Part 7
»Da das Damenreiten, besonders das Jagdreiten, in England eine ganz andere Rolle spielt als hier, so ist es begreiflich, daß dort die Konstruktion der Damensättel auf einer ganz anderen Stufe steht. Gewiß sind die hiesigen Sättel vom besten Leder und oft mit den schönsten Stickereien (ganze Eichenwaldungen) verziert, aber unpraktisch im Gebrauch, weil man hier noch zu wenig kennt, _worauf es wirklich ankommt_. Ist es doch z. B. nicht zu glauben, _daß heute noch Damensättel gebaut und -- empfohlen werden, deren Bügelriemen um das ganze Pferd herumlaufen und auf der rechten Seite befestigt werden! Etwas Sinnloseres gibt es überhaupt nicht._ Wollte man etwas erfinden, was _möglichst drückt_, so könnte man es nicht besser machen als durch diesen Flaschenzug. Man bildet sich allgemein ein (vergl. Fig. 29), der bei a über eine Rolle laufende Bügelriemen zöge auch bei c nach abwärts. Da liegt der große Irrtum. Die Nachteile dieses Umlaufbügels sind:
1. Der durch den Flaschenzug hervorgebrachte ungeheure Druck auf die _rechte_ Seite des Widerristes.
2. Nichts, was diesen Druck auf der anderen Seite ausgleicht. Wer sich hierüber praktisch belehren will, der schnalle den Bügel bei C los und halte ihn mit wenig Kraft nach oben. Dann bitte er die Dame, in den Bügel zu treten und sich darin zu heben. Er wird finden, daß er mit 1 Klgr. Kraft die 60-70 der Dame halten kann. Diese drückt aber mit Hilfe des Flaschenzuges _viel mehr als nur mit dem Eigengewicht_.
3. Die zusammenschnürende Einwirkung auf den Brustkorb des Pferdes.
4. Der Bügel ist bei dieser Einrichtung stets unegal, weil das Pferd bei verschiedener Arbeit sehr verschiedenen Umfang hat. (Bekanntlich schwindet auch nach einiger Zeit des von Hause Fortreitens der Bauch des Pferdes, d. h. der Gurt wird lockerer. Damit wird natürlich auch der Bügel der Reiterin länger. Die so sehr gerühmte Verschnallbarkeit des Riemens vom Sattel aus dürfte, nach Angabe hervorragender Reiterinnen, wertlos sein, da sie doch nicht Fingerkraft genug besitzen, um die Schnalle eigenhändig zu lösen und wieder festzumachen. Der Verf.)
5. Die Stelle des Riemens (Doppelriemens) bei a nutzt sich trotz aller Vorsichtsmaßregeln sehr schnell ab und ist daher niemals sicher. --
Danach hängt also der Bügel am besten in einer einfachen Krampe an der linken Seite des Sattels.«
Was nun die _Form des Bügels_ selbst betrifft, so äußert sich eine sehr erfahrene Reiterin darüber in der Art, daß sie einen Sicherheitssteigbügel einer Patentsturzfeder vorzieht. Sie läßt den Steigbügelriemen durch eine Schließkappe gehen und verläßt sich auf einen doppelten Sicherheitssteigbügel, d. h. auf einen kleineren inneren und einen größeren äußeren Steigbügel (Fig. 30), der, wenn die Reiterin zu Fall kommt, sich biegt, nachgibt und so den Fuß ausschuht. Dies wird als viel sicherer empfohlen als jede andere Vorrichtung, mit Ausnahme des veralteten Pantoffel- oder Schuhsteigbügels, den die Mode als unschön hat fallen lassen. Allerdings haben alle Sicherheitssteigbügel den Fehler, daß die Mechanik versagt, wenn der Bügel verkehrt herumgedreht ist. Man hätte also bei Benutzung von Sicherheitssteigbügeln darauf zu achten. Es empfiehlt sich ferner, damit die Dame den Bügel nicht verliert, womit ihr Sitz unter Umständen äußerst gefährdet ist, eine dünne Gummistrippe, wie sie zum Schließen von Paketen dienen, um Knöchel und Bügelriemen zu legen.
