Der Briefwechsel zwischen Friedrich Engels und Karl Marx 1844 bis 1883, Erster Band
Part 12
Lüning findet bei seiner Rückkehr hierher die Nachricht vor, daß in Preußen auf ihn gefahndet wird; er wird seine Frau herkommen lassen und nach Paris kommen. Der Dronke war vor seiner Flucht durch Willich und Konsorten in den Bund aufgenommen worden. Ich habe ihn hier einem neuen Examen unterworfen, ihm unsere Ansichten vorgetragen, und da er sich einverstanden erklärte, ihn bestätigt. Man hätte nichts anderes tun können, selbst wenn mehr oder weniger Bedenken dagewesen wären. Indes ist der Kerl sehr bescheiden, sehr jung und scheint sehr zugänglich, so daß ich glaube, daß er mit einiger Aufsicht und einigem Studium gut werden wird. Er revozierte mir gegenüber alle seine früheren Schriften. Er wohnt leider bei Moses, der ihn einstweilen also bearbeiten wird, aber das hat bekanntlich nichts zu sagen. Bei Lüning, an den er sich schrecklich angekittet hatte, bedurfte es zweier Worte, um ihn aus dem Sattel zu heben.
Moses ist übrigens freundschaftlicher denn je – den Kerl begreife einer!
Bei Cassel kann ich nichts tun, da Maynz, nicht ich, Order hat. Breyer beruft sich aus die Finanzkrisis, auf die Unmöglichkeit, seine alten Wechselschulden jetzt prolongieren zu lassen, auf die Zahlungsweigerung seiner gesamten Klientel. Er erklärt sogar, sein einziges Roß verkaufen zu wollen. Ich werde indes sehen, was zu kriegen ist, denn mit dem Geld von Maynz komme ich kaum aus, und das von Heß, der zuerst gezahlt, ist bereits den Weg alles Fleisches. Gigot ist auch in Schwulitäten. Ich werde noch heute mal zu Breyer gehen.
In den _Débat social_[4] kommt morgen eine ausführliche Widerlegung, _mot pour mot_,[5] des Moniteurs.
Dem Faider füge noch hinzu: wenn er eine spezielle Vollmacht haben müsse, so werdest Du sie ihm schicken.
Schreibe auch ein paar Zeilen an M. Bricourt, _membre de la Chambre des Représentants_, der sehr gut für Dich in der Kammer aufgetreten ist und den Minister auf Maynz’ Ansuchen scharf interpelliert und die Enquete wegen der Geschichte durchgesetzt hat. Er ist Repräsentant für Charleroi und nach Castiau der beste. Castiau war gerade in Paris.
Sieh den inliegenden Wisch durch und schicke ihn an die Réforme. Die hiesigen Kerls müssen fortwährend geärgert werden.
_Si c’est possible_,[6] so reise ich Montag ab. Aber die Geldwirtschaft kommt mir immer in die Quere.
Von England höre ich durchaus nichts, weder durch Briefe noch Stars.
In Deutschland geht die Sache wahrhaftig sehr schön; überall Emeuten, und die Preußen geben nicht nach. _Tant mieux._[7] Wir werden hoffentlich nicht lange in Paris zu bleiben haben.
Daß Ihr den Bornstedt hinauswerft, ist sehr gut. Der Kerl hat sich so unzuverlässig erwiesen, daß man ihn wirklich beseitigen muß aus dem Bund. Er und Weerth sind jetzt all ... und Weerth läuft als wütender Republikaner hier herum.
Der Lamartine wird jeden T[ag] ....rlicher. Dieser Mensch wendet sich ja in allen seinen Reden nur an die Bourgeois und sucht sie zu beruhigen. Auch die Wahlproklamation der provisorischen Regierung ist ja ganz an die Bourgeois gerichtet, um sie zu reassurieren.[8] Kein Wunder, daß die Kerls dabei frech werden.
_Adios, au revoir!_[9]
F. E.
Alle Briefe hierher unter der angegebenen Adresse; Bl[oß] wird sie _en mon absence_[10] an Gi[got] geben.
[1] Marschroute, beziehungsweise Zwangspaß.
[2] Aufläufe.
