Der Briefwechsel zwischen Friedrich Engels und Karl Marx 1844 bis 1883, Erster Band
Part 44
Um Gottes willen, schicke mir _keine_ Exemplare mehr von Weydemeyers oder meiner Erklärung. Hier allein liegen vierzehn Stück von beiden, die ich vorgestern erhielt. Es wäre wichtiger, wenn Weydemeyer wenigstens zwei oder drei Exemplare der „Hirschschen“ Enthüllungen geschickt hätte. Zum Beispiel in der Schweiz könnte Schabelitz eines brauchen, im Falle sein Prozeß weitergeht.
Sonst nichts Neues hier. Hast Du dem Blind, den ich noch nicht gesehen, seinen Herzen geschickt?
Das Peoples Paper steigt und ist einstweilen pekuniär sichergestellt. Jones ruft Massenmeetings zusammen für den 19. Juni _sqq._ auf Blackstone Edge, Skurcoat Moor, Mount Sorrell, Nottingham Forest.
Apropos! Dem Pieper konnte ich nur 10 Schilling geben, da ich durch Strohns falschen _railwayguide_[1] den _parliamentary train_[2] versäumte und daher mit _class II_ reisen mußte.
Lasse bald von Dir hören.
Dein K. M.
[1] Fahrplan.
[2] Parlamentszug.
236
Manchester, 31. Mai 1853.
Lieber Marx!
Der Wechsel auf Dana ist bezahlt, morgen erhalten wir das Geld, das wir Dir gleich schicken; Charles verfehlte den Kerl heute zweimal. Es wird zwar auf den Kurs etwas verloren, ich denke aber doch weniger als bei Negoziierung in London.
Das Paket mit den Broschüren ist ebenfalls hier, es geht morgen ab, ich werde acht bis zehn hier behalten. Es ist ziemlich schwer und kostete 1,16 Pfund, die Du auf den Verkaufspreis schlagen kannst. _Duty_[1] allein 18 Schilling, so daß es unter allen Umständen gut ist, daß es an mich adressiert wurde.
Der Kleine [Dronke] war Samstag hier, er scheint sich besser zu machen, als zu erwarten war. Buckup sagte Strohn, er sei ganz zufrieden mit ihm, und er arbeite sich rasch ein. Ich habe ihm wieder etwas Pünktlichkeit eingepredigt, übrigens sind die Verhältnisse auf dem Buckupschen Kontor so günstig für ihn, wie er sie nur wünschen kann.
Von Amerika diese Woche mir nichts Neues zugekommen.
Dein F. E.
[1] Zoll.
237
28 Deanstreet, Soho, 2. Juni 1853.
_Dear Frederic!_
Die erste Hälfte der 20 Pfund-Note eingesprungen. Ich schreibe Dir vor meinem Gang ins Museum, also noch sehr früh zu Tag.
Einliegende Erklärung des großen Willich an die Neu-England-Zeitung hätte ich Dir längst geschickt, wenn ich nicht vorausgesetzt, daß Weydemeyer Dir die Sache zugesandt. Das _Konzept_ dieser zweiten Erklärung ist genuine, echter Willich. Die anderen schreiben „Aufsätze“, er schreibt „Tatsachen“, und ... der edle Mann übergibt „ungern“ der „Öffentlichkeit“ die Tatsachen. Natürlich, er zog es vor, sie geheim hinter der Bierbank den Philistern vorzuraunen; sie durch zwei Erdteile auf „Kontrabandweg“ seit drei Jahren zu kolportieren, _jurante Kinkelio_.[1] – –
