Der Briefwechsel zwischen Friedrich Engels und Karl Marx 1844 bis 1883, Erster Band
Part 20
[7] Blaubuch.
[8] Das würde sehr nützlich sein.
76
[Ohne Jahresangabe.] 3. April [1851].
Lieber Marx!
Die Geschichte mit meinem geöffneten Briefe ist sehr sonderbar. Auf dem Kontor kann er nur von unserem Kommis geöffnet worden sein, und dem traue ich die Courage dazu nicht zu; außerdem könnte er es nur während der Abwesenheit des alten Hill getan haben, und ich glaube nicht, daß der einen Moment das Kontor verließ. Von den Ermens war keiner in der Stadt. Die Sache ist natürlich nicht zu ergründen, da eine bedeutende Chance vorhanden ist – _vu_[1] die Interpellationen im Parlament wegen der Flüchtlinge –, daß es auf der Post selbst geschehen. Daß ich dem Kommis, der mehr in Ermen Brothers’ als in Ermen _and_ Engels’ Diensten steht, in der letzten Zeit etwas verdächtig geworden bin, fiel mir schon früher auf; aber von da bis zum Brieferbrechen _il y a loin encore_.[2] Jedenfalls werde ich dem Ding in Zukunft vorzubeugen wissen. Wenn der Narr den Brief auch gelesen hätte, so läge daran nicht einmal viel; denn wollte der Kerl jemals, zum Beispiel wenn mein Alter herkäme, von der Information Gebrauch machen, so wäre er so kompromittiert, daß er sofort geschaßt würde. Indes, wie gesagt, ich traue ihm die Courage nicht zu.
Was die Frage angeht, die Du in Deinem vorletzten Briefe stellst, so ist sie nicht ganz klar. Indes wird, denke ich, folgendes genügen.
Der Kaufmann als Firma, als Profitmacher, und derselbe Kaufmann als Konsument sind im Commerce zwei ganz verschiedene Personen, die sich feindlich gegenüberstehen. Der Kaufmann als Firma heißt Kapitalkonto, respektive Gewinn- und Verlustkonto. Der Kaufmann als Fresser, Säufer, Wohner und Kindermacher heißt Haushaltungsunkostenkonto. Kapitalkonto debitiert[3] also dem Haushaltungsunkostenkonto jeden Centime, der aus der kommerziellen in die Privattasche wandert, und da Haushaltungsunkostenkonto nur ein Debet, aber kein Kredit hat, also einer der schlechtesten Schuldner der Firma ist, so ist am Ende des Jahres die ganze Debetsumme von Haushaltungsunkostenkonto purer Verlust und wird vom Profit abgeschrieben. Bei der Bilanz und der Berechnung des Profits-Prozent wird indes gewöhnlich die Summe, die für die Haushaltung verbraucht wird, als noch vorhanden, als Teil des Profits angesehen; zum Beispiel bei 100 000 Taler Kapital sind 10 000 Taler verdient, aber 5000 verjubelt worden, so rechnet man, 10 Prozent Profit gemacht zu haben, und nachdem alles richtig gebucht worden, figuriert Kapitalkonto im nächsten Jahre mit einem Debet von 105 000 Taler. Die Prozedur selbst ist etwas verwickelter, als ich sie hier darstelle, indem Kapitalkonto und Haushaltungsunkostenkonto selten oder nur beim Jahresabschluß in Berührung kommen, und Haushaltungsunkostenkonto gewöhnlich als Debitor von Kassakonto figuriert, das den Makler macht, aber es kommt schließlich auf dies hinaus.
