der die Einladung besorgt hat, und hält in der Rechten den gewaltigen Kommandostab, um sich und die Gesandtschaft damit zu schützen, in seiner Linken aber eine eigens zu diesem Zweck bestimmte drei Fuß hohe, aus hundert Scheiben von Horn zusammengesetzte, mit Messing beschlagene _Laterne_, in der vier Lichter brennen. Durch diese will der Pförtner seine Aufmerksamkeit gegen die Gäste »einleuchtend« beweisen. Als im achtzehnten Jahrhundert der Herzog Karl Leopold sich in Dresden aufhielt, meinte Lübecks Hochweiser Rat einmal, die Weinsendung wäre unnötig, und schickte keinen Martensmann. Er ward aber an seine Pflicht erinnert und der Gesandte erschien nachträglich am Johannistag des folgenden Jahres. Damit aber nichts an der pünktlichen Beobachtung aller übrigen Zeremonien fehlte, mußte der Pförtner auch diesmal um die bestimmte Stunde, trotzdem die Sonne klar und hell am Himmel schien, mit seiner großen blendenden Laterne der ehrwürdigen Gesellschaft voranleuchten, was sich freilich etwas tollhäuslerisch ausgenommen haben soll. Außer dem Hausvogt, seinen Assistenten und der Gesandtschaft nehmen an der großartigen Abendmahlzeit Küchenmeister, Kellermeister, Kastellan, Schloßgärtner und viele gute Freunde teil. Für den Pförtner ist ein eigener Tisch an der Tür des Zimmers gedeckt; in dem ernsten Moment, wo die Speisen aufgetragen werden, ruft er sein gebieterisches »Stille da!« Er muß zugleich Ordnung unter dem Publikum halten, welches an der offenen Tür dem Gastmahl zuschaut, dabei entsetzlich tumultuiert und dem Cerberus nicht das mindeste Gehör gibt, so sehr dieser sich solches auch durch seinen Kommandostab zu verschaffen sucht, mit dem er vor Wut zuletzt taktmäßig auf den Boden klopft. Während er so der Gesellschaft die Tafelmusik ersetzt, schluckt er selbst mit Ärger und Unmut eine reichliche Mahlzeit hinab. Neben der Tafel aber steht nach alter Sitte ein schönes, aufgemachtes Bett, darauf liegt eine Nachtmütze à la Michel, Waschwasser und Handtuch befinden sich daneben, und das Nachtgeschirr, mit Vergebung, steht darunter. Alle diese schönen Sachen sind aber, -- beruhige dich, lieber Leser -- dazu da, daß man sich ihrer nicht bediene, gleichsam ein »Noli me tangere« für die stoische Gesellschaft, welcher sie nur zur geneigten Ansicht und zur Übung dienen, den Lockungen des Teufels zu widerstehen. Selbst die geehrteste Persönlichkeit, welche zugegen ist, der Martensmann, darf sich nicht in das Bett legen, noch von den anderen nützlichen Gegenständen Gebrauch machen, befände er sich auch noch so sehr in einem Zustand, wo ihm eben jene Gegenstände von unendlichem Nutzen sein könnten. Eine harte Strafe trifft den Missetäter, welcher dieses Gesetz überschreitet. Den Küchenzettel hat die urväterliche Überlieferung vorgeschrieben und nur sechsunddreißig Schüsseln für diese einfachen Spartaner bestimmt. Wenn nach der