Der Briefwechsel zwischen Friedrich Engels und Karl Marx 1844 bis 1883, Erster Band
Part 15
„An die Demokraten aller Nationen. Bürger! Verbannte Flüchtlinge in England und _schon allein dadurch_ besser placiert, um die politischen Bewegungen des Festlandes zu beurteilen, haben wir alle Kombinationen der koalierten Mächte verfolgen und tätig überwachen können, die sich auf eine neue Besetzung Frankreichs rüsten, wo (sehr scheene!) die Kosaken des Nordens von ihren Mitverschworenen erwartet werden, um (noch einmal: erwartet, _um_) in seinem eigenen Heim (die Geburtsstätte von Barthélemy und Pottier) den Vulkan der Weltrevolution auszulöschen. Die Könige und die Aristokraten Europas haben begriffen, daß es Zeit sei, Dämme aufzuführen, um die Volksflut (hieße besser die Volksversumpfung) aufzuhalten, welche ihre wankenden Throne zu verschlingen droht. – Zahlreiche, in Rußland, in Österreich, in Preußen, in Bayern, in Hannover, in Württemberg, in Sachsen, kurz in allen Staaten Deutschlands aufgebotene Truppen sind bereits vereinigt. (Truppen ... sind bereits vereinigt!) In Italien bedrohen 130 000 Mann die schweizerische Grenze. Der Vorarlberg ist von 80 000 Mann besetzt. Der Oberrhein ist mit 80 000 Mann, Württemberger, Badenser und Preußen, besetzt, der Main von 80 000 Bayern und Österreichern bewacht. Während 370 000 Mann die von uns bezeichneten Punkte besetzt halten, hat Preußen 200 000 Soldaten mobil gemacht, die es bereit hält (_sic!_), gegen die Grenzen Belgiens und Frankreichs geworfen zu werden; Holland und Belgien werden durch die Koalitionen gezwungen, die Einmarschierungsbewegung mit einer 150 000 Mann starken Armee zu unterstützen. In Böhmen stehen 150 000 Mann bereit und warten nur auf Order, um sich mit der Mainarmee zu vereinigen, die dann 230 000 Mann stark sein würde. Um Wien herum sind 80 000 Mann konzentriert. 300 000 Russen lagern in Polen und 80 000 in der Umgebung St. Petersburgs. Diese Armeen bilden zusammen eine Heeresmacht von einer Million dreimalhunderttausend Kämpfern, die nur auf das Signal zum Angriff warten. Hinter jenen Truppen halten sich ferner bereit 180 000 Österreicher, 200 000 Preußen, 100 000 von den Kleinstaaten Deutschlands gestellte Mannschaften und 120 000 Russen, welche Armeen zusammen eine Reservetruppe bilden von 700 000 Mann, ohne die unzählbaren (_sic!_) Horden von Barbaren, welche der moskowitische Attila hervorbrechen lassen würde, um sie wie einst (!) auf die europäische Zivilisation zu werfen. Deutsche Blätter (wird nämlich in einer Note ein ... Satz aus der Neuen Deutschen Zeitung zitiert, um Lüning günstig zu stimmen) und unsere _eigenen Ermittlungen lassen uns die geheimen Pläne der Mächte erkennen_, deren Bevollmächtigte am vergangenen 25. Oktober in Warschau versammelt waren. Es wurde in der (!) Konferenz _beschlossen_, daß ein Scheinkrieg (Teufel, was für Diplomatie!) zwischen Preußen und Österreich als ein Vorwand dienen solle für die Bewegung der Soldaten, die der _Wille_ des Zaren in blinde Werkzeuge und wilde Meuchelmörder gegen die Verteidiger der Freiheit verwandelt. (Bravo!) Im Angesicht dieser Tatsache ist kein Zweifel mehr möglich: man organisiert in diesem Augenblick die schon begonnene (!!) Niedermetzelung aller Republikaner. Die Tage des Juni 1848 mit ihren blutigen Hinrichtungen und den auf diese folgenden Ächtungen – die Verwüstung und Knechtung Ungarns durch Österreich –, die Auslieferung Italiens an den Papst und die Jesuiten nach der Erdrosselung der römischen Republik durch die Soldaten der französischen Regierung haben die Wut unserer Feinde nicht stillen können. Sie träumen von der Knechtung aller Völker, die für den Triumph der allgemeinen Freiheit kämpfen. Wenn die Demokratie nicht acht gibt, werden Polen, Ungarn, Deutschland, Italien und Frankreich bald wiederum dem Wüten der wilden Soldateska des Nikolas