Der Briefwechsel zwischen Friedrich Engels und Karl Marx 1844 bis 1883, Erster Band
Part 31
[8] Erkläre ihm, daß er mit dem nächsten zurückkehrenden Dampfboot genau angeben muß, was aus diesen Manuskripten geworden ist, und daß er, falls sie Verwendung gefunden haben, ersucht wird, mit derselben Gelegenheit die Nummern der Tribune, die sie enthalten, Dir zu übersenden, da hier keine Abschrift zurückbehalten wurde und wir, ohne die schon gesandten Artikel wieder vor uns, es nach so langer Zwischenzeit nicht unternehmen können, mit den weiteren Nummern der Serie fortzufahren.
[9] Deinen Nachrichten entgegensehend.
128
28 Deanstreet, Soho, 9. Dezember 1851.
_Dear Frederic!_
Ich habe Dich auf Antwort warten lassen, _quite bewildered_[1] von diesen tragikomischen Ereignissen in Paris. Ich konnte nicht wie Willich sagen: Sonderbar, man hat uns keinen Avis von Paris gegeben! Auch nicht, wie Schapper, mit dem Bierpott mich in Permanenz bei Schärttner erklären. Zur Rettung des Vaterlandes schlief Schapper mit einigen Trabanten, unter dem Vorgeben zu wachen, zwei Nächte bei Schärttner. Diese Herren, wie Löwe von Kalbe und Komp., hatten ihre _malles_[2] gepackt, aber da die Vorsicht der bessere Teil der Tapferkeit ist, beschlossen sie erst hinüberzustiefeln, sobald die Sache sich „entschieden“ habe.
Hast Du Louis Blancs Miserere gelesen? Den anderen Tag protestierte Bernard le Clubiste dagegen, dies Lamento mitunterzeichnet zu haben.
Einliegend erhältst Du einen Brief von Reinhardt aus Paris.
Pieper ist wieder hier, sehr von sich selbst entzückt. Er tritt von Rothschild aus, fährt aber fort, dort im Hause deutsche Stunde zu geben.
_Maintenant_, was soll ich Dir über die Situation schreiben? So viel ist klar, das Proletariat hat seine Kräfte geschont. Bonaparte hat einstweilen gesiegt, weil er während der Nacht das öffentliche Stimmrecht in geheimes verwandelte. Mit der, trotz aller posthumen Erklärungen von d’Argout, der Bank entwendeten Million Pfund Sterling hat er die Armee gekauft. Wird ihm der Coup noch einmal gelingen, wenn die Wahl gegen ihn ausfällt? Wird die Majorität überhaupt wählen? Die Orleans sind nach Frankreich abgereist. Es ist schwer, ja unmöglich, ein Prognostikon zu stellen in einem Drama, dessen Heros Crapulinski ist. Jedenfalls scheint mir die Situation eher verbessert als verschlechtert durch den _coup d’état_.[3] Mit Bonaparte ist leichter fertig zu werden, als es mit der Nationalversammlung und ihren Generälen möglich gewesen wäre. Und die Diktatur der Nationalversammlung stand vor der Tür.
Kostbar ist die Enttäuschung von Techow und Komp., die ohne weiteres in der französischen Armee _les apôtres de la trinité démocratique, de la liberté, de l’égalité, de la fraternité_ sahen. _Les pauvres hommes!_[4] Und die Herren Mazzini und Ledru-Rollin können sich nun auch ruhig schlafen legen. Die Katastrophe war der _downfall_[5] der Emigration. Es hat sich gezeigt, daß sie _pour rien_[6] in der Revolution ist. Die Herren hatten nämlich _beschlossen_, die Weltgeschichte zu suspendieren bis nach Kossuths Rückkehr. Apropos. Die Pennysubskription für letzteren hat exakt in London 100 d., sage Pence, abgeworfen.
Salut!
Dein K. M.
