Der Briefwechsel zwischen Friedrich Engels und Karl Marx 1844 bis 1883, Erster Band
Part 11
[6] Nicht ich habe es gefunden, ganz im Gegenteil, der Artikel hat mir sehr gefallen, und ich weiß wirklich nicht, was ... aber schließlich (mit usw.) das hatte er mir gesagt.
[7] Im höchsten Grade.
[8] Im allgemeinen.
[9] Zeilenreißer [Journalisten, die nach der Zeile bezahlt werden].
[10] Empiriker [Mensch, der sich an die platte Erfahrung hält].
[11] Er ist bestenfalls ein Mensch, der den guten Willen hat.
[12] Von ihm aus.
[13] Wie das [Wahlreform-]Bankett von Lille beweist.
[14] Wenn dies der Fall.
[15] Jahrestag.
[16] Brüderlich.
[17] Brüderliche [Demokraten].
22
24. November 1847.
Lieber Marx!
Erst heute abend hat sich’s entschieden, daß ich komme. Also Samstag abend in Ostende, Hotel de la Couronne, gleich der Eisenbahnstation gegenüber am Bassin, _and Sunday Morning across the water_[1]. Wenn Ihr mit dem Zuge kommt, der zwischen 4 und 5 fährt, werdet Ihr ungefähr zu gleicher Zeit mit mir ankommen.
Sollte Sonntags wider Erwarten kein Postdampfschiff nach Dover fahren, so schreibe mir’s umgehend. Das heißt, da Du diesen Brief Donnerstag morgen bekommst, mußt Du Dich gleich erkundigen und, falls zu schreiben ist, den Brief noch denselben Abend – ich glaube vor 5 Uhr – auf die große Post besorgen. Hast Du also an dem Rendezvous etwas zu ändern, so ist noch Zeit. Habe ich Freitag morgen keinen Brief, so rechne ich darauf, Dich und Tedesco Samstag abend in der Couronne zu treffen. Es bleibt uns dann Zeit genug, uns zu besprechen; dieser Kongreß muß entscheidend sein, _as this time we shall have it all our own way_[2].
Ich habe schon lange absolut nicht begreifen können, warum Du dem Moses seinen Klatsch nicht untersagt hast. Hier richtet mir das eine Teufelskonfusion und die langwierigsten Gegenreden bei den Arbeitern an. Ganze Kreissitzungen sind darüber verloren gegangen, und in den Gemeinden ist nicht einmal gegen diesen „flauen“ Kohl durchzugreifen möglich, namentlich vor der Wahl war daran nicht zu denken.
Den Louis Blanc denke ich morgen noch zu treffen. Wo nicht, sehe ich ihn übermorgen jedenfalls. Kann ich nicht schon am Fuße etwas mitteilen, so hörst Du das Weitere Samstag.
Übrigens hatte der Reinhardt mir dummes Zeug gesagt über die Anzahl der verkauften Exemplare – nicht 37, sondern 96 waren heute vor acht Tagen verkauft. An demselben Tage noch habe ich dem Louis Blanc Dein Buch selbst hingebracht. Alle Exemplare waren besorgt, nur Lamartine (nicht hier), Louis Blanc und Vidal nicht, dessen Adresse nicht zu finden. Ich hab’s auf die Presse bringen lassen. – Übrigens ist die Besorgung bei dem Frank wirklich schauderhaft gewesen.
Sorge wenigstens, daß Moses während unserer Abwesenheit keinen Unsinn macht! Also _au revoir_![3]
Dein E.
Dienstag abends. Überlege Dir doch das Glaubensbekenntnis etwas. Ich glaube, wir tun am besten, wir lassen die Katechismusform weg und titulieren das Ding: Kommunistisches _Manifest_. Da darin mehr oder weniger Geschichte erzählt werden muß, paßt die bisherige Form gar nicht. Ich bringe das hiesige mit, das ich gemacht habe, es ist einfach erzählend, aber miserabel redigiert, in fürchterlicher Eile. Ich fange an: Was ist der Kommunismus? und dann gleich das Proletariat – Entstehungsgeschichte, Unterschied von früheren Arbeitern, Entwicklung des Gegensatzes des Proletariats und der Bourgeoisie, Krisen, Folgerungen. Dazwischen allerlei Nebensachen und schließlich die Parteipolitik der Kommunisten, soweit sie vors Publikum gehört. Das hiesige ist noch nicht ganz zur Bestätigung vorgelegt, aber ich denke, bis auf einige ganz kleine Kleinigkeiten, es so durchzusetzen, daß wenigstens nichts gegen unsere Ansichten drin steht.
