Der Briefwechsel zwischen Friedrich Engels und Karl Marx 1844 bis 1883, Erster Band
Part 38
Du wirst aus meinen Briefen ersehen haben, daß ich die Erbärmlichkeiten wie gewöhnlich, wenn ich selbst darin stecke und nur nicht von weitem davon höre, mit großer Indifferenz durchwate. Indes _que faire_?[3] Mein Haus ist ein Lazarett, und die Krise wird so störend, daß sie mich zwingt, ihr meine allerhöchste Aufmerksamkeit zu schenken. _Que faire?_
Unterdessen ist Herr Goegg wieder auf der Lustfahrt nach Amerika, _steamer first class_.[4] Herr Proudhon hat einige 100 000 Franken für seinen Anti-Napoleon eingesteckt und Vater Massol ist so großmütig, mir das _miner_, _fouiller_[5] usw. zu überlassen. _Je le remercie bien._[6]
Dein K. M.
[1] Für den König von Preußen [das heißt umsonst].
[2] Gemüsehändler.
[3] Was tun?
[4] Per Dampfer in der ersten Klasse.
[5] Unterwühlen, durchwühlen usw.
[6] Ich danke ihm bestens.
188
28 Deanstreet, 9. September 1852.
Lieber Engels!
Die 4 Pfund Sperlinge erhalten. Ich habe an meine Alte wieder geschrieben und denke, daß das wenigstens etwas helfen wird.
Außerdem habe ich heute noch einen Versuch gemacht, von dem ich hoffe, daß er endlich doch glücken wird, um das Geld auf Dana zu erhalten, denn es ist mir brennend auf den Nägeln, _et je n’ai pas à perdre du temps_.[1]
Eben war der Doktor da und hat für die ganze _family_, _excepté moi_,[2] Rezepte verschrieben. Mit meiner Frau geht es besser, am schlechtesten mit Laurachen. –
Anliegend ein Memoire von Paris, das dort einem Freund von mir in die Hand gefallen, der es mir abschriftlich zugeschickt und das ich wieder für das Manchester Archiv abgeschrieben.
Dein K. M.
[1] Und ich habe keine Zeit zu verlieren.
[2] Familie, ich ausgenommen.
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14. September 1852.
Lieber Marx!
Der Pieper hat mir geschrieben und _umgehende_ Rücksendung der korrigierten Übersetzung gewünscht. _Cela me convenait bien_,[1] ich hatte Leibschmerzen und war zu aller Arbeit untauglich. Sage ihm, wenn er auf seine Briefe Antwort von mir haben will, so soll er wenigstens seine Adresse dabei schreiben; Pieper, Esq., ist in London so bekannt nicht, selbst seitdem er Kommis _à_ 25 Schilling die Woche ist. Im übrigen soll er nur mit der Übersetzung fortfahren, sich aber etwas mehr Mühe geben oder, wenn das nicht geht, wenigstens bei schweren Stellen Platz lassen, ich will sie dann ausfüllen, das ist immer besser, als Blödsinn [wie Pieper] aus Leichtsinn machen. Er schrieb mir übrigens bloß unter dem Vorwand, nicht zu wissen, ob ich ihn überhaupt für kapabel halte, das Ding zu machen. Er soll ein ausführliches Register über die Hauptfehler mit Glossen haben. – Heute und morgen abend denke ich das Ding fertig zu machen, da ich besser bin.
Im übrigen schrieb er mir getreulichst als Echo alles, was er in Deinem Hause gehört hatte, und was ich natürlich schon wußte. –
Hoffentlich ist Dir die Diskontierungsgeschichte endlich gelungen und geht es in Deinem Hause etwas besser. Ich sinne jetzt auf einen neuen Plan, einige Pfund zu sparen; wenn er gelingt, denke ich bis Anfang nächsten Monats – also in zirka 14 bis 16 Tagen – Dir wieder etwas schicken zu können. Es hängt teilweise davon ab, ob mein Schwager hierherkommt und wann.
Inliegend zwei Wische von Weydemeyer, Du kannst mir das Lithographierte gelegentlich fürs Archiv zurückschicken. Das _Mémoire_[2] von Häfner ist interessant, aber offenbar für uns geschrieben – _c’est une pétition_.[3]
Grüße Deine Frau und Kinder bestens.
