Der Briefwechsel zwischen Friedrich Engels und Karl Marx 1844 bis 1883, Erster Band
Part 4
Soeben erhalte ich nach langem Hin- und Herschreiben von Köln aus endlich Deine Adresse und setze mich gleich hin, an Dich zu schreiben. Sowie die Nachricht von der Expulsion herkam, hielt ich es für nötig, gleich eine Subskription zu eröffnen, um die Dir dadurch verursachten Extrakosten auf uns alle kommunistisch zu repartieren. Das Ding hatte guten Fortgang, und vor drei Wochen schickte ich 50 und einige Taler an Jung, forderte auch die Düsseldorfer auf, die ebensoviel zusammengebracht haben, und habe auch in Westfalen die deshalb nötige Agitation durch Heß anstiften lassen. Hier ist die Zeichnung indes noch nicht geschlossen, der Maler Köttgen hat indes die Sache verschleppt, und so bin ich noch nicht im Besitz aller zu erwartenden Gelder. Indes wird in ein paar Tagen alles hoffentlich einkommen, und dann werde ich Dir einen Wechsel auf Brüssel schicken. Da ich übrigens nicht weiß, ob das genügen wird, um Dir Deine Einrichtung in Brüssel zustande zu bringen, so versteht es sich von selbst, daß mein Honorar für das erste englische Ding, was ich hoffentlich bald wenigstens teilweise ausbezahlt bekomme und für den Augenblick entbehren kann, da mein Alter mir pumpen muß, Dir mit dem größten Vergnügen zur Disposition steht. Die Hunde sollen wenigstens das Pläsier nicht haben, Dich durch ihre Infamie in pekuniäre Verlegenheit zu bringen. Daß man Dich gezwungen hat, die Hausmiete für die Zukunft noch zu bezahlen, ist doch die Krone der Scheußlichkeit. Ich fürchte aber, man wird Dich am Ende in Belgien auch molestieren, so daß Dir zuletzt nur England übrig bleibt.
Doch kein Wort weiter von der ganzen niederträchtigen Geschichte. Kriege wird bei Ankunft dieses schon bei Dir sein. Der Kerl ist ein famoser Agitator. Er wird Dir von Feuerbach viel erzählen. – Den Tag nach seiner Abreise von hier traf ein Brief von Feuerbach an mich ein, wir hatten dem Kerl nämlich geschrieben. Feuerbach sagt, er müsse erst den religiösen Dreck gründlich vernichtet haben, ehe er sich so mit dem Kommunismus beschäftigen könne, daß er ihn schriftstellerisch vertrete. Auch sei er in Bayern zu sehr von dem ganzen Leben abgeschlossen, als daß er dazu kommen könne. Übrigens sei er Kommunist, und es handle sich für ihn nur um das Wie der Ausführung. Womöglich kommt er diesen Sommer an den Rhein, und dann soll er auch nach Brüssel, das wollen wir ihm schon beibringen.