[3] Zwangsanleihe.
[4] Soziale Debatte. [Titel eines in Brüssel herausgegebenen sozialistischen Wochenblatts.]
[5] Wort für Wort.
[6] Wenn es möglich ist.
[7] Um so besser.
[8] Beruhigen.
[9] Auf Wiedersehen.
[10] In meiner Abwesenheit.
28
[Paris], 16. März 1848.
Lieber Engels!
Ich habe in diesen Tagen keinen Augenblick Zeit, um ausführlicher zu schreiben. Ich beschränke mich auf das Nötige.
Flocon ist sehr gut gegen Dich gesinnt.
Die hiesigen Straubinger widmen Dir alle mehr oder minder Wut.
* * * * *
Was meine Sachen angeht, nimm sie mit bis Valenciennes und laß sie dort plombieren. Ich werde alles frei bekommen. Was das _Silber_ angeht, so hat es schon hier in Paris den Stempel erhalten. In Valenciennes mußt Du aber jedenfalls zu dem Manne gehen, der auf einliegender Adresse steht. Meine Frau hat ihm auf Voglers Rat die Schlüssel der Koffer (die in Brüssel sind) zugeschickt, aber ohne Begleitbrief. Diese Schlüssel mußt Du bei ihm abholen, da man uns sonst alles auf der hiesigen Douane aufbricht.
Was die Gelder angeht, so erkläre dem _Cassel_, er solle Dir den Wechsel herausgeben, wenn er ihn nicht zahlen will. Baillut wird ihn dann vielleicht zahlen.
Laß den Gigot abrechnen und wenigstens den Rest geben.
Was den Breyer angeht, so mußt Du noch einmal zu ihm und ihm die _Gemeinheit_ vorstellen, die darin liegt, wenn er mein Pech benutzt, um nicht zu zahlen. Wenigstens einen Teil muß er Dir schaffen. Die Revolution hat ihn keinen Sou gekostet.
Hier wird die Bourgeoisie wieder gräßlich frech und reaktionär, _mais elle verra_.[1]
Bornstedt und Herwegh benehmen sich sehr töricht. Sie haben hier einen schwarzrotgoldenen Verein _contre nous_[2] gestiftet. Ersterer wird heute aus dem Bunde ausgestoßen.
Dein M.
Die _feuille de route_[3] finde ich in diesem Moment nicht und dieser Brief muß fort.
Setze Gigot ab, wenn er nicht Tätigkeit entwickelt. Der Kerl sollte in diesem Moment energisch sein. Grüße Maynz herzlich von mir, ebenso Jottrand. Letzteren _Débat social_ habe ich empfangen. Auch einen Gruß an Vogler. Maynz und Jottrand werde ich ausführlich schreiben. Lebe wohl.
[Karl Marx.]
Die zwei Tage später ausgebrochene Märzrevolution führte Marx nach Köln, wo er sich um die Gründung einer radikal-demokratischen Zeitung bemühte, die dann den Titel Neue Rheinische Zeitung erhielt. Marx wurde hierbei von Engels, der sich in Barmen befand, aufs lebhafteste unterstützt. Siehe die Briefe 29, 30, 31.
[1] Aber sie wird sehen.
[2] Gegen uns.
[3] Zwangspaß.
29
Köln, Apostelnstr. 7, [Mitte April 1848.]
Lieber Engels!
Es ist hier schon ziemlich viel gezeichnet [Aktien für die geplante Neue Rheinische Zeitung], und wir werden wohl bald anfangen können. Jetzt ist es aber nötig, daß Du Deinem Alten gegenüber Forderungen stellst und überhaupt _definitiv_ erklärst, was in Barmen und Elberfeld zu machen ist.
An Hecker in Elberfeld hat man von hier einen Prospekt (von Bürgers geschrieben) usw. hingeschickt.
Hast Du keine Adresse für Dronke? Dem muß sofort geschrieben werden. Antworte umgehend. Ich würde einmal da herüberkommen, sähe es nicht zu ängstlich bei Euch aus.
Dein M.
30
B[armen], 25. April 1848.
Lieber Marx!
