Der Courier des Czaar (Michael Strogoff)

Part 14

Chapter 143,580 wordsPublic domain

Uebrigens zeigte sich Michael Strogoff möglichst wenig oder gar nicht. Ihm genügte es nicht, jedes Aufsehen zu vermeiden, er wünschte überhaupt gar nicht gesehen zu werden. Die Erfahrungen der jüngsten Vergangenheit verdoppelten seine Vorsicht in der Gegenwart wie für die Zukunft. So hielt er sich denn ganz zurückgezogen, trug gar kein Verlangen, die wenigen Straßen des Städtchens zu durchlaufen, und wollte das Gasthaus, in dem er abgestiegen war, überhaupt nicht verlassen.

In Kamsk hätte Michael Strogoff wohl einen Wagen kaufen und das Reitpferd, welches ihn von Omsk bis hierher getragen, durch ein bequemeres Beförderungsmittel ersetzen können. Nach reiflicher Ueberlegung sagte er sich aber, daß das Einhandeln eines Tarantaß doch die Aufmerksamkeit mehr, als ihm lieb war, auf ihn lenken mußte, und da er die von den Tartaren besetzte Linie noch nicht überschritten hatte, eine Linie, welche etwa mit dem Irtyschstrome abschnitt, so wollte er es nicht wagen, irgend welchen Verdacht zu erwecken.

Um übrigens diese Barabinen-Steppe zu durcheilen, durch diese Sumpfniederung zu fliehen, im Fall ihn eine directere Gefahr bedrohen sollte, um den zu seiner Verfolgung entsendeten Reitern einen Vorsprung abzugewinnen, um sich im Nothfall auch durch das dichteste Binsenmeer hindurchzuschlagen, war ein Pferd offenbar mehr werth, als ein Wagen. Später, vielleicht jenseit Tomsk oder gar hinter Krasnojarsk, hoffte Michael Strogoff in irgend einer bedeutenderen Stadt Sibiriens passendere Gelegenheit zu finden, sich mehr Bequemlichkeit zu verschaffen.

Sein jetziges Reitpferd aber gegen ein anderes umzutauschen, dieser Gedanke kam ihm gar nicht in den Sinn. Er hatte sich an dieses ausdauernde Thier schon gewöhnt; er wußte, was er von ihm verlangen konnte. Als er es in Omsk erkaufte, hatte er eine glückliche Hand gehabt, und dankbar pries er noch immer jenen Mujik, der ihn dort zu dem betreffenden Posthalter führte. Doch nicht nur Michael Strogoff fühlte eine gewisse Anhänglichkeit seinem Pferde gegenüber, auch dieses schien sich allgemach an die Strapazen einer solchen Parforce-Reise zu gewöhnen, und wenn ihm nur je einige Stunden Ruhe gegönnt wurden, konnte sein Reiter wohl hoffen, bis über die überfallenen Provinzen hinaus zu gelangen.

Während dieses Abends und der Nacht vom 2. zum 3. August verhielt sich Michael Strogoff also in seinem Gasthause am Eingange des Städtchens, einem wenig besuchten Gasthause ohne zudringliche und neugierige Gäste.

Von Ermüdung übermannt, legte er sich zwar bald, aber doch nicht eher nieder, als bis er wußte, daß es seinem Pferde an nichts fehle; trotzdem vermochte er nur einen häufig unterbrochenen Schlummer zu finden. Zu viele Erinnerungen, zu viele Sorgen für die Zukunft regten sich in ihm. Die Bilder seiner betagten Mutter und seiner schutzlos verlassenen, muthigen, jungen Gefährtin zogen abwechselnd vor seinem Geiste auf oder verschmolzen in ihm wohl auch zu einem einzigen sorgenden Gedanken.