Bei mehreren Associés ist die Sache sehr einfach. Zum Beispiel _A_ hat 50 000 Taler im Geschäft und _B_ ebenfalls 50 000; sie machen 10 000 Taler Profit und verbrauchen jeder 2500 Taler. Die Kontos stellen sich also am Ende des Jahres bei einfacher Buchhaltung ohne die imaginären Kontos:
_A_ Kredit bei _A & B_ – Kapitaleinschuß 50 000 Taler _A_ Kredit bei _A & B_ – Profitanteil 5 000 - ------------- 55 000 Taler Debet bei _A & B_ – für Bar 2 500 - ------------- _A_ Kredit für nächstes Jahr 52 500 Taler
Ebenso _B_. Dabei rechnet das Geschäft aber immer, 10 Prozent Profit gemacht zu haben. In einem Worte: die Kaufleute bei der Berechnung der Profitprozente ignorieren die Existenzkosten der Associés, dagegen bei Berechnung der Kapitalvermehrung durch den Profit bringen sie sie in Anschlag.
Über die ungarische Kampagne – oder noch besser, wenn’s ginge, über sämtliche Kampagnen von 1848/50 zu schreiben, wäre mir schon recht, wenn nur die Quellen alle beizuschaffen wären. Die Neue Rheinische Zeitung könnte mir zu nichts dienen als zur Vergleichung der österreichischen Bulletins, und wie lückenhaft die sind, weißt Du. Ich müßte wenigstens zehn bis zwölf Werke über diese Kampagne allein haben, und selbst dann fehlte mir noch die Hauptsache: der Kossuthsche Közlöny (Moniteur). Bei nichts blamiert man sich so leicht wie bei der Kriegsgeschichte, wenn man räsonieren will, ohne die sämtlichen Data über Stärke, Verproviantierung und Munitionierung usw. zu haben. Alles das geht für eine Zeitung, wo alle Blätter gleich schlecht unterrichtet sind und wo es darauf ankommt, aus den paar Daten, die man hat, die richtigen Schlüsse zu ziehen. Aber um _post festum_ sagen zu können in allen entscheidenden Fällen: hier hätte so und so gehandelt werden müssen, und hier wurde richtig gehandelt, obwohl der Erfolg dagegen zu sprechen scheint; dazu sind, glaube ich, die Materialien für den ungarischen Krieg noch nicht genug vor dem Publikum. Zum Beispiel wer schafft mir die Etats der österreichischen und ungarischen Armeen und der verschiedenen Korps am Vorabend jeder Schlacht und jeder wichtigen Bewegung? Kossuths und Görgeys Memoiren müßten erst heraus sein, und die von Dembinski vorgelegten Schlacht- und Kampagnenpläne in authentischer Gestalt vorliegen. Indes selbst mit dem existierenden Material ließe sich schon manches aufklären und vielleicht ein ganz interessanter Artikel machen. So viel ist jetzt schon klar: die ungarische Insurrektion, wie die polnische von 1830, wie das russische Reich 1812, ist Anfang 1849 nur gerettet worden durch den Winter. Ungarn, Polen und Rußland sind die einzigen Länder Europas, wo eine Invasion im Winter unmöglich ist. Es ist aber schon immer fatal, wenn eine Insurrektion nur durch den Dreck gerettet wird, der sie in unergründlicher Tiefe umgibt. Wäre die Geschichte zwischen Österreich und Ungarn im Mai statt im Dezember zum Eklat gekommen, so wäre nie eine ungarische Armee organisiert worden und der ganze Quark endigte wie Baden, _ni plus ni moins_.[4] Je mehr ich Krieg ochse, desto stärker wird meine Verachtung gegen den Heldenmut – eine abgeschmackte Phrase dieser Heldenmut, die ein ordentlicher Soldat nie in den Mund nimmt. Napoleon, wo er keine Proklamationen und Tiraden macht, sondern _coolly_[5] spricht, spricht nie von _glorieux, courage indomptable_[6] usw., sondern sagt höchstens: _il s’est bien battu_.[7]