Mittwoch morgen. Soeben erhalte ich Deinen in obigem beantworteten Brief. Bei Louis Blanc war ich. Mit dem habe ich merkwürdiges Pech – _il est en voyage; il reviendra _peut-être_ aujourd’hui_.[4] Morgen und nötigenfalls übermorgen gehe ich wieder hin. – Freitag abend kann ich noch nicht in Ostende sein, weil das Geld erst bis Freitag zusammenkommt.
Dein Vetter Philipps war heute morgen bei mir.
Der Born wird die Rede ganz gut machen, wenn Du ihn etwas einpaukst. Es ist gut, daß die Deutschen durch einen Arbeiter repräsentiert sind. Aber dem Lupus muß die übertriebene Bescheidenheit absolut ausgetrieben werden. Der brave Kerl ist einer der Wenigen, die man in den Vordergrund _poussieren_ muß. Weerth um Gottes willen nicht als Repräsentanten! Einer, der immer zu faul war, bis ihn der Kongreß-_succès d’un jour_[5] hineinlancierte! Und der obendrein noch _an independent member_[6] sein will. _Il faut le retenir dans sa sphère._[7]
[1] Und Sonntag morgen [geht es] übers Wasser.
[2] Da wir es diesmals ganz nach unserem Willen haben werden.
[3] Auf Wiedersehen.
[4] Er ist auf Reisen, er wird _vielleicht_ heute zurückkommen.
[5] Erfolg eines Tages.
[6] Ein unabhängiges Mitglied.
[7] Man muß ihn in seiner Sphäre zurückhalten.
23
Paris, Freitag abend, 26. November 1847.
Lieber Marx!
Endlich bin ich des Louis Blanc habhaft geworden und zugleich des Grundes, weshalb ich ihn nie fassen konnte. _Écoute plutôt – ce petit grand Seigneur littéraire ne reçoit que les jeudis! et encore l’après-midi seulement._[1] Was er mir nie zu wissen getan hatte, weder direkt noch durch seinen Portier. Natürlich waren eine Masse Esel bei ihm, unter anderen Ramon de la Sagra, der mir eine Broschüre gab, welche beifolgt. Ich habe sie noch nicht gelesen. Schließlich konnte ich indes noch ein paar Minuten mit ihm über unsere Angelegenheit sprechen. Er gestand zögernd, er habe noch nicht die Zeit gehabt, Dein Buch zu lesen .... _Je l’ai feuilleté et j’ai vu que M. Proudhon y est assez vivement attaqué .... Eh bien_, frug ich, _alors serez vous en mesure de faire l’article pour la Réforme que vous m’aviez promis? – Un article, ah, mon Dieu, non, je suis si obsédé par mes éditeurs – mais voilà ce qu’il faut faire: faites l’article vous-même et je le ferai passer à la Réforme._[2] Das wurde denn abgemacht. _Au fond_[3] verlierst Du nichts dabei. Wenigstens werd’ ich unsere Ansichten richtiger darstellen, als er es getan haben würde. Ich werde sie direkt mit den seinigen in Parallele stellen – das ist alles, was durchzubringen ist, die Konklusion _gegen_ die Réforme kann man natürlich nicht in der Réforme selbst ziehen. Ich mache ihn gleich.
