Der Briefwechsel zwischen Friedrich Engels und Karl Marx 1844 bis 1883, Erster Band

Part 3

Chapter 33,668 wordsPublic domain

Ich war vor ein paar Tagen in Köln und Bonn. In Köln geht alles gut. Grün wird Dir von der Tätigkeit der Leute erzählt haben. Heß gedenkt in vierzehn Tagen bis drei Wochen auch dort hinzukommen, wenn er die gehörigen Gelder dazu bekommt. Den Bürgers habt Ihr ja jetzt auch da, und damit ein gehörig Konzilium. Um so weniger werdet Ihr mich nötig haben und um so nötiger bin ich hier. Daß ich jetzt noch nicht kommen kann, ist klar, weil ich mich sonst mit meiner ganzen Familie überwerfen müßte. Zudem hab’ ich eine Liebesgeschichte, die ich auch erst ins reine bringen muß. Und einer von uns muß jetzt doch hier sein, weil die Leute alle nötig haben, gestachelt zu werden, um in der gehörigen Tätigkeit zu bleiben und nicht auf allerhand Flausen und Abwege zu geraten. So ist zum Beispiel Jung und eine Menge anderer nicht zu überreden, daß zwischen uns und Ruge ein prinzipieller Unterschied obwaltet, und noch immer der Meinung, es sei lediglich persönlicher Skandal. Wenn man ihnen sagt, Ruge sei kein Kommunist, so glauben sie das nicht recht und meinen, es sei immer schade, daß eine solche „literarische Autorität“ wie Ruge unbedachtsam weggeworfen sei! Was soll man da sagen? Man muß warten, bis Ruge sich einmal wieder mit einer kolossalen Dummheit losläßt, damit es den Leuten _ad oculos_ demonstriert werden kann. Ich weiß nicht, es ist mit dem Jung doch nichts Rechtes, der Kerl hat nicht Entschiedenheit genug.

Wir haben jetzt überall öffentliche Versammlungen, um Vereine zur Hebung der Arbeiter zu stiften, das bringt famose Bewegung unter die Germanen und lenkt die Aufmerksamkeit des Philistertums auf soziale Fragen. Man beruft diese Versammlungen ohne weiteres, ohne die Polizei zu befragen. In Köln haben wir die Hälfte des Komitees zur Statutenentwerfung mit Unsrigen besetzt, in Elberfeld war wenigstens einer drin, und mit Hilfe der Rationalisten brachten wir in zwei Versammlungen den Frommen eine famose Schlappe bei; mit ungeheurer Majorität wurde alles Christliche aus den Statuten verbannt. Ich hatte meinen Spaß daran, wie gründlich lächerlich sich diese Rationalisten mit ihrem theoretischen Christentum und praktischen Atheismus machten. Im Prinzip gaben sie der christlichen Religion vollkommen recht, in der Praxis aber sollte das Christentum, das nach ihrer eigenen Aussage doch die Basis des Vereins bilde, auch mit keinem Worte in den Statuten erwähnt werden; die Statuten sollten alles enthalten, nur nicht das Lebensprinzip des Vereins! Die Kerle hielten sich aber so steif auf dieser lächerlichen Position, das ich gar nicht nötig hatte, ein Wort zu sagen, und wir doch solche Statuten bekamen, wie sie bei den bestehenden Verhältnissen nur zu wünschen sind. Nächsten Sonntag ist wieder Versammlung, ich kann aber nicht beiwohnen, weil ich morgen nach Westfalen gehe.

