Der Briefwechsel zwischen Friedrich Engels und Karl Marx 1844 bis 1883, Erster Band

Part 14

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Eine wesentlich geschlossenere Natur als der rheinische Lyriker Kinkel war der pommerische Philosoph Arnold Ruge, der im Sommer 1849 als Emigrant nach England gekommen war und in der Flüchtlingsschaft ebenfalls eine Rolle spielte. Die von ihm 1848 in Leipzig ins Leben gerufene und dann nach Berlin verlegte Reform war eine der besten demokratischen Tageszeitungen Berlins gewesen, und in der Zeit, von der dieser und die nächsten Abschnitte handeln, hat Ruge den Mächten des Tages keine Zugeständnisse gemacht. Dagegen hat er dem Kitzel nicht widerstehen können, mit Gleichgesinnten selbst eine Macht spielen zu wollen, ohne mehr hinter sich zu haben als Phantasieregimenter. Mit Ledru-Rollin, Mazzini und etlichen anderen bildete er einen „Zentralausschuß der europäischen Demokratie“, der die Welt von Zeit zu Zeit mit Revolutionsmanifesten und ähnlichen Kundgebungen beschenkte, die für kein Land mehr bloße Kuriosa waren als gerade für Deutschland. Dabei gab es jedoch zwischen ihm nebst Gesinnungsfreunden und Kinkel-Willich mit ihrem Anhang allerhand Rivalitäten und zeitweise heftige Kämpfe, die literarisch vorwiegend in der deutschen Presse der Vereinigten Staaten ausgefochten wurden. Darüber und über die Vereine der Streitenden geben die Briefe von Marx an Engels sehr ausführliche Einzelheiten, wobei indes bemerkt werden muß, daß Marx auf Grund mündlicher Berichterstattung von Parteifreunden schreibt, von denen einige nicht über den Verdacht erhaben sind, gelegentlich stark aufgetragen zu haben.