Warum hast Du dem Bornstedt nicht gesagt, _er_ soll _nicht_ an die Réforme wegen Deiner Geschichte schreiben? Mein Artikel war fertig, als dem Bornstedt seiner in der Réforme zugleich mit den Chartistengeschichten erschien, aus deren Abdruck ich gewartet hatte, um ihn hinzubringen. Er war bedeutend länger als die kurze Notiz, wo noch dazu Dein Name entstellt [ist]. Ich hab’s dem Flocon gesagt, er soll den Druckfehler ändern, gestern hat er’s nicht getan, und heute habe ich die Réforme nicht gesehen. Das macht auch wenig. Wenn Deine [Freihandels-]Rede erscheint, schicke mir gleich vier bis fünf Exemplare für die Réforme, Louis Blanc, de la Sagra (für die Démocratie pacifique), usw. usw. Ich kann jetzt einen längeren Artikel daraus machen, da die Notiz so schimpflich kurz.
Was den Louis Blanc angeht, so verdient der gezüchtigt zu werden. Schreibe eine Kritik seiner Revolution für die Deutsche Brüsseler Zeitung und weise ihm praktisch nach, wie sehr wir über ihm stehen; freundschaftlich in der Form, aber unsere Superiorität entschieden festhaltend im Inhalt. _On lui fera parvenir cela._[4] Man muß dem kleinen Sultan etwas bange machen. Die theoretische Seite ist leider Gottes einstweilen unsere einzige _force_[5], aber das gilt bei diesen Lanzenbrethern von der _science sociale_[6], von der _loi de la production suffisante_[7] usw. viel. Gottvoll mit ihrem Jagen nach dieser unbekannten _loi_ sind die Kerls. Sie wollen ein Gesetz finden, womit sie die Produktion verzehnfachen. Sie suchen, wie der Fuhrmann der Fabel, den Herkules, der ihnen den sozialen Karren aus dem Dreck holen soll. Der Herkules liegt in ihren eigenen Armen. Die _loi de la production suffisante_[8] besteht darin, daß man _suffisamment_[9] produziert. Können sie das nicht, [Lücke] ... hilft ihnen kein Zauberspruch. Die _breveté_ ...[10] [Lücke] den Erfinder tun mehr für die _production suffisante_ als der ganze Louis Blanc mit seinem tiefsinnigen, überfliegenden Trachten nach _la science_[11].
Dem Bernays hatte ich auf sein Letztes einen sehr ironischen Brief geschrieben und bedauert, daß seine Unparteilichkeit mir den letzten Trost raube, den, eine verkannte schöne Seele zu sein – _à la_ Praslin. Mit schmerzlichem Blick nach oben schickt er mir dies Billet zurück und bemerkt, hiermit habe unsere Korrespondenz ihr Ende erreicht. _Sela._
Sonst nichts Neues. Schreibe bald.
Dein E.
[1] Höre nur – dieser kleine große Herr empfängt nur Donnerstags, und auch dann nur am Nachmittag.
[2] „Ich habe es durchblättert und habe gesehen, daß Herr Proudhon da ziemlich scharf angegriffen wird.“ ... Nun wohl, frug ich, werden Sie also in der Lage sein, den Artikel für die Réforme zu schreiben, den Sie mir versprochen hatten? – Einen Artikel? Ach, mein Gott, ich werde so von meinen Verlegern belagert – aber halt, das ist zu machen: schreiben Sie den Artikel selbst, und ich werde ihn in die Réforme bringen.
[3] Im Grunde.
[4] Man wird ihm das zukommen lassen.
[5] Stärke.
[6] Sozialwissenschaft.
[7] [und]
[8] Gesetz der ausreichenden Produktion.
[9] Ausreichend.
[10] Patent.
[11] Wissenschaft.
1848
24
Paris, 14. Januar 1848.
Lieber Marx!
