Der Damen-Reitsport

Part 1

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Bibliothek für Sport und Spiel

Der Damen-Reitsport

von Richard Schoenbeck

Major a. D. Präsidial-Mitglied des Deutschen Sportvereins

Mit 50 Abbildungen

Leipzig Grethlein & Co.

Alle Rechte von der Verlagshandlung vorbehalten.

Spamersche Buchdruckerei in Leipzig.

Inhalts-Verzeichnis.

Seite

Einleitung 7

I. Abschnitt.

Die Reiterin.

1. Aus welchem Grunde reiten Damen? 15

2. Sollen Damen im Seit- oder Reitsitz reiten? 18

3. Vom Reitajustement der Damen und deren Erscheinung zu Pferde 40

4. Der Kavalier 49

II. Abschnitt.

Das Damenreitpferd.

1. Äußere Kenntnis des Pferdes 52

2. Charakteristik des Pferdes 55

3. Anforderungen an das Damenreitpferd 58

III. Abschnitt.

Das Ajustement des Damenreitpferdes.

1. Die technische Wirkung der Zäumung 65

2. Das Kopfzeug 77

3. Der Damensattel 84

IV. Abschnitt.

Die Grundregeln der Damenreitkunst.

1. Schwerpunkt, Gleichgewicht, Aufrichtung und Bezäumung 98

2. Vom Reitergefühl 100

3. Vom Sitz der Dame auf dem Damensattel 104

4. Von den Gewichtshilfen 112

5. Von der Zügelführung und -wirkung 115

6. Behandlung des Pferdes unter dem Sattel 119

V. Abschnitt.

Praktische Reitkunde.

1. Vorbereitungen 124

2. Das Handhaben der Zügel 125

3. Die Hilfen 128

4. Die Strafen 130

5. Anhalten und Parieren 131

6. Die halben Anhaltungen 132

7. Die Wendungen 133

8. Das Reiten der verschiedenen Gangarten 134

9. Auf- und Absitzen 149

10. Reitunterricht in der Bahn 155

11. Lehrgang nach der Methode des Grafen D. Széchényi 157

12. Das Reiten im Freien 164

Schluß 169

Einleitung.

Der Damenreitsport wird in deutschen Landen nicht untergehen, er blüht im Gegenteil -- zu Nutz und Frommen aller reitfreudigen Damen -- lustig empor.

Vor mehreren Jahren hatte es allerdings den Anschein, als wenn das Fahrrad siegreich emporsteigend und jeden andern Bewegungssport überflügelnd, sich die Welt erobern wollte, und die Weisen des Fahrradsports erklärten unumwunden, daß damit die bisher unbestrittene Herrschaft des Pferdes als vornehmstes Luxus- und Sportmittel zu Ende sei. Die Erscheinungen, auf denen diese Ansicht basierte, waren allerdings danach angetan, sie nicht unmotiviert erscheinen zu lassen. Sie traten ganz besonders in Amerika, England und Frankreich hervor, wo die Tattersalls und Reitinstitute leer standen und deren Besitzer sorgenvolle Gesichter machten, denn viele ihrer Klienten und Pensionäre waren vom lebenden Roß auf das Stahlroß gestiegen. Dieses jedoch hat längst den Kulminationspunkt seiner Siegeslaufbahn überschritten. In der besseren Gesellschaft aber, -- wenigstens bei uns in Deutschland -- hat das Fahrrad wohl nie recht festen Fuß zu fassen vermocht, und heute ist das edle Luxuspferd ein eben so gesuchter Artikel, wie er es stets gewesen.

»Wer nie im Morgensonnenlicht Auf flüchtgem, leichtbehuftem Pferde Den Wald durchflog -- der kennt sie nicht, Die höchste Wonne dieser Erde!«

Tausende und Abertausende von Reitern werden die Wahrheit dieses Verses bestätigen. Aber nicht nur sie, sondern auch die Vertreterinnen des schönen Geschlechts, denen es vergönnt ist, sich dieser edelsten aller Sportarten hingeben zu können, werden das tun, denn das Reiten ist nicht ausschließlich ein Vorrecht der Männer, war es zu keiner Zeit!

