Der Briefwechsel zwischen Friedrich Engels und Karl Marx 1844 bis 1883, Erster Band
Part 29
Streitkräfte der Revolution. 1. Frankreich. Hat 430 000 Mann unter den Waffen. Davon 100 000 in Algier. 90 000 nicht _présent sous les armes_[4] – ein Viertel des Restes. Bleiben 240 000 – von denen in vier bis sechs Wochen, trotz der jetzt bedeutend vervollständigten Eisenbahnen, nicht über 100 000 Mann an der belgisch-deutschen und 80 000 Mann an der savoyisch-piemontesischen Grenze erscheinen können. Sardinien wird diesmal versuchen, wie Belgien 1848, den Fels im Meere zu spielen; ob daher das piemontesische Heer, ohnehin voll sardinischer bigotter Bauernjungen – wenigstens in seiner jetzigen Gestalt mit aristokratischen Offizieren –, der Revolution so sicher ist, als Techow sich einbildet, ist sehr die Frage. Viktor Emanuel hat sich Leopold zum Muster genommen, _c’est dangereux_[5].
2. Preußen –? 3. Österreich –? das heißt, was regelmäßige, organisierte Soldaten angeht. Was Freischaren angeht, so werden sich ihrer Legion melden, natürlich zu nichts zu brauchen. Wenn in den ersten Monaten aus den abgefallenen Truppen 50 000 bis 60 000 brauchbare Soldaten zu machen sind, so ist das viel. Wo sollen in so kurzer Zeit die Offiziere herkommen?
Nach alledem ist es wahrscheinlicher, da gerade das, was Napoleon die rasche Formierung riesiger Armeen möglich machte, gute Kaders nämlich, in jeder Revolution notwendig fehlen (selbst in Frankreich), daß die Revolution, wenn sie im nächsten Jahre zustande kommt, vor der Hand entweder auf der Defensive bleiben oder sich auf hohle Proklamation von Paris aus und sehr ungenügende, blamable und schädliche _Risquons-tout_[6]-Expeditionen in größerem Maßstabe beschränken muß. Es sei denn, daß die Rheinfestungen im ersten Sturm übergehen und daß das piemontesische Heer dem Aufruf des Bürgers Techow folgt; oder daß die Desorganisation der preußischen und österreichischen Truppen sofort Berlin und Wien zu Zentren erhält, und dadurch Rußland auf die Defensive versetzt; oder daß sonst Geschichten passieren, die sich nicht vorhersehen lassen. Und darauf _à la_ Techow zu spekulieren und wahrscheinlichkeitszurechnen ist müßig und willkürlich, wie ich das in meinen eigenen Experimenten hinlänglich gesehen habe. Es läßt sich da bloß sagen, daß von der Rheinprovinz enorm viel abhängt.
[Unterschrift fehlt.]
[1] Schrecken.
[2] Mag noch hingehen.
[3] Ungewiß.
[4] Unter den Waffen anwesend.
[5] Das ist gefährlich.
[6] Der Name eines Fleckens in Belgien. [Setzen wir alles aufs Spiel.]
118
28 Deanstreet, 13. Oktober 1851.
Lieber Engels!
Weydemeyer ist am 29. September von Havre nach New York abgesegelt. Er traf daselbst Reich, der auch über See ging nach den Atlanticis. Reich war mit Schramm verhaftet worden und berichtet, daß die Polizei bei Schramm eine Kopie des Protokolls fand, worin sich die Verhandlungen befinden, die sein Duell mit Willich veranlaßten, das Protokoll desselben Abends, wo er Willich insultierte und aus der Sitzung lief. Die Sache ist von seiner Hand geschrieben und ohne Unterschrift. Die Polizei fand so heraus, daß er Schramm heißt und nicht „Bamberger“, auf dessen Paß er sich in Paris aufhielt. Andererseits hat das Protokoll zur Verwirrung des Herrn Stadthauptmann Weiß und Kompanie beigetragen, indem unsere Namen so in den Dreck verwickelt worden. Da Schramm einmal diese Dummheit begangen, ist es wenigstens erfreulich, daß der Ehrenmann direkt dafür gezüchtigt wird.