Nach der erfolgten Spaltung in der Zentralbehörde des Kommunistenbundes und dem Austritt von Marx-Engels und ihrem Kreis aus dem Londoner Kommunistischen Arbeiterbildungsverein zogen sich die beiden Freunde selbst vollständig von der Agitation in London zurück. Engels hatte nach dem Willen seines Vaters, der ihn möglichst weit vom heißen Boden der Londoner Emigration zu wissen wünschte, eine Stelle in Kalkutta annehmen sollen, sie aber entrüstet zurückgewiesen. Jetzt jedoch übersiedelte er nach Manchester, um dort eine kaufmännische Stelle im Bureau der Großspinnerei Ermen & Engels anzunehmen, zu deren Teilhabern sein Vater gehörte. In welcher Absicht er es tat, geht aus seinen Briefen hervor. Bei seiner fabelhaften Arbeitskraft wäre es dem ledigen, in der Blüte seiner Jahre stehenden Manne nicht schwer gefallen, sich als Schriftsteller sein Brot zu erwerben. Aber es war ihm Bedürfnis, so viel als möglich Marx beistehen zu können, dessen materielle Lage sich immer drückender gestaltete. Marx hatte sich, wie man unter anderem aus dem Briefe seiner Frau an Joseph Weydemeyer vom 20. Mai 1851 (abgedruckt in der Neuen Zeit, XXV, 2, S. 18 ff.) ersieht, durch Übernahme und Deckung der Schulden der Neuen Rheinischen Zeitung des größten Teiles des kleinen Vermögens entäußert, über das er verfügte, und saß, da die Revue Neue Rheinische Zeitung nur Arbeit kostete, aber kaum ihre Kosten einbrachte, bald mit Frau, drei unerwachsenen Kindern und der treuen Helene Demuth ohne alle Barmittel in London da. Die Möbel und fast ihr ganzes Silberzeug hatten Marx und Frau veräußert; was ihnen vom letzteren verblieben, war ins Pfandhaus gewandert und hatte lange Zeit für sie nur die Bedeutung, daß sie durch die Pflicht erneuter Zinszahlung aus das geliehene Geld an es erinnert wurden. Aus der ersten Wohnung, die sie in London genommen hatten (in Chelsea), wurden sie in brutalster Weise exmittiert; die zweite war eine Interimswohnung, dicht am Leicestersquare, und dann zieht die Familie nach Deanstreet im Sohoviertel, wo sie sich in engen Räumen behelfen muß und auch für diese oft die Miete fehlt. Die Versuche Marxens, sich durch schriftstellerische Arbeit zu ernähren, begegnen allen möglichen Schwierigkeiten. In Deutschland scheuen die Verleger ängstlich davor zurück, größere Arbeiten von Marx in Verlag zu nehmen, und diejenigen deutschen Zeitungen, die regelmäßig Korrespondenten zahlen können, sind Marx verschlossen oder werden von ihm als Blätter betrachtet, mit denen man sich nicht einläßt. Auch in den Vereinigten Staaten, wo es damals eine radikale deutsche Presse gab, die mit den Revolutionären sympathisierte, war gerade für Marx keines der größeren dieser Blätter zugängig. Es wäre zudem in den Augen von Engels eine Sünde gewesen, wenn ein Mann von der Bedeutung Marx’ sich für kleine Tagesschriftstellerei hätte abarbeiten sollen, statt in erster Reihe wissenschaftlichen Arbeiten nachzugeben. So veranlaßt er Marx, sich vor allem an die Vorarbeiten für das große ökonomische Werk zu machen, das Marx damals plante, und den unmittelbaren Broterwerb in zweite Linie zu stellen. Es ist nicht nur der Freund, der dem Freunde hilft, es ist der _Parteimann_, der der _Partei_ eine erste geistige Kraft erhalten und dafür sorgen will, daß diese Kraft sich in der ihren Neigungen und den Interessen der Partei dienlichsten Weise entfalten kann. Es spricht alles dafür, daß unter solcher Begründung Engels seinem Freunde Marx seine dauernde Hilfe angeboten und Marx sich entschlossen hat, sie anzunehmen.

Er würde indes doch weniger auf sie haben zurückgreifen müssen, wenn ihn nicht unter anderem immer wieder sehr bösartige Haut-, Darm- und Lebererkrankungen heimgesucht hätten, die meist wochenlang ihn ganz oder halb invalide machten. Ungemein viel Zeit nehmen ihm im Jahre 1852 die Verhaftung der Kölner und anderer Mitglieder des Kommunistischen Bundes und der gegen die Verhafteten eingeleitete Umsturzprozeß fort. In den Bemühungen, für die Angeklagten Entlastungsmaterial herbeizuschaffen, sieht er sich oft von Parteigenossen, die mehr Zeit und weniger zu sorgen haben als er, nur ungenügend unterstützt, was ihm gelegentlich recht bittere Reflexionen entlockt. Marx war eben nicht, wie die Kinder im Märchen, ausschließlich von Engeln umschwebt, sondern hatte Parteifreunde von recht verschiedenem Temperament und Charakter um sich; die einen, darunter namentlich Wilhelm Wolff, tüchtig und zuverlässig – echtes Gold mit nur wenig Schlacken –, andere aber wenig gefestete Naturen, die ihm mehr zu schaffen machten, als sie etwa sein Leben erleichterten. Marx hat zum Beispiel dem jung verstorbenen Konrad Schramm im „Herr Vogt“ ein rühmendes Andenken als dem „Percy Heißsporn“ der Partei gesetzt. Aber in der ersten Zeit seines Londoner Exils hat ihm dieser Hitzkopf durch leichtfertiges Handeln viel Ärger bereitet und nutzlose Arbeit verursacht. Ähnlich Ernst Dronke und der Philologe Wilhelm Pieper.

