Der Courier des Czaar (Michael Strogoff)

Part 18

Chapter 183,667 wordsPublic domain

Am 12. August um zwei Uhr Nachmittags, bei großer Hitze und wolkenlosem Himmel, gab der Toptschi-Baschi Befehl zum Aufbruch.

Nachdem sie sich Pferde gekauft hatten, waren Alcide Jolivet und Harry Blount schon auf dem Wege nach Tomsk, wo die Logik der Thatsachen die wichtigsten Personen dieser Geschichte voraussichtlich vereinigen mußte. Unter den von Iwan Ogareff nach dem tartarischen Lager geschleppten Gefangenen befand sich auch eine bejahrte Frau, deren Schweigsamkeit sie von allen Uebrigen, welche ihr Loos theilten, auffallend unterschied. Kein Klagelaut kam über ihre Lippen. Man hätte sie eine Bildsäule des Schmerzes nennen können. Diese fast stets unbewegliche, ruhige und aufmerksamer als die Andern bewachte Frau wurde, ohne daß sie es ahnte oder sich darum zu kümmern schien, stets von Sangarre beobachtet. Trotz ihres Alters hatte auch sie dem Gefangenentransporte zu Fuße folgen müssen, ohne daß Jemand versucht hätte, ihr irgend eine Erleichterung zu gewähren.

Dagegen sendete die weise Vorsehung ein muthiges, liebenswürdiges anderes Wesen an ihre Seite, das ganz dazu geschaffen schien, ihr Beistand zu leisten. Unter ihren Unglücksgefährten befand sich ein junges, durch seine Schönheit und Kaltblütigkeit ausgezeichnetes Mädchen, das es sich zur Aufgabe machte, über sie zu wachen. Noch war zwischen den beiden Gefangenen kaum ein Wort gewechselt worden, und doch war das junge Mädchen stets zur Hand, wenn es der alten Frau nur den geringsten Dienst leisten konnte. Letztere hatte von Anfang an die stumme Sorgfalt der Unbekannten nicht ohne einiges Mißtrauen gesehen. Nach und nach besiegte aber der gerade, offene Blick des Mädchens, ihre Zurückhaltung und die geheimnißvolle Sympathie, welche die Gemeinsamkeit des Schmerzes zwischen zwei gleichmäßig Unglücklichen so leicht hervorruft, die stolze, halb abweisende Kälte Marfa Strogoff’s. Nadia, – denn sie war es, – hatte auf diese Weise unbewußt der Mutter einen Theil der Wohlthaten zurückzahlen können, die sie dem Sohne schuldete. Ihr von Natur gutes Herz hatte sie hier doppelt gut geleitet. Dadurch, daß sie Jener gern diente, erwarb sich Nadia für ihre Jugend und Schönheit den Schutz der älteren Gefangenen. Mitten in dieser Menge elender, durch ihre Leiden gereizter Leute wußten sich diese beiden schweigsamen weiblichen Wesen, deren Eine die Großmutter, die Andere die Enkelin zu sein schien, doch immer eine Art Hochachtung zu sichern.

Nadia war, nachdem sie die tartarischen Plänkler in die Barken auf dem Irtysch geschleppt hatten, nach Omsk gebracht worden. In der Stadt gefangen gehalten, theilte sie das Loos aller derjenigen, welche die Truppen Iwan Ogareff’s bis dahin eingebracht hatten, und folglich auch das Marfa Strogoff’s.

Ohne ihre unbeugsame Energie wäre Nadia wohl dem doppelten Schlage, der sie traf, unterlegen. Die Unterbrechung ihrer Reise und der Tod Michael Strogoff’s drückten und empörten sie zu gleicher Zeit. Vielleicht für immer getrennt von ihrem Vater, nach so unsäglichen glücklich überstandenen Mühen, die sie ihm genähert hatten, und, um ihren Schmerz auf’s Höchste zu steigern, der Verlust des unerschrockenen Begleiters, den Gott selbst ihr auf den Weg gesendet zu haben schien, um sie zum Ziel zu geleiten, – Alles hatte sie mit einem Schlage verloren. Nie schwand das Bild Michael Strogoff’s, der vor ihren Augen von einem Lanzenstoße getroffen in den Fluthen des Irtysch versank, aus ihren Gedanken. Mußte ein solcher Mann einen so traurigen Tod finden? Für wen sparte Gott seine Wunder, wenn dieser Gerechte, der gewiß einem edlen Zwecke diente, so jammervoll auf seinem Wege aufgehalten werden sollte? Manchmal gewann der Zorn die Oberhand über ihren Schmerz. Die schmachvolle Behandlung, die ihr Begleiter auf dem Relais zu Ichim so unerwartet ruhig über sich ergehen ließ, kam ihr wieder in den Sinn. Ihr Herzblut kochte bei dieser Erinnerung.

