Der Briefwechsel zwischen Friedrich Engels und Karl Marx 1844 bis 1883, Erster Band
Part 6
[1] Auf dem laufenden.
[2] Mehr oder weniger.
[3] Wörtlich: vom Ei an, das heißt von den allerersten Anfängen an.
[4] Abgesehen von jeder Art [Tages-]Politik.
[5] Weder mehr noch weniger.
[6] Arbeitsmärkte. Hier im Sinne von: Märkte von Erzeugnissen eigener Arbeit.
[7] Das ist klar.
[8] Am wertlosen Körper.
[9] In seligem Jubel.
[10] Herr Marx ist ein _Schuhmacher_, wie ein anderer deutscher Kommunist, Herr Weitling, ein Schneider ist. Der erstere (Marx) hat keine hohe Meinung vom französischen (!) Kommunismus, den er das Glück hatte, an Ort und Stelle zu studieren. Übrigens geht auch Herr Marx ebensowenig über abstrakte Formeln hinaus und hütet sich ... sehr, auf irgendwelche wahrhaft politische Frage einzugehen. Nach ihm wird die Befreiung des deutschen Volkes das Zeichen geben für die Befreiung des Menschengeschlechts, der Kopf dieser Befreiung werde die Philosophie und ihr Herz das Proletariat sein. Wann alles vorbereitet ist, wird der gallische Hahn die deutsche Erhebung einläuten .... Marx sagt, daß in Deutschland ein universelles (!!) Proletariat geschaffen werden muß, um den philosophischen Gedanken des Kommunismus zu verwirklichen. Gezeichnet J. F. [Seitdem verstorben.]
9
18. September 1846.
Lieber Marx!
Eine Masse Sachen, die ich Dir privatim schreiben wollte, sind mir in den Geschäftsbrief hereingeraten, weil ich den zuerst schrieb. Diesmal macht es nichts, daß die anderen den Dreck mitlesen. – Die Auszüge aus Feuerbach zu machen, habe ich mich aus einem gewissen Grauen bisher nicht entschließen können. Hier in Paris kommt einem das Zeug vollends lasch [matt] vor. Ich habe das Buch aber jetzt im Hause und setze mich ehestens dran. Daß Dein Geldpech noch immer anhält, ist schändlich. Ich weiß für unsere Manuskripte keinen Verleger außer Leske, den man während der Unterhandlung über die Kritik seines Verlags in Unwissenheit halten müßte. Löwenthal nimmt’s gewiß nicht, er hat dem Bernays eine _sehr gute_ Spekulation (Das Leben des hiesigen Alten, in zwei Bänden, den ersten gleich zu drucken und mit dem Tode des Alten sofort zu expedieren, den zweiten dann gleich folgen zu lassen) unter allerlei lausigen Vorwänden abgeschlagen. Er ist auch feig, er sagt, er könne aus Frankfurt geschaßt werden. Bernays hat Aussicht, bei Brockhaus unterzukommen, der natürlich glaubt, das Buch werde bourgeoismäßig abgefaßt. – Haben die Westfalen die Manuskripte an Daniels geschickt? – Hast Du von dem Kölner Projekt etwas Näheres gehört, wovon Heß schrieb? Du weißt. – Gottvoll ist aber vor allem der Lüningsche Kohl .... Wenn wir ihre ganze Lumperei kritisieren, so erklärt der Edle das für eine „_Selbst_kritik“. Es wird diesen Kerls aber bald widerfahren, was geschrieben steht: „Und wenn er keinen Hintern hat, wo will der Edle sitzen?“ Und Westfalen scheint allmählich zu merken, daß es keinen Hintern hat, oder, um mit Mose zu sprechen, keine „materielle Basis“ für seinen Kommunismus. –
Die Londoner Adresse habe ich gestern abend hier bei den Arbeitern bereits gedruckt gelesen. Schund. Adressieren sich an das „Volk“, das heißt die vorausgesetzten Proletarier in Schleswig-Holstein, wo nichts wie plattdeutsche Bauernlümmel und zünftige Straubinger herumstrolchen. Haben von den Engländern gerade den Unsinn, die totale Ignorierung aller wirklich vorliegenden Verhältnisse, Unfähigkeit, eine historische Entwicklung aufzufassen, gelernt. Statt die Frage zu beantworten, wollen sie, daß das in ihrem Sinne gar nicht dort existierende „Volk“ sie ignorieren, sich friedlich, passiv verhalten soll; sie denken nicht dran, daß die Bourgeois doch tun, was sie wollen. Mit Abzug der ziemlich überflüssigen und gar nicht mit ihren Schlußresultaten im Zusammenhang stehenden Schimpfereien auf die Bourgeois (die ebensogut durch _free-trade_-Phrasen ersetzt werden könnten) könnte die _free-trade-press_ von London, die Schleswig-Holstein nicht im Zollverein sehen will, das Ding erlassen haben. –