Apropos. Habe ich Dir nicht einen _französisch_ geschriebenen Brief Piepers an mich zugeschickt? Ist dies der Fall, so schicke ihn mir umgehend zurück.
[1] Ganz benommen.
[2] Koffer.
[3] Staatsstreich.
[4] Die Apostel der demokratischen Dreieinigkeit, der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit ..., die armen Teufel!
[5] Sturz.
[6] Ohne Bedeutung.
129
Manchester, 10. Dezember 1851.
Lieber Marx!
Was machen die großen Männer in dieser _eventful crisis_?[1] Man sagt, Louis Blanc sei in Frankreich arretiert, das wird leider aber nicht wahr sein, _nous connaissons notre petit bonhomme_.[2] Übrigens seit aus der Pariser Insurrektion nichts geworden ist, bin ich froh, daß der erste Sturm vorüber ist. _Tout blasé qu’on est_,[3] wird man bei solchen Gelegenheiten doch immer einigermaßen vom alten politischen Fieber gepackt und ist doch immer einigermaßen selbst beim Ausgang einer solchen Geschichte interessiert. Jetzt kann ich wenigstens wieder Menschenrassen studieren, mit deren Untersuchung ich mich beim Ausbruch dieses großen Coups beschäftigte.
Trotz alledem will übrigens weder hier noch in Liverpool die Confiance wiederkehren, und bloß P. Ermen ist ebenso übermütig und napoleonsgläubig, wie er vor vier Tagen _dejected_ und _chapfallen_[4] war. Die hiesigen Bourgeois sind im ganzen doch zu gescheit, um an eine mehr als ephemere Existenz dieser napoleonischen Farce zu glauben. Aber was soll aus all dem Dreck werden? Gewählt wird der Napoleon, das ist keine Frage, die Bourgeoisie hat keine Wahl, und wer will die Stimmzettel verifizieren? Additionsfehler zugunsten des Abenteurers sind gar zu verlockend, und die ganze Gemeinheit der französischen besitzenden Klasse, die servile Unterwürfigkeit nach dem kleinsten Sukzeß, die Kriecherei vor einem _pouvoir quelconque_[5] sind diesmal glänzender als je ans Licht getreten. Aber wie will der Esel regieren? Er bekommt weniger Stimmen als 1848, _c’est clair_,[6] vielleicht 3 _à_ 3-1/2 Millionen im ganzen; das ist schon eine für den Kredit gefährliche Niederlage. Jede finanzielle und Steuerreform ist unmöglich 1. aus Geldmangel, 2. weil ein militärischer Diktator sie nur bei erfolgreichen auswärtigen Kriegen, _où la guerre paie la guerre_,[7] durchführen kann, im Frieden aber nicht nur jedes Surplus, sondern noch viel mehr in die Taschen der Armee wandern muß, 3. weil der Napoleon zu dumm ist. Was bleibt ihm da? _La guerre?_ Gegen wen, gegen England etwa? Oder der einfache Militärdespotismus, der im Frieden notwendig zu neuer Militärrevolution führen, die Parteien der Nationalversammlung in der Armee selbst hervorrufen muß? Es ist kein Ausweg da, die Farce muß in sich selbst zusammenbrechen. Und erst wenn eine Handelskrisis kommt!
Daß Louis Napoleon mit etwas „Großem“ schwanger geht, daran zweifle ich keinen Augenblick. Was das aber für ein Unsinn sein wird, darauf bin ich begierig. Das Développement der napoleonischen Ideen wird einen sehr hohen Flug nehmen und, an den ordinärsten Hindernissen scheiternd, platt auf den Bauch fallen. – Was bei der ganzen Transaktion ziemlich klar heraustritt, ist, daß die Roten abgedankt haben, vollständig abgedankt. Jetzt von Entschuldigungen sprechen wollen, warum sie sich nicht in Masse wehrten, wäre Unsinn. Die nächsten Monate werden lehren, ob die Erschlaffung derart in Frankreich ist, daß es mehrerer Jahre bedürfte, um den Roten ein neues Achtundvierzig möglich zu machen. Aber woher soll diese Ruhe auf der anderen Seite kommen?