Dein F. E.
Du wirst mit Vergnügen sehen, daß Heinzen auf dem letzten Loche pfeift.
[1] Das paßte mir sehr.
[2] Denkschrift.
[3] Es ist eine Bittschrift.
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28 Deanstreet, London, 18. September 1852.
Lieber Engels!
Wenn Du noch einige Tage mit dem Rücksenden der Übersetzung zögerst, so ist die Möglichkeit, sie unterzubringen, aber auch total klatsch. Die Beschäftigung mit Bonaparte hatte wieder ihren Klimax und fängt jetzt, wie alles in London, an, von neuen Thematen verdrängt zu werden.
Das Diskontogeschäft, nach dem mich ein Citylümmel, _nommé_[1] Pönisch, acht Tage an der Nase herumgezogen, ist nichts. Ich habe daher gestern an Dana geschrieben. Ich habe ihm zugleich gesagt, daß _on Germany_[2] nur noch zwei Artikel kommen, 19 und 20. Sobald Du mir 19 geschickt, werde ich meine Ansichten über 20, den Schluß und weiteres schreiben. In ein paar Tagen wird auch die Zollvereinsgeschichte entschieden sein, ohne die 20 nicht abzuschließen ist.
Meine Frau ist körperlich mehr herunter als je, das heißt reine Schwäche. Seit drei Tagen trinkt sie auf Befehl des Doktors alle Stunden einen Löffel Brandy. Übrigens ist es insoweit besser, als sie seit heute wenigstens wieder auf ist. Sie lag acht Tage. Laurachen ist Rekonvaleszent, die anderen _all right_. Ausführlich schreiben kann ich erst nächste Woche. Diese ist mit verfehlten Geschäftsläufereien und sehr eklichem Krakeel _cum creditoribus_[3] hingegangen.
Dein K. M.
Mit meinem Briefe nächste Woche schicke ich auch die Aktenstücke zurück. Schicke mir die Briefe Massol wieder.
[1] Namens.
[2] Über Deutschland.
[3] Mit den Gläubigern.
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20. September 1852.
Lieber Marx!
Ich wußte nicht, daß Du mit der Übersetzung so pressiert bist, ich ließ die Sache etwas hingehen, weil ich, wie gesagt, nicht wohl war und dann, weil Pieper so sehr zudrängte, um ihn etwas zu ärgern. Ich gab mich indes gleich gestern dran, und wäre auch fertig geworden, wäre nicht gegen 2 Uhr mittags der ältliche Herr Schily in mein Zimmer getreten, der in Liverpool mit einem angeblichen Sodapatent eine Fabrik anlegen will, die 400 bis 500 Prozent reinen Gewinn bringen soll und je nach Umständen 4-1/2 Millionen Taler pro Jahr abwerfen kann. Diesen abenteuerlichen Plan wollte er mit mir durchsprechen – er war drauf und dran, sich mit einigen Tausend Talern, die ihm sein Bruder verschaffen will, in diesen Schwindel einzulassen. –
Ich hatte natürlich die Verpflichtung, den edlen Schily bekneipt zu machen – _il n’y avait pas moyen à y échapper_.[1] Als er etwas bekneipt wurde und ich mit einem dritten Deutschen, Vetter von Charles, debattierte, schrie er in einem fort, obwohl sehr gutmütig: Glauben Sie das ja nicht, der Engels glaubt an nix, an gar nix glaubt der Engels, die Kerls von der Neuen Rheinischen Zeitung glauben alle nix, kein Mensch kann aus ihnen klug werden. Gar nix glaubt der Engels! Ich sagte ihm natürlich, die Kerls von der Neuen Rheinischen Zeitung fänden dagegen nicht die geringste Schwierigkeit, aus seinesgleichen sofort klug zu werden. Heute morgen ist der Brave unter biederem Händedruck wieder nach Liverpool gesegelt, und heute abend wird die Übersetzung fertig gemacht. Die Sache hält mich aber furchtbar auf, da ich alle etwas schwierigen Stellen ohne Ausnahme neu übersetzen muß – Pieper hilft sich da jedesmal durch buchstäbliche Übersetzung, wobei reiner Unsinn entsteht. Einzelne Stellen sind übrigens fast unmöglich zu übersetzen.
Ich will indes alles aufbieten, heute abend fertig zu werden, so daß Du sie morgen erhältst.
Dein F. E.
Wenn irgend möglich schicke ich Dir dieser Tage noch ein Pfund.
[1] Dem war nicht zu entgehen.
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28 Deanstreet, 23. September 1852.
Lieber Engels!
Erhalten 1 Pfund und die verbesserte Übersetzung. Mit letzterer hast Du Dir zu viel Mühe gegeben. Wenn die Sache geht (der Erfolg wird von dieser Nr. 5 abhängen), so mußt Du es leichter nehmen: ich meine, Redeblumen und Geschichten, die nicht nötig sind, laufen lassen, wenn sie schwierig zu übersetzen.
_Weerth_ ist hier seit Sonntag. Er wird Sonnabend nach Manchester abgehen und dort drei bis vier Wochen bleiben, dann nach Westindien usw. verschwinden.
Einliegend:
1. Brief von Cluß.
2. Zwei Auszüge aus den von der Karlsruher Zeitung zuerst publizierten, dann von der Augsburger Allgemeinen Zeitung usw. abgedruckten Enthüllungen über die Emigration, für den Fall, daß Du nicht selbst die Sachen gesehen hast.
Dr. Piali (in Paris) schreibt mir unter anderem: „Kossuth will im Oktober losschlagen. Kiß hat Kossuth von hier aus allerlei Zusicherungen gemacht, die vielleicht in das Fabelreich gehören, doch bei der Fabelhaftigkeit der hiesigen Zustände auch möglich sind. Kossuth soll von Bonaparte ein eigenhändiges Schreiben erhalten haben, nach Paris zu kommen. Dieses Schreiben soll in wortgetreuer Kopie in allen ungarischen Komitaten zirkulieren. Alles ist in Ungarn auf einen Gewaltschlag von Kossuth vorbereitet. Selbst k. k. Beamte sind mit in dem großen Komplott ....“
Was die Kossuthgeschichte angeht, so ist es wohl möglich, daß Bonaparte ihm Fallen stellt, um sich bei Österreich beliebt zu machen.
Der acht Mann starke Volksverein (aus dem Ruge nach dem Weydemeyerschen Brief an Dich mit bekannter Virtuosität drei Ausschüsse gebildet hat) zieht jetzt (unter anderem Ronge und Tralles) in der City herum, unter dem Vorwand, zugleich eine „freie Gemeinde“ zu stiften. Was Teufel hat der Deutsch-Katholik Ronge mit „freien Gemeinden“ zu schaffen?
Was sagst Du zu den Ovationen, die Bonaparte in den Provinzen erhält? Die Franzosen blamieren sich doch schmählich .... Der Zollverein scheint mir seinem sicheren Untergang nahe zu sein. Das österreichische Bankerutt weiß immer noch fertig zu werden mit der preußischen Prosperität.
Dana hat, wie ich gesehen, den Artikel genommen. Die Staatszeitung (New York) bringt schon einen deutschen Auszug daraus.