Suppe und etlichen Fleischspeisen die Fische vorgelegt werden, bringt der Hausvogt die Gesundheit seines Landesherrn aus; es folgen Toaste auf alle Glieder des herzoglichen Hauses, den Lübecker Senat usw. Wer zum erstenmal an der Tafel erscheint, dem wird zu Ehren nach uralter Sitte der große Willkomm getrunken. Falls der Geehrte allein diesen nicht zu bewältigen vermag, ist es ihm erlaubt, sich dazu zwei Gehilfen, die einen guten Schluck nehmen können, die sogenannten Gevattern, auszuwählen. Ist der Willkomm geleert, so fragt der Hausvogt den Gast, ob ihm eine Gnade widerfahren und Recht geschehen sei, was dieser dankend bejaht. Um elf Uhr wird die Tafel aufgehoben, aber niemand begibt sich nach Hause, sondern man begleitet in corpore mit der nie fehlenden Laterne den Martensmann in sein Quartier; hier nimmt man -- keinen Abschied, sondern wird von dem höflichen Gesandten eingeladen, bei ihm etwas Kaffee, Tee, Punsch und guten alten Rheinwein, was alles längst bereit steht, einzunehmen, bloß um die Verdauung zu befördern. Nach etlichen Stunden endlich trennt man sich in ungeheurer Heiterkeit. Kaum aber sind die Herren am anderen Morgen mit verschiedenen unaussprechlichen Gefühlen erwacht, als man auch schon daran denkt, Mund und Magen der armen Gesandtschaft in neue Tätigkeit zu versetzen. Hätte die Gesandtschaft Grund zu Mißtrauen, sie könnte sich als das Opfer einer fürchterlichen Intrigue wähnen, daß sie sich selbst zu Grunde essen und trinken solle. Allein sie folgt willig der Einladung des Hausvogts zu einem kleinen Frühstück, welches immerhin für eine anständige Mittagsmahlzeit durchgehen könnte. Sämtliche Gäste des vorhergehenden Abends verfehlen nicht, sich pünktlichst einzustellen. Abermals liefern sechsunddreißig stattliche Schüsseln und der Inhalt unzähliger Flaschen den sämtlichen Digestionsorganen allerseits eine hinlängliche Beschäftigung auf mehrere Stunden. Zum Schluß bringt der Martensmann einen Toast aus auf das gute Einvernehmen zwischen dem Haus Mecklenburg und der Stadt Lübeck. Dann wird er ganz so, wie am vorhergehenden Abend, von der Gesellschaft nach Hause gebracht und diese von ihm zu Kaffee, Punsch und Wein eingeladen. Endlich naht die trübe Abschiedsstunde, man scheidet mit tiefstem Kummer voneinander und wünscht dem Martensmann glückliche Reise. Damit sich aber die herzoglichen Diener nicht hungernd dem Abschiedsschmerz hingeben, erhält jeder von ihnen noch eine Gans und eine Torte aus der Hofküche; ebendaher werden dem Martensmann, damit er unterwegs nicht ganz verschmachte, eine Wildpretpastete, eine Torte, ein Gänsebraten und ein Schweinebraten, außerdem zwei Scheffel Hafer für seine Pferde zugeschickt. Seinem Hochweisen Rat aber muß er das eine Jahr einen Rehbock, das andere ein wildes Schwein oder einen Frischling mitbringen. Das ist die Geschichte vom Lübecker Martensmann.[189]

Dieses groteske Spiel mit dem närrischen Gesandten ist Flögel entgangen, der es sonst sicher seiner Geschichte des Groteskkomischen einverleibt hätte. Es ist recht bezeichnend für den Geist, der in gewissen Duodezländchen des geflickten deutschen Reiches römischer Nation herrschte, daß sich ein solcher sinnloser, für Lübeck entwürdigender Mummenschanz über zwei Jahrhunderte halten konnte, und es erst, wie eingangs erwähnt, langer Verhandlungen bedurfte, um der Narretei endlich den Garaus zu machen. Auch hier war es wohl die Schlacht bei Jena, die den beteiligten Kreisen gezeigt, daß die Zeit der Untertanerei und der Spielereien vorbei und eine Epoche der Arbeit und des Ernstes angebrochen sei.

6. Altdeutsche Schlaftrünke.

Wer nit weiß wie man trincken sol Der findt hie Kunst er leß mich wol.

_Vincentius Obsopeus._

Im mittelalterlichen Trinkerparadies spielten die Schlaftrünke eine große Rolle. Nach heutigen Begriffen sind diese gewürzten und gesüßten, meist warm aufgetragenen Getränke unseren heutigen Bowlen und Pünschen sehr ähnlich; wenn sie auch in ihrer Zusammensetzung einem modernen Gaumen kaum mehr munden dürften. Gewürze und Zucker, überdies Parfüme und Farben waren die Hauptingredienzien, neben denen der Grundstoff, Frucht- und Kräuterweine, ganz nebensächlich waren. Die Schlaftrünke, im übertragenen Sinn, waren unseren Desserts, mehr aber noch jenen Büffets ähnlich, die bei großen Gesellschaften einige Stunden nach der allgemeinen Hauptmahlzeit aufgeschlagen werden. »Bei fürstlichen und adeligen Hochzeiten wurde die feierliche Beschlagung der Decke nicht eher vorgenommen, bis der süße Schlaftrunk von den Neuverlobten genossen war; nun erst wurde der Braut das Strumpfband gelöst, das Zimmer verschlossen, und der Jungfernkranz genommen.«[190] Ja, er ward Teil der Besoldung, »wie denn noch heutigen Tages (1782) in einigen Ländern manche Ämter bis 20 Eimer Weins jährlich unter diesem Titel einziehen.«[191]

Wie es bei einem solchen Schlaftrunk im sechzehnten Jahrhundert zuging, was alles aufgetischt wurde, zeigen die nachstehenden Blätter, die ein Kapitel aus einem äußerst seltenen Kochbuch mitteilen: aus Hieronymus Bocks »Teutscher Speisekammer«, Straßburg, A. D. 1550.

_Von Pancketieren und Schlaffdrüncken, und was man gemeiniglich zu denselben pflegt auffzutragen._

Ueberflüssige Schlaftrünck sind (wie menniglich bekennen muß), eitel schädliche Anordnung, durch welche menschliche Körper hefftig geschwächt, und zeitliche Narung endtlich verschwinden und zerrinnen müssen. Noch will man solche schädliche Gewohnheit, wie in andern mehr Dingen, im Brauch haben und behalten, das lassen wir fallen.

Den Schlaffdrunck aber pflegt man gemeinlich auf diese weiß ongeverlich anzurichten:

Erstlich so muß alles was unter der Sonnen guts ist, dem Schlaffdrunck dienen, solches aber muß der Hausherr zuvor bestellen und anrichten, derselbige gibt jedem Diener seinen besondern Befehl. So ist die Speißkammer zuvor zugerüst, stehet an der Handt, daraus fordert man Wein, Brot, Kerzen, Liechter und alles was der Hausherr zuvor befohlen hat. Zudem so sind die Gemach und Tisch auf das allerköstlichst gerüst und zubereit, die Kerzen und Liechter brennen an allen Orten, dann tragen die Diener auf, kalt Gebratenes, allerhand Wildpret, Cappaunen, Phasanen, Feld- und Haselhüner, vielerley Gevögels, mancherley Pasteten von Fischen und Wildpret bereit. Darneben stellt man auch Fischwerk, als gebraten Forellen, gebraten Hecht, gebraten Salmenruck, Briken und andre Bratfisch mehr. Etwan stellt man Fleisch und Fisch Galregen zusammen, oder kalte gesottene Rinder- und Kalbsfüß in Essig darbey.

Zum andern werden aufgetragen viel köstlicher wolbereitter Latwergen, allerhand Obst und Spezerey, in Zucker und Honig candirt und eingemacht, als die saure Amarellen, Kirschen, Johannisträubel, Sawrachbeerlin, Schlehen, Pflaumen, Spilling, Möllelin, Nespelin, Speirling, Quitten und Byrn, dazu die edle Weintrauben, unzeitige grüne eingebeitzte Baumnuß, mit Specereyen besteckt; darnach kommen auf den Platz rothe Rüben, vil und seltsame eingebeitzte Wurzeln, als der Wegwarten, Bibernellen, desgleichen Limonen, Citronaten, Pomeranzen, phalot, auch Muscatnuß, seltsame Kost aus den Apoteken, als Mirabalani und dergleichen viel. Weiter bringt man aus der Speißkammer Dattel, Feigen, Zwiebeln, Rosein, grüne Mandeln, rothe Haselnuß, grüne Baumnuß, Castanien und anders. Unterdeß so braten auch die Quitten-Äpfel, die Byrn und Castanien in den heißewteschen, so bereit der Koch daneben auf den Kolen das weiß Brot zu den Träsaneien. Aus der Speißkammer werden auch getragen die schönste übergulte Confect von Mandel, Canel, Ingber, Muskaten, Coriander, Fenchel, Anis, Kümmel und das klein Leisam-Confect,[192] gleich dem weißen Magsamen, das alles wird züchtiglich und mit Fleiß zum Schlafdrunk fürgetragen.

Zum dritten schikt der Koch seltsam gebachenes mit den Dienern in die Gemach, dazu Fladen, Honigkuchen, Hyppen, und schöne vergulte Marcipan mit seltsamen Wappen, seind aus Mandel und Zucker bereit.

Der Keller hat die allerbeste Käse, heimisch und frembde zu wege gestelt, und darneben das Obst als Aepfel, Byrn, Träubel und was für Obst jeder Zeit zu bekommen ist. Noch ist das alles nichts, denn es mangelt noch an Hauptstücken, nemlich an _Wein_ und an Brot, das sollt man am ersten haben aufgetragen, als weiß Brot, Eyerkuchen, Bretzeln und die allerbesten stärksten Wein, deren etlich weiß, etlich roth und schwarz, Firnen und Newen, süße Wein, rösche (herbe) Wein, als Rappis-, Kirschen- und Schlehenwein. Dann erheben sich erst die besten Freude und Kurzweil, freuntlich Gespräch, züchtige Gesäng, liebliche Sprüch, mit hofieren und Tanzen, dazu sind vormals bestelte besondre Spielleuth, die mit der Musik und allerhand Instrumenten, so man erdenken kann, die Leut unterhalten und wissen frölich zu machen.

Etliche aber essen und trinken von Newem, andere aber haben sonst besondere Gespräch, die dritten machen Kuntschaft und newe Freundschaft, die vierten sehen allein zu und merken, daß am Kasten gar nichts mangelt, mit Verwunderung des Geprängs, und was doch zuletzt daraus woll werden.

So ist des Hausherrn Gesind zuvor auf alle Dinge ordenlich mit Worten abgericht, jedes hat Acht auf seinen Befelch und insonderheit, daß kein Mangel an Wein und Lichtern gespüret werde. Solch Spiel und Kurzweil beym Schlafdrunk weret etwan bis in die halbe Nacht, etwan auch bis an den Morgen, dann facht sich erst ein Dankscheidens an, mit vielem Erbieten und Danksagung. Ist aber jemands dem andern ein Drunk schuldig blieben, der wird etwan am Morgen desselben halb zu reden gestelt. Die andern wöllen mit wissen, was nächten geschehen seyn; lasse alle Ding bleiben. Also endet sich zuletzt ungeverlich der züchtig Schlafdrunk der Reichen, so es vermögen und zu verlegen haben.

Bey den unverständigen, wilden Weltkindern wird der Schlaffdrunk viel anderst gehalten, dann daselbst gehet es drunter und drüber. Und obwol allerhand Speiß und Dranck von Fleisch und Fischen wird aufgetragen, auch zum Ueberfluß, lassen sich doch ir etlich daran nicht genügen, sondern fahen etwan an, selbers zu kochen; der will ein Speck-Suppen, der ander begert ein Milch-Suppen, die dritten wöllen Eyer in Schmalz haben; etliche essen rohe Bücking, rohe Bratwürst und lassen ihnen Hering aus der Tonnen, also rohe, mit Essig und Zwiebeln hertragen; die andern wöllen Rettig oder zum mindesten den sawren Compost aus der Cappes-Bütten (Sauerkraut-Butte) zum Schlaffdrunck haben. Oftermals muß der Koch Weißbrot in Butter rösten, das nennen sie der _Zechtbrüder Kramet-Vögel,_ zu Latein Scala vini, ein gute Wein-Leiter, da erhebt sich allererst das aufrichtig, erbarlich und ordentlich zudrinken an. Je zween und zween bringens andern zweyen, und also fortan mit guten Sprüchen und Kurzweil; solchs heißen sie eine herrliche, kostliche, gute, getrewe, erbare Gesellschaft, die etwan bis an den Morgen beharrlich thut währen, denn keiner will im Drunk der letzte seyn, so will auch keiner die Gesellschaft zerstören oder den ersten Anbruch machen.

In Summa, zum Schlaffdrunck wird nichts gespart, es muß die Fülle und Ueberfluß darbey sein, denn es ist und bleibt der Schlaffdrunck eine alte, langwirige, rechte gute Gewohnheit, die man aus der Acht nit soll, noch lassen kan, darumb daß unsre Vorältern, die redliche alte Teutschen, solchs alles also herbracht, und wir, derselben Nachkommen, gemelten ererbten Brauch nit wissen zu ändern oder abzuschaffen.«[193]

III. Wie man trank!

1. Allgemeines.

Die Ursach zu trünckhen seind billig und recht, Wans Trünckhen nur guett ist unds Essen nicht schlecht: Die erste, wan ankombt ein ehrlicher Gast, Die ander der Durst, den du vielleicht hast, Die dritte die Guettheit und Siesse des Wein, Die vierte eine Ursach, so sonsten fallt ein.

»Alt und Neue Nüzliche Tischreden und Begebenheiten von Fabelano Kurzweill« (1770).

Was der Teutsch auff erd anfacht, So wirt darbey der fleschen gedacht

sagt Thomas Murner in der »Schelmenzunft«[194], und wie genau der geistreiche Mönch seine Landsleute gekannt, beweist die Kulturgeschichte der Deutschen von der ältesten Zeit bis zur Gegenwart.

Wie bereits erwähnt, war das Leben der Germanen ein ewiger Kampf gegen den Durst. »Am wenigsten konnten sie den Durst ertragen«, sagt Tacitus[195] und »wenn deutsche Krieger von ihren Fürsten nur reichlich zu trinken bekamen, verzichteten sie gerne auf jede weitere Entlohnung ihrer Dienste.«[196] Diese Vorliebe für den Trunk erregte die Spottlust der den Deutschen niemals besonders geneigten Römer, die sich über die germanischen Söldner Caesars, als diese sich einige Tage vor der pharsalischen Schlacht ordentlich vollgetrunken hatten, weidlich belustigten.[197] Wie sich die Römer diese periodische Trunkenheit zu nutze zu machen suchten, habe ich bereits bei der Geschichte des Mets erwähnt.

Auf die Trunkliebe der Franken rechnete einmal der Langobardenkönig Grimuald, als er im Kampf mit ihnen sein Lager bei Rivoli samt all seinen Schätzen und einer großen Menge vorzüglichen Weines preisgab. Bereits um Mitternacht waren die Franken richtig so betrunken, daß es dem König ein leichtes war, das Lager zu überfallen und sie samt und sonders niederzumetzeln.[198]

Dabei waren die Franken nicht einmal die ärgsten Trinker unter den germanischen Stämmen. Ihnen und den Langobarden stellt sogar der heilige Bonifacius das Zeugnis aus, daß sie »nicht so sehr dem Laster der Trunkenheit ergeben seien, wie die Angelsachsen«. Die größten Trunkenbolde scheinen die Alamannen und vor allem die Heruler gewesen zu sein, denn »es galt als ein wahres Wunder«, wenn ein Heruler »nicht treulos und dem Trunk ergeben war.«[199]

Und wie wurde getrunken!

Der schon zitierte Venantius Fortunatus, der im fünften Jahrhundert Deutschland bereiste und wiederholt Gelegenheit hatte, Zechgelage zu sehen, gerät außer Rand und Band über diese Barbaren, die, hinter ihren Krügen sitzend, singen und »unsinnig wie Rasende darauf los trinken«. Wer nicht mittue, bemerkt er, der werde für unsinnig gehalten, und man könne von Glück sagen, wenn man aus solch einem Trinkfeste lebend davon komme. Daß sich einer tottrank, war gar nichts seltenes. In einem uralten angelsächsischen Lied »Von der Menschen Schicksalen« wird unter die gewöhnlichen Todesursachen des Menschen auch die Trunksucht gerechnet. Von dem im Trunke gebliebenen »sagen die Helden, daß er ein Selbstmörder sei«.[200]