Kinkel hat also die von Amerika gesandten 160 Pfund dazu verwandt, um mit seinem Retter Schurz persönlich nach Amerika kollektieren zu gehen. Ob er gerade in diesem Augenblick der _pressure on the american money-market_[1] zur rechten Zeit kommt, scheint zweifelhaft. Er wählte den Moment so, daß er _vor_ Kossuth eintraf, und schmeichelt sich, letzteren bei irgend einer Gelegenheit im Lande der Zukunft öffentlich zu umarmen und in allen Zeitungen drucken zu lassen: Kossuth und Kinkel!
Herr Heinzen hat, durch seine Sklavenemanzipationsheulereien unterstützt, eine neue Aktiengesellschaft in New York zustande gebracht und führt sein Blatt unter etwas verändertem Titel fort.
Stechan – traue keinem Straubinger nicht – befindet sich seit mehreren Wochen hier im Gefolge von Willich-Schapper. Während das Faktum besteht, daß seine an den Dietz geschriebenen Briefe zu Hannover auf der Polizei liegen, schreibt Stechan eine Korrespondenz in die Norddeutsche Zeitung, worin er meldet, Herrn Dietz sei das Pult erbrochen (_quelle bêtise!_[2]) und so die Briefe entwendet worden. Der Spion sei, wie jetzt konstatiert, der seit langem im Dienste der Polizei befindliche Haupt aus Hamburg. Welch Glück, daß ich vor einigen Wochen jeden öffentlichen Schritt in der Angelegenheit Dietz-Stechan verhindert habe. Was den Haupt betrifft, so habe ich nichts mehr von ihm gehört und sinne vergebens auf ein Mittel, einen Brief in seine Hände zu spedieren, denn Haupt muß sich erklären. Mit Weerth habe ich’s schon einmal versucht, aber die Hausleute Haupts haben ihn immer abgewiesen unter dem Vorwand, er sei abwesend. _Que penses-tu de_[3] Haupt? Ich bin überzeugt, daß er weder Spion ist, _noch jemals Spion war_.
Edgar Bauer soll auch hier sein. Ich habe ihn noch nicht gesehen. Vor einer Woche traf Blind hier mit Gattin (Madam Cohen) ein zum Besuch der Exhibition, ist vergangenen Sonntag wieder abgereist. Ich habe ihn seit Montag nicht wiedergesehen, und zwar durch folgenden abgeschmackten Vorfall, der Dir beweist, wie sehr der Unglückliche unter dem Pantoffel steht. Heute erhielt ich einen Stadtbrief, worin er mir seine Abreise anzeigt. Am vergangenen Montag nämlich war er bei mir mit Gattin. Außerdem anwesend Freiligrath, roter Wolff (der sich nebenbei bemerkt ganz stille wieder herangeschlichen und zudem noch mit einem englischen Blaustrumpf verheiratet hat), Liebknecht und der unglückliche Pieper. Die Frau ist eine lebhafte Jüdin, und wir lachten und schwatzten ganz lustiglich, als der Vater aller Lügen die Sprache auf Religion brachte. Sie renommierte mit Atheismus, Feuerbach usw. Ich griff Feuerbach nun an, aber natürlich sehr manierlich und freundlichst. Im Anfang schien mir die Jüdin Spaß an der Diskussion zu haben, und das war natürlich der einzige Grund, warum ich mich auf dieses mir ennuyante Thema einließ. Dazwischen orakelte mein doktrinär-naseweises Echo, Herr Pieper, allerdings gerade nicht sehr taktvoll. Plötzlich sehe ich, daß die Frau in Tränen schwimmt. Blind wirft mir melancholisch vorwurfsvolle Blicke zu, sie bricht auf – und ward nicht mehr gesehen, _ni lui non plus_.[4] Solch Abenteuer habe ich in meiner langen Praxis noch nicht erlebt.