Von jeher haben sich auch Frauen zur Fortbewegung und zum Vergnügen je nach Bedürfnis der Reittiere bedient. Nur daß ehemals vielfach Notwendigkeit war, was heute ein ebenso angenehmer, wie gesundheitsfördernder Sport ist. Wagen waren beispielsweise im Mittelalter bei der Unebenheit, ja Unergründlichkeit -- auch Unsicherheit können wir noch hinzufügen -- der Straßen für längere Reisen außerordentlich unbequem, oft geradezu unmöglich zu gebrauchen, abgesehen davon, daß ihre Bauart noch höchst primitiver Natur war. Die Damen der besseren Stände mußten ihre Reisen deshalb zu Pferde unternehmen, und da sie unter dem Diagonaltrab des Pferdes arg zu leiden hatten -- auch die Damensättel waren zu jener Zeit recht mangelhaft -- dressierte man zu ihrer Erleichterung den Damenpferden, »Zeltern«, eine künstliche Gangart, den »Paß« an, bei dem statt der diagonalen Vorwärtsbewegung der vorderen und hinteren Gliedmaßen des Pferdes sie sich gleichseitig vorwärts bewegten, womit, gleich wie bei dem Kamel, eine zwar etwas schwankende, aber ungleich sanftere und daher für lange Touren bequemere Gangart erzielt wurde.

Daß die Reiterin übrigens auch schon in den dem Mittelalter voraufgehenden Jahrhunderten eine bekannte Erscheinung gewesen sein muß, geht aus der großen Zahl von rossetummelnden Frauen hervor, von denen uns Dichtung und Sage zu berichten wissen. So zogen, wie erzählt wird, um die Mitte des 12. Jahrhunderts dreihundert tapfere Jungfrauen wohlberitten mit Kaiser Konrads Kreuzheer ins heilige Land, und auch im Frieden taten sich deutsche Frauen oft genug in dieser chevaleresken Kunst hervor. Gern begleiteten sie ihre Herren und Gebieter auf die Hatz von Hirsch und Eber; als ganz besonderen Sport aber betrieben sie die Reiherbeize mit dem Falken. Freilich nicht immer mit Glück: beide Gemahlinnen Kaiser Maximilians, Maria von Burgund und Blanka Sforza, verloren dabei durch Sturz vom Pferde ihr Leben, ebenso erlitt Katharina von Medici dabei zweimal bedeutende Verletzungen.

Was den heut üblichen Quersitz der Damen betrifft, so scheint er vor dem 12. Jahrhundert nur ausnahmsweise angewendet worden zu sein. Wir haben allerdings keine Nachrichten darüber, wie die Frauen des Altertums zu Pferde saßen; wir wissen nichts davon, weder von Semiramis, noch Dido, Cloelia, der persischen Königin Rhodoguna, Zenobia, Cäsonia, den Frauen des Caligula, Hiera, der schönen Mysierin, den Frauen Palästinas usw. Amianus Marcellinus scheint anzudeuten, daß die Frauen nur auf einer Seite des Pferdes, so wie heute, gesessen haben; indessen ist es wahrscheinlich, daß in früheren Zeiten des Altertums die Frauen nach Männerart zu Pferde saßen. Es heißt, daß Anna, die Tochter eines böhmischen Königs, angefangen habe, sich eines Quersattels zu bedienen, und daß dessen Gebrauch dann sehr allmählich nach Deutschland und Westeuropa überging. Noch im 13. Jahrhundert scheint er nur hier und da als vornehme Sitte gern aufgenommen und erst im 14. Jahrhundert allgemeiner geworden zu sein. In den Kommentaren von Stowe lesen wir, daß Richard I., als er sich von den Rebellen von Kent bedroht sah, sich von Tower nach Milesend begab, zugleich mit seiner Mutter, welche krank und schwach war, und in einem Whirlikote fuhr, welcher als ein abscheulicher Wagen beschrieben wird, der aus vier roh miteinander verbundenen Brettern bestand. Das Jahr darauf heiratete er Anna von Luxemburg, welche den Gebrauch der Damensättel einführte. Gelegentlich der Beschreibung der Turniere sagt der um die Mitte des 14. Jahrhunderts lebende Chronist Keighton: »Eine große Anzahl Damen höchsten Ranges und von ausgezeichneter Schönheit wohnten diesen Turnieren bei. Sie sind in buntfarbige Tuniken gekleidet, halb von einer, halb von einer andern Farbe. Ihre Pelerinen sind sehr kurz, ihre Hüte bemerkenswert klein und auf dem Kopfe durch Schnüre befestigt. Ihre Gürtel und Börsen sind mit Gold und Silber verziert. Sie tragen kleine Degen (Dagues), vorn hängend, etwas unter der Taille. Sie reiten prachtvolle Pferde mit reichem Sattel- und Zaumzeug, und in solchem Aufzuge begeben sie sich von einem Ort zum andern, Turniere aufsuchend.« Ein englischer Chronist zur Zeit Richards II. erzählt, daß die damaligen Edeldamen hohe Mützen und Hüte und Roben mit langer Schleppe zu Pferde trugen und sich nach dem Beispiel der Königin Anna, die diese Mode zuerst in England einführte, des Seitensattels bedienten; »denn vordem ritten Frauen jeglichen Standes, gleichwie die Männer pflegen«. Der von Anna und ihren Nachfolgerinnen gebrauchte Sattel war übrigens nur ein einfaches Reitkissen, auf dem man wie auf einem Stuhl saß, wobei es die höfische Regel verlangte, daß die Reiterin das Gesicht gegen den Kopf des Tieres kehrte. In diesem Sitz, der eben so unsicher wie unbequem, und für die Führung des Pferdes ungeeignet war, sehen wir z. B. auf einem alten Kupferstich die neunzehnjährige Gemahlin des großen Kurfürsten, Luise Henriette von Oranien, abgebildet. (Fig. 1.)

