Der Briefwechsel zwischen Friedrich Engels und Karl Marx 1844 bis 1883, Erster Band
Part 13
In dem Feuilleton der Kölnischen Zeitung über die Pfälzer Bewegung, _de d[ato]_ Dürkheim a. d. Hardt, heißt es unter anderem: „Auf Herrn Marx, den Redakteur der Rheinischen Zeitung, ist man nicht gut zu sprechen. Derselbe soll der provisorischen Regierung erklärt haben, seine Zeit sei noch nicht gekommen, er werde sich vorläufig zurückziehen.“ Wie hängt das zusammen? Die elenden Deutschen hier, mit denen ich jedes Zusammentreffen übrigens vermeide, werden das breit durch Paris zu schlagen suchen. Ich halte es deshalb für gut, wenn Ihr in der Karlsruher oder Mannheimer Abendzeitung geradezu erzählt in einem Korrespondenzartikel, ich sei als Repräsentant des _demokratischen Zentralkomitees_ zu Paris. Ich halte dies auch deshalb für nützlich, weil einstweilen, wo augenblicklich, unmittelbar noch kein Resultat hier zu erreichen ist, man die Preußen glauben machen muß, daß furchtbare Intrigen hier gespielt werden. _Il faut faire peur aux Aristocrates._[7]
Ruge ist hier gleich Null. Was macht Dronke?
Du mußt übrigens sehen, daß Du _irgendwo Geld für mich auftreibst_, Du weißt, daß ich die letzten eingehenden Summen, _pour faire honneur aux obligations de la Nouvelle Gazette Rhénane_[8] verausgabt habe und in den jetzigen _circonstances_[9] kann ich weder ganz eingezogen wohnen und leben, noch weniger in Geldverlegenheiten geraten.
Wenn es Dir irgend möglich ist, so schicke mir einen französischen Artikel, worin Du die ganze ungarische Affäre resümierst.
Teile diesen Brief D’Ester mit. Grüße ihn bestens. Soll ich unter einer anderen Adresse schreiben, so gebt sie an.
M.
[1] Mit Wollust.
[2] Düster.
[3] Mit Bezug auf.
[4] Tatsachen.
[5] Führer der Bergparteiler.
[6] Auf dem laufenden.
[7] Man muß den Aristokraten Furcht einflößen.
[8] Um die Verpflichtungen der Neuen Rheinischen Zeitung einzulösen [„zu honorieren“].
[9] Umstände, Verhältnisse.
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Vevey, Kanton de Vaud, 25. Juli 1849.
Liebe Frau Marx!
Sie sowohl wie Marx werden verwundert sein, daß ich so lange nichts habe von mir hören lassen. _En voici les causes:_[1] Denselben Tag, wo ich an Marx schrieb (von Kaiserslautern aus), kam die Nachricht, daß Homburg von den Preußen besetzt und somit die Kommunikation mit Paris abgeschnitten war. Ich konnte nun den Brief nicht mehr abschicken und ging zu Willich. In Kaiserslautern hatte ich mich von aller Befassung mit der _soi-disant_[2] Revolution ferngehalten; als aber die Preußen kamen, konnte ich der Luft nicht widerstehen, den Krieg mitzumachen. Willich war der einzige Offizier, der etwas taugte, und so ging ich zu ihm und wurde sein Adjutant. Ich war in vier Gefechten, wovon zwei ziemlich bedeutend, namentlich das bei Rastatt, und habe gefunden, daß der vielgerühmte Mut des Dreinschlagens die allerordinärste Eigenschaft ist, die man haben kann. Das Kugelpfeifen ist eine ganz geringfügige Geschichte, und während des ganzen Feldzugs habe ich trotz vieler Feigheit kein Dutzend Leute gesehen, die sich _im Gefecht_ feig benahmen. Desto mehr aber „tapfere Dummheit“. _Enfin_,[3] ich bin überall glücklich durchgekommen, und _au bout du compte_[4] ist es gut, daß einer von der Neuen Rheinischen Zeitung dabei war, weil alles demokratische Lumpenpack in Baden und der Pfalz war und nun mit nicht getanen Heldentaten renommiert. Es würde wieder geheißen haben: die Herren der Neuen Rheinischen Zeitung seien zu feig, sich zu schlagen. Von allen den Herren Demokraten aber hat sich niemand geschlagen, außer mir und Kinkel. Letzterer hat sich bei unserem Korps als Musketier gestellt und sich ganz gut gemacht; im ersten Gefecht, das er mitmachte, bekam er den Streifschuß an den Kopf und wurde gefangen.