Wenn übrigens im nächsten Jahre eine Revolution in Frankreich ausbricht, so ist gar kein Zweifel, daß die heilige Allianz _wenigstens_ bis vor Paris kommt. Und bei den merkwürdigen Kenntnissen und der raren Energie unserer französischen Revolutionäre ist noch sehr die Frage, ob die Forts und die Enceinte[8] von Paris auch nur bewaffnet und approviantiert sind. Sind aber zwei Forts genommen, zum Beispiel Saint Denis und das nächste nach Osten zu, so ist Paris und die Revolution _jusqu’à nouvel ordre_[9] im Sumpf. Ich werde Dir das nächstens einmal genau militärisch auseinandersetzen und zugleich die einzige Maßregel, die dagegen getroffen werden kann, um wenigstens die Invasion zu schwächen: die Okkupation der belgischen Festungen durch die Franzosen und der rheinischen durch einen sehr zweifelhaften insurrektionellen _coup de main_.[10]
Folgender Spaß zur Charakteristik des preußischen Kamaschenrittertums und zur Erklärung der späteren Niederlage bei Jena usw. wird Dich erfreuen. Die scheinbar kühnen, _au fond_[11] aber überaus sicheren Coups[12] Napoleons in der Kampagne von Marengo brachten den preußischen General Bülow, aus der Schule des alten Fritz, Vater oder Onkel [Bruder] des späteren Bülow von 1813, zu folgender Einsicht: 1. ein Kriegssystem basiert auf das Absurde aufzustellen, damit man den Gegner stets durch neue Verrücktheiten „in Verlegenheit setze“, und 2. anstatt des Bajonetts der Infanterie Lanzen zu geben wie im Dreißigjährigen Kriege! Um Napoleon zu schlagen, das Pulver abzuschaffen, _qu’en dis-tu_?[13]
Daß Du trotz alledem Ende des Monats herkommst, freut mich sehr. Du mußt mir aber bei der Gelegenheit das vollständige Exemplar der Neuen Rheinischen Zeitung mitbringen – ich werde daraus über sämtliche deutschen demokratischen Esel und desgleichen über französische Dossiers[14] anlegen, eine Arbeit, die jedenfalls geschehen muß, ehe wir wieder in irgend einen Dreck hineingeschleudert werden. Es wäre gut, wenn zu diesem Zwecke der würdige Liebknecht, _qui est assez bon pour cela_,[15] aufs Museum ginge und dort die Abstimmungen der Berliner, Frankfurter und Wiener Versammlungen, die gewiß dort sind (in den stenographischen Berichten), nachläse und für die gesamten Linken exzerpierte.[16]
Du weißt, ich habe den Schluß von Daniels nicht gelesen. Daß sich der Kerl auf die „Begriffe“ als das Vermittelnde zwischen den Menschen usw. steift, ist erklärlich; Du wirst das einem über Physiologie Schreibenden nicht ausreden. Er rettet sich immer schließlich mit dem Argument, daß jede faktische Tatsache, die auf die Menschen einwirkt, Begriffe in ihnen provoziert, und daß die Reaktion gegen diese Tatsache also zwar in zweiter Instanz eine Folge der Tatsache, in erster aber eine Folge der Begriffe ist. Gegen diese formelle Logik ist freilich nichts zu sagen, und es kommt dabei ganz auf die Art seiner Darstellung im Manuskript an, die ich nicht kenne. Ich meine, es wäre am besten, ihm zu schreiben, er wisse jetzt, welchen Mißdeutungen diese und jene Partien ausgesetzt seien, und solle sie also so ändern, daß die „wahre“ Ansicht deutlich hervortrete. Das ist alles, was Du tun kannst, oder Du müßtest das Manuskript selbst umschreiben an den fraglichen Stellen, was doch auch nicht geht.
Laß mich wissen, wie es Deiner Frau geht, und grüße sie herzlich von mir.
Ich bin froh, daß Du mit der Ökonomie endlich fertig bist. Das Ding zog sich wirklich zu sehr in die Länge, und solange Du noch ein für wichtig gehaltenes Buch ungelesen vor Dir hast, so lange kommst Du doch nicht zum Schreiben.
