Der Briefwechsel zwischen Friedrich Engels und Karl Marx 1844 bis 1883, Erster Band
Part 25
[27] Die reine Demokratie oder die direkte Regierung.
[28] Läuft auf Unmöglichkeit und Widersinn hinaus.
[29] Wahnsinn.
[30] V. Studie. Die Liquidation der Gesellschaft. 1. Die Nationalbank.
[31] Gemeinnütziges Institut.
[32] Den Einzelkapitalen [das] Gewerbe des Diskontierens ...
[33] Annuitäten, Jahresabzahlungen.
[34] Abzug vom Hauptbetrag als Jahreszahlungen.
[35] Hypothekenschulden. Einfache Schulden. „Die Zinsen aller hypothekarischen, schlechthin handschriftlichen Schuldscheine und Kommanditanteile werden auf 1/4 oder 1/2 Prozent festgesetzt. Abzahlungen können nur in Gestalt von regelmäßigen Jahresraten gefordert werden. Die Jahresabzahlung für alle Summen unter 2000 Franken wird 10 Prozent, für alle Summen über 2000 Franken 5 Prozent sein. Um die Abzahlung der Schuldscheine zu erleichtern und die Funktion der einstigen Geldverleiher zu ersetzen, wird eine Abteilung der Bureaus der nationalen Diskontobank Bodenkreditbank: das Maximum ihrer Vorschüsse wird jährlich 500 Millionen betragen.“
[36] Unbewegliches Eigentum: Gebäude.
[37] „Jede als Miete geleistete Zahlung wird in Abschlagszahlung auf das betreffende Eigentum abgeändert, welches auf das Zwanzigfache des Mietpreises abgeschätzt wird. Jede Terminzahlung hat für den Mieter die Geltung eines proportionellen, unteilbaren Anteils an dem von ihm bewohnten Hause und der Gesamtheit der zu Vermietungszwecken benutzten und dem Wohnbedürfnis der Staatsbürger dienenden Gebäude. Das auf diese Weise abgezahlte Eigentum wird im entsprechenden Maße als Gerechtsame der kommunalen Verwaltung übertragen, die auf Grund der Abzahlung im Namen der Masse der Mieter Hypothek und erstes Vorrecht nimmt und ihnen allen für immer die Wohnung zum Kostenpreis des Gebäudes garantiert. Die Gemeinden können nach Belieben mit den Eigentümern behufs sofortiger Liquidation und Zurückzahlung der vermieteten Besitzungen verhandeln. In diesem Fall und um der gegenwärtigen Generation die Herabsetzung der Mietpreise zuteil werden zu lassen, können die betreffenden Gemeinden eine sofortige Herabsetzung der Miete der Häuser, in bezug auf die sie abgeschlossen haben, in der Weise eintreten lassen, daß die Tilgung erst in 30 Jahren abläuft. Für die Reparaturen, den Betrieb und die Unterhaltung der Gebäude, sowie für die Errichtung neuer Gebäude werden die Gemeinden mit den Maurergesellschaften oder Bauarbeitergenossenschaften gemäß den Prinzipien und Regeln des neuen sozialen Vertrags verhandeln. Die Eigentümer, die ihre Häuser selbst bewohnen, behalten das Eigentum so lange, wie sie das in ihrem Interesse betrachten.“
[38] Bodeneigentum. „Jede Bezahlung von Bodenzins für die Ausnutzung eines Grundstücks erwirbt dem Pächter einen Eigentumsanteil am Grundstück und bedeutet für ihn eine Hypothek. Das völlig abgezahlte Bodeneigentum untersteht sofort der Gemeinde, die an die Stelle des vormaligen Eigentümers tritt und mit dem Pächter das formale Eigentumsrecht und den Reinertrag teilt. Die Gemeinden können nach Bedarf und Belieben mit den Eigentümern, welche dies wünschen, für den Rückkauf der Reststücke und die sofortige Abzahlung der Grundstücke verhandeln. In diesem Falle wird auf Antrag der Gemeinden für die Ansiedlung von Landbauern und die Abgrenzung