„Wer wird wohl diesen Todten rächen, sagte sie zu sich selbst, da er es selbst nicht mehr kann?“

Und dann richtete sie heimlich ihr Gebet zu Gott und rief:

„Mach es, Herr, daß ich es sein darf!“

Hätte ihr Michael Strogoff nur noch vor seinem Tode sein Geheimniß anvertraut, wie gern hätte sie, wenn auch ein Weib und noch ein halbes Kind, den Auftrag des Bruders zu erledigen versucht, eines Bruders, den Gott ihr nicht erst hätte schenken sollen, wenn sie ihn so zeitig wieder verlieren sollte!...

Man begreift, daß Nadia, von solchen Gedanken erfüllt, für die Leiden ihrer Gefangenschaft fast unempfindlich wurde.

Da hatte sie der Zufall, ohne die geringste Ahnung ihrerseits, mit Marfa Strogoff zusammengeführt. Wie konnte sie auf den Gedanken kommen, daß diese alte Frau, ihre Mitgefangene, die Mutter ihres früheren Begleiters sein könne, der für sie ja stets der Kaufmann Nicolaus Korpanoff gewesen war. Und wie hätte Marfa auf der andern Seite ahnen können, welches Band der Erkenntlichkeit das junge Mädchen an ihren Sohn fesselte?

Was Nadia zuerst an Marfa auffiel, das war eine Art geheimer Uebereinstimmung, womit Jede von ihnen sich ihrem bedauernswerthen Loose unterwarf. Der stoische Gleichmuth der alten Frau gegenüber den Leiden und Entbehrungen ihres täglichen Lebens, diese Verachtung aller körperlichen Beschwerden, konnte Marfa nur aus einem geheimen Schmerze gewinnen, der dem ihrigen an Größe gleichkam. Das waren die Gedanken Nadia’s, und wir wissen, daß sie sich damit nicht täuschte. Eine instinctive Sympathie für jene Schmerzen, welche Marfa Strogoff nicht zeigte, zog Nadia zuerst zu ihr hin. Diese Art und Weise, ihr Leid und Weh zu tragen, harmonirte mit der stolzen Seele des jungen Mädchens. Sie bot Jener ihre Dienste nicht erst an, sie leistete sie ihr. Marfa kam nicht dazu, diese annehmen oder abschlagen zu können. An beschwerlicheren Stellen des Weges war das junge Mädchen da und unterstützte sie mit ihren Armen. Wenn Nahrungsmittel ausgetheilt wurden, hätte die alte Frau wohl nie etwas geholt, aber Nadia theilte mit ihr die eigenen kärglichen Mahlzeiten, so daß sie Beide den qualvollen Zug durch das Land auf gleiche Weise zurücklegten. Dank ihrer jungen Begleiterin vermochte Marfa Strogoff den Soldaten, welche den Gefangenentransport leiteten, zu folgen, ohne an einen Sattelknopf gefesselt zu werden, wie manche andere Unglückliche, welche so auf ihrem Schmerzenswege dahin geschleppt wurden.

„Gott lohne es Dir, meine Tochter, was Du für meine alten Tage gethan hast!“ sagte einmal Marfa Strogoff, das einzige Wort, das während einer langen Zeit zwischen den beiden armen Wesen gewechselt worden war.

Man hätte meinen sollen, daß die ältere Frau und das junge Mädchen im Verlaufe mehrerer Tage, die ihnen wie Jahrhunderte erschienen, sich einmal über ihre Verhältnisse ausgesprochen hätten. Marfa Strogoff hatte aber aus leicht begreiflichen Gründen, und auch das nur möglichst kurz, von sich allein gesprochen. Sie hatte nie ihres Sohnes oder des traurigen Augenblicks erwähnt, der sie mit ihm zusammenführte.

