Der Briefwechsel zwischen Friedrich Engels und Karl Marx 1844 bis 1883, Erster Band

Part 21

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Willich begegnete vor einigen Tagen dem Bamberger, den er früher einmal gesehen hatte. Kam auf ihn zu. Drückte ihm die Hand [und sagte]: „Ich war drei Wochen sehr krank. Konnte das Haus nicht verlassen. Die Revolution marschiert famos. Namentlich hier in London sind wir sehr tätig. Zwei neue Filialvereine gestiftet. Schapper wirkt ungeheuer.“

Ein andermal mehr. Nächste Woche werde ich mich auf der Bibliothek ernsthaft für Deine Quellen zu Louis Blanc umsehen.

Dein K. Marx.

Meine Frau läßt bestens grüßen. Sie war wütend, daß der N. uns so zudringlich gleich auf den Hals kam.

Übrigens schenkst Du der Post immer einen _Stamp_. _One will do._[8]

[1] Aber, was komisch anmutet.

[2] Wir werden ihn um Aufklärungen über diesen sonderbaren Umstand ersuchen. Im besten Fall ist es kein Geniestück von seiten dieses Knirpses.

[3] In irgendeiner Weise.

[4] Um so besser für uns.

[5] Wunderbarerweise ... Halbjahrs-Fahrschein [in diesem Falle wahrscheinlich eine Dauerkarte für die Weltausstellung].

[6] Angeboren, auch Eingeborener [Anspielung auf Heinzens Deutschtümelei].

[7] Unglückselige.

[8] Briefmarke. Eine genügt.

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5. Mai 1851.

Lieber Engels!

Ich schicke Dir hier nachfolgend eine Kopie des Artikels über die Anwendung der Elektrizität auf die Agrikultur, wörtlich englisch. Du bist so gut und schreibst mir umgehend, 1. was Du von der Sache hältst. 2. Erkläre mir die Geschichte, da ich nicht ganz klug daraus werde, _in plain German_.[1]

„Ein Feld wird in längliche Vierecke, je 76 Yards[2] lang und 40 Yards breit geteilt, die deshalb jedes einen Acre[3] umfassen. Das Umstehende ist der Plan eines solchen Vierecks.

A G D +-------------------+-------------------+ | | V | | | i | | | e | | | z | | | i | | | g | Nord E +-------------------+-------------------+ F Süd | Sechsund|siebzig Yards | | | Y | | | a | | | r | | | d | | | s | +-------------------+-------------------+ B H C

An jedem der Punkte _A_, _B_, _C_ und _D_, werden Pflöcke in die Erde getrieben. Die Außenlinien stellen starke Eisendrähte vor, die von Pflock zu Pflock gehen, an jedem Pflock befestigt, und so miteinander verbunden sind, daß sie ein Viereck von Draht bilden, das 3 Zoll unter die Oberfläche eingesenkt ist. An den Punkten _E_ und _F_ sind 15 Fuß hohe Stangen angebracht. Ein Draht ist mit dem unter der Oberfläche sich befindenden Querdraht beim Punkt _E_ verbunden, die Stange entlang bis nach oben, und dann durch die Mitte des Vierecks bis zur Spitze der Stange bei _F_ gezogen, von wo er diese entlang nach dem Querdraht unter der Oberfläche gezogen und bei dem genannten Punkt befestigt wird. Wir müssen hierbei bemerken, daß das Viereck so gerichtet sein muß, daß es von Norden nach Süden läuft, so daß der Draht, der von _E_ nach _F_ geht, einen rechten Winkel mit dem Äquator bildet. Es ist wohlbekannt, daß eine beträchtliche Menge von Elektrizität in der Atmosphäre erzeugt wird und mit der Bewegung der Erde beständig von Osten nach Westen geht. Diese Elektrizität wird von dem Draht angezogen, von _E_ zu _F_ gespannt auf die Drähte übertragen, die von den Punkten _A_, _B_, _C_ und _D_ das Viereck unter der Oberfläche des Bodens bilden .... Jede Menge von Elektrizität, die gebraucht wird, kann dadurch erzeugt werden, daß man unter dem Boden bei dem Punkt _G_ einen Sack Holzkohlen und an dem Punkt _H_ Platten von Zink befestigt und diese beiden so durch einen Draht verbindet, der ähnlich wie der bei _E_ und _F_ über zwei Stangen geht und den _F_ Längsdraht kreuzt, der von den letztgenannten Punkten ausgeht. Die Kosten, zu welchen diese Einrichtung hergestellt werden kann, werden auf ein Pfund für den Acre berechnet, und man hat berechnet, daß sie 10 bis 15 Jahre dauert, wenn die Drähte sorgfältig aufgehoben und jedes Jahr wieder an ihre Stelle gesetzt werden.