Den Prospekt erhalte ich soeben nebst Deinem Briefe. Auf Aktien von hier ist verdammt wenig zu rechnen. Der Blank, an den ich schon früher deswegen geschrieben und der noch der Beste von allen ist, ist in Praxi ein Bourgeois geworden; die anderen noch mehr, seit sie etabliert sind und mit den Arbeitern in Kollisionen gekommen. Die Leute scheuen sich alle wie die Pest vor der Diskussion der gesellschaftlichen Fragen; das nennen sie Aufwiegelei. Ich habe die schönsten Redensarten verschwendet, alle mögliche Diplomatie aufgeboten, aber immer schwankende Antworten. Ich mache jetzt noch einen letzten Versuch, scheitert der, so ist alles am Ende. In zwei bis drei Tagen hast Du positive Nachricht, wie er ausgefallen, die Sache ist _au fond_[1] die, daß auch diese radikalen Bourgeois hier in uns ihre zukünftigen Hauptfeinde sehen, und daß sie uns keine Waffen in die Hand geben wollen, die wir sehr bald gegen sie selbst kehren würden.
Ans meinem Alten ist vollends nichts herauszubeißen. Für den ist schon die Kölner Zeitung ein Ausbund von Wühlerei, und statt tausend Talern schickte er uns lieber tausend Kartätschkugeln auf den Hals.
Die avanciertesten hiesigen Bourgeois finden ihre Partei zu ihrer ziemlichen Zufriedenheit durch die Kölnische Zeitung vertreten. _Que veux-tu qu’on fasse, alors?_[2]
Moses’ Agent, Schnaake, war vorige Woche hier, scheint auch gegen uns verleumdet zu haben.
Von Dronke habe ich keine andere Adresse als etwa die: Kaufmann Adolf Dominicus in Koblenz (sein Onkel). Sein Alter existiert in Fulda, ich glaube als Gymnasialdirektor. Das Nest ist klein. Dr. E. Dronke junior in Fulda würde ihn wohl treffen, wenn er da ist. Es ist aber abgeschmackt, daß er nicht wenigstens schreibt, wo er ist.
Von Ewerbeck hatte ich einen Brief, er fragt, ob wir einen angeblich wichtigen, nach Mainz unter bekannter Adresse abgeschickten Brief von ihm erhalten? Hast Du ihn nicht, so schreibe deswegen nach Mainz (Schullehrerkandidat Philipp Neubeck, Rentengasse, Heiliger Geist, Mainz).
Ewerbeck läßt in Paris das Manifest ins Italienische und Spanische übersetzen und will zu diesem Behuf 60 Franken eingesandt haben, die er sich zu zahlen verpflichtet. Das ist wieder so eine seiner Geschichten. Die Übersetzungen werden schön sein.
Ich bin an der englischen Übersetzung, die mehr Schwierigkeiten macht, als ich glaubte. Aber die Hälfte ist indes fertig, und bald wird das Ganze fertig sein.
Wenn ein einziges Exemplar unserer 17 Punkte[3] hier verbreitet würde, so wäre hier alles verloren für uns. Die Stimmung bei den Bourgeois ist wirklich niederträchtig. Die Arbeiter fangen an, sich etwas zu regen, noch sehr roh, aber massenhaft. Sie haben sofort Koalitionen gemacht. Das aber ist uns gerade im Wege. Der Elberfelder politische Klub erläßt Adressen an die Italiener, spricht sich für direkte Wahl aus, aber weist jede Debatte sozialer Fragen entschieden ab, obwohl unter vier Augen die Herren gestehen, diese Fragen _kämen_ jetzt an die Tagesordnung, und dabei bemerken, wir dürften darin der Zeit nicht vorgreifen!
Adios. Laß bald Näheres hören. Ist der Brief nach Paris abgegangen, und hat er Resultate gehabt?
Dein E.
[1] Im Grunde.
[2] Was meinst Du, daß man da machen soll?
[3] Es sind die 17 Punkte gemeint, die die neue Zentralbehörde in Paris als „Forderungen der kommunistischen Partei in Deutschland“ aufgestellt hatte.
31
Barmen(?), 9. Mai 1848.
Lieber Marx!