Dann erinnerte er sich wieder seiner Sendung, an deren Ausführung ein Eid ihn band. Was er seit seinem Aufbruche von Moskau selbst gesehen, ließ ihn immer mehr die Wichtigkeit derselben erkennen. Fielen dann seine Blicke einmal auf den mit dem kaiserlichen Siegel verschlossenen Brief, diesen Brief, der ohne Zweifel das Heilmittel gegen so zahllose Uebel des von einem wilden, blutigen Kriege zerrissenen Landes enthielt, – dann bemächtigte sich Michael Strogoff’s fast unbesiegbares Verlangen, sofort wieder durch die Steppe weiter zu jagen, mit der Hast eines Vogels die Strecke zu überfliegen, die ihn noch von Irkutsk trennte, ein Adler zu sein, um alle Hindernisse überwinden zu können, ein Orkan, um mit der Schnelligkeit von hundert Werst die Stunde über der Erde dahin zu rasen und endlich vor den Großfürsten zu treten und ihm zuzurufen: „Kaiserliche Hoheit, von Seiner Majestät dem Czaaren!“

Am andern Morgen um sechs Uhr früh ritt Michael Strogoff wieder mit der Absicht weiter, an diesem Tage die 84 Werst (= 89 Kilometer) von Kamsk bis Ubinsk zurückzulegen. Jenseit eines Kreises von etwa 20 Werst fand er ganz die sumpfige Barabinen-Steppe wieder, welche hier kein Ableitungsgraben mehr trocken legte, so daß der Erdboden manchmal einen Fuß hoch unter Wasser stand. Dann war die Straße nur schwierig zu erkennen, aber er legte diesen Wegtheil, Dank seiner umsichtigen Aufmerksamkeit, doch ohne Unfall zurück.

In Ubinsk angelangt ließ Michael Strogoff sein Pferd die ganze Nacht über rasten, denn er wollte am folgenden Tag die 100 Werst betragende Entfernung zwischen Ubinsk und Ikulskoë durchmessen. Er brach also mit der Morgenröthe auf, aber leider gestaltete sich die Straße durch diesen Theil der Barabinen-Steppe immer unwegsamer.

Zwischen Ubinsk und Kamakowa hatten sich nämlich die reichlichen Regenniederschläge der letztvergangenen Wochen wie in einer undurchlässigen Schüssel in der verhältnißmäßig engen Bodensenkung angesammelt. Das unentwirrbare Netz von Sümpfen, Teichen und Seen hing fast ohne Unterbrechung zusammen. Einen dieser Seen, – übrigens einer von solcher Größe, daß er in der geographischen Nomenclatur wohl einen Platz verdient hätte, – den Tschang (ein von den Chinesen ihm beigelegter Name), mußte Michael Strogoff auf einer Strecke von 20 Werst längs seines Ufers unter den größten Schwierigkeiten umreiten, was nothwendiger Weise einige Verzögerungen veranlaßte, die er trotz seiner Ungeduld doch nicht zu vermeiden vermochte. Er sah recht deutlich ein, wie gut er daran gethan, sich in Kamsk nicht einen Wagen zu nehmen, denn sein Pferd kam hier unter Verhältnissen noch vorwärts, die jeden Wagen unbedingt aufgehalten hätten.

Abends gegen neun Uhr in Ikulskoë angekommen, verweilte Michael Strogoff daselbst die ganze Nacht. In diesem in der Barabinen-Steppe verlorenen Flecken fehlten die Nachrichten vom Kriegsschauplatze natürlich gänzlich. Dieser Theil der Provinz war durch seine natürliche Lage, mitten in der Gabel, welche die tartarischen Heerestheile durch ihr verschiedenseitiges Abschwenken einerseits nach Omsk, andrerseits nach Tomsk zu, bildeten, von den Schrecken des Einfalls noch gänzlich verschont geblieben.

Bald mußten sich nun auch die natürlichen Schwierigkeiten des Weges vermindern, denn im Fall er keine Verzögerung erlitt, hoffte Michael Strogoff am nächsten Tage über die Barabinen-Steppe hinauszukommen. Später bot sich ihm wieder ein weit besserer Weg, wenn er die 125 Werst, die ihn noch von Kolywan trennten, zurückgelegt hatte.

Von diesem etwas bedeutenderen Städtchen aus rechnete man bis Tomsk nur noch die gleiche Entfernung. Dann mußte er eine weitere Entscheidung treffen, die höchst wahrscheinlich in dem Sinne ausfiel, letztere von Feofar-Khan schon besetzte Stadt ganz zu umgehen.