Den 4. Oktober sollen also jetzt unsere „Leut“ vorkommen. Bürgers gesteht alles, wenigstens soweit es ihn betrifft. Seinem Beruf gemäß wird er sich „prinzipiell“ verteidigen. Während der Untersuchung hat er ein 30 Bogen langes Memorandum über das „Wesen des Kommunismus“ zu Protokoll gegeben. _Hony soit qui mal y pense._[1] Daniels soll sich ziemlich wohl befinden. Der Ankläger wird beginnen von den St.-Simonisten an; Advokat Schneider, um ihn zu schlagen, beginnt von Babeuf. Man wird von Glück sagen können, wenn keiner zurückgeht auf die Inkas oder Lykurg. –
_Ad vocem_ Jones. Obgleich ich mich persönlich seiner nicht zu beloben habe, habe ich – er überrannte mich wieder, da _il y avait crise_[2] – ihm beigestanden, wie unser ganzes Korps in der letzten Woche. Die anderen Kerls hatten zwei bis drei Meetings zusammenberufen, wo beschlossen werden sollte „_that this meeting is of opinion, that no confidence can be placed in the success of any democratic movement which Mr. Ernest Jones is connected therewith_“.[3] Sie _have been beaten_,[4] und das gehörig. Die Esel suchten ihn erst durch Geldlumpereien zu blamieren. Damit mißglückten sie. Dann griffen sie ihn an, daß Gegner zu (?) ihm halten, weil er „__unfriendly_ feelings amongst the different classes_“[5] heraufagitiere. Nämlich Harney-Holyoake, Hunt vom „Leader“, Newton (der Kooperative) _et tutti quanti_[6] haben sich verbündet zur Stiftung einer „National Party“. Diese National Party will _general suffrage, but not Chartism_.[7] Alter Witz. Aber vor Eröffnung ihres Feldzugs sollte Jones _be crushed_.[8] Sie haben sich _rather_[9] verrechnet. Er hat sein Blatt um 1 Penny erhöht, ohne einen Abonnenten zu verlieren.
Dein K. M.
[1] Hundsfott, wer schlecht darüber denkt.
[2] Eine Krise vorlag.
[3] Daß diese Versammlung der Meinung ist, daß in den Erfolg keiner demokratischen Bewegung, mit der Mr. Jones verbunden ist, Vertrauen gesetzt werden kann.
[4] Sind geschlagen worden.
[5] Unfreundliche Gefühle zwischen verschiedenen Klassen.
[6] Und alle gleicher Art.
[7] Allgemeines Stimmrecht, aber nicht den Chartismus.
[8] Zermalmt werden.
[9] Ziemlich.
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24. September 1852.
Lieber Marx!
Inliegend das Kuvert Deines heute erhaltenen Briefes zurück, mit dem ein, übrigens mißlungener Erbrechungsversuch gemacht worden zu sein scheint.
Die Übersetzung und der Massolsche Brief gingen gestern abend per zweite Post ab.
Sehr nett ist die Schilderung von Cluß über den Empfang Kinkels usw. bei den Deutsch-Yankees, die Kerls sind in den Alleghanies akkurat dieselben wie im Schwarzwald und im Taunus.
Die Crapauds machen sich gut. Die Arbeiter scheinen _après tout_[1] über der momentanen _prosperity_ und der Aussicht auf die _gloire de l’empire_[2] rein verbürgerlicht zu sein. Es wird eine harte Züchtigung durch Krisen bedürfen, wenn sie _bald_ wieder zu etwas kapabel werden sollen. Wird die nächste Krise gelind, so kann Bonaparte sich durchschiffen. Aber sie sieht aus, als wollte sie verflucht ernsthaft werden. Keine Krise schlimmer, als wo die Überspekulation sich in der Produktion langsam entwickelt und daher soviel Jahre zur Entwicklung ihrer Resultate gebraucht, wie im Produkten- und Effektenhandel Monate. Und mit dem alten Wellington ist nicht nur der _common sense_[3] von Altengland, Old England selbst in seinem einzigen überlebenden Repräsentant begraben. Was bleibt, sind _sporting characters_[4] ohne _suite_[5] wie Derby und jüdische Schwindler wie D’Israeli – die gerade solche Karikaturen der alten Tories sind, wie Monsieur Bonaparte von seinem Onkel. Es wird hier schön werden, wenn die Krise kommt, und es ist nur zu wünschen, daß sie sich noch etwas hinzieht, um ein ebenso chronischer Zustand mit akuten Episoden zu werden wie 1837/42. In einer Emeute übrigens war der alte Wellington, nach allem, was man von ihm weiß, ein ganz formidabler Militärchef – der Kerl ochste alles, studierte alle militärischen Schriften mit großem Eifer und kannte die Sache ganz gut. Er hätte auch nicht vor extremen Mitteln geschaudert.