Hierbei:
1. Die Liste der bis jetzt gezeichneten Aktien, 14 an der Zahl. 2. Eine Vollmacht für Dich. 3. Eine für D’Ester (der B. ist ein Bekannter von ihm). 4. Eine für Bürgers.
Es ließ sich nicht vermeiden, daß Bornstedt und Hecker ihre Vollmacht an persönlich Bekannte geben.
Hühnerbein wird, für sich und zwei Hiesige, selbst dort erscheinen.
Die Liste ist noch nicht geschlossen. Den Laverrière und Blank habe ich trotz xmaligem Besuch nicht getroffen. Zulauff hat den ersteren übernommen.
Zwei andere, bei denen ich nichts ausrichtete, wird Hecker bearbeiten.
Heute geht Jul. nach Ronsdorf, wo er gute Aussichten hat.
Die beiden Sorten Leute, die am meisten Schwierigkeiten machen, sind erstens die jungen _républicains en gants jaunes_,[1] die für ihr Vermögen fürchten und Kommunismus wittern, und zweitens die Lokalgrößen, die uns für Konkurrenten halten. Weder Nohl noch Bracht waren zu bewegen. Von den Juristen ist Bohnstedt der einzige, mit dem was zu machen. Überhaupt haben wir vergebliche Gänge genug gehabt.
Morgen gehe ich auf zwei Tage nach Engelskirchen. Laßt mich sogleich die Resultate der Aktionärversammlung wissen. Zu einer Bundesgemeinde ist ebenfalls der Anfang gemacht.
Dein Engels.
Der Brief Nr. 32 und die zwei folgenden Briefe sind an Engels in der Schweiz gerichtet. Anläßlich der Septemberunruhen (siehe Mehring, Geschichte der deutschen Sozialdemokratie, 1. Band, Seite 123 bis 126) hatte die Kommandantur den Belagerungszustand über Köln verhängt und unter anderem die Neue Rheinische Zeitung suspendiert. Um den Verhaftsbefehlen zu entgehen, waren die meisten Redakteure über die Grenze gegangen. Am 12. Oktober konnte die Zeitung wieder erscheinen, nachdem sich die versprengte Redaktion allmählich wieder gesammelt hatte. Neu eingetreten war Ferdinand Freiligrath. Engels blieb vorläufig in der Schweiz, um von dort aus an der Neuen Rheinischen Zeitung mitzuarbeiten.
[1] Republikaner in gelben Handschuhen.
32
[Undatiert. November 1848.]
Lieber Engels!
Da Dein Brief erst jetzt abends ankommt, ist es keine Zeit mehr, nach Wechseln sich umzutun. Es ist selbst nicht mehr Zeit, nach meinem Hause zu gehen. Ich schicke Dir Einliegendes, was gerade vorrätig ist und zudem eine Anweisung von 50 Taler von Schulz auf einen Bürger in Genf, wo Du auch sonstige Hilfe finden kannst.
Ich habe schon vor langer Zeit an Dich und Dronke nach Paris 50 Taler und zugleich nach Brüssel an Gigot Deinen Paß geschickt.
Die Zeitung erscheint seit dem 11. September wieder, _tale quale_.[1] Näheres Dir darüber zu schreiben, jetzt nicht der Moment, da Eile nötig. Sobald Du irgend kannst, schreibe Korrespondenzen und längere Artikel. Ich bin jetzt, da alle außer Weerth, Naut und Freiligrath erst seit einigen Tagen eingetreten, bis über die Ohren beschäftigt, komme gar nicht zu ausführlicheren Arbeiten, und zudem tut das Parkett[2] alles, um mir Zeit zu stehlen.
_Schreibe umgehend._ Soll ich Deine Wäsche usw. schicken? Plasmann sofort dazu bereit. Dein Vater hat ihn übrigens bezahlt.
Übrigens hat Dein Alter an Gigot geschrieben, wo Du seiest. Er will Dir, wie er sagte, Geld schicken. Ich habe ihm Deine Adresse geschickt.
Dein K. Marx.
[Anschrift:]
_P. S._ Einliegenden Brief an F. Köhler am See oder Rue du Rhône dort, wollen Sie gefälligst öffnen und denselben abgeben, worauf Ihnen derselbe 250 Franken für meine Rechnung geben Tratte nach Sicht auf mich auszahlen wird. Freundschaftlichen Gruß
Louis Schulz.
[1] Unverändert.
[2] Strafkammer.
33
[Undatiert. November 1848.]
Lieber Engels!
Ich bin wahrhaft überrascht, daß Du noch kein Geld von mir erhalten hast. Ich (nicht die Expedition) habe Dir seit undenklicher Zeit 61 Taler, 11 in Papier, 50 in Wechsel, nach Genf geschickt, eingeschlagen in die angegebene Adresse. Also erkundige Dich und schreibe sogleich. Ich habe einen Postzettel und kann das Geld reklamieren.
Ich hatte ferner an Gigot 20 und später an Dronke 50 Taler für Euch geschickt, immer aus meiner Kasse, in Summa 130 Taler ungefähr.
Ich werde Dir morgen wieder einiges schicken. Aber erkundige Dich nach dem Gelde. Es war in dem Wechsel zugleich eine Empfehlung drinnen an einen Lausanner Geldphilister.
Ich bin mit dem Gelde beschränkt. 1850 Taler hatte ich von der Reise mitgebracht; 1950 bekam ich von den Polen, 100 brauchte ich noch auf der Reise, 1000 Taler habe ich der Zeitung (mit dem Dir und anderen Flüchtlingen) vorgeschossen, 500 in dieser Woche noch zu zahlen für die Maschine; bleibt 350. Und dabei habe ich noch keinen Cent von der Zeitung erhalten.
Was Eure Redakteurschaft angeht, so habe ich 1. in der ersten Nummer gleich angezeigt, daß das Komitee dasselbe bleibt, 2. den blödsinnigen reaktionären Aktionären erklärt, daß es ihnen freistünde, mich als nicht mehr zum Redaktionspersonal gehörig zu betrachten, daß es mir aber freistehe, _so hohe Honorare auszuzahlen als ich will_, und daß sie daher pekuniär nichts gewinnen werden.
Die große Summe für die Zeitung hätte ich rationellerweise nicht vorgeschossen, da ich drei bis vier Preßprozesse auf dem Halse haben, jeden Tag eingesperrt werden und dann nach Geld wie der Hirsch nach frischem Wasser schreien kann. Aber es galt, unter allen Umständen dies _Fort_ zu behaupten und die politische Stellung nicht aufzugeben.
Das beste – nachdem Du die Geldangelegenheiten in Lausanne geordnet – ist, nach Bern zu gehen und Deinen angegebenen Plan auszuführen. Du kannst außerdem schreiben, worüber Du willst. Deine Briefe kommen immer zeitig genug.
Daß ich einen Augenblick Dich im Stiche hätte lassen können, ist reine Phantasie. Du verbleibst stets mein Intimus, wie ich hoffentlich der Deine.
K. Marx.
34
Köln, 29. November 1848.
Lieber Engels!
Die Zeitungen sind Dir geschickt. Wenn es nicht früher geschah, so liegt die Schuld rein an dem Esel Korff, der bei meiner Überbeschäftigung, die noch durch beständige Erscheinungsbefehle vermehrt wird, bisher meine Orders nicht ausgeführt hatte. Einstweilen bleibe in Bern. Sobald Du kommen kannst, schreibe ich Dir. Siegle Deine Briefe besser zu. Einer war aufgebrochen, wie ich in der Zeitung (natürlich Dich nicht nennend) angezeigt.
Schreibe ausführlich über _Proudhon_, und da Du guter Geograph bist, über die ungarische Sauce (den Völkerbienenschwarm). Vergiß mich bei Proudhon nicht, da unsere Artikel jetzt in sehr viele französische Blätter übergehen.
Schreibe auch gegen die Föderativrepublik, wozu die Schweiz beste Gelegenheit bietet.
K. Heinzen hat seinen alten Schund gegen uns veröffentlicht.
Unser Blatt bewegte sich immer auf dem Stande der Emeute, umschifft aber trotz allen Erscheinungsbefehlen den _code pénal_.[1] Es ist jetzt sehr _en vogue_.[2] Wir erlassen auch täglich Plakate. _La révolution marche._[3] Schreibe fleißig.
