Der Courier des Czaar (Michael Strogoff)
Part 9
— Wir werden auch gar nicht länger hier sein! rief der Jemschik, während er ganz bestürzt sich mit aller Macht gegen die mit entsetzlicher Wucht einherstürmenden Luftmassen stemmte. Der Sturm war schon sehr nahe daran, uns bergab zu befördern und das auf dem kürzesten Wege.
— Nimm das Handpferd beim Zügel, Memme! antwortete Michael Strogoff; für das linke werde ich stehen!“
Ein neuer heftiger Windstoß unterbrach Michael Strogoff. Der Kutscher und er mußten sich fast bis zur Erde niederbeugen, um nicht umgeweht zu werden; aber trotz ihrer eigenen und der Anstrengung der Pferde, die sie jetzt direct gegen den Wind hielten, rollte der Wagen doch eine kleine Strecke zurück, und hätte ihn dann nicht ein querliegender Baumstamm aufgehalten, so wäre er wohl vom Wege abgedrängt worden.
„Fürchte Dich nicht, Nadia! rief Michael Strogoff.
— Ich habe keine Furcht“, erwiderte die junge Liefländerin, ohne daß ihre Stimme irgend eine besondere Erregtheit verrathen hätte.
Einen Augenblick verstummte das Rollen des Donners und der brausende Sturm verlor sich weiter unten in den Tiefen des Hohlweges.
„Willst Du wieder hinunterfahren? fragte der Jemschik.
— Nein, wir müssen hinauf; es gilt nur, diese Wendung des Weges zu überwinden, höher oben kommen wir unter den Schutz der Bergwand.
— Aber die Pferde wollen nicht vorwärts.
— Mach’ es wie ich, ziehe sie!
— Diese Windstöße werden sich wiederholen.
— Wirst Du gehorchen?
— Du willst es.
— Der ‚Vater‘ selbst befiehlt es! setzte Michael Strogoff hinzu, der zum ersten Male den jetzt in drei Welttheilen allmächtigen Namen des Kaisers gebrauchte.
— Dann also vorwärts, meine Schwalben!“ rief der Jemschik und ergriff das Pferd zur Rechten, während Michael Strogoff die Zügel des linken packte.
So geleitet kamen die Thiere langsam wieder in Gang. Sie konnten nicht mehr seitwärts ausbiegen, und das Mittelpferd in der Gabeldeichsel, das nun nicht weiter gezerrt wurde, konnte die Mitte der Straße einhalten. Menschen und Thiere aber vermochten dem Sturme gerade entgegen nicht drei Schritte vorwärts zu thun, ohne davon einen oder zwei wieder zu verlieren. Sie glitten aus, fielen und erhoben sich wieder. Auch das ganze Gefährt schwebte jeden Augenblick in Gefahr, außer Ordnung zu kommen. Wäre die Wagendecke nicht so besonders sorgsam befestigt gewesen, so hätte sie der erste Anprall des Sturmes gewiß schon entführt.
Michael Strogoff und der Jemschik brauchten mehr als zwei Stunden, diese kaum eine halbe Werst lange Wegstrecke zurückzulegen, welche der Geißel des Orkanes so sehr preisgegeben war. Und dazu lag die Gefahr nicht allein in diesem fessellosen Sturmwinde, sondern vorzüglich auch in jenem Hagel von Geröll und geknickten Stämmen, welchen der Berg um sie herum niederschüttete.
Plötzlich zeigte sich in dem Bette eines Wildbachs ein größerer Steinblock, der mit wachsender Schnelligkeit in der Richtung auf den Tarantaß herabstürzte.
Der Jemschik schrie entsetzt laut auf.
Michael Strogoff wollte die Pferde mit einem wuchtigen Peitschenhiebe antreiben.
Nur wenige Schritte, und das Felsstück wäre hinter ihnen niedergeschlagen.
In einer Zwanzigstelsecunde sah es Michael Strogoff ein, daß der Tarantaß getroffen, seine Gefährtin zerschmettert werden müßte! Er fühlte, daß er sie lebend nicht mehr herauszuholen vermöchte ...