Hier in Elberfeld geschehen Wunderdinge. Wir haben gestern im größten Saale und ersten Gasthof der Stadt unsere dritte kommunistische Versammlung abgehalten. Die erste 40, die zweite 130, die dritte wenigstens 200 Menschen stark. Ganz Elberfeld und Barmen, von der Geldaristokratie bis zur _épicerie_[1], nur das Proletariat ausgeschlossen, war vertreten. Heß hielt einen Vortrag. Gedichte von Müller, Püttmann und Stücke aus Shelley wurden gelesen, ebenso der Artikel über die bestehenden Kommunistenkolonien im Bürgerbuch. Nachher diskutiert bis 1 Uhr. Das Ding zieht ungeheuer. Man spricht von nichts als vom Kommunismus, und jeden Tag fallen uns neue Anhänger zu. Der Wuppertaler Kommunismus ist eine _vérité_[2], ja beinahe schon eine Macht. Was das für ein günstiger Boden hier ist, davon hast Du keine Vorstellung. Das dümmste, indolenteste, philisterhafteste Volk, das sich für nichts in der Welt interessiert hat, fängt an beinahe zu schwärmen für den Kommunismus. Wie lange man dem Ding noch so zusehen wird, weiß ich nicht, aber die Polizei ist jedenfalls in der höchsten Verlegenheit, sie weiß selbst nicht, woran sie ist, und der Hauptschweinehund, der Landrat, ist gerade in Berlin. Aber wenn man’s auch verbietet, so umgehen wir das, und geht das auch nicht, so haben wir jedenfalls so ungeheuer angeregt, daß alles, was in unserem Interesse erscheint, hier furchtbar gelesen wird. Da ich nun Ostern weggehen werde, so ist es um so besser, daß Heß sich hier ansiedelt und zugleich bei Bädeker in Elberfeld eine Monatsschrift herausgibt, wovon Kriege, glaube ich, einen Prospektus hat. Ich gehe, wie ich Dir wohl schon schrieb, jedenfalls nach Bonn. Meine projektierte Reise nach Paris wird nun zu Wasser, da ich dort nichts mehr zu suchen habe, dafür aber komme ich jedenfalls nach Brüssel, um so eher, als meine Mutter und meine beiden Schwestern im Sommer nach Ostende gehen werden. Ich muß außerdem noch mal nach Bielefeld unter die dortigen Kommunisten, und wenn Feuerbach nicht kommt, so gehe ich zu ihm, und dann, wenn ich Geld und Zeit habe, auch noch einmal nach England. Du siehst, ich hab’s gut vor. Bergenroth erzählte mir ebenfalls, er werde wahrscheinlich in einigen Wochen oder so nach Brüssel kommen. Er war, nebst einigen Düsseldorfern, bei unserer zweiten Versammlung anwesend und hat mitgesprochen. Es ist übrigens doch ein ganz anderes Ding, da vor den wirklichen leibhaftigen Menschen zu stehen und ihnen direkt, sinnlich, unverhohlen zu predigen, als dies verfluchte abstrakte Schreibertum mit seinem abstrakten Publikum vor den „Augen des Geistes“ zu treiben.
Ich soll Dich nochmals in Heß’ Namen – auch in dem meinigen tue ich es – auffordern, dem Püttmann was für seine Vierteljahrsschrift zu schicken. Wir müssen durchaus gleich im ersten Hefte alle erscheinen, damit das Ding Charakter bekommt. Ohnehin kommt es ohne uns gar nicht einmal zustande. –
25. Februar. Gestern abend kam die Nachricht an, daß unsere nächste Versammlung mit Gendarmen gesprengt und die Redner verhaftet werden sollten. – 26. Februar. Gestern morgen untersagte der Oberbürgermeister der Frau Obermeyer, in ihrem Lokal solche Zusammenkünfte zu gestatten, und mir wurde gesteckt, daß, wenn trotzdem die Versammlung gehalten würde, eine Verhaftung und Klage folgen würde. Wir haben’s jetzt natürlich drangegeben und müssen erwarten, ob man uns einklagen wird, was aber kaum zu erwarten steht, da wir schlau genug waren, keine Handhabe zu bieten, und der ganze Dreck nur in einer großartigen Blamage der Regierung endigen könnte. Ohnehin waren die Staatsanwälte und das ganze Landgericht gegenwärtig, und der Oberprokurator hat selbst mitdiskutiert.
7. März. Ich bin, seitdem ich das Vorstehende schrieb, eine Woche in Bonn und Köln gewesen. Die Kölner dürfen ihre Versammlung wegen des Vereins jetzt halten. In unserer hiesigen Angelegenheit ist ein Reskript der Regierung zu Düsseldorf eingetroffen, wodurch fernere Versammlungen verboten werden. Heß und Köttgen haben protestiert. Nutzt natürlich nichts, aber die Leute werden aus der Haltung des Protestes ersehen, daß sie uns nichts anhaben können. Heß ist wieder ungeheuer sanguinisch, weil alles sonst so famos abläuft und unsere Fortschritte wirklich ungeheuer sind, der gute Kerl macht sich nur immer Illusionen. – Unser Gesellschaftsspiegel wird prächtig, der erste Bogen ist schon zensiert und alles durch. Beiträge in Masse. Heß wohnt in _Barmen_ in der „_Stadt London_“. Bergenroth wird wahrscheinlich doch sobald nicht dorthin kommen, dagegen ein anderer, den ich nicht nenne, weil dieser Brief doch wohl erbrochen wird. Wenn es irgend geht, komme ich auch noch einmal im April hinüber. Der Geldpunkt ist jetzt die Hauptsache für mich, da ich infolge der Versammlung Familientuck gehabt habe, wonach mein Alter resolviert ist, mich nur für meine „_Studia_“, nicht aber für kommunistische Zwecke irgend einer Art zu unterstützen.
