Der Briefwechsel zwischen Friedrich Engels und Karl Marx 1844 bis 1883, Erster Band

Part 41

Chapter 413,460 wordsPublic domain

Wenn ich Dir viel schaffen kann für den Druck der Broschüre, so wird es zwei bis drei Pfund höchstens sein – ich bin augenblicklich selbst fest. Aber drei Druckbogen, das gibt zwischen 10 bis 12 Pfund Kosten, mit Broschieren usw. noch mehr. Wenn die Sache nicht auf dem Kontinent und für Rechnung, wenigstens unter Beteiligung, eines Buchhändlers gedruckt wird, so kommt sie gar nicht herum. In Preußen usw. wird sie, wenn sie hinkommt, konfisziert, und die Buchhändler prellen uns. Wir werden also das Geld als der Geschichte geopfert ansehen müssen, denn heraus kommt in Pfund, Schilling, Pence gewiß nichts dabei. Es fragt sich nun, ob wir diesen Betrag jetzt daran setzen können; ob es nicht besser wäre, die Geschichte auf einen bis anderthalb Bogen zusammenzudrängen, damit die Kosten unseren Kräften etwas angemessener werden? Dezember und Januar sind meine zwei schwersten Monate im Jahre; vor Februar kann ich schwerlich an weitere Zahlungen für die Kosten denken. Lassen wir auf Kredit drucken, so hält uns der Drucker am Ende, wie dem Weydemeyer, die Exemplare zurück, bis er bezahlt ist. Und unter allen Umständen müssen wir doch vorher sehen, welche Möglichkeit der Verbreitung da ist; bis jetzt sehe ich aber so gut wie gar keine.

Weerth wird morgen nach London kommen, er segelt am 2. Dezember von Southampton ab. Seine Ausstaffierung ist ihm sehr teuer zu stehen gekommen. Strohn reist auch dieser Tage nach London und von da nach dem Kontinent. Bei den vielen Reisespesen, die sein Etablissement (noch dazu, wie ich höre, mit fremdem Kapital) ihm macht, wird auch von ihm nichts zu erpressen sein. So sind wir alle fest.

Meine Meinung ist, wenn Du nicht ganz gute buchhändlerische Wege zur Verbreitung hast, so wird die Geschichte gar nicht einmal bekannt und geht vorüber, wie alle in der Emigration gedruckte Literatur, ohne daß man in Deutschland die Geschichte zu sehen bekommt. Und das ist sehr schlimm, in mancher Beziehung sogar schlimmer, als wenn gar nichts geschähe. Denn es bewiese öffentlich, daß wir auf die ausländischen deutschen Winkelpressen angewiesen sind und gar nichts ausrichten können. Von der mit dem Bürgersschen Rundschreiben verknüpften Blamage haben wir uns in unsere mysteriöse literarische Position zurückziehen können, aber auch diese kann durch ein solches Geständnis unserer literarischen Ohnmacht kompromittiert werden. Die preußische Regierung würde sich freuen zu sehen, daß wir auf die Mittel der Publizität reduziert sind, die den Demagogen von 1831 im Exil zu Gebote standen und fast gleich Null waren. Es ist schlimm, daß es so ist, aber ich glaube, wir tun besser, wenn _wir_ dies wenigstens nicht an die große Glocke hängen. Und nach der Rheinprovinz, wohin doch der Hauptabsatz wäre, bringen wir kein Exemplar, ohne hundert Leute zu kompromittieren, seitdem das neue Verbrechen der hochverräterischen Korrespondenz [unlesbar] von der Jury anerkannt ist.

Ich werde Dir das Geld am 1. oder 2. Dezember schicken, überlege Dir die Sache noch einmal, und wenn Du glaubst, doch die Broschüre besser auf diesem Wege als gar nicht zu drucken, so suche wenigstens solche Arrangements zu treffen, daß wir mit dem Zahlen nicht in Verlegenheit kommen, denn, wie gesagt, vor Februar kann ich mich zu nichts verpflichten. – –

Grüße Deine Frau und Kinder bestens. In etwas über zwei Wochen bin ich in London.

Dein F. E.