gesorgt werden, wobei man sehen wird, soviel als möglich einen Ausgleich zwischen Umfang und Güte der Grundstücke zu treffen und die Bodenzinsgebühr dem Ertrag anzupassen. Sobald das Grundeigentum vollständig abgezahlt sein wird, werden sich alle Gemeinden der Republik zu dem Zweck ins Einvernehmen setzen, alle Verschiedenheiten in der Güte der Bodenstücke sowie die Zufälle der Bodenbewirtung untereinander auszugleichen. Der Teil des Bodenzinses, auf den sie von den Stücken, die auf ihrem Gebiet liegen, Anspruch haben, wird für diesen Ausgleich und die allgemeine Versicherung benutzt werden. Von diesem Zeitpunkt an werden die landbesitzenden Arbeiter, die infolge eigener Bewirtung ihrer Grundstücke ihren Eigentumstitel bewahrt haben, den neuen [Bedingungen] angepaßt, demselben Bodenzins unterworfen und mit denselben Rechten ausgestattet werden, so daß der Zufall der Lokalität und der Erbschaften niemand begünstigt und die Wirtschaftsbedingungen für alle gleich sind. Die Grundsteuer wird abgeschafft, die Politik der Bodenbewirtung ist auf die Gemeinderäte übergegangen.“
[39] VI. Studie. Organisation der ökonomischen Kräfte. 1. Kredit.
[40] Was den Personalkredit anbetrifft, so wird er in den Arbeiterkompanien und den landwirtschaftlichen und gewerblichen Gesellschaften seinen Betrieb finden.
[41] „Bodeneigentum.“
[42] Ohne die geringste Befürchtung den Eigentümern erlauben, ihr Eigentum nach Belieben zu verkaufen, zu übertragen, zu veräußern, in Umlauf zu setzen. Dank den Erleichterungen der Abzahlung in Annuitäten kann der Wert von Immobilien endlos geteilt und ausgetauscht sowie allen denkbaren Formveränderungen unterzogen werden, ohne daß vom Gegenstand selbst etwas abgeteilt wird. Die landwirtschaftliche Arbeit widerstrebt der Form der Sozietät.
[43] Arbeitsteilung, Kollektivkräfte, Maschinen. Arbeiterkompanien. Jede Industrie, Unternehmung oder Bewirtung, die von Natur die vereinte Beschäftigung einer großen Zahl von Arbeitern verschiedener Spezialitäten erfordert, ist dazu bestimmt, die Stätte einer Arbeitergesellschaft oder Kompanie zu werden. Dort aber, wo das Produkt ohne das Zusammenwirken verschiedener Spezialitäten, durch die Tätigkeit eines Individuums oder einer Familie erzielt werden kann, hat die Assoziation keine Stätte.
[44] Arbeiterkompanien. Jedes in einer Assoziation beschäftigte Individuum hat ein unteilbares Recht am Eigentum der Kompanie; es hat das Recht, nacheinander alle Ämter derselben zu versehen; seine Erziehung, sein Unterricht und seine Anlernung müssen so gestaltet werden, daß sie es seinen Anteil an den widerwärtigen und schweren Frondiensten leisten lassen, es eine Reihe von Arbeiten und Kenntnissen erlernen machen und ihm zur Zeit der Reife eine enzyklopädische Fähigkeit und ein ausreichendes Einkommen sichern; die Ämter unterliegen Wahlen und die [Dienst- usw.] Ordnungen sind der Annahme durch die Genossenschafter unterstellt; der Lohn wird im Verhältnis gesetzt zur Natur des Amtes, zur Wichtigkeit der Begabung und zur Größe der Verantwortung; jeder Genossenschafter wird an den Gewinsten und den Lasten der Kompanie im Verhältnis seiner Dienstleistung beteiligt; jedem steht es frei, seine Rechnung abzuschließen und seine Ansprüche zu liquidieren, und die Kompanie ihrerseits hat das Recht, zu jeder Zeit neue Mitglieder aufzunehmen.