Auch der Verkehr mit den nahestehenden Chartistenführern Julian Harney und Ernest Jones brachte allerhand Unangenehmes mit sich, viel Arbeit und wenig Entschädigung. Meistens waren die beiden recht schlecht aufeinander zu sprechen und griffen sich zeitweise sogar öffentlich auf das feindseligste an, und dann war es auch mit ihrem politischen Verhalten nicht immer nach Wunsch bestellt. Wir werden Harney in Phrasen machen sehen, wie keiner der von Marx-Engels bekämpften „wahren Sozialisten“ sie verschwommener formuliert hätte, und Jones – unzweifelhaft der Bedeutendere der beiden – sehr geneigt, Kompromisse irgendwelcher Art einzugehen, was sich wohl aus der schlimmen Lage des im Niedergang begriffenen englischen Chartismus erklärte, aber durchaus im Widerspruch stand mit der von Marx und Engels verfochtenen Haltung. Und dabei hatten diese noch Jones wie Harney mit Beiträgen für deren stets um Leben und Sterben ringende Blätter zu unterstützen. Auch das gehört zum Lebensbild, worüber uns nun der Meinungsaustausch unter den Freunden genauer unterrichtet.

Anfang August 1851 erhält Marx die Einladung des Charles A. Dana zur Mitarbeit an der New York Tribune und damit endlich den Ausblick auf einen auch geistig leidlich befriedigenden regelmäßigen schriftstellerischen Erwerb. Da er sich in der englischen Sprache nicht sicher fühlt, springt nun zunächst Friedrich Engels für ihn ein und teilt dann noch lange die Arbeit mit Marx. Im übrigen werden wir sehen, daß auch diese Verbindung für Marx mit allerhand Verdruß verbunden war, daß der biedere Dana mit den Korrespondenzen von Marx in der willkürlichsten Weise verfährt, sie nach Belieben verstümmelt, sie als Artikel benutzt, aber nicht als solche honoriert, sie mit Zusätzen ausstattet, die Marx’ Ansichten auf den Kopf stellen und was dergleichen Annehmlichkeiten mehr sind, die einen Schriftsteller, der auf seinen guten Namen hält, zur Verzweiflung bringen können. Immerhin war die Tribune ein Blatt, das sich neben den besten der damaligen Zeit sehen lassen konnte, und die Arbeit für sie bot Marx zu einer Zeit, wo ihm alle sonstigen Wege dazu abgeschnitten waren, die Möglichkeit, als Schriftsteller zu Zeitgenossen zu sprechen, und den Anlaß zu Studien, die im Rahmen des Gebiets seiner wissenschaftlichen Hauptbeschäftigung lagen und somit ihm auch geistige Genugtuung gewährten. Marx hat in der Tribune sehr bedeutsame Beiträge zur allgemeinen Geschichte wie zur Wirtschaftsgeschichte der neueren Zeit veröffentlicht.

Auch unter dem Gesichtspunkt des Erwerbs wurde die Mitarbeiterschaft an der New York Tribune für Marx nicht das, was er zuerst von ihr erwartete und mit gutem Grunde zu erwarten berechtigt war. Der Honorarsatz von 2 Pfund Sterling für den Brief oder Artikel war für einen Mann von der Bedeutung eines Marx mäßig genug, aber er wurde dadurch noch sehr wesentlich verringert, daß die Tribune Marx nicht die Beiträge oder Artikel bezahlte, die er lieferte, sondern nur diejenigen, welche die Redaktion abzudrucken für gut befand. Und da die Redaktion von dem ihr zukommenden Rechte der Sichtung im Laufe der Zeit Marx gegenüber zeitweise einen wahrhaft unanständigen Gebrauch machte, kam es vor, daß Marx manchmal knapp den dritten Teil der Artikel bezahlt erhielt, die er einsandte, und sein Honorar faktisch auf das unbedeutender Zeilenreißer herabsank. So gern die Redaktion der Tribune mit den Artikeln prahlte, die sie von Marx oder von Engels im Namen von Marx erhielt, hielt dies sie nicht ab, Marx die Bitterkeiten des taglöhnernden Schriftstellers gründlich auskosten zu lassen. Was Bezahlung nach dem Stücke heißt, hat Marx in der schlimmsten Form an sich selbst erfahren und furchtbare Wirklichkeit erhielten unter diesen Umständen immer wieder für ihn Freiligraths Worte:

Er auch ist ein Proletar, Ihm auch heißt es: darbe, borge!