213

Manchester, Montag, 29. November 1852.

Lieber Marx!

Es ist mir über beiliegendem Artikel 1 Uhr nachts geworden, aber morgen früh 9 geht noch eine Post. Ich will das Experiment versuchen, ob Du ihn noch zur Zeit für den Steamer erhältst (Dienstag abend per ersten Mail nach Liverpool), wo nicht, mußt Du ihn per Freitagsteamer senden.

Morgen muß ich aus der Stadt, komme ich früh genug wieder, so schicke ich Dir Geld.

Erhalte ich bald einen Artikel über England für die Tribune? Ich kann jetzt wieder arbeiten.

Cobden scheint in seinen Ministerhoffnungen von Graham und Russell etwas enttäuscht worden zu sein, diese scheinen ihn kühl abfahren zu lassen, sonst kann ich mir seine Wut am Freitag nicht erklären. Seit 1844 hat der Kerl nicht so ingrimmig gesprochen. _He is a disappointed demagogue again_,[1] solange wie es dauert. Übrigens ist es gut, daß die Tories in der Majorität waren, nun kriegen wir doch Disraelis Budget zu hören. Hätte der Kerl mehr Kenntnisse und Verstand und weniger Schlauheit und Diebsgelüste, so wäre nichts leichter, als den _freetradern_ ein _freetradebudget_[2] zurecht zu machen, wobei ihnen grün und rot vor den Augen wird. Wenn sich die Kerle nur halten, bis die Krise kommt! Wir sind _décidément im excitement_,[3] obgleich auch dies noch sehr _piano, piano_ geht. Aber einerlei, die sechs Seiten _joint-stock_[4]-Annoncen der heutigen Daily News, woraufhin sie schon die Times auszustechen glaubt, und dazu die zirka fünfzig bis achtzig ausländischen Eisenbahnen-, Goldminen-, Dampfschiffs- usw. Gesellschaften werden ihre unvermeidliche Wirkung nicht verfehlen. Der Geschmack „nach mehr“ bleibt nicht aus. Glücklicherweise ist der einzige Umstand, der die Baumwollindustrieüberproduktion frühzeitig unterbrechen konnte, beseitigt; die neue Ernte wird weit über _drei Millionen Ballen_, die größte also, die je da war, und Baumwolle geht wieder herunter; an Rohstoff wird’s also nicht fehlen. Jetzt nächstes Jahr eine Mißernte in Korn, und wir werden einen schönen Tanz erleben. Ohne eine solche ist bei den anormalen Verhältnissen, den wie Pilze wachsenden australischen und kalifornischen Märkten, wo ein Individuum zirka viermal soviel konsumiert als anderswo, weil fast keine Weiber und Kinder da sind und viel Gold in den Städten verludert wird, bei dem neuen Markt, den Kalkuttaer Häuser jetzt schon in Birma exploitieren, bei der Ausdehnung des Handels von Bombay und Karatschi mit dem Nordosten von Indien und den Grenzländern (diese speziell ist sehr groß) usw., schwerlich zu sagen, ob es im nächsten Jahre schon zu etwas Dezisivem [Entscheidendem] kommt.

Dein F. E.

[1] Er ist wieder ein enttäuschter Demagoge.

[2] Freihandelsbudget.

[3] Entschieden in der Erregung.

[4] Aktiengesellschafts-.

214

28 Deanstreet, Soho, London, 3. Dezember 1852.

Lieber Frederic!

Du würdest schon lange Antwort auf den Brief (mit der Einlage des Aufsatzes für Dana) erhalten haben, wenn ich nicht doppelt beschäftigt und abgehalten gewesen wäre durch das Diktieren meiner Broschüre in Reinschrift und dann durch Besuche von Weerth, Strohn, Damm usw.

Die Broschüre wird aller Wahrscheinlichkeit nach in der Schweiz gedruckt bei Schabelitz junior, der sich von seinem Alten separiert und eine eigene Buchhandlung etabliert hat. Außerdem kann Cluß, wenn er die Produktionskosten damit herauszuschlagen meint, die Sache in Washington drucken lassen. Gedruckt _muß_ die Sache werden, schon um als öffentliches Dokument nach Ausbruch der Revolution vorhanden zu sein. Ich habe noch neue, sehr interessante Entdeckungen über das Komplott Cherval usw. gemacht, die Du hoffentlich gedruckt lesen wirst.

Weerth kam Sonntag abend, fand mich sehr beschäftigt und nicht ganz rosig gelaunt. Er fragte mich, „was ich denn eigentlich über die Kölner Geschichte schreiben wolle?“ – und dies zwar in etwas vornehm näselndem Tone. Ich fragte ihn, „was er in Westindien wolle?“, und nach Zeit von einer Viertelstunde verschwand er. Dienstag abend kam er wieder und sagte mir, er hätte eigentlich nicht wieder kommen wollen, habe aber dem Andringen Freiligraths nachgegeben. Ich habe ihm nämlich Sonntag sehr beschäftigt und verdrießlich geschienen. Ich nahm mir die Freiheit, Herrn Weerth darauf aufmerksam zu machen, daß er neun Zehntel der Zeit, die ich ihn kenne, immer verdrießlich und malcontent war, was er von mir nicht behaupten werde. Nachdem ich ihm den Kopf etwas gewaschen, fand er sich wieder zurecht und wurde – wieder der alte Weerth. Ich finde, daß er verdammt verbürgert ist und seine Karriere zu sehr „_au sérieux_“[1] nimmt. Strohn ist wenigstens immer der alte und _pas trop fin_.[2]

Bonapartes Kaiserreichhonigmonate sind prächtig. Der Kerl hat immer auf Pump gelebt. Machen wir die Pumpanstalten in Frankreich so allgemein und allen Klassen der Franzosen so zugänglich als möglich – und alle Welt wird glauben, daß das Millennium herangekommen ist. Dazu direkt eine eigene Bank für _stockjobbery_ und _railwayhumbug_.[3] Der Kerl bleibt sich immer gleich. Der Industrieritter und der Prätendent verleugnen keinen Augenblick einer den anderen. Wenn er nicht Krieg macht und bald macht, so geht er an den Finanzen kaputt. Gut ist’s, daß Proudhons Erlösungspläne sich in der einzigen Form realisieren, in der sie praktikabel sind – als Kreditschwindel und mehr oder minder direkte Prellerei.

Ich freue mich sehr auf Deine Ankunft hierher.

Dein K. Marx.

[1] Ernsthaft.

[2] Nicht zu fein.

[3] Aktienspekulationen und Eisenbahnschwindel.

215

28 Deanstreet, 14. Dezember 1852.

Lieber Engels!

Ich habe Dich während der ganzen Zeit mit Hämorrhoiden akkompagniert. Nur bleiben sie bei mir diesmal, da sie glücklicherweise in die magere Ruhezeit fielen, ohne die „perfide“ Entwicklung. Im Notfall mußt Du Blutigel anwenden. _C’est le grand moyen._[1] Das Geld gestern vor acht Tagen erhalten.

Aus der folgenden Kopie eines Briefes von Schabelitz jr. siehst Du, wie es mit den „Enthüllungen über den Kölner Kommunistenprozeß“ steht:

Basel, 11. Dezember 1852.

„Lieber Marx!

Das Manuskript ist vorgestern unversehrt in meine Hände gekommen, und heute lese ich bereits den ersten Korrekturbogen. Die Broschüre wird aus ganz neuer Schrift splendid gesetzt und in 16^o gedruckt. Die Korrektur werden wir bestmöglich besorgen. Das Ganze wird 70 bis 80 Seiten im Drucke geben, und ich glaube, wir dürfen den Preis pro Exemplar auf 10 Silbergroschen festsetzen, da jedenfalls ein Teil der Auflage (2000 Exemplare) konfisziert werden dürfte. Die Hauptsendung werden wir in die Rheinprovinz machen. Ich bin überzeugt, daß die Broschüre ungeheures Aufsehen machen wird, denn sie ist ein Meisterwerk. Wir waren vier Personen, als wir das Manuskript durchlasen, und darunter zwei sehr kompetente, urteilsfähige Männer, und wir waren alle einstimmig in unserem Lobe. Allerdings ist der preußischen Regierung ein ‚Denkmal‘ dadurch gesetzt. – Mit herzlichem Gruße an die Partei Marx.