Übrigens hat dieses Damenreiten, »gleichwie die Männer pflegen«, sich, wie aus Abbildungen mannigfacher Art zu ersehen ist, teilweise noch bis um die Mitte des 18. Jahrhunderts erhalten, Beweis genug, daß diese Sitte vor dem Zartgefühl auch einer vorgeschritteneren Zeit Stand zu halten vermochte. So ist z. B. die Prinzessin Kunigunde zu Sachsen in dieser Weise im Schloß zu Koblenz abgebildet, und auch die Prinzessin Friederike Sophie Wilhelmine von Preußen sehen wir auf einem alten Kupferstich im Herrensattel. (Fig. 2.)

Es ist ganz zweifellos, daß der Damenreitsport in neuster Zeit immer mehr an Anhang gewinnt, ganz besonders in den höheren und höchsten Ständen. Das Erscheinen der deutschen Kaiserin bei den Paraden zu Pferde in dem kleidsamen Kostüm ihres Kürassierregiments, eine bisher ganz ungewohnte Sitte, entfesselt stets ein wahres Entzücken bei dem Publikum. Auch die Kaiserin Friedrich, die hier und da in der Uniform ihres Husarenregiments bei Paraden erschien, war eine vorzügliche Reiterin, ebenso wie ihre Tochter, die Erbprinzessin Charlotte von Sachsen-Meiningen. Bekanntlich war auch die unglückliche Kaiserin Elisabeth von Österreich eine der berühmtesten und unerschrockensten Reiterinnen der Neuzeit. Dabei kann es denn nicht ausbleiben, daß viele Damen der höchsten und hohen Stände dem gegebenen Beispiel mit Vergnügen folgen.

Allerdings sind dem Reitsport der Damenwelt, was seine Ausbreitung betrifft, Grenzen gezogen, denn der Kostenpunkt spielt dabei eine nicht unwesentliche Rolle, ebenso wie die geistige und körperliche Befähigung, die Figur und das Taktgefühl der Dame, also die Ästhetik -- und zwar in weit höherem Maß, als bei den Herren. Wenn eine Dame nicht ganz einwandsfrei reitet und dabei eine in Figur, Haltung und Kleidung tadellose Erscheinung zu Pferde bildet, so ist sie dem unliebsamen Urteil des Publikums, das vielfach instinktiv das Richtige trifft, verfallen. Zeigt sich daher eine Dame öffentlich zu Pferde, so muß sie bereits in jeder Beziehung gefestigt sein und darf keine schülerhaften Allüren mehr an sich tragen, was beiläufig auch in bezug auf ihre eigene Sicherheit gefährlich wäre. Findet sich jedoch alles beisammen, ein gutes Pferd, eine elegante Figur mit graziöser Haltung, eine sichere Zügelführung, die jedes Ängstlichkeitsgefühl vermissen läßt, eine schicke, sportgerechte Bekleidung und ein elegantes Reitajustement, so bildet sie unter allen Umständen eine der sympathischsten öffentlichen Erscheinungen, die man sehen kann. Dazu gehört allerdings der _Seitsitz_, an den sich das Auge gewöhnt hat und der auch für die Sicherheit der Amazone vom equestrischen Standpunkt aus als am empfehlenswertesten erscheint.

