Der Briefwechsel zwischen Friedrich Engels und Karl Marx 1844 bis 1883, Erster Band

Part 42

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Mazzini scheint wenigstens auf dem Fleck zu sein; es ging auch nicht anders. So dumm seine bombastische Proklamation auch ist, so mag sie bei den schwülstigen Italienern doch etwas ziehen. Dagegen der Mann der unbegrenzten Tätigkeit, Kossuth! _Celui-là est absolument mort, après cela._[7] Solche lächerliche Prätentionen affichiert man Anno 1853 doch nicht ungestraft. So abgeschmackt auch die abstrakte Insurrektionswut des Mazzini hier erscheint, so glänzend steht er doch da gegen den braven Kossuth, der seine Rolle von Widdin wieder aufnimmt, und aus sicherem Hinterhalt die Befreiung des Vaterlandes aus nichts von nichts zu nichts dekretiert. Der Kerl ist wirklich ein _lâche_[8] und ein _misérable_.[9]

Jetzt wollen wir sehen, was die italienischen Bauern machen; selbst im Falle unerhörter unglaublicher Glücksfälle könnten Vater Mazzini und seine Bürger und Adligen da sehr unangenehme Dinge erleben; und wenn die Österreicher Gelegenheit finden, diese Bauern auf den Adel loszulassen, tun sie es gewiß.

Die Österreicher müssen noch 120 000 Mann in Italien haben; wie dagegen zu insurgieren ist, ohne Aufstände unter den Truppen selbst, kann ich nicht absehen. Und an Honvedaufstände _in Italien_, selbst auf Kossuths Kommando hin, glaube ich nicht; dazu gehören doch größere Ereignisse, und mit Hilfe der drei Jahre Disziplin und Ruhe haben die Österr[eicher] auch manchen harten Honvedhintern weich geprügelt.

Wichtig scheint mir die ganze Geschichte nur als Symptom; die Reaktion gegen den gepreßten Zustand seit 1849 beginnt, und natürlich am wundesten Fleck. Die Sache macht hier viel Effekt, und die Philister fangen an darin übereinzustimmen, daß dies Jahr nicht ruhig vorübergeht. Jetzt eine Mißernte in _Corn and Cotton_,[10] Geldklemme und Zubehör, und _nous verrons_![11]

Hast Du die 3 Pfund erhalten, die ich Dir vorige Woche schickte – Donnerstag oder Freitag?

Dein F. E.

[1] Großartige Geschichte.

[2] Erdgeschoß.

[3] Angelegen.

[4] Im allgemeinen.

[5] Schließlich.

[6] Glücksgeschenk.

[7] Der ist nach dieser Sache absolut tot.

[8] Feigling.

[9] Elender Kerl.

[10] Getreide und Baumwolle.

[11] Wir werden sehen.

221

23. Februar 1853.

Lieber Engels!

Ich war _sérieusement_[1] unwohl; namentlich erlaubten mir die „perfiden Preußischen“ weder zu stehen, noch zu sitzen, noch zu liegen. Daher mein langes Stillschweigen und selbst die Versäumnis, das Geld anzuzeigen.

Du hast gesehen, daß Kossuth durch einen amerikanischen Flibustier, den Kapitän Mayne Reyd, seine angebliche Mailänder Proklamation desavouiert. Nun schreibt mir gestern Szemere aus Paris, er wisse _positiv_, daß die Proklamation _authentisch_ sei. Übrigens war das schon aus dem Inhalt zu ersehen. Der „_Leader_“ (mazzinistisch) „_deems it his duty to caution his readers, that this affair lies entirely between Mr. Kossuth and Mr. Mazzini and that the latter is _absent_ from England_.“[2] Die direkt gegen Agostino, indirekt auch gegen Kossuth gerichtete Erklärung Della Roccas in der Daily News wirst Du selbst gelesen haben. Das _par nobile fratrum_[3] scheint entzweit. Kossuth ist ebenso falsch als feig.