_Tout ça n’est pas trop mal pour un vieux sous-lieutenant._[2] Was aber den Stil der Erklärung Nummer 2 angeht – so schlecht er ist, er ist dennoch apokryph. – – Jedenfalls wird jetzt das nötige Supplement zu Tellerings Broschüre von Herrn Willich herausgegeben werden, und da das ganze Zeug einmal vors Publikum gebracht ist, _il faut aller jusqu’au bout_.[3] Wenn Weydemeyer, Cluß und Komp. geschickt operieren, so müßten sie jetzt dem Willich in die Parade fahren und im voraus den Überraschungen, die er dem Publikum vorbehält, die Pointe und die Neuheit abbrechen. _Nous verrons._[4]
Das Lob, das Du meinem „jungen“ Englisch erteilst, hat sehr aufmunternd auf mich gewirkt. Was mir hauptsächlich fehlt, ist einmal grammatische Sicherheit und zweitens die Gewandtheit in gewissen sekundären Wendungen, ohne die alles schlagfertige Schreiben unmöglich ist. Herr „Tribune“ hat zu meinem zweiten Artikel über Gladstones Budget eine Bemerkung an die Spitze ihres Blattes gesetzt, worin sie das Publikum auf die „_masterly exposition_“[5] aufmerksam macht und erklärt, sie habe _nowhere „a more able criticism“_[6] gesehen und tue „_not expect to see one_“.[7] Das ist nun _all right_. Aber in dem folgenden Artikel blamiert sie mich wieder, indem sie einen ganz unbedeutenden und unbedeutend sein sollenden Kopf [Anfang] von mir unter meinem Namen druckt, während sie sich Deinen „Schweizer“ aneignet. Ich werde Dana schreiben, es sei mir sehr „schmeichelhaft“, wenn sie die Sachen manchmal als _leader_[8] benutzen. Nur sollten sie dann gefällig meinen Namen nicht unter unbedeutende Notizen setzen. Ich habe der Gesellschaft jetzt unter anderem zwei Artikel über „China“ mit Beziehung auf England geschickt. Wenn Deine Zeit Dir erlaubt und Du gerade Lust hast zu schreiben über irgend etwas, Schweiz, Orient, Frankreich, England oder _cotton_ oder _Dänemark_, so tue es von Zeit zu Zeit, da ich jetzt gewaltsam auf den Beutel der Kerls losarbeite, um den Ausfall von drei _weeks_[9] zu decken. Wenn Du mir von Zeit zu Zeit so was schickst – _de omnibus rebus_[10] –, so kann ich’s immer unterbringen, denn Du weißt, daß ich das „Mädchen für alles“ bei den Kerls bin, und es ist immer leicht, alles an alles, an jeden Tag anzuknüpfen.
In bezug auf die Hebräer und Araber war Dein Brief mir sehr interessant. Es lassen sich übrigens 1. _allgemeines_ Verhältnis nachweisen bei allen orientalischen Stämmen, zwischen dem _settlement_[11] des einen Teiles derselben und der Fortdauer im Nomadisieren bei den anderen, seit die Geschichte geschieht. 2. Zur Zeit Mohammeds hatte sich der Handelsweg von Europa nach Asien bedeutend modifiziert, und die Städte Arabiens, die am Handel nach Indien usw. großen Anteil nahmen, befanden sich kommerziell im Verfall, was jedenfalls mit Anstoß gab. 3. Was die Religion angeht, so wird sich die Frage in die allgemeine und darum leicht beantwortbare auflösen: Warum _erscheint_ die Geschichte des Orients als eine Geschichte der Religionen?
