Der Briefwechsel zwischen Friedrich Engels und Karl Marx 1844 bis 1883, Erster Band

Part 32

Chapter 323,479 wordsPublic domain

Wie können Sie glauben, daß ich _Ihnen_ wegen der kleinen Kneiperei gezürnt hätte – es tat mir sehr leid, Sie vor Ihrer Abreise nicht mehr zu sehen, wo Sie sich dann selbst am besten überzeugt hätten, daß ich nur mit meinem hohen Herrn etwas schmollte. Übrigens haben solche Extraszenen ganz heilsame Folgen; diesmal muß sich aber der _père_ Marx bei seiner nächtlichen philosophischen Wanderung sehr stark erkältet haben, denn er wurde ernsthaft krank und liegt bis jetzt noch ruhig danieder. Vielleicht wird es ihm heute möglich werden, etwas aufzustehen und sich an die Artikel für Amerika zu machen. Ich glaube aber, daß er noch nicht so weit hergestellt ist, wie er meint. Er phantasierte während drei Nächten und war sehr schlimm. Er läßt Sie bitten, Weerth zu grüßen, ihm zu sagen, daß er recht ärgerlich über ihn wäre, daß er bei Übersendung von Reinhardts Brief aus Paris nur zwei Worte mitgeschrieben, und daß er vor allem seine Pflichten als alter Redakteur der Neuen Rheinischen erfüllen und irgendeine Ware auf Lager nach Amerika spedieren solle. Was den Hanebuch betrifft, so sagt jetzt der _père_ Marx wörtlich was folgt:

„Stets kanonenvoll, mit seinem insinuanten Wesen gegen Damen renommierend, meinend, damit die Fußtritte von _Bar-Besen_[1] erhalten zu haben; von Anfang an auf das geräuschvollste auf Straßen und Gassen, Parlours, Omnibus, Halfpenny-Steamboats das englische Publikum provozierend, sich an den großen Debatten zwischen Kinkel und Ruge zu beteiligen; jeden Deutschen bei den Ohren hinschleppend nach Cranbourne Hotel, einer der wichtigtuendsten Schreier des Emigrationsklubs, also auch seinen Bärengeifer über die kleine Winkelkirche der Neuen Rheinischen Zeitung ausfatzend. Weerth soll ihm antworten, wenn er dessen Protektion verlangt, er möge suchen, in einen der sieben von Kinkel zu errichtenden Ministerien einen Posten zu finden, was ihm bei seinen großen Verdiensten um die große einige Revolutionspartei und bei seinem Einfluß auf die beiden Kinkelschen Hofschriftsteller Meyen und Oppenheim nicht schwer fallen dürfte. Überhaupt soll Weerth, wenn jetzt einer der Geister sich an ihn wendet, [ihnen] sie merken lassen, daß er auch zu der ‚kleinen unverbesserlichen Sonderkirche‘ der Neuen Rheinischen Zeitung gehört, wie Meyen nach Amerika hingeschrieben.“ So weit mein hoher Patient Knackrüge.

Gestern kam ein sehr netter Brief von Cluß aus Washington, woraus das Treiben Kinkels von neuem hervorgeht. Leider kann ich ihn hier nicht beilegen, da Freiligrath ihn gestern mitgenommen. Morgen werden wir ihn schicken. Teilen Sie ihn auch Weerth stellenweise mit.