Endlich hätten wir auch der _Gurtung_ noch einige Worte zu widmen. Es ist eine alte Regel, daß das Damenpferd, wie auch bereits angeführt, ziemlich fest gegurtet sein muß, wenn der Sattel nicht verrutschen soll. Diese feste Gurtung bedeutet allerdings für das Pferd eine Qual, denn es behindert die Ausdehnung der Rippen für die Atmung. Außerdem ist, wenn die Sattelstrippen und hauptsächlich die Gurtschnallen-Anbringung nicht sehr genau auf ihre Untadelhaftigkeit geprüft werden, ein Platzen derselben nicht ausgeschlossen. Man nimmt deshalb meist drei Gurte, in der Annahme, daß nicht alle drei zu gleicher Zeit platzen werden. Man kann sich aber auch einer elastischen Gurtung bedienen, indem man einen sog. _Sattelselbstgurter_ einfügt. Es ist dies eine aus Spiralfedern hergestellte kleine Maschine (Fig. 31), welche man an den rechtsseitigen kurz zuschneidenden Sattelstrippen einschnallt. Es genügt, wenn beim Satteln diese Spiralfedern um 2-2½ Zentimeter ausgedehnt werden, da bei den meisten Pferden das »Schwinden des Bauches« soviel ausmacht.
Die _Sattelgurte_ bestehen -- am praktischsten blau oder braun gefärbt -- aus breiten Bandgurten von Wolle oder Leinwand oder aus miteinander verbundenen Schnuren, den sog. Strickgurten.
Eine neue Art der Sattelung soll nicht unerwähnt bleiben, da dieselbe, ebenso praktisch wie sicher, auch für die Damenreiterei dieselben Vorteile zu bieten scheint, wie für die der Herren. Bei ersterer ist das Satteln insofern mit technischen Schwierigkeiten verknüpft, als das feste Anziehen der Sattelgurte direkt körperliche Kräfte und -- gute Zähne erfordert. Ein guter Reitknecht wird meist die Zähne dabei zu Hilfe nehmen, da er der einen Hand bedarf, um den Dorn in das Schnallenloch zu bringen. _An diesem einen Schnallendorn hängt also die ganze Sicherheit der Reiterei._
Gegen diese Nachteile bezw. Unbequemlichkeiten tritt der _Schnellsattler_ mit Erfolg auf. Es ist das eine von den österreichischen Hauptleuten Beranek und Kauçic erfundene Maschine, welche hebelartig den Gurt festlegt. Am Damensattel wäre diese Maschine an der rechten Seite des Sattels anzubringen. Sie beruht (Fig. 32) auf der Anwendung einer einfachen Hebelwirkung, die einen Strammschluß des Gurtes bei geringster Kraftanstrengung sicher herbeiführt. Unter der (beim Damensattel) rechten Sattelklappe wird eine Hakenbändertasche an die vom Sattelbaum herabhängenden Strupfengurte festgenäht. Die Hakenbänder sind zwei senkrecht gehende Metallstreifen (aa) mit korrespondierenden Einschnitten, die zur Aufnahme von rechts und links aus der Gurtenklappe (b) herausstehenden metallnen Stiften (cc) dienen. Der Gurt wird an der Gurtenklappe mittels eines Stahlstreifens (d) befestigt, indem die Metallstifte in die Einschnitte der Gurtentasche eingelegt werden. Wird nun durch Herumklappen der Gurtenklappen nach oben der Mechanismus geschlossen, so legt sich der Gurt ohne jede Kraftanstrengung stramm dem Pferdeleib an, da der Griff der Gurtenklappe wie ein verlängerter Hebel wirkt. Die Sattelklappe wird darauf heruntergeklappt, und die Gurtung sitzt fest. Von den Vorteilen, welche diese Sattelung bietet, sei nur hervorgehoben, daß zum Aufsatteln nicht mehr als 12-15 Sekunden gebraucht werden. Ferner ist die Möglichkeit geboten, in Momenten einer kurzen Rast dem Pferde durch Herunterklappen der Gurtenklappe eine wohltätige Erleichterung der Atmung zu gewähren. In bezug auf Haltbarkeit ist er unzerstörbar, also ist die Sicherheit selbst bei nur _einem_ Gurte vollständig gewahrt. Der Vertrieb des Schnellsattlers ist für Deutschland dem »Offizier-Pferde-Verein«, Charlottenburg, Fasanenstrasse 24 von den Erfindern übertragen worden.