Der Kölner Prozeß wird schrecklich ennuyant werden nach Deinen Mitteilungen. Der unglückliche Heinrich mit seiner prinzipiellen Verteidigung! Er wird die Verlesung seiner dreißig Bogen verlangen, und wenn sie ihm bewilligt wird, ist er _perdu_.[6] Die Jury verzeiht ihm nie, daß er sie so gelangweilt. Übrigens hat das öffentliche Ministerium Pech. Haupt ist also nach Brasilien, der anonyme Schneidergesell war damals auch verschwunden und wird schwerlich wieder erschienen sein, und jetzt muß ihm gar der Polizeirat verrecken, wegen dessen Krankheit im Juli die Geschichte vertagt wurde. Aber was wird so viel Glück wert sein, wenn Heinrich die Sache vom philosophischen Standpunkt aus beleuchtet! – –
Dein F. E.
[1] Nach alledem.
[2] Ruhm des Kaiserreichs.
[3] Gesunder Menschenverstand.
[4] Dilettanten.
[5] Gefolge.
[6] Verloren.
194
28 Deanstreet, London, 28. September 1852.
Lieber Engels!
Du hast längere Zeit keinen Brief von mir erhalten. Hauptsache ist Weerth, der die Abende, die ich sonst mit Schreiben zubringe, _plus ou moins_[1] mit Beschlag belegte. Und zwar zu meiner nicht übergroßen Freude. Du weißt, daß ich Weerth sehr gern habe, _mais_[2] es ist peinlich, wenn man bis an den Hals im Drecke sitzt, sich einen so feinen Gentleman gegenüber zu haben, _auquel il faut cacher les parties trop honteuses_.[3] Solch ein Verhältnis bringt doppelte _gêne_[4] hervor, und ich hoffe, daß er morgen nach Manchester abreist und mich, wenn er wiederkommt, in Verhältnissen findet, wo ich wieder _franchement_[5] mit ihm verkehren kann. Ich denke übrigens, daß er, abgesehen den leidenden Zustand meiner Frau, mir nicht tiefer in die Karten gesehen hat.
Einliegend der Auszug eines Briefes von Barthélemy an Willich. B. hat diesen Brief einem Franzosen, namens Durand, zur Besorgung an Willich mitgegeben .... _Que penses-tu de ce_[6] braven Barthélemy, „_auquel il est impossible de se résigner à laisser Bonaparte jouir paisiblement de son triomphe_“?[7] Zittre Byzantium! Was den angeblichen Brief von Blanqui betrifft, so scheint mir dieses eine melodramatische Lüge des düstern Barthélemy. Denn was meldet er von Blanqui? Daß die Lage der _prisonniers de Belle Isle est _bien triste__.[8] Wenn Blanqui ihm weiter nichts zu enthüllen hatte, täte er jedenfalls besser, seine _libri tristium_[9] für sich zu behalten. Übrigens geht aus dem ganzen Briefe des B. hervor, daß er vollständig von der französischen Emigration und von den Gesellschaften in Frankreich getrennt ist.
Damit Du Dich „ein bißchen auf den welthistorischen Standpunkt stellen“ kannst, schicke ich Dir einliegend Augsburger Allgemeinen Artikel von dem Spion Mayr, der hier in London sogar von den Busenfreunden Willich und Schapper zum „Haus hinausgeschmissen“ wurde.
Ich habe Dir doch schon geschrieben, daß Herzen hier ist und gegen Herwegh Memoires umherschickt ....
An einem Artikel oder selbst bloß zum Entwurf für den deutschen Schlußartikel konnte ich noch nicht arbeiten. Das Hin- und Herschreiben und Familiengeschichten absorbierten mich so sehr, daß ich seit drei Wochen nicht auf der Bibliothek war, was ich zugleich tat, um meine Frau während dieser ihr so fatalen Zeit aufrecht zu erhalten.