Ich sitze bis über die Ohren in englischen Zeitungen und Büchern vergraben, aus denen ich mein Buch über die Lage der englischen Proletarier zusammenstelle. Bis Mitte oder Ende Februar denke ich fertig zu sein, da ich durch die schwierigste Arbeit, die Anordnung des Materials, seit acht bis vierzehn Tagen durch bin. Ich werde den Engländern ein schönes Sündenregister zusammenstellen; ich klage die englische Bourgeoisie vor aller Welt des Mordes, Raubes und aller übrigen Verbrechen in Masse an und schreibe eine englische Vorrede dazu, die ich apart abziehen lassen und an die englischen Parteichefs, Literaten und Parlamentsmitglieder einschicken werde. Die Kerls sollen an mich denken. Übrigens versteht es sich, daß ich den Sack schlage und den Esel meine, nämlich die deutsche Bourgeoisie, der ich deutlich genug sage, sie sei ebenso schlimm wie die englische, nur nicht so couragiert, so konsequent und so geschickt in der Schinderei. Sobald ich damit fertig bin, geht’s an die soziale Entwicklungsgeschichte der Engländer, die mir noch weniger Mühe kosten wird, weil ich das Material dazu fertig und im Kopfe geordnet habe, und weil mir die Sache ganz klar ist. In der Zwischenzeit schreibe ich wohl einige Broschüren, namentlich gegen _List_, sobald ich Zeit habe.

Du wirst von dem Stirnerschen Buche „Der Einzige und sein Eigentum“ gehört haben, wenn es noch nicht da ist. Wigand schickte mir die Aushängebogen, die ich mit nach Köln nahm und bei Heß ließ. Das Prinzip des edlen Stirner – Du kennst den Berliner Schmidt, der in der Buhlschen Sammlung über die _mystères_[1] schrieb – ist der Egoismus Benthams, nur nach der einen Seite hin konsequenter, nach der anderen weniger konsequent durchgeführt. Konsequenter, weil Stirner den einzelnen als Atheist auch über Gott stellt oder vielmehr als Allerletztes hinstellt, während Bentham den Gott noch in nebeliger Ferne darüber bestehen läßt, kurz, weil Stirner auf den Schultern des deutschen Idealismus steht, in Materialismus und Empirismus umgeschlagener Idealist, wo Bentham einfacher Empiriker ist. Weniger konsequent ist Stirner, weil er die Rekonstruierung der in Atome aufgelösten Gesellschaft, die Bentham bewerkstelligt, vermeiden möchte, aber es doch nicht kann. Dieser Egoismus ist nur das zum Bewußtsein gebrachte Wesen der jetzigen Gesellschaft und des jetzigen Menschen, das letzte, was die jetzige Gesellschaft gegen uns sagen kann, die Spitze aller Theorie innerhalb der bestehenden Dummheit.

Darum ist das Ding aber wichtig, wichtiger als Heß zum Beispiel es dafür ansieht. Wir müssen es nicht beiseite werfen, sondern eben als vollkommenen Ausdruck der bestehenden Tollheit ausbeuten und, _indem wir es umkehren_, darauf fortbauen. Dieser Egoismus ist so auf die Spitze getrieben, so toll und zugleich so selbstbewußt, daß er in seiner Einseitigkeit sich nicht einen Augenblick halten kann, sondern gleich in Kommunismus umschlagen muß. Erstens ist es Kleinigkeit, dem Stirner zu beweisen, daß seine egoistischen Menschen notwendig aus lauter Egoismus Kommunisten werden müssen. Das muß dem Kerl erwidert werden. Zweitens muß ihm gesagt werden, daß das menschliche Herz von vornherein, unmittelbar, in seinem Egoismus uneigennützig und aufopfernd ist, und er also doch wieder auf das hinauskommt, wogegen er ankämpft. Mit diesen paar Trivialitäten kann man die _Einseitigkeit_ zurückweisen. Aber was an dem Prinzip wahr ist, müssen wir auch aufnehmen. Und wahr ist daran allerdings das, daß wir erst eine Sache zu unserer eigenen, egoistischen Sache machen müssen, ehe wir etwas dafür tun können – daß wir also in diesem Sinne, auch abgesehen von etwaigen materiellen Hoffnungen, auch aus Egoismus Kommunisten sind, aus Egoismus _Menschen_ sein wollen, nicht bloße Individuen. Oder, um mich anders auszudrücken: Stirner hat recht, wenn er „den Menschen“ Feuerbachs, wenigstens [den] des Wesens des Christentums verwirft; der Feuerbachsche „Mensch“ ist von Gott abgeleitet. Feuerbach ist von Gott auf den „Menschen“ gekommen, und so ist „der Mensch“ allerdings noch mit einem theologischen Heiligenschein der Abstraktion bekränzt. Der wahre Weg, zum „Menschen“ zu kommen, ist der umgekehrte. Wir müssen vom Ich, vom empirischen, leibhaftigen Individuum ausgehen, um nicht, wie Stirner, drin stecken zu bleiben, sondern uns von da aus zu „dem Menschen“ zu erheben. „Der Mensch“ ist immer eine Spukgestalt, solange er nicht an dem empirischen Menschen seine Basis hat. Kurz, wir müssen vom Empirismus und Materialismus ausgehen, wenn unsere Gedanken und namentlich unser „Mensch“ etwas Wahres sein sollen; wir müssen das Allgemeine vom Einzelnen ableiten, nicht aus sich selbst oder aus der Luft _à la_ Hegel.