Ich sehe nur zwei Auswege aus dieser Sauerei:
Entweder treten jetzt die Faktionen der Ordnungspartei, in der Armee abgespiegelt, an die Stelle der „Anarchisten“, _id est_ richten eine solche Anarchie her, daß schließlich die Roten und Ledru-Rollin als solche Erlöser erscheinen wie jetzt Napoleon;
oder Louis Napoleon schafft die Getränkesteuer ab und läßt sich verleiten, einige bürgerliche Reformen zu machen – woher aber Geld und Macht dazu hernehmen, ist schwer zu sagen. In diesem sehr unwahrscheinlichen Falle könnte er sich halten.
_Qu’en penses-tu?_[8]
Dein F. E.
[1] Ereignisreiche Krisis.
[2] Wir kennen unsern kleinen Biedermann.
[3] So abgestumpft man [auch] ist.
[4] Niedergeschlagen ... bestürzt.
[5] Irgendwelche Macht.
[6] Das ist klar.
[7] Wo der Krieg den Krieg bezahlt.
[8] Was hältst Du davon?
130
Manchester, 11. Dezember 1851.
Lieber Marx!
Inliegend der Brief von Reinhardt zurück sowie der von Pieper, den ich wegen der Kölner Geschichten einstweilen zurückgehalten hatte.
An der von den Zeitungen ausposaunten großen Expedition der 700 Vagabunden nach Paris scheint nichts zu sein, und auch der kleine Louis Blanc ist nach seinem heutigen erneuerten Schmerzgeächze in der Daily News einstweilen, wenn auch angeblich nicht in London, doch in Sicherheit. Das erste Wehklagen war noch göttlich gegen das heutige. _Peuple français – noble fierté – courage indomptable – éternel amour de la liberté – honneur au courage malheureux_[1] – und damit macht der kleine Kerl einen _demi-tour à droite_[2] und predigt Vertrauen und Vereinigung des Volkes und der Bourgeoisie. _Vide Proudhon: Appel à la Bourgeoisie, pagina 2._[3] Und dies Räsonnement! Wenn die Insurgenten geschlagen worden, so kommt das daher, daß sie nicht das _vrai peuple_[4] waren; das _vrai peuple_ kann nicht geschlagen werden; und wenn sich das _vrai peuple_ nicht geschlagen hat, so kommt das daher, daß es sich nicht für die Nationalversammlung schlagen wollte; es ist da freilich einzuwenden, daß das _vrai peuple_, einmal siegreich, selbst Diktator gewesen wäre, aber daran hat es in der Überraschung nicht denken können, und dann ist es ja so oft geprellt worden!
Das ist diese alte ordinäre Demokratenlogik, die noch bei jeder Niederlage der revolutionären Partei sich breit gemacht hat. _Le fait est_,[5] meiner Ansicht nach, daß wenn sich das Proletariat diesmal nicht in Masse geschlagen hat, es sich vollständig seiner eigenen Erschlaffung und Ohnmacht bewußt war und mit fatalistischer Resignation sich so lange in den erneuerten Kreislauf von Republik, Empire, Restauration und neuer Revolution ergab, bis es eben wieder durch ein paar Jahre Misere unter der Herrschaft möglichst großer Ordnung neue Kräfte gesammelt hat. Ich sage nicht, daß dies so kommen wird, aber das scheint mir die instinktive Grundanschauung gewesen zu sein, die am Dienstag und Mittwoch und nach der Herstellung der geheimen Abstimmung und der darauffolgenden Retirade der Bourgeoisie am Freitag beim Pariser Volke vorgeherrscht hat. Es ist Unsinn, zu sagen, daß dies keine Gelegenheit fürs Volk war. Wenn das Proletariat warten will, bis ihm von der Regierung seine eigene Frage gestellt wird, bis eine Kollision eintritt, die den Konflikt schärfer und bestimmter ausspricht als im Juni 1848, da kann es lange warten. Die letzte Gelegenheit, wo die Frage zwischen Proletariat und Bourgeoisie ziemlich distinkt gestellt war, war beim Wahlgesetz 1850, und da zog das Volk