Es wäre übermenschlich gewesen, wenn diese Nöte seine Gemütsstimmung unberührt gelassen hätten.

Noch ein Wort über die Stellen in den Briefen, die sich auf den Kleinkrieg in der Londoner Flüchtlingsschaft beziehen. Manche der darin ausgedrückten Urteile geben nur den Eindruck der Stunde wieder. Gewiß lauten sie selten erbaulich, die Geschichte aller Emigrationen ist eine Geschichte des Widerspiels von Enttäuschungen und – um mit Marx zu reden – der „Narrheiten, die aus den außerordentlichen Umständen erwachsen, worin die Emigration sich plötzlich gestellt findet“. So schrieb Marx 1860 im Herr Vogt. Und bei den scharfen Titeln, mit denen er in den Briefen die Gegner in der Emigration bedenkt, bei der bitteren Kritik, die er an ihrem Verhalten übt, darf der Leser nicht vergessen, daß Marx, so wenig er geneigt war, sich mit Kinkel, Ruge, Willich usw. wieder zusammenzutun, doch an der Stelle, wo er jenen Satz schrieb, hinzufügte, daß ein Vergleich der Geschichte der 1848er deutschen Emigration mit der gleichzeitigen Geschichte der Regierungen und der bürgerlichen Gesellschaft als die glänzendste Verherrlichung der Emigration wirken würde.

Es wird von diesem Abschnitt an Abstand davon genommen, den Briefen Erläuterungen in bezug auf Einzelheiten vorauszuschicken, es würden ihrer zu viele werden. Vielmehr wird bei den Lesern allgemeine Kenntnis der Geschichte der 1848er Revolution und der deutschen Sozialdemokratie vorausgesetzt. Informierende kurze Noten über Personen und Dinge, die weniger bekannt geworden sind, findet der Leser im Register. Doch sind auch sie auf das Nötigste beschränkt geblieben, was um so eher geschehen konnte, als die Briefe meist einander ergänzen und so in ihrem Fortgang zur Genüge erkennen lassen, um was es sich jedesmal handelt. Eine Kommentierung der Briefe, die mehr geben wollte, müßte sich zu einer ganzen Geschichte der theoretischen und unmittelbar praktischen Kämpfe auswachsen, deren Mittelpunkt Marx-Engels bildeten. Das aber gehört nicht in den Rahmen dieser Ausgabe. Noch weniger konnte es Sache der Herausgeber sein, den überaus interessanten wissenschaftlichen Inhalt der Briefe, die oft viele Seiten füllenden Auseinandersetzungen über Fragen der Ökonomie, Geschichte, Naturwissenschaft usw. mit anderen als orientierenden Noten zu begleiten. Wie die jeweiligen Äußerungen über Personen, sind auch diese sachlichen Ausführungen nie schlechthin als Endurteile ihrer Verfasser zu verstehen, sondern oft nur Merkmale ihrer geistigen Entwicklung, Skizzen und Entwürfe aus der Werkstatt ihres Schaffens.