Es wird Sie wohl auch interessieren zu hören, daß Ihr ehemaliger Chef, General Willich, von der niedrigen Flüchtlingschaft eine Tracht Prügel bezogen, da diese den Unterschied zwischen sich und den höheren Flüchtlingen nicht [hat] begreifen können und die Art der Verwaltung der großen Revolutionsgelder im Interesse der großen Männer nicht gutheißen. Aus Cluß’ Brief geht noch hervor, daß Kinkel die Mystifikation Willichs und den Brief Schramms benutzt hat, um ihre Verbindungen mit Köln in Amerika zu beweisen. Es wird bald Zeit, mit der wirklichen Geschichte hervorzurücken. Der Kinkel scheint auch in Amerika verbreitet zu haben, daß Marx’ Partei Lasterpreise aussetzt, um nicht Moralhelden zu werden. Der Musch läßt Frederic herzlich grüßen. Die Mädchen sind schon in der Schule. Sie erinnern sich vielleicht, daß Pieper dem Jungen seine hübsche Brieftasche zum Geschenk gemacht hatte. Gestern drohte er, sie ihm wieder abzunehmen und ihm an deren Stelle etwas anderes zu kaufen. Heute morgen versteckt der Junge die Tasche und sagt eben: „Mohr, jetzt habe ich sie gut versteckelt, und wenn der Pieper sie haben will, dann sage ich, ich habe sie einem armen Mann geschenkt.“ Der Filou!

Adieu!

Herzliche Grüße Jenny Marx.

[1] Schanktisch-Kellnerinnen.

134

Manchester, 14. Januar 1852.

Liebe Frau Marx!

Ich hätte Ihren angenehmen Brief längst beantwortet, wenn ich nicht durch eine Masse Geschichten daran total verhindert worden wäre – namentlich durch die Anwesenheit meines Schwagers, den ich während einer Woche zu amüsieren hatte, was hier in Manchester gewiß keine Kleinigkeit ist. An Arbeiten war während dieser Zeit natürlich nicht zu denken, und erst jetzt kann ich anfangen, mich zu besinnen, was bis nächsten Freitagsteamer geleistet werden kann. Heute oder morgen abend wird jedenfalls etwas für die Tribune fertig gemacht, und auch Vater Weydemeyer wird nicht leer ausgehen. Inzwischen höre und sehe ich von diesem nichts – hoffentlich ist bei Ihnen heute ein Brief von ihm eingesprungen, der uns die Aussichten fürs neue Jahr meldet, da die mit gestrigem Steamer eingetroffenen Briefe gerade bis zum 1. Januar gehen.

Ich hoffe, daß der _pater familias_ sich inzwischen von seinem Straf- und Schmerzenslager erhoben haben wird, und wünsche nur, daß er über der Bibliothek nicht ganz die Tribune vergißt. Die Nachrichten über Ehren-Lüders sind Weerth sofort mitgeteilt worden, sowie das Nötige über Kinkel. –

Inliegend den Brief von Cluß zurück. Der Kerl ist ein unbezahlbarer Agent. Wenn die Geschichte mit der Willichschen Mystifikation auskommt, das wird ein heiteres Hallo setzen. Dies Faktum beweist nur, daß Kinkel in Beziehung auf uns in Amerika sehr häufig und sehr unangenehm interpelliert worden ist, und daß wir unter den dortigen Demokraten auch einen _set_[1] von Anhängern haben, die auf uns schwören, wie die anderen auf Kinkel oder Heinzen oder Hecker, keiner weiß warum; es werden das Anhänger sein _à la_ Magnus Groß, Wilhelmi usw., Leute, die nur eines kurzen Zusammenseins mit uns bedürften, um über uns und sich eines Besseren aufgeklärt zu werden und in den allgemeinen Schafstall zurückzukehren, wohin sie gehören.

Der Louis Napoleon wird doch täglich amüsanter. Während noch immer nicht eine einzige jener großen Maßregeln zur Vernichtung des Pauperismus usw. das Tageslicht erblicken kann, bringt das Männchen es fertig, das ganze Philisterium der Welt durch Maßregeln aufzuhetzen, die bloß die momentane Konsolidierung seiner Autorität sichern sollen. Kein nichtfranzösisches Blatt wagt mehr für ihn aufzutreten, selbst der Sun und die Kölnische schweigen, und nur der Lumpaziuskorrespondent des Globe deponiert noch täglich seine Gemeinheiten in dem ihm dazu bewilligten Winkel. Dazu hat Louis Napoleon schon alle Welt argwöhnisch gemacht, ganz Europa hallt wider von Krieg und Kriegsgeschrei, und selbst die friedfertige Daily News muß _nolens volens_ in den Ruf nach _national defences_[2] einstimmen. Der Kerl fängt nachgerade an, neben der einen, seit dem 2. Dezember zumeist hervorgetretenen Seite seines Charakters, dem _gambler_,[3] auch die zweite zu entwickeln, die des verrückten Prätendenten, der sich für einen prädestinierten Welterlöser hält und auf seinen Stern schwört. Und als die Zeit erfüllet war, da sandte Gott den Neffen, auf daß er erlöse alle Welt aus der Knechtschaft des Teufels und aus der Hölle des Sozialismus. Glücklicherweise kommt das Parlament bald zusammen, und das gibt immer etwas Abwechslung im politischen Humbug.