Nachdem unser Korps den Rückzug der badischen Armee gedeckt, gingen wir, 24 Stunden später als alle anderen, in die Schweiz und sind gestern hier in Vevey angekommen. Während des Feldzugs und des Marsches durch die Schweiz war es mir absolut unmöglich, auch nur eine Zeile zu schreiben. Jetzt aber beeile ich mich, Nachricht zu geben und um so schleuniger an Sie zu schreiben, als ich – irgendwo in Baden – gehört habe, Marx sei verhaftet in Paris. Wir bekamen nie Zeitungen zu sehen, erfuhren also nichts. Ob es wahr ist oder nicht, habe ich nie erfahren können. Sie begreifen die ängstliche Spannung, in der ich mich daher befinde; und ich bitte Sie aufs dringendste, mich von meiner Unruhe zu befreien und mir Gewißheit über Marx’ Schicksal zu verschaffen. Da ich keine Bestätigung dieses Gerüchtes von Marx’ Verhaftung gehört, so hoffe ich immer noch, daß es falsch ist. Daß aber Dronke und Schapper sitzen, daran kann ich kaum zweifeln. Genug, wenn Marx noch frei ist, so schicken Sie ihm doch diesen Brief zu, mit der Bitte, mir gleich zu schreiben. Sollte er sich in Paris nicht sicher fühlen, so ist er hier im Waadtland vollständig sicher. Die Regierung selbst nennt sich rot und _partisane de la révolution permanente_.[5] In Genf ist es ebenso. Dort ist Schily aus Trier, der im Mainzer Korps ein Kommando führte.
Wenn ich von Hause einiges Geld bekomme, so gehe ich wahrscheinlich nach Lausanne oder Genf und sehe, was ich anfange. Unsere Kolonne, die sich brav geschlagen hat, ennuyiert mich, und hier kann man nichts machen. Willich ist im Gefecht brav, kaltblütig, geschickt und von raschem, richtigem Überblick, außer dem Gefecht aber _plus ou moins_[6] langweiliger Ideologe und wahrer Sozialist. Die meisten Leute vom Korps, mit denen man sprechen kann, sind anderswohin dirigiert.
Wenn ich nur erst die Gewißheit hätte, daß Marx frei ist! Ich habe oft daran gedacht, daß ich mitten unter den preußischen Kugeln an einem weit weniger gefährlichen Posten war als die anderen in Deutschland, und namentlich Marx in Paris. Also befreien Sie mich bald von dieser Ungewißheit. _Tout à vous!_[7]
Engels.
Adresse: F. Engels, _réfugié allemand_,[8] Vevey, Suisse.
(Womöglich per Kuvert bis Thionville oder Metz.)
[1] Hier die Ursachen.
[2] Sogenannt.
[3] Kurzum.
[4] Schließlich, bezw. alles in allem.
[5] Anhängerin der Revolution in Permanenz.
[6] Mehr oder weniger.
[7] Ganz der Ihre.
[8] Deutscher Flüchtling.
40
Erste Hälfte August 1849.
Lieber Engels!