Wenn sich aber diese kleinen Städtchen, wie Ikulskoë, Karguinsk u. a., in Folge ihrer Lage mitten in der sumpfigen Steppe, die der Entwickelung der tartarischen Streitkräfte unüberwindliche Schwierigkeiten entgegensetzte, noch einer glücklichen Ruhe erfreuten, lag da nicht die Befürchtung nahe, daß Michael Strogoff von den reichen, fruchtbaren Ufern des Obi an an Stelle der natürlichen Hindernisse allerlei Schwierigkeiten und Gefahren von Seiten der Menschen zu erwarten haben werde? Jedenfalls durfte er keinen Anstand nehmen, in dieser Gegend von der Straße nach Irkutsk abzuweichen. Bei einem Ritte durch die einsame Steppe lief er freilich Gefahr, sich von allen Hilfsmitteln zu entblößen. Dort fand sich nämlich keine weitere Straße, keine Stadt, kein Dorf mehr. Nur ganz einzeln traf man auf isolirte Farmen, oder vielmehr auf Hütten ärmlicher Leute, bei denen trotz ihrer unzweifelhaften Gastfreundlichkeit sich doch kaum das Nothwendigste finden mochte. Und dennoch, er durfte nicht zaudern!

Endlich gegen halb vier Uhr Nachmittags verließ Michael Strogoff, nachdem er noch durch die kleine Station Kargatsk gekommen war, die letzte Niederung der Barabinen-Steppe und der Hufschlag seines Pferdes verrieth durch den Schall wieder den harten, trockenen Boden des sibirischen Landes.

Er hatte Moskau am 15. Juli verlassen. Unter Einrechnung der am Ufer des Irtysch verlorenen zweiundsiebzig Stunden ergab das bis heute, den 5. August, eine Reisedauer von einundzwanzig Tagen.

Fünfzehnhundert Werst trennten ihn nun noch von Irkutsk.

Sechzehntes Capitel.

Eine letzte Anstrengung.

Michael Strogoff hatte ganz Recht, in den Ebenen, welche sich östlich an die Barabinen-Steppe anschließen, ein unliebsames Zusammentreffen zu fürchten. Die von Pferdehufen zertretenen Felder bewiesen, daß die Tartaren hier vorüber gekommen waren, und auf diese Barbaren passen auch die zuerst auf die Türken angewendeten Worte: „Auf dem Boden, den der Türke betrat, wächst kein Grashalm wieder!“

Bei seinem Zuge durch diese Gegend mußte Michael Strogoff also die größte Vorsicht beachten. Einige am fernen Horizonte lagernde Rauchwolken sagten ihm, daß hier die Weiler und Flecken angesteckt worden waren. Rührten diese Feuersbrünste nun von den Vortruppen her oder marschirte die ganze Armee des Emir schon nach den äußersten Grenzen der Provinz? Befand sich Feofar-Khan selbst in dem Gouvernement von Jeniseïsk? Michael Strogoff wußte hierüber nichts und konnte, bevor er nicht weitere Nachrichten erhielt, nach keiner Seite eine Entscheidung treffen. Sollte das Land so menschenleer geworden sein, daß er keinen einzigen Sibirier mehr fände, um von ihm Auskunft zu erlangen?

Michael Strogoff ritt auf der ganz leeren Straße etwa zwei Werst weiter. Nach rechts und links schweiften seine Augen und suchten ein noch nicht verlassenes Haus, aber alle, alle fand er öde und leer.

Eine einzelne Hütte, welche er zwischen einer Gruppe Bäume entdeckte, rauchte noch. Als er sich näherte, fand er wenige Schritte von den Trümmern seines Hauses einen Greis von weinenden Kindern umringt. Eine noch ziemlich junge Frau, offenbar die Tochter jenes Mannes und die Mutter der Kinder, lag knieend auf dem Boden, den verzweifelten Blick starr auf diese Scene der Verwüstung geheftet. Ein zarter Säugling von wenigen Monaten ruhte noch an ihrer Brust. Alles rings um diese Aermsten war Ruine und Zerstörung!

Michael Strogoff ging auf den Greis zu.

„Bist Du im Stande, mir zu antworten? fragte er mit ernster Stimme.