Wenn ich Dir nicht geschrieben habe, so lag das daran, daß ich bis heute den verfluchten Louis Blanc noch immer nicht zu fassen kriegen konnte. _Décidément il y met de la mauvaise volonté._[1] Aber ich packe ihn doch – ich gehe alle Tage hin oder laure ihm im Café auf. Mit _père_[2] Flocon dagegen ist was zu machen. Er ist entzückt über die Manier, wie die Brüsseler Zeitung und der Northern Star die Réforme gegen den National verteidigt haben. Selbst die _blâme_[3] gegen Louis Blanc und Ledru-Rollin haben ihn nicht irre gemacht; ebensowenig meine Erklärung, wir hätten uns jetzt in London entschieden, öffentlich als Kommunisten aufzutreten. Er machte natürlich schöne Sachen geltend: _Vous tendez au despotisme, vous tuerez la révolution en France, nous avons onze millions de petits paysans qui sont en même temps les propriétaires les plus enragés etc. etc._,[4] obwohl er auch auf die Bauern schimpfte, aber _enfin, dit-il, nos principes sont trop rapprochés les uns des autres pour que nous ne devions pas marcher ensemble; quant à nous nous vous appuierons autant que sera dans notre pouvior etc._[5]
* * * * *
Heine ist am Kaputtgehen. Vor vierzehn Tagen war ich bei ihm, da lag er im Bett und hatte einen Nervenanfall gehabt, gestern war er auf, aber höchst elend. Er kann kaum drei Schritte mehr gehen, er schleicht, an den Mauern sich stützend, vom Fauteuil bis ans Bett und _vice versa_.[6] Dazu Lärm in seinem Hause, der ihn verrückt macht, Schreinern, Hämmern usw. Geistig ist er auch etwas ermattet. Heinzen wollte zu ihm, wurde aber nicht vorgelassen.
Bei Herwegh war ich auch gestern. Hat nebst Familie die Grippe und viel Besuch von alten Weibern. Er sagte mir, daß der zweite Band von Louis Blanc ganz verdunkelt werde durch den enormen Sukzeß von Michelets zweitem Band. Ich habe beide noch nicht gelesen, weil ich wegen Geldmangel mich nicht im Lesekabinett abonnieren konnte. Übrigens ist der Micheletsche Sukzeß nur durch seine Suspension und seine Bürgerlichkeit zu erklären.
Mit dem B[und] geht’s hier miserabel. Solche Schlafmützigkeit und kleinliche Eifersucht der Kerls untereinander ist mir nie vorgekommen. Die Weitlingerei und Proudhonisterei sind wirklich der kompletteste Ausdruck der Lebensverhältnisse dieser Esel, und daher ist nichts zu machen. Die einen sind echte Straubinger, alternde Knoten, die anderen angehende Kleinbürger. Eine Klasse, die davon lebt, daß sie wie Irländer den Franzosen den Lohn drückt, ist total unbrauchbar. Ich mache jetzt noch einen letzten Versuch, _si cela ne réussit pas, je me retire de cette espèce de propagande_[7]. Hoffentlich kommen die Londoner Papiere bald und werden die Geschichte wieder etwas beleben; ich werde dann den Moment benutzen. Da die Kerle bis jetzt gar kein Resultat des Kongresses sehen, werden sie natürlich vollends schlapp. Ich bin mit einigen neuen Arbeitern, die mir Stumpf und Neubeck zugeführt, in Verbindung, es ist aber nicht zu sagen, was daraus zu machen ist.
Sage dem Bornstedt: 1. Er soll mit seinen Abonnements bei den hiesigen Arbeitern nicht mit so geschäftsmäßiger Strenge auftreten, sonst verliert er sie alle; 2. der Agent, den ihm der Moses verschafft, ist ein lamentierender Schlappschwanz und sehr eitel, aber der einzige, der sich noch damit befassen will und kann, er soll ihn also nicht froissieren [abstoßen], der Kerl hat sich auch geplagt, aber er kann kein Geld zusetzen, was er übrigens _schon getan_ hat. Er muß aus dem Geld, das ihm einkommt, doch die Kosten decken, die ihm die Korrespondenz usw. machte; 3. wenn er einzelne Nummern herschickt, nie mehr als 10 bis 15 von einer Nummer höchstens, und zwar _durch Gelegenheit_. Die Pakete [Lücke] ... das Ministerium Duchâtel, wo sie mit Zeitverlust geholt werden müssen, und wo das Ministerium einen furchtbaren Portoaufschlag erhebt, um diesen Commerce zu ruinieren. So ein Paket kostet 6 bis 8 Franken, und was ist da zu machen, wenn es gefordert wird? Esselenz in Lüttich wollte einen _garde de convoi_[8] stellen, der das besorgte; schreib doch nach Lüttich, daß das eingerichtet wird; 4. die Nummern, die noch hier waren, sind durch Gelegenheit nach Süddeutschland geschickt. Wenn sich Gelegenheit bietet, so soll Bornstedt noch einige neue Nummern herschicken, um Propaganda in Cafés usw. zu machen. 5. Wird Bornstedt dieser Tage einen Artikel und die Geschichte über die preußischen Finanzen erhalten. Du mußt aber das wegen der Ausschüsse von 1843 nochmals durchsehen und das Nötige ändern, da es aus sehr wüster Erinnerung aufgeschrieben ist.
