Der Briefwechsel zwischen Friedrich Engels und Karl Marx 1844 bis 1883, Erster Band
Part 43
Daß „_good_ Aberdeen“ sehr geneigt ist, den Flüchtlingen etwas am Zeuge zu flicken, magst Du daraus sehen, daß vorige Woche die englische Polizei eine Art Flüchtlingsstatistik aufnahm. Zwei bis drei Detektivs, _in plain clothes_,[11] begaben sich von Square zu Square und von Straße zu Straße und nahmen Notizen zu Papier, in den meisten Fällen bei den Nachbarn der nahegelegenen Bierwirtschaften. Ausnahmsweise aber – zum Beispiel bei dem Hause Pulszkys, er selbst ist just in Amerika – drangen sie unter dem Vorwand, es sei ein Diebstahl begangen worden, in die Domizile der Flüchtlinge selbst und durchmusterten ihre Papiere. –
Vater Willich ist in New York gelandet. Freund Weitling veranstaltete ihm ein Bankett von dreihundert Personen, wo Willich mit einer gewaltigen roten Schärpe erschien, eine lange Rede hielt des Inhaltes, daß Brot mehr wert ist als Freiheit, und von Weitling ein _Schwert_ überreicht erhielt. Dann trat Weitling auf und bewies, daß Jesus Christus der erste Kommunist war und daß sein Nachfolger niemand anders ist als der bekannte Wilhelm Weitling.
Ich habe einen Brief von Schabelitz erhalten, den ich einlege. Es geht daraus hervor, daß er zwar nicht politisch verraten, aber unendlich albern verfahren hat. – – – Zugleich hat Doktor Feddersen dem Dronke geantwortet, der ihm über die Angelegenheit geschrieben hatte. Er bestätigt Schabelitz’ Brief, teilt aber zugleich mit, daß seiner Ansicht nach der gerichtlichen Untersuchung gegen Schabelitz keine weitere Folge gegeben wird. Es fragt sich, was _nun tun_? Die preußische Regierung wünscht die Sache vollständig zu burken [ersticken], so sehr, daß der Minister des Auswärtigen gegen eine „Theorie des Kommunismus“ fahndet, die ich in Basel publiziert haben soll. Also sogar der Titel soll dem Publikum verheimlicht bleiben. _Que faire?_[12]
Schabelitz hat mir zwei Exemplare geschickt, eines direkt an mich, eines an Freiligrath, wofür ich zusammen 15 Schilling zu zahlen hatte. Schöne _Einnahme_. Bisher war es mir noch nicht möglich, der Clique die Exemplare zu entreißen. Bis Mittwoch (morgen) denke ich aber im Besitz von einem derselben zu sein, zugleich mit dem Paket, das schon lange für Dich parat liegt.
Zerffi ist hier. Er flüchtete von Paris bei der Razzia auf die fremden Korrespondenten. Zerffi ist ein Schwätzer, hat aber über die ungarischen Verhältnisse selbständigere und richtigere Ansichten, als ich sonst noch von Flüchtlingen von daher gehört habe. Dies mag darin seinen Grund haben, daß er von Hause aus kein Magyar ist, sondern ein „Schwab“, und nicht nur ein Schwab, sondern der Sohn eines Juden aus Hannover, der wahrscheinlich Cerf hieß und sich in Zerffi magyarisierte.
Dein K. M.
23. März. Gestern ist auf unseren Aufruf, bestehend aus drei Zeilen mit unseren sämtlichen Namen, Sendung von 20,17 Pfund Sterling für die Kölner vom Turnverein von Washington bei dem Kassierer Freiligrath angelangt.
Schimmelpfennig hat 1 000 Pfund Sterling von der Brüning geerbt.
[1] Wert der Türkei.
