Der Briefwechsel zwischen Friedrich Engels und Karl Marx 1844 bis 1883, Erster Band
Part 37
„In letzter Zeit hat man verschiedener Orten bei allerhand Leuten nach Korrespondenzen von Ihnen gesucht, welche absolut durch jener Personen Vermittlung in die rheinische Demokratie gelangen sollten. Ihre Freunde in Köln wurden endlich vor die Assisen gestellt. Der Anklageakt, ein sehr kompendiöses Werk, ist zugestellt, der Termin zur öffentlichen Verhandlung der Sache auf den 28. dieses Monats bestimmt, und die üblichen Präliminarien sind vom Stapel gelaufen. Sie werden nach dem _Code pénal_ beurteilt, da ihr Vergehen noch vor die Zeiten des neuen Preußischen Gesetzbuchs fällt. Soweit ich die Sache überschauen kann, steht sie _juristisch_ äußerst gut, aber man weiß, daß vor Geschworenen der moralische Standpunkt überwiegt, und nach dieser Seite läßt sich Gefahr für einzelne der Angeklagten nicht wegleugnen. Die Hauptangeklagten, Röser, Bürgers, Nothjung und Reiff, haben nämlich viel zu viel eingeräumt: eine Verbindung mit bestimmten Tendenzen und von einer bestimmten Dauer zugegeben; von der Aufnahme neuer Mitglieder mit gewissen Förmlichkeiten und Verpflichtungen gesprochen und dergleichen mehr, was an und für sich kein Verbrechen qualifiziert, wohl aber nach Umständen unangenehm auf Geschworene, die meist aus dem Bauernstand erlesen sind, einwirken kann, zumal wenn eine so geringe Ehrfurcht vor dem Herrgott und Grundeigentum durchleuchtet. Wegen der Verteidigung werden sich auch bedeutende Schwierigkeiten erheben; die Herren Advokaten verstehen nichts von solchen Sachen, sind meist prinzipielle Gegner und denken mit Schaudern an die zehntägige Sitzung, die für die Sache anberaumt ist. Freiligrath wird _in contumaciam_ geköpft werden. – Ich habe eben den Anklageakt gelesen, der nicht weniger als etliche 65 bis 70 Seiten enthält. Die Leute haben es lediglich ihren eigenen Aussagen zu verdanken, wenn sie hängen bleiben. Es ist nun nicht zu verwundern, daß man die Leute so gepeinigt hat; je länger sie allein gehalten wurden, desto schönere Aussagen machten sie. Vom Faktum ist sonst gar keine Rede, und wenn die Angeklagten nicht recht hübsch selbst größtenteils ausgesagt hätten, läge nichts vor. Der Anklageakt enthält nebenbei allerhand Spezialia, woraus hervorgeht, daß gewisse Verhältnisse und Personen ihnen durch aufgefangene Briefe und Spionage ziemlich genau bekannt sind.“
Soweit Bermbach. – –
Ein gewisser Coeurderoi (_d’ailleurs très bon républicain_[2]), der schon ein kleines Pamphlet gegen Mazzini, Ledru-Rollin, Louis Blanc, Cabet usw. veröffentlicht hat, gibt jetzt ein förmliches Buch über die ganze französische Emigration heraus.
Proudhon veröffentlicht ein neues Werk. Da Religion, Staat usw. unmöglich geworden, bleiben nur noch die „Individuen“ übrig. Diese Entdeckung hat er Stirner nachgemacht.
Durch das unverzeihliche Zaudern von W[eydemeyer] bin ich so im Gedränge, daß ich heute selbst die Stamps für diesen Brief nicht beibringen kann.
Dein K. M.
[1] Rameaus Neffe [und] Jacques der Fatalist [Titel von Werken Diderots].
[2] Übrigens sehr guter Republikaner.
180
Manchester, 22. August 1852.
Lieber Marx!
Inliegend der Artikel für Dana. Die Mitteilungen von Bermbach sind unangenehm; wenn nur diejenigen loskommen, die _nicht_ geschwatzt haben! Übrigens ist der Prozeß _autant_[1] gegen uns gerichtet wie gegen die Kölner; wir werden auch unser Fett abbekommen, und besonders da _le jeune_[2] Sädt jetzt denkt, seine Revanche ungezüchtigt nehmen zu können.
Kannst Du mir die Sachen von Coeurderoi nicht verschaffen – das heißt, wenn sie der Mühe wert sind und mehr enthalten als pure Deklamationen.
Unser Worzell war, wie ich aus Smitt erfahre, wirklich Graf und Hauptbeteiligter bei der Wolhynischen Insurrektion, wo er sich dadurch auszeichnete, daß er versprengt wurde und zirka drei bis vier Wochen in den Wäldern eine Art Räuberbande anführte, bis ihn Rozycki nach Polen brachte; unser Sznayde hat einige Kavallerie – soviel ich bis jetzt weiß – ohne Auszeichnung kommandiert. Ein 1847 in Berlin erschienenes Werk von Mieroslawski über den polnischen Feldzug wird von Smitt sehr gerühmt.
Vergiß mir den englischen Artikel nicht!
Beste Grüße an Deine Frau und Kinder.
Dein F. E.
[1] Ebenso.
[2] Der jugendliche.
181
28 Deanstreet, London, 24. August 1852.
Lieber Frederic!
Du erhältst hier eingeschlossen: 1. Einen Brief von Massol an mich. Der Mann, auf den er Einfluß übt, ist Proudhon, und das Buch, das er als glückliche (!) Frucht dieses Einflusses betrachtet, dessen jüngstes Buch über Louis Bonaparte. Darüber werde ich in einem nächsten Briefe berichten.
2. Den Brief von Cluß, aus dem Du schon Auszüge erhalten.
3. Den höchst interessanten Bericht von Jakob Hutzel über Godofreden.
4. Einen Wisch von Goegg in der Schweizer Nationalzeitung.
5. und 6. „Entwurf eines Unionvertrags“ zwischen Kinkel, Willich und Goegg. Ein Rundschreiben der erstgenannten Herren an ihre amerikanischen Komitees und Garanten.
Das Ganze ist ein Notschrei von Kinkel-Willich. Sie wollen: 1. Den unbeugsamen Reichenbach von dem heiligen Gral entfernen, um „schleunigst“ die Geldmittel zu verwenden. 2. Da Kinkel keine Armee mehr hinter sich, will er mit 1000 Pfund hinter sich in den sogenannten Revolutionsbund treten, von dem er erwartet, daß er ihn aus Dankbarkeit in sein oberstes Komitee wählt. 3. Willich, dessen Stellung unhaltbar ist, dem es auf den Nägeln brennt, will nach Amerika, nachdem er, wie er sagt, „noch _eine_ Aufgabe gelöst“. Die Aufgabe ist, durch Ausliefern der 1000 Pfund an den Revolutionsbund und durch Eintritt in denselben sich das Rittertum in Amerika „vorzubereiten“.
Nächstens mehr. Salut!
Dein K. Marx.
182
28 Deanstreet, Soho, London, 30. August 1852.
Lieber Engels!
Aus den Aktenstücken, die ich Dir gesandt habe, hast Du gesehen, wie Kinkel-Willich manövrieren. – Es handelt sich für die Herren darum, endlich wirklich an die _Verwaltung der Gelder_ zu kommen, von der sie abzutreten drohen, wenn man ihnen nicht willfahre. Der _point urgent_[1] ist der. Die Kerls haben 200 Pfund Sterling verausgabt, die ihnen hier schwerlich ratifiziert würden. Daher der Versuch, sich direkt und „schleunigst“ aus Amerika zu Geldausgaben bevollmächtigen zu lassen oder zur Zuziehung eines dritten Kollegen, damit sie als konstituiert handeln können. Sie haben die Sache in ihrer Weise pfiffig angegriffen. Erst die Dokumente nach Amerika und der Schweiz geschickt, _hinter_ dem Rücken der Londoner Garanten. Dann diesen die Schriften am 26. zugestellt (obgleich vom 11. und 12. datiert), mit der Bemerkung, Stillschweigen als Einverständnis zu betrachten. –
Welcher Art aber die „starken“ Organisationen in Deutschland sind, womit sie renommieren, wirst Du aus folgendem ersehen.
Du weißt, daß Gebert _angeblich_ nach Amerika gereist ist. Aber die Sache verhält sich wie folgt.
Kinkel-Willich haben Anfang dieses Monats einen Emissär nach Deutschland abgesandt, _id est_ _Gebert_, den Schneidergesellen. In Magdeburg hat er eine sogenannte Kommunistengemeinde versammelt; drei Tage nacheinander wurden Beratungen gehalten, 26 bis 30 Mitglieder nahmen teil; das Präsidium führte ein gewisser _Hammel_; gegen Marx und Engels wurde mit großer Erbitterung debattiert, – nebst mehreren Administrations- und Organisationsfragen kam man auf die Frage: wie und auf welche Art eine Druckerei zu schaffen wäre! Es fand sich ein armer Buchdrucker, der in oder um Magdeburg herum etabliert ist; mit ihm wurde ein Vertrag geschlossen. Er stellte seine Office der Propaganda zur Verfügung, die alte Firma wird beibehalten. Dafür werden ihm sofort 100 Taler ausgezahlt und ein Schuldschein für 350 Taler am Ende des Jahres, von jetzt gerechnet.
Die Polizei wußte alles von Geberts Abreise an. Sie läßt ihn beständig begleiten. Sie hatte ihren Berichterstatter in der Magdeburger Versammlung. Sie will ihn erst einstecken, sobald er seine Mission erfüllt und möglichst viele ins Pech geritten hat. Die Sache ist sehr fatal für unsere Kölner Gefangenen. Wird Gebert gesteckt usw., so halte ich es an der Zeit, öffentlich die Kerls zu denunzieren und vor ihnen zu warnen, die zur Scheinagitation und um sich wichtig zu machen vom sicheren Versteck aus den deutschen Regierungen, speziell der preußischen, in die Hände arbeiten. Ich habe sofort nach Köln berichtet. Wie ich die Sache erfahren habe, kann ich Dir nur _mündlich_ mitteilen. Das Postgeheimnis ist hier auch ein problematisches Ding. – –
Vor einigen Tagen berief _Pyat_ (Felix) die mit ihm zusammenhaltenden Franzosen zu einer Reunion und legte ihnen ein Programm vor, das nun gedruckt werden soll. „Gott“ spuckte natürlich dadrein. Einer der Anwesenden protestierte dagegen, „Gott“ in einem Revolutionsprogramm zu beherbergen. Pyat, dem _gouvernement direct_ gemäß, läßt _abstimmen_. „Gott“ passiert mit sieben Stimmen Majorität. _L’être suprême est sauvé encore une fois._[2] Früher hieß es: Gott verläßt die Seinen nicht. Jetzt heißt es: Die Seinen verlassen Gott nicht. Eine Hand wäscht die andere.
General Vetter war auf längere Zeit aus London verschwunden, niemand wußte wohin. Das _mystère_ hat sich aufgeklärt. Vetter reiste mit einem amerikanischen Passe, worin er als Maler figurierte, mit seiner Mätresse, einer Sängerin, namens Ferenzi. Er passierte als Künstler. Sie gab an allen bedeutenden Orten Konzerte, und so ist er von Genua und Mailand bis Rom, Neapel, Palermo gekommen. Er hatte die _passwords_[3] und Empfehlungen von Mazzini-Kossuth. So waren ihm die geheimen italienischen Zirkel zugänglich, während sein _ostensibler trade_[4] ihn in die höheren _cercles_ brachte. Er ist seit einiger Zeit hierher zurückgekehrt und hat Bericht bei dem „europäischen“ Zentralkomitee abgestattet. (Notabene: Darasz ist gestorben und vorige Woche begraben worden.) Das Resümee davon, zum großen Kummer des „frommen“ Mazzini: _L’Italie s’est tout à fait matérialisée. On n’y parle que commerce, affaires, soies, huiles et autres misères mondaines. Les bourgeois calculent d’une manière terriblement positive les pertes, que la révolution de Mars les a fait subir et ne pensent qu’à se reprendre sur le présent. Quant à l’initiative insurrectionnelle ils sont heureux de la laisser aux Français, à ce peuple frivole et sensualiste. La seule chose, dont ils ont peur, c’est que les Français ne se hâtent trop._
_Tu penses bien, mon cher, quel coup de foudre pour l’archange Mazzini. Le général Vetter, nommé déjà comme commandant supérieur des forces Mazzini-Kossuthiennes leur a déclaré, que les choses étant ainsi, il ne saurait mieux faire que de passer avec sa maîtresse en Amérique. Au bout du compte le malheureux Mazzini est convenu avec Kossuth de vouloir bien laisser aux Français l’initiative insurrectionnelle._[5]
Aber nicht der _vile multitude_,[6] sondern dem Bonaparte.
Aus Paris schreibt man mir darüber unter anderem:
„Kiß, Abgesandter von Kossuth, ist hier nicht nur mit den Orleanisten in Verbindung getreten, sondern mit den Bonapartisten. Kiß ist in Bekanntschaft mit Jeromes Söhnen. Auf diese konventionelle Bekanntschaft gestützt, wußte er Kossuth den Kopf voll zu machen, eine Verbindung mit der französischen Regierung zugunsten Ungarns einzugehen. Der phantastische Agitator ging in die Schlinge und sandte zu diesem Behuf Kiß mit _Gülden_ versehen hierher nach Paris. Kiß amüsiert sich in Kaffeehäusern und _anderen_ Häusern, antichambriert hin und wieder bei Pierre Bonaparte, macht diesem einen blauen Dunst vor, schreibt prachtvolle Berichte an Kossuth, und ist [an] Ungarns Befreiung kein Zweifel mehr. Diese Revolutionäre _par excellence_ senden Agenten, um mit dem „_Tyrannen_“ einen Bund auf Leben und Tod zu schließen.“
_Mais ce n’est pas tout._[7]
Aus sicherer Quelle weiß ich, daß im Namen der polnischen „Zentralisation“ Lelewel und Thaddäus Gorzowski hier waren. Sie haben den Kossuth-Mazzini einen Insurrektionsplan vorgelegt, dessen _pivot_[8] die Mitwirkung Bonapartes ist. Diese alten Esel von Konspirateurs rennen sich jeden Tag von neuem hinein. Als Agenten hier haben und hatten sie einen gewissen Graf Lanckronsky oder ähnlich. Dieser Bursche (wohnt 7 Harringtonstreet, Hampstead Road) ist _russischer_ Agent, und ihr Insurrektionsplan hatte die Ehre, vorher in Petersburg korrigiert zu werden.
Dein K. M.
[1] Dringender Punkt.
[2] Das höchste Wesen ist wieder einmal gerettet.
[3] Stichworte, Losungsworte.
[4] Zur Schau getragenes Gewerbe.
[5] Italien ist vollständig dem Materialismus verfallen. Man spricht nur vom Handel, Geschäft, von der Seide, dem Öl und anderen irdischen Erbärmlichkeiten. Die Bürger berechnen auf eine schrecklich positive Art die Verluste, die die Märzrevolution über sie gebracht hat, und denken nur daran, sich an der Gegenwart schadlos zu halten. Die Initiative des Aufstandes überlassen sie gern den Franzosen, diesem leichtfertigen und sinnlichen Volke. Das einzige, was sie fürchten, ist, daß die Franzosen sich zu sehr beeilen könnten. Du kannst Dir denken, mein Lieber, welcher Blitzschlag das für den Erzengel Mazzini [war]. Der schon zum Oberbefehlshaber der Truppen der Mazzini-Kossuth ernannte General Vetter hat ihnen erklärt, daß er bei diesem Stande der Dinge nichts Besseres zu tun wüßte, als mit seinem Liebchen nach Amerika zu verschwinden. Zum Schlusse ist der unglückselige Mazzini mit Kossuth übereingekommen, den Franzosen die Initiative zum Aufstand überlassen zu wollen.
[6] Gemeine Menge.
[7] Aber das ist nicht alles.
[8] Angelpunkt.
183
28 Deanstreet, 2. September 1852.
Lieber Engels!
Aus den einliegenden schwachmütigen Briefe des braven Weydemeyer wirst Du ersehen, wie die Sachen stehen.
Von Herrn Streit habe ich noch keine Antwort, _ce qui est de très mauvais augure_.[1] Ich habe nun einige, wenn auch wenige Aussicht, daß ein Londoner Buchhändler die Sache [Der 18. Brumaire] englisch herausgeben will. Als Probe soll ich ihm vorläufig das erste Kapitel geben. Ich habe es daher durch Pieper übersetzen lassen. Die Übersetzung wimmelt von Fehlern und Auslassungen. Indes wirst Du doch durch die Korrektur nicht so in Anspruch genommen als durch die langweilige Übersetzungsarbeit. Du müßtest mir dazu ein englisches Vorwort von höchstens zehn Zeilen schreiben. Diese Schrift sei ursprünglich in der Form von Zeitungsartikeln, von Ende Dezember bis Anfang Februar, erschienen, am 1. Mai in New York als Broschüre herausgekommen, werde jetzt in zweiter Auflage in Deutschland erscheinen, sei die älteste der gegen Bonaparte erschienenen Schriften. Einige antiquierte Einzelheiten darin seien aus dem Datum ihrer Ersterscheinung zu erklären.
E. Jones hat mich zwei Monate mit der Versprechung einer Übersetzung (für sein Journal) an der Nase herumgezogen. Meinerseits hat er nur Gefälligkeiten erhalten. Trotz meines eigenen Geldpechs bin ich tagelang mit ihm in seinen Zeitungsgeldangelegenheiten bei Pontius und Pilatus herumgezogen. Alle ausländischen Mitteilungen, die sein pauvres Blättchen eigens hatte, sind von mir. – Endlich habe ich, da sein Journal zu miserabel wurde, einige Wochen ihm _editorial support_[2] gegeben, und wirklich wuchs das Blatt um einige hundert Abonnenten in London. –
Ich habe ihm gesagt, es sei gut, daß er Egoist sei, aber er solle es in zivilisierter Weise sein und nicht so albern.
Da das Blatt indes das einzige Chartistenorgan, so werde ich nicht brechen, aber einige Wochen _let ship him for himself_.[3]
Dein K. M.
[1] Was ein sehr schlechtes Anzeichen ist.
[2] Redaktionelle Unterstützung.
[3] Ihn allein sein Schiff fahren lassen.
184
21. August 1852.
Lieber Marx!
Heute abend wird der Schluß Deines Artikels übersetzt und morgen oder Donnerstag der Artikel Germany gemacht. Charles ist auf einige Tage verreist und ich habe viel auf dem Kontor zu tun, so daß ich oft abends ganz wirr im Kopfe bin.
Für die kriegsgeschichtlichen Sachen meinen Dank. Kannst Du vielleicht gelegentlich auf dem Britischen Museum nachsehen, ob dort 1. die österreichische militärische Zeitschrift seit 1848, 2. das preußische Militär-Wochenblatt, die Berliner Wehrzeitung, 3. noch sonstige militärische Zeitschriften, besonders Revuen – auch französische – seit 1848 an, sich befinden? Auch eine Kollektion der Augsburger Allgemeinen Zeitung besonders seit 1850. Diese Sachen sind mir sehr nötig, und wenn es irgend angeht, würde ich Zeit zu finden suchen, sie dort durchzuochsen, wenn ich so weit bin.
Die Posse Willich-Schily muß heiter abgelaufen sein. Pauvre Willich, wie oft wird er sich unter den ihn hetzenden Biedermännern in die Gesellschaft des roten Wolf zurückwünschen!
Harneys Gestirn der Freiheit ist also Todes verblichen?
Die Krisis scheint allerdings kommen zu wollen, wenn auch die neulichen Failliten nur Vorläufer waren. Aber Frankreich bleibt in der Sauce, und das ist schon viel. – Die kleine _panic_ im Goldmarkt scheint vorüber, die Konsols und _Railwayshares_[1] steigen wieder flott, _money is easier_,[2] die Spekulation noch immer sehr verteilt auf Korn, Cotton, Steamboats, Miningoperations usw. ... Daß übrigens eine ausgebildete Spekulationswut diesmal der Krise vorhergeht, glaube ich nicht, und wenn sonst die Umstände günstig sind, werden ein paar schlechte ostindische Posten, eine _panic_ in New York usw. sehr bald beweisen, daß mancher tugendhafte Bürger ganz im stillen allerhand Schwindel angestellt hat. Und diese entscheidenden schlechten Nachrichten aus überfüllten Märkten müssen doch bald kommen. Nach China und Ostindien wird in einem fort massenhaft geschickt, und doch sind die Nachrichten nicht besonders, ja Kalkutta ist _decidedly overstocked_,[3] und hier und da fallieren _native dealers_.[4] An eine längere _prosperity_[5] als Oktober oder November glaube ich nicht – selbst Peter Ermen wird besorgt.
Übrigens hängt es doch sehr von der Intensität der Krise ab, ob sie sofort eine Revolution erzeugt – sofort, das heißt in sechs bis acht Monaten. Die schlechte Ernte in Frankreich hat das _air_,[6] als sollte es dort zu etwas kommen; aber wird die Krise chronisch und die Ernte schließlich doch etwas besser als erwartet, so kann’s immer noch bis 1854 dauern. Ich gestehe, ich wollte, mir bliebe noch ein Jahr Zeit zum Ochsen, ich habe noch manches durchzumachen.
Australien schadet auch. Erstens durch das Gold und das Aufhören aller seiner anderen Exporte, sowie durch die damit bedingte stärkere Einfuhr aller _commodities_,[7] dann durch den Abzug der hiesigen _surplus population, at the rate of 5000 a week_.[8] Kalifornien und Australien sind zwei Fälle, die im Manifest nicht vorgesehen waren: Schöpfung großer neuer Märkte aus nichts. Sie müssen noch herein.
Dein F. E.
[1] Eisenbahnaktien.
[2] Geld ist billiger.
[3] Entschieden übermäßig versorgt.
[4] Eingeborene [das heißt indische] Händler.
[5] Geschäftsblüte.
[6] Aussehen, Anblick.
[7] Waren.
[8] Übervölkerung in Höhe von 5000 [Menschen] die Woche.
185
Dienstag, 7. September 1852.
Lieber Marx!
Die Übersetzung von Pieper macht mir viel Mühe. Der Anfang ist gerade sehr schwer zu übersetzen und _l’aimable_[1] Kandidat P. hat seinem scharmanten Leichtsinn die Zügel vollständig schießen lassen. Womöglich erhältst Du sie Donnerstag.
Hier ist mit Pindar ein Roman vorgegangen .... Pindars Abwesenheit gibt mir mehr Zeit, ich treibe das Russische jetzt mehr _con amore sine ira et studio_,[2] und kann schon etwas. Militaria sind augenblicklich _at a discount_.[3] Kontorarbeiten sehr belebt.
Sobald ich irgend kann, das heißt in ein paar Tagen, schicke ich Dir zwei Pfund, das ist alles, was ich für den Monat loseisen kann.
Dein F. E.
[1] Der liebenswürdige.
[2] Gemächlich ohne Hast und Eifer.
[3] Unter dem Preise [das heißt zurückgestellt].
186
22. September 1852.
Lieber Marx!
Vorgestern schickte ich Dir die Übersetzung und Post Office Ordre für ein Pfund. Anfang Oktober folgen noch ein paar Pfund – also in neun bis zehn Tagen. Ich schickte Dir gern mehr auf einen Haufen, weil das, selbst bei gleicher Summe im ganzen, doch den Vorteil hat, daß Du für die Verwendung planmäßiger verfahren kannst. Aber meine Geldzustände sind momentan selbst in Konfusion, so daß ich nie genau weiß, wieviel ich im Monat brauchen werde, und daher die Pfunde einzeln flott werden, wo denn nichts Besseres zu tun ist, als sie Dir gleich zu schicken. Im nächsten Monat werde ich mir das Ding kaufmännisch ordnen und dann bald imstande sein, Überschläge zu machen.
Aus beiliegendem Memorandum wirst Du sehen, daß P[ieper] manche ziemlich grobe Schnitzer gemacht – die Grammatikalia und Donatschnitzer habe ich natürlich nicht aufgezählt, _cela n’aurait jamais fini_.[1]
Einzelne Stellen sind übrigens fast unübersetzbar. Übrigens wäre es gut, wenn der Buchhändler gerade das _letzte_ Kapitel auch sähe, das wird ihm bedeutend mehr imponieren; wie wär’s, wenn P[ieper] das übersetzte und Du es mir gleich schicktest; ich hab’s mir darauf angesehen und bin schon etwas präpariert, so daß es rasch gehen würde. Sollte die Sache sich jetzt nicht drucken lassen, so muß die Übersetzung doch fertig gemacht werden; der Kerl wird bald Kaiser und dann ist wieder eine famose Zeit, wo ein Postskriptum gemacht werden könnte.
Ich gehe sogleich nach Hause und mache den Artikel für die Tribune fertig, so daß er mit der zweiten Post abgeht und Du ihn noch per morgenden Steamer abschicken kannst. Wie sieht’s mit einem neuen englischen Artikel für Dana aus?
Hoffentlich hat der Brandy Deine Frau wieder auf die Beine gebracht – grüße sie und Deine Kinder sowie Dronke und Lupus bestens.
Dein F. E.
Der Brief von Massol mit dem Artikel für Dana per zweite Post – ich habe ihn nicht hier.
[1] Es hätte kein Ende genommen.
187
28 Deanstreet, London, 8. September 1852.
Lieber Engels!
Dein Brief heute kam in eine sehr aufgeregte Atmosphäre.
Meine Frau ist krank, Jennychen ist krank, Lenchen hat eine Art Nervenfieber. Den Doktor kann und konnte ich nicht rufen, weil ich kein Geld für Medizin habe. Seit acht bis zehn Tagen habe ich die _family_ mit Brot und Kartoffeln durchgefüttert, von denen es noch fraglich ist, ob ich sie heute auftreiben kann. Diese Diät war natürlich nicht förderlich bei den jetzigen klimatischen Verhältnissen.
Artikel für Dana schrieb ich nicht, weil ich nicht den Penny hatte, um Zeitungen lesen zu gehen. Sobald Du übrigens Nr. 19 geschickt hast, werde ich in einem Briefe meine Ansicht über 20, die Zusammenfassung der Jetztsauerei schreiben.
Als ich bei Dir war und Du mir gesagt hattest, mir bis Ende August eine etwas größere Summe beschaffen zu können, schrieb ich das meiner Frau zur Beruhigung. Dein Brief von vor drei bis vier Wochen deutete an, daß nicht viele Aussicht sei, läßt indes noch einige. So hatte ich bis Anfang September alle Gläubiger, denen, wie Du weißt, immer nur kleine Fragmente abgezahlt werden, hingeschoben. Jetzt ist der Sturm allgemein.
Ich habe alles versucht, aber umsonst. Erst bringt mich Weydemeyer um 15 Pfund. Ich schreibe nach Deutschland an Streit (weil der in der Schweiz an Dronke geschrieben hatte). Er antwortet nicht einmal. Ich wende mich an Brockhaus und biete ihm Artikel für die Gegenwart von unverfänglichem Inhalt. Er schlägt in einem sehr höflichen Briefe ab. Endlich laufe ich in der letzten Woche den ganzen Tag mit einem Engländer herum, der mir den Diskonto für die Wechsel auf Dana verschaffen wollte. _Pour le roi de Prusse._[1]
Das Beste und Wünschenswerteste, was passieren könnte, wäre, wenn mich die Landlady zum Haus hinauswürfe. Ich wäre dann wenigstens die Summe von 22 Pfund quitt. Aber so viel Gefälligkeit ist ihr kaum zuzutrauen. Dazu Bäcker, Milchmann, Teekerl, _greengrocer_,[2] alte Metzgerschuld noch. Wie soll ich mit all dem Teufelsdreck fertig werden? Endlich, in den letzten acht bis zehn Tagen, habe ich einige Schilling und Pence, was mir das Fatalste ist, aber es war nötig, um nicht zu verrecken, von Arbeitern gepumpt.