Ich habe sehr viele Unruhe für Dich ausgestanden und war wirklich erfreut, gestern einen Brief von Deiner Hand zu empfangen. Ich hatte Dronke (der hier ist) an Deinen Schwager schreiben lassen, um Auskunft zu erhalten. Der wußte natürlich nichts. Meine ganze Familie ist hier. Die Regierung hat mich nach Morbihan, den Pontinischen Sümpfen der Bretagne, ausweisen wollen. Bisher habe ich die Exekution verhindert. Soll ich Dir aber näher sowohl über meine Verhältnisse hier als über die allgemeinen schreiben, so mußt Du mir eine sicherere Adresse schicken, denn hier ist’s nicht sehr geheuer.
Du hast jetzt die schönste Gelegenheit, eine Geschichte oder ein Pamphlet über die badisch-pfälzische Revolution zu schreiben. Ohne Deine Teilnahme an dem Kriege selbst hätten wir mit unseren Ansichten über diesen Ulk nicht hervortreten können. Du kannst dabei die Stellung der Neuen Rheinischen Zeitung zur Demokratischen Partei überhaupt glänzend herausbeißen. Ich bin überzeugt, daß die Sache ziehen und Dir Geld einbringen wird.
Ich habe Unterhandlungen eingeleitet, um eine politisch-ökonomische Zeit(Monats-)schrift zu Berlin zustande zu bringen, die hauptsächlich von uns beiden geschrieben werden müßte.
Lupus ist auch in der Schweiz, ich glaube in Bern. Weerth war gestern hier, er etabliert eine Agentur in Liverpool. Der rote Wolff wohnt hier bei mir. Die finanziellen Verhältnisse sind natürlich sehr zerrüttet.
Freiligrath ist nach wie vor in Köln. Wäre meine Frau nicht in einem _état par trop intéressant_,[1] so würde ich Paris gern, sobald es pekuniär möglich, verlassen.
Leb wohl. Grüße Weerth bestens und schreibe umgehend unter der Adresse: M. Ramboz, Rue de Lille 45.
Dein K. M.
[1] Etwas zu interessanter Zustand [das heißt hochschwanger].
41
Paris, 17. August 1849.
Lieber Engels!
Ich weiß nicht, ob Du meinen ersten Brief – Antwort auf Deinen ersten, meiner Frau zugeschickten Brief – richtig erhalten, da Deine Adresse sehr unbestimmt war. Ich hätte Dir auch auf den zweiten schon geantwortet, wenn nicht meine ganze hier anwesende Familie krank und ich so behindert gewesen wäre. Ich wiederhole Dir noch einmal, welche Angst ich und meine Frau Deinetwegen ausgestanden, und wie freudig wir überrascht waren, sichere Nachricht von Dir zu erhalten.
Aus dem Datum ersiehst Du, daß das Ministerium des Innern auf meine Reklamation mich einstweilen ungeschoren in Paris gelassen. Das Departement Morbihan, das man mir angewiesen, ist in dieser Jahreszeit tödlich – die Pontinischen Sümpfe der Bretagne. Über die Affäre vom 13. Juni Schriftliches mitzuteilen, wäre in diesem Augenblick unvorsichtig. Ich glaube nicht, ich weiß wenigstens nicht, ob das Briefgeheimnis respektiert wird.
Den allgemeinen Zustand hier kann ich Dir mit zwei Worten schildern: Dekomposition der Majorität in ihre ursprünglichen, einander feindseligen Elemente, Bonapartismus für immer kompromittiert, Malice unter den Bauern wegen der Beibehaltung der 75 Centimes, die Weinbauern wütend über die angedrohte Beibehaltung der Getränkesteuer, in der öffentlichen Meinung der Windzug schon wieder antireaktionär, in der prorogierten Kammer und im Ministerium die Reaktion ausschließlich werdend und mit der Beseitigung der Barrot-Dufaureschen Clique aus dem Kabinett beschäftigt. Sobald dies Faktum eintritt, kannst Du auf eine baldige revolutionäre Resurrektion [neue Erhebung] hoffen.
Ich weiß nicht, ob Du in der Schweiz Gelegenheit hast, die englische Bewegung zu verfolgen. Die Engländer haben sie genau bei dem Punkte wieder aufgenommen, wo sie durch die Februarrevolution unterbrochen wurde. Die Friedenspartei ist, wie Du weißt, nichts anderes als eine neue Verkleidung der Freetradepartei. Aber diesmal agiert die industrielle Bourgeoisie noch revolutionärer wie in der Anti-Cornleague-agitation. Zweierlei: 1. Die im Innern durch die Abschaffung der Korngesetze und der Navigationsakte an der Wurzel gefaßte Aristokratie soll auch in ihrer auswärtigen Politik, in ihrer europäischen Verzweigung, ruiniert werden. Umkehrung der Politik Pitts. Antirussisch-österreichisch-preußisch, mit einem Worte für Italien und Ungarn. Cobden hat förmlich mit dem Banne die Bankiers bedroht, die Rußland pumpen würden, einen wahren Feldzug gegen die russischen Finanzen eröffnet. 2. Allgemeine Stimmrechts-Agitation, um die Tenants [Pächter] ganz von dem Grundadel politisch zu trennen, den Städten absolute Majorität zu geben im Parlament, das Oberhaus zu nullifizieren. Finanzreform, um Kirche und politische Revenue des Adels abzuschneiden.
In beiden Agitationen Chartisten und Freetrader vereinigt. Harney und Palmerston scheinbar befreundet. In dem letzten in London gehaltenen Meeting O’Connor und Kolonel Thompson eine Seele.
Dieser ökonomische Feldzug gegen Feudalismus und heilige Allianz von unberechenbaren Folgen.
Ungarn famos. Aber dies lausige Preußen? _Qu’en dis-tu?_[1] Die blassen Canaillen werden jetzt fettgefüttert in Sachsen, Baden, der Pfalz. Wenn sie den Österreichern eine Armee zur Hilfe schicken, geschieht es so, daß sie selbst in Böhmen bleiben und sich da auffüttern lassen. Aber das elende Preußen – ich fürchte nur, daß es zu feig ist – _perdu_,[2] sobald es an der ungarischen Affäre, die jedenfalls in einen _guerre universelle_[3] aufgeht, sich beteiligt.
Meine Adresse: Monsieur Ramboz, 45 Rue de Lille.
_Salut!_ Ch. M.
[1] Was sagst Du dazu?
[2] Verloren.
[3] Weltkrieg.
42
[Paris], 23. August 1849.
Lieber Engels!
Ich bin nach dem Departement Morbihan verwiesen, den Pontinischen Sümpfen der Bretagne. Du begreifst, daß ich auf diesen verkleideten Mordversuch nicht eingehe. Ich verlasse also Frankreich.
Nach der Schweiz gibt man mir keinen Paß, ich muß also nach London, und zwar morgen. Die Schweiz wird ohnehin bald hermetisch verschlossen sein, und die Mäuse mit einem Schlage würden gefangen sein.
Außerdem: In London habe ich _positive_ Aussicht, ein deutsches Journal zu stiften. Ein Teil der Gelder ist mir _sicher_.[1]
Du also mußt sofort nach London. Zudem erheischt es Deine Sicherheit. Die Preußen würden Dich doppelt erschießen: 1. wegen Baden, 2. wegen Elberfeld. Und was sollst Du in der Schweiz, wo Du nichts tun kannst? Du hast keine Schwierigkeit, nach London zu kommen, sei es unter dem Namen Engels, sei es unter dem Namen Meyer. Sobald Du erklärst, nach England zu wollen, erhältst Du einen Zwangspaß bis London von der französischen Gesandtschaft.
Ich rechne _positiv_ darauf. Du _kannst_ nicht in der Schweiz bleiben.
Meine Frau bleibt einstweilen hier. Du schreibst an sie immer unter derselben Adresse: 45 Rue de Lille, M. Ramboz.
Dein K. M.
[1] Von Januar 1850 ab erschien dies Journal als Revue der Neuen Rheinischen Zeitung.