preisgegeben sein, der den Barbaren, um sie zum Kampfe anzustacheln, die Verwüstung und Ausplünderung Europas verspricht. – Gegenüber dieser Gefahr, die uns bedroht, auf, auf! ... französische, deutsche, italienische, polnische und ungarische Republikaner, erheben wir uns aus dieser Erstarrung (Pot Schapper und Willich!), die unsere Kräfte entnervt und unseren Unterdrücker den Sieg leicht macht. Auf! ... Lassen wir auf die Tage der Ruhe und jetzigen Schmach die Tage der Mühen und des Ruhmes folgen, die uns der heilige Krieg für die Freiheit vorbereitet! Wenn Ihr die Gefahren prüft, die wir Euch anzeigen, so werdet Ihr wie wir begreifen, daß es Wahnsinn wäre, länger den Angriff des gemeinsamen Feindes abzuwarten; wir müssen alles vorbereiten und der Gefahr, die uns umgibt, zuvorkommen. (Kommt einmal einer Gefahr zuvor, die Euch _umgibt_!) Bürger, Sozialdemokraten, unser Heil liegt nur bei uns selbst, wir dürfen nur auf unsere eigenen Kräfte rechnen, und aus den Beispielen der Vergangenheit belehrt, müssen wir uns gegen die Verrätereien im voraus waffnen. Vermeiden wir, vermeiden wir insbesondere die Falle, die uns von den Schlangen (!) der Diplomatie gestellt wird. Die Schüler der Metternich und Talleyrand sinnen in diesem Moment darauf, die Fackel der Revolution dadurch auszulöschen, daß sie Frankreich durch die Invasion, die sie vorbereiten, zu einem nationalen Kriege bewegen, in welchem die Völker zum Vorteil der Feinde ihrer Befreiung einander die Kehlen abschneiden würden! Nein, Bürger! Kein Nationalkrieg mehr! Die Schlagbäume, welche die Despoten zwischen den Nationen, die sie unter sich geteilt, errichtet hatten, werden fortan für uns niedergerissen sein, und die in eins verschmolzenen Völker haben nur noch eine Fahne, auf welche wir mit dem fruchtbaren Blut unserer Märtyrer geschrieben haben: ‚Universelle demokratische und soziale Republik!‘ Für ihre Vereine: Die Mitglieder des Komitees der geächteten französischen Sozialdemokraten in London: Adam (Combreur), Barthélemy (Emml), Caperon (Paulin), Favon, Gouté, Thierry, Vidil (Jules). Die Delegierten der ständigen Kommission der Sektion der polnischen Demokratie in London: Sawaszkiewicz, Waßkowski. Die Mitglieder des sozialdemokratischen Komitees deutscher Flüchtlinge und des Deutschen Arbeitervereins: Dietz (Oswald), Gebert (A.), Mayer (Adolf), Schärttner (A.), Schapper (Karl), Willich (August). Die Delegierten des Ungarischen Demokratischen Vereins in London: Molihary, Simonyi. London, den 16. November 1850.“
Als ich das Manifest [Ledru-]Rollin, Mazzini, Ruge usw. an die Deutschen gelesen hatte, worin man sie auffordert, das Bardiet zu singen, [und] sie erinnert, daß ihre Vorfahren „Franken“ hießen, und worin der König von Preußen schon abgemacht hatte, sich von Österreich klopfen zu lassen, glaubte ich, etwas Dümmeres sei unmöglich. _Mais non!_[4] Kommt das Manifest Ganon Caperon Gouté, wie die Patrie es nennt, der _dii minorum gentium_,[5] mit demselben Inhalt, wie sie richtig bemerkt, aber ohne Chic, ohne Stil, mit den armseligsten Rednerblumen von _serpents_[6] und _sicaires_[7] und _égorgements_![8] Die Indépendance erzählt, indem sie einige Sätze aus diesem Meisterwerk mitteilt, es sei von den _soldats _les plus obscurs_ de la Démocratie_[9] abgefaßt, und diese armen Teufel hätten es ihrem Korrespondenten in London zugeschickt, obgleich sie konservativ sei. So sehr sehnten sie sich nach dem Drucke. Sie nennt zur Strafe _keinen_ Namen, wie die Patrie nur die obigen drei nennt. Zur Erfüllung der Mission geben sie von hier einem Straubinger (selbiges Subjekt hat die klägliche Geschichte gestern dem Pfänder erzählt) 50 Exemplare nach Frankreich mit. Kurz vor Boulogne schmeißt er 49 Stück ins Meer, in Boulogne wird Bruder Straubinger wegen mangelnden Passes zurückgeschickt nach London und erzählt, „daß er jetzt nach Boston gehe“.
