Der Courier des Czaar (Michael Strogoff)

Part 13

Chapter 133,569 wordsPublic domain

Der Mujik und er nahmen also ihren Weg durch die Stadt wieder auf und gelangten unbelästigt nach dem Posthause. Nach Einbruch der Nacht konnte es nicht allzu schwierig sein, Omsk durch eine der Breschen zu verlassen. Dagegen stellte sich die Unmöglichkeit heraus, an Stelle des Tarantaß ein anderes Fuhrwerk zu erhalten. Es fand sich weder ein Wagen zu miethen, noch zu kaufen. Aber bedurfte denn Michael Strogoff jetzt wirklich eines Wagens? War er für den übrigen Theil der Reise nicht allein? Ihm mußte auch schon ein Reitpferd genügen, und ein solches war glücklicher Weise zu beschaffen. Er bekam ein tüchtiges, zum Ertragen schwerer Strapazen offenbar geeignetes Thier, von dem sich Michael Strogoff, ein gewandter, ausdauernder Reiter, den größten Nutzen versprach.

Das Pferd kostete eine bedeutende Summe; nach einigen Minuten schon stand es zum Aufbruch bereit.

Es war jetzt etwa um vier Uhr Nachmittags.

Da Michael Strogoff die Nacht abwarten mußte, um die Umwallung zu passiren, sich in den Straßen von Omsk aber doch nicht zeigen wollte, so blieb er gleich im Posthause und ließ sich daselbst einige Stärkungsmittel besorgen.

In dem öffentlichen Wartesaale des Hauses ging es sehr lebhaft zu. So wie wir es von den russischen Bahnhöfen kennen gelernt haben, liefen die ängstlichen Einwohner hier zusammen, um neue Nachrichten zu erhaschen. Man sprach von der bevorstehenden Ankunft eines Corps russischer Truppen, zwar nicht in Omsk, aber in Tomsk, – eines Corps, das diese Stadt den Tartaren Feofar-Khan’s wieder entreißen sollte.

Michael Strogoff lauschte gespannt auf jedes in seiner Umgebung gesprochene Wort, vermied es aber, sich selbst in ein Gespräch einzulassen.

Plötzlich machte ein Aufschrei ihn erzittern, ein Schrei, der hinabdrang bis zum Grunde seiner Seele, und an sein Ohr schlugen die beiden Worte:

„Mein Sohn! Mein Sohn!“

Seine Mutter, die alte Marfa, stand vor ihm. Sie lächelte und sie zitterte doch vor Freude und streckte ihm sehnsüchtig die Arme entgegen.

Michael Strogoff erhob sich. Er wollte ihr entgegenfliegen ....

Da hielt ihn der Gedanke an seine Pflicht, an die ernsthafte Gefahr für seine Mutter und ihn bei dieser bedauerlichen Begegnung plötzlich zurück, und er gewann so viel Herrschaft über sich, daß auch nicht ein Muskel seines Gerichtes zuckte.

Zwanzig Personen füllten jetzt den Wartesaal. Unter ihnen konnten recht wohl einige Spione sein, und wußte man denn nicht auch, daß Marfa Strogoff’s Sohn zu dem Specialcorps der Couriere des Czaaren gehörte?

Michael Strogoff sprach kein Wort.

„Michael! rief seine Mutter.

— Wer sind Sie, geehrte Dame? fragte Michael Strogoff, der die Worte mehr hervorstammelte als aussprach.

— Wer ich bin? Das fragst Du? Mein Kind, erkennst Du Deine Mutter nicht mehr wieder?

— Sie täuschen sich! ... antwortete Michael Strogoff kalt, eine Aehnlichkeit führt Sie irre ....“

Die alte Marfa ging gerade auf ihn zu und stellte sich ihm Aug’ in Auge gegenüber.

„Du bist nicht Peter und Marfa Strogoff’s Sohn?“ sagte sie.