Da sprang er schnell hinter den Wagen, aus der Gefahr schöpfte er eine fast übermenschliche Kraft, stemmte den Rücken gegen die Achse, die Füße fest auf den Boden und drängte das schwerfällige Fuhrwerk einige Schritte vorwärts.
Der gewaltige Block flog vorüber, streifte dem jungen Manne fast die Brust und benahm ihm den Athem, wie eine vorbeisausende Kanonenkugel. Knisternd und Funken sprühend zersprangen die Steine auf der Straße.
„Bruder!“ hatte zum Tode erschrocken Nadia gerufen, welche die ganze Scene beim Leuchten eines Blitzes mit angesehen hatte.
— Nadia! antwortete Michael Strogoff, keine Furcht, Nadia!
— Um meinetwillen könnte ich mich niemals fürchten.
— Gott ist mit uns, Schwester!
— Mit mir gewiß, Bruder, da er mich auf Deinen Weg geleitet hat!“ sagte halblaut das junge Mädchen.
Der Anstoß, den der Tarantaß durch Michael Strogoff’s Anstrengung erhielt, sollte nicht verloren sein. Er ward zur Anregung für die stutzenden Pferde, die frühere Richtung wieder einzuschlagen. Von Michael Strogoff und dem Jemschik so zu sagen gezerrt, klommen sie bergauf bis zu einem schmalen von Norden nach Süden verlaufenden Kamme, wo sie gegen den directen Anprall des Unwetters einigermaßen gesichert waren. Die Berglehne zur Rechten bildete hier eine Art Sägewerk durch einen vorspringenden Felsen, der sich mitten in einem schäumenden Wildwasser erhob. Hier wüthete wenigstens kein gefahrdrohender Wirbelwind und der Platz schien einigermaßen haltbar, während in der Peripherie dieser scheinbaren Cyclone sich gewiß kein Mensch oder Thier hätte aufrecht erhalten können.
Wirklich wurden einige Tannen, die mit ihren Wipfeln den Felsenscheitel überragten, in einem Augenblick geköpft, so als sauste eine Riesensense über die Hochfläche dahin.
Das Unwetter tobte jetzt in vollster Wuth. Grell flammten die Blitze in den Engpaß hinein und in einem Athem rollte der furchtbare Donner. Der Boden schien unter den furchtbaren Schlägen zu erzittern, so als würde die ganze Uralkette erschüttert.
Zum Glück hatte man den Tarantaß in einer tiefen Felsenaushöhlung ziemlich gut unterbringen können, wo ihn der Sturm nur etwas von der Seite traf; doch war er nicht so vollkommen geschützt, daß er nicht manchmal durch einige von den Bergvorsprüngen abgeleitete Seitenströmungen tüchtig geschüttelt worden wäre. Dabei stieß er wohl gegen die Felsmauer, daß man befürchten mußte, ihn in tausend Trümmer zersplittert zu sehen.
Nadia mußte den von ihr eingenommenen Platz verlassen. Michael Strogoff fand bei einer Nachsuchung mit Hilfe einer Laterne eine kleine Aushöhlung, die wahrscheinlich nur von der Spitzhaue eines Bergmanns herrührte und in welche sich das junge Mädchen verkriechen mußte, bis es möglich würde, die Fahrt wieder fortzusetzen.
Jetzt begann – es war gegen ein Uhr Morgens – der Regen in Strömen herabzustürzen, und nun wuchsen die aus Luft und Wasser gemengten Sturmwehen zu einer ungeheuren Gewalt an, ohne das Feuer des Himmels zu verlöschen. Unter diesen Verhältnissen war an den Wiederaufbruch natürlich gar nicht zu denken.
Trotz aller Ungeduld Michael Strogoff’s – und man begreift wohl, wie groß diese war – mußte er doch das schlimmste Unwetter erst vorübergehen lassen. Da übrigens der Bergrücken, über den die Straße von Perm nach Jekaterinenburg führt, schon erreicht war, so handelte es sich nur noch darum, die Bergabhänge des Ural hinabzufahren, und eine solche Thalfahrt, jetzt, über einen von unzähligen Bergbächen durchwühlten Boden, mitten in dem Sturm und den Regenschauern, hieß wirklich das Leben auf’s Spiel setzen, dem Verderben selbst entgegen eilen.