Wenn die Geschichte mit Mosi dahin führt, daß Du ihn in der Brüsseler Zeitung attackierst, so soll sie mich sehr freuen. Wie der Kerl noch in Brüssel bleibt, ist mir unbegreiflich. _En voilà encore une occasion pour l’exiler à Verviers._[9] Das mit der Réforme soll besorgt werden.
Dein E.
Nach dem Ausbruch der Februarrevolution glaubte die belgische Regierung im Interesse der öffentlichen Ordnung Marx und Wilhelm Wolff aus Belgien ausweisen zu müssen. Bei dieser Gelegenheit wurden Marx und seine Frau widerrechtlich verhaftet und für eine Nacht ins Gefängnis gesperrt. Die Entrüstung darüber war in Brüssel sehr groß, so daß der Munizipalrat den Polizeikommissar, der die Verhaftung angeordnet hatte, absetzte. Im Briefe Nr. 25 berichtet Engels über den Verlauf der Affäre. Marx ging nach Paris, Engels von Paris nach Brüssel.
[1] Entschieden, er handelt da mit bösem Willen.
[2] Vater.
[3] Tadel.
[4] Ihr neigt zum Despotismus, ihr werdet die Revolution in Frankreich töten; wir haben elf Millionen Kleinbauern, die zugleich die fanatischsten Eigentümer sind usw. usw.
[5] Schließlich, sagt er, sind unsere Prinzipien einander zu nahe verwandt, als daß wir nicht zusammengehen sollten. Was uns anbetrifft, so werden wir euch soviel in unseren Kräften steht unterstützen.
[6] Umgekehrt, wieder zurück.
[7] Wenn das nicht glückt, ziehe ich mich von dieser Art Propaganda zurück.
[8] Zugführer (im Eisenbahndienst).
[9] Das ist noch ein Anlaß, ihn nach Verviers zu exilieren.
25
[Aus Brüssel]
13 Rue neuve, Chaussée du Louvain, 9. März 1848.
Lieber Marx!
Ich hoffe morgen einen Brief von Dir zu haben.
Hier ist alles ruhig. Sonntag abend hat Jottrand die Geschichte mit Dir und Deiner Frau in der Association Démocratique erzählt. Ich kam zu spät, um sie anzuhören, und hörte bloß noch einige wütende flämische Bemerkungen von Pellering. Auch Gigot sprach und kam darauf zurück. In die Emancipation brachte Lubliner einen Artikel deswegen. Die Advokaten hier sind wütend, Maynz will, man soll die Sache gerichtlich verfolgen und Du sollst Dich als _Partie civile_[1] konstituieren, wegen der Domizilverletzung usw. usw. Auch Gigot soll klagen. Es wäre sehr gut, wenn man’s täte, obwohl die Regierung hat sagen lassen, man würde den Kerl absetzen. Castiau ist gestern von Maynz mit den nötigen Akten versehen worden, um deswegen zu interpellieren, ich denke morgen oder übermorgen kommt’s vor. Die Sache hat große Sensation gemacht und sehr geholfen, den Deutschenhaß zu besänftigen.