Viele Grüße an Marx und die Kleinen

von Ihrem F. Engels.

[1] Satz, Stamm.

[2] Nationale Verteidigungsmaßnahmen.

[3] Glücksspieler.

135

28 Deanstreet, Soho, 20. Januar 1852.

Lieber Engels!

Seit gestern bin ich erst wieder aufgestanden und seit heute schreibe ich erst wieder.

In Frankreich _les choses vont à merveille_.[1] Und ich hoffe, daß _la belle France_ diese Schule nicht zu oberflächlich durchmachen wird, sondern eine längere Klasse bestehen muß. Krieg, einige _months_[2] früher oder später, scheint mir unvermeidlich. _Nous avons eu le Napoléon de la paix._[3] Louis kann den Louis Philippe _by no means_[4] nachmachen. _Et alors?_[5]

Du weißt, daß die Kölner nicht vor die Assisen gestellt sind, unter dem Vorwand, die Sache sei so schwierig, daß die Untersuchung von neuem beginnen müsse.

Madier war eben hier und beweist mir _de la manière la plus crapaude_,[6] daß die Frenchmen zum Frühstück London nehmen und in fünf Stunden alle Küsten von England überfallen können. Man hat zu viel _pitié_[7] mit den armen Teufeln, um nicht zu schweigen, _quand ils déraisonnent_.[8]

Schreibe bald.

Dein K. M.

Was macht _le commerce_?

[1] Verlaufen die Dinge wundervoll.

[2] Monate.

[3] Wir haben den Friedensnapoleon gehabt.

[4] Unter keinen Umständen.

[5] Und dann?

[6] Mit den gesindelhaftesten (das heißt flachrevolutionären) Argumenten.

[7] Mitleid.

[8] Wenn sie Blödsinn schwatzen.

136

22. Januar 1852.

Lieber Marx!

Inliegend der siebente Artikel für die Tribune. Der achte usw. wird morgen abend gemacht werden, heute werde ich etwas für Weydemeyer fertig machen. Ich behalte mir für Weydemeyer zunächst England vor, da ich mich nicht entschließen kann, deutsche Zeitungen zu lesen und etwas über Deutschland zu machen. Könntest Du Lupus, der hoffentlich auch wieder flott auf den Beinen ist, nicht bewegen, etwas „aus dem Reiche“ zu liefern? – Weerth wird nächste Woche etwas für Weydemeyer schaffen, diese Woche kann er nicht. Übermorgen hoffe ich ihn hier zu sehen, und vielleicht kommt er in acht bis vierzehn Tagen nach London, da es ihm wieder vor lauter Ungeduld wie heiße Kohlen unterm Hintern brennt.

Da gestern der Pacific von New York eingesprungen ist, so könnte es sein, daß ich morgen die versprochenen Nummern von Weydemeyer erhielte – doch rechne ich nicht darauf, da er vielleicht den englischen Postdampfer abgewartet hat. Er muß übrigens weniger schicken, 50 Nummern ist zu viel und wird wahrscheinlich ein Heidengeld kosten; und wem sollten wir die alle schicken? Ich will sehen, was die Kosten sind, und im Notfall, wenn er nicht durch Paketversendungsagenturen die Sache wohlfeiler einrichten kann, so reichen 10 Exemplare vollkommen aus; denn auf _Abonnenten_ in Europa kann er doch nicht rechnen. Vielleicht ein paar in London, sonst doch nur etwa in Hamburg. Dazu gehörte auch eine Agentur, und die würde sich nicht bezahlen. – Hoffentlich schickst Du mir jetzt auch bald einen Artikel für die Tribune zum Übersetzen.

Jones schrieb an mich und verlangt Beiträge. Ich werde mein Bestes tun und hab’s ihm versprochen. Bei alledem geht mir ein Stück freie Zeit zum Ochsen nach dem anderen fort, und das ist schlimm. Ich muß sehen, wie ich mich einrichte und das Kontor prelle. Jones schrieb von einer Gemeinheit von Harney gegen ihn, und von 15 Pfund, um die er geprellt sei, worüber Du mir Näheres sagen könntest – was ist das? Er war natürlich _very busy_[1] und schrieb sehr in abgebrochenen Sätzen und Ausrufungszeichen. –

Daß der brave Louis Napoleon Krieg anfangen muß, ist sonnenklar, und wenn er sich mit Rußland verständigen kann, so wird er wohl mit England anbinden. Es hätte das seine guten und seine schlimmen Seiten. Die Einbildung der Franzosen, sie könnten in fünf Stunden London und England erobern, ist sehr ungefährlich. Was sie jetzt allerdings können, sind plötzliche Piratenüberfälle mit 20 000, höchstens 30 000 Mann, die aber nirgends viel ausrichten könnten. Brighton ist die einzige ernstlich bedrohte Stadt; Southampton usw. sind mehr als durch alle Befestigungen durch ihre Lage in tiefen Buchten, die nur zur Flutzeit und nur mit lokalen Lootsen zu befahren sind, sichergestellt. Der höchste Effort, den eine französische Landung zustande bringen könnte, wäre die Zerstörung von Woolwich; aber selbst dann müßten sie sich verdammt hüten, nach London zu gehen. Für jede ernsthafte Invasion müßte der ganze Kontinent zusammen den Engländern wenigstens _a years notice_[2] geben, und sechs Monate reichen hin, um England in Verteidigungszustand gegen jeden Angriff zu setzen. Der gegenwärtige Alarm ist absichtlich übertrieben, und die Whigs helfen bestens dazu. Laß die Engländer ein Dutzend Linienschiffe und Steamer zurückrufen, ein zweites Dutzend von jeder Sorte, die halbfertig in den Häfen liegen, ausrüsten, 25 000 Mann mehr Truppen halten, freiwillige Jägerbataillons mit Miniéschen Büchsen organisieren und dazu etwas Miliz und etwas Exerzitium für die _yeomanry_,[3] und sie sind vorderhand sicher. Der Alarm ist aber sehr gut, die Regierung hatte die Geschichte wirklich famos verkommen lassen, und das wird aufhören; und dann, wenn es zu etwas kommt, sind sie so gerüstet, daß sie jeden Landungsversuch zurückweisen und sofort Revanche nehmen können.

Sonst sehe ich nur zwei Chancen für Louis Napoleon, wie er Krieg anfangen will: 1. gegen Österreich, das heißt gegen die ganze heilige Allianz, oder 2. gegen Preußen, wenn dies von Rußland und Österreich fallen gelassen wird. Indes dies letztere ist sehr zweifelhaft, und ob er mit der heiligen Allianz anbindet, fragt sich sehr. Piemont, die Schweiz und Belgien werden ihm, sei es von England, sei es von der heiligen Allianz, nicht überlassen. Die Sache wird so schön vertuckt, daß schließlich der pure Zufall entscheiden muß.

_Und à l’intérieur_,[4] welche famose Entwicklung! Die Mordversuche werden schon ganz alltäglich und die Maßregeln immer schöner. Flöge doch endlich der Herr de Morny, der noch etwas den Tugendhelden spielt, und konfiszierte der Edle doch das Vermögen der Orleans!

Man kann einem Gouvernement Blanqui nicht besser vorarbeiten, wie dieser Esel tut.

Dein F. E.

[1] Sehr beschäftigt.

[2] Ein Jahr Voranzeige.

[3] Landmiliz.