— Rede, erwiderte der alte Mann.

— Sind die Tartaren hier vorüber gekommen?

— Gewiß, sonst stände mein Haus nicht in Flammen.

— Ein ganzes Heer oder nur eine Abtheilung?

— Ein ganzes Heer, denn so weit der Blick reicht, sind unsere Felder verwüstet!

— Commandirt von dem Emir?...

— Von ihm, denn das Wasser des Obi färbte sich roth.

— Und Feofar-Khan ist in Tomsk eingezogen?

— Gewiß.

— Weißt Du, ob die Tartaren sich schon der Stadt Kolywan bemächtigt haben?

— Nein, denn Kolywan steht noch nicht in Flammen.

— Ich danke, Freund. – Kann ich Etwas für Dich und die Deinen thun?

— Nichts.

— Auf Wiedersehen!

— Leb’ wohl!“

Nachdem Michael Strogoff noch fünfundzwanzig Rubel niedergelegt hatte vor dem unglücklichen Weibe, welches nicht einmal im Stande war, ihm zu danken, gab er seinem Pferde die Sporen und setzte den einen Augenblick unterbrochenen Weg fort.

Er wußte nun Eines: daß er es um jeden Preis zu vermeiden habe, Tomsk zu passiren. Eher schien es möglich, nach Kolywan zu gehen, wo die Tartaren noch nicht herrschten. Auch in dieser Stadt hatte er nichts Anderes zu thun, als sich zu stärken und mit dem Nöthigsten für eine sehr lange Tagereise zu versehen. Dann mußte er die Straße nach Irkutsk verlassen, um nach Ueberschreitung des Obi Tomsk zu umgehen, – einen anderen Ausweg sah er nicht vor sich.

Nach Feststellung dieses neuen Reiseplans durfte Michael Strogoff nicht einen Augenblick zögern. Er zögerte auch nicht, sondern trieb sein Pferd zu einer noch schnelleren Gangart an und folgte dem directen Wege, der an das linke Ufer des Stromes führte und bis zu dem noch eine Strecke von 40 Werst zurückzulegen war. Würde er eine Fähre finden, um dort überzusetzen, oder sollte das Tartarenheer alle Fahrzeuge zerstört, weggeschleppt haben und er gezwungen sein, schwimmend den Strom zu überschreiten? Die Zukunft mußte diese Fragen bald beantworten.

Was sein nun auf’s Aeußerste erschöpftes Pferd betraf, so wollte es Michael Strogoff, nach Vollendung der bevorstehenden langen und höchst anstrengenden Tagereise, in Kolywan womöglich gegen ein anderes vertauschen. Er fühlte wohl, daß das arme Thier binnen Kurzem unter ihm zusammenbrechen mußte. Kolywan bildete also für ihn gleichsam einen neuen Ausgangspunkt, da er von dieser Stadt aus seine Reise unter sehr veränderten Verhältnissen fortzusetzen hatte. So lange sein Weg ihn durch die von den Eindringlingen besetzten Gebiete führte, mußten die Schwierigkeiten offenbar große sein; nach glücklicher Umgehung von Tomsk aber konnte er die Straße nach Irkutsk wieder benutzen, und da die Provinz Jeniseïsk den Verwüstungen der Feinde noch entzogen geblieben war, durfte er wohl hoffen, sein Ziel in wenigen Tagen zu erreichen.

Nach einem recht warmen Tage senkte sich die Nacht herab. Um Mitternacht hüllte tiefe Finsterniß die weite Steppe ein. Der Wind, der sich mit Sonnenuntergang gelegt hatte, hinterließ in der Atmosphäre eine vollkommene Stille. Nur den Hufschlag des Pferdes hörte man auf der verlassenen Straße, und dann und wann einige Worte, mit denen der Reiter es aufzumuntern suchte. Mitten in dieser Finsterniß bedurfte es der äußersten Vorsicht, um nicht von dem Wege abzukommen; denn immer begleiteten diesen einzelne Teiche oder kleine Nebenarme des Obi.