„Abwarten – es ist schwer, sagte da Michael Strogoff, aber es sichert doch gegen vielleicht noch längere Verzögerungen. Die Heftigkeit des Gewitters läßt mich annehmen, daß es nur von kurzer Dauer sein werde. Gegen drei Uhr muß der Tag grauen, und wenn wir es gar nicht wagen dürfen, in der Finsterniß bergab zu fahren, so wird das nach Sonnenaufgang wenn auch nicht leicht, so doch mindestens ausführbar sein.
— So wollen wir warten, Bruder, erwiderte Nadia, doch wenn Du die Abfahrt aufschiebst, so geschehe es nicht, um mir eine Anstrengung oder Gefahr zu ersparen.
— Ich weiß es, Nadia, daß Du entschlossen bist, Alles zu wagen; wenn ich uns Beide aber bloßstelle, dann setze ich einen noch höheren Preis ein, als mein Leben oder das Deinige, dann entziehe ich mich der Pflicht und dem Auftrage, die ich vor Allem zu erfüllen habe.
— Einer Pflicht!...“ murmelte Nadia.
Eben zerriß ein grellleuchtender Blitz den Himmel und schien den Regen gleichsam zu zerstäuben. Gleichzeitig vernahm man einen kurzen, trockenen Krach. Die Luft erfüllte sich mit schwefeligem, fast erstickendem Geruche und eine zwanzig Schritte von dem Tarantaß entfernte Gruppe alter Kiefern flammte, von dem elektrischen Fluidum entzündet, gleich einer Gigantenfackel lodernd in die Höhe.
Der Jemschik stürzte, wie von einem Rückschlag getroffen, zu Boden, erhob sich aber glücklicher Weise unverletzt wieder.
Hierauf, als das letzte Rollen des Donners sich in den Tiefen des Gebirges verloren hatte, fühlte Michael Strogoff seine Hand fest von der Nadia’s ergriffen und hörte sie die Worte in sein Ohr sprechen:
„Hilferufe, Bruder! Hörst Du sie?“
Elftes Capitel.
Reisende in Noth.
Wirklich vernahm man in der kurzen Ruhepause weiter oben von der Straße her und unfern der Aushöhlung, welche den Tarantaß deckte, wiederholtes Hilferufen.
Es klang wie ein verzweifelter letzter Rettungsversuch, der offenbar von irgend einem gefährdeten Reisenden ausging.
Michael Strogoff lauschte aufmerksam.
Der Jemschik horchte gleichfalls auf, aber mit einem Kopfschütteln, so als scheine es ihm unmöglich, hier Beistand zu leisten.
„Das sind Reisende, welche um Hilfe bitten, rief Nadia.
— Auf uns werden sie nicht zählen dürfen!... fiel rasch der Jemschik ein.
— Und warum das nicht? fragte Michael Strogoff etwas streng. Was Jene unter gleichen Verhältnissen gewiß für uns thun würden, sollen wir das unversucht lassen?
— Ihr setzt aber Pferde und Wagen auf’s Spiel!...
— Ich werde zu Fuß gehen, unterbrach Michael Strogoff den besorgten Geschirrführer.
— Und ich begleite Dich, Bruder, erbot sich die junge Liefländerin.
— Nein, bleibe, Nadia. Der Jemschik wird bei Dir sein. Ich möchte diesen nicht allein lassen ...
— So werd’ ich dableiben, erwiderte Nadia.
— Was auch geschehe, verlasse diese geschützte Stelle nicht!
— Du wirst mich da wieder finden, wo ich jetzt bin.“
Michael Strogoff drückte dankend die Hand seiner Gefährtin, eilte nach der Ecke des Abhangs und verschwand bald im Dunklen.
„Dein Bruder handelt unrecht, sagte der Jemschik zu dem jungen Mädchen.
— Er handelt recht“, antwortete einfach Nadia.
Inzwischen klomm Michael Strogoff rasch bergan. Wenn er große Eile hatte den Bedrängten, welche jene Rufe erschallen ließen, helfend beizuspringen, so war doch auch sein Wunsch nicht minder groß, zu erfahren, wer jene Reisenden sein möchten, die auch dieses Unwetter nicht abgehalten hatte, sich in die Berge zu wagen, denn er zweifelte gar nicht daran, daß es dieselben Leute seien, deren Teleg immer seinem Tarantaß vorausrollte.