Lupus ist vorigen Sonntag 11 Uhr morgens auf die Eisenbahn gebracht und nach Valenciennes besorgt, von wo aus er geschrieben und wo er noch sein wird. Er war vor keinem Tribunal. Man hat ihn nicht einmal zu [am] Hause vorbeigeführt, um seine Sachen zu nehmen! – Mir hat man nichts getan. Nach Redensarten, die die Kerls haben fallen lassen, scheuen sie sich, mich auszuweisen, weil sie mir damals einen Paß gegeben haben, was man gegen sie geltend machen könnte.
Die Geschichte in Köln ist unangenehm. Die drei besten Leute sitzen. Ich habe einen aktiven Teilnehmer an der Geschichte gesprochen. Sie wollten losschlagen, aber statt sich mit Waffen zu versehen, die leicht zu haben waren, gingen sie vors Rathaus, unbewaffnet, und ließen sich zernieren. Es wird behauptet, daß der größte Teil der Truppen für sie war. Die Sache war unvernünftig dumm angefangen; wenn die Berichte des Kerls richtig sind, so hätten sie ruhig losschlagen können und wären in zwei Stunden fertig gewesen. Aber schrecklich dumm war alles angelegt.
Unsere _alten_ Freunde in Köln scheinen sich sehr zurückgehalten zu haben, obwohl sie mit beschlossen hatten loszubrechen. Der kleine D’E[ster], D[aniels], B. [?], waren einen Augenblick da, gingen aber gleich wieder fort, obwohl der kleine Dr. im Stadtrat grade nötig war.
Die Nachrichten aus Deutschland sind sonst famos. In Nassau eine vollendete Revolution, in München die Studenten, Maler und Arbeiter in voller Insurrektion, in Kassel die Revolution vor der Tür, in Berlin grenzenlose Angst und Zaudern, in ganz Westdeutschland Preßfreiheit und Nationalgarde proklamiert; vorderhand ist das genug.
Wenn doch der F. W. IV.[2] sich starrköpfig hielte! Dann ist alles gewonnen, und wir haben in ein paar Monaten die deutsche Revolution. Wenn er nur an seinen feudalen Formen hielte! Aber der Teufel weiß, was dies launige und verrückte Individuum tun wird.
In Köln ist die ganze kleine Bourgeoisie für Anschluß an die französische Republik; die 1797er Erinnerungen herrschen augenblicklich vor.
Tedesco sitzt noch immer. Ich weiß nicht, wann er vor Gericht kommen wird.
Wegen Deiner Geschichte ist ein fulminanter Artikel an den Northern Star abgegangen.
Sonntag abend in der Sitzung der demokratischen Gesellschaft merkwürdige Ruhe. Eine Petition an die Kammern beschlossen wegen sofortiger Auflösung und neuer Wahlen nach dem neuen Zensus. Die Regierung will nicht auflösen, aber sie wird müssen. Morgen abend wird die Petition angenommen und _séance tenante_[3] gezeichnet werden. Die Jottrand-Petition an den Bürgermeister und Stadtrat hat eine sehr höflich ablehnende Antwort erhalten.
Von der Ruhe, die hier herrscht, hast Du keinen Begriff. Gestern abend Karneval, ganz wie sonst; von der französischen Republik ist kaum noch die Rede. Die französischen Blätter erhält man in den Cafés fast ohne Schwierigkeiten und Warten. Wenn man nicht wüßte, daß sie _müssen_, _tant bien que mal_,[4] so sollte man glauben, hier sei alles aus.
Jottrand hat Sonntag – in seiner Wut über Deine Verfolgung – eine recht gute Rede gehalten; die _sévices_[5] des Rogier haben ihn dahin gebracht, den Klassengegensatz anzuerkennen. Er schimpfte sehr auf die großen Bourgeois und ließ sich in – allerdings ziemlich platte und illusorische, aber doch ökonomische Detail ... [Lücke], um der kleinen Bourgeoisie zu beweisen, daß ... [Lücke] wohlbezahlte und viel konsumierende Arbeiterklasse in einer Republik bessere Kunden für sie seien als ein Hof und eine wenig zahlreiche Aristokratie. Ganz _à la_ O’Connor. – Die Zeit ist vorbei, diesen Brief auf die Post zu geben – ich schließe morgen.
