Der Briefwechsel zwischen Friedrich Engels und Karl Marx 1844 bis 1883, Erster Band

Part 34

Chapter 343,534 wordsPublic domain

Leider ist wenig Aussicht, daß die Handelskrise mit der Auflösung gleichzeitig eintritt. Der Commerce geht hier fortwährend brillant. Die Nachrichten von Amerika sind äußerst günstig. Was die Krise hinausschiebt und noch etwas hinausschieben kann, ist 1. Kalifornien, sowohl der Trade dahin, wie die Massen Gold, die in Verkehr kommen, und die Auswanderung dahin, kurz, der ganze Stimulus, den Kalifornien auf die ganzen Vereinigten Staaten ausübt. 2. Der Zügel, den die hohen Baumwollpreise von 1849 und 1850 der Baumwollindustrie anlegten, die sich erst seit Frühjahr 1851 flott entwickelt hat. 3. Der enorme Fall in den Baumwollpreisen – fast 50 Prozent – seit 1-1/2 Jahren. In New Orleans kostete Baumwolle (Middling, die Durchschnittssorte) am 1. September 1850 13-1/2 Cents = 7-3/4 Pence in Liverpool; jetzt kostet Middling in New Orleans 7-5/8 Cents = 4-7/8 Pence in Liverpool und stand eine Zeitlang auf 7 Cents. Das muß den Konsum natürlich bedeutend vermehren. Im vorigen Jahre – Januar und Februar – wurden hier im Baumwollbezirk wöchentlich 29 000 Ballen konsumiert, dies Jahr 33 000, und das ist bloß amerikanische, dazu noch Surate, ägyptische, usw. – Wenn das so fortgeht, konsumiert England dies Jahr 800 bis 850 Millionen Pfund Baumwolle. 4. Die allgemeine Scheu vor der Spekulation, die nicht einmal auf Goldminen und Dampfschiffe sich mit Ausdauer werfen will. Nach allem, was ich sehe, sollte ich meinen, daß noch sechs Monate so forcierter Produktion wie jetzt hinreichen müßten, um die ganze Welt zu überführen; dazu noch zirka vier Monate für die Zeit, bis die Waren am Bestimmungsort ankommen und die Nachrichten von der definitiven Überführung wieder her, sowie für die Zwischenzeit, wo die Leute sich besinnen, bis sie von Panik erfaßt werden – so wäre die Zeit vom November 1852 bis Februar 1853 wohl die wahrscheinlichste für den Ausbruch der Krise. Das ist aber alles _guess-work_,[5] und wir können sie ebensogut schon im September haben. Sie wird aber schön werden, denn solche Massen Waren aller Art sind noch nie auf den Markt geschleudert worden und solche kolossale Produktionsmittel sind noch nie dagewesen. Der dumme Streik der _engineers_ hält sie gewiß für einen Monat wenigstens auf; Maschinen werden jetzt so gut wie gar keine gemacht und sehr viele verlangt. Hibbert, Platt & Son haben Hunderte von Ordres sowohl für hier wie fürs Ausland und können natürlich nicht eine einzige ausführen. Wenn dies kommerzielle Ungewitter übrigens dem Herrn Derby über den Hals kommt, so wird’s ihm schlecht gehen! – –

Das Buch von Ewerbeck schicke mir ja nicht. Es ist die 6 Pence nicht wert, die das Porto kosten würde.

Grüße Deine Frau und Kinder bestens.

Dein F. E.

[1] Alles andere als das.

[2] Ränkespinner.

[3] Haus der Gemeinen.

[4] Das zur Regierung Kommen der Tories.

[5] Sache des Vermutens.

149

28 Deanstreet, London, 3. März 1852.

Lieber Engels!

Ich habe Montag die 5 Pfund erhalten, obgleich Lupus 3 und nicht 4 Broadstreet wohnt. Ebenso heute den sehr gelungenen Artikel an Dana.

Deine Sendung der Revolution und Tribune war erbrochen. Man hatte sich nicht einmal die Mühe genommen, sie wieder zuzumachen.

