Der Damen-Reitsport

Part 5

Chapter 53,556 wordsPublic domain

Für diese letztbeschriebene Art der Damenreiterei ist also das Pferd zu empfehlen, welches man im Reiterjargon eine »alte Kuh« zu nennen pflegt. Ganz unbezahlbar wären diese leidtragenden Damenpferde, könnte man ihnen Rücken verleihen, die unempfänglich für jeden Satteldruck wären. So aber büßen sie einen Ausflug in den Grunewald gar häufig mit bösen Druckschäden, denn nicht alle Damen, die sich von kräftigen Männerarmen aufs Roß heben lassen, sind zart und schlank, und nicht immer sind der Sitz der Reiterin, die Lage des Sattels oder dieser selbst einwandsfrei. Wie selten aber wird daran gedacht, während der Frühstückspause die Gurten zu lösen, den Sattel zu lüften und zurecht zu legen! Während die kühnen Amazonen sich in fröhlicher Gesellschaft vergnügen, haben sie keinen Gedanken für das geduldige Tier, das sie dahin getragen und das nun angebunden dasteht, vom Sattel und von Insekten gepeinigt, gegen die es wehrlos ist, weil man ihm den Schweif _abschlug_. Beklagenswertes Damenpferd!

Wie erfreulich ist es dagegen, eine jugendlich schlanke und biegsame Gestalt sicher und voll Selbstvertrauen als Dame im Sattel sitzen und ihr Pferd wirklich reiten und mit leichter Hand lenken zu sehen. Diese Dame hat keine Veranlassung, an sich und den Eindruck zu denken, den sie auf das ihr begegnende Publikum macht. Sie weiß, daß sie korrekt sitzt, denn sie fühlt sich wohl auf ihrem Pferde, mit dem sie wie verwachsen ist. Sie hat auch Liebe zu ihrem Pferde, dem sie die erfrischende Bewegung in freier Luft, auch wohl manchen munteren Galopp querfeldein zu verdanken hat, der das Blut in Wallung bringt und die Nerven stählt. Eine solche wirkliche Reiterin wird auch die Winterzeit in der Bahn anwenden, sich selbst und ihr Pferd in der Reiterei zu vervollkommnen oder zu befestigen. Für diese in ihrer Reitkunst fortschreitende Dame wird bald ein ruhiges, tadellos gerittenes Damenpferd nicht das genügende Interesse bieten. Sie verlangt nach einem temperamentvollen, noch nicht ganz durchgerittenen Pferde, um es selbst zu arbeiten. Sie kauft es am liebsten im Herbst, um es bis zum Frühjahr für seinen Beruf zu schulen. Dennoch wird der Berater einer so passionierten und sicheren Reiterin sein besonderes Augenmerk darauf zu richten haben, daß das zu erstehende Pferd sich im allgemeinen als Damenpferd eignet.

Wie schon erwähnt, steht obenan die absolute Sicherheit des Ganges. Manche Pferde sind unsicher aus Ungeschick, obwohl sie gesunde, nicht struppierte Beine haben. Das Pferd soll temperamentvoll, aber es darf nicht nervös aufgeregt oder schreckhaft sein. Es darf kräftige Bewegungen haben, aber sie müssen gleichmäßig und elastisch sein, nicht kurz und übereilt, oder hart und stoßend. Das Gebäude des Pferdes muß möglichst normal, der Hals darf nicht zu tief angesetzt, die Verbindung zwischen Hals und Kopf muß ohne besondere Schwierigkeiten für eine richtige Stellung sein. Die Hinterhand muß kräftig aber biegsam sein, kurz, das ganze Pferd darf der Vollendung seiner Dressur voraussichtlich keine, in seinem Gebäude begründete und deshalb schwer zu überwindende Hindernisse bieten. Sonst würden der Reiterin statt der erhofften Freude an seiner erfolgreichen Dressur nur Enttäuschungen bevorstehen.

Sonach bedarf die Auswahl eines Damenpferdes, auch für eine gute Reiterin, doch immer noch größerer Vorsicht und Sorgfalt als der Ankauf eines anderen Reitpferdes, zumal auch auf ein gefälliges edles Äußere hier ganz besonderer Wert zu legen ist.

Sind hiermit einige der beachtenswertesten Anforderungen für das Damenpferd skizziert, so ist doch notwendig, noch etwas _intimer auf einige Punkte aufmerksam zu machen_, welche mit dem Sitz der Dame und der Sattellage zusammenhängen.

Es wurde bereits darauf hingewiesen, daß das Damenpferd infolge des Seitsitzes der Dame bezw. der mehr oder weniger praktischen Form des Sattels leicht gedrückt werden könne, und daß diese Satteldrücke, besonders am Widerrist, das Pferd nicht nur zeitweise unbrauchbar machen, sondern demselben unter Umständen auch geradezu gefährlich werden können. Es muß also alles geschehen, um dergleichen Satteldrücke zu vermeiden, und in bezug darauf seien einige Gesichtspunkte angeführt, welche bei der Wahl des Damenpferdes ebenfalls Beachtung zu finden haben.

Wenn schon die beste Reiterin es nicht wagen darf, jedes beliebige Pferd zu reiten, weil zu verschiedene Umstände dabei mitsprechen, die bei der Herrenreiterei nicht so schwer ins Gewicht fallen, so wird bei der angehenden Reiterin die Auswahl des Pferdes immer schwieriger. Obgleich der Damensattel einen sehr festen Sitz gestattet, so wird sich doch selbst die beste Reiterin immer ein wenig nach vorn beugen und verfügt daher nicht über die gleiche Bewegungsfähigkeit wie der Reiter.

Ein Pferd mit kurzem Hals und schlechter Sattellage -- d. h. wenn der Sattel zu sehr nach vorn liegt oder rutscht -- ist für eine Dame ungeeignet. Ein Damenpferd muß schräge, lang abfallende Schultern, also eine gute Vorhand haben, und sich gut bezäumen. Ein Mann kann einen Sterngucker reiten, eine Dame kommt fast ausnahmslos früher oder später damit zu Schaden. Da die Damen sehr hoch im Sattel sitzen, können sie die Arme nicht in rechten Winkel gegen den Widerrist bringen wie die Herren. Pferde mit sehr hohem, magerem Widerrist werden unfehlbar vom Sattel durchgedrückt. Manche Pferde drücken sich im Damensattel durch, soviel Mühe man sich auch geben mag, während sie im Herrensattel ohne jede Verletzung gehen. Ein _überbautes_ Pferd, bei welchem also die Kruppe höher liegt als der Widerrist, taugt ebenfalls nicht für die Dame, weil der Sattel nach vorn rutscht -- eine Eigenschaft, die an und für sich sehr schwer abgestellt werden kann, da das Gewicht der Reiterin mehr oder weniger -- je nach der Reitkunst der Dame -- mehr nach jener Seite hin neigt, an welcher sich die Beine befinden. Wie gesagt, ein Gegenmittel dagegen gibt es nicht, denn der Herr hält -- korrekten Sitz vorausgesetzt -- den Sattel durch den Kniedruck einigermaßen im Gleichgewicht. Man kann sich auch davon überzeugen, daß ein lose gegurteter Damensattel sogar bis zum Bauche herumrutscht, während ein Herrensattel immer nur etwas seitwärts gleitet. Bei einem Damensattel liegt der Baum nicht so dicht auf dem Rücken wie beim Herrensattel. Dazu steht der Sattelknopf beim Damensattel höher, und wenn die Dame mit dem rechten Knie über dem Horn sitzt, befindet sie sich eben viel höher über dem Rücken des Pferdes wie beim Herrensattel. Es ist daher nötig, daß das Damenpferd einen breiten Rücken hat, denn auf einem flach gerippten Pferde wird der Sattel hin- und herrutschen. Der Rücken des Damenpferdes muß aber auch lang sein, weil es der Hörner wegen wünschenswert ist, den Baum recht lang zu haben. Ein kurzer Sattel wird der Reiterin zur Qual, und ein langer Baum erfordert einen langen Pferderücken. Näheres über den Sattel siehe in dem betreffenden Kapitel.

Wenn man alle diese Gesichtspunkte bei der Wahl eines Damenpferdes berücksichtigen will, so wird man die Erfahrung machen, daß das geeignete Pferd nicht in jedem Stalle zu finden ist, und daß der Auftrag, ein Damenpferd zu besorgen, zwar sehr ehrenvoll, aber recht verantwortungsreich sein dürfte.

III. Abschnitt.

Vom Reitajustement des Damenpferdes.

1. Von der technischen Wirkung der Zäumung.

Ich würde es bedauern, wenn eine Dame, welche es mit der Reiterei ernst nimmt, dieses Kapitel überschlagen würde. Wie ein Pferd unter dem Sattel geht, ob es leicht an der Hand steht, ob es unartig ist, ob es sich auf die Zügel lehnt oder gar Neigung zum Durchgehen zeigt, hängt vielfach auch von richtiger oder falscher Zäumung ab. Und eine wirkliche Reiterin sollte sich in dieser Beziehung, d. h. ob ihr Pferd richtig gezäumt ist, nicht von dem Urteil anderer abhängig machen, sondern selbst in der Lage sein, das beurteilen zu können.

Ich will versuchen, mich bei den dafür notwendigen Erklärungen möglichst kurz zu fassen, um die Leserin nicht zu ermüden.

Die _Trense_ ist das einfachste, aus zwei Ballenstücken, die beweglich miteinander verbunden sind, und den beiden zur Aufnahme der Ballenstücke und der Zügel dienenden _Trensenringen_ bestehende Gebiß. Die Trense wirkt _direkt_ auf die Laden des Pferdes, während die Kandare indirekt, d. h. hebelartig auf dieselben wirkt. Die einfache Trense dient zur Dressur des Pferdes und wird von der Dame nur als _Unterlegetrense_ zusammen mit der Kandare angewendet. Im allgemeinen wird die Unterlegetrense von der Dame nur gebraucht, um das Maul des Pferdes aufzufrischen, wenn es lange und fest am Kandarenzügel gestanden hat.

Zum Verständnis der technischen Ausdrücke in dem nachstehenden Abschnitt gebe ich, bevor ich fortfahre, die Zeichnung einer Kandare mit ihren Benennungen, von vorn und von der Seite gesehen (Fig. 7 und 8).

a) Die Oberbäume } } zusammen die Stangen oder Scheren genannt. b) Die Unterbäume }

c) Das Mundstück.

d) Die Ballen.

e) Der Galgen.

f) Das Stuhlloch oder Auge (für das Kopfgestell).

g) Die Zügelringe.

h) Die Zungenfreiheit.

Wir gehen von dem Hauptgrundsatz aus, daß ein Pferd, je weniger es im Maule belästigt wird, um so angenehmer geht, und daß ein großer Teil seiner Fehler und Unarten, sei es unter dem Reiter oder der Reiterin, aus der Anwendung einer falschen Zäumung entsteht, und aus diesem Grunde ist besonders für Anfänger die Anwendung einer _leichten, relativ schmerzfrei wirkenden Zäumung_ nur zu empfehlen.

Man spricht von _weichem_ und von _hartem_ Maul, es bedarf dies der Erklärung. Das eine oder das andere hängt vormalerst von der führenden Hand ab, indem in weicher Hand von vornherein fast jedes Pferd weichmäulig, wenn auch in fester Hand nicht jedes Pferd hartmäulig sein wird. Des ferneren ist ein weiches oder ein hartes Maul vom Bau der Zunge und der Laden abhängig. Wenn ein Pferd eine dünne Zunge und sehr scharfe, mit wenig Fleisch bedeckte Laden hat, so wird jeder Druck darauf naturgemäß schärfer wirken, als bei einem Pferde, bei dem eine dickere Zunge den Druck des Zügelanzugs teilweise auffängt und dessen Laden außerdem stumpfer, flacher oder mit mehr Fleisch bedeckt sind oder dessen Lefzen in das Maul hineinragen und die Laden mit bedecken helfen. In die Praxis übertragen, wäre also jedes Pferd, welches geringster Zügelhilfe willig nachgibt, _weichmäulig_, jedes andere, bei dem man mehr Kraftaufwand braucht, _hartmäulig_, -- ein Umstand, zu welchem auch die Dressur, welche das Pferd empfangen hat, sowie sein mehr oder weniger fehlerhafter Bau wesentlich mit beitragen.

Die Faktoren, welche bei Beschaffung der Zäumung für ein Pferd zur Sprache kommen, sind demnach:

1. die Hand der Reiterin,

2. der Bau des Pferdemaules bezw. seine Sensibilität,

3. der Bau und die Dressur des Pferdes.

Von dem Bau des Pferdemaules kann man sich leicht überzeugen, wenn man dem Pferde das Maul öffnen läßt, die Zunge betrachtet und den Bau der Laden befühlt. Ist die Dame nicht sicher genug, um diese Untersuchung selbst vorzunehmen, so frage sie ihren Instruktor.

Auch pflegen Pferde, welche entweder mit schwacher Hinterhand behaftet sind oder nicht im Gleichgewicht stehen, ihr Gewicht auf die Vorderhand zu verlegen und gleichsam ihren Stützpunkt auf das Gebiß bezw. die Zügelfaust zu nehmen. Daß derartige Pferde hartmäulig erscheinen, liegt auf der Hand.

_Was versteht man nun unter scharfer und leichter Zäumung?_ Die leichteste Zäumung stellt, wie schon angeführt, die Trense dar, weil die Wirkung des Zügels ohne Hilfe eines Hebels direkt auf die Lade geht; da die Trense aber für den Gebrauch der Dame nicht handlich genug ist, weil sie sich mit der linken Hand allein nur unbequem führen läßt, so bedient man sich der Kandare, welche einen beizäumend wirkenden, einarmigen Hebel darstellt. Ein richtig im Halse gestelltes und gezäumtes Pferd pariert auf die Hilfe des Reiters demnach in beigezäumter Stellung, d. h. mit aufgerichtetem Halse, die Stirn annähernd senkrecht zu Boden.

Die Kandare hat nachstehend beschriebene mechanische Wirkung (Fig. 9): Den Ruhepunkt des Hebels bildet das Auge (b), welcher durch die Kinnkette (d b) fixiert wird, weshalb man die letztere den Fixator der Kandare nennt. Das Mundstück (a) ist der Druckpunkt, der die Last anhebt, und in c liegt die Kraft, welche dorthin durch die Zügel von der Faust des Reiters aus geleitet wird. Der Oberbaum (a b) ist der kurze, der Unterbaum (a c) der lange Hebelarm. Der Unterkiefer (f) ist die zu bewegende Last, und in d liegt der Stützpunkt. Die größere oder geringere Wirkung liegt demnach in dem Verhältnis des Unterbaumes zum Oberbaum, also in der größeren oder geringeren Länge des ersteren, soweit nur die Hebelwirkung in Betracht gezogen werden kann. Eine fernere Verschärfung der Wirkung liegt nämlich in der Form des Mundstücks und der Kinnkette, weil dieselben nicht nur Druck- und Stützpunkt bilden, sondern schmerzhaft auf die sehr empfindungsreichen Teile des Pferdemauls, auf denen sie ruhen, wirken. Wir werden später noch einmal auf diesen Punkt zurückzukommen haben.

Wenn beide Hebelarme gleich lang gemacht werden, so hat man nur eine indirekte Trensenwirkung. Wenn man den oberen Hebelarm ganz kurz macht und den unteren unverhältnismäßig lang, so entsteht ebenfalls ein Mißverhältnis. Der _obere_ Hebelarm gibt demnach immer das Verhältnis für die Länge des unteren, welcher ersterer wieder die Höhe des Unterkiefers haben muß, wenn die Kandare nicht durchfallen soll, und da dieser gewöhnlich 5 cm hoch ist, so wird die Länge des Oberbaumes -- bis zum Kinnkettenhaken gerechnet -- ebensoviel betragen müssen. Bei den meisten Kandaren (z. B. bei der Kavallerie) ist das Verhältnis des Oberbaumes zum Unterbaum 1 : 2, was schon ziemlich scharf wirkt.

Das _unrichtige Einlegen der Kinnkette_ in bezug auf ihre Länge gibt Veranlassung zu zwei Hauptfehlern, nämlich dem _Strotzen_ und dem _Durchfallen_ der Kandare. In ersterem Falle, wo die Kinnkette zu fest eingelegt ist, bleibt die Kandare beim Zügelanzug parallel mit der Maulspalte stehen, wodurch ihre Wirkung zu scharf und unvermittelt das Pferdemaul beeinflußt und daher das Pferd schwer belästigt wird (Fig. 10). Der Zügelwinkel (b) wird sehr spitz und um so spitzer, je höher das Pferd die Nase nimmt. Eine ebenfalls falsche Wirkung findet im anderen Falle statt, wenn die Kandare _durchfällt_ (Fig. 11). Dies tritt ein, wenn entweder die Kinnkette zu locker eingelegt ist oder der Oberbaum nicht im richtigen Verhältnis zur Höhe der Laden steht, -- zu kurz ist. Hierbei geht der Unterbaum beim Zügelanzug so weit zurück, daß der Zügelwinkel (b) sehr stumpf wird, wodurch die Hebelwirkung ganz verloren geht, da der Druck des Mundstücks nicht mehr gegen den Unterkiefer, sondern gegen den Maulwinkel wirkt, infolgedessen das Pferd nur gebremst und ihm das Kinn einfach abgequetscht wird. _Richtig gezäumt_ ist das Pferd, wenn beim Zügelanzug die Kandare mit der Maulspalte einen Winkel von 30 bis 35 Grad bildet, denn nur dadurch wird die Kandare in das rechte Verhältnis zur Faust gesetzt, daß der entstehende Zügelwinkel (b) ein rechter Winkel ist, der als Norm für eine korrekte Zäumung dient (Fig. 12). Beim Nachgeben fällt die Kandare wieder in ihre ursprüngliche Lage, parallel zur Maulspalte, zurück. Der Hauptfehler der Zäumung mit der Kinnkette ist der, daß sich Druck- und Stützpunkt des Hebels _gegenüberliegen_, wodurch sie für das Pferd zu einer Eisenpresse der stärksten Art wird, welcher es, nicht auf Grund der oben angeführten mangelhaften Hebelwirkung, sondern infolge des unerträglichen Schmerzes, der ihm durch das Einklemmen des Kinnes zwischen Mundstück und Kinnkette bereitet wird, schließlich gehorcht, -- manchmal aber auch nicht.

Es beruht danach der Unterschied zwischen einer scharfen oder leichten Zäumung:

1. In dem Verhältnis des Oberbaumes zum Unterbaum.

2. In der Konstruktion des Mundstücks.

3. In der Wirkung der länger oder kürzer eingelegten, breiteren oder schmaleren Kinnkette. Je schmaler diese ist, um so mehr schneidet sie in die Kinnkettengrube ein, dieselbe wund machend, so daß zu dem Schmerz im Maul des Pferdes auch noch dieser äußere kommt, der ihm unbeabsichtigt bereitet wird und den man deshalb mit der »falschen Wirkung der Kinnkette« bezeichnet. Je kürzer diese liegt, um so direkter wird jeder Anzug der Zügel auf die Laden wirken. Es ist deshalb anzuraten, eine breite doppelte Panzerkette zu wählen, solche eventuell auch noch mit Leder oder Gummi auszupolstern und darauf zu achten, daß dieselbe, _gut eingedreht_, so locker liegt, daß man bei nicht angezogenen Zügeln drei Finger hinter dieselbe durchstecken kann, ohne daß dabei der Oberbaum zurückgezogen wird. -- Ich habe die Kinnkette zuerst besprochen, um ein für allemal damit fertig zu sein. Mich befriedigt ihre Wirkung nicht, sie ist und bleibt in der Hand nicht firmer Reiter oder Reiterinnen, besonders solcher, welche sich am Zügel festhalten wollen, ein Marterinstrument.

Die _Form des Unterbaums_ ist ganz gleichgültig in bezug auf die Wirkung, sei derselbe nun gerade, nach vorwärts oder rückwärts gebogen, sobald der Endpunkt, also der Zügelring, wieder in die Richtung des Oberbaums, in die Perpendikularlinie fällt.

Ein Richten des Unterbaums vor oder hinter die Perpendikularlinie würde nur bei gewissen Halsbildungen die Dressur unterstützen können, doch würde es zu weit führen, dies hier ausführlich zu erörtern.

Wir kommen damit zur Besprechung der _Konstruktion des Mundstücks_. Unter Zugrundelegung meines Grundsatzes, daß die Laden des Pferdes bei nicht ganz tadelloser Zügelführung möglichst vor unmotivierter Schmerzerzeugung zu schützen sind, bildet die Zunge selbst ein Mittel, dieselben vor zu heftigem Druck der Kandare zu schützen. Fleischig, knochenlos, nicht zu empfindlich, ruht die Zunge in dem durch die Laden gebildeten Zungenkanal, denselben zu beiden Seiten überragend, und kann sich infolge ihrer Beweglichkeit beim Nachlassen der Zügel leicht von der Impression des Gebisses und der teilweise gehemmten Blutzirkulation erholen; sie bildet somit gleichsam ein Polster für die Laden gegen den Druck des Mundstücks. Man kann sich die Verschiedenheit der Wirkung auf Laden oder Zunge leicht dadurch zur Anschauung bringen, daß man sich z. B. mit einem Stock fest auf den Oberschenkel und dann auf das Schienbein drückt. Die Knochen, die den Unterkiefer bilden, haben eine ebenso scharfe obere Kante, wie das Schienbein, weshalb sich die Reiterin den Schmerz des Pferdes daselbst bei starkem Zügelanzug einigermaßen vergegenwärtigen kann. Das erste Erfordernis für das Mundstück wäre demnach der Fortfall der Zungenfreiheit. In diese soll sich der Theorie nach beim Zügelanzug die Zunge hineinpressen, damit der Druck der Ballen direkt auf die Laden geht. Daß dies aber unmöglich ist und außerdem auch noch zu anderen Unzuträglichkeiten führt, werden wir gleich sehen. Der Zungenkanal des Reitpferdes ist 2-2½ cm breit, die Zunge 4-5 cm. Wie wir an den Fig. 13 und 14 sehen können, welche erstere eine richtig im Maul auf dem Unterkiefer liegende Kandare darstellt (die innere punktierte Linie ist die Zunge), die andere den Durchschnitt eines Unterkiefers mit darauf ruhender Kandare darstellt, würde dieselbe nur richtig im Maul liegen, wenn die Ballen auf den Kanten der Laden ruhen. Die Zungenfreiheit darf daher nicht so breit sein, daß sie über die Laden hinübergreift, wie es in Wirklichkeit so oft vorkommt, da dadurch ein sehr schmerzhafter meist einseitiger Druck durch die Winkel der Zungenfreiheit auf die Laden erzeugt wird; die Zungenfreiheit muß demnach mindestens 1 cm schmäler sein, als der Zungenkanal, nach den angegebenen Maßen also 1-1½ cm betragen. Wie soll sich nun die 4-5 cm breite Zunge da hineinpressen können? Das wird als Beweis genügen, daß die Zungenfreiheit ein Unding und zu beseitigen ist, abgesehen davon, daß sie, wie bereits angeführt, bei den so oft vorkommenden Verschiebungen einseitig drückt, also erst recht falsch wirkt. Das Mundstück wird nur richtig wirken, wenn es dem Bau des Maules gemäß eine geringe Biegung nach oben und vorwärts und in der Mitte eine Einsenkung für die Zunge hat (Fig. 15). Die Ballen müssen dabei recht stark und inwendig hohl sein, damit sie, gleichzeitig spezifisch leicht, möglichst viel Fläche auf die Laden bringen. Das Gegenteil davon, ein dünnes Mundstück mit Zungenfreiheit, eventuell noch mit einer scharfen Kante versehen, würde eine _sehr scharfe_ Zäumung darstellen. Ist es nötig, die Zäumung zu verschärfen, so geschehe es durch Vermehrung der Hebelwirkung, also durch Verlängerung der Unterbäume, aber nicht durch eine Steigerung des Schmerzes im Maul. Ein schmerzhaft gezäumtes Pferd kann nur durch eine vortreffliche Reiterin geritten werden.

Das Mundstück muß so breit sein, daß es von jeder Seite des Maules ca. ½ cm heraustritt und die Lefzen nicht zusammendrückt.

Schließlich gibt es noch _gebrochene_ und _doppelt gebrochene Mundstücke_, welche die Schärfe der festen Mundstücke aufheben oder wenigstens mildern sollen. Ich liebe sie nicht, weil der Druckpunkt, auf welchem der ganze Mechanismus basiert, erschüttert ist. Des ferneren soll die Zunge dadurch entlastet werden, dafür kneifen aber die Ballen im Verein mit der Kinnkette um so mehr um das Kinn herum, und schließlich wollen wir die Zunge ja gar nicht entlasten. Man nennt ein solches Mundstück, an dem sich gewöhnliche Stangen befinden, eine _gebrochene_ Kandare; befindet sich an demselben in der Höhe des Mundstückes noch ein großer Ring zum Einschnallen des Trensenzügels, einen _Pelham_ (Fig. 16), welcher ohne Unterlegetrense geritten wird.

Bei einer Kandare, die für die meisten Pferdemäuler und die meisten Fäuste passen soll, ist die Starrheit der Zäumung zu vermeiden, damit das Pferd möglichst viel Freiheit genießt und mit dem Gebiß spielen kann, weil es dadurch ein frisches Maul behält. Diesem Zwecke dient ein locker sitzender Ring statt des Stuhlloches, wie ihn z. B. die _Schreckensteinsche_ Kandare führt.

Zum Einhängen der Kinnkette bediene man sich der von _Troschkeschen_ Kinnkettenhaken, die so gerichtet sind, daß die Unterlegetrense sich nicht in dieselben einhaken kann, was bei den sogenannten Federhaken öfters vorkommt.

Das _Maßnehmen für die Kandare_ geschieht folgendermaßen:

Man hält ein etwa 15 Zoll langes Stäbchen an den Punkten, wo das Mundstück aufliegen muß, über die Zunge, faßt die Enden desselben mit den geschlossenen Fäusten und aufwärts gestreckten Zeigefingern und rückt mit beiden Händen auf demselben bis an die Lefzen des Pferdes, dieselben leicht berührend, vor. Dann nimmt man das Stäbchen aus dem Maul und läßt die so mit den Fingern markierte _Maulbreite_ an demselben durch Einschnitte bezeichnen.

Zur Messung der _Ladenhöhe_ stellt man sich, das Stäbchen mit der linken Faust haltend, an die linke Seite des Pferdes, gibt den Zeigefinger der Kinnkettengrube gegenüber unter die Zunge auf die Laden und bringt den gestreckten rechten Zeigefinger parallel zum linken in die Kinnkettengrube. Ihre Entfernung ergibt genau die Ladenhöhe, welche gleichfalls auf dem Stäbchen zu bezeichnen ist. Nach diesen beiden Maßen werden alle Teile der Kandare bemessen; die Breite des Maules gibt die Weite der Kandare oder Breite des Mundstückes, die Ladenhöhe die Höhe des Oberbaumes.

Endlich ist noch anzuführen, daß die Tiefe der Spaltöffnung des Pferdemaules auch verschieden zu sein pflegt, was mit bezug auf die Lage der Kandare im Pferdemaul zu berücksichtigen ist.