Die Stangen werden aus Hartholz gemacht. In dem Maße, wie die Fläche ausgedehnt wird, vermindern sich die Kosten. Die Art, wie das Stück Land angelegt wird, ist die folgende. Mit einem Seemannskompaß und abgemessenen Längen Bindfaden messe man die Plätze aus für die Holznadeln, an welche der _eingegrabene_ Draht befestigt wird, indem er durch schmale Schließhaken läuft. Es muß darauf geachtet werden, daß der eingegrabene Draht die Längsseite entlang richtig mittels des Kompasses von Norden nach Süden und die Breitseite entlang richtig von Osten nach Westen gelegt wird. Dieser Draht muß zwischen zwei und drei Zoll tief in die Erde gesenkt werden. Die Linien des eingegrabenen Drahtes sind dann fertig. Der hochliegende Draht muß an beiden Enden mit dem eingegrabenen Draht verbunden sein. Eine Holznadel mit einem Schließhaken muß daher eingetrieben werden und die beiden Stangen – die eine von 14, die andere von 15 Fuß – müssen mittels des Kompasses richtig nach Norden und Süden eingestellt, der Draht über sie gezogen und je an den Holzstäben befestigt werden, jedoch gleicherweise an diesen Punkten den eingegrabenen Draht berühren. Der obengespannte Draht muß auch fest angezogen werden, sonst wird der Wind ihn zerreißen.“

Dies die Geschichte.

Die deutschen Zentralmänner haben sich zum xtenmal vereinigt, und so erscheint eine Annonce von General Haugh, die wieder für den 10. Mai die Erscheinung seines „Kosmos“ ankündigt, unter Mitarbeit der Herren Ruge, Kinkel, Ronge usw. Das wird schön werden.

Eben bringt Tupman [Pieper] einen Brief von Miquel, woraus hervorgeht, daß die deutschen Demokraten – auch einige Kommunisten – an der Spitze das Bremer Schundblatt von Ruge, unermüdlich in ihren Verleumdungen gegen mich sind, und derartiges frißt natürlich bei dem deutschen Philister und Straubinger reißend um sich. Die Kerls müssen doch eine Heidenangst vor mir haben, daß sie jetzt schon alle Mittel aufbieten, um mir den Aufenthalt in Deutschland unmöglich zu machen.

Dein K. M.

Jones hielt gestern eine wirklich famose Vorlesung gegen das _cooperative movement_,[4] worin er _de front_[5] sein eigenes Publikum attackierte. Er sagte mir, daß aus dem Blatt mit Harney wohl nichts werden wird, da mit dessen Frau kein Geschäft abzuschließen ist. Er wird einstweilen auf seine Faust ein Magazin herausgeben.

[1] Verständlichem Deutsch.

[2] Englisches Längenmaß = 91,4 Zentimeter.

[3] Acker beziehungsweise Morgen.

[4] Genossenschaftsbewegung.

[5] Ins Gesicht.

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[Undatiert. Jedenfalls Anfang Mai 1851.]

Lieber Marx!

Morgen oder übermorgen erhältst Du die Post Office Ordre. Unser Buchhalter hat heute wieder kein _Cash_.[1]

Seit wann gebrauchst Du zu Deinen Briefen das inliegende schöne Siegel – oder ist was damit passiert?