So elend die Mailändergeschichte ist als Finale von Mazzinis ewiger Konspiration, und so sehr ich glaube, daß er sich persönlich geschadet hat, so sicher scheint mir, daß das Ereignis der revolutionären Bewegung im ganzen günstig ist. Nämlich durch die brutale Art, wie die Österreicher es ausbeuten. Wäre Radetzky dem Vorgang Strassoldos [Kommandanten von Mailand] gefolgt, hätte er die Mailänder Bürgerschaft belobt wegen ihrer „ordentlichen Aufführung“, das Ganze als den miserablen Putsch einiger „_miscreants_“[4] bezeichnet und als Zeichen seines Vertrauens die Zügel scheinbar schlapper hängen lassen, so war die revolutionäre Partei vor Gott und der Welt blamiert. So aber, da er ein vollständiges Plünderungssystem einführt, macht er Italien zu dem „revolutionären Krater“, den Mazzini durch seine Deklamationen nicht herbeiführen konnte.

Und noch eins. Hätte einer von uns allen geglaubt, daß die Reaktion nach ihren vierjährigen Siegen, Zurüstungen, Renommagen sich so unendlich schwach fühle, daß sie einen wahren Angstschrei bei dem ersten Putsch ausstößt? Der Glaube der Kerls an die Revolution ist unerschütterlich. Sie haben jetzt wieder vor aller Welt Zeugnis ihrer Unsicherheit abgelegt. Während die „Emigration“ realiter total bankrott ist und keinen Hund vom Ofen locken kann, posaunen sie durch alle Regierungsblätter deren Macht aus und bereiten den Glauben, daß ein Netz von Verschwörungen sich allseitig um die braven Bürger schlingt.

Von Schabelitz noch immer nichts gehört, außer daß die Sache in Deutschland zirkuliert. Er wagt noch nichts herzuschicken, aus Furcht, daß die französische Polizei das Paket erbrechen und die Geschichte der preußischen denunzieren möchte.

Ich weiß aus _sicherer_ Quelle, daß Ledru-Rollin, _mais c’est un secret_[5] (Napoleon weiß es wahrscheinlich so gut wie ich), in drei bis vier Wochen in Paris losschlagen will. Ein Augenzeuge hat mir erzählt, daß große Aufregung in Paris herrschte bei der ersten Nachricht von dem Mailänder Aufstand. Straßenzusammenläufe usw., nicht um zu rebellieren, sondern um die Köpfe zusammenzustecken. Im ganzen sind die hiesigen Frenchmen sehr zufrieden, daß Herr Mazzini sich mit seiner „Aktion“ blamiert hat. Es ist eine Revanche für sie.

Unser – aus sechs Zeilen bestehender – Aufruf zur Unterstützung für die Kölner ist durch Cluß’ Vermittlung in allen amerikanischen Blättern erschienen, überall unter Befürwortung der respektiven Turnvereine. _Nous verrons._[6] Die lieben Bekannten in Köln selbst haben noch nichts von sich hören lassen. Wenn das nicht Vorsicht ist! Einer der Ihren, Exleutnant Steffens, der als Schutzzeuge in dem Kölner Prozeß figurierte, ist hier und hat sogleich eine Lehrerstelle in der Anstalt von Friedländer gefunden. Blind tritt mich täglich wegen des „Herzen“; ebenso Dronke wegen des Zirkulars von Reichenbach. Für Dronke ist es wichtig, um unter fremdem Namen eine Korrespondenz mit der „Volkshalle“ in Köln anzuknüpfen.

Was sagst Du zu der lebhaften Teilnahme der Pfaffen der Staatskirche an der unglücklichen Zehnstundenbewegung? Immer wieder das alte Spiel. Samstag schicke ich Dir ein Paket mit allen rückständigen Zeitungen und Briefen von Cluß.

Von allen _performances_ des _little Finality-John_[7] war die letzte doch wohl die klassischste. Selbst die Times mußte gestehen, daß _Johnny excites „mightily little enthusiasm“_.[8]

Frau Harney ist gestorben. Ebenso Frau von Brüning. Ich hatte in letzterer Zeit einen Briefwechsel mit letzterer, worin alles auf Kinkel und Willich fiel. Ich habe Dir schon geschrieben, daß Willich seit vier Wochen nach Amerika abgesegelt.