[45] Zwei Probleme: das der Kollektivkraft und das der Arbeitsteilung.
[46] Konstituierung [Feststellung] des Wertes: Organisation des billigen Marktes.
[47] Verteuerung der Waren.
[48] Willkürliche Bestimmung des Preises.
[49] Der gerechte Preis stellt mit Genauigkeit dar: a. den Betrag der Produktionskosten gemäß dem amtlich ermittelten Durchschnitt der freien Produzenten; b. den Lohn des Händlers oder die Entschädigung für den Vorteil, dessen sich der Verkäufer durch die Fortgabe des betreffenden Artikels beraubt.
[50] Auf verschiedene Weise bestehen: sei es, daß die Konsumenten, die den gerechten Preis genießen wollen und zugleich Produzenten sind, sich ihrerseits gegenüber dem Händler verpflichten, ihm ihre Produkte zu den gleichen Bedingungen zu liefern, wie das die verschiedenen Pariser Arbeitergenossenschaften üben; sei es, daß die betreffenden Konsumenten sich damit begnügen, dem Verschleißer eine Prämie oder noch besser einen Absatz zu verbürgen, der groß genug ist, ihm ein Einkommen zu sichern.
[51] Im Namen der Interessenten, die er vorläufig vertritt, die Departements und Gemeinden im Namen ihrer betreffenden Einwohner erklären sich, um allen den gerechten Preis und die gute Qualität der Produkte und Dienste zu sichern, bereit, den Unternehmern, welche die vorteilhaftesten Bedingungen bieten, entweder einen Zins für die in ihren Unternehmungen verwendeten Kapitale und Materialien, oder ein festes Gehalt, oder, wo dies angeht, eine genügende Menge von Aufträgen zu verbürgen. Die Bewerber wiederum machen sich anheischig, die Produkte und Dienste, zu denen sie sich verpflichten, nach allen Anforderungen der Konsumenten zu liefern. Übrigens bleibt der Konkurrenz alle Bewegungsfreiheit vorbehalten. Sie müssen die Grundbestandteile ihrer Preise, die Art der Ablieferung, die Dauer ihrer Verpflichtungen, ihre Mittel der Ausführung angeben. Die Angebote werden unversiegelt innerhalb der vorgeschriebenen Fristen eingereicht, dann je nach der Wichtigkeit des Kontraktes acht Tage, vierzehn Tage, einen Monat, drei Monate vor der Zusprechung geöffnet und veröffentlicht. Nach Ablauf jedes Vertrags wird zu neuen Ausschreibungen geschritten.
[52] Außenhandel.
[53] Die Zölle herabsetzen.
[54] VII. Studie. Auflösung der Regierung in die ökonomische Organisation. Die Gesellschaft ohne Autorität. Es werden ausgemerzt die Kulte, die Justiz, die Administration, die Polizei, der öffentliche Unterricht, der Krieg, die Marine usw.
101
[Undatiert. Etwa 10. August 1851.]
Lieber Marx!