es vor, sich nicht zu schlagen. Das und das ewige Hinweisen auf 1852 war schon ein Beweis von Schlaffheit, der, ausgenommen im Falle einer Handelskrise, für uns hinreichte, ein ziemlich schlechtes Prognostikon auch für 1852 zu stellen. Seit der Abschaffung des allgemeinen Stimmrechtes, seit der Verdrängung des Proletariats von der offiziellen Bühne ist es doch etwas zu viel verlangt, den offiziellen Parteien zuzumuten, die Frage so zu stellen, daß sie dem Proletariat konveniert. Und wie stand denn die Frage im Februar? Damals war das Volk gerade so _hors de cause_[6] wie jetzt. Und es ist gar nicht zu leugnen, daß, wenn die revolutionäre Partei in einer revolutionären Entwicklung anfängt, entscheidende Wendepunkte passieren zu lassen, ohne ein Wort dreinzusprechen oder, wenn sie sich einmischt, ohne zu siegen, sie mit ziemlicher Sicherheit als für einige Zeit kaputt angesehen werden kann. _Witness_[7] die Insurrektionen nach dem Thermidor und nach 1830, und die Herren, die jetzt so laut sagen, daß das _vrai peuple_ seine Gelegenheit abwarte, kommen in Gefahr, allmählich in denselben Train mit den ohnmächtigen Jakobinern von 1795 bis 1799 und den Republikanern von 1831 bis 1839 zu geraten und sich sehr zu blamieren.
Auch ist nicht zu leugnen, daß der Effekt der Herstellung der geheimen Abstimmung auf die Bourgeoisie, Kleinbürgerschaft und _au bout du compte_[8] _auch auf viele Proletarier_ (das geht aus allen Berichten hervor) ein merkwürdiges Licht auf die Courage und Einsicht der Pariser wirft. Viele haben offenbar gar nicht daran gedacht, wie albern die von Louis Napoleon gestellte Frage ist, und wo denn Garantien für die richtige Registrierung der Stimmen sind; die meisten aber müssen den Humbug durchschaut und trotzdem sich vorgeschwatzt haben, jetzt sei _all right_,[9] _bloß damit sie einen Vorwand hätten, sich nicht zu schlagen_.
Nach dem Briefe von Reinhardt, nach den täglichen neuen Enthüllungen über die Infamien der Soldaten und über ihre speziellen Exzesse auf den Boulevards gegen jeden _pékin quelconque_,[10] Arbeiter oder Bourgeois, Roter oder Bonapartist, _n’importe_[11] – nach den sich häufenden Nachrichten von lokalen Insurrektionen selbst in den entlegensten Winkeln, wo kein Mensch Widerstand vermutete, nach dem Briefe des französischen Exdeputierten und Commerçant in der gestrigen Daily News scheint allerdings der _Appel au peuple_[12] eine unangenehme Wendung für Bonaparte nehmen zu wollen. Die Masse der Bourgeoisie in Paris scheint doch dies neue Regime mit seinen oktroyierten Transportationsgesetzen nicht sehr zu relishen.[13] Der militärische Terrorismus entwickelt sich zu schnell und zu unverschämt. Zwei Drittel von Frankreich sind in Belagerungszustand. Ich glaube, daß nach all diesem die Masse der Bourgeoisie gar nicht stimmen wird, daß die ganze Stimmposse auf nichts hinauslaufen wird, denn die Gendarmen werden an allen zweifelhaften Orten, wo die Gegner Louis Napoleons in Massen stimmen, Krakeel mit den Wählern anfangen und dann der ganze Wahlprozeß dort kassiert werden. Dann erklärt Louis Napoleon Frankreich _en état d’aliénation mentale_[14] und proklamiert die Armee zur einzigen Reiterin der Gesellschaft, und dann ist der Dreck vollständig klar und Louis Napoleon mitten drin. Aber eben bei dieser Wahlgeschichte könnte die Sache sehr unangenehm werden, wenn _dann_ überhaupt noch ernsthafter Widerstand gegen eine etablierte Regierung zu erwarten wäre.
Eine Million Stimmen hat der Kerl sicher an den Beamten und Soldaten. Eine halbe Million Bonapartisten, vielleicht mehr, sind auch im Lande. Eine halbe Million, vielleicht mehr, zaghafter Bürger stimmen für ihn. Eine halbe Million dummer Bauern, eine Million Additionsfehler – das sind schon 3-1/2 Millionen, und mehr hatte der alte Napoleon nicht in seinem Empire, das das ganze linke Rheinufer und Belgien einschloß, also gewiß 32 Millionen Einwohner hatte. Warum sollte ihm das vorderhand nicht genügen? Und bekäme er die, mit vielleicht 1 Million gegen ihn, so würden die Bourgeois ihm bald zufallen. Aber vielleicht bekommt der die 2-1/2 Millionen nicht, und vielleicht, obwohl es der Ehrlichkeit der französischen Beamten viel zugemutet wäre, bringt er es nicht fertig, sich Additionsfehler bis zu 1 Million kreditieren zu lassen. Jedenfalls hängt sehr viel ab von den Maßregeln, die er gezwungen ist, inzwischen zu treffen. Übrigens, wer hindert die Beamten, ehe das Abstimmen anfängt, in die Wahlurnen ein paar hundert _oui_ zu werfen? _Il n’y a plus de presse_[15] – niemand kann’s verifizieren.
Jedenfalls ist es schlimm für Crapulinski, daß die Fonds wieder am Fallen sind, und für Louis Blanc, daß er jetzt England als freies Land anerkennen muß.
In ein paar Monaten müssen die Roten wieder eine Gelegenheit bekommen, wo sie sich zeigen können, vielleicht schon bei der Abstimmung; wenn sie dann aber wieder abwarten, dann gebe ich sie auf, und dann bringen sie es auch bei der schönsten Handelskrise zu nichts als zu einer sie definitiv für ein paar Jahre beseitigenden Tracht Prügel. Was ist denn noch an dem Gesindel, wenn es verlernt, sich zu schlagen?
Ist Pieper wieder in London? Ich habe ihm einen Auftrag wegen Büchern nach Frankfurt zu geben, und weiß nicht, ob er noch in Brighton ist.
Das schlimmste ist, daß Du jetzt mit Löwenthal auf Schwierigkeiten stoßen wirst. Es wäre am besten, wenn der Kontrakt schon abgeschlossen wäre.
_Liverpool Market – quiet at yesterdays prices; Manchester Market – firm. Some overtrading going on to the Levant. German buyers continue keeping out of the Market._[16]
Dein F. E.
[1] Französisches Volk – edler Stolz – ungebändigter Mut – ewige Freiheitsliebe – Ehre dem unglücklichen Mut.
[2] Halbe Wendung nach rechts.
[3] Siehe Proudhon: Appell an das Bürgertum, Seite 2.
[4] [Das] wahre Volk.
[5] Die Sache ist die.
[6] Außer Betracht.
[7] Zeuge, Beweis.
[8] Am Ende der Rechnung, schließlich.
[9] Alles in Ordnung.
[10] Beliebiger Zivilist.
[11] Gleichviel.
[12] Appell an das Volk.
[13] Schmackhaft finden.
[14] Im Zustand geistiger Verirrung.
[15] Es gibt keine Presse mehr.
[16] Börse von Liverpool – ruhig bei gestrigen Preisen; Börse von Manchester – fest. Ein Teil des Überflusses geht nach der Levante ab. Deutsche Käufer bleiben noch immer vom Markte fort.
131
16. Dezember 1851.
Lieber Marx!