Salut.

Dein K. M.

[1] Ernsthaft.

[2] Hält es für seine Pflicht, seine Leser darauf aufmerksam zu machen, daß die Sache lediglich zwischen Mr. Kossuth und Mr. Mazzini spielt, und daß der letztere von London _abwesend_ ist.

[3] Edle Brüderpaar.

[4] Bösewichter.

[5] Aber das ist ein Geheimnis.

[6] Wir werden sehen.

[7] Aufführungen des kleinen Endgültigkeits-John [Spitzname Lord Russels von der ersten Wahlreform her].

[8] Johnny ungemein wenig Begeisterung erregt.

222

[Undatiert. März 1853.]

Lieber Marx!

Gestern schickte ich Dir eine halbe Fünfernote, die andere Hälfte gleichzeitig per Kuvert an Dronke. Ich bin tief in der Klemme, im Februar habe ich wegen Schuldenzahlung usw. zirka 50 Pfund ausgeben müssen, und noch zirka 30 Pfund zu decken in diesem und dem nächsten Monat. Sonst hätte ich Dir mehr geschickt. Eine Reform meiner _personal expenses_[1] wird dringend, und ich werde in acht bis vierzehn Tagen ausziehen und in wohlfeilere _Lodgings_[2] gehen, auch zu leichteren Getränken greifen, damit ich für den großen Moment, wenn die Bilanz abgeschlossen wird, gerüstet bin .... _Voilà la vie._[3]

Unter den Hiesigen, Deutschen wie Engländern, hat sich Monsieur Kossuth durch seine Erklärungen total ruiniert; Mazzini desgleichen durch die Insurrektion selbst und die lausige Manier, Krawall durch Meuchelmord von einzelnen Soldaten anzufangen, was speziell den Engländern widerlich ist. Etwas Feigeres und Lumpigeres als diese Kossuthschen zwei Briefe ist doch nicht zu ersinnen, und dabei immer die Prätension: _I am a plain, honest man._[4] Die Herren mögen sich übrigens in acht nehmen, finden sich Beweise, so ist _ce cher_[5] Aberdeen ganz der Mann, sie ohne weiteres einstecken und verfolgen zu lassen, und ob sie nach diesem so sicher sind, freigesprochen zu werden, weiß ich nicht.

Das _Ministry of all the talents turns out a complete humbug_.[6] Johnny verschrumpfter als je, der große Gladstone ein selbstgefälliger Klugtuer _à la_ Mevissen, Aberdeen voll diplomatisch-torystischer Reminiszenzen und purer Hofmann, der Apostel Johannes des seligen Messias Peel, Sidney Herbert ein total inkapabler Kriegsminister, es ist ein schönes Lot [Pack]. Dabei fühlten sich alle nicht an ihrem Platze, ausgenommen der alte unverschämte Palmerston, der überall zu Hause ist, und wie die Mazzinidebatte beider Häuser beweist, so _mutinous_[7] ist wie je. Er ist doch _de facto_[8] seit der griechischen Debatte, der Milizbill und der Adreßdebatte der _leader of the House of Commons_,[9] und es ist bittere Ironie, dem armen Johnny diesen Posten _pro forma_ zu geben. Die Schamlosigkeit aber geht ins Weite, für Johnny in dieser Kapazität noch ein Salär zu verlangen, aber ein neuer Posten ist natürlich beiden Parteien ein gefunden Fressen. Ich bin begierig auf Master Gladstones Budget, seine Äußerung bei den Estimates und Humes Tarifmotion lassen erwarten, daß er alles so ziemlich beim alten lassen wird, und das ist auch wohl das einzige, was bei diesem patriotischen Koalitionsministerium herauskommen wird. Unterdes sind die Korruptionsgeschichten von der letzten Wahl her wunderschön und werden doch in der nächsten Session eine Art Reformbill nötig machen. Wenn bis dahin der Trade schlecht wird und der Kontinent sich regt, können wir schöne Geschichten erleben.