Für die Ausführung von tadellosen englischen Damensätteln, bei denen alle hier angeführten Eigenschaften derselben vorhanden sind, hat die Firma Champion and Wilton 457 and 459 Oxford-Street, London W., einen besonderen Ruf. Allerdings ist so ein Sattel nicht wohlfeil, er kostet in bester Qualität ca. 300 M. Über 4500 dieser berühmten Damensättel sind bereits im Gebrauch. Die Firma schickt für Bestellung eine Karte, auf der verschiedene Rubriken auszufüllen sind, wie Gewicht der Dame, Größe, gewünschte Breite des Sitzes usw. -- Die besondere Bügelkonstruktion, die Lage der beiden Hörner, die Bauart der Kammer und die kunstvolle Polsterung der rechten Seite des Champion-Wilton-Sattels machen denselben zu dem vollendetsten, was es gibt. Ihre Majestät die deutsche Kaiserin reitet einen der vielen in Deutschland befindlichen Sättel dieser Firma. --
Da die Reiterin außer bei ihrem sonstigen Eigentum wohl auch die
=Reinigung des Sattelzeugs=
leiten bezw. überwachen wird, so können nachstehende Winke dafür gegeben werden:
Nachdem das Lederzeug und der Sattel mit Sattelseife gründlich abgewaschen, abgeschwammt und abgetrocknet worden, reibe man diese Gegenstände mit weißem Meltonian-Cream tüchtig ein. Sobald derselbe trocken ist, wird es mit einer steifen Bürste innen und außen gebürstet und zum Schluß noch einmal mit einer weichen Bürste oft und leicht nachgerieben. Das Leder wird dadurch glänzend und geschmeidig und alle Stellen der Innenseite verschwinden. Auszusparen von dieser Behandlung sind diejenigen Stellen des Sattels, _die sich unter dem Bügelriemen befinden_, weil Leder auf Leder durch das in dem Cream enthaltene Wachs kleben würde. --
IV. Abschnitt.
Die Grundregeln der Damenreitkunst.
Gefühl ist alles; Name ist Schall und Rauch!
1. Über Schwerpunkt, Gleichgewicht, Aufrichtung und Beizäumung.
Ich darf voraussetzen, daß jede Dame, welche das Reiten erlernen will, mehr Ansprüche an dasselbe macht, als sich willenlos von einer »Kuh« umhertragen zu lassen. Ich möchte daher bitten, dieses kurze Kapitel mit den mysteriösen Ausdrücken am Kopfe nicht zu überschlagen, da dasselbe sie -- wenn auch in skizzenhaftester Weise -- mit den Grundregeln der Pferdedressur bekannt macht. Sie wird durch die Kenntnis dieses Themas ihr Pferd beurteilen können und beherrschen lernen. Die Dame muß diese technischen Ausdrücke schon aus dem Grunde verstehen lernen, weil dieselben in den folgenden Kapiteln immer wieder zur Anwendung gelangen. --
Die erste Dressur, welche jedes Pferd erhalten muß, noch bevor es praktisch in den Gebrauch genommen wird, die zu seiner Konservierung dient und seine Führung erleichtert, ist das »ins Gleichgewicht setzen« desselben. Betrachtet man ein stehendes Pferd, so wird man finden, daß die _Vorhand_ durch den vorgestreckten Hals mit dem Kopf bereits von der Natur belastet ist, und zwar wirkt diese Last um so schwerer, je mehr der Hals nach vorn geneigt ist. Die Unterstützung dieser Last geschieht durch die senkrecht gestellten Vorderbeine, und nur die durch den Oberarm und das Schulterblatt gebildete Winkelung, sowie die des Fessels zum Röhrbein läßt vermöge ihrer federnden Bewegung die durch den Auftritt noch schwerer wirkende Last erträglicher