Das sind alles Trivialitäten, die sich von selbst verstehen, die von Feuerbach schon einzeln gesagt sind, und die ich nicht wiederholen würde, wenn Heß nicht – wie mir scheint, aus alter idealistischer Anhänglichkeit – den Empirismus, namentlich Feuerbachs und jetzt Stirners, so scheußlich heruntermachte. Heß hat in vielem, was er über Feuerbach sagt, recht, aber auf der anderen Seite scheint er noch einige idealistische Flausen zu haben – wenn er auf theoretische Dinge zu sprechen kommt, geht es immer in Kategorien voran, und daher kann er auch nicht populär schreiben, weil er viel zu abstrakt ist. Daher haßt er auch allen und jeden Egoismus und predigt Menschenliebe usw., was wieder auf die christliche Aufopferung herauskommt. Wenn aber das leibhaftige Individuum die wahre Basis, der wahre Ausgangspunkt ist für unsere „Menschen“, so ist auch selbstredend der Egoismus – natürlich nicht der Stirnersche Verstandesegoismus _allein_, sondern auch der _Egoismus des Herzens_ – Ausgangspunkt für unsere Menschenliebe, sonst schwebt sie in der Luft. Da Heß jetzt bald herüberkommt, so wirst Du selbst mit ihm darüber sprechen können. Übrigens langweilt mich all dies theoretische Geträtsch alle Tage mehr, und jedes Wort, das man noch über „den Menschen“ verlieren, jede Zeile, die man gegen die Theologie und Abstraktion wie gegen den krassen Materialismus schreiben oder lesen muß, ärgert mich. Es ist doch etwas ganz anderes, wenn man sich statt all dieser Luftgebilde – denn selbst der noch nicht realisierte Mensch bleibt bis zu seiner Realisierung ein solches – mit wirklichen, lebendigen Dingen, mit historischen Entwicklungen und Resultaten beschäftigt. Das ist wenigstens das Beste, solange wir noch allein auf den Gebrauch der Schreibfeder angewiesen sind und unsere Gedanken nicht unmittelbar mit den Händen oder, wenn es sein muß, mit den Fäusten realisieren können.

Das Stirnersche Buch zeigt aber wieder, wie tief die Abstraktion in dem Berliner Wesen steckt. Stirner hat offenbar von den Freien am meisten Talent, Selbständigkeit und Fleiß, aber bei alledem purzelt er aus der idealistischen in die materialistische Abstraktion und kommt zu nichts. Wir hören von Fortschritten des Sozialismus in allen Teilen Deutschlands, aber von Berlin keine Spur. Diese superklugen Berliner werden sich noch eine _Démocratie pacifique_[2] auf der Hasenheide etablieren, wenn ganz Deutschland das Eigentum abschafft – weiter bringen es die Kerle gewiß nicht. Gib acht, nächstens steht in der Uckermark ein neuer Messias auf, der Fourier nach Hegel zurechtschustert, das Phalanstère aus den ewigen Kategorien konstruiert und es als ein ewiges Gesetz der zu sich kommenden Idee hinstellt, daß Kapital, Talent und Arbeit zu bestimmten Teilen am Ertrag partizipieren. Das wird das Neue Testament der Hegelei werden, der alte Hegel wird Altes Testament, der „Staat“ das Gesetz wird ein „Zuchtmeister auf Christum“, und das Phalanstère, in dem die Abtritte nach logischer Notwendigkeit placiert werden, das wird der „neue Himmel“ und die „neue Erde“, das neue Jerusalem, das herabfährt vom Himmel, geschmückt wie eine Braut, wie das alles des breiteren in der neuen Apokalypse zu lesen sein wird. Und wenn das alles vollendet sein wird, dann kommt die Kritische Kritik, erklärt, daß sie alles in allem ist, daß sie Kapital, Talent und Arbeit in ihrem Kopfe vereinigt, daß alles, was produziert sei, durch sie sei und nicht durch die ohnmächtige Masse – und nimmt alles für sich in Beschlag. Das wird das Ende der Berliner Hegelschen friedlichen Demokratie sein.

Wenn die Kritische Kritik fertig ist, so schicke mir ein paar Exemplare kuvertiert und versiegelt auf dem Wege des Buchhandels zu – sie wer [...] konfisziert werden. Für den Fall, daß Du meinen letzten Brief nicht erhalten haben solltest, setze ich nochmals her, daß Du mir entweder [...] für E. junior, Barmen, oder per Kuvert an F. W. Strücker und Ko., Elberfeld, schreiben kannst. Dieser Brief geht Dir auf einem Umweg zu.

Nun schreibe aber bald – es sind über zwei Monate, daß ich nichts von Dir höre –, was macht der Vorwärts? Grüße die Leute alle.

Dein [Fr. Engels.]

[1] Geheimnisse. [Es ist Eugen Sues Roman „Die Geheimnisse von Paris“ gemeint.]

[2] Die friedfertige Demokratie. [So bezeichneten sich in den vierziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts diejenigen Fourieristen, deren Haupt Victor Considérant war.]

1845

3

[Poststempel Barmen, 20. Januar 1845.]

Lieber Marx!

Wenn ich Dir nicht früher geantwortet habe, so liegt das hauptsächlich daran, daß ich auf den von Dir versprochenen Vorwärts wartete. Da das Ding indes bis jetzt noch nicht hier ist, so habe ich das Warten aufgegeben und ebenso das Warten auf die Kritische Kritik, von der ich weiter gar nichts höre. Was den Stirner betrifft, so bin ich durchaus mit Dir einverstanden. Als ich Dir schrieb, war ich noch zu sehr unter dem unmittelbaren Eindruck des Buches befangen, seitdem ich es habe liegen lassen und mehr durchdenken können, finde ich dasselbe, was Du findest. Heß, der noch immer hier ist und den ich vor vierzehn Tagen in Bonn sprach, ist nach einigen Meinungsschwankungen ebendahin gekommen wie Du; er las mir einen Artikel über das Buch vor, den er bald drucken lassen wird, worin er, ohne Deinen Brief gelesen zu haben, dasselbe sagt. Ich habe ihm Deinen Brief dagelassen, weil er noch einiges benutzen wollte, und muß ihn daher aus dem Gedächtnis beantworten. Was mein Herüberkommen betrifft, so ist daran kein Zweifel, daß ich in etwa zwei Jahren dort sein werde, auch bin ich darüber im reinen, daß ich um jeden Preis nächsten Herbst auf vier bis sechs Wochen herüberkomme. Wenn die Polizei mir mein Wesen hier legt, so komme ich ohnehin, und wie die Sachen hier stehen, kann es dem Gesindel alle Tage einfallen, unsereins zu molestieren. Wir werden an Püttmanns Bürgerbuch sehen, wie weit man etwa gehen darf, ohne gefaßt oder geschaßt zu werden. – Meine Liebesgeschichte hat ein Ende mit Schrecken genommen. Erlaß mir die langweilige Auseinandersetzung, es kann doch nichts mehr helfen, und ich habe so schon genug mit der Sache durchgemacht. Ich bin froh, daß ich wenigstens wieder arbeiten kann, und wenn ich Dir den ganzen Bettel erzählte, wäre ich für den Abend verdorben.