[2] Während unser Handel mit Österreich und Rußland entweder stationär geblieben ist oder zurückgeht, nimmt der mit der Türkei regelmäßig zu. Wir sind außerstande, anzugeben, welcher Teil unserer Ausfuhr seinen Weg nach Österreich etwa durch Deutschland findet, aber wir glauben, daß er nur klein sein kann. Unser direkter Handelsverkehr mit Österreich ist durchaus unbedeutend. Unsere Ausfuhr britischer Produkte nach seinen adriatischen Landesteilen (den einzigen [sollte wohl heißen: wenigen], die es hat) wurde bis 1846 nicht von der nach dem übrigen Italien getrennt aufgeführt, damals hatte sie die Ziffer 721 981 Pfund Sterling erreicht. 1850 war sie auf 687 755 gefallen und 1851 auf 812 942 Pfund gestiegen. Unsere Ausfuhr nach Rußland belief sich im Durchschnitt der Jahre 1840/41 auf 1 605 000, 1846/47 auf 1 785 000 und 1850/51 auf 1 342 000 Pfund. Unsere Ausfuhr nach den türkischen Gebieten einschließlich Ägypten, Syrien, Palästina, der Moldau und Walachei hat sich daher wie folgt entwickelt ....
[3] Unsere Ausfuhr ist dagegen dreimal so hoch wie die nach Rußland und nahezu doppelt so hoch wie die nach Rußland und Österreich zusammen.
[4] Türkische Frage.
[5] Führerschaft [der] großen konservativen Partei.
[6] Sir John Pakington, im übrigen ein trauriger Mann.
[7] Führer.
[8] Gesetzesvorlage über die Ersatzpersonen der Geistlichen.
[9] Klauseln.
[10] Auslassung der dritten von den vorgeschlagenen Klauseln.
[11] In gewöhnlicher Kleidung.
[12] Was tun?
225
Sonntag, 10. April [1853].
Lieber Marx!
Hierbei der Brief von Cluß zurück. Die Sache wird wohl auf sich beruhen müssen, bis wir das ganze Hirschsche Aktenstück nebst seinen von Weydemeyer zurückgehaltenen ersten Erklärungen vor Augen haben.
In Hirschs Aussage sind manche Sachen ganz richtig, zum Beispiel mit dem Briefe von Dir aus Manchester. Dabei lügt und verschweigt er aber natürlich gehörig. So vergißt er zu erzählen, daß er, offenbar nicht ohne Absicht, Dir nach Manchester nachreiste und uns eines Sonntags auf der Bury New Road mit einem anderen Bummler begegnete und im Vorbeigehen ganz laut schrie: „Guten Tag, Marx!“ Du erinnerst Dich, wir wunderten uns, wer es gewesen sei; _ce fut notre cher_[1] Hirsch. Ebenso die Geschichte mit dem Brief der Frau Daniels und der Haussuchung.
Es ist komisch, wieviel Coopersche Spione jetzt auftauchen. Chenu, Cherval, Hirsch.
Die angegebenen Personen müßten erforscht werden. Der Lanckronsky ist offenbar derselbe, den Du als „Graf L.“ in dem Kossuth-Bonaparte-Artikel als russischen Agenten denunziert hast. –
_Pour revenir._[2] Ich glaube nicht, daß vorderhand, das heißt bis nach vollständiger Einsicht der Akten etwas öffentlich geschehen kann; bloß vorbereitende Schritte, unter anderem auch Nachspürungen, woher das Dokument kommt und wo der Hirsch jetzt ist, was er treibt; im Notfall eine Konfrontation des Kerls, um eine weitere schriftliche Erklärung von ihm auszupressen. Der Fleurygeschichte wegen des Diebstahls werde ich auch sofort weiter nachforschen, leider ist mein Informant, der ihn persönlich kennt, krank. Besorge mir nur gleich das verlangte Signalement usw.
Die mir zugeschickten amerikanischen Zeitungen habe ich heute größtenteils durchgestöbert. Manches ist sehr amüsant, aber es ist, so in einem Haufen, doch eine angreifende Arbeit, die einen sehr dumm macht. Sehr nett sind dagegen Cluß’ Briefe. Wie ich sehe, stehen die Enthüllungen schon in der Neu-England-Zeitung, es ist doch arg, daß Weydemeyer sie nicht in die Kriminal-Zeitung gebracht hat. Er wird wenigstens jetzt den Hauptinhalt nachholen müssen – gib ihm doch per nächsten Steamer einen groben Wink deshalb mit dem Scheunentor, sonst denkt er am Ende gar nicht daran.
Wie sieht es mit Deiner Reise aus? Ich denke doch, Dich spätestens im Mai hier zu sehen.
Meinen Brief vom Freitag mit 3 Pfund wirst Du erhalten haben. Beste Grüße an Deine Frau.
Dein F. E.
[1] Es war unser lieber [Hirsch].
[2] Um [zur Sache] zurückzukommen.
226
28 Deanstreet, 23 April 1853.
Lieber Engels!
Die Geschichte mit Pieper ist wahr. Den einliegenden Bleistiftzettel schicke unmittelbar zurück. _Qu’en dis-tu?_[1]
Ich habe jetzt wieder 30 Pfund Sterling auf New York zu ziehen. Bamberger geht nicht heran, aber ich habe andere Aussicht. Wenn sie sich erfüllt, komme ich vom 1. bis 7. zu Dir, _supposé_,[2] daß ich Dich nicht geniere.
Wenn Deine Zeit es erlaubt, wäre es mir sehr lieb, bis Freitag einen Artikel über die Schweiz zu haben. Du hast die Sache xmal behandelt, während ich die Persönlichkeiten usw. nicht kenne, doch dürfte der Artikel keine Fortsetzung haben. _Ein_ Artikel über die Schweiz ist genug für die Größe des Landes.
Dein K. M.
[1] Was sagst Du dazu?
[2] Vorausgesetzt.
227
26. April 1853.
_Dear Frederic!_
Ich fürchte, daß aus der vorgehabten Reise nichts wird. Bamberger kann mir den Wechsel nicht diskontieren, und Friedländer, der halb versprochen hatte, will _définitivement_[1] nicht. Ich habe deswegen an Strohn geschrieben, halte es aber für eine bloße Formalität, die ich _pour acquit de conscience_[2] und meiner Frau zuliebe erfüllt, ohne an ein Resultat zu glauben.
Bei Gelegenheit einer Korrespondenz, worin ich der Tribune Mazzinis Hiersein – jetzt wieder von seinen Freunden geleugnet, ich denke aber, auf seinen Befehl – anzeige (dieselbe Korrespondenz enthält den ersten Türkenartikel), macht sie einen kleinen _Leader_[3] über Mazzinis glückliches Durchschlüpfen und bemerkt bei der Gelegenheit:
_„In this connection we may properly pay a tribute to the remarkable ability of the correspondent by whom this interesting piece of intelligence is furnished. Mr. Marx has very decided opinions of his own, with some of which we are far from agreeing, but those who do not read his letters neglect one of the most instructive sources of information on the great questions of current European politics.“_[4] Du siehst, ich sitze hier fest. Ich habe außerdem einen sehr interessanten Brief von Cluß mit zwei Nummern von Hirschs Bekenntnissen (noch nicht geschlossen) erhalten. Ich schicke die Geschichte noch nicht, da vielleicht noch ein Zufall mich befähigt, selbst zu kommen und die Sache zu bringen. Wenn ich komme, erhältst Du jedenfalls vorher Anzeige. Wann rückt Dein Alter ein, mit dem ich nicht karambolieren will?
Wenn der Dana mir hier nur, worum ich ihn schon dreimal gebeten, ein Haus anzeigte, so wäre ich wenigstens über das Dickste weg.
_Ad vocem_[5] Hirsch: Ich war ursprünglich Deiner Ansicht, aber doch verhält sich die Sache anders. Stieber und Goldheim sind positiv hier, um die Kossuthsche Pulververschwörung mit Berlin zu „vermitteln“. Derselbe Kerl, der mir den anonymen Wisch schrieb, schrieb an demselben Tage wörtlich folgendes an Schärttner und Göhringer:
„London, den 21. 4. 53.
_Bekanntmachung._
Seit kurzer Zeit hier angekommen: Polizeirat Stieber und der Jude Goldheim, Polizeileutnant, beide von Berlin.
_Signalement_
_des Stieber:_ _des Juden Goldheim:_ Mittlere Statur (zirka 5 Fuß), zirka 6 Fuß, Haare: schwarz, kurz, schwarz, kurz, Schnurrbart: ditto, ditto, ditto, ditto Gesichtsfarbe: gelb und abgelebt. gelb, aufgedunsenes Gesicht. Trägt enge, dunkle Hose, einen Trägt schwarze Hose, einen blauen Sack, einen Zeughut, weißgelben Sack, schwarzen welchen man zusammenklappen Hut. kann, und eine Brille.
_NB._ Beide gehen regelmäßig zusammen und sind begleitet von _Hirsch_, Handlungsdiener aus Hamburg, Künig, Postexpedient, aus dem Geburtsort Willichs. Stieber und Goldheim gehen regelmäßig alle Tage zwischen 11 und 3 Uhr auf die preußische Gesandtschaft.“
Ich glaube, der Verfasser ist Henry de l’Aspée, Freund und Landsmann von O. Dietz, derselbe gekränkte Polizist, der, wie Du Dich erinnern wirst, zu weiteren Enthüllungen[6] mit uns bei Deiner Ankunft hier haben sollte. Du siehst, wie „Hirsch“ voranarbeitet. Nichts konnte den Willich-Kinkel ungelegener kommen.
_Fare-well._[7]
Dein K. M.
Was das Pfund angeht, so werde ich jedem 10 Schilling geben, da Pieper, soviel ich weiß, Aussicht hat, sein Geld jetzt ohne Prozeß zu erhalten.
[1] Endgültig.
[2] Um mein Gewissen zu beruhigen.
[3] Leitartikel.
[4] In diesem Zusammenhang mag es angebracht sein, der bemerkenswerten Fähigkeit des Korrespondenten, durch den [uns] diese interessante Mitteilung zugeht, Anerkennung zu zollen. Herr Marx hat seine sehr bestimmten eigenen Ansichten, die wir zum Teil weit entfernt sind, zu teilen, aber diejenigen, die seine Briefe nicht lesen, lassen sich eine der lehrreichsten Quellen der Informierung über die großen Fragen der gegenwärtigen europäischen Politik entgehen.
[5] Hinsichtlich.
[6] [Hier fehlt offenbar das Wort: Zusammenkunft.]
[7] Lebe wohl.
228
26. April 1853.
Lieber Marx!
Inliegend Artikel und Pfund Sterling. Wer immer von den beiden Claimants[1] auch leiden möge, tröste ihn mit der nächsten Woche.
Je eher Du selbst kommst, desto besser. Das Schlafzimmer in meinem Hause ist fertig.
In Frankreich scheint der Commerce schon am Abfallen zu sein. Besonders abgenommen haben die direkten Importe von Baumwolle aus Amerika, so daß Frankreich das _einzige_ Land ist, das trotz der kolossalen amerikanischen Ernte _weniger_ bezogen hat als voriges Jahr und kaum mehr als im Jahre der politischen Trübsal 1851, _où l’ordre et la société allaient s’engloutir dans le gouffre socialiste_.[2] Die Importe von 1852 zeigen den momentan magischen Effekt des Staatsstreichs, 1853 zeigt den Revers. Etwas ist immer von Liverpool nach Havre gegangen, doch nicht so viel mehr als früher. Auch sonst scheint in Frankreich die Industrie nicht eben zu florieren. Diesmal scheint die Sache wirklich ernsthaft zu sein und speziell auf der Verdrängung französischer Artikel aus den auswärtigen Märkten durch einheimisches Fabrikat zu beruhen. Die kolossalen Exilierungen von Arbeitern 1851/52 fangen an, ihre Früchte zu tragen; ich bin überzeugt, daß sie ganz speziell zur Ausdehnung und Verbesserung der englischen und amerikanischen Fabriken von Pariser Artikeln, Bronzesachen usw. beigetragen haben. Heutzutage noch tausendmal weniger als früher jagt die Ordnung ungestraft das Proletariat über die Grenze. Selbst im tiefsten Frieden müßte die französische Industrie bei dieser fortwährenden Exploitation des Komplotts als _moyen de gouvernement_[3] und ewig sich erneuernden Proletarierverbannung zum Teufel gehen; die Engländer und Yankees wissen wahrhaftig den brauchbaren Teil darunter zu benutzen!
Also wann kommst Du?
Dein F. E.
[1] Ansprucherheber.
[2] Wo die Ordnung und die Gesellschaft daran waren, vom sozialistischen Strudel verschlungen zu werden.
[3] Regierungsmittel.
229
28 Deanstreet, Soho, 27. April 1853.
Lieber Engels!
Ich war soeben mit Freiligrath bei Gerstenberg, und es ist Aussicht, daß ich bis Freitag, wenn auch nicht den Wechsel diskontiert, doch einen Vorschuß darauf erhalte. Mit Strohn war es, _of course_,[1] nichts. Also immer noch möglich – was ich sehr wünsche –, daß ich zu Dir komme.
Den Artikel und die 2 Pfund für Pieper und Dronke erhalten.
Ich weiß nun sicher, daß ich recht berichtet war mit der Anwesenheit Mazzinis in London.
Hirsch war vorgestern beim russischen Konsul, an demselben Tage im Hause Fleurys zusammen mit Stieber und Goldheim.
Dein K. M.
[1] Selbstverständlich.
230
[Undatiert. Offenbar 27. April 1853.]
Lieber Herr Engels!
Es ist mir furchtbar unangenehm, in Geldsachen an Sie schreiben zu müssen. Sie haben uns nur schon zu oft geholfen. Aber dieses Mal weiß ich keine Rettung, keinen Ausweg. Ich habe an Hagen in Bonn, an Georg, an Cluß, an meine Schwiegermutter, meine Schwester in Berlin geschrieben. Schreckliche Briefe! Und von allen, allen bis heute keine Antwort. So bleibt uns kein Mittel mehr übrig. Ausmalen, wie es hier aussieht, kann ich nicht. Mein Mann ist in die City zu Gerstenberg. Sie können denken, welch ein Gang das für ihn ist. Während der Zeit schreibe ich diese Zeilen. Können Sie etwas uns schicken? Für Freitag hat der Bäcker das Brot gekündigt. Gestern hat der Musch ihn noch abgewehrt, indem er dem Bäcker auf seine Frage: „_Is Mister Marx at home?_“[1] antwortete: „_No he aint upstairs!_“[2] und dann mit seinen drei Broten unter dem Arme pfeilschnell davonlief und seinen Streich erzählte.
Leben Sie wohl.
Jenny Marx.
[1] „Ist Herr Marx zu Hause?“
[2] „Nein, er ist nicht oben!“
231
28 Deanstreet, Soho, 28. April 1853.
Lieber Engels!
Heute war ich mit Freiligrath wieder bei Gerstenberg. Er gab mir einen „verschlossenen“ Empfehlungsbrief an Spielmann in Lombardstreet. Abschlag. Dem Gerstenberg – als Hauptkinkelianer – war es natürlich nicht Ernst mit der Sache.
Nun schicke ich Dir den Wechsel, der mit dem morgen abgehenden Briefe 32 Pfund Sterling beträgt.
Bamberger will mir 2 Pfund Sterling pumpen, damit ich ein paar Schilling meiner Frau lassen und mit dem anderen zu Dir reisen kann. _Ich reise Sonnabend morgen fort._ Morgen ist es unmöglich.
Dein K. Marx.
232
1. Juni 1853.
Lieber Marx!
Inliegend die Hälfte von 20 Pfund – _P. E._ 90138. Die andere Hälfte per zweite Post, da ich keine andere Adresse weiß.
Der Kerl, der den Wechsel einkassiert hat, ist auf ein paar Tage verreist, und wir können also das Geld nicht kriegen. Damit Du aber nicht zu warten brauchst, habe ich mir diese 20 Pfund verschafft. Die Abrechnung über den Wechsel erfolgt also Anfang nächster Woche.
Der verdammte Hund zieht uns zirka 18 Pfund ab für Zigarren und Wein, die teils Charles auf Spekulation, teils ich für Konsumtion von ihm gekauft, so daß man dabei noch zum Schuldenzahlen kommt.
In einer alten Tribune von Anfang April las ich gestern Deinen Artikel über die Times und die Flüchtlinge (mit dem Dantezitat). _Je t’en fais mon compliment._[1] Das Englisch ist nicht nur gut, es ist brillant. Hier und da sind ein paar Stichwörter nicht kulant genug eingeflochten, das ist aber auch das Schlimmste, was man von dem Artikel sagen kann. Pieper ist fast gar nicht drin zu entdecken, und ich begreife nicht, wozu Du den noch brauchst.
Dein F. E.
[1] Ich mache Dir dazu mein Kompliment.
233
[Undatiert. Wahrscheinlich Mai 1853.]
Lieber Marx!
Die Bombe wird also endlich platzen, wie Du aus inliegendem Korrekturwisch und Weydemeyers Brief ersiehst. Wunderbarlich ist diese Manier von Willich, sich aus der Sache zu ziehen, jedenfalls; Du wirst Dich gewiß kostbar amüsieren über diese lahmen Zirkumlokutionen[1] und die verlegene Holprigkeit der Schreibart. Der Kerl ist schwer getroffen. Vater Schramm aber scheint ihn in Cincinnati schwer gekränkt zu haben; immer zu etwas gut. Soviel ist sicher: auf _diese_ Erklärung kann nur noch eine größere Blamage von seiten des Ritterlichen folgen. –
Zur Beruhigung kann ich Dir mitteilen, daß die Neu-England-Zeitung mir heute den Versand von 420 Exemplaren „_Enthüllungen_“ an meine Adresse anzeigt, ich sie also wohl morgen oder spätestens in acht Tagen erhalten werde, wenn das Paket nicht mit dem letzten Steamer abgegangen sein sollte. Die Kerle haben die Unverschämtheit, mich in einem halbanonymen „Office der Neu-England-Zeitung“ unterzeichneten Briefe zum Mitarbeiten aufzufordern – das fehlte noch!
Gut ist es auf alle Fälle, daß wir jetzt doch in der „Reform“ ein Organ haben, worin man, selbst wenn alle Stricke reißen, Sachen in der Polemik gegen Willich und Konsorten unterbringen kann. Der Krawall reitet den Kellner immer tiefer hinein.
Der Druckfehler von Weydemeyer darf Dich nicht wundern. Du weißt ja, daß Weydemeyer statt „Rühmliches“ immer auch nur „Ähnliches“ leistet.
Der Kleine [Dronke] wird nächsten Sonntag herkommen. Ich bin begierig, wie er sich in Bradford als Kommis entwickelt. Jedenfalls scheint der brave Buckup ihn gehörig schanzen zu lassen.
Gestern habe ich das Buch über die arabischen Inschriften gelesen, wovon ich Dir sprach. Das Ding ist nicht uninteressant, so eklig der Pfaff und Bibelapologet überall durchblickt. Sein höchster Triumph ist, dem Gibbon einige Schnitzer in der alten Geographie nachweisen zu können und davon auch auf die Verwerflichkeit der Gibbonschen Theologie zu schließen. Das Ding heißt: _The historical Geography of Arabia by the Reverend Charles Forster._[2] Das Beste, was dabei herauskommt, ist:
1. Die in der Genesis gegebene angebliche Genealogie von Noah, Abraham usw. ist eine ziemlich exakte Aufzählung der damaligen Beduinenstämme je nach ihrer größeren oder geringeren Dialektverwandtschaft usw. Die Beduinenstämme nennen sich bekanntlich bis heute immer Beni Saled, Beni Jussuff usw., das heißt die Söhne von dem und dem. Diese Benennung, aus der altpatriarchalischen Existenzweise hervorgehend, führt schließlich auf diese Art Genealogie. Die Aufzählung der Genesis wird _plus ou moins_[3] bestätigt durch die alte Geographie, und die neueren Reisenden beweisen, daß die alten Namen, dialektisch verändert, meistens noch existieren. Dabei kommt aber heraus, daß die Juden selbst weiter nichts sind als ein Beduinenstamm wie die anderen, den Lokalverhältnisse, Agrikultur usw. in Gegensatz zu den anderen Beduinen brachten.
2. In Beziehung auf die große arabische Invasion, von der wir früher sprachen: daß die Beduinen gerade wie die Mongolen periodische Invasionen gemacht haben, daß das Assyrische Reich und das Babylonische durch Beduinenstämme gegründet sind, auf demselben Flecke, wo später das Kalifat von Bagdad. Die Gründer des Babylonischen Reiches, die Chaldäer, existieren noch unter demselben Namen, Beni Chaled, in derselben Lokalität. Die rasche Herstellung großer Städte, Niniveh und Babylon, ist genau so geschehen wie noch vor 300 Jahren die Schöpfung von ähnlichen Riesenstädten, Agra, Delhi, Lahore, Muttan, in Ostindien durch die afghanische respektive tatarische Invasion. Damit verliert die mohammedanische Invasion viel von ihrem distinktiven[4] Charakter.
3. Die Araber scheinen, wo sie ansässig waren, im Südwesten, ein ebenso zivilisiertes Volk gewesen zu sein wie die Ägypter, Assyrer usw., ihre Bauwerke beweisen das. Auch das erklärt manches in der mohammedanischen Invasion. Was den Religionsschwindel angeht, so scheint aus den alten Inschriften im Süden, in denen die altnational-arabische Tradition des Monotheismus (wie bei den amerikanischen Indianern) noch vorherrscht, und von der die hebräische nur ein _kleiner Teil_ ist, hervorzugehen, daß Mohammeds religiöse Revolution, wie _jede_ religiöse Bewegung, _formell eine Reaktion_ war, vorgebliche Rückkehr zum Alten, Einfachen.
Daß die jüdische sogenannte heilige Schrift weiter nichts ist als die Aufzeichnung der altarabischen religiösen und Stammtradition, modifiziert durch die frühe Separation der Juden von ihren stammverwandten, aber nomadischen Nachbarn, ist mir jetzt vollständig klar. Der Umstand, daß Palästina nach der arabischen Seite zu von lauter Wüste, Beduinenland, umgeben, erklärt die separate Entwicklung. Aber die altarabischen Inschriften, Traditionen und der Koran, sowie die Leichtigkeit, mit der sich nun alle Genealogien usw. auflösen lassen, beweisen, daß der Hauptinhalt arabisch oder vielmehr allgemein semitisch war, wie noch bei uns die Edda und die deutsche Heldensage.
Dein F. E.
[1] Umschreibungen.
[2] Die geschichtliche Geographie Arabiens von Hochwürden Charles Forster.
[3] Mehr oder weniger.
[4] Unterschiedlich.
234
Freitag, 29. Mai 1853.
Lieber Marx!
Hierbei das Neueste aus Amerika. Ich habe noch mehrere Kopien der Kriminalzeitung mit Weydemeyers und Deiner Erklärung hier, die ich im Anfang der nächsten Woche schicken werde, damit Ihr sie verwenden könnt, ein Exemplar halte ich hier für Dronke und das Archiv.
Die 25 Pfund, welche beiliegen, ist Freiligrath wohl so gut, dem Weydemeyer oder Lièvre anzuzeigen, für heute ist es zu spät für mich, an Weydemeyer zu schreiben. Wie die Kerle indes es fertig bringen, 125 Dollar in 25 Pfund umzuwechseln, ist mir nicht klar; nach dem letzten New Yorker Kurs vom 4. März steht Sterling 54 Pence = 109-3/4 Cent, also selbst zu 110 Cent sind 125 Dollar = 25 Pfund 11 Schilling 4 Pence, also auf jeden Dollar 3,2 Pence am Kurs verloren.
Mein Alter hat mir endlich geschrieben. Wie ich erwartete: um Gottes willen nur keinen Skandal schlagen, warten, bis er herkommt, und dann mich an die Börse bringen. Das Geschäft geht zu gut, als daß man sich auf großen Krakeel einlassen könnte. Ist mir soweit ganz recht, wenn mein Herr Papa nichts dawider hat; was mache ich mir aus der Lumperei?
Dein F. E.
235
28 Deanstreet, Soho, 31. Mai 1853.
Lieber Engels!
Heute noch wird der Wechsel von 25 Pfund Sterling an Freiligrath abgehen, der ihn gleich dem Lièvre anzeigen soll.
Einliegend die Adresse von Wolff, der noch immer brummt. –