Ich würde Dir noch eine Masse Zeugs schreiben, wenn ich eine sichere Adresse nach Brüssel wüßte, die Du mir jedenfalls verschaffen mußt. Viele Sachen, die hier vorgefallen, könnten vielen schaden, wenn sie in einem _cabinet noir_[3] gelesen würden. Ich bleibe nun noch vier Wochen hier und gehe anfangs April nach Bonn. Schreibe mir jedenfalls nochmals vorher, damit man weiß, wie Dir’s geht. Die Gelder sind so ziemlich zusammen, ich habe noch nicht erfahren, wieviel es ist, es soll unverzüglich abgehen. Mein Manuskript geht dieser Tage ab. – Die Kritische Kritik ist _noch immer nicht hier_! Der neue Titel: _Die heilige Familie_ wird mich wohl in Familienhäkeleien mit meinem frommen, ohnehin jetzt höchst gereizten Alten bringen, das konntest Du natürlich nicht wissen. Wie aus der Ankündigung hervorgeht, hast Du meinen Namen zuerst gesetzt, warum? Ich habe ja fast nichts daran gemacht, und Deinen Stil kennt doch jeder heraus.
Schreibe mir nun umgehend, ob Du noch Geld nötig hast. Wigand muß mir in zirka 14 Tagen was schicken, und dann hast Du nur zu disponieren. Ich fürchte, die Rückstände der Subskription werden nicht über 120 bis 150 Franken betragen.
Apropos. Wir haben hier vor, den Fourier zu übersetzen und überhaupt womöglich eine „Bibliothek der vorzüglichsten sozialistischen Schriftsteller des Auslandes“ zu geben. Fourier wäre der beste, um anzufangen. Leute zum Übersetzen sind gefunden. Heß erzählt mir soeben von einem in Frankreich herausgekommenen Wörterbuch zu Fourier, von einem beliebigen Fourieristen. Du wirst davon wissen. Gib mir doch auch hierüber sogleich Auskunft und womöglich schicke ein Exemplar per Post an mich. Empfiehl zu gleicher Zeit die Sachen der Franzosen, von denen Du glaubst, daß sie sich zum Übersetzen in der Bibliothek eignen. Aber rasch, die Sache hat Eile, da wir schon mit einem Verleger am Unterhandeln sind. Wie weit bist Du mit Deinem Buch? Ich muß jetzt an mein Manuskript. Darum lebe einstweilen wohl und schreibe über die erwähnten Punkte sogleich.
Grüße Kriege und Bürgers. Ist Bernays da?
Dein F. E.
[1] Krämertum.
[2] Wahrheit, Tatsache.
[3] Schwarzes Kabinett [für Erbrechung von Briefen].
5
Barmen, 17. März 1845.
Lieber Marx!
Gestern gab mir Heß Deinen Brief. Was die Übersetzungen betrifft, so ist das Ganze noch gar nicht organisiert. In Bonn wollte ich den Fourier von einigen dortigen Leuten unter meinen Augen und meiner Leitung übersetzen lassen, natürlich den kosmogonischen Unsinn weglassen, und wenn der Verleger einverstanden wäre, das Ding als erste Sektion einer solchen Bibliothek herausgeben. Ich sprach gelegentlich mit B[utz], dem Verleger des Gesellschaftsspiegels, darüber, und er schien nicht übel Lust dazu zu haben, obgleich er zu einer _größeren_ Bibliothek nicht die Fonds hat. Geben wir aber das Ding in dieser Gestalt, so wird es allerdings besser sein, es Leske oder sonst jemand zu geben, der auch was dranwenden kann. Die Sachen _selbst_ zu übersetzen, habe ich für den Sommer durchaus keine Zeit, da ich die englischen Sachen abschließen muß. Das erste Ding ist diese Woche an Wigand abgegangen, und da ich mit ihm stipuliert habe, daß er mir 100 Taler bei Empfang des Manuskriptes auszahlen soll, so denke ich in 8 bis 12 Tagen Geld zu bekommen und Dir schicken zu können. Einstweilen liegen 122,22 Franken per 16. März auf Bons.