_Il paraît donc_,[2] daß die ganze Neue Rheinische Zeitung diesen Sommer in London zusammensitzen wird, _moins_[3] vielleicht Freiligrath und den Honorarius Bürgers. Daß Lupus definitiv kommt, freut mich sehr. Ich weiß übrigens positiv, daß die Geschichte mit den _Alien-Offices_[4] an der Grenze hier jetzt noch weit weniger streng ist als früher und daß daher der ganze Skandal wegen des Verbots, Flüchtlinge hierher zu schicken, der purste Humbug ist.

Die Unterschrift des Alrauns [Dronke] zu der Genfer Adresse ist höchst sonderbar – eine _bévue inconcevable_[5] –, neuer Beweis, daß man _a sharp look-out after these young men_[6] haben muß und daß sie kurz gehalten werden müssen. Es kann nur eine _bévue_ sein, die Briefe des Kerlchens waren übereifrig, und vielleicht hat er geglaubt, einen famosen Geniestreich zu machen. Man muß ihn scharf inquirieren, rüffeln und ihm empfehlen: _surtout pas de zèle_![7]

Nächstens werde ich Dir eine ökonomische Abhandlung von Wellington aus dem Jahre 1811 mitteilen, über _free trade_ und Monopol im Kolonialhandel. Das Ding ist kurios, und da es die spanischen Kolonien betrifft und nicht die englischen, so kann er den _freetrader_ spielen, obwohl er gleich im Anfang mit einem aristokratisch-militärischen Fanatismus über die Kaufleute schimpft. Er dachte nicht, daß er diese Prinzipien nachher auf die englischen Kolonien anwenden helfen müßte. Aber das ist der Witz. Dafür, daß der alte Irländer unverdienterweise Napoleon besiegte, hat er später vor Cobden erliegen müssen und _en économie politique_[8] durch das kaudinische Joch des _free trade_ passieren. Die Weltgeschichte gibt doch zu sehr vielen angenehmen Betrachtungen Anlaß!

Die Auflösung der Londoner demokratischen provisorischen Regierung für Deutschland hat mich mit Kummer erfüllt. So eine schöne Gelegenheit für die Esel, sich vor dem öffentlichen Gelächter zu erhalten, findet sich sobald nicht wieder. Dafür eröffnet der große Franz Raveaux in der Kölnischen Zeitung wieder seine Klüngelpolemik mit Herrn Paul Franck und anderen Tröpfen. Er ist wieder reif, in irgend ein Nationalnarrenhaus gewählt zu werden und zu sagen: „Meine Herren, hück hat die Stadt Köllen ener jroßer Dag erlebt!“

Ich bin übrigens moralisch überzeugt, daß der Willich und Komp. über einen großartigen Plan zur Revolutionierung Englands während der Exhibition brüten, obwohl es ebenso sicher ist, daß sie keinen Finger rühren werden. Wird nichts Vereinzeltes bleiben!

Die zweite Marke auf meinen Briefen ist für späte Aufgabe. Ich kann für diesen _Stamp_ anderthalb Stunden nach Schluß der gewöhnlichen Post den Brief noch mit demselben Zuge fortbekommen. Übrigens zahlt dies die Firma.

Dein F. E.

[1] Bargeld.

[2] Es scheint also.

[3] Außer.

[4] Ausländerbureaus.

[5] Unbegreiflicher Schnitzer.

[6] Ein scharfes Auge auf diese Jünglinge [haben].

[7] Insbesondere keinen Übereifer.

[8] In der Volkswirtschaftspolitik.

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Freitag, 9. Mai 1851.

Lieber Marx!

Ich schickte Dir gestern zwei Briefe, den einen ohne anderen Inhalt als eine Post Office Ordre, den anderen durch Pieper. Du hast beide hoffentlich erhalten.