Wie sieht’s mit einem Verleger für Deine beabsichtigten zwei Bände in 60 Bogen aus? Wenn das _all right_ wäre, so könnte man den Kerl schon dazu kriegen, daß er die nötigen Sachen für den ungarischen Artikel – ich würde sie schon angeben – beischaffte, _au besoin_ gegen spätere Verrechnung beim Honorar. Notwendig wäre dann noch eine sehr gute Spezialkarte von Ungarn und Siebenbürgen, womöglich Schlachtpläne, die, soviel ich weiß, in den bisherigen Werken nicht enthalten sind – und die Karte allein könnte auf zirka 15 bis 20 Taler zu stehen kommen. Ich würde diese durch Weydemeyer aussuchen lassen. Apropos, hast Du seine Adresse? Ich möchte ihn wegen der militärischen ABC-Bücher über Organisation und Taktik befragen, gerade diesen Dreck kann ich hier nicht bekommen. Den Decker, der noch bei Dir ist, muß ich auch haben.
Dein F. E.
[1] Siehe.
[2] Ist es noch weit.
[3] Belastet, schreibt auf die Schuldenseite.
[4] Weder mehr noch weniger.
[5] Kühl.
[6] Glorreich, unbändigem Mut.
[7] Er hat sich gut geschlagen.
[8] Befestigungsmauer.
[9] Bis neue Verhältnisse eintreten.
[10] Handstreich.
[11] Im Grunde.
[12] Überraschungsstreiche.
[13] Was sagst Du dazu?
[14] Personalakten.
[15] Der dafür gut genug ist.
[16] Auszöge.
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11. April 1851.
Lieber Marx!
Ich dachte, ich wäre heute abend endlich mit meiner großartigen strategischen Abhandlung fertig geworden. Teils abgehalten, teils zum Nachschlagen über Details genötigt, teils weil das Ding länger wird, als ich dachte, werde ich es schwerlich heute abend spät fertig bekommen. Es ist übrigens _total unfit_[1] zum Drucke, nur für private Information und eine Art Übung für mich.
Über den Wellington fange ich allmählich auch an, klar zu werden. Eigensinniger, zäher, obstinater Engländer, mit dem vollen Bonsens[2] und dem vollen Talent der Ressourcenbenutzung seiner Nation; langsam in seinen Überlegungen, vorsichtig, trotz des kolossalsten Glückes nie auf einen glücklichen Zufall rechnend; er würde ein Genie sein, wenn nicht der _Common sense incapable_[3] wäre, sich bis zum Genie emporzugipfeln. Alle seine Sachen sind musterhaft, keine einzige meisterhaft. Ein General wie er ist für die englische Armee, in der jeder Soldat, jeder Unterleutnant ein kleiner Wellington in seiner Sphäre ist, wie geschaffen. Und er kennt seine Armee, ihre eigensinnige defensive _doggedness_,[4] die jeder Engländer vom _Boxring_[5] mitbringt, und die sie in den Stand setzt, nach achtstündiger angestrengter Defensive, die jede andere Armee zusammenbrechen würde, noch eine imposante Attacke zu machen, in der die ermangelnde Lebhaftigkeit durch die Gleichförmigkeit und Stetigkeit aufgewogen wird. Die Defensive von Waterloo, bis die Preußen kamen, hätte keine Armee ohne einen Kern von 35 000 Engländern ausgehalten.
Übrigens hatte Wellington im spanischen Kriege mehr Einsicht in die napoleonische Kriegskunst als die Nationen, denen Napoleon die Überlegenheit dieser Kriegskunst auf den Rücken schrieb. Während die Österreicher rein konfus wurden, und die Preußen, weil ihr Verstand _n’y voyait que du feu_,[6] den Blödsinn und die Genialität für identisch erklärten, wußte Wellington sich ganz geschickt zu benehmen und sich vor den Schnitzern zu hüten, die die Österreicher und Preußen machten. Er machte keine napoleonischen Manöver nach, aber er machte es den Franzosen unendlich schwer, ihre Manöver bei ihm zu applizieren. Er machte keinen einzigen Fehler, wenn er nicht aus politischen Rücksichten mußte; dafür habe ich aber auch noch nicht das geringste entdeckt, wo er nur einen Funken von Genie bewies. Napier selbst weist ihm Gelegenheiten nach, wo er geniale Coups von entscheidender Wirkung tun konnte und nicht daran dachte. Er hat – soweit meine Erfahrung geht – nie eine solche Gelegenheit zu benutzen verstanden. Er ist groß in seiner Art, nämlich so groß, wie man es sein kann, ohne aufzuhören, mittelmäßig zu sein. Er hat alle Eigenschaften des Soldaten, sie sind alle gleichmäßig und merkwürdig harmonisch ausgebildet; aber eben diese Harmonie verhindert jede einzelne dieser Eigenschaften an wirklich genialer Entfaltung. _Tel soldat, tel politique._[7] Sein politischer Busenfreund Peel ist gewissermaßen sein Abklatsch. Beide repräsentieren den Toryism, der _bon sens_[8] genug hat, mit Anstand eine Position nach der anderen aufzugeben und sich in die Bourgeoisie aufzulösen. Es ist der Rückzug nach Torres Vedras. _Voilà_ Wellington.