Die Schnellpost hat mich sehr ergötzt. Seit langer Zeit hatte ich keine so perfekte Salbaderei gelesen wie „A. Ruge an K. Heinzen“. Ich hätte nicht geglaubt, daß selbst zwei Esel wie Ruge und Heinzen aus dem dreijährigen Revolutionsstrudel so ganz unverändert und mit allen alten Phrasen, lächerlichen Manieren, Wendungen usw. usw. behaftet, auftauchen könnten wie diese zwei. Es ist der Clown der Kunstreitergesellschaft, der nach den halsbrechendsten Sprüngen aufs neue seinen Diener macht und sagt: _here we are again!_[1] und dann die ganze alte Leier seiner altbekannten Schnurren mit der größten Unbarmherzigkeit abermals ableiert. Ich sehe den literarischen Laxiermichel Ruge leibhaftig vor mir, wie er ernsthaft erklärt, daß „die gründliche Antwort auf die Tyrannei, die Anarchie und den Hochverrat ... eben der Geniestreich ist, auf den es ankommt“, und dann diesen Geniestreich selbst vollzieht, indem er entdeckt, daß der moderne Klassenkampf die _secessio plebis_[2] ist, woran sich ungezwungen anknüpfen jener römische Schulmeister, dessen Namen ich vergessen, seine Fabel vom Magen und den Händen und andere dergleichen anmutige Tertianer- und Konrektorenerinnerungen mehr. _Impayable_[3] ist der Kerl, wo er einmal auf die „Verhältnisse“ zu sprechen kommt und dann gleich begütigend hinzusetzt: „Du weißt, ... daß ich unter den Verhältnissen nichts anderes verstehe als die Gedanken, welche jetzt die Köpfe der Menschen beherrschen!“ Die lahmen Versuche, geistreich-maliziöse Anspielungen zu machen, scheitern vollständig. Der Kerl ist so geschickt, daß jeder merkt, er hat _malice_ auf jemand, aber auf wen und weshalb, und das sonstige Wie und Warum, das kriegt keiner heraus. Wenn der große Ruge als reiner Hanswurst sich herauswickelt, so ist der große Heinzen nicht weniger brillant in seiner in Permanenz erklärten Rüpelhaftigkeit. Die Manier, mit der der Kerl in seiner Note seinen alten Blödsinn über Kommunismus am 23. Juli 1851 dem Publikum mit genau denselben Worten wieder aufzudrängen sucht, wie im Sommer 1847 in der Deutschen Brüsseler Zeitung, ist von einer namenlosen Unverschämtheit.
_Et pourtant_[4] – die Kerle sind gezwungen, die Überlegenheit unserer Sachen durch ihre fortwährende Beschäftigung mit ihnen und noch mehr durch den Einfluß anzuerkennen, den diese Sachen trotz aller Hartnäckigkeit und Wut unbemerkt auf sie ausüben. Wo ist eine Phrase in der ganzen Sudelei, die nicht ein Plagiat, eine mißverstandene Entstellung unserer Sachen, eine durch sie hervorgerufene Anregung enthält!
Über den Londoner Ausgleichungsversuch hat Herr Meyen oder Herr Faucher in die halboffizielle Manteuffelsche Lithographierte Korrespondenz in Berlin einen albernen Artikel setzen lassen – bloß wir zwei hielten noch zusammen usw., die anderen seien alle einig und gegen uns. Von Freiligrath oder Wolff ist keine Rede. Der große Willich scheint sich nach der Auflösung der Armee der Zukunft wieder veranlaßt zu sehen, sich bei den großen Männern aller Parteien „als Charakter“ Anerkennung zu verschaffen – er soll ja bei ihren Versammlungen gewesen sein. _A quoi tous ces coups de désespoir ont-ils abouti?_[5] Und ist der große Sigel bei Dir gewesen?
Die Herren haben, wie ein von Julius mir zuadressierter deutscher Sozialtiftler aus Dessau mich eben versichert, dort verbreitet, Du schriebst in die Neue Preußische Zeitung, nach eigenem Geständnis; Du habest das Herrn Louis Drucker (!) selbst gesagt. _En voilà une bonne!_[6]
Was den Proudhon angeht, so scheint der Mann ja Fortschritte zu machen. Die Phasen, durch die sich sein Unsinn entwickelt, nehmen jedenfalls erträglichere Gestalt an, und Herr Louis Blanc mag sich an diesen „_hérésies_“[7] die Zähne ausbeißen. _Au bout du compte_[8] kommt also Herr Proudhon jetzt auch dahin, daß der wahre Sinn des Eigentumsrechtes in der verkleideten Konfiskation alles Eigentums durch einen mehr oder weniger verkleideten Staat besteht und daß der wahre Sinn der Abschaffung des Staates die verstärkte Staatszentralisation ist. Oder was sind _toutes les communes de la république qui s’entendent pour égaliser entre elles les différences de qualité des terrains ainsi que les accidents de la culture_,[9] mit ihren notwendigen Zubehören und Konsequenzen anders?