Der Regen hatte jetzt nachgelassen, aber der Sturm tobte eher mit verdoppelter Wuth. Die Ausrufe, welche der Wind mit dahertrug, wurden immer deutlicher. Von der Stelle, an der Michael Strogoff Nadia zurück gelassen hatte, war nichts zu sehen. Die Straße verlief mehrfach gekrümmt und der bläuliche Schein der Blitze erleuchtete nur den Bergvorsprung, der sich in einen solchen Straßenbogen hineinschob. Der Wind bildete, indem er sich an allen jenen Ecken und Kanten brach, sehr schwer zu passirende Wirbel, denen Michael Strogoff nur mit dem Aufgebot aller Kräfte zu widerstehen vermochte.
Jedoch, es zeigte sich sehr bald, daß die Reisenden, von denen jene Hilferufe ausgingen, nicht mehr sehr fern sein konnten. Waren sie für Michael Strogoff auch noch nicht sichtbar – ob das nun daher kam, daß Jene sich nicht auf der Straße selbst befanden, oder daß nur die herrschende Dunkelheit sie seinen Blicken noch verbarg, – jedenfalls verstand er ihre Worte schon ganz deutlich.
Da hörte er denn, – natürlich zu seiner nicht geringen Verwunderung, – Folgendes:
„Wirst Du wohl zurückkommen, Schlingel?
— Dich erwartet die Knute auf dem nächsten Relais.
— Hörst Du, Du Postillon der Hölle! He! Du, da unten!
— So wird man in diesem verwünschten Lande befördert.
— Und das nennen sie einen Teleg!
— He, Du dreifacher Erztölpel! – Da reißt er aus und scheint’s gar nicht zu bemerken, daß er uns hier sitzen gelassen hat!
— Nein, mich so zu behandeln! Mich, einen wohlbeglaubigten Engländer! Ich werde mich beim Kanzleramte beklagen und den Burschen dingfest machen lassen!“
Der, welcher diese Worte herauspolterte, schäumte vor Wuth. Aber plötzlich schien es Michael Strogoff, als ob ein Zweiter die Situation von ganz anderer Seite betrachtete, denn er hörte nach einem hellen, bei solcher Scene gewiß unerwarteten Gelächter die Worte:
„Bei Gott, diese Geschichte ist gar zu drollig!
— Was? Sie wagen auch noch zu lachen? entgegnete in ärgerlichem Tone der Bürger des Vereinigten Königreichs.
— Natürlich, lieber College, und ganz aus vollem Herzen; was soll ich denn Besseres dabei thun! Ich rathe Ihnen, es ebenso zu machen! Auf Ehrenwort! Das ist gar zu drollig, das ist noch gar nicht dagewesen!...“
Da erfüllte ein heftiger Donnerschlag den Engpaß mit schrecklichem Krachen, das der Widerhall der Berge noch mächtig verstärkte. Dann, als das letzte schwache Rollen verlöscht war, ließ sich wiederum die lustige Stimme vernehmen:
„Ja, ja, ganz ausnehmend drollig! Das könnte in Frankreich wahrlich nicht passiren!
— In England auch nicht!“ antwortete der Brite.
Beim Scheine der Blitze sah jetzt Michael Strogoff auf der Straße und gegen zwanzig Schritt vor sich zwei Männer auf dem hohen Rücksitz eines sonderbaren Fuhrwerks, das in dem tiefen Schlamme eines ausgefahrenen Geleises fest zu sitzen schien.
Michael Strogoff näherte sich den beiden Reisenden, deren Einer immer weiter lachte, der Andre unverdrossen weiter schimpfte, und erkannte bald die beiden Zeitungscorrespondenten, welche auf dem „Kaukasus“ den Weg von Nishny-Nowgorod nach Perm mit ihm zurückgelegt hatten.