erscheinen. Das Hinterteil dagegen, ohne jegliche Belastung, wird von drei federnden Winkeln gebildet, dem oberen durch das Darmbein und das Oberschenkelbein, dem mittleren durch das Unterschenkel- und Schienbein und endlich wieder dem untersten durch das Schienbein mit dem Fessel (vergl. Fig. 6). Diese Anhäufung federnder, d. h. bald weiter, bald spitzer werdenden Winkel der Hinterhand, nennt man die _Hanken_. Um nun ein Pferd für den Reitdienst brauchbarer, widerstandsfähiger gegen Anstrengungen zu machen, ist es nötig, den beim rohen Pferde zwischen den Vorderbeinen liegenden Schwerpunkt mehr nach rückwärts zu verlegen, um auf diese Weise die schwächere Vorhand zu _entlasten_ und die stärkere Hinterhand dazu mit heranzuziehen. Es geschieht dies durch die _Aufrichtung des Halses_ und durch das _Biegen der Hanken_, also die Verkleinerung der dieselben bildenden Winkel. Wir sprechen vom _natürlichen Gleichgewicht_, wenn der Schwerpunkt, wie schon vom rohen Pferde gesagt, zwischen den Vorderbeinen, vom _mittleren_, wenn er unter der Mittelhand, und vom _künstlichen_, wenn er zwischen den Hinterbeinen ruht. Je mehr der Schwerpunkt also nach rückwärts verlegt bezw. die Vorhand durch Biegen und Unterschieben der hinteren Extremitäten entlastet wird, um so mehr wird das Pferd in Haltung, um so schöner wird seine Hälsung, um so freier und ausdauernder sein Gangwerk sein. Pferde, welche sich infolge einer derartigen geschickten Ausbildung ohne Zwangsmittel so zu tragen vermögen, stehen gut am Zügel und sind gehorsam, während roh in den Gebrauch genommene oder falsch dressierte Pferde die Hanken steifen, auf der Vorhand gehen und demgemäß im Gebiß ihren Stützpunkt suchen, folglich auch infolge der mangelnden Federkraft der Hanken die Schiebkraft ihres Hinterteils nicht zur vollen Geltung bringen können. Daraus geht die Notwendigkeit hervor, das Pferd, bevor es in den Dienst genommen wird, nicht nur ins Gleichgewicht zu setzen, sondern es auch demnächst durch geschickte Handhabung unter dem Sattel so zu behandeln, daß es darin erhalten wird, denn nur derartig vorbereitete Pferde können den Anforderungen besonders als Damenpferde in bezug auf Eleganz des Aussehens, Mühelosigkeit der Handhabung und Leistungsfähigkeit entsprechen.
Hat man ein Reitpferd nach den angeführten Prinzipien derartig ausgebildet, so wird es sich auch beizäumen. Unter _Beizäumung_ verstehen wir, wenn das Pferd mit Vertrauen an das Mundstück herangeht und darauf kaut, so daß der Hals aufgerichtet und die Nase herangestellt, _beigezäumt_ erscheint. Eine derartige gute Anlehnung kann eintreten, wenn die Naturanlage des Verhältnisses der Vorhand zur Hinterhand, die Stellung der Halswirbel zueinander und die Form des Genickes und der Ganaschen günstig sind, und ein gutes Temperament und eine geschickte Dressur die Naturanlagen unterstützt. Man erstrebt, daß bei aufwärtsgestelltem und im dritten Halswirbel gebogenem Hals die Stirn des Pferdes annähernd senkrecht zum Boden steht. Das wird selbstverständlich nicht immer zu erreichen sein, da nicht alle Pferde den zu dieser Stellung erforderlichen Bau besitzen. --
Diese Ausführungen waren notwendig, um das Folgende verständlich zu machen.