[Ernest] Jones hat mit Bezug auf W[eydemeyer]s Artikel ihm einen mit heutiger Post abgehenden offiziellen Brief zugeschickt, worin er Heinzen _avec un dédain Suprême_[1] behandelt und ihn über den „_war of classes_“[2] belehrt. Vorgestern hielt die National-Reformleague ein großes Meeting, wenigstens 2000 Zuhörer. Jones hat [die] Herrn Hume, Walmesley und Ko. gehörig gedeckelt und einen wahren Triumph davongetragen. London und Manchester scheinen sich jetzt so in die Arbeit zu teilen, daß dort die Bourgeois mehr ihre politische und hier mehr ihre kommerzielle Attacke führen.

Es ist mir vor einigen Tagen ein _italienisch_ abgefaßtes Manifest von Signore Mazzini in die Hand gefallen. Er ist der _heilige_ Bourgeois _quand même_[3] und schimpft über die „profanen“ französischen Bourgeois. Er überträgt die Initiative von Paris nach Rom. „_Il materialismo_“[4] und „_il egoismo_“[5] haben Frankreich ruiniert. Die Arbeiter haben von den Bourgeois beide Laster geerbt. Seit 1815 hat Frankreich aufgehört, das Land der Initiative zu sein, Italien und Ungarn sind jetzt die auserwählten Länder.

Während „Signore Mazzini“ als Peter der Eremit die lasterhaften Franzosen abkanzelt, kriecht er den englischen Freetraders in den Hintern, die wohl „_le dévouement_“[6] und „_la foi_“[7] inkorporieren. _L’imbécile!_[8]

Den einliegenden Brief bitte zurückzuschicken. Heute nur so wenig, weil ich mit der Expedition nach Amerika die Hände voll habe.

Dein K. Marx.

[1] Mit erhabener Verachtung.

[2] Klassenkampf.

[3] Trotz alledem.

[4] Der Materialismus.

[5] Der Egoismus.

[6] Die Hingebung.

[7] Den Glauben.

[8] Der Dummkopf.

150

18. März 1852.

Lieber Marx!

Inliegend der Brief von Wichtelmännchen [E. Dronke] zurück. Ich bin _pour le moment entièrement dépourvu_[1] und würde die 2 Pfund – in diesem Monat wenigstens – nicht auftreiben können; außerdem ist sein Brief vom 5. datiert, und man weiß gar nicht, ob ihn das Geld noch träfe ....

Wenn der Kleine ankommt, wirst Du einige Mühe haben, sein durch die „langen Mühsale“ gewiß sehr gesteigertes pugnazioses Temperament in Schranken zu halten; Keilereien und Paukereien kosten hierzulande zu viel Geld, als daß man ihm dergleichen gestatten könnte. Es wird am besten sein, wenn Du ihn an Pieper überantwortest, damit dieser ihm in der politischen Ökonomie Unterricht geben kann. Die Geschichte mit Massol ist sehr interessant, und wenn er dort bleibt, so bin ich begierig, ihn kennen zu lernen.

Was Du mir von Jones schreibst, freut mich sehr – ich habe nur jetzt verflucht wenig Zeit, sonst würde ich ihm mehr Artikel schicken. Aber der Charles ist noch nicht von Deutschland zurück, und dann außer dem Artikel für die Tribune und einem wöchentlichen Bericht an meinen Alten noch regelmäßig wöchentlich für ihn respektive Weydemeyer zu schreiben, ist etwas zu stark, wenn man den ganzen Tag auf dem Kontor geschanzt hat. Zudem muß ich endlich mit meinen slawischen Geschichten ins reine kommen. Auf die bisherige dilettantische Weise bin ich in einem ganzen Jahre zu nichts gekommen, und da ich doch einmal angefangen habe und zu weit bin, um die Geschichte fallen zu lassen, so muß ich jetzt einmal einige Zeit regelmäßig daran wenden. Ich habe seit vierzehn Tagen tüchtig Russisch geochst und bin mit der Grammatik jetzt so ziemlich im reinen, zwei bis drei Monate mehr werden mir auch den nötigen Wortreichtum verschaffen, und dann kann ich was anderes anfangen. Mit den slawischen Sprachen muß ich dies Jahr fertig werden, und _au fond_[2] sind sie gar nicht so schwer. Außer dem linguistischen Interesse, was die Sache für mich hat, ist es auch die Konsideration, daß wenigstens einer von uns bei der nächsten Haupt- und Staatsaktion die Sprachen, die Geschichte, die Literatur und die Details der sozialen Institutionen gerade derjenigen Nationen kennt, mit denen man sofort in Konflikt kommt. Bakunin ist eigentlich bloß dadurch etwas geworden, daß kein Mensch Russisch konnte. Und der alte panslawistische Schwindel, das altslawische Gemeindeeigentum in Kommunismus zu verwandeln und die russischen Bauern als geborene Kommunisten darzustellen, wird wieder sehr breit getreten werden.

Jones hat übrigens sehr recht, jetzt, nach des alten O’Connor definitivem Verrücktwerden, alle Saiten anzuspannen. Jetzt ist die Chance für ihn, und wenn der _citizen_[3] Hipphipphurra noch dazu abfällt, so ist er seiner Sache sicher. Nach allem, was ich sehe, sind die Chartisten so komplett aufgelöst und zerfahren und haben zu gleicher Zeit einen solchen Mangel an brauchbaren Leuten, daß sie entweder ganz auseinandergehen und in Cliquen zerfallen, also praktisch reiner Schwanz der _financials_[4] werden müssen oder aber auf einer ganz neuen Basis von einem tüchtigen Kerl rekonstruiert. Jones ist ganz im richtigen Zuge, und wir können wohl sagen, daß er ohne unsere Doktrin nicht auf den richtigen Weg geraten wäre und nie gefunden hätte, wie man einerseits die einzig mögliche Basis zur Rekonstruktion der Chartistenpartei, den instinktiven Klassenhaß der Arbeiter gegen die industriellen Bourgeois, nicht nur beibehalten, sondern noch erweitern, entwickeln und der aufklärenden Propaganda zugrunde legen kann – und andererseits doch progressiv sein, den reaktionären Gelüsten der Arbeiter und ihren Vorurteilen entgegentreten.

_Quoad Napoleonem_,[5] hat der Mann nicht zu Louis Blanc gesagt, als er nach Frankreich ging: _Quand je serai président, je mettrai en pratique vos idée?_[6] Übrigens sieht man, wie die Finanznot selbst einen wahren Sozialisten wie Louis Napoleon zu finanziell-bürgerlichen Mustermaßregeln treiben kann, wie die Rentenkonversion. Der Shopkeeper und kleine Industrielle verzeiht für diese Eine Ersparnis von 18 Millionen zwanzig sozialistische Sprünge, und die Daily News bewundert diese Maßregel. Dümmer und gemeiner wie die Débats kann man übrigens über diese Geschichte nicht sprechen. Ganz die alte Geschichte: Postreform = Sozialismus! Rentenkonversion = Sozialismus! Freetrade = Sozialismus! Ich fürchte nur, daß Mynheer Napoleon, der trotz alledem in seinen eigentlich sozialistischen Geschichten sehr schüchtern auftritt und in der Hypothekengeschichte auch nicht über die bürgerlich-preußischen Kreditinstitute hinausgeht, schließlich, durch den Drang der Verhältnisse gezwungen, alle seine sozialistischen Velleitäten in einfache bürgerliche Reformen umwandelt, und dann kann uns nur die unvermeidliche Finanznot retten. Die Daily News hat recht, die Rentenkonversion ist eine _mesure éminemment pacifique_[7] und zudem ein sehr fatales Anzeichen, daß Louis Napoleon mehr in die Bahnen des bürgerlichen _common sense_[8] gerät. Aber freilich, wann hat man jemals Frankreich mit _common sense_ regieren können, und welch eine Verwicklung von Umständen gehört dazu, einen Louis Napoleon zum _common sense_ zu bringen! Jedenfalls sieht mir die kontinentale Atmosphäre nicht sehr revolutionär aus, obwohl Alräunchen ganz andere Nachrichten mitbringen wird. –

Unser Konzern hier geht wahrscheinlich noch in diesem Jahre auseinander. Ist dies der Fall, so werde ich zunächst, bei Besorgung der Liquidation, eine bedeutend freiere Stellung erhalten und weniger an Kontorarbeiten regelmäßig gebunden sein. Später, schreibt mir mein Alter, würde sich für mich wohl eine _bessere_ Stellung finden – ich vermute, daß er auf meinen alten Plan eingehen wird, wonach ich mich nach Liverpool setzen und Baumwolle für ihn einkaufen würde. Das wäre famos, und Du müßtest in diesem Falle, wenn Du mit den Vorarbeiten zur Ökonomie fertig bist, mit Deiner ganzen Familie auf sechs Monate herüberkommen – wir würden in New Brighton an der See wohnen, und Du würdest noch Geld dazu sparen. Jedenfalls nehme ich mir Zulage, das ist klar. – Leider habe ich heute nicht Ruhe, den Artikel für die Tribune zu machen; aber da nächsten Mittwoch ein amerikanischer Steamer geht, so bekommst Du ihn bis Montag oder Dienstag, und ich mache dann für den Freitagsteamer wieder einen.

Viele Grüße.

Dein F. E.

Diesmal war das Siegel Deines Briefes zum erstenmal vollkommen unverletzt.

[1] Für den Augenblick ganz entblößt.

[2] Im Grunde.

[3] Bürger.

[4] [Abkürzung für] _Financial Reformers_ = Steurreformer.

[5] Was Napoleon anbetrifft.

[6] Wenn ich Präsident sein werde, werde ich Ihre Ideen praktisch verwirklichen.

[7] Hervorragend friedfertige Maßregel.

[8] Gesunden Menschenverstandes.

151

28 Deanstreet, Soho, 30. März 1852.

Lieber Frederic!

Soeben Deinen Artikel erhalten. Du bekommst einliegend ein ganzes Pack von amerikanischen Neuigkeiten, die Dir schon früher zugekommen, wenn nicht Abschrift und bündliche [an Bundesmitglieder gehende] Mitteilung von einem Teile der Sachen nötig gewesen wäre.

Hier allerlei Neues. Gottfried Christus Kinkel schickt oder hat vielmehr ausgeschickt Studiosum Schurz und Schimmelpfennig, um für Mitte April in London von der Schweiz, Paris, Deutschland, Belgien aus einen Kongreß zusammenzutrommeln, zur Garantie der Revolutionsanleihe und zur definitiven Regulierung der Verwaltung dieses Schatzes und der demokratischen Regierung _in partibus_.[1]

Kossuth, durch Szemere in Amerika bloßgestellt und ganz mit seinem zurückgelassenen Londoner Komitee zerfallen, wird sich wundern zu erfahren, welche Spaltungen unterdessen unter der demokratischen Klerisei eingerissen sind.

Herr Mazzini nämlich, seit zwei Jahren der Papst der demokratischen Kirche _in partibus_, hielt es endlich an der Zeit, seinem Gifte gegen den Sozialismus und Frankreich in französischer Sprache Luft zu machen, nämlich in der Brüsseler Nation, die er mit 10 000 Franken von dem italienischen Gelde, im Einverständnis mit Ledru-Rollin, an sich gekauft hatte. Dort schiebt er den 2. Dezember, die Einnahme Roms, kurz die ganze Konterrevolution den Sozialisten in die Schuhe und poltert in seiner hochtrabenden Dominikanermanier gegen die Ketzer, die Sekten, den Materialismus, den Skeptizismus, das welsche Babel ganz ebenso entschieden, wie er in London den englischen liberalen Bourgeois in den Hintern kriecht. Frankreich habe die revolutionäre [undeutlich, wahrscheinlich Initiative] verloren. Das _peuple-roi_ existiere nicht mehr. Jetzt sei die Reihe an den anderen Völkern usw. Kurz, eine förmliche Bannbulle, die die Ehren der Aufnahme in die Patrie und im Constitutionnel genossen hat. Das war den Franzosen zu toll. Der kleine Louis Blanc, der hier zugleich eine Gelegenheit sah, sich wieder zu rehabilitieren und vorzudrängen, trommelte Cabet [?], Pierre Leroux, Bianchi, Nadaud und Vasbender (Proudhonien) zusammen. Im Morning Advertiser haben sie Herrn Mazzini aufs gröbste angegriffen. Der theoretische Teil ihrer Replik fast so schwach wie der Angriff Mazzinis. Der persönliche, wozu Massol dem Leroux das Material gab, vernichtet den arroganten Theopompos.

Ledru-Rollin seinerseits, um nicht allen Einfluß zu verlieren, sah sich gezwungen, aus dem europäischen Zentralkomitee _auszuscheiden_. Auch er hat in der Nation auf den Angriff gegen Frankreich geantwortet. Elender Artikel ohne Hand und Fuß. Behauptet „die revolutionäre Initiative Frankreichs“, aber wie! _C’est pour faire pitié!_[2] Ledru-Rollin soll jetzt nach den Vereinigten Staaten gehen wollen ....

Unterdes schafft die englische Regierung auf Staatskosten jede Woche den Mob der französischen Emigration haufenweise nach Amerika. Der elende _little_ Blanc will die zufällige Gesamtdemonstration gegen Mazzini benutzen, um sich als das sichtbare Haupt der _ecclesia pressa_ zu konstituieren. Zur Hintertreibung seiner kleinen Intrigen werde ich Massol hinter Pierre Leroux hetzen. Endlich, um die Konfusion voll zu machen, kommt Proudhon her.

Wie tief die offiziellen Größen sinken, siehst Du daraus, daß der süße Felix Phat – _cet homme artiste_,[3] unter welchem Kunstausdruck die Franzosen alle Schwäche, alle Charakter- und Verstandlosigkeit eines Individuums beschönigen – die Dezembertage zu einem melodramatischen Spektakelstück verarbeitet hat. Er hat einen englischen Unternehmer dafür gefunden, und mit ihm wird er den Schund in New York usw. aufführen, die Mordszenen, Expulsionen, Deportationen usw. Kann man hundsgemeiner auf das Pech seines Landes spekulieren? ...

Dein K. M.

[1] Ohne Anhang.

[2] Es ist, um Mitleid zu erregen.

[3] Dieser Mensch mit der Künstlernatur.

152

1. April 1852.

Lieber Marx!

Deinen Brief heute morgen erhalten, und zwar unversehrt. Die neue Adresse scheint gut zu tun.

Die erheiternden Emigrationsaktenstücke werden morgen zurückerfolgen – ich werde mir einige Notizen daraus machen.

Der kleine Dronke scheint sich richtig in Paris haben fassen lassen – sonst hörte man wohl von ihm. Sollten sich im Café D. wirklich, wie die Kölnische Zeitung sagt, einige Leute „der Marxschen Sekte“ zusammengefunden haben? Ich wüßte nicht, wo diese Trümmer herkommen sollten. Jedenfalls wäre es von Dronke unverzeihlich gewesen, wenn er sich so _publiquement_ unter diese Leute ins Café begeben hätte. Wäre er aber noch frei und eine Möglichkeit vorhanden, mit ihm zu korrespondieren, so müßte man jetzt allerdings alles aufbieten, um ihn nach London zu schaffen – er ist ausgewiesen, und die Kerle sind imstande, ihn wegen _rupture de Ban_[1] nach Algier zu schicken. Wenn es also möglich ist, Näheres zu erfahren, so will ich sehen, daß ich die zwei Pfund auftreibe; in Sicherheit muß das Kerlchen doch kommen. Schreibe mir, was Du über ihn erfährst.

Ich gehe jetzt nach Hause, um noch einen Artikel für Dana fertig zu machen, der, wenn er fertig wird, Dir mit der zweiten Post zugeht. Vorige Woche war ich scheußlich erkältet und bin es noch, so daß ich mehrere Abende absolut zu nichts kapabel war. Sonst wäre schon mehr fertig.

Sage Jones, daß er nächste Woche etwas von mir erhält – meine Artikel für ihn sind leider alle miserabel, da ich bei der Kleinheit jedes einzelnen und des geringen benutzbaren Raumes regelmäßig vergesse, was ich die Woche vorher geschrieben – dazu muß ich rasch und flüchtig arbeiten und habe gar keine Zeit, mir über die letzten französischen Geschichten Material zu sammeln und zu ordnen. Das ewige Schütteln aus dem Ärmel demoralisiert.

Sollte ich heute abend mit dem Artikel für Dana nicht fertig werden, so liegt das besonders daran, daß ich noch ein gut Teil Neue Rheinische Zeitung April und März 1849 durchzugehen habe, denn die Frankfurter müssen bei dieser Gelegenheit _gründlich_ gedeckelt werden. Der Bauer reicht da nicht aus.

Dein F. E.

[1] Bannbruch.

153

28 Deanstreet, London, 5. April 1852.

Lieber Frederic!

Einliegend eine Sendung von Cluß, die ich bis Montag (Bundessitzungsabend) zurück haben muß.

Dronke hatte gleich den anderen Tag, nachdem Du mir sein erstes Schreiben zurückgeschickt, aus dem Gefängnis geschrieben an Freiligrath, was ich Dir mitzuteilen vergaß. Freiligrath schickte sofort den Brief an Lassalle, damit dieser ihm Geld nach [unlesbar] spediere, was wahrscheinlich um so rascher expediert werden konnte, als Lassalle mit jenem Briefe alle liberalen Bourgeois von Düsseldorf angehen konnte. Leider sagt die Patrie, es seien kompromittierende Briefe bei Dronke gefunden. Sollte er dumm genug gewesen sein, von seinem abgeschmackten Heß und sonstigen Verbindungen die Testimonia mit sich herumzutragen?

Louis Blanc, wie ich voraussah, sucht die gemeinsame Erklärung gegen Mazzini zu benutzen, um ein neues „_réseau d’action_“[1] zu bilden und sich als Chef der revolutionären Partei vorzudrängen. Er hat sogar mich zu seiner Fusion aller französischen Sozialisten zuziehen wollen und zu einer Zusammenkunft einladen lassen. Ich habe natürlich ihn nicht einmal einer Antwort gewürdigt, sondern dem _intermédiaire_[2] bloß mein Erstaunen über diese Zudringlichkeit zu erkennen gegeben. Da Proudhon herkommt, wäre dem Kleinen eine Allianz mit mir jetzt sehr gelegen.

Dana hat endlich geschrieben und 9 Pfund, die Zahl der _gedruckten_ Artikel, gezahlt. Er hat mich zugleich gebeten, da die Präsidentenwahl alle Spalten des Blattes in diesem Intervall in Anspruch nehme, den Rest in fünf bis sechs Artikeln zu kondensieren und im letzten namentlich die _prospects of revolutionary Germany_[3] darzustellen. Es gäbe dies famosen Anlaß zur Geißelung der Emigration, und werde ich Dir in einem späteren Briefe ausführlich meine Ansichten darüber schreiben.

Szemere schickt mir nun in drei bis vier Lieferungen sein (deutsches) Manuskript über Kossuth, Görgey und Louis Bathyani. Weydemeyer hat es in Amerika zu verlegen, was für ihn ein famoses Geschäft ist, zumal da hinzukommt, daß er wahrscheinlich von dieser Seite 500 Dollar für sein Blatt erhalten wird. Aber ehe die Sache deutsch nach Amerika geht, soll sie hier in England englisch übersetzt werden, um hier, nachdem sie in Amerika deutsch erschienen, als Broschüre für das hiesige Publikum herausgegeben zu werden. Du wirst schwerlich Zeit zu diesem Geschäft haben, selbst wenn Du den Dana eine Zeitlang liegen läßt. In diesem Falle müßte ich Jones die Sache geben. Es wird ein Pfund pro Bogen Übersetzung gezahlt.

Ich habe hier Oberst Szerelmey kennen gelernt, der sehr gebildet ist. Er hat vierzehn Schlachten in Ungarn mitgemacht. Da er zugleich famoser Maler ist, so gibt er jetzt ein Prachtwerk heraus, die Schlachtberichte im Text und die Schlachtzeichnungen. Er hat die Skizzen selbst gemacht, die ersten französischen Maler die Ausführung. Er hat mir ein Exemplar zugesagt. [Das] Stück wird 10 Pfund kosten. Da erhältst Du also einen Beitrag für Deine Kriegsbibliothek. – – –

Dein K. M.

[1] Netz der Aktion.

[2] Mittelmann.

[3] Aussichten des revolutionären Deutschland.

154

20. April 1852.

Lieber Marx!

Ich habe mit Bedauern gesehen, daß sich meine Befürchtungen wegen Deines kleinen Mädchens nur zu schnell bestätigt haben. Wenn es nur irgend ein Mittel gebe, daß Du mit Deiner Familie in eine gesündere Gegend und geräumigere Gegend [?Wohnung] ziehen könntest!

Gern hätte ich Dir einiges Geld geschickt, aber ich habe in London so viel mehr ausgegeben, als worauf ich gerechnet [hatte], daß ich selbst hier bis Ende dieses Monats krumm liegen muß, und im nächsten Monat habe ich an Rechnungen und für in Deutschland bestellte Bücher gleich 12 Pfund zu zahlen. Doch will ich sehen, wenn es irgend angeht, daß ich Dir gleich anfangs Mai etwas besorge. Ich wollte, ich hätte vorher gewußt, wie die Sachen in London ständen, ich hätte dann die _au fond_ ganz überflüssige Reise nach London unterlassen und dadurch etwas freie Hand bekommen.

Pindar ist hier, da er in Liverpool kein Unterkommen gefunden hat. Er sucht eine Stelle oder Privatstunden, und ich werde mich natürlich für ihn verwenden. Um ihm einen Beweis meiner guten Dispositionen zu geben, habe ich russische Stunden bei ihm genommen. Um ihn aber hier empfehlen zu können, muß ich etwas mehr über ihn wissen, und da man [aus] ihm dergleichen nur mit der größten Mühe herauszerrt, so wäre es mir lieb, wenn Du mir schriebst, was Du von ihm und seinen Verhältnissen weißt, woher Du ihn kennst usw. Bei seiner stummen Manier sieht er mir übrigens nicht danach aus, als ob er hier sein Glück machen werde.

Bei den jetzigen kommerziellen Aspekten besonders in bezug auf Ostindien ist ein Punkt nicht außer acht zu lassen. Trotz der seit drei Jahren fortwährend steigenden kolossalen Einfuhr englischer Industrieprodukte nach Ostindien kommen seit einiger Zeit wieder ziemlich gute Nachrichten von dort; die Vorräte verkaufen sich allmählich und werden dort besser bezahlt. Dies kann nur darin seinen Grund haben, daß in den zuletzt von den Engländern eroberten Provinzen, in Sindh, dem Pendjab usw., wo sich die einheimische Handarbeit bisher noch fast ausschließlich gehalten hatte, diese jetzt endlich von der englischen Konkurrenz erdrückt wird, sei es, daß die hiesigen Fabrikanten erst neuerdings dahin gekommen sind, die für diese Märkte passenden Zeuge anzufertigen, sei es, daß die Natives ihren Geschmack an den einheimischen Geweben endlich dem wohlfeileren Preis der englischen, gewöhnlich nach Indien exportierten Zeuge geopfert haben. Die letzte indische Krisis 1847 und die damit zusammenhängende große Depreziation der englischen Produkte in Indien mag dazu sehr viel beigetragen haben; und schon aus dem alten Gülich geht hervor, daß selbst das zu seiner Zeit von den Engländern eroberte Indien noch lange nicht vollständig seine eigene alte Manufaktur aufgegeben hatte. Nur hieraus ist es zu erklären, daß nicht längst in Kalkutta und Bombay die 1847er Geschichte sich in verstärkter Form wiederholt hat. Wenn aber erst die 3 000 000 Ballen Baumwolle der letzten Ernte in den Markt gekommen und verarbeitet und als fertige Waren dem größten Teile nach nach Ostindien spediert sind, wird sich das schon ändern. – –