Ebenso verhielt sich Nadia lange Zeit fast stumm, vermied wenigstens jedes unnütze Wort. Erst als sie eines Tages immer deutlicher fühlte, daß sie eine hohe, edle Seele in ihrer Begleiterin vor sich hatte, ging ihr das Herz über und sie erzählte, ohne etwas zu verheimlichen, Alles, was ihr seit der Abreise von Wladimir bis zum Tode Nicolaus Korpanoff’s begegnet war. Was sie von ihrer jungen Begleiterin hörte, erregte die lebhafteste Theilnahme der alten Sibirerin.

„Nicolaus Korpanoff, sagte sie, erzähle mir noch mehr von diesem Nicolaus! Ich kenne nur einen Mann, nur einen einzigen unter der jetzigen Jugend, von dem mich ein solches Benehmen nicht Wunder genommen hätte! Nicolaus Korpanoff? War das auch sein Name? Bist Du dessen sicher, meine Tochter?

— Warum sollte er mich hierin getäuscht haben, erwiderte Nadia, da er in allen andern Dingen die Wahrheit sprach?“

Dennoch trieb ein ungewisses Gefühl Marfa Strogoff, an Nadia immer weitere Fragen zu stellen.

„Du sagst mir er sei unerschrocken gewesen, meine Tochter; Du hast mir versichert, daß er es war, sagte sie.

— Gewiß, unerschrocken, bestätigte Nadia.

— So wäre mein Sohn auch gewesen“, murmelte Marfa Strogoff halb für sich.

Dann fuhr sie fort:

„Du sagst mir auch, daß Nichts ihn aufhalten konnte, daß Nichts ihn erschreckte, daß er so mild war, bei aller Kraft, daß Du in ihm ebenso gut eine Schwester, wie einen Bruder hattest, daß er über Dich wachte, wie eine Mutter?

— Ja, ja, erwiderte Nadia, Bruder, Schwester, Mutter, o, er war mir Alles!

— Und auch ein Löwe, Dich zu vertheidigen?

— Wahrhaftig, ein Löwe! antwortete Nadia; ja ein Löwe, ein Held!

— Mein Sohn, mein Sohn! dachte die alte Sibirierin. Du sagst auch, daß er im Posthofe zu Ichim sich eine so unwürdige Behandlung gefallen ließ?

— Ja, er ertrug sie, meinte Nadia und senkte das Haupt.

— Er hat sie ertragen? murmelte zitternd Marfa Strogoff.

— Mutter, Mutter! rief Nadia, verdammt ihn nicht! Er trug ein Geheimniß mit sich, worüber heut nur Gott noch Richter sein kann.

— Und damals, fuhr Marfa Strogoff fort, den Kopf wieder aufrichtend und Nadia scharf ansehend, als wolle sie im tiefsten Grund ihrer Seele lesen, in jener Stunde der Erniedrigung, hast Du damals jenen Nicolaus Korpanoff verachtet?

— Ich habe ihn bewundert, ohne ihn zu verstehen! erwiderte das junge Mädchen. Ich habe niemals mehr Hochachtung für ihn gefühlt.“

Die alte Frau schwieg einen Augenblick.

„Er war groß? fragte sie hierauf.

— Sehr groß.

— Und sehr schön, nicht wahr? Sprich nur meine Tochter.

— Er war sehr schön, antwortete Nadia leicht erröthend.

— Das war mein Sohn! Ich sage Dir, das ist mein Sohn gewesen! rief die alte Frau überwältigt und schloß Nadia in ihre Arme.

— Dein Sohn? versetzte Nadia ganz erstaunt, Dein Sohn!

— Weiter, drängte Marfa, komme zum Ende, mein Kind. Dein Begleiter, Dein Freund, Dein Beschützer, er hatte doch eine Mutter. Hat er Dir niemals von seiner Mutter gesprochen?

— Von seiner Mutter? Er hat mir von seiner Mutter gesprochen, wie ich ihm von meinem Vater. O, er betete sie an, diese Mutter!