2. Vom Reitergefühl.
Ehe Sie, verehrte Leserin, auf das Pferd steigen, um sich diesem edlen Tiere auf Gnade und Ungnade -- die ersten Male wird das wohl zutreffen -- anzuvertrauen, gestatten Sie mir noch einen kleinen Vortrag, der das Motto erklärt, welches ich diesem Abschnitt vorangesetzt habe. Sie sollen dabei nichts anderes lernen, als was auch jeder Herr wissen muß, der ein Reiter werden will. Da Reiten aber Gefühlssache ist, so wird das bei einer Dame noch viel ostensiver zum Ausdruck gelangen, auch technisch gelangen müssen, weil der ungünstigere Reitsitz der Dame noch viel größere Anforderungen an das »Reitergefühl« stellt, als der beim Herrn.
Ist auch die Unterhaltung mit dem Pferde durch Worte, die Verständigung durch die Augensprache, der Ausdruck des Wohlwollens und der Zufriedenheit durch Loben, des Mißfallens durch Strafen nicht zu unterschätzen, so bleibt doch die wichtigste, zwar stumme aber doch so verständliche Unterhaltung zwischen Reiter und Pferd die Aussprache _durch das Gefühl_. Sie ist es, die schließlich zum wechselseitigen Verständnis führt. Gefühl hat ja jeder lebende Körper. Es äußert sich nicht nur darin, daß man etwas äußerlich empfindet, wie z. B. das Gewicht eines zu tragenden Tornisters oder, wie beim Pferde, eines Menschen, oder eine Berührung mit Hand, Schenkel und Gebiß, sondern auch in einem gewissen Vorgefühl, das Kommendes ahnen läßt. Letzterer Zustand ist aber schon nicht mehr rein körperlich, sondern zum teil Überlegung, Schlußfolgerung, also Sache des Verstandes. Indem das körperliche Gefühl einen gewissen Eindruck aufnimmt, kommt dieser sofort auf dem Nerven- und Muskelwege zum Ausdruck im Gehirn, und dieses zieht Schlüsse auf das, was der berührende andere Körper vor hat. So ist z. B. das Erhalten des Gleichgewichtes zwischen der Reiterin und dem Pferde, wodurch das erste Verständnis zwischen beiden herbeigeführt wird, Sache des Gefühls. Jedes empfindet, fühlt die dem seinigen widerstrebenden oder sich ihm anpassenden Bewegungen des anderen Körpers; beide bestrebt im Gleichgewicht miteinander zu bleiben, soll die eine nicht herunter-, das andere nicht hinfallen, folgen den Anregungen des Gefühls und suchen, sich unwillkürlich einander anzupassen. In beide Körper hat die Natur die natürlichen Kräfte gelegt, die sie ohne Hilfe eines dritten, gewissermaßen von selbst, zur Übereinstimmung in ihnen führen und später diese erhalten. Deshalb führt viel mehr das natürliche Gefühl, das Bestreben nach Ausgleich, als unverstandene und kaum zu befolgende Verhaltungsregeln, zum ersten gemeinsamen Gleichgewicht der beiden Körper. Reiten, d. h. auf dem Pferde zu bleiben, lernt man nur durch Reiten. Je _freier_, _ungezwungener_, je _losgelassener_ der Körper gehalten wird, je weniger die Zügel zum Festhalten gebraucht werden, desto früher wird der Ausgleich stattfinden. Sind die Bewegungen beider Körper übereinstimmende geworden, dann wird nun wiederum das Gefühl jede drohende oder bereits eingetretene Nichtübereinstimmung anzeigen, und die Reiterin wird ihr vorzubeugen vermögen.