[4] Im Innern.

137

28 Deanstreet, 24. Januar 1852.

Lieber Frederic!

Ich schreibe nur wenige Zeilen, da eben ein Brief von Bermbach aus Köln ankommt, von dem ich wünschte, daß Du ihn noch morgen erhieltest. Es ist nun unumgänglich, daß Du erstens über die Kölnische Angelegenheit einen Brief _to the editor of the Times_[1] mir schickst, nebst ein paar Zeilen, die ich vorherschicke dem _corpus delicti_. Zweitens daß Du in Deinem eigenen Namen an die Daily News dasselbe tust, obgleich natürlich das eigentliche _corpus delicti_, das heißt die Insertion selbst, mit „_a Prussian_“[2] oder dergleichen unterschrieben wird. Ich glaube, daß an die Times der „Doktor“ und an die Daily News der Manchester „Merchant“ besser tun, _id est_ mehr Chancen der Aufnahme finden wird. Nenne die Leute bei ihren Titeln: Dr. Becker, Dr. (!) Bürgers, Dr. Daniels, Dr. Klein, Dr. Jacobi, Otto (ein in Deutschland wissenschaftlich renommierter Chemiker), Röser und Nothjung. Dieser kölnische Anklagesenat ist das _nec plus ultra_ von Feigheit. Übrigens sind die Richter nach dem neuen Disziplinargesetz auch nicht mehr „unabsetzbar“, wenigstens nur nominell.

Dein Artikel für Dana ist famos.

Ich habe _poor_ Weydemeyer natürlich seit Deiner Anwesenheit nur noch einen Artikel schicken können. Die Hämorrhoiden haben mich diesmal mehr angegriffen als die französische Revolution. Ich will sehen, was ich die nächste Woche fertig bringe. Auf die Bibliothek zu gehen, erlauben die hinteren Verhältnisse noch nicht. Die Konfiskation der orleanischen gestohlenen und erbettelten Güter! Abtritt Foulds! Persigny! Bravo! _Ça marche._[3]

Merkwürdig ist es, wie _army, navy, colonies, fortifications and the whole administration_[4] verfault ist unter diesem sonderbaren aristokratischen Cliquenregime, das die englischen Bourgeois seit 1688 an der Spitze der Exekutivgewalt traditionell mitgeschleppt haben. Nach dem englischen Überheben und liberalen Geheul unter Kossuths Ägide, nach den kosmopolitisch-philanthropisch-kommerzialen Friedenshymnen während der Exhibition, kurz nach dieser Periode der bürgerlichen Selbstüberhebung, ist es erquicklich, wenn die Canaillen jetzt finden, daß nicht etwas, sondern alles im Staate Dänemark faul ist. Und dann sehen die Herren auch gar zu bequem den kontinentalen Kämpfen zu.

Salut!

Dein K. M.

Die zwei einliegenden Briefe, wenigstens den von Cluß, schicke umgehend zurück.

[1] An den Redakteur der Times.

[2] Ein Preuße.

[3] Die Sache marschiert.

[4] Heer, Flotte, Kolonien, Befestigungen und die ganze Verwaltung.

138

Manchester, 28. Januar 1852.

Lieber Marx!

Inliegend das Ding für die Times. Du schreibst dabei ganz einfach: _Sir, I do believe the publication of the scandalous facts contained in the annexed letter will contribute to throw some lights upon the state of things on the Continent. – The correctness of these facts I guarantee, etc._[1] Namen und Adresse.

Meins an die Daily News geht heute abend mit der zweiten Post ab; besorgst Du die Sache also gleich, so kommen beide Briefe fast gleichzeitig in den respektiven Offices an und können in der Freitagsnummer stehen. Gib aber den Brief _in Charing Croß auf_; bei den Nebenoffices ist zu viel Verzug.

Die beiden Briefe von Cluß und Bermbach inliegend zurück. An Deinem Brief vom Samstag wieder das Siegel in miserablem Zustand; es erfolgt inliegend. Wie verhält es sich damit?