Lebe wohl und schreibe umgehend
Deinem K. M.
Apropos. Schreibe doch einmal dem würdigen Dronke, daß er in Bundesangelegenheiten antwortet und nicht nur im Falle von Tretbriefen schreibt. Die Herren Kölner haben noch nichts hören lassen. Weydemeyer nennt „Haude“, der sein ganzes Fell in Deutschland eingebüßt hat und wieder hier ist, einen „sonst wackeren Burschen“.
Du mußt ernsthaft nachdenken, worüber Du schreiben willst. England geht nicht, da schon zwei Themata darüber, vielleicht drei mit Eccarius. Über Frankreich ist auch nicht viel zu sagen. Könntest Du nicht vielleicht, an Mazzinis neueste Sachen anknüpfend, die biederen Italiener samt ihrer Revolution einmal packen? (Sein „Republik und Monarchie usw.“ nebst seiner „Religion, der Papst usw.“)
[Anschrift von Frau Marx.]
Lieber Engels!
Ihre freundliche Teilnahme an dem Schicksal, das uns in dem Verlust unseres kleinen Lieblings, meines armen kleinen Schmerzenskindes, so schwer getroffen, hat mir sehr wohlgetan, um so mehr, als ich mich in den letzten schmerzlichen Tagen recht bitter über unseren Freund S[chramm] zu beklagen hatte. Mein Mann und wir alle haben Sie sehr vermißt und uns oft nach Ihnen gesehnt. Dennoch freue ich mich sehr, daß Sie hier fort und auf dem besten Wege sind, ein großer _Cotton-lord_[10] zu werden. Keilen Sie sich nur recht fest ein zwischen die zwei feindlichen Brüder; dieser Kampf bringt Sie notwendig Ihrem verehrten Herrn Papa gegenüber in die Position der Unentbehrlichkeit, und ich sehe Sie schon im Geiste als Frederic Engels junior und Associé des Senior figurieren. Das Beste dabei ist, daß Sie trotz _Cottontrade_[11] und alledem der alte Fritze bleiben und sich, um mit den drei Erzdemokraten Friedrich Wilhelm [dem Vierten], Kinkel und Mazzini zu reden, „der heiligen Sache der Freiheit“ nicht entfremden werden .... Gestern abend waren wir in der ersten Vorlesung von Ernest Jones über die päpstliche Geschichte. Sein Vortrag war wunderschön und für die Engländer avanciert; für uns Deutsche, die wir durch Hegel, Feuerbach usw. Spießruten gelaufen sind, nicht ganz _à la hauteur_.[12] Der arme Harney war lebensgefährlich krank an einem Geschwür an der Luftröhre. Er darf noch nicht sprechen. Ein englischer Arzt hat zweimal geschnitten und die wehe Stelle nicht getroffen. Sein Red [Republican][13] ist umgewandelt in den Friend of the People.[14] Doch nun für heute genug. Die Kinder plaudern sehr viel vom Onkel Angels, und der kleine Till singt ganz famos nach Ihrer verehrten Instruktion, lieber Herr Engels, das Lied vom „Knotenpelz und von dem flotten Besen“.