Dein F. E.
[1] Ungeeignet.
[2] Nüchternheit.
[3] Gesunde Menschenverstand unfähig [wäre].
[4] Hartnäckigkeit, störrische Ausdauer.
[5] Platz, wo geboxt wird.
[6] Bei ihr nur das Feuer sah.
[7] Wie der Soldat, so die Politik.
[8] Gesunder Verstand.
78
15. April 1851.
Lieber Engels!
Du hast keinen Brief erhalten und erhältst auch jetzt nur diese Zeilen, weil ich _from day to day_[1] Deinen Brief – den angekündigten – abwarte. Einliegend ein Brief von Lupus. Ich habe ihm schon geschrieben vor vier Tagen, aber nicht geantwortet auf die an Dich gestellten Fragen.
Ein Brief von einem mir unbekannten Fischer aus Amerika. Ich habe einstweilen Liebknecht an ihn schreiben lassen.
Einen Brief von Rothacker schicke ich Dir das nächste Mal. Auch der Esel ist Redakteur in Amerika. Aus seinem Briefe geht so viel hervor, daß vom äußersten _far West_[2] bis zum Osten überall gegen uns geheult, geschimpft und geschrieben wird. Weitling brachte in seinem Blättchen einen Artikel aus Paris (angeblich, in Wahrheit von Willich) gegen mich und Dich. Andererseits hat Schnauffer den großen Willich angegriffen.
Schapper hat eine Konstitution für England ausgearbeitet, da sie in derselben Windmill, nach reiflicher Überlegung und weitläufiger Diskussion, beschlossen haben, England habe keine geschriebene Konstitution und müsse daher eine erhalten. Und Schapper-Gebert werden ihm diese Konstitution geben. Geschrieben ist sie schon.
Der Schimmelpfennig ist in Deutschland herumgereist und hat da überall sehr gegen uns intrigiert, im gemeinsamen Interesse von Willich-Schapper, Ruge-Kinkel, Becker-Sigel. Besonders an den Sitzen der Kinkelbegeisterung und ganz speziell in Westfalen, Osnabrück, Bielefeld usw., wo die Kerls uns nie grün waren, ist der Klatsch unendlich.
Dein K. M.
[1] Tag für Tag.
[2] Fernen Westen.
79
1. Mai 1851.
Lieber Marx!
In ein paar Tagen, längstens acht, erhältst Du weitere 5 Pfund, ich würde sie Dir schon heute schicken, hätte ich nicht soeben 10 Pfund auf einem Brett auszahlen müssen.
Ich habe seit ein paar Tagen den Brief von Lupus und den von Dronke vergeblich gesucht. Du mußt sie beide mitgenommen haben. Wenn Du sie findest, schicke sie mir umgehend, ich schreibe dann gleich. Auch den Brief von Fischer aus New Orleans finde ich nicht.