Die Kölner Bourgeois haben einen Protest gegen die Herren Minister erlassen, der für deutsche Bürger das Mögliche ist. Der arme Berliner Kanzelredner! [Friedrich Wilhelm IV.] Mit allen Stadträten seines Reiches liegt er in den Haaren; erst die Berliner theologische Disputation, dann die Breslauer _item_, jetzt die Kölner Geschichte. Der Bengel gleicht übrigens auf ein Haar dem Jakob dem Ersten von England, den er sich wirklich zum Muster genommen zu haben scheint. Nächstens wird er wohl, wie dieser, auch noch Hexen verbrennen lassen.
Dem Proudhon habe ich im Geschäftsbrief [siehe Brief 8] wirklich himmelschreiendes Unrecht getan. Ich muß es hier redressieren. Ich habe nämlich geglaubt, er habe einen kleinen Unsinn, einen Unsinn innerhalb der Grenzen des Sinnes gemacht. Gestern kam die Sache nochmals und ausführlich zur Diskussion, und da erfuhr ich, daß dieser neue Unsinn wirklich ein _ganz unbegrenzter Unsinn_ ist. Stelle Dir vor: Proletarier sollen kleine Aktien _sparen_. Davon wird (unter 10 000 bis 20 000 Arbeitern fängt man natürlich gar nicht an) zuerst ein oder mehrere Ateliers in einem oder mehreren Handwerken errichtet, ein Teil der Aktionäre dort beschäftigt und die Produkte 1. zum Preise des Rohmaterials plus der Arbeit an die Aktionäre (die so keinen Profit zu zahlen haben) und 2. der etwaige Überschuß zum laufenden Preise im Weltmarkt verkauft. Sowie sich das Kapital der Gesellschaft durch Neuhinzutretende oder durch neue Ersparnisse der alten Aktionäre vermehrt, wird es zur Anlage neuer Ateliers und Fabriken verwandt usf. usf., bis – _alle_ Proletarier beschäftigt und _alle_ im Lande befindlichen Produktivkräfte aufgekauft und dadurch die in den Händen der Bourgeois befindlichen Kapitalien die Macht verloren haben, Arbeit zu kommandieren und Profit zu bringen! So hebt man dann das Kapital auf, indem man „eine Instanz findet, wo das Kapital, das heißt das Zinswesen“ (Vergrünung des einigermaßen näher ans Tageslicht gerückten _droit d’aubaine_[1] von ehedem) „sozusagen verschwindet“. Du wirst in diesem von Papa Eisermann zahllose Male wiederholten, also von Grün auswendig gelernten Satze die ursprünglichen Proudhonschen Floskeln noch deutlich durchschimmern sehen. Die Leute haben nichts mehr und nichts weniger im Sinne, als einstweilen _ganz Frankreich_, später vielleicht auch die übrige Welt vermöge proletarischer Ersparnisse und unter Verzichtung auf den Profit und die Zinsen ihres Kapitals _aufzukaufen_. Ist so ein famoser Plan je erdacht worden, und ist es nicht ein viel kürzerer Weg, wenn man einmal einen _tour de force_[2] machen will, lieber gleich aus dem Silber–schein des Mondes Fünffrankentaler zu prägen? Und die dummen Arbeiter hier, die Deutschen meine ich, _glauben_ daran; sie, die nicht sechs Sous in der Tasche behalten können, um am Abend ihrer Zusammenkünfte zu einem _marchand de vins_[3] zu gehen, wollen mit ihren Ersparnissen das ganze schöne Frankreich aufkaufen. Rothschild und Konsorten sind wahre Stümper neben diesen kolossalen Akkapareurs. Es ist, um die Schwerenot zu kriegen. Die unsinnigste Phrase hat für sie mehr Sinn als die einfachste, zum ökonomischen Argument vernutzte Tatsache. Daß man gegen solchen barbarischen Unsinn noch pauken muß, ist doch niederträchtig.