Ihr J. Schabelitz.“

Letzterer Witz bezieht sich darauf, daß ich einigermaßen fürchtete, Schabelitz würde Anstoß nehmen an der rüden Behandlung der Partei Willich-Schapper, zu der er selbst _plus ou moins_[2] gehörte.

Da Geheimhaltung die Hauptsache ist, da[mit] die Sache nicht gleich an der deutschen Grenze konfisziert wird, habe ich hier allgemein verbreitet, es erscheine eine Broschüre über die Kölner Angelegenheit in Amerika.

Um Dich in Deinem Hämorrh.-Zustand nicht zu belästigen, habe ich eine für Dana bestimmte Kritik des Budgets D’Israeli durch Pieper _tant bien que mal_[3] übersetzen lassen und vorigen Freitag nach Amerika geschickt.

Entschuldige, wenn ich diesmal nicht mehr schreibe. Ich habe ein Kopfweh von allen zehn Teufeln.

Dein K. M.

[1] Das ist das große Mittel.

[2] Mehr oder weniger.

[3] So gut es geht [beziehungsweise schlecht und recht].

216

Fragment.

[Undatiert. Doch offenbar aus dem Jahre 1852.]

[Engels an Marx.]

Hast Du die Statistik des Factory Inspektor Horner über die Zunahme der Baumwollindustrie in der gestrigen Times oder vorgestrigen Daily News gesehen?

Oktober 1850 bis Oktober 1851 –

2300 Pferdekräfte in neu errichteten Fabriken 1400 - in Vergrößerung alter Fabriken ------------------ 3700 Pferdekräfte Zuwachs im Manchester Distrikt

und der Baumwollindustrie allein. Die folgende Aufzählung ergibt, daß damals auch noch Fabriken im Bau waren, die zirka 4000 Pferdekräfte brauchen und die jetzt fertig sein werden. Seitdem gewiß noch für 3000 bis 4000 Pferdekräfte Fabriken zu bauen angefangen, die bis Ende des Jahres zur größeren Hälfte fertig sein können. Wenn von Januar 1848 bis Oktober 1850 – 2-3/4 Jahre – der Zuwachs nur auf 4000 Pferdekräfte angenommen wird, so wird die Dampfkraft der Lancashire Baumwollindustrie seit 1848 bis Ende 1852 gestiegen sein um 3700 + 4000 + 1500 + 4000 = 13 000 Pferdekräfte. Die ganze Dampfkraft der Baumwollindustrie in Lancashire betrug 1842 30 000 und 1845 (Ende) 40 000 Pferdekräfte; 1846/47 ist wenig angelegt, also wird jetzt fast 55 000 Pferdekräfte, beinahe das Doppelte von 1842, in Tätigkeit sein.

Dazu die Wasserkraft, zirka 10 000 Pferdekräfte (1842), die sich wenig vermehrt hat, da die Wasserkräfte schon länger ziemlich gut exploitiert wurden. Da sieht man, wo das additionelle Kapital der Prosperität bleibt. Die Krisis kann übrigens nicht lange mehr ausbleiben, obwohl hier fast nur in _Omnibussen_ überspekuliert wird.

1853

217

Manchester, 11. Januar 1853.

Lieber Marx!

Ich hoffte gestern noch auf meinem Wege zur Eisenbahn bei Dir vorkommen zu können, denn infolge eines über meine verlängerte Abwesenheit und die hier sich häufende Arbeit sich etwas unangenehm aussprechenden Briefes war ich genötigt, plötzlich aufzupacken und dem Kontor zuzueilen. Meine Citygeschäfte hatte ich schändlich vernachlässigt und mußte sie also gestern im letzten Moment abmachen. Dadurch wurde ich so aufgehalten, daß mir nichts übrig blieb, als _recta via_[1] abzusegeln, wenn ich heute, was notwendig war, _at a decent hour_[2] im Kontor erscheinen wollte; ohnehin wäre ich bei Dir sonst zu einer Abendstunde eingesprungen, wo sich die gesamte Jüngerschaft einzufinden pflegt, und in diesem Falle hätte ich nicht für die Folgen respektiver Potte bei Göhringer, Zimmermann, Wood und anderen Nachtkneipen gestanden. –

Ich wollte, einige unserer Jungens in London kämen wirklich zu einem _plus ou moins_[3] soliden Erwerb, denn die Bummelei wird arg, und gerät man einmal unter sie, so ist zehn gegen eins zu wetten, daß man unter sechsunddreißig Stunden nicht aus der Bekneiptheit herauskommt, wie mir solches zweimal passiert ist, zur großen Verwunderung meiner Schwester.

Im Frühjahr oder Anfang Sommer komme ich wieder nach London.

Ist die Geschichte von Schabelitz noch nicht da?

Herzliche Grüße an Deine Frau und Kinder.

Dein F. E.

[1] Geradeswegs.

[2] Zu anständiger Zeit.

[3] Mehr oder weniger.

218

28 Deanstreet, 29. Januar 1853.

Lieber Engels!

Die 3 Pfund Sterling erhalten und das rückgesandte Manuskript.

Du mußt mich entschuldigen, daß ich so lange nicht geschrieben. Die _Pressure from without_[1] erklärt Dir das.

Willich ist vor ungefähr vierzehn Tagen als Kinkels Agent nach Amerika abgeschoben. Frau von Brüning ist vor ein paar Tagen begraben worden.

Liebknecht hat eine sehr gute Stelle bei dem Juden Oppenheim bekommen. Die andere Bevölkerung, _excepté_[2] Imandt, noch flottierend. Die Broschüre bei Schabelitz wurde erst 11. Januar fertig. Sechs Bogen ungefähr. Er scheint aber nichts nach London schicken zu wollen, bis er die Sache glücklich nach allen Punkten in Deutschland expediert und Avis erhalten hat. –

Aus einliegendem Ausschnitt der Arbeiterrepublik (Redakteur Weitling) siehst Du das Gift dieses Schneiderkönigs und Diktator[s] der Kolonie „Communia“ über den Kölner Kommunistenprozeß und die Partei Marx und Komp.

Gestern habe ich zum erstenmal riskiert, selbst einen Artikel _englisch_ zu schreiben für Dana. Pieper spielte den Korrektor, und wenn ich nur erst eine ordentliche Grammatik angeschafft und beherzt darauf los schreibe, wird es _passablement_[3] gehen ....

Bei dem Stande der Winterernte bin ich überzeugt, daß die Krisis nun _will be become due_.[4] Solange der _staplearticle, food_, erträglich _abundant_[5] und wohlfeil blieb, zusammen mit Australien usw., konnte die Sache sich immer noch in die Länge ziehen. Jetzt wird dem ein Stop gesetzt werden. Übrigens, klingt es nicht sonderbar, wenn zum Beispiel der _Economist_ apologetisch von der jüngsten Diskontoregulation der Bank of England schreibt, ihr Zweck sei „_to prevent the _exportation of capital__“.[6] Wir wissen recht gut, was dies soll. Aber könnte man sein Freetradergewissen nicht beunruhigen durch die Frage: Willst Du die „_exportation of capital_“[7] in der Form von _cottons, yarns_ usw. ebenfalls _prevent_?[8] Warum dann in der Form _of gold_?[9] Ist das Ende der _freetrade economy_,[10] daß sie zum _mercantilism pur_[11] zurückkehrt und den _efflux and influx of gold_[12] als den _nervus rerum_ betrachtet?

In der City glaubt man allgemein an Krieg seit der letzten Rede Bonapartes. Ich habe auch einen Brief des alten Ebner aus Frankfurt erhalten, worin er von dem Schrecken spricht, den Bonapartes Hochzeitsrede auf die Seidenpuppen in Deutschland, speziell die Diplomaten in Frankfurt a. M. hervorgebracht hat. Welche Tölpel unsere Vaterländler sind, sah ich gestern unter anderem aus dem Frankfurter Journal, wo _d. d._ Heidelberg geschrieben wird: Man bedauere höheren Ortes jetzt sicher schon die Verfolgung des großen Gervinus, seit Bonaparte sich „der Demokratie“ in die Arme geworfen und ein Propagandakrieg vor der Türe stehe. Ich fürchte, Crapulinsky wird von den deutschen Bauern und Spießbürgern als „Retter und Freund“ empfangen. Diese burleske Figur scheint zur völligen Verkehrung und Ridikulisierung aller traditionellen Stellungen und Parteien berufen zu sein.