Pieper ist abgesegelt nach dem Hause Rothschild nach Frankfurt a. M. Er hat sich die sehr unangenehme Manier angewöhnt, wenn ich mit jemandem diskutiere, sich in sehr albern schulmeisterlichem Tone einzumischen.
Der Ehren-Göhringer hat mir eine _summons_ [Zahlungsforderung] auf den 22. dieses Monats geschickt wegen der alten Forderung. Gleichzeitig ist der große Mann nach Southampton gereist, um Kossuth zu empfangen. Es scheint, daß ich die Empfangsfeierlichkeiten zahlen soll.
Ich habe aus Paris zwei Briefe erhalten, einen von Ewerbeck und einen von Sassonoff. Herr Ewerbeck gibt ein unsterbliches Werk heraus: _L’Allemagne et les Allemands_.[5] Erstreckt sich von Arminius dem Cherusker (so schreibt er mir wörtlich) bis auf das Jahr des Herrn 1850. Er verlangt von mir biographisch-literarhistorische Notizen über die drei Männer: Friedrich Engels, Karl Marx und Bruno Bauer. Die Schmiererei hat schon begonnen mit dem Drucke. _Que faire!_[6] Ich fürchte, wenn man dem Kerl gar nicht antwortet, bringt er den größten Unsinn über uns in die Welt. Schreibe mir, was Du davon denkst.
An Sassonoffs Brief ist jedenfalls das Interessanteste das Datum „Paris“. Wie kommt Sassonoff in diesem diffizilen Augenblick nach Paris? Ich werde ihn um Aufschluß über dies _mystère_ bitten. Er räsoniert seinerseits sehr über Dronke, der ein _fainéant_ [Nichtstuer] sei und sich von einigen Bourgeois „_enjôler_“[7] lasse. Er habe die Hälfte des Manifestes übersetzt. Dronke habe sich zur Übersetzung der anderen Hälfte verpflichtet. Durch seine gewöhnliche Nachlässigkeit und Faulheit sei aus dem Ganzen nichts geworden. Letztere Sache sieht unserem Dronke allerdings ähnlich, wie ein Ei dem anderen. Nachdem Herr Campe meine Anerbietung zu der Broschüre gegen Proudhon, Herr Cotta und später Löwenthal die (durch Ebner in Frankfurt vermittelte) wegen meiner Ökonomie ausgeschlagen, scheint sich endlich für letztere eine Aussicht zu eröffnen. In einer Woche werde ich wissen, ob sie sich realisiert. Es ist ein Buchhändler in Dessau, auch durch Ebner vermittelt. Dieser Ebner ist ein Freund von Freiligrath.
Von der Tribune habe ich noch keinen Brief erhalten, sie auch noch nicht zu Gesicht bekommen, zweifle aber nicht, daß die Sache ihren Fortgang hat. Jedenfalls muß sich das in einigen Tagen aufklären.
Du mußt mir übrigens endlich Deine _vues_[8] über Proudhon, wenn noch so kurz, mitteilen. Sie interessieren mich um so mehr, als ich jetzt in der Ausarbeitung der Ökonomie begriffen bin. Ich habe übrigens in der letzten Zeit auf der Bibliothek, die ich fortbesuche, hauptsächlich Technologie, die Geschichte derselben, und Agronomie geochst, um wenigstens eine Art Anschauung von dem Zeug zu bekommen.
_Qu’est ce que fait la crise commerciale?_[9] Der Economist enthält Tröstungen, Beteuerungen und Ansprachen, die den Krisen regelmäßig vorausgehen. Man fühlt indessen seine Furcht, während er den anderen die Furcht auszuschwatzen sucht. Wenn Dir folgendes Buch in die Hände fällt: Johnston, _Notes on North America_, zwei Bände, 1851, so wirst Du allerlei interessante Notizen darin finden. Dieser Johnston ist nämlich der englische Liebig. Ein Atlas für physische Geographie von „Johnson“, nicht mit dem obigen zu verwechseln, ist vielleicht in einer der Buchbibliotheken Manchesters zu haben. Er enthält die Zusammenstellung sämtlicher neueren und älteren Forschungen in diesem Gebiet. Kostet 10 Guineen. Also nicht für Private berechnet. Von dem _dear_ Harney verlautet nichts. Er scheint noch immer in Schottland zu hausen.
Die Engländer geben zu, daß die Amerikaner den Preis in der Industrieausstellung davongetragen und sie in allem besiegt haben. 1. Gutta-percha. Neuer Stoff und neue Produktionen. 2. Waffen. Revolver. 3. Maschinen. Mäh-, Säe- und Nähmaschinen. 4. Daguerreotyps zum erstenmal im großen angewandt. 5. Schiffahrt mit ihrer Jacht. Endlich, um zu zeigen, daß sie auch Luxusartikel liefern können, haben sie einen kolossalen Klumpen kalifornisches Golderz ausgestellt und daneben ein goldenes Service von Virgingold.
Salut.
Dein K. M.
[1] Druck auf den amerikanischen Geldmarkt.
[2] Welche Dummheit.
[3] Was hältst Du von [Haupt]?
[4] Ebensowenig er.
[5] Deutschland und die Deutschen.
[6] Was tun?
[7] Beschwatzen.
[8] Ansichten.
[9] Was macht die Geschäftskrisis?
119
Mittwoch, 15. Oktober 1851.
Lieber Marx!
Inliegend Post Office Ordre für 2 Pfund. Partikulars wie früher. Die Geschichte mit Göhringer ist sehr fatal, Du wirst zahlen müssen. Die Gentlemen vom Country machen kurzen Prozeß, und die Handschrift ist auch da. Ich würde an Deiner Stelle so rasch wie möglich das Geld nebst Summonskosten auftreiben und dem Kerl zuschicken, _il n’y a rien à faire_,[1] und in den Gerichtshof zu gehen und sich verdonnern lassen, macht nur noch mehr Kosten und ist nicht zu angenehm. Wieviel beträgt die Summe, und was kannst Du auftreiben? Schreibe mir möglichst genau darüber, ich tue gewiß mein möglichstes, um Dir die _brokers_ [Gerichtsvollzieher] aus dem Hause zu halten, so knapp ich jetzt selbst bin.
Was den Haupt angeht, so werde ich ihn nicht eher für einen Spion halten, als bis ich Beweise davon in der Hand habe. Der Kerl mag im Cachot Bevuen [Fehler] gemacht haben, und verdächtig ist allerdings die Geschichte mit Daniels, der auf seine Denunziation hin verhaftet sein soll. Aber dies Knotengeschwätz aus der Windmillstreet ist um so alberner, als es zu gleicher Zeit mit der Erbrechung des Dietzschen Pultes laut wird.
Die Geschichte mit Blind und Gattin ist allerdings noch nie dagewesen. Tränen zu vergießen und durchzubrennen, weil Monsieur Pieper den Feuerbach schlecht macht? _C’est fort._[2]
Gebrauchst Du das Wort „_verheiratet_“ vom roten Wolff im englischen, solid bürgerlichen Sinne? Ich muß es fast glauben, da Du es unterstreichst. Das wäre doch über alle Bäume erhaben. Mr. Wolff _bon époux, peut-être même bon père de famille_![3]
Ich glaube, Du tust am besten, den Ewerbeck mit einigen mageren Notizen abzuspeisen und ihn passablen Humors zu halten, es kann zu nichts nützen, daß der Kerl in Frankreich gar zu großen Blödsinn über uns verbreitet. Der Mensch hat übrigens eine Zähigkeit in seinen Experimenten ein großer Mann zu werden, die unbegreiflich ist, da sie sogar seinen Geiz überwindet, denn das neue „Unsterbliche“ geht doch unzweifelhaft wieder auf eigene Kosten, mit Aussicht auf Absatz von 50 Exemplaren.
Von Sassonoff lasse mich weiteres hören, wenn Du von ihm hörst. Dies Abenteuer ist pikant, und Mr. Sassonoff wird äußerst verdächtig.
Ich bin gerade dran, mir aus Proudhon die nötigen Zusammenstellungen zu machen. Warte bis Ende dieser Woche, und Du erhältst ihn mit Glossen zurück. Die Rechnungen des Kerls sind wieder kapital. Wo eine Zahl ist, da ist auch ein Schnitzer.
Wie es hier mit der Krise gehen wird, ist noch nicht zu sagen. Vorige Woche ist nichts gemacht worden wegen der Königin. Diese Woche auch noch nicht viel. Der Markt hat aber eine _downward tendency_[4] bei noch festen Preisen des Rohmaterials. In einigen Wochen wird beides bedeutend heruntergehen, und wahrscheinlich, nach der jetzigen Aussicht, das Industrieprodukt verhältnismäßig mehr als das Rohmaterial, der Spinner, Weber, Drucker also wird mit geringerem Nutzen arbeiten müssen. Das ist schon sehr verdächtig. Aber der amerikanische Markt droht auszugehen, aus Deutschland sind die Berichte nicht übermäßig günstig, und wenn das so fortgeht mit dem Absterben der Märkte, so können wir den Anfang des Endes in ein paar Wochen erleben. In Amerika ist schwer zu sagen, ob die _pressure_ und die Bankrotte (zusammen 16 Millionen Dollar Passiva) schon wirklicher Anfang sind oder bloße Sturmvögel. Jedenfalls sind hier schon sehr bedeutende Sturmvögel in Gang. Der _iron trade_[5] ist ganz paralysiert, und zwei der ihn besonders mit Geld versehenden Banken – die in Newport – sind kaputt; außer den neulichen _failures_[6] in London und Liverpool jetzt ein Talgspekulant in Glasgow, und an der Londoner Stockexchange Herr Thomas Alsopp, Freund von O’Connor und Harney. Ich habe heute die Berichte aus den Woll-, Seiden- und Metallwarendistrikten nicht gesehen, _cela ne sera pas trop brillant non plus_.[7] Jedenfalls sind die Anzeichen jetzt gar nicht mehr zu verkennen und die Aussicht, ja fast die Gewißheit vorhanden, daß die kontinentalen Krämpfe des nächsten Frühjahrs mit einer ganz hübschen Krise zusammenfallen. Selbst Australien scheint wenig tun zu können, das Goldfinden ist seit Kalifornien alt und die Welt darüber blasiert. Es fängt an, ein _regular trade_[8] zu werden, und die umliegenden Märkte sind selbst so überführt, daß sie, ohne ihrem eigenen _glut_[9] besonderen Abbruch zu tun, unter den 150 000 Neusüdwalesern einen extra _glut_ zustande bringen können. –
Dein F. E.
Jones schickt mir ein Zirkular zu, er müsse noch 600 Subskribenten haben oder kaputt gehen, _mais quo puis-je faire_?[10]
[1] Es ist nichts zu machen.
[2] Das ist stark.
[3] Guter Ehemann, vielleicht sogar guter Familienvater.
[4] Tendenz nach unten.
[5] Eisengeschäft.
[6] Bankrotte, Zahlungseinstellungen.
[7] Das wird auch nicht allzu glänzend sein.
[8] Regelrechtes Gewerbe.
[9] Überfüllung.
[10] Aber was kann ich tun?
120
28 Deanstreet, Soho, 19. Oktober 1851.
Lieber Engels!
Vor einigen Tagen erhielt ich einen Brief von Dronke, worin dieser – von wegen Ausweisung angeblich – seine Ankunft in London für den 23. oder 24. dieses Monats ankündigt. Die Existenzfrage wird ihm hier näher denn je auf den Leib rücken.
Eine noch fatalere Nachricht ist die: Ich führte seit letzter Zeit die Korrespondenz mit Köln so, daß die Briefe an mich durch den Eisenbahnkonduktor Schmidt nach Lüttich besorgt, ich andererseits, unter einem Kuvert, ihm einen Brief nach Lüttich durch eine dritte Person zuschickte. Dieser Schmidt ist nun verhaftet worden, dann freigegeben, aber die Untersuchung dauert fort. In dieser Sache scheint direkter Verrat im Spiele zu sein. Der Verabredung gemäß müßte Pieper übrigens längst Nachricht aus Köln, wo Rothschilds sich einen Tag aufhielten, und aus Frankfurt geschickt haben. Statt dessen ersehe ich aus einem Briefe Ebners (aus Frankfurt) an Freiligrath, daß er, obgleich schon acht Tage in Frankfurt, noch nicht bei Ebner war, dem er einen Brief von mir zu überbringen hatte. Unser großes Pech ist, daß unsere Agenten höchst nachlässig die Sache immer betreiben, und stets als Nebensache. Die anderen sind unstreitig besser bedient. – –
Was nun den Ewerbeck betrifft, so mußt Du mir wenigstens bis zum Jahre 1845 die Dich betreffenden Notizen in etwelchen Zeilen niederschreiben.
Die plötzliche Schwenkung des Herrn Louis Bonaparte, welche Konsequenzen sie auch haben mag, ist ein Meisterstreich Girardins. Du weißt, daß dieser Herr sich in London mit Ledru-Rollin verbunden hatte, und sein Blatt wurde eine Zeitlang auch wirklich so dumm, wie es von einem Verbündeten Ledru-Rollins und Mazzinis zu erwarten steht. Unerwartet machte er den Zug mit dem _suffrage universel_,[1] wozu er mittels seiner Artikel, des Dr. Veron und persönlicher _entrevues_[2] den Bonaparte bestimmt hat. Die royalistische Konspiration ist so gebrochen. Die Wut des sonst so diplomatischen Journal des Débats beweist dies am klarsten. Alles stand unter einer Decke, Faucher, Carlier, Changarnier und selbst die edlen Berryer und Broglie, die scheinbar sich mit Bonaparte ralliiert hatten. Jedenfalls ist jetzt die „Revolution“ – in dem Sinne des Losgehens – eskamotiert. Mit dem _suffrage universel_ ist nicht daran zu denken. Herr Girardin aber liebt die revolutionäre Inszenesetzung nicht. Er hat die Royalisten und die Revolutionäre von Fach gleichmäßig düpiert, und es ist sogar noch die Frage, ob er den Louis Bonaparte nicht auch absichtlich düpiert. Denn der _suffrage universel_ wieder eingesetzt, wer bürgt dem Bonaparte für die Revision, und die Revision erreicht, wer bürgt ihm dafür, daß sie in seinem Sinne ausfallen wird? Dennoch, bei der naturwüchsigen Dummheit der französischen Bauern fragt es sich, ob der _Élu du suffrage universel_[3] als Restaurateur dieses _suffrage_ nicht wieder gewählt wird aus Dankbarkeit, namentlich wenn er _by and by_[4] liberale Minister ernennt und durch geschickte Pamphlets alles Unheil auf die konspirierenden Royalisten schiebt, die ihn gefangen gehalten während drei Jahren. Es wird von seiner Geschicklichkeit abhängen. Bonaparte weiß jetzt jedenfalls, daß ihm von der _parti de l’ordre_ kein Weizen blüht.
Eines der komischsten Intermezzos in diesem Intrigenspiel ist die melancholische Gebarung des National und des Siècle, die beide bekanntlich seit geraumer Zeit für den _suffrage universel_ geheult haben. Jetzt, wo Frankreich in Gefahr steht, es wieder geschenkt zu erhalten, vermögen sie ihr Ressentiment [Verdruß] nicht zu verbergen. Wie nämlich die Royalisten mit dem _suffrage restreint_[5] auf Changarniers, hatten sie mit demselben auf Cavaignacs Wahl gerechnet. Girardin sagt ihnen geradezu, er wisse, daß sie unter dem republikanischen Abscheu vor der Revision – die dem Bonaparte Aussicht auf Wiederwahl eröffne – nur ihren Haß gegen das _suffrage universel_ verbergen, das ihren Cavaignac und ihre ganze Koterie unmöglich mache. Der arme National _s’était déjà consolé du départ du suffrage universel_.[6]
Soviel ist sicher. Mit diesem Coup ist die Emeute für den Mai 1852 vereitelt. Höchstens könnte sie jetzt früher ausbrechen, wenn eine von den herrschenden Koterien einen _coup d’état_[7] versuchte.
Dein K. M.
[1] Allgemeines Stimmrecht.
[2] Zusammenkünfte.
[3] Erwählte des allgemeinen Stimmrechts.
[4] Nach und nach.
[5] Beschränktes [Zensus-]Stimmrecht.
[6] Hatte sich bereits über den Hingang des allgemeinen Stimmrechts getröstet.
[7] Staatsstreich.
121
25. Oktober 1851.
Lieber Engels!
Du hast doch meinen Brief vom vorigen Montag erhalten? Bei Deiner großen Exaktheit im Schreiben beunruhigt mich Dein Stillschweigen.
Von Pieper habe ich bis auf diesen Moment noch nichts gehört. Wenn ihm nichts passiert ist, ist er unverzeihlich leichtsinnig. Dronke ist noch nicht angekommen. Von Köln nichts gehört.
Einliegend ein Brief von Fischer, der als rechter demokratischer Philister schreibt. Einstweilen, _il faut le laisser faire_,[1] da nichts mehr zu ändern ist. Wenn er nur keine Dummheiten dem Kinkel gegenüber begeht. Sein Brief scheint darauf hinzudeuten.
Also, wie wir jetzt erfahren, Kinkel hatte es folgendermaßen angelegt. Von den 160 Pfund wurde Schurz auf geheime Mission geschickt nach Belgien, Frankreich und der Schweiz. Er hat dort sämtliche großen Männer, bis auf die Reichsversammler (den _late_[2] Raveaux nicht ausgenommen), den Kinkel bevollmächtigen und sie zugleich die auf die künftige deutsche Republik zu kontrahierende Schuld garantieren lassen. Die große Masse ist jetzt also vereinigt, und E. Meyen konnte in der New Yorker Staatszeitung das große Geheimnis promulgieren, daß jetzt der Sinn der künftigen Bewegung in Deutschland aufgefunden sei, nämlich das Prinzip des Volkstums. So dumm, wie dieser Mensch jetzt schreibt, schrieb er selbst in seinen blühendsten Zeiten nicht. Die Kerls sind geistig völlig bankrott. Addio!
Dein K. M.
[1] Muß man ihn gewähren lassen.
[2] Verflossen, weiland.
122
Nach dem 26. Oktober 1851.
Lieber Marx!
Wenn ich Dir nicht gleich auf Deinen Brief vom 19. antwortete, so geschah es, weil ich Weerth in einigen Tagen hier erwartete und wegen Haupt die Sachen abmachen wollte; und weil ich den Proudhon ebenfalls abschließen wollte. Letzteres wird heute und morgen abend geschehen, und Weerth war Samstag und Sonntag hier, er wird noch einige Zeit in Bradford bleiben, kann also selbst keinen Brief hinnehmen und weigerte sich auch eventuell es zu tun, da die Verhältnisse in Deutschland jetzt so brillant seien, daß man ohne weiteres bei der geringsten Veranlassung abgefaßt werde und er keine Lust hat, in diese Bundesgeschichte irgendwie verwickelt zu werden. Dies ist ihm _au fond_[1] nicht übelzunehmen. Er will mir indes einen Brief sicher an H[aupt] besorgen und verlangt nur, daß er ganz aus der Sache herausgelassen werde. Außerdem erzählte er, daß er dem H[aupt] in der letzten Zeit mehrmals begegnet und auf ihn zugegangen sei, daß dieser ihm aber jedesmal mit großer Verlegenheit plötzlich ausgewichen und durchgebrannt sei. Möglich wäre es, daß H[aupt] von seiner Familie usw. im Cachot etwas breitgeschlagen wäre und einige Geständnisse gemacht hätte, die ihm jetzt schwer auf dem Herzen liegen. Sonst meint Weerth auch, daß diese anderen Willich-Stechanschen Geschichten reine Verleumdungen seien, da H[aupt] gar keinen Grund haben könne, sich zu verkaufen.