Wenn ich morgen Zeit habe, weiteres über diesen Sonderling. Den Artikel für Freitag kann ich diese Woche unmöglich liefern. Schreibe mir aber, und bald, in welcher Art er sein soll – ob ein einzelner beliebiger Artikel, oder ob Du eine Reihe haben willst, und zweitens, wie das Zeugs zu halten ist, denn ich kenne die _politics_ der New York Tribune durchaus nicht näher, als daß sie amerikanische Whigs sind. Und was Du sonst noch in dieser Beziehung mir mitteilen kannst, um mir auf die Beine zu helfen.
Dein F. E.
[1] Da sind wir wieder.
[2] Auszug der Plebejer.
[3] Unbezahlbar.
[4] Und doch.
[5] Was haben alle die Verzweiflungsstreiche ausgerichtet?
[6] Das ist mal eine gute [Geschichte], das heißt etwas Heiteres.
[7] Ketzereien.
[8] Am Ende des Dinges.
[9] Alle Gemeinden der Republik, die sich zu dem Zweck ins Einvernehmen setzen, alle Verschiedenheiten in der Güte der Bodenstücke, sowie die Zufälle der Bodenbewirtung untereinander auszugleichen.
102
[Undatiert. Etwa den 11. August 1851.]
Lieber Marx!
Gestern in meinen Glossen über Proudhon gestört, fahre ich heute fort. Ich abstrahiere einstweilen von den vielen Lücken des Rezepts, zum Beispiel, wie man nicht sieht, in welcher Weise die Fabriken aus den Händen der Fabrikanten in die der _compagnies ouvrières_[1] übergehen sollen, da zwar der Zins und die Grundrente, aber nicht der Profit abgeschafft wird (die Konkurrenz bleibt ja bestehen); ferner, was aus den großen Grundbesitzen werden soll, die ihr Land durch Lohnarbeiter exploitieren lassen, und andere dergleichen Mängel. Um über das Ganze als theoretisches _ensemble_[2] urteilen zu können, müßte man das Buch selbst haben. Ich kann also nur insofern eine Meinung aussprechen als ich die einzelnen Maßregeln in ihrer Praktikabilität, _le cas échéant_[3] betrachte und zugleich untersuche, inwiefern sie zur Zentralisation der gesamten Produktivkräfte geeignet sind. Und auch hierzu müßte man eigentlich das Buch selbst haben, um alle _développements_[4] zu sehen.
Daß Herr Proudhon endlich zur Einsicht der Notwendigkeit der mehr oder minder versteckten Konfiskation gekommen ist, ist, wie schon gesagt, ein Fortschritt. Es fragt sich nun, ob sein Konfiskationsvorwand praktikabel ist; denn wie bei allen diesen bornierten Kerls, die sich selbst vorlügen, dergleichen Gewaltmaßregeln seien keine Konfiskation, ist eben dieser Vorwand der _pivot_[5] des Ganzen. „Der Zins wird auf 1/2 oder 1/4 Prozent erniedrigt.“ Wie, davon sagen Deine Auszüge bloß, daß der Staat oder die unter der Hand und unter anderem Namen mit dem Staate verschmolzene Bank 500 Millionen Franken jährlich auf Hypotheken zu diesem Zins auspumpen soll. Ich schließe zudem, daß diese Herabsetzung graduell geschehen soll. Ist der Zins einmal so niedrig, so wäre die jährliche Abtragung aller Schulden usw. mit 5 bis 10 Prozent _per annum_[6] natürlich leicht. Aber den Weg, um dahin zu kommen, gibt