Die Briefe dieses Abschnitts beginnen mit zwei Schreiben von Marx an Engels aus dem November 1850, die den Leser gleich in die Atmosphäre einführen, die in dieser Epoche auf Marx und den Seinen lastet. Sie handeln vom plötzlichen Tode eines Söhnchens, der die Familie schwer trifft und den Marx und Frau – sicher nicht mit Unrecht – auf die bürgerliche Notlage zurückführen, in der das Londoner Exil sie sieht. Die Bezeichnung „Pulververschwörer Föxchen“ bezieht sich darauf, daß der Knabe den Vornamen Guido mit dem Verschwörer Fawkes gemein hatte, der im Jahre 1605 das englische Parlament in die Luft zu sprengen unternahm. Von den Gesinnungsgenossen in London steht keiner der Familie so nahe wie der soeben nach Manchester übersiedelte Engels, auch sind sie, wenn nicht von Hause aus Proletarier, doch in der Lage von solchen, Not und schwere Kämpfe ums Dasein überall, selbst bei den englischen Gesinnungsfreunden. George Julian Harney ist von einer Verurteilung wegen Umgehung des Zeitungsstempels bedroht, die sein Wochenblatt, den Roten Republikaner – _Red Republican_ – dem Tode widmen und ihn auf unberechenbare Jahre ins Gefängnis bringen kann. Der Prozeß der treugebliebenen Arbeiter Heinrich Bauer und Karl Pfänder, von dem Marx schreibt, scheint finanzielle Auseinandersetzungen mit der Fraktion Willich-Schapper zur Grundlage gehabt haben. Wir sind noch mitten in den Kämpfen der zwei ehemaligen Flügel des Kommunistenbundes miteinander. Es sind seit dem vollzogenen Bruch nur erst wenige Wochen verstrichen, die gegenseitige Erbitterung beherrscht die Geister noch in voller Stärke. Dazu Taktlosigkeiten des jungen Konrad Schramm, der eben erst das Duell mit Willich gehabt hat und doch, wie aus dem nun folgenden Antwortbrief von Engels hervorgeht, im gegnerischen Lager Beziehungen unterhält. Nach diesem Brief zu schließen, gehörte ein Bruder Schramms der Gegenpartei an. Ein anderer Umgang Schramms, der Marx verdroß, war der mit dem Literat Sebastian Seiler, dem wir vor 1848 abwechselnd in Paris und Brüssel begegnet waren. Der Bamberger, an den Marx sich gelegentlich wegen Diskontierung von Wechseln wendet, war Finanzagent des famosen Ex-Herzogs Karl von Braunschweig, dem, ähnlich wie es gewissen Mitgliedern der Schwarzbrüderzunft ergeht, aus der Art, wie er sich bei seiner Verjagung aus Braunschweig die Krondiamanten „gerettet“ hatte, der Beiname Diamanten-Karl erwachsen war. Bamberger war indes nicht der Mann, für sich aus dem Herzog viel Geld herauszuschlagen; für einen Finanzmensch großen Stils war er zu stark von des Gedankens Blässe angekränkelt. In Artikeln des Marx feindlichen Literatentums der 50er und 60er Jahre stößt man unter anderem auch auf die Verdächtigung, daß Marx dem Diamanten-Karl politische Dienste geleistet und Bamberger den Vermittler dabei gemacht habe. Wenn es noch nötig wäre, so würden diese Briefe zeigen, wie sehr diese Verdächtigung selbst der scheinbaren Unterlage entbehrte.

Ein besonderes Interesse darf der Brief von Marx an Engels beanspruchen, der das Datum des 2. September 1853 trägt. Er reinigt Marx von einem Verdacht, der wiederholt und auch in jüngster Zeit wieder gegen ihn ausgestreut worden ist. Anhänger und Verehrer Michael Bakunins beschuldigen Marx, Bakunin gegenüber unehrliches Spiel getrieben zu haben, als er ihm im Jahre 1864 erklärte, an der im vorgenannten Brief behandelten Verdächtigung Bakunins als Regierungsagent durchaus unbeteiligt gewesen zu sein. Der Brief beweist, daß Marx in der Tat jener Anschuldigung durchaus fern stand. Wir erfahren ferner aus ihm, daß die im Jahre 1848 von der Neuen Rheinischen Zeitung gebrachte Meldung, Georges Sand habe Briefe, welche bewiesen, daß Bakunin Agent der russischen Regierung geworden sei, der Zeitung, außer von der Korrespondenz Havas, von Hermann _Ewerbeck_ zur Veröffentlichung übersandt worden war, der zwar deutscher Sozialist, aber kein Mitglied des Kreises der engeren Freunde von Marx war. Spätere Briefe, so namentlich der Brief von Engels an Marx vom 27. November 1861 über Bakunins Flucht und der von Marx an Engels vom 4. November 1864 über des ersteren Zusammentreffen mit Bakunin, beweisen überzeugend, daß die beiden Freunde diesem bis zu der Zeit durchaus wohlgesinnt gegenüberstanden, wo Bakunin in der Internationale als Gegner des Londoner Generalrats auftrat. Den Urheber der Beschuldigung, von der der Brief vom 2. September 1853 handelt, nennt Marx im Brief an Engels vom 22. April 1854 „einen sehr stupiden Urquhartiten“. Der Mann hieß auch Marx, aber nicht Karl sondern Franz oder vielmehr _Francis_, denn er war Engländer, der mit Karl Marx nichts als den Familiennamen gemein hatte. Näheres über ihn findet man in N. Rjasanoffs Aufsatz Marx als Verleumder (Neue Zeit, XXIX, 1, S. 278 ff.).

Alles weitere aus den Briefen selbst. Wie im ersten Abschnitt, wechseln auch weiterhin Briefe von Marx an Engels und solche von Engels an Marx immer wieder der Zeitfolge nach einander ab. Einige dem Briefwechsel beigelegte Briefe von Frau Marx an Engels und von Engels an Frau Marx werden selbstverständlich wie Briefe von oder an Marx behandelt.

1850 bis 1853

1850

43

London, 19. November 1850.

Lieber Engels!

Ich schreibe Dir nur zwei Zeilen. Heute morgen um 10 Uhr ist unser kleiner Pulververschwörer Föxchen _gestorben_. Plötzlich, durch einen der Krämpfe, die er oft gehabt hatte. Einige Minuten vorher lachte und schäkerte er noch. Die Sache kam ganz unverhofft. Du kannst Dir denken, wie es hier aussieht. Durch Deine Abwesenheit sind wir gerade in diesem Moment sehr vereinsamt.

In meinem nächsten Briefe werde ich Dir einiges über Harney schreiben, woraus Du sehen wirst, in welcher fatalen Lage er sich befindet.

Dein K. Marx.

Wenn Du gerade in der Stimmung bist, schreibe einige Zeilen an meine Frau. Sie ist ganz außer sich.

44

London, 23. November 1850.

Lieber Engels!

Dein Brief hat meiner Frau sehr wohlgetan. Sie befindet sich in einer wirklich gefährlichen Aufgeregtheit und Angegriffenheit. Sie hatte das Kind selbst gestillt und unter den schwierigsten Verhältnissen mit den größten Opfern sich seine Existenz erkauft. Dazu der Gedanke, daß das arme Kind ein Opfer der bürgerlichen Misere gewesen ist. – – –

Jones hat mir die eigentliche Lage Harneys auseinandergesetzt. Er ist _sous le coup de la justice_.[1] Sein Blatt mußte dem ganzen Inhalt nach gestempelt sein. Die Regierung wartet nur eine große Verbreitung ab, um ihn zu fassen. Der Prozeß gegen Dickens ist bloß als Präzedenz gegen ihn eingeleitet. Wird er dann gefaßt, so kann er außer der eigentlichen Strafe zwanzig Jahre sitzen für die Unmöglichkeit, die _security_[2] aufzubringen.

Dein K. M.

[1] Unter dem Henkerbeil der Gerichte.

[2] Kaution.

45

[Manchester], 25. November 1850.

Lieber Marx!