Aber man muß Geduld haben, und ich lasse die Kerls nicht laufen, bis ich den Grün aus dem Felde geschlagen und ihnen die verduselten Schädel geöffnet habe. Der einzige klare Kerl, der auch den ganzen Unsinn einsieht, ist unser J[unge], der in Brüssel war. Der Ewerbeck hat ihnen auch den Kopf voll des tollsten Zeugs gesetzt. Er ist jetzt in einer Konfusion und grenzt von Zeit zu Zeit an Wahnsinn und kann, was er gestern mit seinen eigenen Augen gesehen, Dir heute nicht wiedererzählen. Geschweige was er gehört. Wie sehr er aber unter der Fuchtel des Grün gestanden, davon nur dies: Als der Trierer Walth. vorigen Winter über die Zensur nach allen Seiten hin jammerte, stellte Grün ihn als einen Märtyrer der Zensur dar, der den edelsten und tapfersten Kampf führe usw., und exploitierte Ewerbeck und die Arbeiter dazu, daß sie eine höchst pomphafte Adresse an diesen Esel von Walth. aufsetzten und unterzeichneten und ihm Dank sagten für seinen Heldenmut im Kampfe für die Freiheit des Wortes!!!! Ewerbeck schämt sich wie ein Mops und ärgert sich wütend über sich selbst; aber der Unsinn ist geschehen, und jetzt hat man ihm und den Arbeitern die paar _Worte_ wieder auszupauken, die er sich selbst mit saurem Schweiß in den Kopf hineinge[quält] und den Arbeitern dann mit ebenso saurem Schweiß eingebleut hat. Denn er versteht nichts, bis er’s nicht auswendig gelernt hat, und dann versteht er’s meist noch falsch. Wenn er nicht den enormen guten Willen hätte und dabei sonst so ein liebenswürdiger Kerl wäre, was er jetzt mehr als je ist, so wäre gar nicht mit ihm fertig zu werden. Es soll mich wundern, wie es mir mit ihm gerät; zuweilen macht er ganz nette Bemerkungen, gleich darauf aber wieder den größten Unsinn – so seine jetzt in Gott ruhenden deutschen Geschichtsvorträge, bei denen man sich wegen der in jedem Worte befindlichen Schnitzer und Tollheiten kaum das Lachen verbeißen konnte. Aber, wie gesagt, enormer Eifer und Eingehen auf alles, mit merkwürdiger Bereitwilligkeit, und ein unverwüstlicher guter Humor der Selbstironie. Ich mag den Kerl, trotz seines Unsinns, besser leiden als je. – Von Bernays ist nicht viel zu sagen. Ich war mehrmals draußen, er einmal hier. Kommt wahrscheinlich im Winter her, fehlt nur an Geld. Ist auch dahin gekommen, über die Parteistreitigkeiten klarere und verständigere Ansichten zu hegen; wegen seiner Meinungen über das Recht ist ihm jetzt nicht gut beizukommen, weil er mit dem Einwurf: Ökonomie, Industrie usw. sei nicht sein Fach, jedesmal abzubrechen sucht und bei den seltenen Zusammenkünften keine ordentliche Diskussion zustande kommt; ich glaube indes schon etwas Bresche geschossen zu haben, und wenn er herkommt, werde ich ihm sein Mißverständnis wohl schließlich nehmen können. – Was machen die Leute dort?
Dein E.
_Query:_ Ist die Geschichte mit dem Tolstoi, die _vollständig richtig_ ist, nicht den Londonern mitzuteilen? Die Deutschen könnten, falls er bei ihnen seine Rolle fortspielte, einmal ein paar Polen scheußlich kompromittieren. Wenn sich der Kerl _auf Dich beriefe_?
Bernays hat eine Broschüre in der Rothschildschen Polemik geschrieben; kommt in der Schweiz deutsch und in einigen Tagen hier französisch heraus.
[1] Heimfallsrecht.
[2] Kraftstück.
[3] Wein- [und Spirituosen-]Ausschänker.
10
Oktober 1846.
Lieber Marx!
Die Geschichte gegen Kr[iege] erhalten. Ist ganz gut. Kriege wird nun zwar, da Du allein unterzeichnet, den absprechenden Ton des ersten Dokumentes auf meine Privatrechnung schreiben und gegen dies zweite zu Kreuze kriechen, aber das ist mir wurst. Er kann mich in seiner Privatmalice den amerikanischen Straubingern so schwarz wie möglich schildern, wenn ihm das Pläsier macht.
Aus dem Komiteebrief wirst Du sehen, wie ich hier bei den Straubingern durchgedrungen. Ich habe sie, hol mich der Teufel, nicht geschont, ich habe ihre ärgsten Vorurteile, sie selbst als gar keine Proletarier attackiert. Aber der Grün arbeitete mir auch zu schön in die Hände.
Frankieren tut um Gottes willen nicht an mich. Wenn mich der verdammte Leske, der mir endlich wegen der dem P[üttmann] geschickten alten Drecke einen nichtsnutzigen Wechsel zuschicken ließ, den ich retournieren mußte – wenn mich Leske nicht im Stiche ließe, schickte ich Euch sogleich 25 Franken für die Komiteekasse. Einstweilen aber übernehme ich die Kosten wenigstens der Korrespondenz mit mir. Wenn ich den vorigen Brief nicht frankierte, so geschah dies, weil es zu spät war und ich ihn nur noch durch Hineinschmeißen in den Briefkasten wegbekam. Sowie der Leske mir das Geld schickt, erhaltet ihr ein Quotum.
Keiner der Straubinger kriegt die Antwort an Kriege zu sehen. Sonst wäre sie vor Grün nicht sicher. Wir müssen namentlich dem Kerl alles vom Halse halten, bis seine Bearbeitung des Proudhonschen Buches, nebst Noten von K. Grün, fertig ist. Dann ist er gefangen. Er revoziert darin vollständig eine Masse früher gesagter Geschichten und überliefert sich mit Leib und Seele dem Proudhonschen Erlösungssystem. Nachher hat es dann mit dem Exploitieren ein Ende, wenn er nicht wieder tournieren will. Ist der Weitling noch in Brüssel?
Mit den Straubingern hier denke ich durchzukommen. Die Kerle sind freilich gräßlich unwissend und durch ihre Lebenslage gar nicht präpariert. Konkurrenz unter ihnen gibt es gar nicht. Der Lohn hält sich immer auf einem und demselben Niveau, der Kampf mit dem Meister dreht sich gar nicht um Lohn, sondern um den Gesellenhochmut usw. Bei den Schneidern wirken jetzt die fertigen Kleiderläden revolutionierend. Wenn’s nur nicht so ein faules Handwerk wäre.
Der Grün hat scheußlich geschadet. Er hat bei den Kerls alles Bestimmte in bloße Duselei, Menschheitsstreben usw. verwandelt. Unter dem Scheine, den Weitlingschen und sonstigen Systemkommunismus anzugreifen, hat er ihnen den Kopf voll unbestimmter Belletristen- und Kleinbürgerphrasen gesetzt und alles andere für Systemreiterei ausgegeben. Selbst die Schreiner, die nie Weitlingianer gewesen – oder doch nur einzelne – haben eine abergläubische Gespensterfurcht vor dem „Löffelkommunismus“ und schließen sich – wenigstens _vor_ dem durchgesetzten Beschluß – lieber der größten Duselei, friedlichen Beglückungsplänen usw. an, als diesem „Löffelkommunismus“. Es herrscht eine grenzenlose Konfusion hier vor. An Harney habe ich dieser Tage einen leisen Angriff gegen die Friedlichkeit der _fraternal Democrats_[1] geschickt, ihm übrigens geschrieben, daß er mit Euch in Korrespondenz bleiben soll.
Dein E.
[1] Brüderliche Demokraten. [Titel einer von G. Julian Harney geführten Chartistenverbindung internationaler Tendenz.]
11
Paris, 23. Oktober 1846.
Brief an das Brüsseler Komitee. Nr. III.
Über die hiesigen Straubingergeschichten ist wenig zu sagen. Die Hauptsache ist, daß die verschiedenen Streitpunkte, die ich bisher mit den Jungens auszufechten hatte, jetzt entschieden sind: der Hauptanhänger und Schüler Grüns, Papa Eisermann, ist herausgeschmissen, die übrigen sind in ihrem Einfluß auf die Masse vollständig gestürzt, und ich habe einen Beschluß einstimmig gegen sie durchgesetzt.
Der kurze Verlauf ist der:
Über den Proudhonschen Assoziationsplan wurde drei Abende diskutiert. Anfangs hatte ich beinahe die ganze Clique, zuletzt nur noch Eisermann und die übrigen drei Grünianer gegen mich. Die Hauptsache dabei war, die Notwendigkeit der gewaltsamen Revolution [zu beweisen] *und* überhaupt den Grünschen wahren Sozialismus, der in der Proudhonschen Panacee neue Lebenskräfte gefunden, als antiproletarisch, kleinbürgerlich, straubingerisch nachzuweisen.
Zuletzt wurde ich wütend über die ewige Wiederholung derselben Argumente von seiten meiner Gegner und attackierte die Straubinger geradezu, was bei den Grünianern große Entrüstung erregte, wodurch ich aber dem edlen Eisermann einen _offenen Angriff_ auf den Kommunismus entlockte. Darauf deckelte ich ihn so rücksichtslos, daß er gar nicht wiederkam.
Jetzt knüpfte ich an die mir von Eisermann gegebene Handhabe – die Attacke gegen den Kommunismus – an, um so mehr, als Grün in einem fort intrigierte, auf den Ateliers herumlief, Sonntags die Leute zu sich zitierte usw. usw., und den Sonntag nach obiger Sitzung selbst die grenzenlose Dummheit beging, vor acht bis zehn Straubingern den Kommunismus zu attackieren. Ich erklärte also, ehe ich mich auf eine Diskussion einließe, müsse abgestimmt werden, ob wir hier _qua_ Kommunisten zusammenkämen oder nicht. Im ersten Falle müsse Sorge getragen werden, daß Angriffe auf den Kommunismus, wie die von Eisermann, nicht mehr vorkämen, im anderen Falle, wenn sie bloß beliebige Individuen seien, die hier über dies und jenes Beliebige diskutierten, könnten sie mir gestohlen werden und würde ich nicht wiederkommen. Dies erregte großes Entsetzen bei den Grünianern, sie seien hier „für das Wohl der Menschheit“ zusammen, um sich aufzuklären, Männer des Fortschritts und nicht einseitige Systemfänger usw. usw., und solche Biedermänner könne man doch unmöglich „beliebige Menschen“ nennen. Übrigens _müßten sie erst wissen_, was Kommunismus eigentlich sei (sie, die sich seit Jahren Kommunisten genannt haben und bloß durch die Furcht vor Grün und Eisermann abspenstig wurden, nachdem diese sich unter dem Vorwand des Kommunismus bei ihnen eingeschlichen hatten!). Ich ließ mich natürlich nicht durch ihre liebevolle Bitte fangen, ihnen, den Unwissenden, in zwei bis drei Worten zu sagen, was Kommunismus sei. Ich gab ihnen eine höchst simple Definition, die gerade so weit ging wie die vorliegenden strittigen Punkte, die die Friedlichkeit, die Zartheit und Rücksicht gegen die Bourgeois respektive das Straubingertum und endlich die Proudhonsche Aktiengesellschaft nebst beibehaltenem individuellen _Besitz_, und was sich daran knüpft, durch Behauptung der Gütergemeinschaft _ausschloß_, und im übrigen nichts enthielt, was Anlaß zu Abschweifungen und Umgehung der vorgeschlagenen Abstimmung geben könnte. Ich definierte also die Absichten der Kommunisten dahin: 1. die Interessen der Proletarier im Gegensatz zu denen der Bourgeois durchzusetzen; 2. dies durch Aufhebung des Privateigentums und Ersetzung desselben durch die Gütergemeinschaft zu tun; 3. kein anderes Mittel zur Durchführung dieser Absichten anzuerkennen als die gewaltsame, demokratische Revolution. Hierüber zwei Abende diskutiert. Am zweiten ging der beste der drei Grünianer, die Stimmung der Majorität merkend, vollständig zu mir über. Die anderen beiden widersprachen sich fortwährend einer dem anderen, ohne es zu merken. Mehrere Grünianer, die noch nie gesprochen, taten auf einmal das Maul auf und erklärten sich ganz entschieden für mich. Bisher hatte dies nur Junge getan. Einige dieser _homines novi_[1] sprachen, obwohl zitternd vor Todesangst, stecken zu bleiben, ganz nett und scheinen überhaupt ganz gesunden Verstand zu haben. Kurz, als es zur Abstimmung kam, wurde die Versammlung für eine kommunistische im Sinne der obigen Definition erklärt, von 13 Stimmen gegen die beiden der zwei treu gebliebenen Grünianer, von denen einer auch nachträglich erklärt hat, daß er die größte Begierde habe, sich zu bekehren.
Hiermit ist endlich einmal _Tabula rasa_ gemacht und man kann jetzt anfangen, etwas aus den Kerls zu machen, soweit dies geht. Grün, der sich aus seiner Geldgeschichte leicht herausreißen konnte, weil die Hauptgläubiger eben selbige Grünianer waren, seine Hauptanhänger, ist jetzt bei der Majorität und einem Teile seiner Anhänger selbst sehr herunter und trotz aller Intrigen und Experimente (zum Beispiel in der Mütze auf die Barriereversammlungen gehen usw. usw.) mit seiner Proudhonschen Sozietät glänzend durchgefallen. Wäre ich nicht da gewesen, so hätte sich unser Freund Ewerbeck allerdings _tête baissée_[2] dahinein gegeben.
Was der Grün für ein schönes Stratagem hatte! An der Intelligenz seiner Kerls verzweifelnd, repetiert er ihnen seine Geschichten so oft vor, bis sie sie auswendig können. Nach jeder Sitzung – es war natürlich nichts leichter, als so eine Opposition zum Schweigen zu bringen – lief die ganze geschlagene Bande zu Grün, erzählten, was ich gesagt hatte – natürlich alles entstellt –, und ließen sich wieder wappnen. Wenn sie dann das Maul auftaten und zwei Worte gesagt, so wußte man jedesmal den ganzen Satz vorher. Natürlich nahm ich mich bei dieser Zwischenträgerei sehr in acht, den Leuten irgend etwas Allgemeines zu sagen, was Herrn Grün zu neuen Ausschmückungen seines wahren Sozialismus dienen könnte; dennoch aber hat er neulich in der Kölner mit diversen Entstellungen bei Gelegenheit der Genfer Revolution Sachen exploitiert, die ich den Straubingern sagte, während er ihnen hier das Gegenteil einpaukte. Er treibt jetzt Nationalökonomie, der Brave.
Das Buch von Proudhon werdet Ihr angezeigt gesehen haben. Ich werde es dieser Tage bekommen, es kostet 15 Franken, man kann es nicht kaufen, das ist zu teuer.
Das obige Publikum, vor dem die Geschichte aufgeführt worden, besteht aus zirka zwanzig Schreinern, die sonst nur auf der Barriere noch mit allerlei Volks sich versammeln, außer einem Sängerklub keine geschlossene Verbindung, sonst aber teilweise Rudera [Reste] des Bundes der Gerechtigkeit sind. Könnte man sich öffentlich versammeln, so würden wir bald über hundert Kerls aus den Schreinern allein haben. Von den Schneidern kenne ich nur einige, die auch in die Schreinerversammlungen kommen. Von Schmieden und Gerbern ist in ganz Paris nichts zu erfahren. Kein Mensch weiß was von ihnen.