Hierbei den Rest der Subskriptionen; wenn die Sache nicht durch die Elberfelder so scheußlich verschleppt worden wäre, die von ihren _amis-bourgeois_[1] noch wenigstens 20 Taler hätten zusammentreiben können, so wäre es eher und mehr gekommen.
Um auf die Bibliothek zurückzukommen, so weiß ich nicht, ob die _historische_ Reihenfolge der Sachen die beste sein würde. Da Franzosen und Engländer doch abwechseln müßten, so würde der Zusammenhang der Entwicklung doch fortwährend unterbrochen werden. Ohnehin glaube ich, daß es besser wäre, hierbei das _theoretische_ Interesse der praktischen Wirksamkeit aufzuopfern und mit den Sachen anzufangen, die den Deutschen am meisten Stoff geben und unseren Prinzipien am nächsten stehen; also die besten Sachen von Fourier, Owen, den Saint-Simonisten usw. – Morelly könnte auch ziemlich vornehin kommen. Die historische Entwicklung könnte man ganz kurz in der Einleitung zum Ganzen geben, und so würde sich auch bei einer solchen Anordnung jeder leicht zurechtfinden. Die Einleitung könnten wir zusammen machen – Du Frankreich, ich England nehmen –, vielleicht ginge das schon, wenn ich, wie ich vorhabe, in drei Wochen herüberkomme – wenigstens könnten wir das Ding besprechen –, jedenfalls scheint mir aber durchaus nötig, gleich von vornherein mit Sachen anzufangen, die von praktischer, einschlagender Wirkung auf die Deutschen sind und uns ersparen, das noch einmal zu sagen, was andere vor uns gesagt haben. Wenn wir eine Quellensammlung zur Geschichte des Sozialismus oder vielmehr die Geschichte in und durch die Quellen geben wollten, so würden wir mit dem Ding, fürchte ich, in langer Zeit nicht fertig und obendrein langweilig werden. Deshalb bin ich dafür, daß wir nur solche Sachen geben, deren positiver Inhalt wenigstens zum größten Teil heute noch zu brauchen ist. Godwins _Political Justice_[2] würde, als Kritik der Politik vom politischen und bürgerlich-gesellschaftlichen Standpunkt, trotz der vielen famosen Sachen, in denen Godwin an den Kommunismus anstreift, wegfallen, da Du doch die _vollständige_ Kritik der Politik geben wirst. Um so eher, als Godwin am _Ende_ seiner Schrift zum Resultat kommt, der Mensch habe sich möglichst von der Gesellschaft zu emanzipieren und sie nur als einen Luxusartikel zu gebrauchen (_Political Justice_, II, Buch 8, Anhang zu Kapitel 8) und überhaupt in seinen Resultaten so entschieden anti_sozial_ ist. Ich habe übrigens das Buch vor sehr langer Zeit, wo ich noch arg im unklaren war, exzerpiert und muß es jedenfalls noch einmal durchnehmen, deswegen ist es leicht möglich, daß mehr in dem Ding steckt, als ich damals darin fand. Nehmen wir aber Godwin, so dürfen wir sein Supplement Bentham auch nicht fehlen lassen, obwohl der Kerl arg langweilig und theoretisch ist. – Schreibe mir hierüber, und dann wollen wir weiter sehen, was zu machen ist. Da diese Idee uns beiden gekommen ist, so muß sie jedenfalls durchgeführt werden – ich meine die Bibliothek. Heß wird sich gewiß mit Vergnügen dabei beteiligen und ich desgleichen, sobald ich irgendwie Zeit habe – Heß hat sie, da er augenblicklich außer der Redaktion des Gesellschaftsspiegels nichts im Schilde führt. – Sind wir über die Grundlage einverstanden, so können wir bei meiner Dorthinkunft, die ich wegen dieser Sache noch mehr betreiben werde, die Sache vollständig ins reine bringen und gleich ans Werk gehen. –