Apropos! Es ist _positiv_, daß die Konspiration der Orleanisten täglich an Aktivität, Umfang und Chancen zunimmt. Die Herren haben sich koalisiert mit Cavaignac, Charras, Lamoricière, Bedeau. Unter den _aides de camp de L. Bonaparte_[10] sind drei gekauft, das heißt bedeutende Summen für sie sind deponiert auf der Bank of England. Mit den reinen Republikanern ist folgender Kontrakt geschlossen. _Erstens_: Bildung einer provisorischen Regierung, nur aus _Generalen_ bestehend. _Zweitens_: Cavaignac erhält Marseille, Lamoricière Lyon, Charras Paris, Bedeau Straßburg als Garantie. _Drittens_: Das Volk wird aufgefordert von der provisorischen Regierung, in seinen Urwahlen zu entscheiden, ob es die Konstitution von 1830 will mit der Dynastie Orleans oder die Konstitution von 1848 mit einem Präsidenten. Im letzteren Falle wird sich Joinville als Kandidat präsentieren. Jud Fould steht fortwährend mit den Orleans in Verbindung. Monat März ist provisorisch bestimmt zur Ausführung des Unternehmens, wobei Bonaparte im Notfall ermordet werden soll von seinen _aides de camp_.[11] Man will aber, daß Bonaparte erst Kaiser sei und sich noch weiter abgenutzt habe.
Aus einem Briefe Pialis ersehe ich, daß der Lord Palmerston einer italienischen flüchtigen Aristokratin in einer Privataudienz in London allerlei Tröstliches über Italien gesagt hat und ebenso sich selbst die „tröstliche“ Perspektive stellt, in weniger als Jahresfrist englischer „Premierminister“ zu sein. Was alte Leute doch dem Lügen ergeben sind und der _vanité_![12] Übrigens sprach sich Herr Piali wenigstens in einem Punkte rund aus. Lombardei-Venedig müsse sich sofort im Falle einer Insurrektion an Piemont anschließen. Die Duselei mit einer „italienischen Republik“ müsse man „der Zukunft“ überlassen.
Dein K. M.
An dem vorigen Briefkuvert, das Du mir zurückgeschickt, war allerdings der Versuch gemacht, ihn zu erbrechen. Offenbar aber ungeschickt und resultatlos.
[1] Mehr ober weniger.
[2] Aber.
[3] Vor dem man die gar zu beschämenden Dinge verheimlichen muß.
[4] Gezwungenheit, peinliches Zurückhalten.
[5] Offen und frei.
[6] Was meinst Du zu diesem.
[7] Dem es unmöglich ist, sich darein zu ergeben, Bonaparte seinen Triumph in Frieden genießen zu lassen.
[8] Gefangenen von Belle Isle sehr trist ist.
[9] Klagebriefe [Titel einer Gedichtsammlung des römischen Dichters Ovid].
[10] Flügeladjutanten Louis Bonapartes.
[11] Flügeladjutanten.
[12] Eitelkeit.
195
48 Great Ducie Street, 4. Oktober 1852.
Lieber Marx!
Inliegend 2 Pfund 10 Schilling. Die 10 Schilling gib dem Dronke, der ein sehr wertvolles slawisches Buch für mich aufgetrieben hat – was er dem Kerl vom Preise abdingt, ist seine Kommission für die Entdeckung; _puisqu’il est commerçant, il faut le traiter selon les principes du commerce_.[1] Laß ihn aber gleich hingehen und das Buch per Post in einfacher Bande, wie eine Zeitung, mit 6 Stamps, wenn unter, mit 12 Stamps, wenn über 1 Pfund Gewicht, an mich abschicken. Notabene, wenn es _ein_ Band ist; sonst [kostet es] für jeden Band 6 Stamps, und dann geht es besser per Pickford & Co. oder Carver & Co. unfrankiert ab, in einem Paket. Könnt Ihr Carver & Co.s Bureau auftreiben (sie heißen dort, glaube ich, Chaplin, Horne & Carver oder Chaplin, Horne & Co.), so geht es am besten mit denen, an Friedrich Engels _care of_ Ermen & Engels – sie sind unsere _carriers_.[2] Es ist dies auch immer der beste Weg, mir Pakete zukommen zu lassen.
Sobald ich meinen Weg für diesen Monat etwas klarer vor mir sehe, erhältst Du mehr.
Weerth ist in Bradford. Er kommt erst in acht Tagen.
Damit mir das Buch nicht zum Teufel geht, schreibe ich gleichzeitig an Dronke.
Dein F. E.
[1] Da er Geschäftsmann ist, muß man ihn nach den Regeln des Geschäftes behandeln.
[2] Spediteure.
196
14. Oktober 1852.
Lieber Marx!
Es ist physisch unmöglich, Dir den ganzen Artikel zu übersetzen. Heute morgen erhielt ich ihn. Den ganzen Tag auf dem Kontor beschäftigt, daß ich nicht wußte, wo mir der Kopf stand. Heute abend 7 bis 8 Uhr Tee getrunken und das Ding eben durchgelesen. Dann ans Übersetzen. Jetzt – 1/2-12 Uhr – soweit wie ich’s Dir schicke, bis zum natürlichen Absatz des Artikels. Um 12 Uhr muß er auf der Post sein. Du siehst, Du bekommst, was irgend geleistet werden kann.
Der Rest wird sofort übersetzt – nächste Woche schickst Du ihn entweder _via_ Southampton oder am Freitag. Mache inzwischen Deinen weiteren Artikel nur fertig, ein Teil kann vielleicht schon Freitag gehen, wo nicht, den folgenden Dienstag, wo wieder ein Yankeesteamer ist. Also das hat nichts zu sagen. Sorge nur, daß ich das Manuskript _früh_ erhalte, ich erwarte Weerth jeden Tag und muß dann doch suchen, mich mit der Zeit einzurichten, denn am Tage bin ich im Commerce mehr wie vollauf beschäftigt.
Grüße Deine Frau und Kinder, Dronke, Lupus, Freiligrath.
Dein F. E.
Gib acht, die Kölner kommen doch nicht los, der Präsident ist ein Hund, wie hat er den Bürgers schikaniert.
197
16. Oktober 1852.
Lieber Marx!
Wie die Sache jetzt eingeleitet ist, kann’s gar nicht fehlen. Der Brief von Stieber ist eine Entdeckung, die mehr wert ist als alle australischen Goldgruben. Welches Glück, daß der _malheureux_ Nothjung diese alten Neue Rheinische Zeitungspapiere aufgehoben und damals nach London geschickt hat! Ich hoffe nur, das Ding kommt an, denn so etwas zu unterschlagen, würde selbst der Oberprokurator für kein Verbrechen halten. Du hättest diesen Brief besser nicht mit dem Auftrag des Registerns geschickt, sondern sonstwie. Zwischen Frankfurt und Köln kann immer noch ein Pech passieren, und wenn auch die Kopie schon viel beweist, so ist das Original doch zu wichtig. Jemand mußte es selbst oder per Expreß nach Köln bringen. Indes ich hoffe, es geht gut.
Auch die anderen Dokumente sind sehr schön, und wir werden jetzt einen Hallo schlagen, der kolossal ist.
Der Sicherheit halber schickte ich gestern einen Brief an v. Hontheim, der in Amsterdam auf die Post gelegt wird, und worin ich ihm in Auszug den Inhalt Deines für Schneider bestimmten Briefes und die Nichtankunft des von Schneider an Dronke adressierten Briefes mitteilte. Also vier Abschriften und ein Auszug.
Auf einem anderen Wege werde ich heute noch eine Kopie des Stieberschen Briefes nach Köln befördern, ebenso Ausschnitte, enthaltend den Artikel im Freitags-Advertiser, und die Erklärungen im Samstags-Advertiser nach der Rheinprovinz befördern, überhaupt Notizen über die Polizeiverbrechen unter die Bourgeois schleudern.
Nun folgende Vorschläge:
1. Bei dem höchst zweideutigen und stellenweise von uns jetzt zu erweisenden unzweideutigen Charakter der einzigen gravierenden Zeugnisse ist Dein Zeugnis und das von Lupus, Pieper usw., wenn es _eidlich_ abgelegt und _beglaubigt_ wird, sehr wichtig. Das öffentliche Ministerium mag sagen, was es will, das schadet nichts – die Geschworenen halten uns und die Angeklagten doch für Gentlemen. Nun ist aber nichts einfacher, als daß zwei oder drei von Euch sich zum Windham begeben und dort diejenigen auf London Bezug habenden Sachen _beschwören_, die Ihr alle wißt. Also zum Beispiel
a. daß gar kein *H.* Liebknecht existiert, sondern nur ein *W.* Liebknecht, soweit Ihr wißt, und Ihr nie einen H. Liebknecht gekannt habt;
b. daß die Frau Daniels Dir nie geschrieben;