— Nadia, Nadia! Du hast mir die Geschichte meines eigenen Sohnes erzählt“, schluchzte die alte Frau.

Dann fügte sie ruhiger hinzu:

„Schien es denn gar nicht in seiner Absicht zu liegen, diese Mutter, welche er, wie Du sagst, so sehr liebte, bei seiner Durchreise in Omsk einmal zu sehen?

— Nein, erwiderte Nadia, das wollte er nicht.

— Wie, rief Marfa, Du wagst mir Nein zu sagen?

— Ja gewiß, aber ich muß wohl noch hinzufügen, daß Nicolaus Korpanoff aus Gründen, die ihm über Alles gingen und die ich auch selbst nicht kenne, gezwungen schien, das Land möglichst unerkannt zu durchziehen. Es war für ihn eine Frage auf Tod und Leben, und noch mehr, eine Frage der Ehre und Gewissenspflicht.

— Eine Frage der Pflicht, der gebieterischen Pflicht, meinte die alte Sibirierin, einer solchen Pflicht, der man Alles aufopfert, für deren Erfüllung man alles Andere aufgiebt, sogar die Freude, sich einen Kuß, ach vielleicht den letzten, von seiner alten Mutter zu holen! Ich weiß jetzt Alles, Nadia, was Dir und mir bis zu dieser Stunde unbekannt blieb. Du hast es mir klar gemacht. Dennoch darf ich Dir das Licht, das Du mir angezündet hast, nicht auch leuchten lassen. Da mein Sohn Dir sein Geheimniß nicht mittheilte, so muß auch ich es ihm bewahren. Verzeihe mir, Nadia, ich kann die Wohlthat, die Du mir erwiesen, nicht ebenso vergelten.

— Ich verlange keine Belohnung, Mutter“, antwortete Nadia.

Der alten Sibirerin war nun Alles klar geworden. Alles, bis auf das unerklärliche Benehmen ihres Sohnes bei ihrem Anblick in dem Gasthause zu Omsk, in Gegenwart der Zeugen ihres Zusammentreffens. Sie zweifelte keinen Augenblick mehr, daß der Begleiter des jungen Mädchens Michael Strogoff gewesen sei, daß eine geheime Mission, eine wichtige Depesche, die er durch das überfallene Gebiet zu besorgen hatte, ihn zwang, seine Eigenschaft als Courier des Czaaren zu verheimlichen.

„O mein braves Kind! dachte Marfa Strogoff; nein, ich werde dich nicht verrathen und keine Tortur soll mir das Geständniß ablocken, daß Du es wirklich warst, den ich in Omsk gesehen habe!“

Marfa Strogoff hätte Nadia mit einem Worte für ihre erwiesene Ergebenheit belohnen können. Sie konnte ihr mittheilen, daß ihr Begleiter Nicolaus Korpanoff, oder vielmehr Michael Strogoff, nicht in den Wellen des Irtysch umgekommen sei, da sie selbst ihn mehrere Tage nachher gesehen und selbst gesprochen hatte!...

Sie hielt aber an sich; sie schwieg und begnügte sich zu sagen:

„Gieb die Hoffnung nicht auf, mein Kind! Das Unglück kann Dich nicht für immer verfolgen. Du wirst Deinen Vater wiedersehen, ich fühle es, und vielleicht ist auch der, der Dich Schwester nannte, noch nicht todt! Gott kann es nicht gestatten, daß Dein edler Gefährte umgekommen sei!... Hoffe noch immer, meine Tochter! Mach’ es wie ich! Die Trauerkleidung, welche ich trage, gilt meinem Sohne noch nicht!“

Drittes Capitel.

Schlag für Schlag.

In dieser Weise gestaltete sich also das Verhältniß Marfa Strogoff’s und Nadia’s zu einander. Die alte Sibirerin hatte Alles durchschaut, und wenn dem jungen Mädchen auch nicht bekannt war, daß ihr so aufrichtig betrauerter Begleiter noch lebte, so wußte sie doch, was seiner kindlich verehrten Mutter geschah, und sie dankte Gott dafür, daß er ihr die Freude gewährte, der Gefangenen den verlorenen Sohn einigermaßen zu ersetzen.

Weder die Eine noch die Andere konnten aber wissen, daß der bei Kolyvan gefangene Michael Strogoff sich in demselben Zuge befinde und gleichzeitig mit ihnen nach Tomsk transportirt werde.

Die von Iwan Ogareff weiter zugeführten Gefangenen wurden mit denen, welche der Emir schon in dem tartarischen Lager bewachen ließ, vereinigt. Nach Tausenden zählten diese Unglücklichen, Russen oder Sibirier, Militärs oder Civilpersonen, und bildeten einen Zug von mehreren Werst Länge. Diejenigen derselben, welche man für die gefährlichsten hielt, waren mittels Handschellen an eine lange Kette geschlossen. Frauen und Kinder band oder hängte man an die Sattelknöpfe, um sie ohne Erbarmen auf der Straße hinzuschleppen. Man trieb sie wie eine Heerde Vieh vor sich her. Die begleitenden Reiter sahen auf die Einhaltung einer gewissen Ordnung, so daß es hier keine Nachzügler gab, außer denjenigen, welche zusammen brachen, um nicht wieder aufzustehen.

In Folge dieser Ordnung kam es, daß Michael Strogoff, der sich in den ersten Reihen befand, die das Feldlager verließen, d. h. unter den Gefangenen von Kolyvan, nicht unter die zuletzt aus Omsk angelangten Gefangenen gemischt wurde. Er konnte also die Anwesenheit seiner Mutter und Nadia’s in demselben Gefangenenzuge ebenso wenig ahnen, wie diese die seinige.

Dieser Zug vom Lager bis nach Tomsk, unter der Knute der Soldaten und solch’ traurigen Verhältnissen, wurde für nicht Wenige tödtlich, für Alle furchtbar. Man marschirte quer durch die Steppe, auf einer Straße, die durch den mit seiner Avantgarde vorausziehenden Emir nur noch staubiger geworden war. Dazu war Befehl gegeben, möglichst schnell nachzurücken, so daß nur selten und dann nur kurze Zeit Halt gemacht wurde. Diese 150 Werst unter brennender Sonne zurückzulegen schien, trotz der Schnelligkeit der Bewegung, ein endloser Weg zu sein!

Es ist eine ganz unfruchtbare Gegend, die sich dort vom rechten Ufer des Obi bis zum Fuße der Vorberge erstreckt, welche zu dem von Norden nach Süden verlaufenden Sayanskgebirge gehören. Kaum unterbrechen einige magere, halb verbrannte Gebüsche die Einförmigkeit dieser grenzenlosen Ebene. Von Bodencultur ist bei dem Wassermangel hier keine Rede, und auch den von dem anstrengenden Marsche erschöpften Gefangenen fehlte es vor allen Dingen an dem erquickenden Wasser. Um einen Fluß anzutreffen, hätte man sich etwa fünfzig Werst weiter nach Osten begeben müssen, bis zu dem Fuße jenes Landrückens, der die Wasserscheide zwischen dem Obi und Jeniseï darstellt. Dort läuft der Tom, ein kleiner Nebenfluß des Obi, der auch die Stadt Tomsk durchfließt, bevor er sich in einer der großen Wasseradern des Nordens verliert. Dort wäre Wasser in Ueberfluß, die Steppe minder dürr, die Hitze nicht so drückend gewesen. Die Führer des Zuges hatten aber die gemessensten Befehle erhalten, auf dem kürzesten Wege nach Tomsk zu marschiren, denn der Emir mußte jede Stunde fürchten, in der Flanke gefaßt und von einer aus den nördlichen Provinzen herab dringenden russischen Colonne abgeschnitten zu werden. Die große sibirische Heerstraße berührte nun aber die Ufer des Tom nicht, wenigstens nicht mit dem Tracte zwischen Kolyvan und dem nächsten kleinen, Zabediero genannten Flecken, – und von der Straße durfte nicht abgewichen werden.

Wir wollen uns nicht unnützer Weise bei den Leiden so vieler unglücklicher Gefangener aufhalten. Mehrere Hundert fielen auf der Steppe, wo ihre Leichen einfach liegen blieben, bis die vom Winter wieder hierher getriebenen hungrigen Wölfe den Rest ihrer Gebeine verzehrten.

So wie Nadia jeden Augenblick bei der Hand war, der alten Sibirerin helfend beizuspringen, so erwies auch Michael Strogoff, da er sich frei bewegen konnte, seinen schwächlicheren Leidensgefährten alle unter diesen Verhältnissen möglichen Dienste. Er sprach den Einen Muth zu, unterstützte die Andern, schonte sich selbst nach keiner Seite, ging ab und zu, bis ihn die Lanze eines Reiters zwang, den ihm in seiner Reihe angewiesenen Platz wieder einzunehmen.

Weshalb versuchte er nicht zu fliehen? – Weil jetzt sein Entschluß fest stand, sich nicht eher in die Steppe hinaus zu wagen, als bis sie ihm die nothwendige Sicherheit böte. Er hatte sich nun einmal vorgenommen, „auf Unkosten des Emirs“ bis Tomsk zu gelangen, und wählte hiermit wohl auch den besten Theil. Wenn er die zahlreichen kleinen Abtheilungen berücksichtigte, welche die Ebene auf beiden Seiten des Zuges, bald im Süden und bald im Norden umschwärmten, so mußte er zu der Ueberzeugung gelangen, daß er gewiß kaum zwei Werst vorwärts gekommen wäre, ohne von diesen wieder aufgegriffen zu werden. Ueberall schwärmten die Tartarenreiter umher und schienen manchmal aus der Erde hervor zu kommen, wie die lästigen Insecten, welche nach einem Platzregen den Boden bedecken. Uebrigens erschien ein Fluchtversuch unter den obwaltenden Verhältnissen sehr schwer, wenn nicht ganz unausführbar. Die escortirenden Soldaten wachten mit äußerster Strenge, denn für eine erwiesene Nachlässigkeit stand ihr eigener Kopf auf dem Spiele.

Am 15. August erreichte der Zug mit sinkendem Tage endlich den kleinen Flecken Zabediero, etwa dreißig Werst von Tomsk. Hier vereinigte sich die Straße mit dem Laufe des Tom.

Gern wären die Gefangenen zuerst nach dem Wasser des Flusses geeilt, ihre Wächter gestatteten ihnen aber nicht eher aus den Reihen zu treten, als bis ein provisorisches Lager eingerichtet war. Trotz der zu jener Zeit gerade überaus heftigen Strömung des Tom hätte der Fluß doch die Flucht einiger Wagehälse oder Halbverzweifelter begünstigen können, weshalb die sorgsamsten Vorsichtsmaßregeln getroffen wurden. Auf den Fluß verlegte man eine Reihe aus Zabediero requirirter Boote, die eine Kette unmöglich zu durchbrechender Hindernisse bildeten. Die Außenlinie der an die ersten Häuser des Städtchens gelehnten Lagerstätte umschloß dagegen ein lückenlos dichter Cordon von Feldwachen.

Wenn Michael Strogoff auch einen Augenblick daran denken mochte, sich von hier aus in die Steppe zu flüchten, so sah er doch, nachdem er sich über die Sachlage unterrichtet, leicht ein, daß unter diesen Verhältnissen jeder Fluchtversuch unmöglich sei, und beschloß, sich in Geduld zu fassen, um nicht Alles auf’s Spiel zu setzen.

Die Gefangenen lagerten die ganze Nacht über an den Ufern des Tom. Der Emir hatte den Befehl erlassen, seine Truppen am folgenden Tage nach Tomsk hinein zu führen. Dort sollte die Verlegung des Hauptquartiers nach jener wichtigen Stadt durch ein großes militärisches Fest gefeiert werden. Feofar-Khan residirte schon in dem Fort derselben, während das Gros der Armee vor den Mauern bivouakirte, um vereint mit der nachfolgenden Abtheilung einen imposanten Einzug zu halten.

Iwan Ogareff hatte den Emir in Tomsk gelassen, woselbst Beide am Tage vorher eingetroffen waren, und war nach dem Lager von Zabediero zurück gekehrt. Von dort wollte er am folgenden Tage mit der Arrièregarde des tartarischen Heeres aufbrechen. Zu seinem Nachtquartier fand er daselbst ein eigenes Haus vorgerichtet. Mit Sonnenaufgang setzte sich die Infanterie und Cavallerie der Truppe unter seinem Befehle nach Tomsk in Bewegung, wo der Emir Alle mit dem bei den asiatischen Souveränen gebräuchlichen Pompe empfangen wollte.

Nach Organisirung des Lagers durften die von den drei Marschtagen auf’s Aeußerste erschöpften Gefangenen endlich ihren quälenden Durst löschen und einige Ruhe genießen.

Schon war die Sonne untergegangen und der Horizont nur noch durch ein schwaches Dämmerlicht erhellt, als Nadia, am Arme Marfa Strogoff, am Ufer des Tom anlangten. Beide hatten vorher die dichten Massen der Verschmachteten, welche das Flußufer umdrängten, nicht zu durchbrechen vermocht und kamen jetzt erst dazu, sich einen erfrischenden Trank zu erobern.

Die alte Sibirerin beugte sich erschöpft über das Wasser; Nadia schöpfte daraus mit ihrer Hand und führte diese an Marfa’s Lippen. Dann erst erquickte sie sich auch selbst. Die bejahrte Frau und das junge Mädchen tranken ein neues Leben aus den wohlthätigen Fluthen.

Da wandte sich Nadia, eben als sie das Ufer wieder verlassen wollten, plötzlich um. Ein unwillkürlicher Aufschrei entrang sich ihren Lippen.

Michael Strogoff war da, nur wenige Schritte von ihr!

Ja, er war es! Das letzte Tageslicht fiel auf ihn.

Michael Strogoff erzitterte wohl bei jenem Schrei ... Er gewann aber genug Herrschaft über sich, um nicht ein Wort hören zu lassen, das ihn hätte compromittiren können.

Gleichzeitig mit Nadia hatte er auch seine Mutter erkannt!...

Tiefbewegt von diesem unerwarteten Zusammentreffen drückte Michael Strogoff, um seiner Herr zu bleiben, die Hand vor die Augen und entfernte sich.

Nadia wollte instinctiv auf ihn zueilen, die alte Sibirerin aber hielt sie zurück und raunte ihr in’s Ohr:

„Bleib’ hier, meine Tochter!

— Er ist es! entgegnete Nadia mit vor Erregung unterdrückter Stimme. Er lebt, Mutter! Er ist es!

— Ja, es ist mein Sohn, bestätigte Marfa Strogoff, das ist Michael Strogoff, und Du siehst, daß ich keinen Schritt zu ihm hin thue. Folge mir darin, meine Tochter!“

Michael Strogoff war eine Beute der tief innerlichsten Bewegung, die wohl je ein Mann empfinden kann. Er wußte seine Mutter und Nadia hier. Diese beiden Gefangenen, welche vereint in seinem Herzen wohnten, hatte der Himmel zu gemeinschaftlichem Unglück zusammen geführt. Wußte Nadia nun, wer er war? Nein, denn er hatte Marfa Strogoff’s Handbewegung bemerkt, mit der sie jene zurückhielt, als sie auf ihn zueilen wollte. Marfa Strogoff hatte Alles durchschaut und sein Geheimniß bewahrt.

Zwanzigmal während dieser Nacht stand Michael Strogoff auf dem Punkte, seine Mutter aufzusuchen, aber er sah immer wieder ein, daß er dem herzinnigen Wunsche widerstehen müsse, sie in seine Arme zu pressen und die Hand seiner jungen Gefährtin zu drücken. Die geringste Unklugheit konnte ihn ja verderben! Er hatte zudem geschworen, seine Mutter nicht zu sehen, und freiwillig wenigstens sollte es nicht geschehen. Einmal in Tomsk angekommen, wollte er, da es in dieser Nacht unmöglich war, hinausflüchten in die Steppe, ohne die beiden einzigen Wesen zu umarmen, an denen sein ganzes Leben hing und die er so vielen Gefahren ausgesetzt zurück ließ.

Michael Strogoff durfte also hoffen, daß dieses neue Zusammentreffen im Lager zu Zabediero weder für seine Mutter noch für ihn nachtheilige Folgen haben werde. Er wußte aber nicht, daß gewisse Einzelheiten dieser Scene, trotz ihres schnellen Verlaufes, von Sangarre, der Spionin Iwan Ogareff’s, beobachtet wurden.