Welchen Einfluß übt ein schlechter Herbst auf einen _beginnenden_ Krieg?

Schreibe mir auch, wie es im _manufacturing departement_,[13] speziell in der Baumwolle steht.

Jones’ Blatt ist wieder in _ascendant_.[14]

Cobdens Broschüre, wie auch die _peace_[15] Konferenz in Manchester, halte ich für einen Blödsinn im gegenwärtigen Augenblick. Da seht ihr’s, sagt Palmerstons Journal, die Morning Post, diese bürgerlichen Parvenüs sind total _incapables_,[16] ein Land zu regieren, das kann nur die Aristokratie. Der Morning Herald veröffentlicht einen Brief, an ihn selbst gerichtet und, _wie er behauptet_, unter dem Diktat Bonapartes selbst geschrieben, worin dieser sagt, er würde bloß nach England kommen, wenn die _queen_ 200 000 seiner Ordnungshelden gegen die gefährlich wachsende Demokratie brauche. Diese Demokratie, sagt der Herald, sind Sie, Herr Cobden, Sie und Komp.

Über die Times habe ich folgende ganz zuverlässige Details erhalten, die Dich vielleicht interessieren:

Mr. _Walter_, _M. P._ für Nottingham, ist noch immer ihr konstitutioneller König, immer noch der _principal shareholder_ des _paper_.[17] Mr. _Mowbray Morris_ ist der _Lord of Exchequer_[18] der Times, ihr _financial_ und _political manager_,[19] – ein sehr abenteuerlicher und „_reckless_“ _fellow_.[20] Mr. _Delane_ jr. (Freund d’Israelis) ist _Secretary for the Home Office_.[21] Sein Vater ist der Editor des Morning Chronicle. Mr. _Dawson_ ist der _secretary of foreign affairs_.[22] Außerdem hat die Times _a sort of privy councils_.[23] Der bedeutendste darunter, Mr. _Lowe_, _M. P._ für Kidderminster, ein Albino mit roten Augen und weißen Haaren, soll viel Talent und besondere Kenntnis von Finanzgeschichten haben. Neben ihm Mr. _Henry Reeve_, der einen kleinen Posten im _statistical departement des Board of Trade_[24] hat, Bewunderer der Orleansstaatsmänner. Mr. _Lawson_ schreibt den _money article_,[25] sonst ohne Einfluß auf die Leitung des Ganzen.

Nach einem Briefe von Zerffi glaubt man allgemein in Paris, daß Bonaparte mit dem Sultan in der Montenegroaffäre gegen Österreich und Rußland mogelt.

_Vale faveque._

K. Marx.

[1] Druck äußerer Umstände.

[2] Ausgenommen.

[3] Leidlich.

[4] Fällig werden wird.

[5] Stapelartikel, Nahrungsmittel, [erträglich] reichlich.

[6] Die Ausfuhr von Kapital zu verhindern.

[7] Ausfuhr von Kapital.

[8] Baumwollen, Garne ... verhindern.

[9] Von Gold.

[10] Freihandelsökonomie.

[11] Reinen Merkantilismus.

[12] Abstrom und Zustrom von Gold.

[13] Fabrikationsabteilung.

[14] Aufstieg.

[15] Frieden.

[16] Unfähige Kerle.

[17] Hauptaktionär [des] Blattes.

[18] Schatzkanzler.

[19] Finanzieller [und] politischer Leiter.

[20] Rücksichtsloser Bursche.

[21] Sekretär für das Innere.

[22] Sekretär der auswärtigen Angelegenheiten.

[23] Eine Art Staatsräte.

[24] Statistische Abteilung im Gewerbe- [und Handels-]ministerium.

[25] Artikel über den Geldmarkt.