Herr Proudhon nicht an. Hierbei fällt mir unsere neuliche Debatte über Herabsetzung des Zinsfußes durch Deinen Plan ein, eine ausschließlich privilegierte Nationalbank mit Monopol der Papiercurrency[7] und Ausschluß des Goldes und Silbers von der Zirkulation zu etablieren. Ich glaube, daß jeder Versuch, den Zinsfuß rasch und stetig herunterzudrücken, scheitern muß an der in jeder Revolution und Geschäftsstockung steigernden Notwendigkeit des Wuchers, des Kreditgebens an momentan geklemmte, in Verlegenheit schwebende, also momentan unsolide Leute. Wenn auch der Teil des Zinsfußes, der für wirkliche Remuneration des Leihens gilt, durch Masse von Kapital zu drücken ist, so bleibt der Teil, der die Assekuranz der Rückzahlung repräsentiert, und der gerade in der Krisis enorm steigt. In jeder Revolution sind die Kaufleute der Regierung dankbar, die ihnen, nicht zu 1/4 oder 1/2 Prozent, sondern zu *5 Prozent* pumpt. Vergleiche 1848, Darlehenskassen usw. Der Staat und jede große zentralisierte Staatsbank kann aber, solange sie ihre Zweigbanken nicht bis in die kleinsten Nester organisiert und ihren Beamten lange kommerzielle Praxis gegeben hat, nur dem großen Commerce pumpen – sie pumpte sonst ins Blaue hinein. Und der kleine Commerce kann seine Waren ihr nicht verpfänden wie der große. _Donc_,[8] erstes Resultat jeder Herabsetzung des Zinses für die Regierungsvorschüsse = Vergrößerung des Profits der großen _commerçants_[9] und allgemeine Hebung dieser Klasse.
Der kleine Commerce würde nach wie vor gezwungen sein, sich an Zwischenhändler zu wenden, denen die Regierung zu 1/2 Prozent vorschösse, damit sie zu 5 bis 10 Prozent wieder ausleihen könnten. Das ist unvermeidlich – der kleine Commerce bietet keine Garantie, kann kein Pfand stellen. Also auch nach dieser Seite Hebung der großen Bourgeoisie – indirekte Herstellung einer großen Wucherklasse, Bankiers auf untergeordneter Stufe.
Die ganze ewige Dringerei der Sozialisten und Proudhons auf Herabsetzung des Zinses ist meiner Ansicht nach ein verklärter frommer Bourgeois- und Kleinbürgerwunsch. Solange Zins und Profit in umgekehrtem Verhältnis stehen, so lange kann sie nur zur Steigerung des Profits führen. Und solange es unsolide, garantielose und gerade deswegen erst recht geldbedürftige Leute gibt, so lange kann die Staatspumperei die Privatpumperei nicht aufheben, also nicht den Zinsfuß herabsetzen für alle Transaktionen. Der Staat, der zu 1/2 Prozent pumpt, würde gerade so dastehen gegenüber dem Wucherer, den er mit Geld versorgt, wie die französische Regierung von 1795, die 500 Millionen Steuern in Assignaten einnahm und sie für 3 Millionen wieder ausgab und, bloß um ihren „Kredit“, der schon klatsch war, zu erhalten, die Assignaten[10] in den Steuerzahlungen für voll, für das 200fache ihres direkten Wertes annahm – wie diese Regierung gegenüber den Güterspekulanten und _agioteurs_[11] von damals.
Proudhon ist zu naiv. Der _crédit personnel trouve_ oder _doit trouver son exercice dans les compagnies ouvrières_.[12] Das heißt das Dilemma entweder der Direktion und schließlich Administration und Reglementierung dieser Kompanien durch den Staat, was Proudhon doch nicht will, oder die Organisation des famosesten Assoziationsschwindels, des Schwindels von 1825 und 1845, reproduziert auf der Stufe des Lumpenproletariats und Kleinbürgertums. – Die allmähliche Herabsetzung des Zinsfußes durch kommerzielle und Zwangsmaßregeln so zur Hauptsache machen zu wollen, daß durch Verwandlung der Zinszahlung in Rückzahlung alle Schulden usw. liquidiert und alles reelle Vermögen in Händen des Staates oder der Kommunen zentralisiert wird, scheint mir vollständig impraktikabel 1. aus den angeführten Gründen; 2. weil es viel zu lange dauert; 3. weil das einzige Resultat, bei fortdauerndem Kredit des Staatspapiers, die Verschuldung des Landes an Ausländer werden müßte, da alles rückgezahlte Geld ins Ausland wandern würde; 4. weil es, selbst die Möglichkeit der Sache im Prinzip zugegeben, Unsinn wäre, zu glauben, _Frankreich_, _la République_, könne dies gegen England und Amerika durchführen; 5. weil der auswärtige Krieg und die _pressure of the moment_[13] im allgemeinen dergleichen systematische langsame, auf 20 bis 30 Jahre verteilte Maßregeln und vollends Geldzahlungen rein unsinnig macht.
Praktisch scheint mir die Geschichte nur die Bedeutung zu haben, daß man in einem gewissen Moment der revolutionären Entwicklung mit Hilfe einer Monopol-Staatsbank allerdings dahin kommen kann, zu dekretieren: Artikel 1: der Zins ist aufgehoben oder auf 1/4 Prozent beschränkt; Artikel 2: die Zinsraten werden wie bisher fortbezahlt und gelten als Rückzahlung; Artikel 3: der Staat hat das Recht, alle Immobilien usw. zum kuranten Taxwert zu kaufen und mit 5 Prozent in 20 Jahren abzuzahlen. Dergleichen _kann_ vielleicht als direkter letzter Vorläufer der unverhohlenen Konfiskation einmal brauchbar werden; aber das [es] ist reine Spekulation, darüber zu grübeln, wann, wie und wo.
Jedenfalls ist dies Proudhonsche Buch, wie es scheint, viel irdischer als seine früheren – auch die _constitution de la valeur_[14] nimmt eine fleischlichere Gestalt an: die des _juste prix des boutiquiers_.[15] _Quatre francs, Monsieur, c’est le plus juste prix!_[16] Was die Aufhebung der Douane und die des Zinses miteinander zu tun haben, ist nicht klar. Daß Proudhon seit 1847 den Übergang von Hegel zu Stirner so vollständig gemacht hat, ist auch ein Fortschritt. Sage noch, daß er die deutsche Philosophie nicht versteht, wenn er sie bis auf die letzte Verfaulungsphase an seinem Kadaver durchmacht!
Schreibe bald und sage, was Du von Obigem hältst.
Dein F. E.
[1] Arbeiterkompanien.
[2] Zusammengehöriges.
[3] Den Fall gegeben.
[4] Entwicklungen.
[5] Angelpunkt.
[6] Für das Jahr.
[7] Papiergeld.
[8] Somit.
[9] Händler, Geschäftsleute.
[10] Staatspapiergeld, Kassenscheine.
[11] Geldhändler, Geldspekulanten.
[12] Der persönliche Kredit soll seinen Betrieb in den Arbeiterkompanien finden.
[13] Druck der Augenblicksumstände.
[14] Konstituierung des Wertes.
[15] Reelle Preis der Kleinkaufleute.
[16] Vier Franken, mein Herr, das ist der reellste Preis.
103
28 Deanstreet, Soho, 14. August 1851.
Lieber Engels!
Ich schicke Dir in ein oder zwei Tagen den Proudhon selbst, den Du mir aber, sobald gelesen, zurückschickst. Ich will nämlich – von wegen des Geldes – zwei bis drei Bogen über das Buch drucken lassen. Du teilst mir deswegen Deine Ansicht ausführlicher mit, als Du sonst im Raschschreiben pflegst.
Der Proudhonsche Witz – und das Ganze ist vor allem eine Polemik gegen den Kommunismus, so viel er auch davon stiehlt und so sehr er ihm in Cabet-Blancscher Verklärung erscheint – resümiert sich meiner Ansicht nach auf folgendes Räsonnement: