Der Briefwechsel zwischen Friedrich Engels und Karl Marx 1844 bis 1883, Erster Band
Part 17
Sage Harney, wenn Du ihn siehst, daß er Ende der Woche von mir mindestens die erste Hälfte einer Reihe von Artikeln über _Continental Democracy_[1] bekommt – die Artikel so eingeteilt, daß jeder einzelne nicht mehr als 2 bis 2-1/2 Kolumnen in seinem Friend of the People ausmacht. Ich werden unter dem obigen Vorwand die gesamte offizielle Demokratie beim Kragen nehmen und sie dem englischen Proletariat dadurch verdächtigen, daß ich sie, inklusive Mazzini, Ledru-Rollin usw., mit den _financial Reformers_[2] auf dieselbe Stufe stelle. Das europäische Komitee wird _catch it nicely_.[3] Die Herren werden einzeln durchgenommen werden, Mazzinis Schriften, Ledru-Rollins famose Heldentaten vom Februar bis Juni 1848, Herrn Ruge natürlich nicht zu vergessen. Den Italienern, Polen und Ungarn werde ich deutlich genug sagen, daß sie in allen modernen Fragen den Mund zu halten haben. Das Ding mit dem Humbug, den Harney mit den Bettelbriefen der Mazzini und Konsorten treibt, wird zu arg, und da er sonst nicht zu bessern ist, so werde ich genötigt sein, die Albernheit dieser Kerls in seinem eigenen Blatt aufzudecken und den englischen Chartisten die Mysterien der kontinentalen Demokratie zu enthüllen. Ein ausführlicher polemischer Artikel hilft bei Harney immer mehr als alles Debattieren. Leider habe ich hier verflucht wenig Material.
Ich habe jetzt hier _Sarraus jeune, Lafayette et la révolution de Juillet_.[4] Wüßte ich noch ein paar andere Quellen aufzutreiben, so könnte ich für unsere Revue einen Artikel über die Julirevolution nebst Fortsetzung bis zur Februarrevolution machen und dabei die _Histoire des dix ans_[5] einer freundschaftlichen Kritik unterwerfen. Diese _Dix ans_[6] stehen noch immer von den Weitergehenden unangegriffen da und bilden in Deutschland wie in Frankreich ein sehr bedeutendes Bildungselement in der ganzen revolutionären Partei. Ich glaube, es könnte gar nicht schaden, den Einfluß dieses Buches auf die gebührenden Grenzen zurückzuführen; bis jetzt ist es unattackierte Autorität.
Herr Russell, der feige Patron, hat sich wieder einmal glänzend blamiert. Erst speit er Feuer und Flammen gegen die _papal aggression_.[7] Dann sieht er, daß die Manchester _men_[8] sich absolut nicht in die Schmiere mischen wollen und accouchiert nun mit seiner heroischen Maßregel, den katholischen Bischöfen das Tragen englischer Titel verbieten zu wollen. Und dann die schöne Andeutung, die er durch Herrn Peto machen läßt, es sei zwar sehr wünschenswert gewesen, in dieser Session schon das Stimmrecht auszudehnen, aber da die Law-Reform diesmal vorkomme, so müsse man das Stimmrecht bis nächstes Jahr verschieben. Echte Whig-Musterlogik. Übrigens sind die _membres_[9] sehr krittlig und unsicher, die Wahlen rücken heran, sie müssen liberale oder protektionistische _flourishes_[10] machen, und wenn die Exhibition nicht gerade in die belebteste Zeit der sessionalen _grande politique_[11] fiele, so könnte es dem kleinen Männchen schlecht gehen. Und auch so – _qui sait_?[12]
Das tägliche politische Brot wird überhaupt immer trockener. Die schöne Position, in der sich _la belle France_[13] jetzt wohlgefällt, ist auch erbaulich. Es läßt sich übrigens nicht leugnen, daß die Herren Burggrafen mehr und mehr aufhören, die Repräsentanten der Bourgeoisfraktionen zu sein, oder besser, daß die Bourgeois sich von ihren alten legitimistischen und orleanistischen Chefs mehr und mehr trennen. Erstens die bedeutende Minorität für Baroche in der Sitzung, wo die Koalition ihn stürzte, und die auch aus sehr vielen Nichtbonapartisten, ehemaligen Orleanisten usw. bestand; dann die offenbare Stimmung der konservativen Bourgeoisie _en masse_,[14] die weit günstiger für den Napoleon ist wie früher. Die Masse dieser Kerls will jetzt unbedingt weder orleanistische noch legitimistische Restaurations-Intrigen; _les solutions les embêtent_,[15] und was sie wollen, ist der Schlendrian der präsidentiellen Gegenwart. Die Kerls sind weder royalistisch, noch republikanisch, noch imperialistisch, sondern präsidentiell; das schönste aber dabei ist, daß diese süße Unbestimmtheit nur möglich ist bei der Masse selbst, und daß jeder, der sich als offizieller Repräsentant dieser Richtung geltend machen wollte, doch binnen sechs Monaten wieder aus der Neutralität und in eine bestimmte royalistische oder imperialistische Fraktion getrieben würde. Übrigens habe ich hier von französischen Blättern nur die Débats und den Charivari, der einem indes hier wieder leider Gottes witzig vorzukommen anfängt, _grâce à l’esprit exquis du peuple dans ces parages_.[16]
Von einem stupiden ungarischen Flüchtling, der mir hier dieser Tage zwischen die Beine lief, hörte ich, daß diese edle Sorte wieder von Mordkonspirationen und Emeuten bei Gelegenheit der _great Exhibition_[17] faselt. Mir schien es fast, als vernähme ich aus diesem Gepolter die heroische Stimmung der Stürmer von London, Willich und Barthélemy. Man entrinnt übrigens den Geistern nicht: neulich redet mich ein Kerl auf der Straße an, und siehe, es war ein Greatwindmillstreet-Flüchtling, der in Liverpool eine Stelle hat. „Und nähme ich Flügel der Morgenröte und flöge ans äußerste Meer“, so würde ich der Bande nicht entrinnen.
Die hiesigen Freetrader benutzen die Prosperität oder Halbprosperität, um das Proletariat zu kaufen, und John Watts ist der Makler dabei. Du kennst den neuen Cobdenschen Plan: eine National Free School Association, um eine Bill durchzusetzen, wodurch die _townships_[18] bevollmächtigt werden sollen, sich Lokalsteuern aufzulegen zur Errichtung von Schulen. Das Ding wird famos poussiert. In Salford ist außerdem schon eine Free Library und ein Museum eingerichtet – Leihbibliothek und Lesezimmer gratis. In Manchester ist die Hall of Science – und hier war Watts, wie der Herr Mayor von Manchester gnädigst anerkannte, wirklich der Makler – von einem Komitee aus dem Ertrag öffentlicher Sammlungen (zirka 7000 Pfund Sterling sind zusammen) aufgekauft und wird ebenfalls in eine Free Library verwandelt. Ende Juli soll die Geschichte – mit 14 000 Bänden _to begin with_[19] – eröffnet werden. Alle Meetings und Versammlungen zu diesem Zwecke erschallen vom Lobe der Arbeiter, und speziell von dem des braven, bescheidenen, nützlichen Watts, der mit dem Bischof von Manchester jetzt auf dem besten Fuße steht. Ich freue mich schon auf den Ausbruch der Entrüstung über den Undank der Arbeiter, der beim ersten _shock_[20] von allen Seiten losplatzen wird.
Mein Herr Alter hat mir dieser Tage einen angenehmen Brief geschrieben, worin er den Wunsch ausspricht, daß ich auf unbestimmte Zeit, das heißt solange der Tuck mit den Ermens dauert (und das kann bis 1854 sein), hier bleibe. Mir natürlich sehr angenehm, _s’il me paie bien mon ennui_.[21] Ich lasse mir das natürlich nicht merken, bringe dem „Geschäft“ dies „Opfer“ und erkläre mich bereit, „die Entwicklung der Verhältnisse hier vorderhand abzuwarten“. Nächsten Sommer kommt er her, und ich werde ihm dann mich so unentbehrlich zu machen suchen, daß er auf alles eingehen muß.
Grüße Deine Frau und Kinder herzlich.
Dein F. E.
Particulars bei der Post Office Ordre[22] wie früher.
[1] Die festländische Demokratie.
[2] Finanzreformer. [So nannten sich die radikalen Freihändler, die neben den Schutzzöllen auch die meisten Finanzzölle abschaffen und durch Steuern auf Bodenwerte, Erbschaften usw. ersetzen wollten.]
[3] Es schön abbekommen.
[4] Lafayette und die Julirevolution.
[5] Geschichte der zehn Jahre. [Louis Blancs Buch über die Julirevolution und die ersten Regierungsjahre Louis Philipps.]
[6] Zehn Jahre.
[7] Angriffe des Papstes.
[8] Männer, Leute.
[9] [Parlaments-]Mitglieder.
[10] Fahnenschwenken, Aufputzerei.
[11] Hohe Politik.
[12] Wer weiß?
[13] Das schöne Frankreich.
[14] In der Masse.
[15] Die Lösungen sind ihnen unbequem.
[16] Dank dem feinen Geiste des Volkes in diesem Landstrich.
[17] Große Ausstellung.
[18] Städteverwaltungen.
[19] Zum Anfang.
[20] Stoß, Auflehnung.
[21] Wenn er mir meine Langeweile gut bezahlt.
[22] Einzelheiten bei der Postanweisung.
55
10. Februar 1851.
Lieber Engels!
Als Du schriebst, es sei bald Zeit, den Louis Blanc anzugreifen, warst Du mindestens ein _clairvoyant_.[1]
Nun horche auf folgende Geschichtserzählung:
Vor einigen Tagen, ungefähr einer Woche, begegnet mir Landolphe, und ich merkte an der verlegenen Art, worin er mich und meine Frau grüßte, daß etwas „faul“ war im Zustand unseres _ami chevaleresque_, unseres Bayard von der Montagne. _Eh bien!_[2] _Landolphe und Louis Blanc_ haben sich mit dem Komitee _Willich-Schapper_ vereint, aus dem Herr Adam ausgetreten ist! Und vierzehn Tage vorher schimpfte Landolphe noch weidlich über Barthélemy und erzählte ich ihm die Affäre der Herren Willich und Schapper. _Qu’en dis-tu?_[3] Mit keinem Worte haben die Biedermänner mich vorher unterrichtet.
Du stellst Dir leicht vor, wie Willich und Schapper in ihrer Vorstellung gewachsen sind und wie sie uns geschlagen wähnen!
Aber wir werden sie anders schlagen. Wir sind auf dem kürzesten Wege, den Unteroffizier und Zimmermann Willich _verrückt_, _literaliter_[4] verrückt zu machen.
Du erinnerst Dich des Briefes, den Schramm im Namen von Becker [in Köln] an Willich schrieb, worin er ihm die Militärdiktatur anbot, die Presse abschaffte und leichte Schlagschatten auf Schappers Moralität warf.
_Eh bien!_ Willich ist in die Falle gegangen. Er hat Becker bombardiert mit Briefen, er hat auch schon einen Emissär zur Absendung bereit, hat sich ganz schon das herrische Wesen eines Cromwell II. angeeignet, ist auffahrend geworden, duldet keinen Widerspruch mehr und hat dem Becker den Auftrag gegeben, eine Revolution in Köln zu machen, wonach er sich bereit erklärt, die oberste Leitung zu übernehmen. Ich werde von Becker in einigen Tagen die Briefe von Willich erhalten und dann die Minen springen lassen.
Hier ganzer Schwarm von neuem demokratischen Gesindel, aus Brüssel vertriebene Franzosen, Heise aus Kassel, Oppenheim aus Brüssel, Günther aus Frankfurt usw. Von letzteren jedoch habe ich glücklicherweise keinen gesehen.
Du hast doch meinen letzten Brief erhalten?
Dein K. M.
[1] Hellseher.
[2] Ritterlicher Freund ... Bayard der Bergpartei. Wohlan.
[3] Was sagst Du dazu?
[4] Wörtlich.
56
[Ohne Monats- und Jahresangabe.] Mittwoch [undatiert].
Lieber Marx!
Ich finde eben Deinen Brief zu Hause und benutze gleich die heutige Post, Dir anzuzeigen, daß ich es Ende dieser oder spätestens Anfang nächster Woche möglich machen werde, Dir die 1 Pfund 10 Schilling für Landolphe zu schicken, damit diese jetzt nicht länger fortzuziehende Geschichte aus der Welt kommt. _Notre ami_[1] Landolphe hat sich abermals als ein altes Weib bewiesen, und die alberne Zwergseitelkeit des superklugen Louis Blanc entwickelt sich in einer Weise, die den erhabenen Knirps wirklich zum reinen Narren stempelt. _C’est bien._[2] Man sieht mehr und mehr ein, daß die Emigration ein Institut ist, worin jeder notwendig ein Narr, ein Esel und ein gemeiner Schurke wird, der sich nicht ganz von ihr zurückzieht und dem die Stellung des unabhängigen Schriftstellers, der auch nach der sogenannten revolutionären Partei den Teufel fragt, nicht genügt. Es ist eine reine _school of scandal and of meanness_,[3] worin der letzte Esel zum ersten Vaterlandsretter wird.
Harney kriegt heute drei Artikel, einleitungsweise, etwas weitläufig, hier und da mit einer gelinden Andeutung besäet. Was bei der Sache fatal ist, ist dies, daß man für die englischen Proletarier und das Publikum Harneys schwerlich den Ledru-Rollin und Komp. angreifen kann, ohne sich mit der Clique Willich-Barth[élemy] wenigstens zum Teil zu identifizieren. Es wird nichts übrigbleiben, als dieser Clique schließlich einige besondere Artikel zu widmen. Diese ersten drei Artikel enthalten noch nichts, sie sind mehr geschrieben um Harneys willen, _to put him in the right track_,[4] als zu irgend einem anderen Zwecke.
Die Geschichte mit Willich ist _impayable_.[5] _Sorge nur, daß Du die Briefe erhältst._ Ich möchte die sittliche Entrüstung sehen, wenn die Bombe platzt. Ihr scheint seit einiger Zeit wieder gute Kundschafter in der G. W. [Great Windmillstreet] zu haben, _cela ne fait pas de mal_[6] und verschafft wenigstens Erheiterung. Ich gestehe, ich hätte den Kerl kaum für so dumm gehalten. Er wird übrigens jetzt erst recht in hellen Flammen sein, seit die preußischen Ministerialblätter den Krieg gegen die Schweiz in Aussicht stellen, und die Gardereserven, wie ihnen auf der Parade mitgeteilt, gerade deswegen unter den Waffen erhalten werden. Die Regierungen der heiligen Allianz arbeiten wirklich diesen phantastischen Eseln in unverantwortlicher Weise in die Hände, und wenn Palmerston nicht wäre, so könnte die nächste „Emanzipation der allgemeinen Dummheit“ wirklich sechs Monate zu früh zur Welt kommen.
Deine neueste ökonomische Entdeckung unterliegt gegenwärtig meiner ernstlichsten Erwägung. Ich habe heute keine Zeit, mich weiter darauf einzulassen, die Sache scheint mir aber ganz richtig zu sein. Aber mit Zahlen ist nicht zu spaßen, und deshalb überlege ich das Ding genau.
_Quelle bête que ce Louis Napoléon!_[7] Verkauft seine Wahlgesetzzweifel an die Versammlung und sich selbst an Montalembert für 1 800 000 Franken, die er schließlich doch nicht kriegt. Mit so einem Abenteurer ist doch gar nichts anzufangen. Läßt er sich vier Wochen von gescheiten Intriganten dirigieren, so muß er ganz gewiß in der fünften Woche alles Durchgesetzte auf die albernste Weise wieder zuschanden machen. _Aut Caesar aut Clichy!_[8]
Neulich stifteten wir hier eine neue _Chartist Locality_.[9] Diese Engländer sind innerhalb der demokratischen Formen viel gewissenloser als wir redlichen timiden Deutschen. Unser waren dreizehn, und es wurde sogleich beschlossen, einen _council_[10] zu wählen aus dreizehn Mitgliedern, nämlich den Anwesenden. Darauf schlug jeder einen der Anwesenden vor, und da ich natürlich dankte, jemand an meiner Stelle einen Abwesenden, und in weniger als fünf Minuten hatten sich die privaten Gentlemen in einen _council_ verwandelt, und doch war jeder gewählt, und dies ergötzliche _proceeding passed off very seriously and as a matter of course_.[11] Was aus der Geschichte wird, werde ich nächstens sehen. Für heute prosit
Dein F. E.
[1] Unser Freund.
[2] Das ist gut.
[3] Schule des Klatsches und der Niedertracht.
[4] Um ihn auf die rechte Fährte zu bringen.
[5] Unbezahlbar.
[6] Das schadet nichts.
[7] Was für ein [dummes] Tier, dieser Louis Napoleon.
[8] Entweder Cäsar [das heißt Kaiser] oder [ins Schuldgefängnis zu] Clichy.
[9] Chartistischer Ortsverein.
[10] Rat, Vorstand.
[11] Prozedur verlief in vollem Ernst und als eine selbstverständliche Geschichte.
57
11. Februar 1851.
Lieber Engels!
_Iterum Crispinus!_[1]
Soeben erfahre ich, daß heute abend ein Meeting stattfand in Tottenham Court Road für den Tod _Bems_. Auf der Tribüne saßen _Präsident_ Schapper usw., Louis Blanc und die übrigen Mitglieder des neuen Völkerbundkomitees. Unter den vordersten Reihen des Auditoriums saß Harney mit Frau. Das Hauptgros desselben bildete die Great Windmillstreet. Schapper hielt mit Beifall, in englischer Sprache, seine unvermeidliche Rede: _war to the knife_![2] Louis Blanc sprach nicht besser. _Vive la guerre!_[3] Tausenau auch zugegen, sprach über Bem. Harney hielt eine lange und, wie man sagt, gute Pauke, worin er schließlich Blanqui, Barbès und zu guter Letzt Louis Blanc als den sozialistischen Messias leben ließ.
_Qu’en dis-tu?_[4]
Wenn Du in einem Meeting, präsidiert von Th. Clark Esq., aufträtest und durch Deine Gegenwart und Deine Rede das Gewicht des Meetings eigentlich erst machtest, würde Freund Harney das für loyal halten?
Es genügt also nicht, daß er in seinem Friend of the People den Ruge poussiert, er muß indirekt auch noch die Schapper-Willich poussieren.
Er hatte mich vorigen Sonntag rufen lassen. Der Zweck war, Jones zu Annahme des Titels „Friend of the People“ zu bewegen. Ich bin nicht gegangen. Er mag sich zu diesem Zwecke an Louis Blanc, Landolphe, Schapper oder Willich wenden. Ich bin _fatigué_[5] von diesem öffentlichen Weihrauch, womit Harney nicht müde wird _les petits grands hommes_[6] einzuräuchern.
Abgesehen von diesem Inzidenz, daß auch Du _Brute_ (Harney), wenn nicht Partei gegen uns nimmst, wenigstens den Unparteiischen spielst, während Engels für Dich in Manchester wirkt, Eccarius an Deinem Blatt schreibt, und ich gelegentlich den Jones für Dich bearbeite – abgesehen davon, gefällt mir sehr die öffentliche, authentische Isolation, worin wir zwei, Du [Engels] und ich, uns jetzt befinden. Sie entspricht ganz unserer Stellung und unseren Prinzipien. Das System wechselseitiger Konzessionen, aus Anstand geduldeter Halbheiten, und die Pflicht, vor dem Publikum seinen Teil Lächerlichkeit in der Partei mit all diesen Eseln [auf sich] zu nehmen, das hat jetzt aufgehört. Nun, auch auf diese Zeilen bitte ich Dich bald zu antworten. Ich komme hier fast nur mit Pieper zusammen und lebe ganz zurückgezogen. Du begreifst also, wie ich Dich um so mehr hier vermisse und das Bedürfnis habe, mich mit Dir auszusprechen.
Dein K. M.
[1] Krispin aufs neue.
[2] Kampf bis aufs Messer.
[3] Es lebe der Krieg.
[4] Was sagst Du dazu.
[5] Müde, satt.
[6] Kleinen Großhanse.
58
Donnerstag, 13. Februar 1851.
Lieber Marx!
Ich erwartete diese Geschichte wegen Harney ziemlich sicher. Ich fand die Anzeige des Bem-Meetings im Friend of the People, worin es hieß, daß sich die Deutschen, Franzosen, Polen und Ungarn, sowie die _fraternal Democrats_[1] dabei beteiligen würden, und daß die W(indmill)street und Komp. sein mußte, war klar. Ich vergaß, Dich früher auf diese Annonce aufmerksam zu machen. Es ist mir heute nicht möglich, etwas Weiteres in der Sache zu tun. Morgen aber schreibe ich einen Brief an Harney, der ihm anzeigt, daß er das Manuskript, das ich ihm geschickt habe, nicht drucken soll, da ich es nicht fortsetzen werde, und worin ich ihm zu gleicher Zeit die ganze Geschichte ausführlich auseinandersetze. Wenn dieser Brief nicht hilft, so muß man die ganze Sauce fallen lassen, bis Herr Harney von selbst wiederkommt, was sehr bald geschehen wird. Ich vermute sehr stark, daß er in kurzem herkommen wird, wo ich ihn gehörig zwischen nehmen werde. Er soll endlich merken, daß man auch mit ihm Ernst macht. Jedenfalls, um Zeit und doppeltes Schreiben zu ersparen, werde ich Dir den Brief schicken, und wenn Du ihn gelesen hast, laß ihn ihm so rasch wie möglich zukommen.
_Persönlich_ ärgert mich diese Albernheit und Taktlosigkeit von Harney mehr als irgend etwas anderes. _Au fond_[2] kommt auch darauf nichts an.
Wir haben jetzt endlich wieder einmal – seit langer Zeit zum erstenmal – Gelegenheit, zu zeigen, daß wir keine Popularität, keinen _support_[3] von irgend einer Partei irgend welches Landes brauchen, und daß unsere Position von dergleichen Lumpereien total unabhängig ist. Wir sind von jetzt an nur noch für uns selbst verantwortlich, und wenn der Moment kommt, wo die Herren uns nötig haben, sind wir in der Lage, unsere eigenen Bedingungen diktieren zu können. Bis dahin haben wir wenigstens Ruhe. Freilich auch eine gewisse Einsamkeit – _mon Dieu_,[4] die habe ich hier in Manchester seit drei Monaten bereits genossen und mich daran gewöhnt, und dazu als reiner Junggeselle, was jedenfalls hier sehr langweilig ist. Wir können uns übrigens im Grunde nicht einmal sehr beklagen, daß die _petits grands hommes_[5] uns scheuen; haben wir nicht seit soundso viel Jahren getan, als wären Krethi und Plethi unsere Partei, wo wir gar keine Partei hatten, und wo die Leute, die wir als zu unserer Partei gehörig rechneten, wenigstens offiziell, auch nicht die Anfangsgründe unserer Sachen verstanden? Wie passen Leute wie wir, die offizielle Stellungen fliehen wie die Pest, in eine „Partei“? Was soll uns, die wir auf die Popularität spucken, die wir an uns selbst irre werden, wenn wir populär zu werden anfangen, eine „Partei“? Wahrhaftig, es ist kein Verlust, wenn wir nicht mehr für den „richtigen und adäquaten Ausdruck“ der Bornierten gelten, mit denen uns die letzten Jahre zusammengeworfen hatten.
Eine Revolution ist ein reines Naturphänomen, das mehr nach physikalischen Gesetzen geleitet wird, als nach den Regeln, die in ordinären Zeiten die Entwicklung der Gesellschaft bestimmen. Oder vielmehr, diese Regeln nehmen in der Revolution einen viel physikalischeren Charakter an, die materielle Gewalt der Notwendigkeit tritt heftiger hervor. Und sowie man als der Repräsentant einer Partei auftritt, wird man in diesen Strudel der unaufhaltsamen Naturnotwendigkeit hineingerissen. Bloß dadurch, daß man sich independent hält, indem man der _Sache_ nach revolutionärer ist als die anderen, kann man wenigstens eine Zeitlang seine Selbständigkeit gegenüber diesem Strudel behalten, schließlich wird man freilich auch hineingerissen.
Diese Stellung können und müssen wir bei der nächsten Geschichte einnehmen. Nicht nur keine offizielle _Staats_stellung, auch solange wie möglich keine offizielle _Partei_stellung, kein Sitz in Komitees usw., keine Verantwortlichkeit für Esel, unbarmherzige Kritik für alle, und dazu jene Heiterkeit, die sämtliche Konspirationen von Schafsköpfen uns doch nicht nehmen werden. Und das können wir. Wir können der Sache nach immer revolutionärer sein als die Phrasenmacher, weil wir etwas gelernt haben und sie nicht, weil wir wissen, was wir wollen und sie nicht, und _because, after what we have seen for the last three years, we shall take it a great deal more coolly than any one who has an interest in the business_.[6]
Die Hauptsache für den Moment ist: die Möglichkeit, unsere Sachen zum Druck zu bringen; entweder in einer Vierteljahrsschrift, wo wir direkt attackieren und uns den _Personen_ gegenüber unsere Position sichern; oder in dicken Büchern, wo wir dasselbe tun, ohne nötig zu haben, irgend eine dieser Spinnen auch nur zu erwähnen. Mir ist beides recht; auf die Dauer und bei der zunehmenden Reaktion scheint mir die Möglichkeit für ersteres abzunehmen und letzteres mehr und mehr unsere Ressource zu werden, worauf wir uns werfen müssen. Was wird aus allem Klatsch und Tratsch, den der gesamte Emigrationspöbel auf Deine Rechnung machen kann, wenn Du mit der Ökonomie darauf antwortest?
Morgen den Brief für Harney. _En attendant salut._[7]
Dein F. E.
[1] Brüderliche Demokraten.
[2] Im Grunde.
[3] Unterstützung.
[4] Mein Gott.
[5] Die kleinen großen Leute [beziehungsweise Gernegroße].
[6] Weil wir nach dem, was wir in den letzten drei Jahren gesehen haben, die Sache viel kühler hinnehmen werden als irgend jemand, der bei der Geschichte persönlich interessiert ist.
[7] Inzwischen Gruß.
59
London, 23. Februar 1851.
Lieber Engels!
Du hast seit einer Woche keine Nachricht von mir erhalten, einmal weil ich die Dokumente von Köln erwartete und sie Dir mitteilen wollte, dann weil ich nähere Details über unseren „Exfriend“ abwarten mußte. Die ersteren sind noch nicht gekommen. Über letzteren bin ich jetzt näher instruiert.
Harney hat Deinen Brief richtig erhalten.
* * * * *
Nun zu unserem Dear [Harney]!
Er hat sich keineswegs begnügt, am Meeting der Leute teilzunehmen. Nein. Er hat ihr Bankett vom 24. Februar, was ohne ihn vollständig in den Sumpf gefallen wäre, zu einem _Londoner Ereignis_ gemacht. Es sind schon tausend Karten verkauft zu dem Bankett, das in der City stattfindet. Harney hat den _größten Teil der Karten_ vertrieben, wie Jones mir vorgestern sagte. O’Connor, Reynolds, Hunderte von Chartisten nehmen teil. Harney hat sie zusammengetrieben. Er ist den ganzen Tag _en route_,[1] um die Orders von Louis Blanc auszuführen, wie Jones mir ebenfalls sagte.