Inliegend ein Brief von Weydemeyer, der mir heute mittag zukam. Die Nachrichten soweit ganz gut, Heinzens Blatt am Krepieren und Weydemeyer schon jetzt imstande, mit einer Wochenzeitung aufzutreten. Aber die Forderung, ihm bis Freitag abend einen Artikel zuzuschicken, ist etwas stark – besonders unter den jetzigen Umständen. Und doch schmachten die Leute gerade jetzt dort nach Räsonnements und Anhaltspunkten über die französische Geschichte, und wenn man etwas Eklatantes über die Situation sagen könnte, so wäre damit der Sukzeß des Unternehmens in der ersten Nummer zu machen. Aber das ist gerade der Haken, und wie gewöhnlich überlasse ich Dir wieder die Schwierigkeit, und was ich auch schreiben mag, jedenfalls ist’s nicht über den _Coup de tête_ von Crapulinski. Du kannst ihm darüber jedenfalls einen diplomatisch „rückenfreihaltend“ epochemachenden Artikel schreiben. Was ich tue, weiß ich noch nicht, jedenfalls versuche ich irgend etwas. Den Schnapper kann ich nicht schicken, erstens ist das erste Kapitel matt, und zweitens ließ ich das Ding ganz sein, seitdem die Geschichte anfängt, komische Romane zu schreiben – eine etwas zu gefährliche Konkurrenz. Ich werde indes einige komische Szenen mehr in den Plan aufnehmen und dann das Ding wieder anfangen – das aber paßt durchaus nicht für dort, und ohnehin will Weydemeyer Sachen haben, worunter unser Name steht. Schreibe mir umgehend, was Du zu tun gedenkst, _le temps passe_;[1] der Samstagsteamer kann nicht vor Neujahr in New York eintreffen, und das ist schlimm, noch schlimmer ist die uns gelassene kurze Galgenfrist.
Weydemeyer soll nur seine Finger so lange aus den amerikanischen Geschichten herauslassen, bis er die Namen dort richtig schreiben kann. Es ist schade, daß er nicht erst Zeit hat, sich zu orientieren und etwas Englisch zu lernen. Die „Abolutionisten“ würden für Heinzen ein famoses Fressen sein. Was Weerth angeht, so sehe ich den morgen oder übermorgen hier und werde sehen, was er leisten kann. Nächste Woche, vielleicht schon Samstag abend, bin ich in London, und wir können dann das Weitere absprechen; inzwischen ist bloß die Frage, was für die erste Nummer zu tun ist, damit kann nicht gewartet werden, und schreibe mir also umgehend, was Du zu tun gedenkst.
Weydemeyer scheint in kommerzieller Beziehung, wie nach diesem Briefe zu schließen, allerdings nach etwas „grün“ zu sein, ich werde ihm darüber die nötigen Andeutungen geben. Er kennt sein Publikum noch gar nicht.
Lupus kann auch sich gleich in Bewegung setzen, um zu sehen, was er für die erste Nummer zustande bringt, Weydemeyer wird um Material sehr verlegen sein.
Was sagst Du zu den französischen Fonds, die gestern 101,50 Franken standen – 1-1/2 Prozent über Pari –, das keilt dem Louis Napoleon Stimmen die Menge, besser als alle bezahlten Zeitungslügen. Auch die Exzesse der Bauern im Süden und Zentrum helfen ihm. Ein Teil davon ist gewiß richtig und kann von dieser Barbarenrasse gar nicht anders erwartet werden. Die Kerls kümmern sich um die Regierung usw. den Teufel, aber ihr erstes ist, dem Steuereinnehmer und Notar das Haus zu demolieren und die Frau zu notzüchtigen und ihn selbst totzuschlagen, wenn sie ihn fassen. Die Sache hat an sich _au fond_ wenig zu bedeuten und geschieht den Herren ganz recht, aber dem Napoleon jagt sie alles zu, was irgend etwas zu verlieren hat. In der Tat, die Invasion der einheimischen Barbaren, wenn sie einmal kommt, verspricht ein erheiterndes Schauspiel werden zu wollen, und wohl denen, unter deren Regierung dergleichen angenehme Geschichten vorfallen. Das Steigen der Fonds _jetzt_ ist gewiß nicht mehr Regierungsmanöver, sondern Ausdruck der in Vertrauen auf Louis Napoleon übersetzten Angst der _haute finance_ vor dem Lebendiggeschundenwerden, das der wahrhaftige Constitutionnel in so lebhaften Farben schildert! –
Also schreibe mir gleich wegen Weydemeyer.