Ich habe jetzt den Urquhart zu Hause, der den Palmerston für von Rußland bezahlt angibt. Die Sache erklärt sich einfach: der Kerl ist ein keltischer Schotte mit sächsisch-schottischer Bildung, der Tendenz nach Romantiker, der Bildung nach _freetrader_.[10] Dieser Kerl ging als Philhellene nach Griechenland, und nachdem er sich drei Jahre mit den Türken herumgeschlagen, ging er in die Türkei und begeisterte sich für ebendieselben Türken. Er schwärmt für den Islam, und sein Prinzip ist: wenn ich nicht Kalvinist wäre, so könnte ich nur Mohammedaner sein. Die Türken, die der Blütezeit des osmanischen Reiches ganz besonders, sind die vollkommenste Nation der Erde, in allem ohne Ausnahme. Die türkische Sprache ist die vollkommenste und wohlklingendste der Welt. All das alberne Gerede von Barbarei, Grausamkeit, lächerlichem Barbarenhochmut rührt bloß von der Unwissenheit der Europäer in bezug auf die Türkei und von den interessierten Verleumdungen der griechischen Dragomans her. Wenn ein Europäer in der Türkei schlecht behandelt wird, so ist das seine eigene Schuld; der Türke haßt nicht die Religion und den Charakter, sondern nur die engen Hosen des Franken. Türkische Architektur, Etikette usw. wird dringend zur Nachahmung empfohlen.

Gegen dies glückliche Land intrigiert nun der Zar vermittels der griechischen Pfaffen, und England hat sich von diesem fortwährend an der Nase herumführen lassen. England muß die Türkei stützen usw., eben so alte wie platte Gemeinplätze. Im ganzen ist dies Buch höchst amüsant. Das beste aber ist, daß sich hieraus die ganze Politik der englischen palmerstonfeindlichen Liberalen stützt, zum Beispiel sind alle Artikel in der Daily News über die türkische Schmiere reine Paraphrasen aus Urquhart, der _qua freetrader_[11] unbedingt Kredit genießt, obgleich er den Engländern vorwirft, sie zerstörten durch ihre Importe die thessalische Industrie – aber bei einem _highlander_[12] kommt das nicht so genau [darauf an].

Es hat eine sehr gute Seite, daß die Times, wenn auch zunächst im russischen Interesse, endlich einmal die alte Philisterdummheit von der Integrität der Türkei angreift. Die dumme Daily News, die in ihrer Bürgerborniertheit nicht weiter sieht, als ihre Nase reicht, schreit über Verrat und weiß nichts anderes entgegenzusetzen, als eben diesen alten Diplomatenmist. Zieht sich der Tanz noch etwas hin, so werden die Herren doch bald zu anderen Argumenten greifen müssen und zu der Einsicht kommen, daß nur eine kontinentale Revolution dem Dreck ein Ende machen kann. Das müssen doch mit der Zeit auch die ärgsten Philister einsehen, daß ohne diese gar nichts gelöst werden kann.

Die österreichisch-preußische Zollgeschichte ist der einzige Fortschritt, zu dem man es in Deutschland gebracht hat – _et encore_![13] Das Ding ist so mit Haken verklausuliert, und so viel Hauptsachen sind späteren Kommissionen überlassen, während die wirklichen Zollnachlässe so klein sind, daß wenig dabei herauskommt. Geht die große industrielle Krise los, so wird der ganze Handelsvertrag verschwinden vor dem allgemeinen _débâcle_.[14]

Hier wird nur noch gestohlen, Knochen zerschmettert auf den Eisenbahnen und in die Luft geflogen. Das hiesige Philisterium ist ganz konsterniert von den absonderlichen Ereignissen der letzten acht Tage. Glücklicherweise geht Baumwolle herunter, weshalb an der Börse nichts los ist und man sich nach Herzenslust mit diesen großen Begebenheiten beschäftigen kann. Die Spinnereien und meisten Webereien sind noch voll beschäftigt, aber in groben Kalikos (_domestics_[15]) ist _vollständige Stagnation_, und von Montag an wird in dieser Branche nur drei Tage per Woche in allen Fabriken gearbeitet werden.

Grüße Deine Frau und Kinder.

Dein F. E.

[1] Persönlichen Ausgaben.

[2] Mietzimmer.

[3] So ist das Leben.

[4] Ich bin ein einfacher, ehrlicher Mann.

[5] Dieser teure.

[6] Ministerium aller Talente stellt sich als ein vollendeter Humbug heraus.

[7] Rebellisch.

[8] Faktisch, der Sache nach.

[9] Führer des Hauses der Gemeinen.

[10] Freihändler.

[11] Als Freihändler.

[12] Hochländer [aus dem schottischen Hochland].

[13] Und selbst dann.

[14] Zusammenbruch.

[15] Bezeichnung für starken [Futter- oder Hemden-]Kattun.

223

10. März 1853.

Lieber Engels!

Die 5 Pfund erhalten. Ich war diese Woche ein Haar nahe am Krepieren. Nämlich eine Leberentzündung oder wenigstens dicht daran vorbeistreifend. Dies ist erblich in meiner Familie. Mein Alter ist daran gestorben. Seit den vier Jahren, wo ich in England bin, hatte sich die Sache nicht wieder gezeigt und war wie verschwunden. Doch die Krise ist nun überstanden und, was das beste ist, _sans médecin_.[1] Doch noch etwas matt.

Gestern erhielt ich folgendes „_angenehme_“ Schreiben von Basel:

Basel, 7. März 1853, morgens 9 Uhr.

„Lieber Marx!

Soeben vernehme ich, daß die ganze Sendung der ‚Enthüllungen‘, die aus 2000 Exemplaren bestand und schon seit sechs Wochen jenseits der Grenze in einem Dorfe lag, gestern beim Weitertransport abgefaßt wurde. Was nun geschieht, weiß ich nicht; in erster Linie Reklamationen der badischen Regierung beim Bundesrat, dann wahrscheinlich meine Abfassung oder wenigstens Inanklagezustandversetzung usw. In jedem Falle ein großartiger Lärm. Dies in Kürze Ihnen zur Nachricht; weitere Mitteilungen sollen, wenn ich daran verhindert werden sollte, durch eine dritte Person erfolgen. Wenn Sie an mich schreiben, so benutzen Sie auf dem Kuvert die Adresse: ‚_Mad. Brenner-Guérard, magazin de modes, Basle_‘ und schreiben auf der für mich bestimmten versiegelten Inlage bloß: ‚Für Jacques‘. Das Manuskript über den Staatsstreich werde ich an sicherem Orte deponieren. Adieu. Hoffentlich bald mehr, als ich jetzt noch weiß. Geben Sie mir sichere Adressen an, Ihre und die Bambergers sind wohl bekannt.

Ihr Jacques.“

Nun, _qu’en pensez-vous, mon cher maître renard_?[2] Hat der „_Suisse_“[3] für bar Geld mich an die preußische Regierung verkauft? Sechs Wochen jenseits der Grenze in einem Dorfe, die affektierte Ängstlichkeit, kein Wort über die in der Schweiz gebliebenen Exemplare, trotz meinem Dringen kein Exemplar hierhergeschickt!

Soll einem unter solchen Umständen nicht die Lust zum Schreiben vergehen? Immer zu arbeiten _pour le roi de Prusse_!

_Que faire?_[4] Denn so darf der „_Suisse_“ nicht durchschlüpfen.

_Quant à_[5] Dana, so hat er meinen Wechsel _honoriert_. Der „brave“ Bamberger gab mir ursprünglich 5 Pfund darauf, ließ mich dann vierzehn Tage hin und her nach der City rennen, zahlte endlich erst diese Woche, nachdem sich meine Wirtin seit Wochen dem Heulen (wörtlich) ergeben hatte. Seit der Zeit habe ich wieder sieben Artikel der Tribune geschickt. Morgen schicke ich wieder einen. Ich würde mich jetzt herausarbeiten, wenn ich nicht die verfluchte _dette consolidée_[6] auf dem Pelze hätte. Auch diese wäre zu einem bedeutenden Teile abgetragen worden, hätte der elende Schweizer mich nicht wieder ins _néant_[7] gestürzt.

Ich muß nun notwendig, um den Dana warm zu halten, einen längeren Artikel über _haute politique_[8] schreiben. Also die _détestable question orientale_,[9] womit mir ein miserabler Yankee von hier in der Tribune Konkurrenz zu machen sucht. Aber diese Question ist vor allem militärisch und geographisch, also nicht von meinem Departement. Du mußt Dich also noch einmal _exécuter_.[10] Was aus dem türkischen Reiche werden soll, ist mir „spanisch“. Ich kann also keinen allgemeinen Gesichtspunkt geben.

Nur für einen Zeitungsartikel – wo es übrigens nötig wäre, durch militärisch-geographisch-historische Draperie möglichst an der eigentlichen Question vorbeizuschlüpfen – scheinen mir folgende Anhaltspunkte, direkt von Montenegro ausgehend, nötig:

1. Trotz aller Schikanen und Zeitungskannegießerei wird die _question orientale_ nie der _Anlaß_ zu einem europäischen Kriege werden. Sie wird immer wieder diplomatisch zugetuscht werden, bis das allgemeine Hallo auch hier dem Zutuschen ein Ende macht.

2. _Encroachments of Russia_[11] in der Türkei. Gelüste von Österreich, Ambition von Frankreich. Interessen von England. Kommerzielle und militärische Wichtigkeit dieses Streitapfels.

3. Im Falle des allgemeinen Hallos wird die Türkei England zwingen, auf die revolutionäre Seite zu treten, denn hier notwendig seine Kollision mit Rußland.

4. Notwendige Auflösung des muselmännischen Reiches. _D’une manière ou de l’autre_[12] wird [es] in die Hände der europäischen Zivilisation geraten.

Es wäre für den Moment noch speziell bei der Montenegrogeschichte zu verweilen, bei der miserablen Rolle, die England jetzt offiziell spielt. Sultan nur nachgegeben, weil Frankreich und England ihre Hilfe nicht zugesichert. Beide Länder haben in dieser Frage, unter der Maske der _entente cordiale_,[13] gegeneinander kokettiert mit der heiligen Allianz. Darauf hinzuweisen, daß die herrschende Oligarchie in England auch schon deswegen stürzen muß, weil sie unfähig geworden, ihre alte Rolle nach außen zu spielen, die englische Nation dem Kontinent gegenüber an der Spitze zu behaupten.

_Tout ça est très pauvre, mais enfin, il me faut un ou deux articles sur cette question pour tuer mon concurrent._[14]

Dein K. M.

Deine Übersetzung meines Sutherlandartikels ist famos. Ich selbst scheine einiges Talent fürs Englischschreiben zu haben. Hätte ich nur den Flügel [Wörterbuch], eine Grammatik und einen besseren Korrektor als Mr. Pieper.

Ich schreibe heute noch einmal nach dem Kontinent. Gelingt es mir, so viel Geld zusammenzubekommen, da es jetzt mit Schabelitz nichts ist, daß meine Frau wenigstens ruhig abwarten kann, bis ein zweiter Wechsel auf Dana, den ich diesmal auf 30 Pfund zu treiben denke, gezogen und zurück sein kann, so komme ich vielleicht im April einige Tage zu Dir, _pour restituer mes forces_[15] und um einmal ungestört mit Dir über die jetzigen Verhältnisse zu kohlen, die nach meiner Ansicht bald zu einem _earthquake_[16] führen müssen.

Die Morning Post behauptet, in Lancashire beschäftigten die Fabrikanten ihre Arbeiter nur mehr _short time_,[17] die _prosperity_[18] gehe ihrem Ende zu usw. Wie verhält es sich damit?

Dein K. M.

Bis zu diesem Augenblick – und es ist 11-1/2 Uhr – hat Dronke Nr. 2 noch nicht gebracht. Der Junge liegt wahrscheinlich noch zu Bett. Wir müssen durchaus unsere Partei neu rekrutieren. Cluß ist gut. Reinhardt in Paris ist fleißig. Lassalle, trotz der vielen „abers“, ist _dur_[19] und energisch. Imandt und Liebknecht sind zäh und jeder in seiner Art nutzbar. Aber alles das ist keine Partei. Der Exleutnant Steffen, Exzeuge beim Kölner Prozeß, jetzt Schulmeister in einer Anstalt bei London, scheint mir tüchtig. _Lupus grows from day to day older and becomes more crotchety._[20] Dronke ist und bleibt ein „angenehmer Müßiggänger“.

[1] Ohne Arzt.

[2] Was halten Sie davon, mein lieber Meister Fuchs?

[3] Schweizer.

[4] Was tun?

[5] Was [Dana] betrifft.

[6] Konsolidierte Schuld.

[7] Nichts.

[8] Hohe Politik.

[9] Scheußliche orientalische Frage.

[10] Ins Unvermeidliche schicken.

[11] Eingriffe Rußlands.

[12] Auf die eine oder andere Weise.

[13] Freundschaftliche Verständigung.

[14] Alles das ist sehr dürftig, aber schließlich muß ich einen oder zwei Artikel über die Frage haben, um meinen Konkurrenten totzumachen.

[15] Um meine Kräfte wiederherzustellen.

[16] Erdbeben, Katastrophe.

[17] Kurze Zeit [das heißt weniger Stunden pro Tag oder Woche].

[18] Geschäftsblüte.

[19] Hart, beziehungsweise stählern.

[20] Lupus [W. Wolff] altert zusehends und wird immer grillenhafter.

224

22. März 1853.

Lieber Engels!

Dein Artikel über die Türkei famos. Abgeschickt.

Ich weiß nicht, ob Du folgende Notizen in einem der letzten Economist über die „__value of Turkey__“[1] gelesen hast:

„_While our commerce with Austria and Russia is either stationary or on the decline, with Turkey it is regularly increasing. We are not able to state what proportion of our exports may find their way to Austria through Germany, but we believe it only small. Our direct trade with Austria is absolutely insignificant. Our exports of british products to her adriatic parts (the only ones she has) were not give separately from those to the rest of Italy till 1846, when they reached 721 981 £. In 1850 they had fallen to 687 755 and in 1851 had risen to 812 942 £. Our exports to Russia were on the average of 1840/41 1 605 000 £, in 1846/47 1 785 000 £; and in 1850/51 1 342 000 £. Our exports to the Turkish dominions including Egypt, Syria, Palestina, Moldavia and Walachia have progressed as follows:_[2]

£ £ £ £ 1840 1 440 592 1843 2 548 321 1846 2 707 571 1849 3 569 023 1841 1 885 840 1844 3 275 333 1847 3 530 589 1850 3 762 480 1842 2 068 842 1845 3 134 789 1848 3 626 241 1851 3 598 591

_Our exports are therefore threefold those to Russia and nearly double those to Russia and Austria together._“[3] So weit _The Economist_.

In dem englischen Ministerium selbst muß großer Krakeel sein über die „_Turkish Question_“.[4] Denn Palmerstons [unlesbar] die Morning Post pfeift direkt aus dem entgegengesetzten Loche wie die Times.

D’Israeli ist seiner _leadership_ der „_great conservative party_“[5] glücklich entsetzt, and _Sir John Pakington, a mournful man otherwise_,[6] an seine Stelle getreten. Das ist das erstemal seit 1828, daß die Torypartei einen „_leader_“[7] besitzt, der ebenso borniert ist wie ihr Gros.

Du hast gesehen, daß in der letzten Abstimmung über die _clergy reserve bill_,[8] wo der würdige Russell von den drei _clauses_,[9] die er vorgeschlagen, eigenhändig _the omission of the third clause proposed_,[10] das Ministerium den Sieg nur durch die Stimmen der konservativen Minorität davontrug. Ein schlechtes Zeichen das.

Mazzini ist hier seit einigen Tagen, aber einstweilen noch inkognito.