Ich schreibe Dir heute, bloß um Dir anzuzeigen, daß es mir leider heute noch unmöglich ist, Dir die in meinem Letzten auf heute versprochenen 2 Pfund Sterling zu schicken. Ermen ist auf ein paar Tage verreist, und da kein Prokurist beim Bankier beglaubigt ist, so können wir keine Anweisungen ausstellen und müssen uns mit den paar kleinen Einzahlungen begnügen, die gelegentlich einkommen. Es sind im ganzen nur zirka 4 Pfund in der Kasse, und Du begreifst daher, daß ich etwas warten muß. Sobald Ermen zurückkommt, werde ich Dir das Geld sogleich schicken. Die erste Anweisung ist hoffentlich richtig eingegangen.

Die Geschichte mit Harney ist allerdings höchst fatal. Wenn sie ihn einmal fassen wollen, hilft auch das Namenändern des Blattes nichts. Ganz aufgeben kann er’s auch nicht, und wenn _dies_ Blatt unter die Kategorie der Stempelpflichtigen fällt, so weiß ich nicht, wie es überhaupt möglich ist, ein ungestempeltes politisches Wochenblatt herauszugeben. Allerdings täte er besser, seinen _Labour Record_[1] von der achten Seite wegzulassen, das ist _News_ [Nachricht] und unzweifelhaft stempelpflichtig. Aber nach dem, was Du schreibst, scheint auch der Inhalt seiner räsonnierenden Artikel, in Jones Meinung, dem Stempel zu verfallen. Und da hört alles auf.

Hoffentlich geht es Deiner Frau besser. Grüße sie und Deine ganze Familie herzlich von Deinem

F. E.

Im Lauf der Woche werde ich Deiner Frau eine Sendung von _Cotton thread_[2] zugehen lassen, von der ich hoffe, daß sie ihr gefallen wird.

[1] Chronik der Arbeiterbewegung.

[2] Baumwollnähgarn.

46

69 Deanstreet, Soho, London, 2. Dezember 1850.

Lieber Engels!

Ich war einige Tage ernstlich unwohl und so erhältst Du diesen Brief nebst Anzeige von dem Empfang der beiden Post Office Ordres später, als mein Wunsch war. Dem Seiler habe ich die 7-1/2 Schilling zukommen lassen. Was die [Nummern der] Indépendance betrifft, so schulden wir beide ihm einstweilen nichts, da er, zu gelegener Zeit, sich von seinem Wirte hat herauswerfen lassen und ihm als Kompensation für die 10 Pfund, die er ihm schuldet, nichts hinterlassen hat als die unbezahlte Indépendance, für 18 Pence Mobiliareigentum und zwei oder drei Bücher, die er von mir und anderen geborgt hat. Er besitzt wirklich _in a high degree_[1] das Talent, auf amerikanische Weise den Überschuß seiner Ausgaben über seine Einnahmen zu liquidieren.

Von unserer Revue habe ich noch nichts gesehen und gehört. Ich stehe mit Köln in Unterhandlung wegen Herausgabe der Quartalschrift.

Teils aus Unwohlsein, teils aus Absicht komme ich in den _Pulteney stores_ mit den anderen nur noch an den offiziellen Tagen zusammen. Da die Herren so viel debattiert haben, ob diese Gesellschaft ennuyant ist oder nicht, überlasse ich es natürlich ihnen selbst, über die Komforts ihrer Unterhaltung sich wechselseitig zu verständigen. Mich aber mache ich rar. Wir haben beide die Erfahrung gemacht, daß man bei diesen Leuten in demselben Maße im Werte sinkt, als man sich ihnen liberal zuführt. Zudem bin ich sie müde und will meine Zeit möglichst produktiv ausnutzen. Freund Schramm, der seit mehreren Wochen den Malkontenten spielte und sich endlich überzeugt hat, wie man durchaus nicht geneigt ist, dem natürlichen Laufe seiner Gemütsstimmungen Hindernisse in den Weg zu legen, eignet sich nach und nach den mit dem _Model-Lodging-house_[2] verträglichen Humor wieder an.

Unterdessen haben die großen Männer der Great Windmillstreet[3] einen Triumph erlebt, wie folgt [wir geben das von Marx im französischen Texte mitgeteilte Manifest gleich in Übersetzung. D. H.]: