Der Briefwechsel zwischen Friedrich Engels und Karl Marx 1844 bis 1883, Erster Band
Part 27
Am 22. August fand also die dritte Sitzung statt. Versammlung sehr zahlreich, da großer Skandal von wegen des hochverräterischen Agitationsvereins zu erwarten stand. Präsident: Meyen. Auch zugegen: Rudolf Schramm und Bucher. Die Clique Kinkel stellte den Antrag auf Bildung eines Flüchtlingskomitees. Nämlich Herr Kinkel will doch nicht als öffentlicher Mann von der Bühne treten. Er will auch nicht sich bei den ästhetisch-liberalen Bürgern Englands kompromittieren. Ein Flüchtlingskomitee ist politisch-philanthropisch, stellt außerdem Geldmittel zur Verfügung, vereinigt also alle wünschenswerten Bedingungen. Dagegen wurde von einem gewissen Hollinger und von Ulmer der Antrag gestellt, das Flüchtlingskomitee in einer allgemeinen Generalversammlung der Flüchtlinge zu wählen, worauf die Kinkelclique immer hinwies auf die Gefahr des Skandals, den die Leute hinter dem Rücken der Versammlung (nämlich wir Anonymi) machen würden. Aber sie hatten auch _Feinde vor_ sich. Von dem Agitationsklub waren nur zugegen Goegg, Sigel und sein Bruder. Goegg wurde in das Flüchtlingskomitee gewählt; das gab eine Gelegenheit, 1. den Austritt Tausenaus zu erklären, 2. die Erklärung des Agitationsvereins abzulesen, 3. schließlich nach Verlauf der Debatte ihren Gesamtaustritt anzuzeigen. Großer Sturm. _Techow und_ [Rudolf] _Schramm hunzten den Arnold Ruge schrecklich_ ab. Es wurde überhaupt sehr _geschimpft_. Goegg antwortete den anderen überlegen, griff den zweideutigen Kinkel bitter an, der nur seine Trabanten antworten ließ, sich als Großmogul den Bart strich und durch den stets um ihn wedelnden Schurz Zettel schrieb, die er, wie die Vereinbarer in Berlin, unter seinen Getreuen zirkulieren ließ und nach der Zirkulation sein Schlußvotum niederschrieb. Nur als Goegg sagte, daß der Agitationsverein seine Erklärung in den englischen Blättern publizieren werde, antwortete Kinkel _majestätisch, daß er jetzt schon die ganze amerikanische Presse beherrsche, und daß schon die Anstalten getroffen seien, in kürzester Frist auch die französische Presse seiner Herrschaft zu unterwerfen_. –
Außer diesem skandalschwangeren Thema liefen noch andere durch, die im Schoße der verbrüderten Demokraten selbst den gewaltigsten Sturm anregten, so daß es zu Faustdrohungen kam, furchtbares Toben und Geschrei, bis um 2 Uhr Mitternacht der Wirt durch Auslöschen der Lampen die Vereinbarungslustigen in undurchdringliche Nacht versenkte. Die zwei Pivots des Skandals [Rudolf] Schramm und Ulmer. Schramm nämlich in seiner Diatribe gegen Ruge machte gleichzeitig seinem Grimm gegen die Kommunisten Luft, was vielen Anklang fand, griff den Willich aufs gehässigste an und erklärte die Arbeiter für feig. Ulmer antwortete hierauf; verlangte aber seinerseits mit Hollinger – Freund von Sigel – Berufung einer allgemeinen Flüchtlingsversammlung zur Wahl eines Unterstützungskomitees. Er schuldigte Willich usw. direkt der Verschwelgung und Verschwendung der Flüchtlingsgelder an. Unaussprechlicher Tumult. Oswald Dietz springt vor, erklärt, er sei Kassierer des Flüchtlingskomitees der Great Windmillstreet und verlangt Widerruf. Ulmer erklärte, wenn die Herren es verlangten, werde er Beweise beibringen. Er widerrufe nichts. Willich in seiner bekannten Manier sucht ihn zu beschwichtigen und ladet ihn zu einer Privatauseinandersetzung auf seinem Zimmer ein. Aber Cato Ulmer bleibt unerschütterlich und sprach nicht ohne Anhang. Nebenbei bemerkt, hatte Schimmelpfennig, hinter Ulmer sitzend, während der Rede Goeggs fortwährend gegrunzt und Lärm gemacht, als auf einmal Ulmer von seinem „Genie“ ergriffen wird, sich mit ausgestreckter Faust umwendet und dem Schramm zubrüllt: „Wenn Sie, elender Pfennigfuchser, nicht endlich das Maul halten, schmeiße ich Sie zum Fenster hinaus.“ Schramm wurde blaß wie Kreide, aber mit seiner preußischen Offizierscourage zu Rate gehend, entfernte er sich in den äußersten Winkel.
Willich war während dieser denkwürdigen Farce zu verschiedenen Malen und von allen Seiten, Goegg, Schramm, Hollinger, Ulmer usw., so derb gepackt worden, daß er sechsmal erklärte, er müsse austreten, wenn man seine würdige Persönlichkeit nicht außer Spiel ließe.
Nun aber neues Element des Skandals, von uns eigens zubereitet. Nämlich die Herren, die „höheren Flüchtlinge“, wie sie sich nennen, hatten die „niedrige Emigration“ ganz außer acht gelassen. – – –
Dieser „niederen Emigration“ haben nun Rumpf und Ulmer erklärt, nächsten Freitag kämen ihre Interessen vor in dem allgemeinen Emigrationsverein. Sie werden sich sämtlich, mit Knüppeln bewaffnet, dahin begeben, um ihre Ansprüche durchzusetzen. Ich habe sie nun durch Ulmer wissen lassen, Kinkel habe 160 Pfund für sie erhalten, die er wochenlang verheimlicht [hat], und die er nun mit Willich zu teilen gedenke. Sie würden überhaupt – _et c’est vrai_[6] – nur als Firma benutzt, um die Finanzen dieser Staatsmänner auf den Strumpf zu bringen. Ulmer wird der Redner sein, und da Schramm usw. nichts von dieser Auslandssendung wissen, wird der Skandal erbaulich werden von allen Seiten.
Du darfst erst einen – später aber notwendigen – Brief an Kinkel schreiben, sobald ich Dir über die Freitagsitzung berichtet. Was Du aber gleich tun mußt, ist, an _Fischer_ nach New Orleans zu schreiben, ihm den ganzen Dreck klarzumachen und ihn wissen zu lassen, daß er nur noch unter der Firma „Freiligrath“, die ganz populär ist, Geld sammelt. Unsere Partei braucht es notwendig. Sie ist die einzig aktive, die einzig direkt mit Bundestag und Gott und Teufel im Kampfe stehende, und es fehlt uns alles Geld zur Agitation. Andererseits muß Geld geschaffen werden für unsere Eingekerkerten, die zum großen Teil durchaus ohne Mittel sind. Diese zwei Gesichtspunkte scheinen mir leicht dem Mann klar zu machen. Wenn er kann, soll er übrigens die Sammlung geheim machen, du unsere Wirksamkeit nur gestört wird durch jeden Zeitungsklatsch.
_Vale faveque._[7]
Dein K. Marx.
Bemerken muß ich noch, daß der orthodoxe Stier Schapper durchaus nicht mit „Ungläubigen“ sich einläßt, vielmehr Willich erklärt hat, sie könnten ihm eher den Kopf einreißen, als daß er zu „den Hunden“ gehe.
Wenn manchmal jetzt meine Briefe um ein paar Tage ausbleiben, geschieht es, um vollständiger zu berichten.
[1] Voran meinen Dank für Deinen Artikel.
[2] Das gemischte [gewöhnliche] Volk.
[3] Das ist mal eine gute [Idee].
[4] Unerläßliche Bedingung.
[5] Die Empörung macht den Dichter.
[6] Und das ist wahr.
[7] Lebe wohl und bleibe mir gut.
106
[?] August 1851.
Lieber Engels!