Michael Strogoff hätte sein Leben darum gegeben, seine Mutter offen in die Arme schließen zu dürfen, aber wenn er nachgab, war es nicht nur um ihn, sondern auch um sie, um seinen Auftrag, um seinen Eid geschehen! Er bezwang sich nach Kräften, er schloß die Augen, um nicht die angsterregten Züge in dem Antlitz der kindlich verehrten Mutter sehen zu müssen; er zog seine Hände zurück, um nicht unwillkürlich den zitternden Händen, die nach ihm verlangten, zu begegnen.

„Ich weiß in der That nicht, liebe Frau, was ich aus Ihren Worten machen soll, antwortete er, einige Schritte zurückweichend.

— Michael! rief noch einmal die bejahrte Mutter.

— Ich heiße nicht Michael! Ich bin nie Ihr Sohn gewesen. Ich bin Nicolaus Korpanoff, Kaufmann aus Irkutsk!...“

Hastig verließ er den Wartesaal, in dem noch einmal die Worte wiedertönten:

„Mein Sohn! Mein Sohn!“

Michael Strogoff war abgereist, so schwer es ihm wurde. Er sah seine alte Mutter, welche bewußtlos auf einer Bank zusammen gebrochen war, für jetzt nicht mehr. Gerade als der Postmeister ihr zu Hilfe eilen wollte, erhob sich die alte Frau selbst schon wieder. In ihrem Geiste war es plötzlich hell geworden. Sie, – verleugnet von ihrem leiblichen Sohne, – das war unmöglich! Ebenso unmöglich erschien es ihr aber, sich getäuscht und einen Anderen für ihn gehalten zu haben. Ohne Zweifel war es ihr Sohn gewesen, den sie eben gesehen hatte, und wenn Dieser sie nicht wieder erkannte, so wollte er es nicht, so durfte er sie nicht erkennen, so hatte er triftige, zwingende Gründe, so zu handeln. Dann unterdrückte sie allen Mutterschmerz in ihrer Brust und peinigte sich mit dem einzigen Gedanken: „Sollte ich ihn wider Willen in’s Verderben gestürzt haben?“

„Ich bin eine Thörin! antwortete sie Allen, die sie fragten. Meine Augen haben mich betrogen! Dieser junge Mann ist mein Kind nicht! Er hatte ja gar nicht dessen Stimme! Lassen wir es. Zuletzt werde ich meinen Sohn noch in Jedermann zu sehen glauben.“

Kaum zehn Minuten später erschien ein Tartarenofficier im Posthause.

„Marfa Strogoff? fragte er laut.

— Das bin ich, antwortete die betagte Frau so ruhig im Ton und im Antlitz, daß die Zeugen der vorigen Scene sie kaum wieder erkannten.

— Komm mit mir!“ sagte der Officier.

Mit sicherem Schritte folgte Marfa Strogoff dem tartarischen Officier und verließ das Posthaus.

Wenige Minuten später befand sich Marfa Strogoff mitten in dem Truppenlager des Hauptplatzes und gegenüber dem gefürchteten Iwan Ogareff, dem alle Einzelheiten der oben erzählten Scene unverweilt berichtet worden waren.

Iwan Ogareff muthmaßte ebenfalls den wahren Sachverhalt und hatte die alte Sibirierin selbst darüber befragen wollen.

„Dein Name? leitete er das Verhör in strengem Tone ein.

— Marfa Strogoff.

— Du hast einen Sohn?

— Ja.

— Er ist Courier des Czaaren?

— Ja.

— Wo befindet er sich?

— In Moskau.

— Du bist von ihm ohne Nachrichten?

— Ohne jede Nachricht.

— Seit wie lange?

— Seit zwei Monaten.

— Wer ist aber der junge Mann, den Du noch vor wenig Augenblicken im Posthause Deinen Sohn nanntest?

— Ein junger Sibirier, den ich für ihn hielt, antwortete Marfa Strogoff. Das ist der Zehnte, in dem ich meinen Sohn zu finden glaubte, seit die Stadt voller Fremden ist. Ich glaube ihn eben überall zu erkennen.

— Jener junge Mann war demnach Michael Strogoff nicht?

— Er war es leider nicht.

— Weißt Du, alte Frau, daß ich Dich foltern lassen kann, bis Du die Wahrheit eingestehst?

— Ich spreche die Wahrheit, und keine Folter würde meine Aussage abzuändern vermögen.

— Jener Sibirier war Michael Strogoff wirklich nicht? fragte zum zweiten Male und eindringlicher Iwan Ogareff.

— Nein! Er war es nicht! antwortete Marfa Strogoff zum zweiten Male. Glaubt Ihr, ich würde um Alles in der Welt einen solchen Sohn, wie mir ihn Gott gegeben hat, verleugnen?“

Mit boshaftem Auge fixirte Iwan Ogareff die Frau, die ihm in’s Gesicht zu trotzen wagte. Er zweifelte keinen Augenblick, daß sie in dem jungen Sibirier ihren Sohn wirklich erkannt habe. Und wenn dennoch der Sohn zuerst die Mutter verleugnet hatte, wie es die Mutter jetzt ihrerseits that, so mußten dem unzweifelhaft sehr ernste Ursachen zu Grunde liegen.

Iwan Ogareff galt es als unbestreitbare Thatsache, daß der angebliche Nicolaus Korpanoff kein Anderer sei, als Michael Strogoff, der Courier des Czaaren, der sich unter einem falschen Namen verbarg und der einen Auftrag haben mußte, dessen Kenntniß für ihn von der weitgehendsten Bedeutung sein konnte. Er gab also sofort Befehl, Jenen zu verfolgen.

Dann wendete er sich gegen Marfa Strogoff zurück und sagte:

„Diese Frau soll sofort nach Tomsk übergeführt werden!“

Und während die Soldaten Jene roh und grausam fortdrängten, murmelte er zwischen den Zähnen:

„Zur passenden Zeit werde ich ihr schon die Zunge zu lösen wissen, der alten Hexe!“

Fünfzehntes Capitel.

Der Barabinen-Sumpf.

Es war Michael Strogoff’s Glück gewesen, daß er das Posthaus so schnell als möglich verließ. Auf Iwan Ogareff’s Befehl wurden sofort alle Ausgänge der Stadt scharf bewacht und sein Signalement allen Postmeistern mitgetheilt, um sein Entkommen aus Omsk zu verhindern. Als das aber geschah, hatte er schon eine Bresche des Erdwalls hinter sich, sein Pferd jagte durch die Steppe, und da er keine unmittelbaren Verfolger hinter sich sah, durfte er auf das Gelingen seiner Flucht wohl hoffen. Am 29. Juli, Abends gegen acht Uhr, hatte Michael Strogoff Omsk verlassen. Diese Stadt liegt ungefähr in der Mitte des Weges von Moskau nach Irkutsk, woselbst er vor Ablauf von zehn Tagen eintreffen mußte, wenn er die tartarischen Horden hinter sich lassen wollte. Offenbar hatte der beklagenswerte Zufall, welcher ihn seiner Mutter vor Augen führte, sein Incognito verrathen. Iwan Ogareff konnte nicht mehr darüber im Unklaren sein, daß ein Courier des Czaaren auf dem Wege nach Irkutsk durch Omsk gekommen sei. Die Depeschen dieses Eilboten mußten von besonderer Wichtigkeit sein. Michael Strogoff ahnte also auch, daß man Alles daran setzen werde, sich seiner Person zu bemächtigen.

Was er aber nicht wußte, was er nicht wissen konnte, war, daß Marfa Strogoff sich in Iwan Ogareff’s Gewalt befand, daß sie büßen, vielleicht mit ihrem Leben bezahlen sollte für die Erregung ihres Mutterherzens, die sie bei dem unerwarteten Anblick ihres Sohnes nicht zu unterdrücken im Stande gewesen war. Ein Glück für ihn, daß er davon nichts wußte! Hätte er dieser neuen Prüfung widerstehen können?

Michael Strogoff trieb sein Roß an, er flößte ihm gleichsam dieselbe fieberhafte Ungeduld ein, die ihn verzehrte; er verlangte nur das Eine von dem Thiere, ihn so schnell als möglich nach dem nächsten Relais zu tragen, wo er es gegen ein noch schnelleres Beförderungsmittel einzutauschen hoffte.

Um Mitternacht hatte er siebzig Werst zurückgelegt und machte bei der Station Kulikowo Halt. Doch auch hier fand er, eine Bestätigung seiner Besorgniß, weder Pferde noch Wagen. Einzelne Abtheilungen Tartaren waren schon auf der Hauptstraße durch die Steppe dahin gezogen. In den Dörfern und den Postrelais hatte man Alles requirirt oder geradezu gestohlen. Michael Strogoff konnte kaum einige Nahrung für sich und etwas Futter für sein Pferd erhalten.

Er mußte dieses Pferd, für das sich kein Ersatz mehr zu bieten schien, etwas schonender behandeln. Da er aber zwischen sich und den ihm von Iwan Ogareff jedenfalls nachgesendeten Reitern den größtmöglichen Zwischenraum sehen wollte, beschloß er, möglichst schnell weiter zu eilen. Nach einer nur einstündigen Ruhe schlug er also den Weg durch die Steppe schon wieder ein.

Bisher hatten die Witterungsverhältnisse die Reise des Czaarencouriers auffallend begünstigt. Die Lufttemperatur hielt sich in erträglichen Grenzen. Die zu dieser Jahreszeit kurze, aber von den durch einen leichten Wolkenschleier dringenden Mondstrahlen mit einem angenehmen Dämmerlichte gemilderte Nacht machte die Straße leidlich gangbar. Michael Strogoff zog übrigens, als ein seines Weges kundiger Mann, sicher, ohne Zweifel, ohne Zögern dahin. Trotz der schmerzlichen Gedanken, die ihn hartnäckig verfolgten, hatte er sich doch eine außerordentliche Klarheit des Geistes bewahrt und steuerte auf sein Ziel zu, als ob dieses Ziel schon am Horizonte sichtbar sei. Hielt er, vielleicht bei einer Biegung des Weges, einen Augenblick an, so geschah es, um sein Pferd etwas Athem schöpfen zu lassen. Dann stieg er, zur Erleichterung des Thieres, einmal ab, drückte das Ohr auf den Erdboden und lauschte, ob sich der Schall von galopirenden Pferden an der Oberfläche der Steppe fortleitete. Hatte er nichts Verdachterweckendes wahrgenommen, so setzte er seinen Weg wieder fort.

O, breitete sich jetzt doch die Polarnacht über diese weite sibirische Ebene, diese mehrere Monate andauernde Nacht! Es wäre viel leichter gewesen, jene sicher zu durchreisen.

Am 30. Juli, gegen neun Uhr Morgens, passirte Michael Strogoff die Station Turumoff und begab sich von hier aus nun in die Sumpfdistricte der Barabinen-Steppe.

Auf einem Gebiete von 300 Werst Länge konnten hier schon die natürlichen Hindernisse allein große Schwierigkeiten verursachen. Der Courier wußte das, aber er wußte auch, daß er alle siegreich überwinden werde.

Die ausgedehnten, von Norden nach Süden zwischen dem 60. und 52. Breitengrade liegenden Barabinen-Sümpfe bilden das große Sammelbassin derjenigen atmosphärischen Niederschläge, welche weder durch den Obi noch durch den Irtysch einen Abfluß finden. Der Boden dieser ungeheuren Tiefebene besteht aus fast ganz undurchlässigem Lehm, so daß das Wasser darüber stehen bleibt und eine während der warmen Jahreszeit schwer zu passirende Gegend darstellt.

Gerade durch diesen Landstrich führt aber die Straße nach Irkutsk, mitten durch die zahlreichen Sümpfe, Teiche, Seen, deren gesundheitsgefährliche Ausdünstungen bei der heißen Sommersonne den Reisenden mindestens mit schweren Mühseligkeiten, wenn nicht gar mit tückischer Gefahr bedrohen.

Im Winter freilich, wenn der Frost Alles, was sonst flüssig war, erstarren ließ, wenn der dichte Schnee den Boden geebnet und geglättet, die schädlichen Miasmen condensirt und unter sich begraben hat, dann fliegen die leichten Schlitten gefahrlos über die erhärtete Kruste der Barabinen-Steppe. Dann durchziehen fleißig die Jäger die wildreichen Gründe und verfolgen die Marder, die Zobel und die kostbaren Füchse, deren Felle so gesucht sind. Während des Sommers dagegen wird diese Sumpfgegend kothig, brütet gefährliche Krankheiten aus und ist bei einigermaßen hohem Wasserstande überhaupt gar nicht zu passiren.

Michael Strogoff lenkte sein Pferd quer durch einen Torfmoor, der nicht mehr mit jenem kurzen, glatten Rasen bedeckt erschien, von welchem sich die zahllosen sibirischen Heerden sonst fast ausschließlich ernähren. Hier dehnte sich nicht mehr eine Wiese ohne Grenzen vor seinen Blicken aus, sondern eine Art ungeheurer Haide mit baumartigem Gesträuch.

Der Rasen stieg hier bis fünf und sechs Fuß Höhe auf. Das feine Gras hatte den Platz geräumt vor üppigen Sumpfpflanzen, denen die andauernde Feuchtigkeit im Verein mit der brennenden Hitze des Sommers wahrhaft gigantische Formen verlieh. Vorzugsweise waren es Binsen und Schilf, welche ein unentwirrbares Netz, ein undurchdringliches Gitter bildeten, geschmückt mit Tausenden von Blumen von ungemein lebhaften Farben, darunter vor Allem Lilien und Irisarten, deren Wohlgerüche sich mit den warmen, dem Boden entsteigenden Dünsten mischten.

Michael Strogoff galopirte zwischen den hohen Binsen dahin, wobei ihn von den die Straße begleitenden Sümpfen aus Niemand mehr sehen konnte. Die großen Stengel überragten ihn sammt dem Pferde, und nur das Aufflattern unzähliger Wasservögel, die sich neben seinem Pferde erhoben und in schreienden Gruppen in der Luft zertheilten, verrieth, daß sich Etwas in jenem Dickicht bewege.

Die Straße selbst war übrigens in leidlichem Zustande. Hier schnitt sie in gerader Linie durch das dichte Gewirr der Sumpfpflanzen, dort wand sie sich um das gekrümmte Ufer ausgedehnter Teiche, von denen einige bei einer Länge von mehreren Wersten und ebenso großer Breite schon den Namen von Seen verdient hätten. An anderen Stellen endlich hatte man einzelne stehende Gewässer nicht umgehen können; für Ueberschreitung derselben dienten aber keine Brücken in unserem gewohnten Sinne, sondern eine Art Plateform mit übergelegten Bohlen, welche ebenso leicht schwankten, wie ein zu dünner über einen Graben gelegter Steg. Einige dieser primitiven Straßenbrücken dehnten sich bis auf zwei- und dreihundert Schritte Länge aus, und man erzählt sich, daß Reisende, mindestens reisende Damen beim Fahren über einen solchen schwankenden Weg nicht gar so selten eine Art Seekrankheit bekommen hätten.

Michael Strogoff jagte, ob er nun festen oder schwankenden Boden unter sich hatte, immer mit derselben Schnelligkeit dahin und setzte in kühnem Sprunge über die Lücken hinweg, welche die halb verfaulten Planken an manchen Stellen zwischen sich ließen; so schnell aber Roß und Reiter auch dahin flogen, so konnten sie doch den belästigenden Stichen der zweiflügeligen Insecten nicht entfliehen, die in jenen sumpfreichen Gegenden zur wahren Landplage werden.

Sind Reisende gezwungen, im Sommer durch die Barabinen-Steppe zu fahren, so versehen sie sich mit Masken aus Pferdehaar, an welche sich ein Stück feinmaschiges Panzerhemd zum Schutze der Schultern anschließt. Doch trotz dieser Vorsichtsmaßregeln kommen nur Wenige wieder, ohne zahllose rothe Tüpfel im Gesicht, auf dem Hals und den Händen davon getragen zu haben, aus diesem Sumpfdistricte heraus. Die ganze Atmosphäre erscheint dort wie erfüllt mit haarfeinen Nadeln, und man wird zu dem Glauben verführt, daß kaum eine complete Ritterrüstung zum Schutz gegen die Stacheln dieser Zweiflügler hinreichen könne. Hier ist eine traurige Gegend, die der Mensch den Mücken, Schnaken und Stechfliegen nur mit Aufwand vieler Mittel streitig macht, – ganz zu schweigen von den Milliarden mikroskopischer Insecten, welche man mit unbewaffnetem Auge überhaupt nicht wahrzunehmen im Stande ist; doch wenn man sie auch nicht sieht, so fühlt man sie desto mehr wegen ihrer unerträglich quälenden feinen Stiche, gegen welche auch hartgesottene sibirische Jäger niemals gleichgiltig werden.

Michael Strogoff’s Pferd sprang, von den giftigen Dipteren überfallen, häufig auf, als würden ihm tausend Sporen auf einmal in die Flanke gedrückt. Dann jagte es, raste und flog es in toller Wuth Werst für Werst mit der Schnelligkeit eines Eilzuges dahin, peitschte die Seiten mit dem Schweife und suchte in der Flucht eine Linderung seiner Qualen.

Es gehörte ein so sattelfester Reiter wie Michael Strogoff dazu, um durch die unerwarteten Bewegungen des Pferdes, durch dessen Aufbäumen und Sprünge, zu denen die unausgesetzten Fliegenstiche es reizten, nicht abgeworfen zu werden. Fast unempfindlich geworden gegen physischen Schmerz, nur beseelt von dem einen Verlangen, um jeden Preis sein Ziel zu erreichen, sah er in dieser sinnlosen Jagd nichts weiter, als daß er seinen Weg mit glücklicher Eile zurücklegte.

Wer würde nun glauben, daß diese in der heißen Jahreszeit so ungesunde Barabinen-Steppe doch noch einer Anzahl Menschen Asyl böte?

Und doch ist es an dem. In großen Zwischenräumen tauchen da und dort sibirische Weiler auf zwischen den gigantischen Binsen. Männer, Frauen, Kinder und Greise, in Thierfelle gekleidet und das Gesicht mit einer pechüberzogenen Maske bedeckt, führen ihre dürftigen Heerden zur Weide; um die Thiere aber vor den Angriffen der Insecten zu schützen, halten sie dieselben stets unter dem Winde in der Nähe von Feuern aus grünem Holze, die sie Tag und Nacht unterhalten und deren beißende Rauchsäulen sich schwerfällig über die morastige Niederung ausbreiten.

Als Michael Strogoff bemerkte, daß sein Pferd auf dem Punkte stand, vor Erschöpfung zusammen zu brechen, machte er in einem jener elenden Dörfchen halt, und rieb, seine eigene Ermüdung vergessend, die vielen Stiche des armen Thieres nach sibirischer Sitte mit warmem Fett ein; dann gab er ihm eine tüchtige Ration Futter, und erst als er es den Umständen nach bestmöglich untergebracht und mit Allem versorgt hatte, dachte er an seine Person, verzehrte zur Wiederherstellung seiner Kräfte etwas Brod und Fleisch und trank einige Gläser Kwaß dazu. Nach einer, höchstens zwei Stunden der Ruhe begab er sich wieder auf seinen endlosen Weg nach dem fernen Irkutsk.

Von Turumoff aus hatte er auf diese Weise neunzig Werst zurück gelegt und kam am 30. Juli, gegen vier Uhr Nachmittags, unempfindlich für jede Anstrengung, in Elamsk an.

Daselbst mußte er seinem Pferde eine Nacht Ruhe gönnen. Das muthige Thier hätte jetzt die Reise unmöglich fortzusetzen vermocht.

In Elamsk fand sich ebenso wenig als anderswo ein bequemeres Beförderungsmittel. Aus den nämlichen Gründen, wie in den andern kleinen Städten und Flecken, fehlte es auch hier vollkommen an Wagen oder Pferden.

Elamsk, eine kleine Stadt, in welche die Tartaren noch nicht eingedrungen waren, erwies sich fast ganz entvölkert, denn es konnte von Süden her sehr leicht überfallen, aber von Norden her nur sehr schwierig beschützt werden. Auf höheren Befehl waren das Posthaus, das Polizeiamt, das Regierungsgebäude ebenfalls verlassen, und Beamte ebenso wie Einwohner nach dem nördlicher gelegenen Kamsk, in der Mitte der Barabinen-Steppe, ausgewandert.

Michael Strogoff mußte sich also darauf beschränken, in Elamsk die Nacht zuzubringen und seinem Pferde zwölf Stunden Ruhe zu gönnen. Er erinnerte sich der ihm in Moskau an’s Herz gelegten Instructionen, Sibirien unerkannt zu durchreisen, auf jeden Fall und sobald als möglich Irkutsk zu erreichen, aber, wenigstens bis zu einer gewissen Grenze, den Erfolg seiner Fahrt nicht der Schnelligkeit wegen auf’s Spiel zu setzen, – in Anbetracht dieser Umstände hatte er die Verpflichtung, das einzige ihm noch verbliebene Beförderungsmittel, das Reitpferd, vernünftig zu schonen.

Am folgenden Tage verließ Michael Strogoff Elamsk wieder, eben als man das Erscheinen tartarischer Plänkler, auf der Straße durch die Barabinen-Steppe, etwa zehn Werst jenseit der Stadt, anmeldete, und trabte wieder in die sumpfige Niederung hinaus. Die Straße lief zwar ganz eben hin, wodurch das Fortkommen erleichtert, aber in vielfachen Windungen, wodurch der Weg sehr verlängert wurde. Uebrigens verboten es die Bodenverhältnisse unbedingt, etwa die Einhaltung einer geraden Linie quer durch diese Tümpel und Teiche zu versuchen.

Am darauf folgenden Tage, am 1. August, erreichte Michael Strogoff gegen Mittag den 120 Werst weiter gelegenen Flecken Spaskoë, und um zwei Uhr hielt er bei der darauf folgenden kleinen Ortschaft, Pokrowskoë, zum ersten Male wieder an.

Sein durch den langen Ritt von Elamsk bis hierher über Gebühr angestrengtes Roß hätte auch keinen Schritt mehr vorwärts thun können.

Bei dieser ihm aufgezwungenen Ruhe verlor Michael Strogoff zwar den Rest des Tages und die darauf folgende Nacht, aber er gelangte am nächsten Tage, dem 2. August, nach einem 75 Werst langen Wege durch das halb unter Wasser stehende Gebiet doch bis zu dem Städtchen Kamsk.

Hier bot die Landschaft ein wesentlich anderes Bild. Der kleine Flecken Kamsk liegt wie eine wohnliche, gesunde Insel mitten in diesem unheilvollen Gebiete. Er nimmt gerade den Mittelpunkt der Barabinen-Steppe ein. Dort haben sich, eine heilsame Folge der Kanalisirung des Tom, eines bei Kamsk vorbeiziehenden Nebenflusses des Irtysch, die pestaushauchenden Sümpfe in üppige, fette Weiden verwandelt. Dennoch vermochten diese Bodenmeliorationen noch nicht völlig jene Fieber zu besiegen, welche den Aufenthalt in dieser Stadt während des Herbstes noch einigermaßen gefährden. Immerhin flüchten sich hierher die wenigen Bewohner der Barabinen-Steppe, wenn die verderblichen Sumpfmiasmen sie aus den übrigen Theilen der Provinz vertreiben.

Die durch die Tartaren-Invasion verursachte allgemeine Auswanderung hatte Kamsk doch noch nicht entvölkert. Die Bewohner glaubten sich in der Mitte ihres für größere Truppenmassen so schwer zugänglichen Landes verhältnißmäßig sicher, mindestens waren sie der Ansicht, zur Flucht noch immer Zeit zu haben, wenn sie unmittelbar bedroht würden.

Michael Strogoff konnte hier, so sehr er es auch wünschte, keinerlei neuere Nachrichten erhalten. Jedenfalls hätte sich der Gouverneur vielmehr an ihn gewendet, wäre ihm der wirkliche Charakter dieses angeblichen Kaufmanns aus Irkutsk bekannt gewesen. Kamsk schien in Folge seiner besonders günstigen Lage der übrigen sibirischen Welt in der That nicht anzugehören und gänzlich außerhalb der ernsten Ereignisse zu stehen, die jene erschütterten.