Zweiter Abschnitt Das Londoner Exil bis zur Auflösung des Kommunistenbundes 1850 bis 1853
Vorbemerkung.
Der Herbst 1849 sah Marx und Engels in London vereint. Marx war im August 1849, unmittelbar nach seiner Ausweisung aus Paris, nach London übersiedelt, Engels, der nach Niederwerfung des badisch-pfälzischen Aufstandes sich einige Monate in der Schweiz aufgehalten hatte, kam im Herbst über Genua zur See nach England. Im Verein mit Gesinnungsgenossen reorganisierten Marx und Engels nun den Bund der Kommunisten mit der Zentralbehörde in London und bildeten ferner mit Heinrich Bauer, Karl Pfänder und August Willich ein Flüchtlingskomitee, das sich die Aufbringung von Mitteln zur Unterstützung der immer zahlreicher Englands Hauptstadt aufsuchenden Flüchtlinge zur Aufgabe stellte und nach Möglichkeit ihnen Beschäftigung zu verschaffen suchte. Es war dies eine überaus viel Zeit und Mühen in Anspruch nehmende, mit Widrigkeiten aller Art verbundene Tätigkeit. Die einlaufenden Beiträge blieben weit hinter den Erfordernissen zurück, und bei der erregten Gemütsverfassung der Flüchtlinge gab es viel Unzufriedenheit und Reibereien. Die letzteren wurden verschärft durch politische Streitigkeiten und Gegensätze. Die Zerfahrenheit des erst im Entstehen begriffenen deutschen Parteiwesens, die einen so wesentlichen Anteil an der Wiederherstellung der Fürstengewalt gehabt hatte, fand ein Widerspiel in der Flüchtlingsschaft und mußte, weil der Rahmen ein viel engerer und die Gemüter hier viel intensiver auf die Politik gerichtet waren, zu um so heftigeren Zusammenstößen führen.
Zur literarischen Vertretung ihrer Anschauungen wurde von Marx und Engels die Zeitschrift „Neue Rheinische Zeitung, politisch-ökonomische Revue“, ins Leben gerufen, die Anfang 1850 in London und Hamburg herauskam und in der sie eine Reihe überaus wertvoller Aufsätze veröffentlichten, die aber nicht hinreichenden Absatz fand, um sich halten zu können. Die mutigen, opferwilligeren Anhänger der radikalen Demokratie waren meist ruiniert oder ins Ausland getrieben, diejenigen aber, die nur von der Strömung mitgerissen worden waren oder bloß die Radikalen hatten spielen wollen, suchten nun vor allem ihre Haut zu sichern. Andere ließen sich wohl die Revue kommen, vergaßen aber das Bezahlen, und mit dem Eintreiben der Abonnementsgelder war es angesichts der brutal dazwischenfahrenden Reaktion und der noch sehr mangelhaften und teuren Posteinrichtungen schlimm bestellt. Schon nach dem vierten Hefte, das im April 1850 herauskam, hörte die Revue auf, in Monatsfolge zu erscheinen, ein im November 1850 noch veröffentlichtes Doppelheft ward ihre letzte Nummer. In ihr gaben Marx und Engels zugleich der Idee den Abschied, daß die Revolution in kürzerer Zeit von neuem ausbrechen werde. Erst wenn die mittlerweile eingetretene Geschäftsprosperität einer neuen Krise Platz gemacht habe, schrieben sie, werde die Revolution sich – dann aber auch mit Sicherheit wieder einstellen. Man wird aus den Briefen ersehen, daß immerhin selbst Marx-Engels die Periode des „plumpen Zwischenspiels“ sich kürzer vorstellten, als sie in Wirklichkeit dauern sollte, und daraus manches in ihrem damaligen Verhalten erklärt finden.