Du liest zuerst wohl den Proudhon, da ich den zurück haben muß. Den Dureau habe ich ausgezogen, soweit ich ihn brauche. –
Apropos. _Schreibe doch endlich an den Fischer in New Orleans._ (Liebknecht ist jetzt sein stehender Korrespondent.) Es ist dies um so wichtiger, als gerade aus New Orleans die Kinkels, Ruges usw. Subsidien zu ziehen gedenken. Vergiß also nicht an den Mann zu schreiben, der sich in einem Brief an Liebknecht über Dein Schweigen beklagt.
Dein K. M.
107
[Undatiert. Ersichtlich vom 26. oder 27. August 1851.]
Lieber Marx!
Die homerischen Kämpfe der großen Männer im Streben nach Einheit haben mich wunderlich erheitert. Welche Iliade!
An Fischer ist geschrieben. Es ist aber doch positiv, daß ich in dem Brief an Kinkel mit genannt bin, damit ich mich bei Fischer nicht blamiere? Die Idee mit Freiligrath ist famos, das hat gewiß Deine Frau erfunden. Den F[ischer] aufzufordern, direkt für _unsere_ Parteizwecke Geld aufzutreiben, geht durchaus nicht; kommt aber noch etwas – was ich nach diesen Erfahrungen der Amerikaner bezweifle –, so denke ich, wird mein Brief hinreichen, es in Freiligraths Hände zu spielen, _et cela suffit_.[1]
Über Proudhon morgen oder übermorgen. Weerths Anwesenheit und dann diese Schmiere, verbunden mit Kontorlasten, haben mich verhindert, das Ding ernsthaft anzufassen. Jedenfalls ist die Scharlatanerie großartig drin. Der zweite Teil, von der Liquidation an, ist bewundernswert durch die Verschmelzung der Girardinschen Reklame und der Stirnerschen Renommage. Dazu ist manches grammatisch und logisch reiner Gallimathias, von dem er selbst weiß, daß es absolut keinen Sinn hat. Dieser zweite Teil ist wirklich gar nicht ernsthaft zu behandeln, man kann’s beim besten Willen nicht.
Für die Tribune habe ich natürlich auch nichts machen können – nächste Woche Fortsetzung. Eiligst
Dein F. E.
[1] Und das genügt.
108
28 Deanstreet, 31. August 1851.
Lieber Engels!
Man verrechnet sich immer, wenn man auf entscheidende Krisen unter den demokratischen Herren rechnet. Ein Skandal, wie der vor vierzehn Tagen, erheischt mehrwöchentliche Erholung für diese _performers_.[1] Und so kam es denn gestern, Freitag den 29., zu nichts Bedeutendem.
_D’abord_.[2] Am Montag, den 25. August, wie ich Dir schon mitgeteilt, drohten Willich und Schapper mit ihrem Abtritt aus dem Flüchtlingskomitee der Great Windmill. Am folgenden Dienstag traten sie wirklich in offizieller Sitzung ab und löste sich das Komitee überhaupt in Wohlgefallen auf. Bei dieser Gelegenheit kam es zu bitteren Worten. Willich moralisierte und sittenpredigte, worauf ihm seine Laster entgegengehalten wurden. Der Hauptanklagepunkt gegen ihn aber war der, daß diesmal, wie schon bei einer früheren Gelegenheit, wo Rechenschaft abgelegt werden sollte über die Zwanzige von Pfunden, die in die Bürstenmacherei gesteckt sind, dafür gesorgt worden, daß Herr Lüssel (?), verantwortlicher Garant derselben, durchgebrannt war.
Freitag hatte sich General Sigel in der allgemeinen Sitzung der Vereinbarungslustigen eingefunden. Er hatte auf das Erscheinen der „niedrigen Emigration“ gerechnet, für die er einige gewaltige Lanzen mit Willich brach, der seiner Entrüstung über die sittenlose, früher von ihm uns gegenüber apotheosierte Lumpenherde freien Lauf ließ. Wer aber nicht erschien, war das Lumpenproletariat. Diejenigen, die sich vor den Türen des Areopag eingefunden, waren zu wenig zahlreich, um auf Erfolg rechnen zu können, und zogen sich deshalb zurück. Du weißt, daß es feige Patrone sind.
Lupus, der, aus alter Freundschaft zur Gräfin Reichenbach und ihrem ebenfalls hier anwesenden Bruder, von Zeit zu Zeit das Haus des Reichenbach frequentiert, fand gestern daselbst Herrn Techow, den er von der Schweiz her kannte. Kurz nachher erschien Willich in eigener Person und in Gesellschaft des tiefsinnigen Eduard Meyen. Lupus ging fort, als diese Größen Platz griffen.
_Voilà tout ce que j’ai à rapporter pour le moment._[3] Mit den 160 amerikanischen Pfunden hat Kinkel teils direkt, teils durch seine Anhänger den „Respektablen“ und den „_hommes d’état_“[4] eine gewaltige Meinung von seiner Macht und seinen Verbindungen beizubringen gewußt. Der edle Willich aber hat durch Auflösung des Windmillkomitees das solideste Band zerrissen, das ihn mit der „Canaille“ verklitterte. _Maintenant_,[5] was Dich anbetrifft, so ist es positiv, daß _Fischer_ Dich ausdrücklich genannt unter den Paten der 160 Pfund. General Sigel und Goegg teilten das angeblich _au secret_[6] ihrem Freund Schabelitz mit, in der Tat aber, wie ich glaube, um es Dir zukommen zu lassen. Nach meiner Ansicht hast Du nichts zu tun, als Herrn Kinkel zu schreiben, Du habest aus New Orleans die Nachricht über die Geldsendung und Deine Mitzurateziehung bei Verwendung desselben erhalten. Du fragtest ihn simplement, was mit dem Gelde geschehen oder beabsichtigt sei. Die Adresse Kinkels ist: Dr. phil. (so schreibt er sich auf seinen Visitenkarten) Kinkel, 1 Henstridge Villas, St. Johns Wood. Ich werde Dir zum Spaß einmal eine solche Visitenkarte zuschicken, die ganz Inhalt und Form einer Londoner Reklame für Heilung von Krähenaugen _and so forth_[7] hat.
Damit ich das große Ereignis nicht vergesse. In der Nummer vom 13. August kündet der unglückliche Heinzen an, daß Otto seine Kapitalien zurückgezogen und so er allein mit seinem geistigen Kapital zurückgeblieben, womit in dem industriellen Amerika ein Blatt nicht erscheinen könne. Er schreibt also eine Elegie über den Fall Hektors vor der Zeit. Und in derselben Nummer fordern Hoff und Kapp zu Aktienzeichnungen für eine neue Zeitung auf, die an die Stelle der Schnellpost treten solle. Und wie das Schicksal wunderliche Nücken hat, macht gleichzeitig die Staatszeitung dem edlen Heinzen – unter Enthüllung vieler seiner Geldgemeinheiten – einen Prozeß wegen Verleumdung, der ihn, wie er vorhersieht, in ein „Sittenverbesserungshaus“ bringen wird. _Le pauvre_ Heinzen! Auch ist dieser große Mann jetzt moralisch entrüstet über Amerika und die „gemütsarmen Yankees“ und die „Deutsch-Amerikaner“, die ihnen nachschlagen, statt an der „Humanisierung der Gesellschaft“ zu arbeiten und für die großen politisch-sozialen Enthüllungen Arnold Ruges sich zu begeistern ...