Ich unterzeichne in den Daily News einfach: _A German Merchant_.[2]

Schreibe bald

Deinem F. E.

[Auf der Rückseite steht in Englisch folgender Brief, der hier sofort in Übersetzung gegeben wird:]

„An den Redakteur der Times!

Mein Herr! Die Vernichtung der letzten Reste einer unabhängigen Presse auf dem Festland hat es zur Ehrenpflicht der englischen Presse gemacht, jeden Akt der Ungesetzlichkeit und Unterdrückung in diesem Teil Europas zur Kenntnis zu nehmen. Erlauben Sie mir daher, eine Tatsache vor die Öffentlichkeit zu bringen, die beweist, daß die Richter in Preußen durchaus auf einer Stufe stehen mit den politischen Handlangern Louis Napoleons. Sie wissen, welch wertvolles Regierungsmittel eine wohlangefertigte Verschwörung bilden kann, wenn sie im geeigneten Moment aufgetischt wird. Die preußische Regierung brauchte eine solche Verschwörung zu Anfang des vorigen Jahres, um ihr Parlament gefügig zu machen. Demgemäß wurden eine Anzahl Leute verhaftet und die Polizei in ganz Deutschland in Bewegung gesetzt. Aber es ward nichts gefunden, und schließlich wurden nur einige wenige Personen unter dem Vorwand in Köln in Haft behalten, daß sie die Führer einer weitverbreiteten revolutionären Organisation seien. Es sind dies hauptsächlich Dr. Becker und Dr. Bürgers, zwei Herren von der Presse, Dr. Daniels, Dr. Jacobi und Dr. Klein, praktizierende Ärzte, von denen zwei die herben Pflichten von Armenärzten mit Ehren erfüllt hatten, und Herr Otto, Leiter eines großen chemischen Unternehmens und in seinem Lande wegen seiner Leistungen in der Wissenschaft der Chemie wohl bekannt. Da indes kein Beweis gegen sie erbracht war, wurde ihre Freilassung jeden Tag erwartet. Während sie jedoch noch im Gefängnis waren, wurde das ‚Disziplinargesetz‘ verkündet, das die Regierung in den Stand setzt, sich vermittels eines sehr kurzen und leichten Verfahrens jedes lästigen richterlichen Beamten zu entledigen. Die Wirkung dieses Gesetzes auf das bis dahin langsam und schleppend sich hinziehende Verfahren gegen die obengenannten Herren war eine fast unmittelbare. Nicht nur wurden sie in Sonderhaft gehalten, wurde ihnen jeder selbst schriftliche Verkehr miteinander oder ihren Angehörigen [Freunden] verweigert und wurden sie der Bücher und Schreibmaterialien, Dinge, die in Preußen dem gemeinsten Verbrecher vor der Verurteilung bewilligt werden, versagt, es nahm das Gerichtsverfahren überhaupt einen völlig anderen Charakter an. Die _Ratskammer_ (Sie wissen, wir werden in Köln nach dem _Code Napoléon_ abgeurteilt) ward sofort bereit gefunden, zu erklären, daß Anlaß zu einer Anklage vorliege, und die Sache kam vor den Anklagesenat, ein Kollegium von Richtern, das die Funktionen einer englischen Großen Jury versieht. Aus das ohnegleichen dastehende Erkenntnis dieses Kollegiums bitte ich besonders Ihre Aufmerksamkeit lenken zu dürfen. In diesem Erkenntnis findet sich wörtlich übersetzt folgende außerordentliche Stelle: ‚In Erwägung, daß kein zuverlässiges Beweismaterial erbracht worden ist und daß daher kein Anklagefall festgestellt ist, _liegt kein Grund vor, die Anklage aufrechtzuerhalten_ (die notwendige Folgerung ist, werden Sie annehmen, daß die Angeschuldigten in Freiheit zu setzen sind? Ganz und gar nicht), – sind sämtliche Protokolle und Urkunden dem Untersuchungsrichter zur erneuten Untersuchung zurückzugeben.‘ Das heißt also, daß nach zehnmonatiger Haft, während welcher Zeit weder der Eifer der Polizei noch der Scharfblick des Staatsanwaltes den Schatten einer Anklage zustande bringen konnten, das ganze Verfahren von Anfang an aufs neue beginnen soll, um vielleicht nach einem zweiten Jahre Untersuchungen ein drittes Mal dem Untersuchungsrichter überwiesen zu werden. Diese offenbare Verletzung des Gesetzes wird durch folgendes erklärt: Die Regierung bereitet gerade jetzt die Schaffung eines Staatsgerichtshofs vor, der aus dem servilsten Material zusammensetzt werden soll. Da ihr eine Niederlage vor den Geschworenen sicher wäre, muß die Regierung die Schlußverhandlung dieser Sache verschleppen, bis sie vor den neuen Gerichtshof kommen kann, der natürlich der Krone jede, den Verhafteten aber keinerlei Garantie bietet. Würde es nicht sehr viel ehrenvoller für die preußische Regierung sein, über die Angeklagten von vornherein durch königliches Dekret Spruch zu verhängen, wie dies Louis Napoleon getan hat? Ich bin, mein Herr, Ihr sehr ergebener Diener.