Ich hoffe Dich bald wiederzusehen.
Dein Marx.
[1] Strafgesetzbuch [das heißt das ehemalige rheinische Strafgesetz].
[2] In Mode.
[3] Die Revolution marschiert vorwärts.
35
Bern, 28. Dezember 1848.
Lieber Marx!
Wie ist’s? Kann ich jetzt nach G[rüns] und A[nnekes] Freisprechung noch nicht bald zurück? Die preußischen Hunde müssen jetzt doch bald die Lust verlieren, sich mit den Geschworenen einzulassen. Wie gesagt, wenn genügender Grund vorhanden, daß kein Untersuchungsarrest zu befürchten, komm’ ich sofort. Nachher können sie meinetwegen mich vor 10 000 Jurys stellen, aber im Untersuchungsarrest kann man nicht rauchen, und da geh’ ich nicht hinein.
Die ganze Septembergeschichte zerfällt ja ohnehin in Nichts. Einer nach dem anderen kommt wieder. Also schreibe.
Apropos, gegen Mitte Januar wäre mir einiges Geld sehr erwünscht. Bis dahin kommt Euch ja eine Masse ein.
Dein E.
1849
36
Bern, 7. Januar 1849.
Lieber Marx!
Nachdem ich mich jetzt während mehrerer Wochen sündhaften Lebenswandels von meinen Strapazen und Aventüren erholt habe, fühle ich erstens das Bedürfnis, wieder zu arbeiten (wovon der beiliegende magyaro-slawische Artikel ein schlagender Beweis), und zweitens das Bedürfnis nach Geld. Letzteres ist das dringendste, und wenn Ihr bei Ankunft dieses mir noch nichts geschickt haben solltet, so tut es doch gleich, denn ich bin seit mehreren Tagen _sans le sou_,[1] und Pump ist in dieser lausigen Stadt keiner.
Wenn in dieser lausigen Schweiz nur irgend etwas vorfiele, um drüber schreiben zu können. Aber lauter Lokaldreck der lausigsten Art. Ein paar allgemeine Artikel drüber schick’ ich indes bald. Wenn ich noch lange im Ausland bleiben muß, so gehe ich nach Lugano, besonders wenn in Italien etwas losgeht, wie es den Anschein hat.
Aber ich denke immer, ich kann bald zurück. Dies faule Hocken im Ausland, wo man doch nichts Ordentliches tun kann und ganz außer der Bewegung steht, ist scheußlich unerträglich. Ich komme bald zu der Einsicht, daß es selbst im Untersuchungsarrest in Köln besser ist als in der freien Schweiz. Schreibe mir doch, ob denn gar keine Chance vorhanden, daß ich ebenso günstig behandelt werde wie Bürgers, Becker usw. usw.
Raveaux hat recht: selbst in dem oktroyierten Preußen ist man freier als in der freien Schweiz. Jeder Spießbürger ist hier zugleich Mouchard und Assommeur.[2] Davon habe ich in der Neujahrsnacht ein Exempel gesehen.
Wer Teufel hat neulich den langweiligen sittlich-religiösen Artikel aus Heidelberg über den Märzverein in die Zeitung gesetzt? Daß Henricus von Zeit zu Zeit einen Artikel aushaucht, habe ich ebenfalls mit Vergnügen bemerkt an dem Seufzer über das Ladenbergsche Zirkular, der sich durch zwei Nummern hinzieht.
Unsere Zeitung wird jetzt in der Schweiz sehr häufig zitiert; die Berner Zeitung nimmt viel und die Nationalzeitung, und dann geht das die Runde durch alle Blätter. Auch in den Schweizer französischen Blättern wird sie, nach dem National usw. usw., viel zitiert, mehr als die Kölnische.
Die Annonce werdet ihr aufgenommen haben. Beiliegend ein Abdruck der unsrigen in der Berner Zeitung. Grüße die ganze Gesellschaft.
Dein E.
Gestern zu spät zur Post. Heute also noch die Bemerkung, daß die Neue Rheinische Zeitung seit dem 5. Januar hier _nicht mehr eingetroffen_ ist. Sieh doch nach, ob sie regelmäßig abgeschickt. Ich habe mich erkundigt, mit dem Abonnieren ist’s nichts. Ich müßte auf ein halbes Jahr abonnieren; so lange bleibe ich nicht und habe auch kein Geld. Wie gesagt, es ist wichtig, das sie herkommt, nicht bloß meinetwegen, sondern auch hauptsächlich, weil die uns günstige, von einem Kommunisten redigierte Berner Zeitung alles tut, um sie hier _en vogue_[3] zu bringen.
[1] Ohne einen Pfennig.
[2] Spitzel und Totschläger.
[3] In Mode.
37
Hamburg, 23. April 1849. Adresse: Kaufmann Rohde, Bleichenbrücke. (Unter Kuvert.)
Lieber Engels!
Dein Brief hat mich erst heute getroffen, da ich Bremen schon Mittwoch morgen verließ. In Bremen nichts. Rösing hat vor einem Jahre bankrott gemacht und lebt nur noch von den Zinsen des seiner Frau verbliebenen Kapitals. Also nichts.
Dagegen werde ich hier sicher loseisen.
Was die Unterschrift betrifft, kann _Werres_ nicht unterzeichnen?
Was die einstweiligen Geldmittel betrifft, solange ich abwesend bin, so ist folgendes zu bemerken: Plochmann hat mir vor meiner Abreise in die Hand versprochen, jeden nötigen Vorschuß zu machen. Möglich, daß St. Naut aus Gewissenhaftigkeit keine Zuflucht zu dieser Quelle nimmt. Wenn es nötig ist, tue _es selbst_.
Die Zeitung ist diese Woche durch sehr mager, was mit meiner jetzigen Mission schlecht klappt.
Grüße meine Frau herzlich von mir und die anderen.
Schreibe jedenfalls umgehend und laßt den Kopf nicht sinken. _Les choses marcheront._[1]
Dein K. Marx.
[1] Die Dinge werden vorwärts gehen.
38
Schreibe mir unter der Adresse: M. Ramboz, 45 Rue de Lille.
Paris, 45 Rue de Lille, 7. Juni 1849.
Lieber Engels!
Ich schreibe Dir in diesem Briefe wenig ausführlich. Erst sollst Du mir antworten, ob er _unversehrt_ angekommen ist. Ich glaube, daß die Briefe wieder _con amore_[1] erbrochen werden.
Es herrscht hier eine royalistische Reaktion, schamloser als unter Guizot, bloß vergleichbar mit der nach 1815. Paris ist _morne_.[2] Dazu die Cholera, die außerordentlich wütet. Trotzdem stand ein kolossaler Ausbruch des Revolutionskraters nie näher bevor als jetzt zu Paris. Die Details darüber später. Ich komme mit der ganzen revolutionären Partei zusammen und werde in einigen Tagen _sämtliche_ Revolutionsjournale zu meiner Verfügung haben.
Was die hiesigen pfälzisch-badischen Gesandten betrifft, so ist Blind, von einem wirklichen oder vermeintlichen Cholerafall erschreckt, einige Stunden von Paris aufs Land gezogen.
_Quant à_[3] Schütz ist folgendes zu bemerken:
Die provisorische Regierung setzt ihn in eine falsche Position, indem sie ihm keine Berichte schickt. Die Franzosen verlangen _des faits_,[4] und wo soll er sie hernehmen, wenn ihm kein Teufel schreibt? Es müssen ihm möglichst oft Depeschen zukommen. Es ist klar, daß er in diesem Augenblick nichts ausrichten kann. Das einzig Erreichbare ist, der pr[eußischen] Regierung Sand in die Augen zu streuen, indem man ihm möglich macht, häufig mit den Chefs der Montagnards[5] zusammenzukommen.
Daß er im übrigen wenig erfährt, versteht sich von selbst, da er nur mit einigen _offiziellen_ Montagnards zusammenkommt. Ich werde ihn übrigens immer _au courant_[6] halten.
Meinerseits muß ich verlangen, daß Du mir wenigstens zweimal die Woche regelmäßig und jedesmal, so oft etwas Wichtiges vorfällt, sofort schreibst.