Du hast sicher schon längst aus den Journalen ersehen, daß Girardin sich mit Ledru-Rollin liiert. Der glaubte auch schon der künftige französische Großmogul zu sein. Nun hat sich aber ein Gegenkomitee Lammenais-Michel (de Bourges)-Schölcher gebildet, das die „Vereinigten Staaten von Europa“ durch die _romanischen Völker_ – Franzosen, Spanier, Italiener – bewirken will, woran sich dann die Deutschen usw. anzukristallisieren haben. – Also, die Spanier (!) sollen uns zivilisieren! _Mon Dieu_, das übertrifft nach den Karl Heinzen, der die Feuerbach und Arnold Ruge unter die Yankee zur „Humanisierung“ einführen will. Der „Proscrit“ von Ledru-Rollin attackierte bitter das rivalisierende Komitee. Sie antworteten ihm mit gleicher Münze. Was aber noch bitterer für den Großmogul _in partibus_[8] ist: In Paris fand ein Konklave der ganzen Presse statt. Der Proscrit war auch durch einen Deputierten vertreten. Zweck: Einigung über einen gemeinschaftlichen Präsidenten. Der Proscrit fiel mit seinen Anträgen durch, und es wurde rein herausgesagt, die Herren in London hätten gut schwatzen, aus Frankreich selbst müsse das Erforderliche für Frankreich geschehen, Ledru-Rollin schneide sich sehr, wenn er sich für „die wichtige Person“ halte, wofür ihn Mazzini ausgibt.
Übrigens trennte sich der Konklave unter Skandal und ohne Resultat. Die einheitssüchtige Demokratie gleicht sich überall wie ein Ei dem anderen.
Addio!
Dein K. M.
[1] Theaterspieler.
[2] Erstens.
[3] Das ist alles, was ich im Augenblick zu berichten habe.
[4] Staatsmänner.
[5] Jetzt.
[6] Vertraulich.
[7] Und so weiter.
[8] In den Landesteilen [der Ungläubigen], das heißt ohne tatsächliche Macht.
109
Montag, 1. September 1851.
Lieber Marx!
Du mußt mich abermals entschuldigen.
Erstens habe ich mit dem Proudhon noch weiter nichts anfangen können, weil ich seit vier Tagen mit den scheußlichsten Zahnschmerzen geplagt gewesen bin, die mich total unfähig machten, irgend etwas zu tun. Dazu kommt nun noch heute abend mein Bruder (den Du kennst) von London und wird mich, ich weiß nicht wie lange, am Arbeiten verhindern. _Que le diable emporte l’exposition!_[1]
Zweitens kann ich Dir die für heute versprochenen 5 Pfund erst morgen schicken, da absolut kein Geld in der Geschäftskasse ist und ich sie also erst morgen bekommen kann.
Der Triumphartikel der Lithographierten Korrespondenz über die endlich erreichte Einheit der honetten Emigration ist ja bereits durch ein neues Lamento und Ausfälle der „Preußen“ gegen die „Süddeutschen“ und den „Pommer“ Ruge in derselben Lithographierten Korrespondenz widerrufen. _Sic transit gloria_ – die Freude hat nicht lange gedauert. Es ist gut, daß wir in jedem der neuen zwei Vereine so viel Freunde haben, daß keiner von beiden uns behelligen wird.
Die Failliten haben in Liverpool und London ja schon angefangen, und der Economist trotz seiner Beweise, daß der Trade des Landes äußerst gesund, das heißt, daß das meiste Surpluskapital in der soliden Produktion angelegt ist, muß doch gestehen, daß Ostindien wieder überführt ist und im ostindischen Handel die alten Konsignations- und Vorschußgeschichten mit unveränderlicher Regelmäßigkeit wieder eingerissen sind. Nächste Woche will er uns lehren, wie man das Konsignationsgeschäft auf soliden Grundlagen betreiben kann – ich bin begierig darauf. Inzwischen verdienen die Spinner und Weber hier enorm – die meisten sind bis Neujahr engagiert, und auf dem Lande wird allgemein wenigstens bis 8 Uhr abends, also 12 bis 12-1/2 Stunden, gearbeitet, oft länger. Aus Baumwolle zu 3-3/4 bis 4-1/2 Pence pro Pfund spinnen sie Garn zu 7 bis 8 Pence das Pfund; die Spinnkosten bei diesen groben Nummern kaum 1-1/2 bis 2 Pence das Pfund, also bei einer wöchentlichen Produktion von 12 Millionen Pfund (bei 600 000 000 Pfund Einfuhr roher Baumwolle) verdient die Gesamtmasse der Spinner, wenn die groben Nummern als Norm gelten, in England wöchentlich 75 000 Pfund Sterling, jährlich 3-3/4 Millionen Pfund netto. Dasselbe ist richtig, wenn statt Nr. 6 bis 12 die Durchschnittsnummern des Garnes, 18 bis 24, angenommen werden, und manche, die bei guten Maschinen schlechtere Baumwolle anwenden können, verdienen am Pfund Garn nicht 1-1/2 Pence, sondern 2-1/2 Pence. Alles das datiert vom April und Mai, vom Fall der Baumwollpreise, und wer verhältnismäßig am meisten Twist kauft, sind die Deutschen. Wenn der Tanz losbricht – und dieser Trade dauert gewiß nicht länger als bis in den März – und zu gleicher Zeit in Frankreich ein Ulk losgeht, so werden die Deutschen es schön fühlen mit all dem unverkäuflichen Garn auf dem Hals, und das Land wird auch so gut präpariert werden.