Dein F. E.
[1] Die Zeit vergeht.
1852
132
6. Januar 1852.
Lieber Marx!
Hoffentlich wirst Du _by this time_[1] von Deinen Leiden vollkommen hergestellt sein, und ebenso hoffe ich, daß Deine Frau mir nicht länger wegen des _coup d’état_[2] zürnen wird, der Dich für zwei Tage in so tiefe Melancholie versenkte. Jedenfalls bitte ich, sie und Deine Kinder bestens von mir zu grüßen.
Ich werde für nächsten Freitagsteamer einen Artikel für Weydemeyer zurecht machen, und hoffe von Dir irgendeine _actualité_[3] für die Tribune zu erhalten, die ich sofort übersetzen werde. Bei dem Blatte hat man sich wahrhaftig nicht anzustrengen. Barnum stolziert in seinen Spalten in Lebensgröße herum, und das Englisch ist grauenhaft – sonst hat es indes auch einige gute Eigenschaften, die unsere _line_[4] übrigens nichts angehen. Kannst Du es mir bis Donnerstag – selbst mit der zweiten Post – herbesorgen, so hast Du die Übersetzung in London zeitig für Samstagsteamer, _id est_ mit der zweiten, am Freitag dort ankommenden Post. Nächste Woche werden dann die Artikel über Deutschland aufgenommen und sollen rasch vollendet werden.
Die Plattheit, mit der die Österreicher den Louis Napoleon nachmachen und sofort ihre Konstitution auch abschaffen, ist doch sehr arg. Jetzt wird es einen schönen Tanz in Preußen setzen – es ist kein Zweifel, daß Preußen von Österreich verraten und verkauft ist, und wenn es nicht auch die Konstitution abschafft, sehr leicht von einer russisch-österreichisch-französischen Allianz ekrasiert [zertreten] werden kann.
1851 hat die englische Baumwollindustrie wöchentlich 32 000 Ballen konsumiert, gegen 29 000 Ballen 1850. Das ganze Surplus, und bedeutend mehr, ist nach Ostindien und China gegangen; die Überführung dieser zwei Märkte und der Home Trade[5] nähren jetzt Manchester fast allein, da nach dem Kontinent sehr wenig geht. Das _kann_ nicht lange mehr dauern. Die Sache treibt sich hier sehr auf die Spitze, und, zum Beispiel, daß die Baumwollpreise angesichts einer unerhört großen Ernte in vollem Steigen begriffen sind, bloß in Erwartung eines noch größeren Konsums, ist doch schon bezeichnend genug.
Von Weerth hatte ich heute ein paar Zeilen aus Bradford – er erkundigt sich wegen des Hanebuch [Hamburger] Lüders, der an ihn geschrieben hat. Kannst Du mir etwas mitteilen, ob und wiefern er sich bei den dortigen Intrigen beteiligt hat, so soll’s mir angenehm sein und wird vielleicht nützlich werden. Sonst hier nichts Neues, _business with us slack_,[6] Nebel und Rauch die Masse.
Dein F. E.
[1] Nunmehr, jetzt.
[2] Staatsstreich.
[3] Tagesfrage.
[4] Abteilung, Fragengebiet.
[5] Inlandsgeschäft.
[6] Geschäftsgang bei uns matt.
133
[Undatiert, Anfang Januar 1852.]
Lieber Herr Engels!