Die elektrische Geschichte ist einfach, was die Konstruktion anbetrifft. An den vier Ecken _A B C_ und _D_ – ich setze voraus, daß Du die Zeichnung dort hast – werden Pflöcke in die Erde geschlagen und ein starker Draht drei Zoll unter der Erdoberfläche von einem dieser Pflöcke zum anderen gezogen, so daß er unter der Erde das ganze Feld umspannt. Bei _E_ und _F_, Norden und Süden, werden zwei Pfähle in die Erde geschlagen, deren Spitzen fünfzehn Fuß über der Erde ebenfalls durch einen Draht verbunden werden. Die beiden Enden des Drahtes laufen am Pfahl hinab und werden unter der Erde mit dem verdeckten Draht _A B C D_ verbunden. Ebenso ein Querdraht von _G_ bis _H_ auf zwei Pfählen, der in der Mitte den Draht _E F_ kreuzt. Was der Sack Holzkohle und die Zinkplatten sollen, ist mir nicht ganz klar, da ich die elektrische Beschaffenheit der Holzkohle vergessen habe – ich vermute, durch diese Holzkohle bei _G_ und den Zink bei _H_, die beide ebenfalls vergraben und mit dem großen vergrabenen Draht in Verbindung stehen, will der Kerl die Elektrizität polarisieren, einen positiven (Zink) und negativen (Kohle) Pol herstellen.

Der Rest bezieht sich auf technische Geschichten, Isolierung der Drähte usw.

Da Du mir weiter nichts schreibst, so vermute ich, daß sich die Geschichte auf irgend ein Experiment bezieht, ich glaube, Du sprachst mir davon, daß im Economist oder so etwas davon gestanden hat. Mir ist der Erfolg der Sache etwas zweifelhaft, doch mag was damit zu machen sein, wenn man das Ding ausdehnt und verbessert. Es fragt sich nur 1. wieviel Elektrizität sich in der Weise aus der Luft abfassen läßt, und 2. wie diese Elektrizität auf Wachstum und Keimen der Pflanzen wirkt. Laß mich jedenfalls wissen, ob das Experiment schon gemacht ist und mit welchem Erfolg, und wo der Bericht darüber steht.

Zwei Haken hat die Sache jedenfalls:

1. Will der Kerl den Draht, der die Elektrizität abfassen soll, genau Nord und Süd gelegt haben, und schreibt doch den Farmers vor, ihn nach dem Kompaß zu legen. Von der Deklination des Kompasses, die hier in England zirka 20 bis 23 Grad beträgt, spricht er gar nicht, und er müßte jedenfalls sagen, ob er sie in Anschlag gebracht hat. Die Farmers wissen jedenfalls von Deklination nichts und würden den Draht nach der Magnetnadel legen, wo er dann nicht von Nord nach Süd, sondern von Nord-Nord-West nach Süd-Süd-Ost zeigen würde.

2. Wenn die Elektrizität eine befördernde Wirkung auf das Keimen und Wachsen der Pflanzen hat, so wird sie im Frühjahr die Pflanzen zu _früh_ keimen machen und sie Nachtfrösten usw. aussetzen. Dies müßte jedenfalls sich zeigen und dem wäre nur abzuhelfen, indem man während des Winters die Kommunikation der schwebenden und der vergrabenen Drähte unterbräche. Auch davon spricht der Mann nicht. Entweder aber ist die so abgefaßte Elektrizität ohne alle befördernde Wirkung oder sie hat die des Zufrühtreibens. Auch das muß aufgeklärt werden.

Die Sache läßt sich übrigens nicht beurteilen, bis sie probiert ist und Resultate da sind, und deswegen sage mir, wo ich das Weitere über diesen Gegenstand finden kann.

Ich danke dem Schöpfer in der Höhe, daß die Zentralesel sich wiedergefunden haben, und selbst ihren Kosmos gönne ich ihnen. Wir werden doch bald wieder ein Organ haben, soweit wir’s brauchen, und wo wir alle Angriffe zurückweisen können, ohne daß es scheint, als ginge dies von uns aus. Das ist ein Vorzug der beabsichtigten Kölner Monatsschrift vor unserer Revue.

Daß die Schimpfereien in Deutschland nicht weniger Fortgang finden als in Amerika und London, ist nicht anders zu erwarten. Du hast jetzt die stolze Position, von zwei Welten zugleich attackiert zu werden, was dem Napoleon nie passiert ist. Übrigens sind unsere Freunde in Deutschland Esel. Daß sie von bloßen Schimpfereien keine Notiz nehmen, als alle Vierteljahr zwei Worte über den Stand dieses sauberen Trade zu geben, ist ganz in Ordnung. Aber wenn es zu Verleumdungen kommt, wenn sich der demokratische Philister nicht mehr mit der einfachen Überzeugung begnügt, daß man das schwärzeste Ungeheuer ist, sondern wenn er anfängt, mit erlogenen und entstellten Tatsachen um sich zu werfen, dann wäre es wahrhaftig nicht zu viel, wenn einem die Herren das Dokument einschickten, damit man seine Maßregeln treffen kann. Aber der Deutsche glaubt genug getan zu haben, wenn er dergleichen Unsinn simplement _nicht glaubt_. Laß den Pieper deswegen an M[iquel] schreiben. Es ist nicht einmal nötig, daß man gleich antwortet, sondern wenn man des Zeugs ein paar Dutzend Stück hat, kann man einmal tüchtig losfahren und die Wanzen _d’un seul coup de pied_[1] ekrasieren. Was das angeht, daß sie uns den Aufenthalt in Deutschland unmöglich machen wollen – _laissons-leur ce plaisir_![2] Sie können die Neue Rheinische Zeitung, das Manifest und _tutte quante_ nicht aus der Geschichte herausstreichen, und all ihr Heulen hilft ihnen nichts. Die einzigen Leute, die uns in Deutschland gefährlich werden könnten, wären Meuchelmörder, und seit der Gottschalk tot ist, hat keiner in Deutschland die Courage, uns dergleichen Leute auf den Hals zu schicken. _Et puis_,[3] haben wir uns nicht auch 1848 in Köln unsere Stellung erst erwerben müssen, und _lieben_ wird uns der demokratische rote oder selbst kommunistische Mob doch nie.

Ich freue mich, daß Du Ruhe hast bis jetzt vor den Ausstellungsleuten. Ich kriege sie schon auf den Hals. Gestern waren zwei Kaufleute aus Lecco hier, der eine ein alter Bekannter von 1841. Die Österreicher wirtschaften schön in der Lombardei. Nach all den Kontributionen, wiederholten Zwangsanleihen, dreimal im Jahre immer wieder eingeforderten Steuern, kommt endlich Regelmäßigkeit hinein. Die mittleren Kaufleute in Lecco müssen 10 000 bis 24 000 Zwanziger (350 bis 700 Pfund) jährlich zahlen – an direkten regelmäßigen Steuern, alles _hard cash_.[4] Da mit dem nächsten Jahre die österreichischen Banknoten dort auch eingeführt werden sollen, will die Regierung vorher alles Metallgeld herausziehen. Dabei wird der hohe Adel – _i gran ricchi_[5] – und die Bauern verhältnismäßig _sehr geschont_ – _il medio liberale_,[6] die liberale Mittelklasse der Städte muß alles zahlen. Du siehst die Politik der Kerls. Daß bei diesem Drucke – in Lecco haben sie eine Erklärung unterzeichnet und an die Regierung geschickt, daß sie nicht mehr zahlen; daß man sie pfänden solle, daß sie aber, wenn dies System nicht aufhöre, alle auswandern würden, und mehrere sind bereits gepfändet –, daß dabei die Kerls auf Mazzini warten und erklären, es _müsse_ losgehen, weil sie es nicht länger aushalten könnten, _perché rovinati siamo e rovinati saremo in ogni caso_[7] – das begreift sich. Dies erklärt manches in der Wut der Italiener, loszuschlagen. Diese Kerls hier sind alle Republikaner, und zwar lauter angesehene Bourgeois – der eine ist der erste Kaufmann in Lecco und zahlt selbst 2000 Zwanziger monatlich Steuern. Er wollte platterdings wissen, wann es losgehe, sie hatten es unter sich in Lecco – dem einzigen Orte, wo ich populär bin – ausgemacht, daß ich das aufs Haar wissen müßte.

Morgen den Wellington, an dem mich diese Kerls gehindert haben.

Dein F. E.

Dieser Brief ist mit Siegellack und unserem Firmasiegel _E. & E._ gesiegelt. Du wirst also sehen, ob er erbrochen.

[1] Mit einem einzigen Fußtritt.

[2] Lassen wir ihnen das Vergnügen.

[3] Und dann.

[4] Bares (Hart-)Geld.

[5] Die sehr Reichen.

[6] Die liberale Mittelschicht.

[7] Weil wir auf jeden Fall ruiniert sind und sein werden.

84

London, 16. Mai 1851.

Lieber Engels!

Deinen Brief, der vorgestern ankam, erhielt ich zu spät, um ihn noch zu beantworten. Ich war nämlich schon auf dem Museum, ehe der _postman_ erschien, und kehrte erst um 7 Uhr abends nach Hause zurück. Gestern aber konnte ich Dir mit dem besten Willen nicht schreiben, da ich solche Unterleibsschwierigkeiten hatte, daß mir fast der Kopf sprang, wie dem Freiligrathschen Neger die Trommel.

Die vorige Konfusion kommt einfach daher, daß ich einem der beiden Bummler sofort auf Deinen ersten Brief ein Schreiben an Dich zur Besorgung an Dich auf die Post gab. Er hatte es verbummelt, und die paar Zeilen befanden sich noch gestern in seinem Portefeuille.

Was die _electricity_ angeht, so findet sich die Notiz darüber in dem Economist von 1845. Er enthält übrigens nichts, als was ich Dir mitgeteilt, mit der Erzählung, daß der Versuch mit dem größten Erfolg in Schottland gemacht. Er nennt sogar den Farmer.

Freiligrath kommt in diesen Tagen her.

Nun zu den Postgeschichten. Ich glaube, die Post ist unschuldig. Wenigstens bin ich allein für die schlechte Form der Siegel verantwortlich. Das einzige, was mir ganz _alienum est_,[1] ist das: Manchester.

Hast Du gesehen in der Kölnischen Zeitung, wie Kinkel durch seine Frau jede Teilnahme an dem Manifest des starken „Provisorium“ ableugnet? Und wie er „eine schwere Krankheit“ sich an den Hals lügt, um das Interesse des deutschen Philisters zu steigern?

Durch die Intervention meines würdigen Schwager-Ministers ist wieder der Druck meiner Sachen, wie der Revue, ins Stocken geraten. Es scheint, daß Becker auf Schwierigkeiten in Verviers gestoßen ist.

In Frankreich scheint _Cavaignac_ reißend um sich zu greifen. Seine Wahl wäre die rationelle Lösung, würde aber die Revolution um Jahre aufschieben. Der Kongreß von Nikolaus, Friedrich Wilhelm und Habsburg hat ungefähr dieselbe Bedeutung wie der von General Haugh, Ruge und Ronge. Die Einkommensteuer war übrigens für den Augenblick das Klügste, was die Preußen tun konnten. –

Was sagst Du von der portugiesischen Revolution?

Herr A. Goegg ist hier, wurde von Willich und Komp. sofort abgefangen und hielt Vorlesungen in der Windmill. Glückauf!

_Maintenant, mon cher_, lebe wohl. Von jetzt an wird die Korrespondenz wieder ordentlich ins Gleis kommen.

Dein K. M.

[1] Fremdartig ist.

85

Manchester, Montag, 19. Mai 1851.

Lieber Marx!

Ich bin froh, daß mit den Briefen nichts vorgefallen ist, es ist immer besser so. Der hiesige Postmeister hat mir ebenfalls eine hinreichende Erklärung für den zu spät gekommenen Brief gegeben. Schreibe in Zukunft auf der Adresse die Straße und Nummer _über_ der Stadt, so daß Manchester ganz unten steht, die Postschreiber sind daran gewöhnt und haben, weil die Straße unten stand, in dem einen Brief das „Manchester“ übersehen und ihn als Londoner Stadtbrief nach London zurückgeschickt.

Das Neueste ist, daß Du vollständig enfonciert [vernichtet] bist. Du glaubst, die richtige Theorie der Grundrente entdeckt zu haben. Du glaubst, der erste zu sein, der die Ricardosche Theorie umwirft. _Malheureux que tu es_,[1] Du bist überflügelt, vernichtet, geschlagen, assommiert. Die ganze Grundlage Deines _monumentum aere perennius_[2] ist zusammengebrochen. Höre: Herr Rodbertus hat soeben den dritten Band seiner „Sozialen Briefe an v. Kirchmann“ veröffentlicht – 18 Bogen. Dieser Band enthält eine „vollständige Widerlegung der Ricardoschen Lehre von der Grundrente und die Darlegung einer neuen Rententheorie“. Leipziger Illustrierte Zeitung von voriger Woche. Jetzt hast Du Dein Fett.

Die Bemühungen des großen Kinkel, aus der unrespektablen Gesellschaft, genannt europäisches Komitee, herauszukommen, ohne Gestank zu hinterlassen, sind sehr heiter. Du wirst im Samstags-Ind [unlesbar] gesehen haben, daß einige Heuldemokraten bei Elberfeld eine Versammlung und kleine _riots_[3] zustande gebracht haben und dabei diese Proklamation verteilt. Das ist zustande gebracht durch deutschkatholische Verbindungen von Ronge. Weder Kinkel noch sonst jemand vom Chor hätte dort etwas ausgerichtet.

Die Geschichte mit Cavaignac ist in jeder Beziehung fatal; wenn _Girardin_ von ihm sagt, daß er die meiste Chance hat, so muß es wahr sein. Außerdem sehen die Kerle immer mehr ein, daß die Revision unmöglich ist – auf legale Weise. Und die illegale ist ein Staatsstreich, und wer zuerst Staatsstreiche anfängt, der wird ekrasiert, sagt das Débats. Napoleon fängt an, _horriblement_[4] verschlossen zu werden. Changarnier ist vernichtet, vollständig pensioniert, die Fusion führt zu nichts unmittelbar Praktischem, so hübsch sie ist, _il n’y a que Cavaignac_.[5] Ob der Kerl die Revolution aufschöbe, wäre am Ende so gefährlich nicht; einige Jahre resoluter industrieller Entwicklung, die Überdauerung einer Krise und einer neuen Prosperitätsperiode könnte durchaus nicht schaden, besonders wenn sie von bürgerlichen Reformen in Frankreich usw. begleitet wäre. Aber Cavaignac und die bürgerliche Reform, das ist in Frankreich die Zollreform und die englische Allianz, und bei erster Gelegenheit der Krieg gegen die heilige Allianz, mit Englands Hilfe, mit gehöriger Zeit zu Rüstungen, mit einer lang vorbereiteten Invasion gegen Deutschland, und das könnte uns die Rheingrenze kosten, die ohnehin das beste Mittel ist, den Crapaudsozialismus mit einer Abschlagszahlung von Gloire zur Ruhe zu bringen.

Das Débats ist übrigens so herunter, daß es nur noch in der Aufrechterhaltung des neuen Wahlgesetzes die Rettung der Gesellschaft sieht.

Das Frankfurter Journal läßt sich aus Köln schreiben, den Flüchtlingen in London gehe es jetzt leidlich, mit Ausnahme derer in der Kaserne, unter denen auch Willich sei. Die Augsburger Allgemeine Zeitung glaubt wirklich, die Fremdenbill sei noch in Kraft, und sieht die Flüchtlinge – diese ewigen Juden des neunzehnten Jahrhunderts – mit der blassen Furcht vor dieser Bill in London zitternd herumschleichen.