Über die orientalische Städtebildung kann man nichts Brillanteres, Anschaulicheres und Schlagenderes lesen als den alten François Bernier (neun Jahre Arzt von Aurang-Zebe). „_Voyages contenant la description des états du Grand Mogul etc._“[12] Auch setzt er das Militärwesen, die Art, wie diese großen Armeen sich ernährten usw., schön auseinander. Über beides bemerkt er unter anderem: „Die Kavallerie bildet den Hauptteil, die Infanterie nicht so groß, als das Gerücht geht, _si ce n’est qu’avec les véritables gens de guerre on ne confond tous ces gens de service et de bazars ou marchés qui suivent l’armée; car, en ce cas là, je croirais bien qu’ils auraient raison de mettre les 2 et 300 000 hommes dans l’armée seule qui est avec le roi, et quelques fois encore d’avantage, comme quand on est assuré qu’il sera longtemps absent de la ville capitale; ce qui ne semblera si fort étonnant à qui saura l’étrange embarras de tentes, de cuisines, de hardes, de meubles et de femmes même assez souvent, et par conséquent d’éléphants, de chameaux, de bœufs, de chevaux, de portefaix, de fourrageurs, vivandiers, marchands de toutes sortes et serviteurs qui traînent après soi ces armées, et à qui saura l’état et gouvernement particulier du pays, à savoir que _le roi est le seul et unique propriétaire de toutes les terres_ du royaume, d’où vient par une certaine suite nécessaire que toute _une ville capitale_ comme Delhi ou Agra ne vit presque que de la milice, et est par conséquent obligée de suivre le roi quand il va en campagne pour quelque temps, ces villes là n’étant ni ne pouvant être rien moins qu’un Paris, mais _n’étant proprement qu’un camp d’armée_ un peu mieux et plus commodément placé qu’en rase campagne._“[13]
Bei Gelegenheit des Marsches des Großmoguls nach Cacharim, mit 400 000 Mann usw. Armee, sagt er: „_La difficulté est de savoir d’où et comment peut subsister une si grande armée en campagne, une si grande quantité d’hommes et d’animaux. Il ne faut pour cela que supposer, ce qui est très vrai, que les Indiens sont fort sobres et fort simples dans leur manger, et que de tout ce grand nombre de cavaliers, il n’y a pas le dixième, ni même le vingtième part, qui, dans la marche, mange de la viande; pourvu qu’ils aient leur kicheris ou mélange de ris et d’autres légumes, sur lequel ils versent de beurre roux quand ils sont cuits, ils sont contents. Il faut encore savoir que les chameaux résistent extrêmement au travail, à la faim et à la soif, vivent de peu et mangent de tout, et qu’aussitôt que l’armée est arrivée les chameliers les mènent brouter à la campagne, où ils mangent tout ce qu’ils attrapent. De plus que les mêmes marchands qui entretiennent les bazars dans Delhi, sont obligés de les entretenir dans les campagnes_, ebenso die _petits marchands etc. ... enfin à l’égard du fourrage, tous ces pauvres gens s’en vont rôdant de tous les côtés dans les villages pour en acheter et y gagner quelque chose, et que leur grand et ordinaire refuge est de râper, avec une espèce de truelle, les campagnes entières, battre ou laver cette petite herbe qu’ils ont râpée, et l’apporter vendre à l’armée ...._“[14]
Bernier findet mit Recht die Grundform für sämtliche Erscheinungen des Orients – er spricht von Türkei, Persien, Hindostan – darin, daß kein _Privatgrundeigentum_ existiert. Dies ist der wirkliche _clef_[15] selbst zum orientalischen Himmel.
Was sagst Du zum _failure_[16] des „_financial scheme for reducing the national debt_“[17] des _hudibrasiac_[18] Rodolpho Gladstone?
Das Journal des Débats hat vorgestern das wahre Geheimnis ausgesprochen, warum Rußland so frech ist. Entweder, sagt es, muß der Kontinent seine Unabhängigkeit russischer Gefahr aussetzen, oder er muß dem Krieg sich aussetzen, und das ist „_la révolution _sociale__“.[19] Nur vergißt das elende Débats, daß Rußland sich ebensosehr vor der Revolution fürchtet wie Mr. Bertin, und daß der ganze Witz jetzt darin liegt, wer sich den meisten Schein der „Nichtfurcht“ zu geben weiß. Aber England und _France_ – die offiziellen – sind so miserabel, daß wenn Nicholas steifhält, er alles ausrichten kann.
_Vale faveque._[20]
K. M.
An Lassalle ist geschrieben, und er wird wohl bereit sein, ein paar hundert Exemplare der Broschüre in Empfang zu nehmen und in Deutschland zu vertreiben. Nun fragt es sich, wie hinüberbringen? Charles meinte, als ich in Manchester war, es ließe sich tun durch Verpackung mit Kaufmannsgütern? Frage ihn jetzt einmal darüber.
