Der Damen-Reitsport

Part 11

Chapter 113,606 wordsPublic domain

»Zu meinem Bedauern«, sagt derselbe, »sehe ich mich genötigt zu erklären, daß die Dame -- um sich in den Sattel zu setzen -- gewöhnlich das Gegenteil von dem tut, was erforderlich ist: sie setzt den _linken_ Fuß in die ihr zum Hinaufheben dargereichten Hände und schwingt sich -- indem sie den Körper nach vorwärts hinaufschnellt -- mit dem rechten Fuß so ab, daß sie sich auf dem linken Fuß erheben kann. Es folgt daraus, daß ihre ganze Körperlast plötzlich auf die ihr als Tritt dienende Hand zurückfällt, und daß die Bewegung, die sie nach vorwärts macht, den Herrn unvermeidlich nach rückwärts wirft und ihn so von der Schulter des Pferdes entfernt. Sie sollte im Gegenteil -- während sich ihr _linker_ Fuß in den Händen des Herrn befindet -- sich nur des _rechten_ Beines zu einem leichten Abstoß bedienen, welcher dem Knie die nötige Spannung erlaubt, und sollte dabei den Körper recht gerade -- eher noch etwas nach rückwärts geneigt -- halten. Diese ist eine der einfachsten Bewegungen; sie ist genau diejenige, welche man ausführt, um eine etwas hohe Treppenstufe zu ersteigen. Die Reiterin soll nicht durch einen Sprung sich zu erheben suchen; ihr ganzer Kraftaufwand soll sich darauf beschränken, das linke Knie herauszustrecken, daß das Bein vollständig gerade wird und so bleibt, indem das Kreuz seine recht gerade Haltung beibehält. Sie sollte sich endlich mit den Armen helfen; die linke Hand auf die Schulter des Herrn gestützt, die rechte auf das obere Horn. (Fig. 44.) Indem sie so verfährt, wird sie ganz gerade unter dem Einfluß der tragenden Hände aufsteigen und ungezwungen im Sattel Platz nehmen, ihren Sitz dabei ein wenig nach rückwärts verlegend. Sie selbst soll nicht versuchen, das Pferd zu erreichen. Der Herr soll sie auf den Sattel heben, sie soll sich nur darauf zurechtsetzen. Wenn die Reiterin in den Sattel springen will, stößt sie gewöhnlich schon dagegen, bevor sie über ihm schwebt, und fällt dann auf den Herrn zurück.

Ich muß hinzufügen, daß es überhaupt eine schlechte Gewohnheit der Reiterinnen ist, den _linken_ Fuß zu geben. Das ist alter Brauch, dessen Ursprung und Fortdauer ich mir nicht erklären kann. Es ist doch Tatsache, daß die Dame, wenn sie beim Aufsitzen den linken Fuß darbietet und in der Schwebe ist, das Gesäß von vorn nach rückwärts und von links nach rechts bringen muß, während der Herr eine Bewegung von rückwärts nach vorwärts und von rechts nach links macht; das ist doch eine doppelt verkehrte Haltung. Wenn hingegen die Dame ihren -- dem Pferde zunächst befindlichen -- rechten Fuß gibt, genügt ein kleiner Abstoß des linken Fußes und das Ansteifen des rechten Knies, um sich ganz ungezwungen längs des Sattels hochzuziehen und -- ohne die geringste Verschiebung -- sich sofort richtig auf demselben zu befinden. Versuchen Sie, meine Damen, auf diese Weise und ohne Vorurteil acht Tage hindurch, und ich bin sicher, daß Sie diese Art aufzusitzen annehmen werden.

Einmal im Sattel, soll die Reiterin sofort und ohne sich lange mit dem Ordnen des Reitkleides aufzuhalten, ihr rechtes Bein um das obere Horn legen. Dieses ist das einzige Mittel, einen Fall zu vermeiden, wenn das Pferd einen Seitensprung machen sollte. Ich behaupte sogar, daß die Hände des Herrn erst dann die Füße der Dame loslassen sollen, wenn das rechte Bein sicheren Halt gefunden hat.

Um _abzusteigen_, läßt die Reiterin den Bügel los und reicht die linke Hand dar, nimmt dann das rechte Bein aus der Gabel, gibt die rechte Hand und läßt sich -- wenn sie so auf dem Sattel sitzt -- ohne zu springen heruntergleiten, indem sie die Arme ein wenig anspannt (Fig. 45). Sie muß auf die Fußspitzen fallen und dabei die Kniee beugen, um so jeden Stoß zu vermeiden. Es ist nicht überflüssig, dies anzuempfehlen, denn nach einem etwas langen Ritt sind die Beine oft steif und ungelenk.

Ich wiederhole, daß die Dame ihre Hände geben und nicht springen, sondern heruntergleiten soll. Sehen Sie doch, wie es am häufigsten geschieht: die Dame wirft sich förmlich vom Sattel herunter, der Herr fängt sie auf, sie dabei in der Taille umfassend, und läßt sie, wenn er sie nicht mit steifem Arme halten kann, an seinem Körper entlang gleiten. Das ist weder angenehm, noch schön, sondern unpassend.«

_Dem Verpassen des Bügels_ sind an dieser Stelle noch einige Worte zu widmen. Es kommt darauf an, daß der Bügelriemen genau der Länge des Unterschenkels gemäß, bezw. mit der Dicke des Oberschenkels über dem Knie entspricht, daß er also weder zu lang, noch zu kurz ist, -- denn dieser einzige Bügel gibt der Dame den Stützpunkt. (Fig. 46, richtige Länge des Bügels, bei welcher einige Zentimeter Luft sich zwischen Bein und Horn befinden.) Bei _zu langem Bügel_ (Fig. 47) würde der Fuß den Bügel fortwährend suchen müssen und ihn nicht sicher festhalten können, wodurch der Sitz locker und unsicher wird. Bei _zu kurzem Bügel_ (Fig. 48) würde das Knie zwischen Horn und Bügel gleichsam wie in einem spanischen Brett eingeschnallt sein, was der Reiterin Unannehmlichkeiten besonders bei stärkeren Gangarten bereiten würde. Also: _Richtige Verpassung des Bügels sehr wichtig_!

Noch sei erwähnt, daß bei verlorenem Bügel -- eine Situation, die leicht eintreten kann -- die Reiterin keine Zeit mit dem Suchen nach dem Bügel verlieren möge, sondern unverzüglich das rechte Bein unter das linke steckt -- analog Fig. 49 -- weil damit sofort wieder ein sicherer Sitz gewonnen wird.

10. Reitunterricht in der Bahn.

Die Anfangsgründe des Reitens erlernt die Dame in der Reitbahn. Es sind der _Reitsitz_, die _Handhabung der Zügel_ und die _Hilfen_.

Für das _Bahnreiten_ sind ein paar kurze Vorbemerkungen nötig:

Man wechselt gewöhnlich die Hand, wenn man zehn Minuten darauf gewesen ist, d. h. wenn man zehn Minuten rechts herum geritten hat, reitet man die anderen zehn Minuten links herum, gleichgültig ob durch die Ecken oder auf dem Zirkel geritten wird.

Man setze sich täglich _eine Stunde_ als Pensum fest; diese Zeit wird während der Bahnperiode für Pferd und Reiterin genügen.

Das Erlernen des Reitens nach einem Buche kann nur dann einen Erfolg haben, wenn die Reiterin die für die Lektion bestimmte _Theorie_, _bevor_ sie sich auf das Pferd setzt, vollständig inne hat.

Wenngleich auch jeder Reitlehrer seine eigene Methode hat, nach welcher er seinen Unterricht erteilt, so habe ich mit der des Grafen _Dénés Széchényi_, von welcher ich bereits gesprochen, die besten Resultate gehabt. Ich stehe daher nicht an, den Gang dieser Reitmethode den angehenden Reiterinnen hier zu unterbreiten, es ihnen überlassend, ob sie bezw. ihr Reitlehrer davon Gebrauch machen wollen.

Man bedarf dazu eines Pferdes, welches, durch Vorübungen dressiert, sicher an der Longe auf dem Zirkel geht. Jedes gut gerittene Pferd wird das in kürzester Zeit erlernen, sogar auf Kommando die gewünschten Gangarten -- bei richtiger Longenhilfe -- anschlagen. Wenn die Dame dieser Vordressur, welche höchstens acht Tage in Anspruch nimmt, selbst beiwohnt, so kann das nur von Nutzen sein, indem sie dabei ihr Pferd und das Pferd sie kennen lernt.

Hier eine besondere Anweisung über diese Longenarbeit zu geben, würde zu weit führen. Jeder Reitmeister muß damit vertraut sein. Es sei jedoch daran erinnert, daß nur pedantische Genauigkeit bei der Dressur die Sprache ist, welche das Pferd versteht, die daher allein zum Ziele führt, -- und daß man seine Lektionen den Neigungen des Pferdes möglichst anzupassen sucht. Es ist demnach notwendig, bei allen Gelegenheiten _dieselben Zeichen und Hilfen_ zu geben, da das Pferd sonst konfus wird.

11. Der Lehrgang nach der Reitmethode des Grafen Dénés Széchényi.

Wie schon angeführt, gipfelt diese vorzügliche Reitmethode -- oder besser die das Reiten lehrende -- in der Unabhängigkeit der Zügelführung vom Sitz. Sie wird derartig ausgeführt, daß die Schülerin zuerst auf dem Damensattel -- und zwar in allen Gangarten wie auch im Sprung -- _festsitzen lernt_, ehe sie die Zügel in die Hand bekommt, um die Zügelführung zu lernen. Das Mittel dazu ist _Ballspielen zu Pferde_. Indem die Dame den hochgeworfenen Ball wiederzufangen sucht, bezw. auch einen ihr zugeworfenen, wird sie ihren Oberkörper mit ausgestreckten Armen nach allen Richtungen biegen müssen, ohne dabei ihren Sitz zu verlieren. Dadurch wird sie biegsam, geschmeidig und sicher, und es genügen schon 14 Tage, um sie diese Sicherheit empfinden zu lassen. Sie wirft den Ball in jeder Gangart, auch beim Springen, so daß später die Bewegung des Pferdes auf ihren Sitz ohne Einfluß ist. Die Zügel des Pferdes -- dasselbe kann auf Trense gezäumt sein, bezw. mit Laufzeug, wie Fig. 34 zeigt -- sind inzwischen am Sattel befestigt.

Nachdem die Reiterin das Pferd bestiegen hat, wird der Bügel verpaßt. Derselbe muß, wie bereits im vorigen Kapitel angeführt, die Länge des Unterschenkels der Dame haben, so daß die Oberschenkelfläche des Knies mit geringem Spielraum am Jagdhorn anliegt, während der Fuß mit leicht nach unten gedrücktem Absatz auf der Trittfläche des Steigbügels ruht. _Auf dem Festhalten des Bügels mit dem Fuße beruht die Sicherheit des Sitzes der Dame._ Besonders im Trabe, wo der Körper emporgeworfen wird, ist das von Wichtigkeit, und kann nur durch ein biegsames, _federndes_ Fußgelenk erreicht werden. Da die _Ballen_ des Fußes auf der Trittfläche ruhen, so muß der Fuß beim Emporfliegen des Körpers gestreckt werden.

Wie schon angeführt, kann sich die Dame gegen ein etwaiges Verlieren des Bügels durch eine über Fuß und Bügel gezogene Gummischleife schützen. Das Halten der _Balance_ lernt sich ganz mechanisch von selbst.

a. _Reiten ohne Zügel._

Nachdem die Reiterin das Pferd bestiegen hat, nimmt sie den vorschriftsmäßigen Sitz ein, gibt dem Pferde durch einen Zungenschlag die Hilfe zum Antreten und sucht in der Bewegung, die zuerst Schritt sein kann, die vorgeschriebene Haltung zu bewahren. Ihre Hände mag sie vorerst in die Hüften setzen und den Oberkörper stets eher nach hinten statt nach vorn geneigt zu halten suchen. Wird das Pferd unruhig, so faßt die Reiterin mit beiden Händen in die Zügel und gibt ihm einen Arrêt.

In dieser Weise, mit Schritt anfangend, macht die Reiterin alle Gangarten durch, am besten in der Reihenfolge Schritt, Galopp, Trab, da letztere Gangart die schwierigste für die Anfängerin ist. Gerade in dieser hat sie zu beachten, daß sie nicht an der linken Seite hängt, sondern daß sie recht auf der Mitte des Sattels, ohne Verdrehung der Schulter, sitzt. Das Pferd, welches anfangs vielleicht, durch den etwaigen unsicheren Sitz der Reiterin beeinflußt, etwas unruhig sein wird, wird durch Streicheln und Klopfen beruhigt. Diese Übung ist als eine rein gymnastische zu betrachten, durch welche der Körper auf einer sich bewegenden Maschine Balance halten lernt, welche letztere in kurzer Zeit eine mechanische Sicherheit erzeugt. Sowie die Reiterin dies bemerkt (was schon nach drei bis vier Stunden der Fall sein wird), geht sie zum Ballfangen über. Bevor dies jedoch geschieht, ist es rätlich, die Bewegungen des Ballfangens mit den Armen blind durchzumachen, damit das Pferd sich an die Art der Armbewegung der Reiterin gewöhnt. Dann nimmt man gewöhnliche Leder- oder Gummibälle, wirft sie in die Höhe und sucht sie wieder aufzufangen.

(_Anmerkung_: In der ersten Zeit wäre es vielleicht ganz praktisch, jemand zur Hand zu haben, welcher die zur Erde gefallenen Bälle aufhebt und sie der Reiterin wieder einhändigt, später zuwirft. Man kann aber auch den Ball an einen langen Bindfaden befestigen, welcher am Sattel festgemacht wird. Dann kann man den Ball, falls man ihn nicht gefangen hat, immer selbst hinaufziehen.)

Die Zeitdauer dieser Übung richtet sich nach dem Gefühl der Sicherheit, welches die Reiterin empfindet, und ist abhängig von ihrer körperlichen Anlage bezw. ihrem Geschick zum Reiten. Vierzehn Tage aber werden auch weniger begabte Anfängerinnen schon um ein Bedeutendes gefördert haben.

Danach kann sofort zum _Barrierespringen_ übergegangen werden, wobei die Reiterin fast gar keine Schwierigkeiten mehr zu überwinden haben wird. Die Stange, welche anfangs vielleicht 30 cm hoch eingelegt war, braucht nicht über einen Meter hinaus höher gelegt zu werden, obgleich für spätere Zeit auch der höchste Sprung der Reiterin keine Schwierigkeiten mehr bereiten wird.

(_Anmerkung_: Man lasse der Schonung des Pferdes wegen nicht zu oft springen; fünf- bis sechsmal bei niedriger Stange, und dann meist kurz vor Schluß der Übung, wird das Richtige sein. Über eine Vorrichtung, die Springstange anzubringen, mag man selbst nachdenken, nur achte man darauf, daß die Stange, im Falle das Pferd dagegen stößt, nach vorn herausfallen kann.)

Die Haltung zu Pferde, an welche die Reiterin zwar stets gedacht hat, wird sich inzwischen ganz von selbst gefestigt haben, so daß dieselbe binnen kurzem zur Erlernung der Zügelführung wird übergehen können.

(_Anmerkung_: Das Wechseln der Gangarten muß einerseits der Schonung des Pferdes, andererseits der harmonischen Durchbildung der Anfängerin wegen recht regelmäßig geschehen, doch ist zu bemerken, daß der Trab immer die Hauptübung bleiben muß, da er für das Pferd wie für die Reiterin, für letztere in Beziehung auf die Korrektheit des Sitzes, die nützlichste ist.)

Allmählich müssen auch die Versuche zur Erlernung des _englischen Trabes_ gemacht, welche, nachdem die Reiterin mit den Bewegungen des Pferdes sich vertraut gemacht hat, bald von Erfolg gekrönt sein werden.

b. _Reiten mit angefaßten Zügeln._

Die Balllektionen sind damit zu Ende. Statt des Balles wird die Reitgerte in die rechte Hand genommen. Dieselbe wird mit der vollen rechten Hand gleich unter den Knopf, Spitze nach unten gerichtet, erfaßt. Bei den Hilfen schiebt man sie ev. zwischen den Mittel- und Ringfinger. Wenn die Reiterin jetzt den Zügel in die Hand nimmt, zu welcher Übung das Pferd auf Kandare ohne Kinnkette gezäumt wird -- die Haltung der Zügel hat sie bereits in der Vorübung gelernt --, so wird sie dieselben auch nur dazu benutzen, wozu sie da sind, nämlich zur Führung des Pferdes und nicht um sich daran festzuhalten -- wodurch das Maul des Pferdes in der unverantwortlichsten Weise malträtiert wird --, und da sie mit der Festigung des Sitzes das Schwerste überwunden hat, so wird sie das andere spielend erlernen. Das Kapitel über Zügelführung vorher noch einmal durchzusehen, würde sich recht nützlich erweisen. Die Reiterin reitet noch einige Lektionen an der Longe, und zwar, um dem Verdrehen der Schultern vorzubeugen, mit angefaßtem Trensenzügel. Die Arme liegen rechtwinklig mit den Ellenbogen über den Hüften leicht am Körper. Bei Kopfbewegungen des Pferdes geben die Arme federnd nach und kehren in ihre vorherige Lage zurück, das Pferd dadurch sanft in seine aufgerichtete Stellung zurückbringend. Der Körper darf sich unter keinen Umständen durch die Kopfbewegungen des Pferdes vornüber ziehen lassen, er bleibt in der erlernten Stellung. Die Handgelenke (Fingernägel gegen den Leib, Daumen nach oben) geben den Bewegungen des Pferdes ebenfalls federnd nach. Immer leichte Führung bei anstehenden Zügeln! Niemals festhalten!

(_Anmerkung_: Beim Reiten auf dem Zirkel werden die Hände stets so gehalten, daß die innere Hand eine Handbreit tiefer steht, als die äußere. Der innere Zügel wird dabei etwas kürzer genommen als der äußere, um das Pferd mit dem Kopfe nach innen zu stellen, und zwar so weit, daß die Reiterin das innere Pferdeauge schimmern sieht. Die Gradausrichtung des Halses muß beibehalten werden, was man durch Anlegen der Zügel an den Hals zu bewirken sucht. Auf der langen Linie muß das Pferd durchaus geradeaus gestellt sein.)

In dieser Lektion lernt die Reiterin, da sie bereits in ihrem Sitz perfekt ist, das Pferd mittels der Zügel in der Gleichgewichtsstellung erhalten, soweit der bisher noch tote Schenkel, der erst allmählich zur Tätigkeit übergeht, dies gestattet. Das Gefühl des Gleichgewichts wird man haben, wenn das Pferd sich leicht an das Gebiß lehnt und darauf kaut, und wenn es der Reiterin ohne Erlahmung der Arme gelingt, das Pferd in dieser Stellung zu erhalten. Es werden hier wieder, wie in den anderen Lektionen, alle Gangarten mit den betreffenden Wechslungen durchgeübt, auch kann dem Pferde nach den ersten Zügelübungen, besonders wenn die Reiterin fühlt, daß sie das Pferd wirklich führt, die Longe ausgeschnallt werden. Damit wird auch _die Kinnkette eingelegt_ und die Reiterin führt das Pferd nunmehr mit der linken Hand allein.

_Die Hilfen zum Reiten in den verschiedenen Gangarten_ werden nun nicht mehr durch die dem Pferde gelehrten Zeichen gegeben, sondern nach den in den betreffenden Kapiteln enthaltenen Andeutungen, und es ist speziell zu üben:

1. Das Anreiten aus dem Schritt. 2. Das Antraben aus dem Schritt. 3. Das Verstärken des Trabes. 4. Das Verkürzen. 5. Das Ansprengen zum Galopp. 6. Das Übergehen in den Schritt. 7. Das Anhalten.

Diese Lektion erscheint ziemlich umfangreich, daher muß sich die Reiterin bei der großen Wichtigkeit der Sache die Zeit nehmen, sich nicht nur gründlich theoretisch zu informieren, sondern auch die praktischen Übungen genügend auszudehnen. Ob sie die Theorie richtig in die Praxis überträgt, kann sie daran erkennen, daß das Pferd _ihre Hilfen versteht_ und ohne Weiterungen darauf reagiert.

Nach Beendigung dieser Lektion, welche noch, wenn auch ohne Longe, auf dem Zirkel geübt wurde, wird dieser verlassen, um auf das Viereck zu reiten und damit zum ersten Male _Wendungen_ zu üben.

Dabei wirken hauptsächlich der äußere Zügel und der innere Schenkel bezw. rechts statt dessen die Reitpeitsche. Die Dame führt das Pferd von nun an nur auf Kandarenzügel, da sie die rechte Hand zur Führung der Reitpeitsche braucht. Ersterer gibt dem Pferde die mechanische Hilfe dadurch, daß sich die Zügelhand ein wenig nach innen schiebt. Der Körper verlegt seinen Schwerpunkt etwas nach innen, der innere Schenkel wirkt gegenhaltend, so daß das Pferd gezwungen wird, gleichsam um den Schenkel bezw. die Peitsche herumzugehen, sich demnach in den inneren Rippen und der Wirbelsäule zu biegen. Vor der Wendung wird das Pferd versammelt und diese selbst in gemäßigterem Tempo durchgeführt. Das Wechseln von einer Hand auf die andere geschieht durch das _Changieren durch die Bahn_ und beginnt, nachdem die Reiterin die kurze Seite der Bahn und ihr Pferd eine Pferdelänge die lange Seite passiert hat. Dann tritt eine Viertelwendung durch die Diagonale der Bahn ein, jedoch so, daß der Kopf wieder auf eine Pferdelänge vor der diagonalen Bahnecke gerichtet ist. Es würden zu dieser Lektion noch hinzutreten das Üben des Arrêts und das Kurz-Kehrt. Bei letzterem läßt man das Pferd auf der Hinterhand herumtreten, es wirken dazu äußerer Zügel und Schenkel bezw. Reitpeitsche, der innere gegenhaltend.

Ist mit dieser Übung eine hinreichende Sicherheit in der Führung des Pferdes eingetreten, so geht man zu _Tummelübungen_ über.

Unter Tummelübungen verstehe ich das Üben von Volten, Halbzirkeln, Vierecken, Figuren, Achten und Schlangenlinien, sowie von Wechslungen auf die andere Hand. Sie dienen dazu, das Pferd lenk- und biegsam zu machen und sind als gute Vorübungen für das Reiten in koupiertem oder unebenem Terrain zu betrachten.

Ist die Reiterin bis jetzt nur auf einem Hufschlag geritten, so müssen zur Übung für Pferd und Reiterin auch die _Seitengänge_ und das _Zurücktreten_ durchgenommen werden. Da das Pferd damit vertraut ist, so ist es die Sache der Reiterin, ihm nach der Theorie die richtigen Hilfen dazu zu geben. Mit beiden Übungen quäle man das Pferd nicht zu lange, da sie unter der Anfängerin für dasselbe nur von geringem Nutzen sein werden. In dieser Lektion kann auch die Springstange wieder hervorgeholt werden. Stete Übung und Repetition werden immer notwendig sein, und wenn der Sommer zum Reiten im Terrain verwendet ist, kehre die Reiterin im Winter zu den weniger amüsanten, aber stets lehrreichen Einzel-Lektionen zurück.

Der Bahnkursus ist damit zu Ende. Habe ich im ganzen auch nur Andeutungen dafür geben können, so wird die aufmerksame und energische Reitschülerin dieselben doch mit bedeutendem Nutzen für sich verwenden können.

Ich habe mich wohl gehütet, eine Zeitdauer als genügend zum Erlernen jeder Lektion anzugeben, weil eine solche nach der Individualität der einzelnen Dame ganz verschieden ausfallen dürfte; sogar das Gefühl des Innehabens der Lektion wird von den einzelnen verschieden beurteilt werden. Ich glaube aber, daß eine mit persönlichem Geschick, Energie und körperlichen Kräften ausgestattete Schülerin binnen drei Monaten (der Winter würde dafür vortrefflich geeignet sein) den Kursus so weit absolvieren wird, um mit Sicherheit im Freien reiten zu können. Weniger Begabte werden bei Fleiß und Mühe dieses Ziel auch erreichen, wenngleich es etwas langsamer geht. --

Jetzt aber strahlt die Frühlingssonne vom blauen Firmament herab, mit grünen Knöspchen bedecken sich Baum und Strauch. Abgeschüttelt wird der Winterstaub, und die würzige Frühlingsluft wird tiefatmend eingesogen, unter Bäumen und im Felde lustwandelnd und damit ist auch für die fleißige Bahnreiterin die Zeit gekommen, wo sie den Lohn ihres Fleißes _ernten_ soll -- schon im Frühling! Sie kann nun reiten, sie kennt ihr Pferd und dessen Eigenart, sie weiß es verständig zu führen und sie wird nun zum ersten Male auf der Promenade erscheinen und sich dem erstaunten Volke zeigen!

Welche Wonne, auf den ebenen, weichen Wegen dahinzufliegen, frei, wie der Vogel in der Luft, das edle Tier unter sich, welches sie mit sicherer Hand an leichtem Zügel führt! O Reiterwonne -- durch welchen Sport kannst du ersetzt werden?

Also -- wir reiten ins Freie, ins Terrain, in den Wald, wohin uns unsere Lust führt.

12. Das Reiten im Freien.

Reiten Sie mit Gott, schöne Leserin, wenn Sie sich Ihrer und Ihres Pferdes vollständig sicher fühlen, aber nehmen Sie von mir noch einige gute Ratschläge mit auf Ihren neuen Weg, wohin er Sie auch führen möge. Der Accidents gibts mannigfache, mehr als in der Reitbahn -- und so muß ich denn als erste Grundlage für das Reiten im Freien anführen: _Reiten Sie nie unaufmerksam_! Haben Sie Ihr Pferd stets am Zügel, und ob Sie mit Ihren Begleitern Konversation machen, haben Sie Ihre Augen stets vorauf auf den Weg und auf die Gegend, welche sie passieren wollen, -- auch achten Sie stetig auf das _Ohrenspiel Ihres Pferdes_. Sie werden die feinen Nuancen dieses Ohrenspiels bald kennen lernen, es wird Ihnen sagen, ob alles ruhig ist oder ob irgend etwas vor Ihnen -- vielleicht auch hinter Ihnen -- vorgeht, wodurch das Pferd erregt oder erschreckt werden könnte. Schon ein plötzlich hervorschießender kläffender Dorfköter, ein auffliegendes Rebhuhn u. dergl. m. kann Ihr Pferd aus der Kontenance bringen, -- um so ruhiger bewahren Sie die Ihrige, dann wird sich auch das Pferd beruhigen.

Beim Hinausreiten müssen Sie vielleicht einen Teil der Stadt passieren, da wird das Pferd, nach der langen Bahnperiode besonders, vergnügt und munter sein, daher ist doppelte Vorsicht nötig. Denken Sie auch an die neuen Eindrücke, die das Pferd erhält. Da sind die gepflasterten oder asphaltierten, jedenfalls glatten Straßen, mit ihrem Trubel an Fußgängern, elektrischen Bahnen, Wagen, Automobilen, Fahrrädern usw. und dem dadurch verursachten Lärm zu passieren, bis hinter dem Tore, den Brücken etc. endlich die Promenade oder das freie Terrain anfängt. Bis dahin wird ruhiger, kadenzierter Schritt geritten, damit das Pferd auf dem Pflaster nicht ausgleitet und durch eine zu starke Dröhnung der Hufe nicht leidet.