Nun kann sich das Gefühl zweier Körper nur in Berührung derselben äußern. Die Teile, welche in die innigste Gemeinschaft miteinander treten, werden selbstverständlich das Gefühl am unmittelbarsten aufnehmen und übermitteln. Da aber sowohl die Reiterin wie das Pferd für sich einzeln ein völlig zusammenhängendes Ganze darstellen, so wird sich das irgendwo unmittelbar aufgenommene Gefühl mittelbar auch auf die übrigen Teile übertragen. Bei zwei lebenden Wesen, von denen das eine, das Pferd, das andere, den Menschen trägt, werden natürlich die durch den Vorgang des Tragens am meisten in Mitleidenschaft gezogenen Teile sich gegenseitig am innigsten berühren.
Der Rücken des Pferdes nimmt die Reiterin auf, deren Gesäß und Schenkel sie mit dem Pferde verbinden. Zwischen den Händen der Reiterin und dem Maul des Pferdes findet eine Verbindung durch die Zügel statt. Die ganze Mittelpositur der Reiterin, die von den Hüften bis zu den Knieen reicht, der linke Unterschenkel und die Hände übermitteln also das Gefühl. Durch die Bewegungen des Pferdes wird aber der ganze Körper der Reiterin mit in Bewegung gesetzt, und somit sind alle seine Teile an der Empfindung der Bewegung des Pferdekörpers, dem Gefühl für sie, beteiligt. Selbstverständlich fühlt auch das Pferd das Gewicht der Reiterin, das sich auf seinem Rücken nun unmittelbar äußert, nicht nur mit diesem, sondern weil der Rücken von seinen Stützen, den Beinen, getragen wird, auch mit diesen. Auch die Hände der Reiterin äußern schon, wenn sie mit den Zügeln nur untätig hingestellt werden, ihren Einfluß auf das Maul, weil das Pferd in seiner Beweglichkeit die untätigen Zügelwirkungen als tätige empfindet. Der Longiergurt und die Verbindezügel sind an sich völlig untätig, und doch üben sie auf das bewegliche Pferd einen bestimmenden Einfluß aus. Wieviel mehr werden die _Hilfen_ tun, welche in irgend einer Art tätig sind. Das Pferd legt durch sein Maul Gewicht in die Hände der Reiterin, diese durch sie Gewicht in das Pferdemaul. Je beweglicher beide sind, desto mehr werden die Gewichte empfunden werden.
Weil das Pferd den Einfluß des Gewichtes der Reiterin auf jedem seiner Beine fühlt, wird auch umgekehrt die Reiterin mit der Zeit jede _besondere_ Bewegung der _einzelnen_ Gliedmaßen des Pferdes fühlen. Diese Eigenschaft des Reitergefühls ist sehr wichtig bei allen Gangarten und muß sorgfältig ausgebildet und verfeinert werden. Sie ist Voraussetzung für die richtige und rechtzeitige Anwendung der Schenkel- und darum auch der anderen Hilfen. Fühlt nun das Pferd die beabsichtigten Einwirkungen des Reitergewichtes, die aus einem guten, geregelten Sitz heraus ausgeübt werden, so fühlt es nicht nur diese, sondern einfach alle, also auch die unbeabsichtigten, ungeschickten, unwillkürlichen. Sie sind es, die das Einvernehmen des Pferdes mit einer schwachen, ungeschickten Reiterin stören. Aber auch eine sehr geschickte Reiterin wird oft in die Lage kommen, unwillkürlich falsch zu belasten, und das um so mehr, je unebener der Boden ist, auf dem sich das Pferd bewegt. Daher sind solche falsche Belastungen oft von sehr unangenehmen Einfluß. Sie können nicht nur den Gehorsam in Frage stellen, sondern auch die Gliedmaßen des Pferdes angreifen. Zu ihrer Vermeidung gehört ein äußerst feines Gefühl, das nur durch _sehr viel Übung_ erlangt werden kann. Das Reitergewicht wird also von allen Teilen des Pferdes empfunden und muß sowohl dessen Haltung im Stehen, viel mehr aber noch in der Bewegung beeinflussen. Die Bewegungen des Pferdes aber sind es, die der Reiterin eine besondere Haltung zu Pferde vorschreiben, wenn sie mit ihm im Gleichgewicht bleiben will und wenn das Gefühl hinüber und herüber richtig übermitteln soll.