Michael Strogoff trabte also möglichst schnell, aber immer mit größter Aufmerksamkeit weiter. Er verließ sich dabei nicht allein auf die große Schärfe seiner Augen, die auch die Finsterniß durchdrangen, sondern daneben auch auf die Klugheit seines Pferdes, dessen scharfen Spürsinn er kannte.

Eben war Michael Strogoff einmal abgestiegen, um sich über die genaue Richtung der Straße zu vergewissern, als er von Westen her ein verworrenes Geräusch zu vernehmen glaubte. Es klang wie entferntes Pferdegetrappel auf der trockenen Erde. Ohne Zweifel; ein bis zwei Werst weiter rückwärts hörte er die regelmäßigen Hufschläge von Pferden.

Michael Strogoff lauschte, das Ohr auf dem Boden, mit gespanntester Aufmerksamkeit.

„Das ist eine Reiterabtheilung, sagte er sich, welche auf der Straße von Omsk daherkommt. Sie scheint sich schnell zu bewegen, denn das Geräusch nimmt merkbar zu. Sind das nun Russen oder Tartaren?“

Michael Strogoff lauschte noch immer.

„Ja, ja, sprach er halblaut für sich, sie nähern sich in scharfem Trabe! Vor Ablauf von zehn Minuten müssen sie hier sein. Mein Pferd wird schwerlich mit ihnen Schritt halten können. Sind es Russen, so würde ich mich ihnen anschließen. Sind es Tartaren, so muß ich ihnen entweichen. Aber wie? Wo könnt’ ich mich verbergen in dieser Steppe?“

Michael Strogoff sah sich forschend um, und sein scharfes Auge entdeckte eine bei der herrschenden Finsterniß kaum erkennbare dunklere Masse etwa hundert Schritt vor sich zur Linken der Straße.

„Da ist ein kleines Gehölz, sagte er. Wenn ich mich darin verberge, laufe ich zwar Gefahr, den Reitern in die Hände zu fallen, wenn sie es durchsuchen sollten. Indeß, ich habe keine Wahl. Da, in der Ferne kommen sie schon!“

Wenige Minuten später erreichte Michael Strogoff, sein Pferd am Zügel führend, ein kleines Gehölz von Lärchenbäumen, das einen Zugang von der Straße aus hatte. Vor und hinter demselben zog sie sich ganz frei von Bäumen zwischen den Löchern und Tümpeln hin, welche aus Stechginster und Haidekraut bestehende Gruppen von Zwergbäumen trennten. Zu beiden Seiten war das Terrain also völlig ungangbar und die Reiterschaar mußte zweifellos an dem kleinen Gehölz vorüber kommen, da sie offenbar der Hauptstraße nach Irkutsk folgte.

Michael Strogoff wand sich also zwischen diese Lärchenbäume hinein, bis er sich etwa nach vierzig Schritten von einem Wasserlauf aufgehalten sah, der den Hain im Halbkreise begrenzte.

Die Dunkelheit war hier aber eine so tiefe, daß Michael Strogoff nicht im Geringsten Gefahr lief entdeckt zu werden, wenn das Gehölz nicht ganz peinlich durchsucht wurde. Er führte sein Pferd also bis an jenes Wasser, band es daselbst an einen Baum und schlich sich selbst wieder an den Rand des Dickichts, um bestimmen zu können, wie er sich zu verhalten habe.

Kaum hatte er hinter einigen buschartigen Lärchen Platz genommen, als ihm ein Lichtschein in’s Auge fiel, aus dem da und dort einige glänzende Punkte in lebhafter Bewegung aufleuchteten.

„Wie? Fackeln!“ murmelte er.

Schnell wich er wieder weiter zurück und schlüpfte wie ein Wilder geräuschlos in das Gebüsch, wo es am dichtesten war.

Bei ihrer Annäherung an das Gehölz nahmen die Pferde einen langsameren Schritt an. Recognoscirten die Reiter etwa die Straße, um sie in allen Einzelheiten genau kennen zu lernen?

Michael Strogoff mußte das befürchten und begab sich wenigstens bis nach dem steilen Uferrand jenes Wasserlaufs zurück, entschlossen, sich im Nothfalle auch hinein zu stürzen.