Weihnachten sehen wir Sie hoffentlich.
Ihre Jenny Marx.
[1] In hohem Grade.
[2] Wörtlich: Muster-Logierhaus, tatsächlich Name erbärmlicher Mietkasernen.
[3] In der Great Windmillstreet (Straße in London) befand sich der öffentliche, damals zu Willich-Schapper haltende kommunistische Arbeiterverein.
[4] Aber nein!
[5] Götter der niederen Gattung.
[6] Schlangen.
[7] Meuchelmörder.
[8] Kehlabschneidereien.
[9] Unbedeutendsten Soldaten der Demokratie.
[10] Baumwollbaron.
[11] Baumwollhandel.
[12] Auf der Höhe.
[13] Roter [Republikaner].
[14] Volksfreund.
47
Manchester, 17. Dezember 1850.
Lieber Marx!
Ich bin die letzte Zeit ausnahmsweise sehr beschäftigt gewesen und habe andere Störungen gehabt, die mich aus meinem gewöhnlichen Lebenssystem herausrissen und mich am Schreiben verhinderten. Daher meine späte Antwort.
Das Manifest Ganon Caperon Gouté ist wirklich ein Meisterstück nach Inhalt und Form. Die _crânerie_[1] hat ihren vollendeten Ausdruck erreicht, und Monsieur Barthélemy hat der Welt endlich einmal ein Exempel davon gegeben, _ce que c’est que de parler carrément_.[2] Die militärische Aufstellung des _homme de marbre_[3] ist ebenso heiter: der _bonhomme_[4] hat die meisten Corps der österreichischen Armee zweimal gezählt, wie die oberflächlichste _reference_[5] zu den Zeitungen beweist. Übrigens geht die Unverschämtheit doch zu weit, nach all den Blamagen seit 1848 und bei der gegenwärtigen gemütlichen Stimmung aller Nationen, obenan der _crapauds_, von einer _marée populaire_ zu sprechen, _qui menace d’engloutir des trônes_.[6] Die Versammlung von Namen, die darunter steht, ist freilich die schönste _feature_[7] des Ganzen. Solch ein europäischer Kongreß ist noch nie gesehen worden. Ledru-Rollin, Mazzini und Komp. erhalten ordentlich eine gewisse Wichtigkeit durch diese Kinderei. Übrigens möchte ich wissen, worin sich der Waschlappen Sawaßkiewicz, der darunter steht, von dem Polacken des Ledru-Rollin, Darasz, unterscheidet, und inwiefern die beiden Ungarn, die darunter stehen, dem Mazzini vorzuziehen sind. Schapper und Ruge stehen sich freilich ziemlich gleich, und falls nicht Dietz ein schweres Gewicht zugunsten des neuen europäischen Komitees in die Wagschale legt, so werden die Herren die Konkurrenz mit ihrem Original schwerlich bestehen können.
Neulich war ich bei John Watts, der Kerl scheint gut zu mogeln, er hat jetzt einen viel größeren _shop_ [Laden] in Deansgate, etwas höher hinauf. Er ist vollständiger radikaler Spießbürger geworden, kümmert sich um nichts als das _educational movement_,[8] schwärmt für _moral force_[9] und hat Herrn Proudhon zu seinem Herrn und Meister akzeptiert. Er hat die _Contradictions économiques_[10] und anderes Zeug übersetzt und viel Geld daran verloren, da die englischen Arbeiter noch nicht „Erziehung“ genug haben, um diese famosen Sachen zu verstehen. Er erzählte mir verschiedene Exempel, aus denen hervorgeht, daß er sehr gut versteht, seinen Schneidercommerce vermittels Affichierung seines bürgerlichen Liberalismus zu poussieren. In den _Educational Committees_[11] sitzt er mit seinen ehemaligen wütenden Gegnern, den Dissenterpfaffen, brüderlich zusammen und läßt sich von Zeit zu Zeit Banknoten von ihnen geben _for the very able address he delivered on that evening_.[12] Der Kerl scheint mir in dieser Metamorphose allen Witz verloren zu haben; ich bin seitdem noch nicht wieder bei ihm gewesen. Für Leute, die derartige Wandlungen in die bürgerliche Solidität durchmachen, ist natürlich Proudhon hierzulande ein gefundenes Fressen; scheinbar am weitesten gehend, weiter als Owen, ist er doch _fully respectable_.[13]
Ich habe nichts dagegen, über Herrn Mazzini und die italienische Geschichte zu schreiben. Mir fehlen nur außer dem Ding im Red [Republican] alle Mazzinischen Schriften. Vor Weihnacht komme ich indes doch zu nichts, da ich in acht Tagen doch in London bin. Ich werde mir dann das Nötige mitnehmen. Vielleicht fällt uns bis dahin auch sonst noch was ein.
Deiner Frau meinen besten Dank für ihre freundlichen Zeilen. Mit dem _Cotton-lord_ ist’s so arg nicht, mein Herr Alter scheint gar nicht so geneigt zu sein, mich länger hier zu halten, als absolut nötig ist. _Cependant nous verrons._[14] An Dronke ist geschrieben.
Grüße Deine Frau und Kinder.
Dein F. E.
[1] Prahlerei.
[2] Was gradeheraus reden heißt.
[3] Mann von Marmor beziehungsweise Erz.
[4] Guter Mann [im Sinne von Faselhans].
[5] Das Nachschlagen beziehungsweise Nachlesen.
[6] _Crapauds_ = Kröten, hier: die französischen Schreier. _Marée populaire_ = Flutwelle der Volksmasse. _Qui menace etc._ = die die Throne zu verschlingen droht.
[7] Eigenschaft, Charakterzug.
[8] Unterrichtsbewegung.
[9] Moralische Gewalt.
[10] Ökonomische Widersprüche [Titel von Proudhons erstem größeren Werk].
[11] Komitees für das Unterrichtswesen.
[12] Für den sehr tüchtigen Vortrag, den er an jenem Abend gehalten.
[13] Durchaus respektabel.
[14] Indes werden wir sehen.
1851
48
6. Januar 1851.
Lieber Engels!
Du wirst mich sehr verpflichten, _s’il est possible_,[1] das Geld umgehend zu schicken. Meine Wirtin ist _very poor_;[2] sie ist jetzt die zweite Woche nicht bezahlt und tritt mit schrecklicher Energie.
Gestern in der Kreissitzung erschien Wolff; nicht aber Liebknecht und Schramm. Die neuen Statuten angenommen, habe ich das Ding aufs Unbestimmte vertagt.
Dein K. M.
Unsere Revue wird wahrscheinlich in der Schweiz neu erscheinen. Arbeite also _something_,[3] damit ich das Manuskript im Notfall _ready_[4] habe.
[1] Wenn es möglich ist.
[2] Sehr arm.
[3] Etwas.
[4] Fertig.
49
London, 7. Januar 1851.
Lieber Engels!
Ich schreibe Dir heute, um Dir eine _questiuncula theoretica_[1] vorzulegen, natürlich _naturae politico-economicae_.[2]
Du weißt, um _ab ovo_[3] zu beginnen, daß nach der Ricardoschen Theorie der Rente sie nichts anderes ist, als der Unterschied zwischen den Produktionskosten und dem Preise des Bodenproduktes, oder wie er das auch ausdrückt, der Unterschied des Preises, wozu das schlechteste Land verkaufen muß, um seine Kosten herauszubringen (immer den Profit und Zinsen des Pächters eingerechnet in die Kosten), und wozu das beste Land verkaufen kann. Das Steigen der Rente beweist nach ihm, wie er selbst seine Theorie auslegt:
1. Es wird zu immer schlechteren Erdarten Zuflucht genommen, oder dasselbe Quantum Kapital, sukzessive auf denselben Boden angewandt, bringt nicht dasselbe Produkt. Mit einem Worte: die Erde verschlechtert sich in demselben Maße, als die Bevölkerung ihr mehr abverlangen muß. Sie wird relativ unfruchtbarer. Worin dann Malthus den realen Boden seiner Populationstheorie gefunden hat und worin seine Schüler jetzt ihren letzten Notanker suchen.
2. Die Rente kann nur steigen, wenn der Getreidepreis steigt (wenigstens _ökonomisch legal_); sie muß fallen, wenn er fällt.
3. Wenn das _Rental eines ganzen Landes_ steigt, so ist dies nur erklärlich dadurch, daß eine sehr große Masse relativ schlechteren Bodens in Bebauung gesetzt worden ist.
Diesen drei _Propositions_[4] widerspricht nun überall die Geschichte.
1. Kein Zweifel, daß immer schlechtere Erdarten in Bebauung gesetzt werden mit dem Fortschritt der Zivilisation. Aber ebensowenig Zweifel, daß diese schlechteren Erdarten relativ gut sind gegen die früher guten, infolge des Fortschritts der Wissenschaft und Industrie.
2. Seit 1815 ist der Getreidepreis von 90 auf 50 Schilling gefallen und darunter – vor der Abschaffung der Korngesetze, unregelmäßig aber beständig. Die Rente ist beständig gestiegen. So in England. _Mutatis mutandis_ überall auf dem Kontinent.
3. In allen Ländern finden wir, wie schon Petty bemerkte, daß, wenn der Preis des Getreides abnahm, das Gesamtrental des Landes stieg.
Die Hauptsache bei alledem bleibt, das Gesetz der Rente mit dem Fortschritt der Fruchtbarkeit der Agrikultur im allgemeinen auszugleichen, wodurch einmal die historischen Tatsachen allein erklärt werden können, andererseits die Malthussche Verschlechterungstheorie nicht nur der Hände, sondern auch der Erde allein beseitigt wird.
Ich glaube, daß die Sache einfach zu erklären ist wie folgt.
Gesetzt, in einem gegebenen Zustand der Agrikultur sei der Preis des Quarter Weizens 7 Schilling und ein Acre Land der besten Qualität, das eine Rente von 10 Schilling zahlt, produziere 20 Bushel.[5] Der Ertrag des Acre also = 20 × 7 oder = 140 Schilling. Die Produktionskosten betragen in diesem Falle 130 Schilling. 130 Schilling ist also der Preis des Produktes des schlechtesten in Bebauung gesetzten Landes.
Gesetzt, es trete nun eine allgemeine Verbesserung der Agrikultur ein. Setzen wir diese voraus, so nehmen wir an, gleichzeitig, daß Wissenschaft, Industrie und Bevölkerung im Zunehmen begriffen sind. Eine durch Verbesserung allgemein vermehrte Fruchtbarkeit des Bodens setzt diese Bedingungen voraus, im Unterschied der bloß vom Zufall einer günstigen Jahreszeit hervorgebrachten Fruchtbarkeit.
Der Weizenpreis falle von 7 auf 5 Schilling per Quarter. Das beste Land, Nr. 1, das früher 20 Bushel hervorbrachte, bringe nun 30 Bushel hervor. Bringt also jetzt ein, statt 20 × 7 oder 140 Schilling, 30 × 5 oder 150 Schilling. Das heißt eine Rente von 20 Schilling statt früher von 10. Der schlechteste Boden, der keine Rente trägt, muß produzieren 26 Bushel, denn nach unserer obigen Annahme ist der notwendige Preis desselben 130 Schilling und 26 × 5 = 130. Ist die Verbesserung nicht so allgemein, das heißt der allgemeine Fortschritt der Wissenschaft, der mit dem Gesamtfortschritt der Gesellschaft, Population usw. Hand in Hand geht, daß der schlechteste Boden, der in Bebauung gesetzt werden muß, 26 Bushel hervorbringen kann, so kann der Getreidepreis nicht auf 5 Schilling per Quarter fallen.
Die 20 Schilling Rente drücken nach wie vor den Unterschied zwischen den Produktionskosten und dem Getreidepreis auf dem besten Boden oder zwischen den Produktionskosten des schlechtesten und denen des besten Bodens aus. Relativ bleibt das eine Land immer ebenso unfruchtbar gegen das andere wie vorher. Aber die _allgemeine Fruchtbarkeit_ hat sich gehoben.
Vorausgesetzt wird nur, daß, wenn der Getreidepreis von 7 auf 5 Schilling fällt, die Konsumtion in demselben Maße zunimmt, [das heißt] die Nachfrage, oder daß die Produktivität nicht die Nachfrage übersteigt, die zu dem Preise von 5 Schilling erwartet werden kann. So sehr diese Voraussetzung falsch wäre, wenn der Preis von 7 auf 5 Schilling gefallen wäre durch einen ausnahmsweise üppigen Herbst, so notwendig ist sie bei einer graduellen und durch die Produzenten selbst bewirkten Steigerung der Fruchtbarkeit. In allen Fällen handelt es sich hier nur um die ökonomische Möglichkeit dieser Hypothese.
Es folgt hieraus:
1. Die Rente kann steigen, obgleich der Preis des Bodenproduktes fällt, und doch _bleibt Ricardos Gesetz richtig_.
2. Das Gesetz der Rente, wie Ricardo es in einfachster These, abgesehen von seiner Ausführung, hinstellt, setzt nicht die abnehmende Fruchtbarkeit des Bodens voraus, sondern nur, _trotz der mit der Entwicklung der Gesellschaft allgemein zunehmenden Fruchtbarkeit des Bodens, verschiedene_ Fruchtbarkeit der Ländereien oder verschiedenes Resultat des sukzessiv auf demselben Boden angewandten Kapitals.
3. Je allgemeiner die Verbesserung des Bodens ist, desto mehr Sorten von Ländereien wird sie umfassen, und das Rental des ganzen Landes kann steigen, obgleich der Getreidepreis im allgemeinen sinkt. Gesetzt zum Beispiel das obige Beispiel, so kommt es nur darauf an, wie groß die Anzahl der Ländereien ist, die mehr als 26 Bushel zu 5 Schilling produzieren, ohne gerade deren 30 produzieren zu müssen, das heißt um wie mannigfaltiger die Qualität des Landes ist, das zwischen dem besten und dem schlechtesten liegt. Es geht dies die _ratio_[6] der Rente des besten Landes nichts an. Es geht überhaupt die _ratio_ der Rente nicht direkt an.
Du weißt, daß der Hauptwitz bei der Rente der ist, daß sie erzeugt ist durch die Ausgleichung des Preises für die Resultate verschiedener Produktionskosten, daß aber dies Gesetz des Marktpreises nichts als ein Gesetz der bürgerlichen Konkurrenz ist. Indessen bliebe, selbst nach Abschaffung der bürgerlichen Produktion, der Haken, daß die Erde relativ unfruchtbarer würde, daß mit derselben Arbeit weniger sukzessiv geschaffen würde, obgleich nicht mehr, wie im bürgerlichen Regime, der beste Boden so teures Produkt lieferte wie der schlechteste. Dieses Bedenken fiele mit dem Obigen fort.
Ich bitte Dich um Deine Ansicht über die Sache.
Weil ich Dich mit dieser Sauce gelangweilt, schicke ich Dir zur Erheiterung folgendes Pack Briefe von Dr. _Magnus Groß_ (doppelt großer Groß! Allergrößter Groß!) aus Cincinnati. Du wirst finden, daß, wenn Monsieur Groß nicht _grand_,[7] er jedenfalls _gros_[8] ist. Tellering II. _in nuce_.[9] Gleichen sich doch alle Koblenzer. Schicke mir die Sache zurück, und wenn Du willst und Zeit und Lust hast, mit einer Zeile für Dronke.
Dein K. M.
[1] Kleine theoretische Frage.
[2] Politisch-ökonomischer Natur.
[3] Vom Ei an.
[4] Sätze.
[5] Buschel = englischer Scheffel, der 36,3 Liter faßt.
[6] Hier: Höhe, Satz.
[7] Groß.
[8] Ungeschlacht [unübersetzbares Wortspiel in bezug auf den Namen Groß].
[9] In der Nußschale [das heißt: zusammengefaßt].
50
Manchester, 8. Januar 1851.
Lieber Marx!