219

21. Januar 1853.

Lieber Engels!

Wenn es Dir irgend möglich, so übersetze den ganzen beigefügten Patsch und schicke ihn direkt von Manchester (indem Du meinen Namen unterzeichnest) über Liverpool oder Southampton, je nachdem der Steamer geht, an „_A. Dana, One of the Editors of the New York Tribune, New York._“[1]

Die Sache steht nämlich so:

Da das Pech die Klimax erreicht, habe ich für zehn Artikel (den beiliegenden eingerechnet) 20 Pfund Sterling auf Greeley gezogen und ihm geschrieben, der Abschreiber sei nicht ganz mit dem Abschreiben des Artikels (der daher auch von Freitag datiert werden muß) fertig geworden. Er würde ihn Dienstag abgeschickt erhalten. Ich habe ihm den Artikel zu 2 Pfund Sterling berechnet, was Dana in seinem Briefe vom 16. Dezember vorigen Jahres versprochen, bisher aber nicht gehalten hat. (Für _current letters_.[2])

Der vorliegende Artikel muß wegen der Berechnung zu 2 Pfund ganz abgeschickt werden. Das Thema mit der Herzogin von Sutherland wird in Amerika Lärm machen.

Apropos. Blind hat mich schon zweimal wegen des Buches von Herzen getreten. Du mußt es mir daher zurückschicken.

Es ist 2 Uhr nachts. Ich kann daher den Brief nicht mehr stampen[3] lassen und muß ihn unfrankiert abschicken.

Dein K. M.

[1] A. Dana, einer der Redakteure der New York Tribune, New York.

[2] Laufende Briefe.

[3] Mit einer Briefmarke – _stamp_ – versehen.

220

11. Februar 1853.

Lieber Marx!

Da haben wir nun die _grande affaire_[1] der Herren Kossuth und Mazzini. Unsere Nachrichten hier sind sehr unvollkommen, aber meiner Ansicht nach müssen wir morgen oder Montag hören, daß alles am Ende ist. Mailand ist ein sehr schönes Terrain zum Straßenkampf, wenig gerade Straßen, und diese ohne alle Verbindung, fast überall enge krumme Gassen mit hohen, massiven, steinernen Häusern, jedes eine Festung für sich, die Mauern oft 3 bis 5 Fuß und mehr dick, an Durchbrechen kaum zu denken, die Fenster des _rez-de-chaussée_[2] mit Eisengittern wie hier und da in Köln versehen (fast allgemein). Aber was hilft das alles, sie haben keine Chance. Nach 1849 hat Radetzky die Befestigungen der alten Zitadelle wieder herstellen lassen, und wenn die fertig sind, und dazu war Zeit genug, so gehört Mailand den Österreichern, solange sie die für Insurgenten ohne Militärinsurrektion uneinnehmbare Zitadelle besitzen. Daß von Bellinzona, wo die Tessiner von jeher zugunsten jeder italienischen Bewegung Massen von Lügen in die Welt schickten, keine weiteren Nachrichten da sind, spricht sehr gegen eine Ausbreitung der Insurrektion in der Umgegend.

Ich halte die ganze Geschichte für sehr _mal à propos_,[3] da ihr einziger Anlehnungspunkt, außer der Tyrannei der Österreicher _in general_,[4] doch nur der Montenegrodreck ist, wo _après tout_[5] auch die türkische „Ordnung“ über die zernogorzische homerische Barbarei siegen muß. Diese großen Diktatoren lassen sich also ganz _à la_ Seiler durch ordinäre diplomatische Staatsaktionen hereinreiten und schwören auf die welthistorische Wichtigkeit der „orientalischen Frage“! Daß sie dabei auf irgendeinen _windfall_[6] von seiten Louis Napoleons rechnen, ist klar, der wird sie aber, wenn nicht alles gegen die Erwartung geht, schön in der Patsche sitzen lassen und als Anarchisten behandeln. Außerdem ist zu vermuten, daß der Moment des Ausbruchs wie bei allen präorganisierten Aufständen weit mehr durch die lumpigsten Lokalzufälligkeiten bestimmt wurde als durch entscheidende Ereignisse.