Indes hatte schon die Erkenntnis, daß der Wiederausbruch der Revolution nicht vom bloßen Willen der Revolutionspartei abhänge, im Verein mit Zwistigkeiten über taktische Fragen untergeordneter Natur, über Personenfragen und ähnliches genügt, Marx-Engels und einen kleinen Kreis von Anhängern in Gegensatz zur großen Mehrheit der Londoner Flüchtlingsschaft zu bringen. Von Anfang an hatten Marx-Engels die Idee eines die ganze Londoner Emigration umfassenden Flüchtlingskomitees von sich abgewiesen und bekämpft. Sie hatten sogar noch schroffer gegen die kleinbürgerlich-sozialistischen Radikaldemokraten als gegen die im wesentlichen nur liberalen Oppositionsleute vom Schlage der Lothar Bucher und Genossen Stellung genommen, in den ersteren gefährlichere Gegner der aufkommenden Arbeiterpartei bekämpft als in den letzteren, eine Politik, die in dem von ihnen verfaßten Rundschreiben der Zentralbehörde des Kommunistenbundes vom März 1850 näher entwickelt ist. Wenn sie dabei manche Persönlichkeiten irrig beurteilt haben und in bezug auf die Kritik politischer Reformen teilweise von Auffassungen ausgingen, die sie später selbst berichtigt haben, so waren jedoch ihre Warnungen vor den verschwommenen sozialistischen Phrasen, mit denen die Radikaldemokraten um sich warfen, grundsätzlich gewiß am Platze. Ebenso war die scharfe Kritik, die Marx-Engels im Aprilheft 1850 der Revue Neue Rheinische Zeitung an der Verteidigungsrede übten, die der im badischen Feldzug gefangen genommene Gottfried Kinkel vor dem Rastatter Kriegsgericht gehalten hatte, sachlich durchaus berechtigt. Die Rede enthielt Stellen, die ein Mann von Überzeugung niemals hätte äußern dürfen, ein Mann von festem Charakter nicht hätte äußern können. Immerhin wäre angesichts der Tatsache, daß Kinkel von Friedrich Wilhelm IV., nach der Absicht dieses rachsüchtigen Monarchen „von Gottes Gnaden“, auf lebenslänglich ins Zuchthaus gesteckt worden war, während das Kriegsgericht nur auf Festung erkannt hatte, die Kritik seiner Rede in der Form vielleicht etwas weniger heftig ausgefallen, wenn nicht Kinkel, mittlerweile der Heros des radikalisierenden Kleinbürgertums geworden, seine Jammerrede obendrein noch einem Organ dieser Richtung zur Veröffentlichung hätte übergeben lassen. Auch ist der Artikel noch in der Auffassung geschrieben, daß die Revolution in Kürze sich von neuem erheben werde, was für Kinkel ohnehin die Befreiung geheißen hätte. Er ist im Hinblick auf diese Annahme zu beurteilen.
Seine nächste Wirkung war jedoch ein Sturm der Entrüstung in den Reihen der Radikaldemokraten gegen seine Verfasser, die auch von einem Teile der Mitglieder des Kommunistenbundes und selbst von Mitgliedern der Zentralbehörde des Bundes geteilt wurde. Insbesondere scheint August Willich starken Anstoß an dem Artikel genommen zu haben, wie denn Willich, nachdem der von Karl Schurz befreite Kinkel im November 1850 nach London gekommen war, auf längere Zeit dessen Kollege in der Leitung des Komitees für die Vorbereitung der erwarteten neuen Revolution wird. Auf Willich-Kinkel und ihre Unternehmungen bezieht sich ein großer Teil des Briefwechsels zwischen Marx und Engels aus den Jahren 1850/51 und 1852, und die Sprache, die in bezug auf jene beiden dort geführt wird, kann geringschätziger kaum gedacht werden. Indes hat, was Willich anbetrifft, Marx später wiederholt Gelegenheit genommen, dessen Tüchtigkeit in seinem eigentlichen Beruf, als Militär, ausdrücklich anzuerkennen, und aus der Denkweise seines Berufs werden wir Willichs Irrtümer und Mißgriffe uns zu erklären haben. Er war der radikale Offizier des Vormärz gewesen, durch die Revolution, in der er sich mutig und als umsichtiger Truppenführer gezeigt hatte, aus seiner Sphäre geworfen, und konnte sich nun schwer in die neue politische Situation hineindenken, nur schwer begreifen, daß die Revolution die Geister in Deutschland anders zurückgelassen hatte, als sie sie in den Märztagen vorgefunden. Daß er politisch ein unkritischer Kopf war, hebt Engels schon in dem Briefe vom 29. Juli 1849 hervor, wo er sonst so freundschaftlich von ihm spricht. Er charakterisiert ihn dort als Gefühlssozialisten, der der Auffassungsweise nach in die Kategorie der sogenannten wahren Sozialisten gehöre, und so war es im Grunde fast eine innere Notwendigkeit, daß Willich bei der ersten Gelegenheit sich wieder von Marx-Engels trennen und der breiten Allerweltsdemokratie zuwenden sollte. Daß er obendrein noch etwas spießbürgerlich sentimental war, zur Anstandsdame neigte und dann doch den kleinen Menschlichkeiten seinen Tribut abstattete, wird man nachträglich nicht allzu pharisäisch beurteilen. Aber man wird darum nicht minder vergessen, daß in der eingeengten Welt, in der sich das Leben der Flüchtlinge abspielte, wo Zwischenträgerei hinüber und herüber lief, sich manches davon sehr unangenehm empfindbar machte und darin den bitteren Hohn erklärt finden, mit dem Marx in seinen Briefen an Engels den Gegensatz von Phrase und Wirklicher bei Willich schildert.
Kinkel hatte die Hauptfehler Willichs in verstärktem Maße. Er war, was man eine theatralische Natur nennt, ein Exemplar jener Gattung Menschen, die sich so lange am Klange tönender Deklamationen berauschen, bis ihnen die Deklamation zur Natur geworden ist. Damit ist dann schon von selbst gegeben, daß sie, wenn das Reden über sie kommt, gewöhnlich mehr sagen, als sie sagen wollten. Es ist gar nicht ausgeschlossen, daß selbst in seiner Rastatter Verteidigungsrede Kinkel so das Opfer seiner von ihm sehr hoch eingeschätzten Rhetorik geworden war. Seine ganze politische Laufbahn ist ein wiederholtes überschlagen nach der einen oder anderen Seite. Freiligrath hat das zu einer Zeit, wo er wieder mit Kinkel verkehrte, in einem Briefe an Arnold Ruge etwas malitiös, aber zutreffend mit den Worten geschildert: „Der Treffliche kann nicht anders als auf Stelzen gehen, auch wenn er schreibt. Und daher sieht man dann seine Plattfüße erst recht.“ Das war im Jahre 1866. In der Zeit, um die es sich hier handelt, ging Kinkel auf ultrarevolutionären Stelzen, ohne dabei den platten Biedermann einer kleinen deutschen Universität verleugnen zu können, der nie seine materiellen Interessen vergißt. Das mußte in noch viel höherem Maße den Spott herausfordern, noch viel mehr reizen, so daß auch Revolutionäre und Flüchtlinge, die durchaus nicht auf Marx’ Seite standen, sich schließlich von Kinkel lossagten. Mit diesen Fehlern verträgt sich natürlich recht gut eine gewisse Bonhommie, und anerkannt soll werden, daß Kinkel nach Beendigung seiner überschläge sich gewöhnlich immer wieder mit leidlichem Anstand im Lager der kämpfenden Demokratie einstellte und am Abend seines Lebens mit der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung Fühlung hielt. Es machte auf den Schreiber dieses einen etwas komischen Eindruck, hatte aber doch auch sein Versöhnendes, wenn in den schlimmsten Tagen des Sozialistengesetztes der alte gefeierte Demokrat den jungen unbekannten deutschen Sozialdemokraten in Zürich in seiner pastosen Manier auf der Straße laut anredete: „Nun, lieber Herr Bernstein, was machen _unsere Genossen_ im Reiche?“