_Ne nous plaignons pas trop de la mauvaise queue._[1] Ich habe gerade Savarys Memoiren zu Hause. Napoleon hatte die seinige – und welche! Dieser Savary ist ein famoses Exemplar davon. Etwas Mittelmäßigeres als diesen Kerl gibt es nicht. Wenn gewisse Leute glauben _up to the mark_[2] zu sein und nicht einmal das Kommunistische Manifest verstehen, so bildet sich dieser Savary ein, Napoleon in der Tasche zu haben, einer der wenigen Auserwählten zu sein, die die ganze Größe des Kerls begreifen, und dabei hat er nicht einen einzigen Feldzugs- oder Schlachtplan begriffen. Als er diese Memoiren schrieb, war kaum eine einzige ordentliche Darstellung dieser Kampagnen geschrieben, er hätte also, da das Ding apologetisch sowohl für Napoleon wie für ihn selbst ist, gewiß nicht unterlassen, sein Bestes in dieser Beziehung zu tun; statt dessen überall nur ein paar allgemeine Phrasen und unzusammenhängende verworrene Details eines untergeordneten Augenzeugen. Von Austerlitz weiß der Kerl zum Beispiel nur, daß der Feind in einem Flankenmarsch überrascht und in so viel Stücke zersplittert wurde, wie französische Kolonnen anrückten – wörtliche Kopie aus Napoleons Bulletin. Wie das aber geschah, davon weiß er nichts. Im übrigen enorm viel Klatsch aus der Kaiserzeit und dem Konsulat; ein wahrer Mustercrapaud, renommierend, verlogen, servil, und sich mit wahrer Wollust in der edlen Tätigkeit des Polizisten ergehend, sowohl was den Genuß der Autorität bei Verhaftungen als was die Freude am Mouchardieren angeht; dabei brauchbar zu allerhand Allotriis und Intrigen, aber doch überall so mittelmäßig, diensteifrig und beschränkten Horizonts, daß er überall kurzgehalten und mit positiven Orders versehen werden mußte. _Enfin_, durchaus kein repräsentables Subjekt, _au fond_ nicht besser und nicht schlechter, nicht brauchbarer und nicht kompromittierlicher als gewisse _amici_, und doch machte Napoleon mit der Zeit eine passable Maschine, einen Herzog von Rovigo und einen Hofmann aus ihm, der ihn beim Kaiser von Rußland nicht blamierte. Aber freilich, solche Kerls muß man sich kaufen können, und dazu gehört vor allem Geld und Macht.
Übrigens hat der edle Thiers den Savary, dessen Memoiren doch in Frankreich bekannt genug waren, mit einer Unverschämtheit abgeschrieben, die der der englischen Ökonomie im Plagiieren nichts nachgibt, und das nicht bloß im Klatsch; auch in Sachen über Verwaltung usw. ist hier und da Herr Savary Hauptquelle. – – –
Den Krawall unter dem Stadtrat in Köln wegen der Rede des Beigeordneten Schenk an den Pr[inz] von Pr[eußen] wirst Du gelesen haben, sowie die unverschämte Rede dieses letzteren. „Die Presse ist schlecht, die Kölnische Presse muß sich bessern!“ _Ce pauvre_ Brüggemann – er benutzt natürlich die Gelegenheit zu einer Seichbeutelei, wie man sie unter der Zensur zu schreiben bescheidenst und wohlmeinendst sich die große Freiheit nahm. Dafür ist aber jetzt auch „unser Stupp“ Bürgermeister und der größte Mann in Köln, und Dein Schwager [Minister v. Westphalen] konfisziert Bücher mit lobenswertem Eifer. Ich fürchte nur, er wird nächstens _en Brutus prussobureaucrate_[3] sich auch an Deinen Sachen vergreifen, und das wird die Honorarzahlungen unangenehm stoppen können. Der andere Schwager dieses Edlen, der pp. Florencourt, ist ja, wie deutsche Blätter melden, _tambour battant et mèche allumée_[4] in den Schoß der katholischen Kirche übergegangen. Deine Familie ist doch wenigstens interessant, in der meinigen muß ich allein die affenteuerlichen Geschichten machen.
Wie geht es in Deinem Hause? Grüße Deine Frau und Kinder und schreibe bald.
Dein F. E.
Soeben finde ich die Briefe von Lupus und Fischer – den von Dronke kann ich aber nicht finden. An Lupus schreibe ich noch heute. Wenn Du nach Köln schreibst, wäre es gut, wenn Du sie wegen des Reisegeldes trätest – Du kennst ja die Kölner.
[1] Beschweren wir uns nicht zu sehr über schlechtes Gefolge.
[2] Auf der Höhe.
[3] Als preußisch-bureaukratischer Brutus.
[4] Mit klingendem Spiel und brennender Lunte.
80
3. Mai 1851.
Lieber Engels!
Lupus hat von Köln, wie er mir selbst schreibt, einen englischen Paß und Reisegeld für sich und Dronke erhalten. Dronke hat den Kölnern auch einen Aufsatz über die italienische Revolution zugeschickt.
_Mais ce qu’il y a de drôle_,[1] Dronkens Unterschrift steht positiv – abgedruckt in Louis Blanc – unter der Adresse an das damalige Komitee zur Feier der Februarrevolution. _Nous lui demanderons des éclaircissements sur ce fait étrange. Dans le meilleur cas, ce n’est pas un trait d’esprit de la part de ce gnome._[2]
Becker hat seine Setzerei und Druckerei nach Verviers verlegt, und es scheint nicht, daß die Regierungsverfolgungen ihm Schaden tun. Ein Heft von meinem Zeugs ist hierher gelangt, aber nur ein Exemplar.
Das hiesige zentraldemokratische deutsche Komitee hat sich hier aufgelöst zur selben Zeit, wo der große Karl Heinzen ihm „militärischen Gehorsam“ ankündigt. Der süße Kinkel, wegen seinen dramatischen Vorlesungen für respektable Cityleute – 12 Vorlesungen für 1 Guinea: der Süße schickt diese Billetts durch ein Komitee (worin Oppenheim von Berlin) an Gott und die Welt, hat ungefähr 300 Hörer – darf sich natürlich nicht kompromittieren und hat sich zurückgezogen. Ebenso Haugh sich überworfen. Ruge, dessen Finanzen sehr zerrüttet scheinen, hatte vor, sich eine Daguerreotypanstalt zu kaufen und als Daguerreotypist das Land zu durchziehen.
Weerth schreibt mir heute im höchsten Maße malkontent: die langen Nasen und das Rauchfleisch ennuyieren ihn. Außerdem, sagt er, drohe ihm „eine glänzende Lage“ – Heirat? Aber er sei zu alt, um Philister zu werden. Du kennst unseren Freund Weerth. Er ennuyiert sich rasch, und am schnellsten, wenn er sich bürgerlich behaglich findet. Sein Freund Campe sagte ihm, verdrießlich auf die Makulatur zeigend: „Alles zieht, aber nichts schlägt durch!“ Und das sei der allgemeine Zustand in Deutschland.
Hier wimmelt’s von _people_ aller Art. Ich glaube nicht, daß es mich belästigen wird _in any way_.[3] Denn was von den Industriellen liberal, radikal oder auch nur neugierig ist, das wird mit großer Aufmerksamkeit eingefangen bei Göhringer oder von der Kinkelclique und dann gleich mit Skandal über uns beide gefüttert. _Tant mieux pour nous!_[4]
Die ganze Woche ist die Bibliothek geschlossen gewesen. Von dem roten Narren erfährt man nichts mehr.
Daniels schreibt mir, daß sie nirgends besser repräsentiert sind, als in Berlin, und dort zwei „Talente“ und „Gentlemen“ zur Disposition haben, die sehr tätig seien. – Das Foucaultsche Experiment mit dem Pendel wird hier im polytechnischen Institut gezeigt.
Den gesagten Brief an Daniels werde ich morgen besorgen. Schramm hat es _mirabile dictu_ zu einem _season ticket_[5] gebracht.
Heinzen hat in seinem Schmutzblatt auch wieder mit seinem „_native_“[6] Dreck geworfen, der _malheureux_.[7] Der Kerl ist so dumm, daß Schramm für Geld unter dem Namen „Müller“ bei ihm korrespondiert und lauter unpassende Allotria, wie den Blanquitoast usw., in seinen Zeitungskram einschmuggelt.