Kriege hat dieser Tage seinen Bericht als Mann der Gerechtigkeit an die „Halle“ (Zentralverwaltung) abgestattet. Natürlich habe ich das Sendschreiben gelesen, da dies aber Eidesverletzung war, worauf Todesstrafe, Dolch, Strang und Gift stehen, so müßt Ihr das nirgends hinschreiben. Der Brief beweist, gerade wie seine Replik auf unseren Angriff, daß dieser Angriff ihm sehr genützt hat und er sich jetzt doch mehr um die Dinge dieser Welt kümmert. Er gab eine lange Erzählung ihrer Schwierigkeiten. Der erste Abschnitt dieser amerikanischen Straubingergeschichte enthielt ihr Pech – offenbar stand Kriege an der Spitze und betrieb die Geldgeschichten vom Standpunkt des weltumfassenden Herzens aus. Der „Tribun“ wurde verschenkt, nicht verkauft, Liebesgaben bildeten den Fonds, kurz, man wollte Kapitel 3 bis 6 der Apostelgeschichte wieder aufführen, Ananias und Sapphira fehlten auch nicht, und zum Schlusse fand man sich voller Schulden. Die zweite Periode, wo Kriege zum bloßen „Registrator“ wird und andere Kerle an die Verwaltung der Geldgeschäfte getreten zu sein scheinen, die des Aufkommens. Statt an die volle Brust der Menschen zu appellieren, wurde jetzt an ihre tanzlustigen Beine und überhaupt an die unkommunistischen Seiten appelliert, und man fand zu seinem Erstaunen, daß durch Bälle, Landpartien usw. das nötige Geld vollständig aufzubringen sei, und daß auch die Schlechtigkeit der Menschen für den Kommunismus exploitiert werden könne. Jetzt seien sie vollständig pekuniär auf dem Strumpf. Unter den „Hindernissen“, die sie zu überwinden hatten, zählte der tapfere Tecklenburger auch die allseitigen Verleumdungen und Verdächtigungen auf, die sie, unter anderem „zuletzt noch von den ‚kommunistischen‘ Philosophen in Brüssel“, zu erdulden hätten. Im übrigen schwatzt er einiges triviale Zeug gegen die Kolonien, empfiehlt ihnen (das heißt seinen entschiedensten Feinden) den „Bruder Weitling“, hält sich aber im ganzen ziemlich irdisch, wenn auch etwas gesalbt, und nur von Zeit zu Zeit so etwas Gestöhn von Brüderlichkeit usw.
Habt Ihr dort die Réforme? Wenn Ihr sie nicht habt, schreibt es mir, ich werde Euch dann berichten, wenn was Besonderes drin steht. Seit vier Tagen reitet sie auf dem National herum wegen seines _refus_, einer Petition, die wegen Wahlreform hier zirkuliert, seine unbedingte Adhäsion zu geben. Dies geschehe, behauptet sie, aus bloßer Hinneigung für [zu] Thiers. Vor einiger Zeit zirkulierte sie, Bastide und Thomas seien vom National ausgetreten, Marrast sei allein geblieben, und dieser habe mit Thiers Allianz gemacht. Der National widerrief. Veränderungen in seiner Redaktion sind allerdings vorgegangen, Genaueres weiß ich nicht; daß er seit einem Jahre besonders günstig für Thiers ist, ist bekannt; die Réforme setzt ihm nun auseinander, wie sehr er sich durch diese Hinneigung in Blamagen verritten hat. Übrigens hat der National, aus bloßer Opposition gegen die Réforme, in der letzten Zeit einige Dummheiten gemacht, so die von der Réforme zuerst erzählte portugiesische Konterrevolution aus bloßer Malice geleugnet, bis er nicht mehr konnte usw. Die Réforme plagt sich jetzt, eine ebenso brillante Polemik zu führen wie der National, aber es geht nicht. –