_P. S._ Die Abschickung des Briefes hat sich verspätet, und so kann ich Dir noch nachträglich Ankunft des Bücherpakets und der zweiten Hälfte der Note anzeigen.
[1] Mit Kinkel als Schwurzeugen.
[2] Alles das ist keine schlechte Leistung für einen alten Unteroffizier.
[3] Muß man’s bis auf die Neige kosten.
[4] Wir werden sehen.
[5] Meisterhafte Zergliederung.
[6] Nirgends eine fähigere Kritik.
[7] Erwarte [auch] nicht, eine solche zu sehen.
[8] Leitartikel.
[9] Wochen.
[10] Von allen möglichen Dingen.
[11] Niederlassung.
[12] Reisen, enthaltend die Beschreibung der Staaten des Großmogul usw.
[13] Wenn man nicht alle Dienst- und Basar- oder Handelsleute, die der Armee folgen, mit den eigentlichen Kriegsmannschaften zusammenwirft; denn in diesem Falle glaube ich allerdings, daß sie recht hätten, 200 000 und 300 000 Mann und manchmal mehr allein auf die Armee, die mit dem König geht, anzusetzen, zum Beispiel wenn sicher ist, daß er lange aus der Hauptstadt fort sein wird; was dem nicht sehr erstaunlich scheinen wird, der den merkwürdigen Reichtum an Zelten, Küchen, Kleidern, Möbeln und oft selbst Frauen, und folglich an Elefanten, Kamelen, Rindern, Pferden, Lasträgern, Futterlieferanten, Marketendern, Händlern aller Art und Dienern kennt, den diese Armeen mit sich ziehen, und die eigenartige Verfassung und Regierung des Landes kennt, nämlich daß der _König der alleinige und einzige Eigentümer alles Grund und Bodens_ des Königreichs ist, woher es dank einer gewissen notwendigen Folgewirkung kommt, daß eine ganze _Hauptstadt_ wie Delhi oder Agra fast nur von der Miliz lebt und daher genötigt ist, dem König zu folgen, wenn er für etliche Zeit ins Feld zieht, da jene Städte nichts weniger sind noch sein können als ein Paris, sondern _eigentlich nur ein Feldlager_ sind, das etwas besser und bequemer placiert ist als auf dem flachen Lande.
[14] „Die Schwierigkeit ist, zu wissen, woher und wie eine so große Armee, eine so große Menge von Menschen und Tieren im Felde existieren kann. Man muß da zunächst nur voraussetzen, daß die Inder, was sehr wahr ist, sehr mäßig und nüchtern in ihrer Lebensweise sind, und daß von dieser großen Zahl von Reitern nicht der zehnte, nicht der zwanzigste Teil auf dem Marsche Fleisch ißt; wenn sie nur ihr Kicheri oder Mischung von Reis und anderen Leguminosen haben, auf die sie, wenn sie gekocht sind, rote Butter schütten, sind sie zufrieden. Man muß ferner wissen, daß die Kamele außerordentlich viel Arbeit, Hunger und Durst aushalten, von wenig leben und alles essen; sobald die Armee [an dem Standort] angelangt ist, lassen die Kameltreiber sie auf dem Felde weiden und sie fressen, was sie erwischen. Außerdem daß dieselben Händler, die die Basars in Delhi halten, verpflichtet sind, sie im Felde zu halten, [ebenso] die Kleinhändler usw. ... endlich, was die Furage anbetrifft, so streichen alle diese armen Leute nach allen Seiten in die Dörfer, um dort etwas zu kaufen und zu verdienen, und daß ihre große und gewöhnliche Zuflucht ist, mit einer Art Sichel ganze Felder abzuschneiden, das bißchen Gewächs, das sie geschunden haben, zu dreschen oder zu waschen und es dann zum Verkauf an die Armee heranbringen ....“
[15] Schlüssel.
[16] Fehlschlag.
[17] Finanzplan für die Reduktion der Staatsschuld.
[18] Hudibrasischen [geht auf eine komische Person aus dem Spottgedicht „Hudibras“ des S. Butler].
[19] _Soziale_ Revolution.
[20] Lebe wohl und bleib’ mir gut.
238
Manchester, 6. Juni 1853, abends.
Lieber Marx!
Ich wollte Dir heute per erste Post schreiben, wurde aber bis 8 Uhr durch Kontorarbeiten aufgehalten. Die beiden Erklärungen Weydemeyers und Cluß’ in der Kriminal-Zeitung gegen Willich wirst Du erhalten haben, das heißt von Amerika direkt, wo nicht, so schreibe mir gleich. Vater Weydemeyer ist wie gewöhnlich zu breit, weiß die Pointe nur stellenweise zu finden, stumpft sie auch dann durch seinen Stil ab und entwickelt seinen bekannten Mangel an Verve mit seltener Gelassenheit. Trotzdem hat der Mann sein möglichstes getan, die Geschichte mit dem „Waffengefährten“ Henze und der von anderen inspirierten Schreibart des Hirsch richtig gedreht; sein hahnebüchener Stil und seine Gelassenheit, die dort für Impassibilität gilt, wird dem Philistertum zusagen, und im ganzen kann man mit seiner Leistung zufrieden sein. Die Erklärung von Cluß dagegen gefällt mir ausgezeichnet. Der _homme supérieur_,[1] der seiner Überlegenheit durch die „persönliche Berührung“ mit Willich sich sozusagen physisch bewußt geworden, lacht aus jeder Zeile hervor. An Leichtigkeit des Stils ist das Ding das Beste, was Cluß je geschrieben, auch nicht eine holperige Wendung drin, keine Spur von _gêne_[2] oder Verlegenheit. Wie gut steht ihm der fingierte Biedermann mit der Miene des _bonhomme_, der aber doch überall den Teufel durchblicken läßt, der ihm im Nacken sitzt. Wie famos ist die Wendung mit dem „Schwindel, wie Revolutionsagenturen sind“, von denen er lebe, wie Willich behaupten soll. Der Ritterliche wird sich gewundert haben, unter den rohen „Agenten“ einen Kerl zu finden, der so flott, so geschickt, so von Natur offensiv und zu gleicher Zeit so unprätentiös nobel auftritt, und der ihn so fein, viel feiner und gewandter als er selbst, seine eigenen Finten _à tempo_ stößt. Wenn der Willich nur Geschmack genug hat, das herauszufinden; aber ich hoffe, der Ärger und das notwendige Spintisieren werden ihm schon ein gewisses Verständnis eröffnen. –
Wenn Lassalle Dir eine gute, gleichgültige Adresse in Düsseldorf gegeben hat, so kannst Du mir hundert Exemplare schicken. Wir werden sie in Twistballen durch hiesige Häuser verpacken lassen; aber sie dürfen nicht an Lassalle selbst adressiert sein, da die Pakete nach Gladbach, Elberfeld oder so gehen und von da, als _postpflichtig_, per Post nach Düsseldorf gehen müssen. Ein Paket an Lassalle oder die Hatzfeldt können wir aber keinem hiesigen Hause geben, denn 1. ist in jedem dieser Häuser hier mindestens _ein_ Rheinländer, der den Tratsch kennt, oder 2. wenn das gut geht, so wissen die Empfänger des Ballens drüben Bescheid, oder 3. im günstigsten Falle sieht sich die Post die Sachen an, ehe sie sie abgibt. In Köln haben wir eine gute Adresse, kennen aber leider die Leute nicht besonders, die hier die Haupteinkäufer für das Kölner Haus sind, und können ihnen daher keinen Schmuggel zumuten. Wir sagen hier den Leuten nämlich, die Pakete enthielten Präsente für Damen. –
Die Abwesenheit des Grundeigentums ist in der Tat der Schlüssel zum ganzen Orient. Darin liegt die politische und religiöse Geschichte. Aber woher kommt es, daß die Orientalen nicht zum Grundeigentum kommen, nicht einmal zum feudalen? Ich glaube, es liegt hauptsächlich im Klima, verbunden mit den Bodenverhältnissen, speziell mit den großen Wüstenstrichen, die sich von der Sahara quer durch Arabien, Persien, Indien und die Tatarei bis ans höchste asiatische Hochland durchziehen. Die künstliche Bewässerung ist hier erste Bedingung des Ackerbaus, und diese ist Sache entweder der Kommunen, Provinzen oder der Zentralregierung. Die Regierung im Orient hatte immer auch nur drei Departements: Finanzen (Plünderung des Inlandes), Krieg (Plünderung des Inlandes und des Auslandes) und _travaux publics_ (Sorge für die Reproduktion). Die britische Regierung in Indien hat Nr. 1 und 2 etwas philiströser geregelt und Nr. 3 ganz beiseite geworfen, und der indische Ackerbau geht zugrunde. Die freie Konkurrenz blamiert sich dort vollständig. Diese künstliche Fruchtbarmachung des Bodens, die sofort aufhörte, wenn die Wasserleitungen in Verfall kamen, erklärt die sonst kuriose Tatsache, daß jetzt ganze Striche wüst und öde sind, die früher brillant bebaut waren (Palmyra, Petra, die Ruinen in Jemen und Lokalitäten in Ägypten, Persien und Hindustan); sie erklärt die Tatsache, daß ein einziger Verwüstungskrieg ein Land für Jahrhunderte entvölkern und seiner ganzen Zivilisation entkleiden konnte. Dahin gehört, glaube ich, auch die Vernichtung des südarabischen Handels vor Mohammed, die Du sehr richtig als ein Hauptmoment der mohammedanischen Revolution ansiehst. Ich kenne die Handelsgeschichte der sechs ersten christlichen Jahrhunderte nicht genau genug, um urteilen zu können, inwieweit allgemeine materielle Weltverhältnisse den Handelsweg durch Persien nach dem Schwarzen Meer und durch den Persischen Meerbusen nach Syrien und Kleinasien dem übers Rote Meer vorziehen ließen. Aber jedenfalls war nicht ohne bedeutende Wirkung die relative Sicherheit der Karawanen im persischen, geregelten Sassanidenreich, während Jemen von den Abessiniern von Anno 200 bis 600 fast fortwährend unterjocht, überfallen und geplündert wurde. Die zur Römerzeit noch blühenden Städte des südlichen Arabien waren im siebenten Jahrhundert wahre Wüsten von Ruinen; die benachbarten Beduinen hatten in 500 Jahren rein mythische, fabelhafte Traditionen über ihren Ursprung sich angeeignet (siehe den Koran und den arabischen Geschichtschreiber Novairi), und das Alphabet, in dem die dortigen Inschriften geschrieben, war fast total unbekannt, obwohl kein anderes da war, so daß sogar _de facto_ das Schreiben in Vergessenheit geraten. Dergleichen Sachen sehen neben einem durch etwaige allgemeine Handelsverhältnisse veranlassten _superseding_[3] auch noch eine ganz direkte gewaltsame Zerstörung voraus, wie sie nur durch die äthiopische Invasion zu erklären ist. Die Vertreibung der Abessinier geschah um 40 Jahre vor Mohammed und war der erste Akt des erwachenden arabischen Nationalgefühls, das außerdem durch persische Invasionen vom Norden her, die fast bis nach Mekka drangen, gestachelt war. Ich werde die Geschichte Mohammeds selbst erst dieser Tage vornehmen; bis jetzt scheint sie mir aber den Charakter einer beduinischen Reaktion gegen die ansässigen, aber verkommenden Fellahs der Städte zu tragen, die damals auch religiös sehr zerfallen waren, und mit einem verkommenen Naturkultus ein verkommenes Judentum und Christentum vermischten.
Die Sachen vom alten Bernier sind wirklich sehr schön. Man freut sich ordentlich, einmal wieder etwas von einem alten nüchternen, klaren Franzosen zu lesen, der überall den Nagel auf den Kopf trifft _sans avoir l’air de s’en apercevoir_.[4]
Da ich nun doch einmal auf ein paar Wochen in der orientalischen Schmiere festsitze, so habe ich die Gelegenheit benutzt, um Persisch zu lernen. Von dem Arabischen schreckt mich einerseits mein eingeborener Haß gegen die semitischen Sprachen zurück, andererseits die Unmöglichkeit, in einer so weitläufigen Sprache, die 4000 Wurzeln hat und sich über 2000 bis 3000 Jahre erstreckt, ohne viel Zeitverlust es zu etwas zu bringen. Persisch dagegen ist ein wahres Kinderspiel von einer Sprache. Wäre es nicht wegen des verfluchten arabischen Alphabets, worin immer je sechs Buchstaben sich gleich sehen und wo man die Vokale nicht schreibt, so würde ich mich anheischig machen, die ganze Grammatik binnen 48 Stunden zu lernen. Dies zum Trost für Pieper, wenn er etwa Lust haben sollte, mir diesen schlechten Witz nachzumachen. Ich habe mir drei Wochen als Maximum für das Persische angesetzt; wenn er also zwei Monate dran riskiert, so schlägt er mich jedenfalls. Für Weitling ist es ein Pech, daß er kein Persisch kann; er würde seine _langue universelle toute trouvée_[5] haben, da es meines Wissens die einzige Sprache ist, wo kein Krakeel zwischen Mir und Mich entsteht, da der Dativ und der Akkusativ sich immer gleich sind.
Übrigens ist es ganz angenehm, den liederlichen alten Hafis in der Ursprache zu lesen, die ganz passabel klingt, und der alte Sir William Jones gebraucht mit Vorliebe persische Zoten als Beispiele in seiner Grammatik, die er dann nachher in seinen _Commentariis poeseos asiaticae_[6] in griechische Verse übersetzt, da ihm das doch im Lateinischen selbst noch zu unflätig vorkommt. Diese Kommentare: Jones’ Works, 2. Band, _de poesi erotica_,[7] werden Dich amüsieren. Dagegen ist die persische Prosa zum Totschießen. Zum Beispiel der _Ranzât-uo-safâ_[8] des edlen Mirkhond, der die persische Heldensage in sehr bilderreicher, aber inhaltloser Sprache erzählt. Hier heißt es von Alexander dem Großen: Der Name Iskander heißt in der jonischen Sprache Akschid Rûs (verstümmelt, wie Iskander, aus Alexandras), das bedeutet soviel wie _Filusûf_, welches herkommt von _fila_, Liebe, und _sufa_, Weisheit, so daß Iskander dasselbe ist wie ein Freund der Weisheit. – Von einem _retired_[9] König heißt es: Er schlug die Trommel der Abdankung mit dem „Trommelstock des Sichzurückziehens“, wie Vater Willich dies tun wird, wenn er sich etwas weiter in den literarischen Kampf lanciert. Demselben Willich wird es auch ergehen wie dem König Afrasiat von Turan, als seine Truppen ausrissen, und von dem Mirkhond sagt: „Er biß sich die Nägel des Entsetzens mit den Zähnen der Verzweiflung, bis das Blut des geschlagenen Bewußtseins ihm aus den Fingerspitzen der Scham quoll.“ – Morgen mehr.
[1] Überlegene Mensch.
[2] Befangenheit.
[3] Beiseiteschiebung.
[4] Ohne sich zu gebaren, als merke er es.
[5] Weltsprache geradezu gefunden.
[6] Erläuterungen der asiatischen Poesie.
[7] Über Liebespoesie.
[8] Ein persischer Titel.
[9] In Ruhestand getretenen.
239
28 Deanstreet, 14. Juni 1853.
Lieber Frederic!
Ich komme – durch allerlei Geschäftliches und Häusliches verhindert – erst jetzt dazu, Dir auf Deine beiden Briefe zu antworten und Dir den Empfang des amerikanischen Geldes (an Freiligrath abgeliefert) wie des Restes des amerikanischen Tribunegeldes anzuzeigen. Wenn Du und Charles in solchen Geschäftsverbindungen mit dem „Vermittler“ standet, so hast Du mir zulieb Dir jedenfalls einen Streich gespielt. – –