Dabei möchte ich es allerdings nicht unterlassen, zu erwähnen, daß eine Dame, deren Mittel es gestatten, sich dem edlen Reitsport hinzugeben, nicht früh genug anfangen kann. Das ist also ein Avis für Eltern, welche ihren Kindern diesen eleganten, gesundheitfördernden Sport gewähren wollen. Die Erfahrung hat gelehrt, daß von allen sportlichen Zerstreuungen denen sich die gegenwärtige Generation überläßt, keine der Jugend, wie dem reiferen Lebensalter lebhafteres und heilsameres Vergnügen verschafft, als der Reitsport. Nur durch frühes Anfangen allerdings wird die Möglichkeit geboten, einst voll und ganz die Reitkunst zu beherrschen und den außerordentlichen Genuß zu empfinden, den das _Können_ gewährt. Ein späterer Unterricht kann nur selten ersetzen, was in der Jugend spielend erlernt wird, -- ohne Unterricht, oder fast ohne einen solchen. Es wird stufenweise eine Geschicklichkeit erworben, die mit dem Kinde wächst und sich mit seiner Kraft entwickelt. Wenn der Wuchs es ihm gestattet, den kleinen Pony mit einem größeren zu vertauschen, und später mit einem Pferde, dann ist die junge Dame vollständig fähig, dasselbe in allen seinen Gangarten zu beherrschen. Außerdem liegt in der Hand der Dame, die an das Landleben gewöhnt ist, und die ihre Reitübungen in der Kindheit begann, ein Grad der Bestimmtheit, die zu einer Übereinstimmung zwischen ihr und ihrem Pferde führt, wie er in späteren Jahren nur noch in selteneren Fällen erworben wird. --

I. Abschnitt.

Die Reiterin.

1. Aus welchem Grunde reiten Damen?

Pardon, mes dames, wenn ich diese, Ihnen vielleicht etwas verblüffend erscheinende Frage voranstelle. Ich erwarte von Ihnen auch keine Antwort darauf, sondern werde -- um als »männliche Partei« nicht boshaft zu erscheinen -- die Antwort darauf einer bekannten französischen Schriftstellerin überlassen, die ihre Schwestern ziemlich genau zu kennen scheint, wenn sie das für einen Mann etwas heikle Thema in nachstehender Weise behandelt:

»Ehedem war die Dame zu Pferde eine Ausnahme. Heutzutage reiten fast alle Damen der guten Gesellschaft, und, was noch mehr, sie reiten meist gut. Aber -- sie reiten aus recht verschiedenen Gründen.

Nur eine geringe Anzahl von Damen reitet zum Vergnügen. Diese, welche am seltensten sind, empfinden eine wahre Genugtuung, sich in einer schnellen Gangart davontragen zu lassen, oder in der so angenehmen Gleichförmigkeit einer gutgeregelten Gangart, vorwärts zu streben. Sie finden, daß man zu Pferde besser atmet, daß die Luft frischer erscheint, oder daß keine andere Körperübung mit der des Reitens verglichen werden kann. Sie reiten, um zu reiten, und nicht, um sich bewundern zu lassen, und sie lieben ebenso ein gutes Galopptempo in der Haide, fern von allen Augen, wie einen Morgenspazierritt in den Park.

Die Dame, welche zum Vergnügen reitet, wechselt gern ihre Pferde. Sie kümmert sich wenig darum, ob das Pferd, auf welchem sie sitzt, sie »zur Geltung« bringt, -- sie denkt nur daran, ihr _Pferd_ zur Geltung zu bringen. Es ist ihr gleichgültig, wenn man sagt: »Ich bin heute Frau F. auf einem Pferde begegnet, das ihr vorzüglich steht; sie war noch hübscher als gewöhnlich«. Aber sie ist vor Freude außer sich, wenn sie im Vorbeireiten die Bemerkung hört: »Ich weiß nicht, wie es Frau F. macht, aber dieser Schinder sieht nach etwas aus, wenn sie darauf sitzt.«

Sie liebt es, allein zu reiten, oder doch wenigstens mit Leuten, mit denen sie keine Umstände machen zu müssen glaubt. Sie plaudert gern, wenn sie ein schlechtes oder auch nur ein langweiliges Pferd hat. Hat sie aber ein gutes, so amüsiert sie sich mit ihm, und dieses Amüsement allein genügt ihr.