Die Kritische Kritik – ich glaube, ich schrieb Dir schon, daß sie angekommen ist – ist ganz famos. Deine Auseinandersetzungen über Judenfrage, Geschichte des Materialismus und _mystères_[3] sind prächtig und werden von ausgezeichneter Wirkung sein. Aber bei alledem ist das Ding zu groß. Die souveräne Verachtung, mit der wir beide gegen die Literatur-Zeitung auftreten, bildet einen argen Gegensatz gegen die 22 Bogen, die wir ihr dedizieren. Dazu wird doch das meiste von der Kritik der Spekulation und des abstrakten Wesens überhaupt dem größeren Publikum unverständlich bleiben und auch nicht allgemein interessieren. Sonst aber ist das ganze Buch prächtig geschrieben und zum Kranklachen. Die Bauers werden kein Wort sagen können. Bürgers kann übrigens, wenn er’s im Püttmannschen ersten Heft anzeigt, gelegentlich den Grund erwähnen, aus welchem ich nur wenig und nur das, was ohne tieferes Eingehen auf die Sache geschrieben werden konnte, bearbeitet habe – meine zehntägige kurze Anwesenheit in Paris. Es sieht ohnehin komisch aus, daß ich vielleicht anderthalb Bogen und Du über zwanzig drin hast. Das über die „Hurenverhältnisse“ hättest du besser gestrichen. Es ist zu wenig und zu total unbedeutend.
Es ist merkwürdig, wie ich außer mit der Bibliothek noch in einem anderen Plane mit Dir zusammengekommen bin. Auch ich wollte für Püttmann eine Kritik Lists schreiben – glücklicherweise erfuhr ich durch Püttmann Deine Absicht früh genug. Da ich den List übrigens _praktisch_ fassen wollte, die _praktischen_ Folgen seines Systems entwickeln, so werde ich eine meiner Elberfelder Reden (die Verhandlungen werden im Püttmannschen Ding gedruckt), worin ich dies unter anderem in kurzem tat, etwas weiter ausarbeiten – ich vermute ohnehin nach dem Bürgersschen Brief an Heß und nach Deiner Persönlichkeit, daß Du Dich mehr auf seine _Voraussetzungen_ als auf seine Konsequenzen einlassen wirst.
Ich lebe Dir jetzt ein wahres Hundeleben. Durch die Versammlungsgeschichten und die „Liederlichkeit“ mehrerer unserer hiesigen Kommunisten, mit denen ich natürlich umgehe, ist der ganze religiöse Fanatismus meines Alten wieder erweckt, durch meine Erklärung, den Schacher definitiv dranzugeben, gesteigert – und durch mein offenes Auftreten als Kommunist hat sich nebenbei noch ein glänzender Bourgeoisfanatismus in ihm entwickelt. Jetzt denke Dir meine Stellung. Ich mag, da ich in vierzehn Tagen oder so weggehe, keinen Krakeel anfangen; ich lasse alles über mich ergehen, das sind sie nicht gewohnt und so wächst ihnen der Mut .... Wär’s nicht um meiner Mutter willen, die einen schönen menschlichen Fonds und nur meinem Vater gegenüber gar keine Selbständigkeit hat, und die ich wirklich liebe, so würde es mir keinen Augenblick einfallen, meinem fanatischen und despotischen Alten auch nur die elendeste Konzession zu machen. Aber so grämt sich meine Mutter ohnehin jeden Augenblick krank und hat gleich jedesmal, wenn sie sich speziell über mich ärgert, acht Tage Kopfschmerzen – es ist nicht mehr auszuhalten, ich muß fort und weiß kaum, wie ich die paar Wochen, die ich hier bin, noch aushalten soll. Doch das wird auch schon gehen.
Im übrigen ist hier nichts Neues. Die Bourgeoisie politisiert und geht in die Kirche, das Proletariat tut, wir wissen nicht was, und können’s kaum wissen. Die Adresse, an die Euer letzter Brief abging, ist einstweilen noch sicher. Heute abend hoffe ich das Geld zu bekommen – eben versichert mir Köttgen, daß er, sobald er etwas mehr Zeit hat – in ein paar Tagen – noch etwas wird auftreiben können. Ich traue dem Ding aber nicht recht, der Köttgen ist bei der Hand, wo er sich hervortun kann, aber sonst taugt er und tut er nichts. Addio!
Dein E.
[1] Bourgeois-Freunden
[2] Politische Gerechtigkeit.
[3] Geheimnisse [bezieht sich auf die Kritik von Sues „Die Geheimnisse von Paris“].
1846
6
Cercle Valois, Palais Royal, 19. August 1846.
Lieber Marx!
Freitag abend nach einer strapaziösen Reise und viel Langeweile hier endlich angekommen. Ewerbeck gleich getroffen. Der Junge ist sehr fidel, vollständig traktabel, empfänglicher wie je, kurz, ich hoffe mit ihm in allen Dingen – mit einiger Geduld – ganz gut herumzukommen. Von Jammer über Parteistreitigkeiten ist keine Rede mehr – aus dem einfachen Grunde, weil er selbst in die Notwendigkeit versetzt ist, hier einige Weitlingianer herauszubugsieren. Was er mit Grün eigentlich gehabt hat, wodurch der Bruch mit ihm eintrat, darüber ist bis jetzt wenig verlautet; gewiß ist, daß ihn Grün durch ein abwechselnd kriechendes, abwechselnd hochfahrendes Betragen in einer gewissen respektvollen Zuneigung erhielt. Ewerbeck ist über Heß vollständig im klaren, _il n’a pas la moindre sympathie pour cet homme-la_![1] Er hatte ohnehin noch so einen alten Privathaß gegen ihn von der Zeit her, da sie zusammenwohnten. Ewerbeck hat übrigens den Proudhon vor Grün gewarnt. Grün ist wieder hier, wohnt hinten auf dem Ménilmontant und schmiert die scheußlichsten Artikel in die Triersche. Mäurer hat dem Cabet die bezüglichen Stellen aus dem Grünschen Buche übersetzt, Du kannst Dir Cabets Wut denken. Auch beim National ist er außer allem Kredit.
Bei Cabet war ich. Der alte Knabe war recht kordial, ich ging auf all seinen Kram ein, erzählte ihm von Gott und dem Teufel usw. Ich werde öfter hingehen. Aber mit der Korrespondenz müssen wir ihm vom Halse bleiben. Er hat erstens genug zu tun und ist zweitens zu mißtrauisch. _Il y verrait un piège_,[2] um seinen Namen zu mißbrauchen.
Ich habe in den Epigonen „Das Wesen der Religion“ von Feuerbach etwas durchgeblättert. Abgesehen von einigen netten Aperçus ist das Ding ganz im alten Stiefel. Anfangs, wo er sich rein auf die Naturreligion beschränkt, ist er schon gezwungen, sich mehr auf empirischem Boden zu verhalten, aber später wird’s kunterbunt. Wieder lauter Wesen, Mensch usw. Ich werde es genau lesen und Dir in kürzester Frist die Hauptstellen, wenn sie interessant sind, exzerpieren, damit Du es für den Feuerbach noch gebrauchen kannst. Einstweilen nur zwei Sätze. Das Ganze – zirka sechzig Seiten – beginnt mit folgender, vom menschlichen Wesen unterschiedenen Definition der Natur: „Das vom menschlichen Wesen _oder Gott_(!!), dessen Darstellung das ‚Wesen des Christentums‘ ist, unterschieden als unabhängige Wesen (1), das Wesen _ohne_ menschliches Wesen (2), menschliche Eigenschaften (3), menschliche Individualität (4), _ist_ *in Wahrheit nichts anderes* als – die Natur.“ Dies ist doch das Meisterstück einer mit Donnerton ausposaunten Tautologie. Dazu kommt aber noch, daß er das religiöse, vorgestellte _Phantom_ der Natur an diesem Satz vollständig hinten und vorn mit der wirklichen Natur identifiziert. _Comme toujours._[3] – Ferner, etwas weiter. „Religion ist die Beherzigung und Bekennung dessen, was ich bin(!) ... Die Abhängigkeit von der Natur sich zum Bewußtsein erheben, sie sich vorstellen, beherzigen, bekennen, heißt _sich zur Religion erheben_.“