Als die Reiterschaar bei dem Gehölz ankam, machte sie Halt. Die Männer stiegen ab. Es mochten gegen fünfzig sein. Mehrere derselben trugen Fackeln, welche die Straße in weitem Umkreise beleuchteten.

An gewissen Vorbereitungen bemerkte Michael Strogoff zu seinem Glücke, daß es keineswegs in der Absicht der Berittenen liege, das Gehölz zu durchsuchen, sondern nur an dessen Rande zu bivouakiren, den Pferden einige Ruhe zu gönnen und den Mannschaften etwas Nahrung zu sich nehmen zu lassen.

Die abgezäumten Pferde begannen bald das saftige Gras abzuweiden, das hier den Boden bedeckte. Die Reiter selbst ließen sich längs der Straße nieder und vertheilten die Rationen aus ihren Fouragetaschen.

Michael Strogoff hatte seine vollkommene Kaltblütigkeit bewahrt. Er schlich wieder näher, erst um Etwas zu sehen, dann um womöglich einige Worte zu vernehmen.

Die hier gelagerte Reiterabtheilung kam von Omsk her. Sie bestand aus usbeckischen Soldaten, einer in der Tartarei vorherrschenden Race, deren Typus auf ihre Verwandtschaft mit den Mongolen hinweist. Diese wohlgebauten, alle über mittelgroßen Männer mit rohem, wildem Gesichtsausdrucke trugen auf dem Kopfe einen „Talpak“, eine Art Mütze aus schwarzem Schafpelz, und gelbe, hochschaftige Stiefeln, deren vordere Spitze aufgebogen war, wie man das an den Schuhen aus gewissen Perioden des Mittelalters zu sehen gewöhnt ist. Ihren Rock aus mit grobem Baumwollenstoffe gefüttertem Kattun umschloß ein Ledergürtel mit rother Stickerei. Als Vertheidigungswaffe führten sie einen Schild, als Angriffswaffen einen krummen Säbel, ein langes Dolchmesser und ein am Sattelknopfe hängendes Steinschloßgewehr. Ihre Schultern bedeckte noch ein Filzmantel in grellen Farben.

Die in voller Freiheit am Saume des Gehölzes grasenden Pferde waren von usbeckischer Race, ebenso wie ihre Reiter. Bei dem Scheine der Fackeln, die ein lebhaftes Licht durch die Aeste der Lärchen verbreiteten, konnte man das recht gut erkennen. Etwas kleiner als die Pferde der turkomanischen Race, aber ungemein kräftig und ausdauernd, sind diese doch als echte Vollblutthiere anzusehen, die eine andere Gangart als scharfen Trab oder Galop gar nicht zu kennen scheinen.

Die Abtheilung selbst führte ein „Pendja-Baschi“, d. h. ein Befehlshaber über fünfzig Mann, dem noch ein „Deh-Baschi“, ein Anführer von einer Rotte zu zehn Mann, untergeordnet war. Diese Officiere trugen Panzerhauben und Waffenröcke; außerdem bildeten kleine, am Sattelknopfe hängende Trompeten ihre verschiedene Gradauszeichnung.

Der Pendja-Baschi wollte seine von einem weiten Ritte ermüdeten Mannschaften etwas ausruhen lassen. Plaudernd und den „Beng“ (d. i. ein Hanfblatt, der Hauptbestandtheil des „Haschich“, von dem die Asiaten einen so ausgedehnten Gebrauch machen), rauchend, gingen die beiden Officiere am Rande des Gehölzes so auf und ab, daß Michael Strogoff ihre Unterhaltung hören und auch die Worte verstehen konnte, da sie sich der tartarischen Sprache bedienten.

Schon die ersten Worte ihres Gesprächs erregten die Aufmerksamkeit Michael Strogoff’s im höchsten Grade.

Zu seinem Erstaunen war von ihm selbst die Rede.

„Jener Courier kann einen so großen Vorsprung vor uns unmöglich haben, sagte der Pendja-Baschi, und außerdem konnte er bestimmt keinen andern Weg einschlagen, als die Straße durch die Barabinen-Steppe.

— Wer weiß, ob er Omsk überhaupt verlassen hat? erwiderte der Deh-Baschi. Vielleicht hält er sich noch jetzt in irgend einem Hause der Stadt versteckt.