_Donnerstag._ Nichts Neues – Deinen Artikel habe ich in der Réforme gesehen – in England ist ja auch Krawall, _tant mieux_.[6] Wenn Du bei Ankunft dieses noch nicht geschrieben haben solltest, so schreibe mir doch gleich. Eben kommt aus lauter Ironie meine Bagage von Paris an – kostet mich 50 Franken mit Zoll usw. Der Polizeikommissar-Adjoint, der zu Dir kam, soll schon abgesetzt sein. Die Geschichte hat hier bei den Kleinbürgern große Entrüstung gesetzt.
Adieu!
Dein Engels.
[1] Zivilkläger.
[2] Friedrich Wilhelm IV.
[3] Während der Sitzung.
[4] Wohl oder übel.
[5] Gewalttätigkeiten des [Ministers] Rogier.
[6] Um so besser.
26
Paris, 10 Rue neuve Ménilmontant (Boulevard Beaumarchais). Anfang März 1848.
Lieber Engels!
Laß Dir von Breyer die 100 _Franken_ zahlen, die er mir hoch und teuer versprach, in einer Woche wiederzugeben, von Gigot 30, von Heß 10. Ich hoffe, daß Breyer in diesem Augenblick sein Versprechen halten wird.
Maynz wird den Wechsel bei Cassel von 114 Franken einlösen und Dir auszahlen. Diese verschiedenen Summen nimm zusammen und verbrauche sie. Auf der Réforme sprach man freundlich von Dir. Flocon ist krank, ich habe ihn noch nicht gesehen. Das von Seiler ausgebreitete Gerücht ist unter den Deutschen allgemein zirkulierend. Allard ist bis jetzt noch nicht von der Revolution beiseite geschoben. Ich rate Dir, herzukommen.
Zentralbehörde ist hier konstituiert worden, da Jones, Harney, Schapper, Bauer, Moll sich hier befinden. Man hat mich zum Präsidenten und Schapper zum Sekretär ernannt. Mitglieder sind: Wallau, Lupus, Moll, Bauer und Engels.
Jones ist gestern nach England abgereist. Harney ist krank.
_Salut!_
Dein K. M.
27
[Brüssel, erste Hälfte März 1848.]
Lieber Marx!
Ich werde Deine Sachen besorgen.
Schreibe ein paar Zeilen an M. Victor Faider, _avocat_, entweder direkt oder durch Einlage an Bloß: wodurch Du ihm dankst für die Schritte, die er in Deinem und Deiner Frau Interesse getan hat, und ihn autorisierst, fernere Schritte zu tun. Faider, der sich plötzlich als eifriger Republikaner herausgebissen hat, hat sich nämlich zu Deinem Verteidiger konstituiert und wird dem Moniteur Belge als solcher antworten und die Sache betreiben. Er hofft, Du werdest ihn nicht desavouieren, und damit er entschieden auftreten kann, ist es gut, daß er das Blättchen von Dir bekommt. Es ist besser, daß ein Belgier die Sache betreibt, als wenn Maynz es tut, und da er sich dazu angeboten hat, so wird er seine Sache auch wohl ordentlich machen.
Die _Feuille de Route_[1] schicke doch ja. Das Ding ist sehr wünschenswert; Maynz fragt mich alle Tage danach.
Tedesco ist frei und gleich nach Lüttich fort, ohne einen Menschen zu sehen. Esselenz war einige Tage hier, aber er hatte ihn nicht gesehen.
Hier herrscht eine Finanz-, Börsen-, Industrie- und Handelskrisis ohnegleichen. Der Commerce jammert arbeitslos auf dem Café Suisse herum, die Herren Kauwerz, Laufs und Konsorten schleichen umher wie bepißte Pudel, die Arbeiter haben Rassemblements[2] gemacht und petitioniert; große Brotnot allgemein. Bares Geld nirgends zu haben, und dabei ein _emprunt forcé_[3] von 60 Millionen! Sie kriegen hier die Republik durch die Börse aufgedrängt.