Der Minister Dumon wurde dieser Tage im Hemde bei der Frau eines Präsidenten ertappt. Der „Corsaire“ erzählt: Eine Dame, die bei Guizot suppliziert hatte, sagte, es ist schade, daß ein so ausgezeichneter Mann wie Guizot, _est toujours si sévère et boutonné jusqu’au cou_[4]. Die Frau eines _employé_ der _Travaux publics_[5] sagt: _On ne peut pas dire cela de M. Dumon, on trouve généralement qu’il est un peu trop déboutonné pour un ministre._[6] –
_Quelques heures après_,[7] nachdem ich dem Weilchen zu Gefallen umsonst ins Café Kardinal geloffen – das Weilchen ist etwas traurig, weil ihm die _Démocratie pacifique_[8] seine Honorare, zirka 1000 Franken, nicht zahlt; es scheint eine Art _great crisis and stopping of cash payments_[9] bei ihr eingetreten zu sein, und Weilchen ist zu sehr Jude, um sich mit Banknoten auf das erste Phalanstère der Zukunft abfertigen zu lassen. Übrigens werden die Herren Fourieristen alle Tage langweiliger. Die Phalange enthält nichts als Unsinn. Die Mitteilungen aus Fouriers Nachlaß beschränken sich alle auf das _mouvement aromal_[10] und die Begattung der Planeten, die _plus ou moins_[11] von hinten zu geschehen scheint. Aus der Begattung des Saturn und Uranus entstehen die Mistkäfer, welche jedenfalls die Fourieristen selber sind – der Hauptmistkäfer aber ist der Herr Hugh Doherty, der Irländer, der eigentlich noch nicht einmal Mistkäfer, sondern erst Mistengerling, Mistlarve ist – das arme Tier wälzt sich schon zum zehnten Male (_10^me article_[12]) in der _question religieuse_[13] herum und hat noch immer nicht heraus, wie er mit Anstand sein _exit_[14] machen kann.
Bernays habe ich noch nicht gesehen. Wie Ewerbeck aber sagt, ist es so gar arg mit ihm nicht und sein größtes Leiden die Langeweile. Der Mann soll sehr robust und gesund geworden sein, seine Hauptbeschäftigung, die Gärtnerei, scheint in Beziehung auf seinen Kadaverzustand den Sieg über seinen Kummer davongetragen zu haben. Auch hält er, _dit-on_,[15] die Ziegen bei den Hörnern, wenn seine –? Gattin? –, die nur zwischen zwei Fragezeichen zu denken ist, sie melkt. Der arme Teufel fühlt sich in seiner Umgebung natürlich unbehaglich, er sieht außer Ewerbeck, der wöchentlich hinauskommt, keine Seele, läuft in einer Bauernjacke herum, geht nie aus dem Sarcelles, das das elendeste Dorf der Welt ist und nicht einmal ein Kabarett hat, heraus, kurz, er ennuyiert sich zum Sterben. Wir müssen sehen, daß wir ihn wieder nach Paris kriegen, dann ist er in vier Wochen wieder der alte. Da der Börnstein in seiner Qualität als Mouchard nicht wissen soll, daß ich hier bin, so haben wir dem Bernays erst geschrieben wegen eines Rendezvous in Montmorency oder sonst in der Nähe, nachher schleifen wir ihn nach Paris und wenden ein paar Franken daran, ihn einmal tüchtig aufzuheitern. Dann wird er schon anders werden. Übrigens laß ihn nicht merken, daß ich Dir so über ihn geschrieben habe, in seiner überspannten romantischen Stimmung könnte der gute Junge sich moralisch verletzt fühlen ....