„Ei guten Tag, mein Herr! rief der Franzose. Sehr erfreut, Sie unter diesen Umständen wieder zu sehen! Erlauben Sie, Ihnen meinen intimsten Feind, Herrn Blount, hier vorzustellen.“
Der englische Reporter grüßte und vielleicht wollte er nach allen Regeln des Anstandes eben seinerseits seinen Collegen Alcide Jolivet vorstellen, als ihn Michael Strogoff unterbrach:
„Nicht nöthig, meine Herren, wir kennen uns ja wohl, da wir die Wolga gemeinschaftlich befahren haben.
— Ah, sehr gut! Ganz richtig! Herr ...?
— Nicolaus Korpanoff, Kaufmann aus Irkutsk, antwortete Michael Strogoff. Aber wollen Sie mich wissen lassen, welcher für den Einen so erheiternde, für den Andern so beklagenswerthe Unfall sich hier zugetragen hat?
— Gut, ich rufe Sie als Richter an, Herr Korpanoff, entgegnete Alcide Jolivet. Stellen Sie sich vor, daß unser Postillon mit dem Vordertheile seines vermaledeiten Fuhrwerks davon gefahren ist und hat uns hier ruhig sitzen lassen mit sammt dem Hintertheile seines nichtswürdigen Fahrzeugs. Da haben wir nun die schlechtere Hälfte eines Telegs für uns Zwei, aber keinen wegekundigen Kutscher, keine Pferde mehr! Ist das nicht unbedingt und über alle Maßen drollig?
— Ich finde gar nichts Lächerliches dabei! knurrte der Engländer.
— Und doch, College! Sie verstehen die Sache nur nicht von ihrer besten Seite anzusehen.
— Aber wie denken Sie denn, daß es möglich werden soll, unsern Weg fortzusetzen? fragte Harry Blount.
— Nichts einfacher als das, spottete Alcide Jolivet. Sie spannen sich beispielsweise vor das uns verbliebene Restchen des Wagens; ich ergreife die Zügel, ich nenne Sie ‚mein Täubchen‘, wie ein leibhaftiger Jemschik, und Sie trotten dann drauf los, ganz wie ein ...
— Herr Jolivet, fiel der Engländer ein, ein solcher Scherz geht zu weit und ...
— O, beruhigen Sie sich, Herr College. Sobald Sie sich verfangen haben, trete ich an Ihre Stelle und Sie mögen mich dann als engbrüstige Schnecke oder ohnmächtige Schildkröte behandeln, wenn ich Sie nicht in einem Höllengalop dahinfahre!“
Alcide Jolivet schüttelte das Alles mit einem so liebenswürdigen Humor hervor, daß Michael Strogoff sich eines Lächelns nicht enthalten konnte.
„Meine Herren, nahm er darauf das Wort, da weiß ich doch besseren Rath. Wir befinden uns jetzt hier sehr nahe dem höchsten Kamme des Ural und folglich haben wir den Gebirgsabhang nur noch hinabzufahren. Mein Wagen befindet sich fünfhundert Schritt weiter rückwärts. Ich will Ihnen eines meiner Pferde abtreten, das spannen wir vor den Rest Ihres Telegs und kommen, wenn uns kein Zwischenfall abhält, morgen zusammen in Jekaterinenburg an.
— Herr Korpanoff, sagte Alcide Jolivet verbindlich, das ist ein Vorschlag, der aus sehr edelmüthigem Herzen kommt.
— Ich bemerke noch, mein Herr, daß ich Ihnen deshalb nicht anbiete meinen Tarantaß mit zu benutzen, weil er nur zwei Plätze enthält, die ich mit meiner Schwester nothwendiger Weise selbst brauche.
— O, keine Entschuldigungen, mein Herr, antwortete Alcide Jolivet, mein College und ich würden mit Ihrem Pferde und dem Hintertheil unsers Halbtelegs nöthigenfalls bis an’s Ende der Welt kommen.
— Mein Herr, fiel nun auch Harry Blount ein, wir nehmen Ihren großmüthigen Vorschlag an. Aber jener Jemschik ...
— O glauben Sie, es wird nicht das erste Mal gewesen sein, daß ihm solch’ kleiner Unfall zustieß, bemerkte Michael Strogoff.
— Nun, warum kehrt er dann aber nicht zurück? Er wird recht gut wissen, daß er uns hier im Stiche gelassen hat, der Elende!
— Er!? Er weiß sicher kein Sterbenswörtchen davon.
— Was? Dieser brave Kerl sollte die Zerreißung des Telegs in zwei Hälften gar nicht bemerkt haben?
— Nein, sicherlich nicht; der bringt seinen Vordertheil im besten Glauben von der Welt nach Jekaterinenburg hinein.
— Sagt’ ich es Ihnen nicht vorher, Herr College, rief lachend Alcide Jolivet, daß uns nur die allerlustigste Geschichte passirt sei?
— Nun denn, meine Herren, mahnte Michael Strogoff, wenn es Ihnen gefällig ist mir zu folgen und meinen Wagen aufzusuchen ...
— Aber der Teleg? bemerkte der Engländer.
— Fürchten Sie nicht, daß er uns davon fliege, mein lieber Blount, tröstete Alcide Jolivet, der steht hier so gut im Erdboden fest gewurzelt, daß er kommendes Frühjahr Knospen treiben müßte, wenn man ihn stehen ließe.
— Kommen Sie also, meine Herren, sagte Michael Strogoff, wir wollen den Tarantaß nun hierher schaffen.“
Der Franzose und der Engländer verließen ihre Bank, die aus einem Rücksitz zum Vordersitz geworden war, und folgten Michael Strogoff.
Auch unterwegs plauderte Alcide Jolivet immer weiter in seiner rosenfarbenen Laune, welche eben Nichts zu zerstören im Stande war.
„Meiner Treu, Herr Korpanoff, wandte er sich an Michael Strogoff, Sie ziehen uns hier allerdings aus einer argen Verlegenheit.
— Ich that noch weiter nichts, mein Herr, erwiderte Michael Strogoff, als was jeder Andere an meiner Stelle ebenfalls gethan hätte. Wenn sich Reisende erst nicht mehr gegenseitig unterstützen wollen, möge man lieber gleich die Landstraßen sperren.
— Wir bleiben Ihnen zu Gegendiensten verbunden, mein Herr. Im Fall Sie weit durch die Steppe reisen, könnten wir uns wohl auch noch einmal begegnen, und ...“
Alcide Jolivet fragte zwar nicht direct, wohin Michael Strogoff ginge, dieser aber erwiderte, um sich nicht den Schein der Heimlichthuerei zu geben:
„Ich reise nach Omsk, meine Herren.
— Und Herr Blount und ich, erklärte Alcide Jolivet, wir reisen eigentlich nur der Nase nach, dahin, wo es vielleicht eine Kugel, jedenfalls aber Neuigkeiten zu erwischen giebt.
— Nach den empörten Provinzen? fragte Michael Strogoff mit einem gewissen Eifer.
— Ganz recht, Herr Korpanoff, und wahrscheinlich begegnen wir uns dort wohl nicht wieder!
— Wahrlich, mein Herr, antwortete Michael Strogoff, ich bin gar nicht lüstern nach einer Büchsenkugel oder einem Lanzenstiche und zu friedliebender Natur, um mich unnöthig dahin zu begeben, wo man sich herumschlägt.
— Bedaure, mein Herr, bedaure, es sollte uns gewiß leid thun, so schnell von Ihnen wieder Abschied zu nehmen. Vielleicht will es unser guter Stern aber doch, daß wir wenigstens von Jekaterinenburg aus noch ein Stück Weges zusammen zurücklegen, und wäre es nur während weniger Tage?
— Sie gehen vielleicht auch nach Omsk? fragte Michael Strogoff nach kurzer Ueberlegung.
— Das wissen wir freilich selbst noch nicht, erwiderte Alcide Jolivet. Jedenfalls wenden wir uns direct nach Ichim und dort werden die Verhältnisse unseren weiteren Weg bestimmen.
— Nun wohl, meine Herren, sagte Michael Strogoff, bis nach Ichim werden wir also zusammen sein.“
Michael Strogoff hätte es gewiß vorgezogen, allein zu reisen, er konnte sich aber, ohne damit aufzufallen, nicht wohl von den beiden Reisenden absondern, welche des nämlichen Weges zogen wie er. Bei der von Alcide Jolivet ausgesprochenen Absicht, sammt seinem Begleiter in Ichim Halt zu machen und nicht unmittelbar nach Omsk weiter zu gehen, lag für ihn übrigens kein besonderer Grund vor, diesen Theil der Reise in ihrer Gesellschaft zurück zu legen.
„Also, meine Herren, es ist abgemacht. Wir reisen zusammen.“
Dann setzte er mit möglichst gleichgiltigem Tone hinzu:
„Haben Sie vielleicht einige sicherere Nachrichten über den Tartareneinfall?
— Leider nein, erwiderte Alcide Jolivet, wir wissen davon ebenso viel, als in Perm allgemein bekannt war. Die Tartarenhaufen Feofar-Khan’s haben die ganze Provinz Semipalatinsk überschwemmt und dringen jetzt in Eilmärschen längs des Bettes des Irtysch vor. Sie werden sich also ein wenig beeilen müssen, ihnen bis Omsk noch zuvorzukommen.
— Ja, Sie haben Recht, bemerkte Michael Strogoff.
— Dazu geht das Gerücht, es sei dem Oberst Ogareff gelungen, verkleidet die Grenze zu passiren, und er werde sich, in der Mitte der insurgirten Provinz, dem Tartarenchef unverzüglich anschließen.
— Wie will man das aber wissen? warf Michael Strogoff ein, den diese mehr oder weniger begründeten Neuigkeiten selbstverständlich sehr interessirten.
— Ei, so wie man eben Alles weiß, antwortete Alcide Jolivet; das liegt so in der Luft.
— Und Sie haben begründete Ursache zu glauben, daß Colonel Ogareff in Sibirien sei?
— Ich habe mindestens davon sprechen hören, daß er den Weg von Kasan nach Jekaterinenburg eingeschlagen habe.
— O, Sie wüßten das, Herr Jolivet? ließ sich da Harry Blount vernehmen, den jene Bemerkung des französischen Correspondenten aus seiner Schweigsamkeit aufrüttelte.
— Ich wußte es, erwiderte Alcide Jolivet.
— Und es war Ihnen auch bekannt, daß er als Zigeuner verkleidet ging? fragte Harry Blount.
— Als Zigeuner! rief Michael Strogoff fast unwillkürlich, da er sich der Anwesenheit des alten Tsiganen in Nischny-Nowgorod, seiner Fahrt auf dem „Kaukasus“ und seiner Ausschiffung in Kasan erinnerte.
— Ich hatte davon eben genug erfahren, um darüber einen Brief an meine Cousine zu richten, antwortete lächelnd Alcide Jolivet.
— Sie haben in Kasan Ihre Zeit nicht verloren! bemerkte der Engländer in trockenem Tone.
— Gewiß nicht, liebster College, und während der ‚Kaukasus‘ sich verproviantirte, that ich ganz dasselbe!“
Michael Strogoff achtete ferner nicht auf das Wortgeplänkel, das sich zwischen Harry Blount und Alcide Jolivet entsponnen hatte. Er gedachte jener Zigeunergruppe, jenes alten Tsiganen, dessen Gesicht er nicht ordentlich sehen konnte, des fremden Weibes in seiner Begleitung, die jenen sonderbaren Blick auf ihn geworfen hatte, und er bemühte sich, alle Details jenes Zusammentreffens wieder im Gedächtniß aufzufrischen, als in geringer Entfernung ein Knall hörbar wurde.
„Ah, vorwärts, meine Herren! rief Michael Strogoff.
— Sieh da, ein braver Kaufmann, der die Flintenschüsse flieht, meinte Alcide Jolivet, der läuft über Hals und Kopf dahin, wo er solche hört!“
Schnell eilte er aber sowohl selbst, als hinter ihm Harry Blount, der auch nicht der Mann dazu war, feig zurück zu bleiben, Michael Strogoff furchtlos nach.
Nach wenig Augenblicken befanden sich Alle bei dem Felsenvorsprunge, der den Tarantaß deckte.
Noch loderten die Flammen aus der durch den Blitzschlag entzündeten Fichtengruppe empor. Die Straße war leer. Und doch, Michael Strogoff konnte sich unmöglich getäuscht haben; das mußte ein Gewehrschuß sein, der vorher an sein Ohr schlug.
Da hörte man plötzlich ein schreckliches Brummen und am Abhange krachte ein zweiter Schuß.