Ein Preuße.“

[1] Mein Herr! Ich hoffe, die Bekanntgabe der im beifolgenden Brief aufgeführten skandalösen Tatsachen wird etwas dazu beitragen, die gegenwärtigen Zustände auf dem Festland zu beleuchten. Für die Richtigkeit der Angaben verbürge ich mich.

[2] Ein deutscher Kaufmann.

139

Manchester, 29. Januar 1852.

Lieber Marx!

Es ist ärgerlich, daß man sich auf das Geschehen von Nichts verlassen kann, was man nicht selbst tut. Durch die Dummheit unseres Ausläufers ist mein Brief an die Daily News gestern nicht abgegangen; jetzt ist es zu spät. Ich kann ihn also nur zurückhalten, bis ich sehe, ob die morgige oder Samstags-Times den Deinigen hat. Wo nicht, geht er sofort ab. In der Zwischenzeit eine Konsideration:[1] Wäre _Freiligrath_ nicht der wahre Mann für die Daily News? Ich könnte, wenn er dorthin schriebe, die Weekly Preß und den Sun versuchen. Wir zwei sind schon einmal bei der Daily News abgefahren.

Inliegend ein weiterer Artikel für Dana. Vielleicht läßt er sich, nach dem Ende der polnischen Geschichten, halbieren – besser indes wär’s, er bliebe zusammen. Teilst Du ihn, so kannst Du beide Hälften doch mit demselben Steamer schicken, da vor morgen über acht Tage kein weiterer Steamer ist. Ich will sehen, daß ich jetzt ziemlich rasch vorgehe, _say_ [sage] zwei Artikel pro Woche, um das Subjekt zu Ende zu bringen. Es wird doch 15 bis 16 Artikel werden, im ganzen.

Von Weydemeyer keine Nummern erhalten, auch keinen Brief. Das wundert mich. Ich werde ihm heute abend wieder einen Artikel zurechtmachen. –

Dein F. E.

[1] Erwägung.

140

2. Februar 1852.

Lieber Marx!

Erinnerst Du Dich eines Flüchtlings _Richter_ aus Torgau (preußisch Sachsen), Sattler und Tapezierer – der früher in London war? Dieser Mensch, den ich mich erinnere in London gesehen zu haben – groß, blond, Flüchtlingsmanieren –, kommt plötzlich hier zu mir, angeblich von Barmen zurückkehrend, wo er eine Zeitlang ohne Papiere gearbeitet haben will, und bringt Grüße von Hühnerbein usw. usw. Ich kann mich absolut nicht auf ihn besinnen, außer daß ich ihn gesehen habe. Unsere Flüchtlingsregister und Pfänders oder Rings gutes Gedächtnis werden jedenfalls etwas Näheres über ihn besagen. Ich habe eine gewisse Ahnung, daß der Kerl einer von der Willichschen Clique ist – in dem Falle schmeiße ich ihn sofort heraus.