— Wahrlich, das wäre nur zu wünschen! Dann brauchte der Oberst Ogareff nicht zu fürchten, daß die Depeschen, deren Träger der Courier doch ohne Zweifel ist, an ihren Bestimmungsort gelangten!

— Man behauptet, Jener solle ein Landeskind, ein Sibirier sein, fuhr der Deh-Baschi fort. Als solchen muß ihm wohl die Provinz bekannt sein und er konnte recht wohl von der Landstraße nach Irkutsk abweichen in der Rechnung, sie erst später wieder aufzusuchen.

— Dann wären wir ihm aber voraus, antwortete der Pendja-Baschi, denn wir haben Omsk kaum eine Stunde nach seiner Abreise aus der Stadt ebenfalls verlassen und sind bei der größten Schnelligkeit der Pferde dem kürzesten Wege gefolgt. Ob er also in Omsk ganz zurück geblieben oder wir vor ihm in Tomsk ankommen, um ihm den Weg zu verlegen, jedenfalls wird er Irkutsk nicht zu erreichen vermögen.

— Eine derbe Frau übrigens, jene alte Sibirierin, die offenbar seine Mutter ist!“ bemerkte der Deh-Baschi.

Bei diesen Worten klopfte Michael Strogoff’s Herz, als wollte es springen.

„Ja wohl, erwiderte der Pendja-Baschi, sie versuchte es zwar abzuleugnen, daß dieser vermeintliche Kaufmann ihr Sohn sei, aber es gelang ihr nicht. Der Oberst Ogareff hat sich dadurch nicht täuschen lassen, denn er sprach es wenigstens aus, er werde die alte Hexe zur passenden Zeit schon zum Geständniß der Wahrheit zu bringen wissen.“

So viele Worte, so viele Dolchstiche waren das für Michael Strogoff. Er war also sicher als Courier des Czaar erkannt. Eine zu seiner Verfolgung ausgesendete Reiterabtheilung mußte ihm unfehlbar den Weg verlegen! Dazu befand sich, zu seinem tiefsten Schmerze, seine Mutter in der Gewalt der Tartaren, und der grausame Ogareff rühmte sich, er werde sie zum Sprechen zu bringen wissen, wenn es ihm beliebte.

Michael Strogoff wußte recht gut, daß die energische Sibirierin Nichts aussagen und daß ihr diese Weigerung jedenfalls das Leben kosten werde!...

Michael Strogoff glaubte zwar, daß er Iwan Ogareff niemals mehr zu hassen im Stande sei, als er ihn bis jetzt gehaßt habe, und doch drang ihm auf’s Neue ein bitteres Gefühl des Hasses in’s Herz. Der Schurke, der sein Vaterland verrieth, drohte nun auch noch seine alte Mutter zu foltern!

Das Gespräch der beiden Officiere dauerte noch länger fort, und Michael Strogoff glaubte zu verstehen, daß in der Umgebung von Kolywan ein Zusammenstoß zwischen den von Norden herabziehenden russischen Truppen und den Tartarenhorden zu erwarten sei. Ein schwaches russisches Corps von 2000 Mann näherte sich, den vom unteren Obi eingegangenen Nachrichten zufolge, in Eilmärschen der Stadt Tomsk. Wenn sich das bestätigte, so mußte jenes Corps, welches von der Hauptmacht des Heeres unter Feofar-Khan aufgefangen wurde, ohne Zweifel vernichtet werden, und dann gehörte die Straße nach Irkutsk unbestritten den frechen Feinden.

Seine eigene Person betreffend entnahm Michael Strogoff aus einigen Aeußerungen des Pendja-Baschi, daß auf seinen Kopf ein Preis gesetzt und Befehl ergangen sei, ihn lebend oder todt einzuliefern.

Daraus ergab sich aber die Nothwendigkeit, den usbeckischen Reitern zuvor zu kommen und auf der Straße nach Irkutsk den Obi zwischen den Courier und seine Verfolger zu bringen. Zur Erreichung dieser Absicht mußte er aber vor Aufhebung des Bivouaks zu entkommen suchen.

Michael Strogoff bereitete sich sofort, diesen Entschluß auszuführen.