Weihen wir eine stille Träne den Manen Brüggemanns! Unverdienteres Unglück hat wohl nie einen Biedermann getroffen – _sit illi terra levis_.[2]
Dein F. E.
[1] Der Teufel hole die Ausstellung!
[2] Möge ihm die Erde leicht sein.
110
Montag, 8. September 1851.
Lieber Marx!
Morgen geht mein Bruder fort, und ich werde dann endlich wieder zur Ruhe kommen. Ich bin die ganze Zeit über keinen Augenblick allein gewesen, und es war mir rein unmöglich, Dir die Banknote früher zu schicken als Samstag, und zwar beide Stücke mit derselben Post, da Sonntags nur eine _delivery_[1] ist. Da hierbei Gefahr der Entwendung ist, so gebe ich Dir _particulars_[2] der Note – sie war numeriert _E_ 01780, und datiert Leeds, 15. Juli 1850. Sollte sie Dir also nicht zugekommen sein, so gehe gleich auf die Bank und _stop payment_,[3] was noch frühzeitig genug sein wird. Es war eine Fünfpfundnote.
Freitag abend erhalte ich plötzlich einen Brief von meinem Alten, worin er mir erklärt, ich verbrauche viel zu viel Geld und müsse mit 150 Pfund auskommen. Ich werde mir diese lächerliche Zumutung natürlich nicht gefallen lassen, um so weniger, als sie mit der Drohung begleitet ist, nötigenfalls die Ermens anzuweisen, mir nicht mehr als diese Summe auszuzahlen.
Ich denke mit Hilfe meines Bruders und meiner Alten die Sache in Ordnung zu bringen, werde mich aber doch zunächst etwas einschränken müssen, da ich Summa Summarum hier schon 230 Pfund vermöbelt habe und bis zum November, wo ich ein Jahr hier bin, diese Summe nicht zu sehr steigern darf. Jedenfalls ist dieser neue Trick wieder sehr unangenehm und ärgert mich bedeutend, namentlich die unnoble Manier, die mein Alter dabei anschlägt. Es ist richtig, er verdient hier dies Jahr lange nicht so viel wie das vorige, aber das liegt einzig in dem schlechten Management seiner Associés, über die ich keine Kontrolle habe.
Was ist das für ein neuer Tuck in Paris? Diesmal scheint die Clique Hippopotamus ins Pech geraten zu sein; was ich von den deutschen verhafteten Namen kenne, sind lauter alte Weitlingianer aus der Epoche von 1847 und früher. Es scheinen da mehrere Mogeleien durcheinander zu laufen. Der schwäbische Heiland scheint sich auch unter den Glücklichen zu befinden. _Tant mieux pour lui._[4] Was Du erfährst, teile mir mit.
Wie deutsche Blätter melden, sollen die Kölner nicht vor die nächsten – Oktober – Assisen kommen.
Morgen oder übermorgen mehr.
Dein F. E.
[1] Auslieferung.
[2] Einzelheiten.
[3] Verhindere die Auszahlung.
[4] Um so besser für ihn.
111
Donnerstag, 11. September 1851.