Eine richtig sitzende, mit dem Pferde im Gleichgewicht befindliche Reiterin wird imstande sein, den Eingebungen des Gefühls sofort zu folgen. Fühlt sie etwas, dann tritt sofort die Überlegung ein, was zu tun ist, und die gefühlvolle Reiterin weiß dem sofort durch ihre Hilfen Ausdruck zu geben. Manche Ungezogenheit des Pferdes fühlt die Reiterin im voraus und kann sie im Werden ersticken oder ihr vorbeugen. So wohltätig ist die Kraft des Gefühls.
3. Vom Sitz der Dame auf dem Damensattel.
Reiten kann man erst, wenn man auf dem Damensattel gut, richtig sitzen gelernt hat. Das ist nicht so einfach, -- und es sind drei Punkte, welche dabei zur Erörterung gelangen müssen.
1. Warum ist ein guter Reitsitz durchaus erforderlich?
2. Worin besteht derselbe?
3. Wie erlangt man denselben?
Ein guter Reitsitz ist, wie auch schon aus dem vorigen Kapitel ersichtlich, erforderlich, weil derselbe der Reiterin das _Gefühl der Sicherheit_ verleiht, mit welchem sie sich auf dem Pferde bewegt und ohne welches eine _gute_ Reiterin gar nicht gedacht werden kann, -- denn eine ängstliche Reiterin kann niemals eine _gute_ werden.
So abhängig eine Dame auch relativ von ihrem Pferde ist, -- auch der Reiter ist das -- so unabhängig muß sie sich von demselben _fühlen_. Das Pferd muß ihr nur Mittel zum Zweck sein, sie muß es gleichsam nur mit den Gedanken leiten. Gewiß ist dafür auch ein relativ zuverlässiges Pferd erforderlich -- absolut sichere gibt es nicht, denn das Pferd ist immer nur ein Tier, und von der sonstigen Beschaffenheit des Damenpferdes haben wir bereits gesprochen.
Dieses Gefühl der absoluten Sicherheit soll die Dame in allen Situationen haben, welche beim Reiten eintreten, sowohl bei den regulären -- also z. B. bei allen Gangarten, die sie reitet, vom Schritt bis zur Karriere, beim Sprung, beim Jagdreiten, bei Tage und bei Nacht, bei Sonnenschein, Regen, Hagel und Gewitter -- letztere beiden Eventualitäten sind allerdings schon bedenklicher -- aber auch bei ungewöhnlichen Situationen, die beim Reiten jeden Augenblick eintreten _können_ und auf die sie vorbereitet sein muß, z. B. beim Scheuen, Steigen, Bocken, Durchgehen des Pferdes, beim Verlieren des Bügels, Lockerwerden oder Reißen des Gurtes oder Zügels, ja selbst noch beim Stürzen usw. Das Gefühl ihres _Könnens_ als Folge ihres guten Reitsitzes werden sie im gegebenen Augenblick die Haupteigenschaften der Reiterin -- Ruhe, Kaltblütigkeit und Geistesgegenwart -- nicht im Stich lassen. Im Augenblick einer außergewöhnlichen Situation den Kopf verloren -- und alles ist verloren.
»Es will mir recht unsinnig erscheinen,« sagt _Anna Bracket_ im »Rider and Driver« u. a., »wenn eine Dame ihren Seitsitz im Damensattel aus dem einzigen Grunde, daß der Herrensitz sicherer sei, aufgeben wollte. Solange ihr Kniehorn vorhält und sie ihre Kaltblütigkeit behält, ist es bei einem gewöhnlichen Ereignis fast unmöglich, daß sie aus dem Sattel geworfen wird, während sie aus einem Männersattel, in welchem sie sich nur durch Anklammern der Beine festhalten kann, viel leichter ihren Sitz verliert.