Das Neueste ist, daß Heß und ich vom 1. April an bei Thieme & Butz in Hagen eine Monatsschrift: „Gesellschaftsspiegel“ herausgeben und darin die soziale Misere und das Bourgeoisieregime schildern werden. Prospektus usw. nächstens. Einstweilen wird es gut sein, wenn sich der poetische „Ein Handwerker“ die Mühe geben will, uns aus der _dortigen_ Misere Material zuzuschicken. Besonders einzelne Fälle, das klappt für den auf den Kommunismus vorzubereitenden Philister. Das Ding kann mit wenig Mühe redigiert werden, für Material, um monatlich vier Bogen zu füllen, werden sich Mitarbeiter genug finden – wir haben wenig Arbeit dabei und können viel wirken. Außerdem wird Püttmann bei Leske eine Vierteljahrsschrift: Rheinische Jahrbücher überzensurgroß erscheinen lassen, worin lauter Kommunismus erscheinen soll. Du kannst Dich wohl auch dabei beteiligen. Es schadet ohnehin nichts, wenn wir einen Teil unserer Arbeiten zweimal – erst in einer Zeitschrift und dann apart und im Zusammenhang – drucken lassen; die verbotenen Bücher zirkulieren doch weniger frei, und wir haben so doppelte Chance zu wirken. Du siehst, wir haben hier in Deutschland genug zu tun, um alle diese Geschichten mit Stoff zu versehen und dabei doch größere Sachen auszuarbeiten – aber wir müssen doch klotzen, wenn wir was zustande bringen wollen, und da ist’s gut, wenn’s einem etwas auf den Fingern brennt. Mein Buch über die englischen Arbeiter wird in vierzehn Tagen bis drei Wochen fertig, dann nehme ich mir vier Wochen Zeit für kleinere Sachen, und dann gehe ich an die historische Entwicklung Englands und des englischen Sozialismus.

Was mir einen aparten Spaß macht, ist diese Einbürgerung der kommunistischen Literatur in Deutschland, die jetzt ein _fait accompli_[1] ist. Vor einem Jahre fing sie an, sich außer Deutschland in Paris einzubürgern, eigentlich erst zu entstehen, und jetzt sitzt sie dem deutschen Michel schon auf dem Nacken. Zeitungen, Wochenblätter, Monats- und Vierteljahrsschriften und eine heranrückende Reserve von schwerem Geschütz ist alles in bester Ordnung. Es ist doch verflucht rasch gegangen! Die Propaganda unterderhand war auch nicht ohne Früchte – jedesmal, wenn ich nach Köln, jedesmal, wenn ich hier in eine Kneipe komme, neue Fortschritte, neue Proselyten. Die Kölner Versammlung hat Wunder getan – man entdeckt allmählich einzelne kommunistische Cliquen, die sich ganz im stillen und ohne unser direktes Zutun entwickelt haben. – Auch das Gemeinnützige Wochenblatt, das früher mit der Rheinischen Zeitung zusammen ausgegeben [wurde], ist jetzt in unseren Händen. D’Ester hat es übernommen und wird sehen, was zu machen ist. Was uns jetzt aber vor allem not tut, sind ein paar größere Werke, um den vielen Halbwissenden, die gern wollen, aber nicht allein fertig werden können, einen gehörigen Anhaltspunkt zu geben. Mache, daß Du mit Deinem nationalökonomischen Buche fertig wirst, wenn Du selbst auch mit vielem unzufrieden bleiben solltest, es ist einerlei, die Gemüter sind reif, und wir müssen das Eisen schmieden, weil es warm ist. Meine englischen Sachen werden zwar auch ihre Wirkung nicht verfehlen, die Tatsachen sind zu schlagend, aber trotzdem wollte ich, daß ich die Hände freier hätte, um manches auszuführen, was für den jetzigen Augenblick und die deutsche Bourgeoisie schlagender und wirksamer wäre. Wir theoretischen Deutschen – es ist lächerlich, aber ein Zeichen der Zeit und der Auflösung des Nationaldrecks – können noch gar nicht zur Entwicklung unserer Theorie kommen, wir haben noch nicht einmal die Kritik des Unsinns publizieren können. Jetzt ist aber hohe Zeit. Darum mache, daß Du vor April fertig wirst, mach’s wie ich, setze Dir eine Zeit, bis wohin Du positiv _fertig sein willst_, und sorge für einen baldigen Druck. Kannst Du es da nicht drucken lassen, so laß in Mannheim, Darmstadt oder so drucken. Aber heraus muß es bald.

Daß Du die Kritische Kritik bis auf zwanzig Bogen ausgedehnt, ist mir allerdings verwunderlich genug gewesen. Es ist aber ganz gut, es kommt so vieles schon jetzt an den Mann, was sonst wer weiß wie lange noch in Deinem Sekretär gelegen hätte. Wenn Du aber meinen Namen auf dem Titel hast stehen lassen, so wird das sich kurios ausnehmen, wo ich kaum anderthalb Bogen geschrieben habe. Wie gesagt, habe ich von dem Löwental noch nichts gehört, auch nichts vom Erscheinen des Buches, auf das ich natürlich sehr begierig bin. – Gestern bekam ich den Vorwärts, von dem ich seit meiner Abreise nichts gesehen. Einige Witze von Bernays haben mich köstlich amüsiert, der Kerl kann einem so ein recht gründliches Lachen abgewinnen, was mir sonst beim Lesen selten passiert. Sonst ist es freilich schlecht und nicht interessant und belehrend genug, als daß viele Deutsche es auf die Dauer halten sollten. Wie steht es jetzt äußerlich, und ist es wahr, was ich in Köln höre, daß es in eine Monatsschrift verwandelt werden soll? Wir sind hier so fürchterlich mit Arbeit überladen, daß von hier aus nur gelegentlich Beiträge kommen können. Ihr müßt Euch dort auch angreifen. Schreibe doch alle vier bis sechs Wochen einen Artikel dafür, laß Dich nicht von Deiner Stimmung „maßregeln“. Warum schreibt Bakunin nichts, und warum ist der Ewerbeck nicht dazu zu kriegen, daß er wenigstens trivial schreibt? Der arme Bernays wird jetzt wohl im Brummstall sitzen, grüße ihn von mir und laß ihn sich den Dreck nicht zu sehr zu Herzen nehmen, zwei Monate gehen auch herum, obwohl es scheußlich genug ist. Was machen überhaupt die Bengels? Du schreibst gar nichts darüber. Ist Guerrier wieder dort, schreibt Bakunin französisch? Was treibt die ganze Bande, die im August jeden Abend den Quai Voltaire frequentierte? Und was fängst Du eigentlich an? Wie geht’s mit Deiner Stellung dort? Wohnt Fouine noch unter Deinen Füßen? Fouine hat sich ja neulich wieder im Telegraphen losgelassen. Wie sich von selbst versteht, über den Patriotismus. Es ist groß, wie er den zu Tode reitet, wie ihm alles wurst ist, wenn es ihm nur gelingt, den Patriotismus zu vernichten. Wahrscheinlich war das des Pudels Kern, den er Fröbeln nicht geben wollte. Die deutschen Zeitungen ließen neulich Fouine nach Deutschland zurückkehren wollen. Wenn’s wahr ist, so gratuliere ich, aber es kann nicht wahr sein, er müßte sich ja zum zweitenmal zur Anschaffung eines Omnibus mit Abtritt verstehen, und das geht doch nicht.

Ich sprach neulich einen, der von Berlin kam. Die Auflösung des _caput mortuum_[2] der Freien scheint vollständig zu sein. Außer den Bauers scheint auch Stirner keinen Umgang mehr mit ihnen zu haben. Der kleine Rest, Meyen, Rutenberg und Konsorten lassen sich durch nichts stören, gehen wie vor sechs Jahren täglich 2 Uhr nachmittags zu Stehely und klugscheißen über die Zeitungen. Jetzt sind sie aber doch schon bei der „Organisation der Arbeit“ angelangt, und dabei wird’s bleiben. Auch Herr Nauwerk scheint diesen Schritt gewagt zu haben, denn er eifert ja in Volksversammlungen. Ich sagte Dir ja, die Leute werden alle _Démocrates pacifiques_[3]. Dabei haben sie die Klarheit usw. unserer Artikel in den Jahrbüchern sehr „anerkannt“. Wenn mich nächstens mal wieder der Teufel reitet, so setze ich mich mit dem kleinen Meyen in Korrespondenz, man kann möglicherweise Spaß _von_ den Kerls haben, wenn auch keinen Spaß _an_ ihnen. Ohnehin fehlt einem hier alle Gelegenheit, seinen Übermut von Zeit zu Zeit auszulassen, denn ich führe Dir hier ein Leben, wie es der glänzendste Philister nur verlangen kann, ein stilles und geruhiges Leben in aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit, sitze auf meinem Zimmer und arbeite, gehe fast gar nicht aus, bin solide wie ein Deutscher, wenn das so fortgeht, so fürchte ich gar, daß der Herrgott mir meine Schriften übersieht und mich in den Himmel läßt. Ich versichere Dich, ich fange an, hier in Barmen in guten Ruf zu kommen. Ich bin’s aber auch leid, ich will Ostern weg von hier, wahrscheinlich nach Bonn. Ich hatte mich durch die Zureden meines Schwagers und die trübseligen Gesichter meiner beiden Alten noch einmal zu einem Versuch mit dem Schacher bestimmen lassen und seit vierzehn Tagen etwas auf dem Kontor gearbeitet, auch die Aussicht wegen der Liebesgeschichte veranlaßte mich mit dazu – aber ich war es leid, ehe ich anfing zu arbeiten, der Schacher ist zu scheußlich, Barmen ist zu scheußlich, die Zeitverschwendung ist zu scheußlich, und besonders ist es zu scheußlich, nicht nur Bourgeois, sondern sogar Fabrikant, aktiv gegen das Proletariat auftretender Bourgeois zu bleiben. Ein paar Tage auf der Fabrik meines Alten haben mich dazu gebracht, diese Scheußlichkeit, die ich etwas übersehen hatte, mir wieder vor die Augen zu stellen. Ich hatte natürlich darauf gerechnet, nur so lange im Schacher zu bleiben, als mir paßte, und dann irgend etwas Polizeiwidriges zu schreiben, um mich mit guter Manier über die Grenze drücken zu können, aber selbst bis dahin halte ich’s nicht aus. Wenn ich nicht täglich die scheußlichsten Geschichten aus der englischen Gesellschaft hätte in mein Buch registrieren müssen, ich glaube, ich wäre schon etwas versauert, aber das hat wenigstens meine Wut im Kochen erhalten. Und man kann wohl als Kommunist der äußeren Lage nach Bourgeois und Schachervieh sein, wenn man _nicht schreibt_, aber kommunistische Propaganda im großen und zugleich Schacher und Industrie treiben, das geht nicht. Genug, Ostern gehe ich hier fort. Dazu das erschlaffende Leben in einer ganz radikal christlich-preußischen Familie – es geht nicht mehr, ich würde auf die Dauer ein deutscher Philister werden können und das Philisterium in den Kommunismus hineintragen. – Nun laß mich nicht so lange auf einen Brief von Dir warten wie ich Dich diesmal. Grüße Deine Frau unbekannterweise und wer es sonst wert ist. Einstweilen schreibe noch hierher, man wird, falls ich schon fort sein sollte, mir Deine Briefe nachschicken.

Dein F. E.

[1] Vollzogene Tatsache.

[2] Restbestand [wörtlich: Toter Kopf].

[3] Friedfertige Demokraten [Bezeichnung des politischen Flügels der Fourieristen].

4

Barmen, 22. Februar 1845.

Lieber Marx!