Lieber Marx!
Ich hatte gehofft, Dir heute einen Artikel für Amerika fertig machen zu können. Da fehlen mir noch zirka drei bis vier Seiten daran. Ich muß also auf die morgige Post verzichten, wenn ich aber nicht irre, geht Mittwoch ein Collins Steamer, und damit kann der Artikel gehen und dann Freitag der dritte nachfolgen. Ich werde mich danach erkundigen. Ich halte _in the present moment_[1] dies amerikanische Geschäft, das ja positiv Geld einbringt, für pressanter als den Proudhon, von dem ich nicht weiß, ob er es ebenso sicher und rasch einbringt, daher habe ich dies zuerst vorgenommen. Solltest Du anderer Meinung sein, so schreibe.
Meinen Brief von Montag wirst Du erhalten haben.
_En attendant tes nouvelles._[2]
Dein F. E.
[1] Im gegenwärtigen Augenblick.
[2] Deinen Nachrichten entgegensehend.
112
28 Deanstreet, Soho, Samstag, 13. September 1851.
Lieber Engels!
Du hast doch meinen Brief während der Anwesenheit Deines Bruders erhalten? Ich frage, da Du ihn nicht erwähnst, nicht wegen seines Inhaltes. Er enthielt nur Klatsch, obgleich es gut ist, daß auch dieser archiviert wird. Aber in fremde Hände möchte ich ihn doch nicht geraten wissen.
Deine verschiedenen Briefe, eingeschlossen der fünfpfundige, sind hier richtig angekommen.
Kinkel macht jetzt seine Rundreise durch Nordengland. War er noch nicht in Manchester?
Nach dem in meinem letzten Schreiben Erwähnten hat sich wenig hier zugetragen. Gestern (Freitag) vor acht Tagen erklärte Graf Reichenbach seinen Austritt aus dem allgemeinen Flüchtlingsverband. Auch Du, Brutus? Sigel usw., die noch nicht definitiv ausgetreten waren, sind es jetzt. Willich aber macht einen Feldzug gegen das „Lumpenproletariat“ unter den Flüchtlingen. Über die gestern abend gehaltene Sitzung habe ich noch keinen Bericht erhalten.
Auch das italienische Komitee hat sich gespalten. Eine bedeutende Minorität ist ausgetreten. Mazzini erzählt mit Kummer dies Ereignis in der Voix du Peuple. Hauptanlässe sollen sein: _D’Abord Dio. Ils ne veulent pas du dieu. Ensuite, et c’est plus grave, ils reprochent à Maître Mazzini de travailler dans l’intérêt autrichien en prêchant l’insurrection_, das heißt _en la précipitant. Enfin: Insistent sur un appel direct aux intérêts matériels des paysans italiens, ce qui ne peut se faire sans attaquer de l’autre côté les intérêts matériels des bourgeois et de la noblesse libérale, qui forme la grande phalange mazzinienne._[1] Diese letztere Sache ist durchaus wichtig. Wenn Mazzini oder wer sonst an die Spitze der italienischen Agitation sich stellt, diesmal nicht _franchement_ und _immédiatement_ die Bauern aus _métayers_[2] in freie Grundeigentümer verwandelt – die Lage der italienischen Bauern ist scheußlich, ich habe die Schandwirtschaft jetzt gründlich durchgeochst –, so wird die österreichische Regierung im Falle der Revolution zu galizischen Mitteln ihre Zuflucht nehmen. Schon hat sie im Lloyd gedroht mit „gänzlicher Umwandlung des Besitzstandes“ und „Vernichtung des unruhigen Adels“. Wenn dem Mazzini noch nicht die Augen aufgehen, so ist er ein Rind. Allerdings kommen die Agitationsinteressen hinein. Wo die 10 Millionen Franken hernehmen, wenn er die Bourgeois vor den Kopf stößt? Wie den Adel in seinen Diensten behalten, wenn ihm ankündigen, daß es sich zunächst um seine Expropriation handelt? Das sind Schwierigkeiten für solchen Demagogen aus der alten Schule.