Sie liebt es zu springen, aber nur über natürliche Hindernisse. Das künstliche Hindernis mag sie nicht. Ebenso hart, wie sie gegen das Pferd ist, das auf der Jagd »refüsiert«, so viel Güte wie Nachsicht findet sie in ihrem Herzen gegen dasjenige, welches vor einem künstlichen Hindernis scheut. Sie verabscheut die belästigenden Begleiter, welche sie gegen das Gebüsch oder den Bürgersteig drängen. Sie verabscheut die Begleiter, welche sich nicht mit ihr in einer Linie halten, und wenn sie etwas nervös machen kann, so sind es Leute, die ihr Pferd nicht vollständig in der Gewalt haben.

Besondere Kennzeichen: Die Dame, welche zum Vergnügen reitet, ist fast immer von einer blühenden Gesundheit. -- Andere Damen reiten, weil sie es für schick halten. Diese beschäftigen sich einzig und allein mit dem Exterieur ihres Pferdes, der Form ihres Hutes, dem Sitz ihres Reitkleides und der Stunde, wo die Promenade mit Modekavalieren bevölkert ist. Sie fühlen sich auf dem Pferde sehr unglücklich und möchten die ganze Zeit über, welche sie auf demselben zubringen, fast weinen, -- aber sie gehorchen dem Zwange der Mode und müssen sich alle Tage zur Promenadenzeit zeigen. Sie reiten zwar schlecht, aber sie sind davon überzeugt, daß sie, wenn man ihnen schmeichelt, niedlich, elegant und selbst graziös sind. Nur aus Eitelkeit, nur um sich bewundern zu lassen, und ohne irgend ein Gefühl für die Freuden der Reitkunst, liegen sie im Sattel. In ihrem Innern aber empfinden sie unwiderstehliche Furcht, wenn sie sich dieser Körperübung hingeben, die sie zu spät begonnen haben, um darin noch etwas leisten zu können.

Es gibt auch Damen, welche aus Reklame reiten. Diese sind nach der Schönheit ihres Pferdes und der Eleganz ihrer Kleidung zu bewerten. Das Amt oder Bankgeschäft ihres Gatten oder Vaters verraten sie oft in einem anscheinend unbedeutenden Detail. Sie reiten im allgemeinen recht mäßig und ohne Vergnügen. Sie würden lieber die Läden ablaufen, wo sie in der verhältnismäßig frühen Morgenstunde, die sie dem Sport widmen, viele Chancen haben, nicht gestört zu werden. Nur Talermillionären gestatten sie, sie zu begleiten. Man darf ihnen keinesfalls mit Leuten begegnen, welche weder ein großes Vermögen oder einen hervorragenden Titel besitzen, denn sonst wäre ja der Zweck, um dessentwillen sie in den Sattel steigen, verfehlt. Ihr Reitkleid, der Reithut, das Zaumzeug und der Reitstock sind von einer äußerst gesuchten und hypermodernen Vollendung.

Die Damen, welche ihrer Gesundheit wegen reiten, sind sehr zahlreich. Sie reiten, um mager zu werden, um stark zu werden, um ihre Gesichtsfarbe aufzufrischen, um Appetit zu bekommen, um Schlaflosigkeit zu bekämpfen usw. Indem sie sich nur ihrer Kur widmen, gehen sie dreiviertel ihrer Zeit so gründlich zu Werke, daß sie erbarmungslos alle friedfertigen Reiter durcheinander bringen. Für sie existiert das Pferd nur als Heilmittel, und an dem Tage, an dem sie mager oder stark geworden sind, an dem sie mit Appetit gegessen oder die Nacht ruhig geschlafen haben, werden sie mit Freuden aufhören, sich einer Körperübung hinzugeben, die in ihren Augen nur ein Frondienst war. Aber so lange sie reiten, werten sie ihre Zeit gewissenhaft ab.

Dann gibt es noch eine Kategorie von Damen, nämlich solche, welche aus Nachahmungstrieb reiten. Diese reiten oft gut, weil sich bei ihnen mit der fixen Idee, einer intimen Freundin oder einer Klostergefährtin nachzuahmen, sehr schnell die noch fixere, sie zu übertreffen, vereinigt.

Sieht eine dieser Damen bei ihrer Freundin ein Reitkleid aus London, dann muß sie sich ebenfalls ein solches von dort kommen lassen. Besitzt ihre Freundin Alice einen Hengst mit Elefantenfüßen und einem Nilpferdkopf, dann wird sie nicht eher ruhen, als bis ihr der liebe Gatte ein Tier gekauft bat, das eher einem Rhinozeros als einem Pferde gleicht. Eine der Damen, denen sie öfter auf der Promenade begegnet, reitet auf einem kleinen Sattel, den man beinahe gar nicht sieht. Die Dame mit dem Nachahmungstrieb wird nicht schlafen können, bevor sie nicht ganz ohne Sattel reitet und so ihre Nebenbuhlerin übertrumpft.

Überaus viel zu schaffen macht dieser Kategorie die Abwechslung in den Reitkleidern. Alle Tage sucht man eine neue Mode aufzubringen oder ein System einzuweihen, welches der von der Nachbarin aufgebrachten Mode oder dem von dieser eingeweihten Systeme den Todesstoß versetzt.«

So, mes dames, ehe Sie nun das Pferd besteigen, um dem edlen Reitsport zu huldigen, wählen Sie, in welche der gezeichneten Klassen Sie sich einreihen wollen, -- aber machen Sie aus Ihrem Herzen keine Mördergrube!

2. Sollen Damen im Seit- oder Reitsitz reiten?

Bevor eine Dame sich dem Rücken des Pferdes anvertraut, sollte sie sich darüber klar sein, in welcher Art und Weise sie reiten will, allerdings eine Vorbedingung, welche seit mehreren Jahrhunderten kaum zur Frage geworden ist. Aber die Emanzipierungsbestrebungen der Damen in neuerer Zeit auf allen Gebieten hat auch auf diesem eine Propaganda gezeitigt, welche nicht unbeachtet vorübergehen konnte, und ich halte es demnach für notwendig und meine Pflicht, diese Frage etwas eingehender zu erörtern.

In erster Linie erscheint es verwunderlich, daß für die -- wir können mit vollem Recht sagen »antiquierte« -- Reitart (im Reitsitz) eine _Propaganda_ gemacht wird. Wir sollten meinen, es müsse dem eigenen Willen und -- wie wir auch später sehen werden -- der individuellen Körpergestaltung der Dame überlassen bleiben, ob sie von dem nun doch längst gebräuchlich gewordenen _Seitsitz_ (Quersitz) abgehen und sich dem _Reitsitz_ (à la cavalier) zuwenden will. Niemand wird sie daran hindern, wenn ihr gerade diese Art zu reiten Vergnügen macht. Ob es aber _praktisch_ ist, das ist eben die Frage, und wenn sie es _für sich_ als praktisch erachtet, so ist es doch noch eine große Frage, ob es auch für _andere_ praktisch ist. Eines schickt sich eben nicht für alle! Warum also Propaganda? Danach haben wir den Reitsitz der Damen von drei verschiedenen Gesichtspunkten aus zu betrachten, und zwar erstens vom _reitsportlichen_ überhaupt, zweitens vom _medizinischen_ und drittens endlich auch vom _ästhetischen_ Standpunkt aus.

Ich will dabei nicht nur meine eigene Ansicht, welche vielen Damen vielleicht nicht kompetent erscheinen könnte, in die Wagschale werfen, sondern möglichst international sein. -- Bekanntlich sind England, Amerika, Frankreich und noch viele andere Länder unserem Deutschland auch mit Bezug auf den Damenreitsport noch weit überlegen, und so wollen wir denn auch Stimmen aus jenen Ländern hören -- natürlich nur um zu lernen und dann das Fazit zu ziehen.

Wie schon eingangs angeführt, ging der zweifellos ursprüngliche Reitsitz der Damen zum Seitsitz über, nachdem die zunehmende Verbesserung des Damensattels diesen Sitz angenehmer und bequemer gemacht hatte. Aber -- die Zeichen des neuen Jahrhunderts sind die auf allen Gebieten zunehmenden Emanzipationsbestrebungen der Damen -- logischerweise mußten sie sich demnach auch auf den Reitsport erstrecken. Die Damen wollen es auch darin den Männern gleich tun und à la cavalier reiten.